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Full text of "Jahrbuch des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts"

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Jahrbuch 

des 
kaiserlich deutschen 

Archäologischen Instituts 



Band vi 

i89i 



MIT DEM BEIBLATT ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER 



BERLIN 

DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER 

1892 




lliioit 



Inhalt 



Seite 

O. Bie Zur Geschichte des Haus-Peristyls i 

A. Brückner Zur Lekythos Tafel 4 197 

F. Duemmler Zu den Vasen aus Kameiros. Mit drei Abbildungen im 

Text 263 

R. Engelmann Das Homerische Pempobolon. Mit drei Abbildungen im 

Text (Vgl. Anzeiger S. 192) 173 

R. Förster Laokoon-Denkmäler und -Inschriften. Mit Tafel 3 und 4 und 

fünfzehn Abbildungen im Text 177 

V/M. Frank el Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon 

(Vgl. Anzeiger S. 93) 49 

A. Furtwängler Zum Ostgiebel von Olympia. Mit einer Abbildung im 

Text j6 

„ Zu den Köpfen der griechischen Kohlenbecken 110 

B. Graef Bruchstücke einer Schale von der Akropolis. Mit Tafel 1 und 

einer Abbildung im Text 43 

P. Hartwig Zwei Schalenbilder des Epiktet. Mit Tafel 5 und zwei Ab- 
bildungen im Text 250 

A. Michaelis Römische Skizzenbücher Märten van Heemskercks und 

anderer nordischer Künstler des XVI. Jahrhunderts. I. 
Mit neun Abbildungen im Text. II. Mit einer Ab- 
bildung im Text 125. 218 

B. Sauer Der Ostgiebel des Olympischen Zeustempels. Mit vierundzwanzig 

Abbildungen im Text 9. 75 

„ Nachträgliches zum Olympischen Westgiebel. Mit fünf Abbil- 
dungen im Text 88 

F. Studniczka Ein Denkmal des Sieges bei Marathon. Mit drei Ab- 

bildungen im Text 239 

„ Ein Opferbetrug des Hermes. Mit einer Abbildung im 

Text 258 

G. Treu Die neuesten Versuche zur Anordnung des Olympischen Ostgiebels. 

Mit dreizehn Abbildungen im Text 63 

„ Nochmals die Olympischen Giebel (Vgl. Anzeiger S. 93 f. S. 142) 98 
H. Winnefeld Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. Mit zwei 

Abbildungen im Text 201 

F. Winter Polyphem. Mit Tafel 6 und einer Abbildung im Text .... 271 
P. Wolters Tyro. Mit Tafel 2 61 

Tafel 1. Bruchstücke einer Schale von der Akropolis. 

2. Terrakotta aus Tanagra. 

3. Marmorkopf des Museo civico in Bologna. 

4. Attische Lekythos. 

5. Zwei Schalenbilder des Epiktet. 

6. Polyphem. Vase in Richmond. 



Inhalt 



ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER 

Seite 



Jahresbericht über die Thätigkeit des 
Kaiserlich Deutschen Archäologi- 
schen Instituts 63 

Hauptmann Deneke f 161 



Philologen Versammlung 
Gymnasialunterricht und Archäologie 
Sitzungsberichte derArchäologischen 
Gesellschaft zu Berlin. 1890 Dezem- 
ber. 1891 Januar — Dezember. Mit fünf 
Abbildungen ... ... 30. 68. 138. 

Die Sammlung der Abgüsse im Alber- 
tinum zu Dresden (G. Treu). Mit 

zwei Abbildungen 

Erwerbungen der Antiken Sammlungen 
in Deutschland 1890 

I. Berlin (O. Puchstein. A. Furt- 
wängler). Mit vierundzwanzig Ab- 
bildungen 

II. München (W. v. Christ) . . 

III. Dresden (P. Herrmann). Mit zwei 
undzwanzig Abbildungen 

IV. Karlsruhe (K. Schumacher) 
Erwerbungsb erichte der deutschen 

Universitätssammlungen. Bonn (G 
Loeschcke). Mit einundzwanzig Ab 

bildungen 

Neuere Erwerbungen der Antiken- 
sammlungen des Österreichischen 



65 
161 



182 



"5 

163 

164 
169 



14 



Seite 

Kaiserhauses in Wien. 1880 — 1891 
(R. von Schneider). I. Mit elf Abbil- . 

düngen 170 

Die Archäologische Sammlung der 

Wiener Universität (K. Partsch) . 178 
Antiken im Privatbesitz zu Dresden 
(G. Treu). Mit zweiundzwanzig Abbil- 
dungen 20 

Sammlung Herfurth in Leipzig (Th. 

Schreiber). Mit vier Abbildungen . . 27 
Das Wagnersche Kunstinstitut bei der 

Universität WUrzburg 127 

Erwerbungen des British Museum im 

Jahre 1890 131 

Sammlung Rogers 29. 137 

Verzeichnis der in der Formerei der 
Königlichen Skulpturensammlung 
zu Dresden verkäuflichen Gipsab- 
güsse 128 

Gipsmuseum in New -York . . . .137. 182 

Gipsabgüsse aus Rom 182 

Sammlung der verkäuflichen Photo- 
graphien des Instituts in Athen . . 74 
Institutsnachrichten . . . 43. 91. 141. 191 
Zu den Institutsschriften . 44. 92. 142. 192 

Bibliographie 44. 94. 143. 192 

Register 212 



Uul ,D^W 



ZUR GESCHICHTE DES HAUS-PERISTYLS 

Das Peristyl giebt dem hellenischen und dem hellenisicrenden Wohnhause 
seinen Charakter: ein freier Hof mit oder auch ohne Gartenanlagen, umgeben von 
Säulenhallen, bildet es das Centrum des Hauses, von dem die herumliegenden 
Zimmer Licht und Luft empfangen. So tritt es uns fertig in den erhaltenen helle- 
nisierenden Häusern Pompejis entgegen, so beschreibt es Vitruv bei der Schilderung 
des griechischen Wohnhauses (VI 10,1). 

In die Geschichte des Peristyls, wie des ganzen griechischen Hauses ist 
durch die Entdeckung der Palastbauten mykenischer Zeit', wie sie in Tiryns, Mykene, 
Troja und Athen vorläufig vorliegen, ein ungeahntes Licht gefallen; Nissens — da- 
mals noch divinatorischer — Ausspruch ' » aus den Anaktensitzen hat sich der Palast 
der historischen Jahrhunderte entwickelt« sollte in wunderbarer Weise bestätigt 
werden. 

Das tirynthischc Bausystem eröffnet den Blick sowohl auf die vorangehende 
als auf die nachfolgende Entwickelung. Puchstein 2 hat zur Erklärung der merk- 
würdigen Thatsache, dafs bei sonstiger Culturverschiedenheit die Grundrisse der 
peloponnesischen und trojanischen Paläste eine so auffallende Übereinstimmung 
zeigen, drei Möglichkeiten hingestellt: gleiche Entwickelung aus gleichen Bedingungen 
oder gemeinsame Entlehnung eines fremden Bauprinzips oder Übertragung von 
einem Ort auf den andern. Von der ersten Möglichkeit kann aber bei genauerem 
Zusclm keine Rede sein. Denn gerade das tirynthisch-trojanische System unter- 
scheidet sich in wesentlichen Punkten von den nationalen Wohnhaussystemen anderer 
Völker, so z. B. von dem altpergamenischen :i , von dem altgermanischen *, von dem 
altitalischen (Atrium). Diese drei Systeme sind zunächst nicht parataktisch, sondern 
hypotaktisch — d. h. sie erweitern den Hauptsaal nicht durch zugefügten Gruppen- 
bau, sondern durch Unterschiebung mehrerer Räume unter dasselbe Dach. Und sie 
zeigen zweitens im hinteren Teil des Baues — das erste durch die beiden seitlich 
der Exedra gelegenen Schlafräume, das zweite durch den breiten Fleet, das dritte 
durch die alae — eine Breitausdehnung, die dem basilikalcn Prinzip des Megaron ge- 
nau entgegengesetzt ist. Als einziger Vergleichungspunkt bleibt der ambitus, 
welcher das alte Atrium ebenso umgab, wie er das Megaron umgiebt — in späterer 
Zeit weniger wohl aus Rücksichtnahme auf die Wasserableitung als infolge pietät- 
voller Isolirung der parietes, welche nicht commune s, werden sollten. Jene Diffe- 
renzen aber sind so unterscheidend, dafs sie nicht nur eine Heranziehung der fremden 



b 



Bausysteme als Analoga verbieten, sondern dafs diese sogar als geschlossene Gruppe 

') Pompejanische Studien S. 620. '■'•) Nissen a. a. O. S.611. 

-') Archäologischer Anzeiger 1890 S. 66. ') Nissen a. a. Oi S. 612. 

Jahrbuch defl areh&ologischeii Instituts VI. I 



Bie, Zur Geschichte des Haus-Peristyls. 



der Gruppe Tiryns-Troja gegenübertreten. Somit fällt jede Wahrscheinlichkeit für die 
Annahme, aus gleichen Bedingungen sei hier überall eine gleiche Entwickclung 
hervorgegangen. 

Hingegen ist die Ähnlichkeit des Megaronsystems mit dem altägyptischen 
Wohnhausbau so schlagend, dafs an einer Abhängigkeit jenes von diesem nicht ge- 
zweifelt werden kann und dafs es dann ziemlich gleichgiltig bleibt, ob Troja auf 
dem Umwege über Tiryns, wie Puchstein gern möchte, oder direkter sich seine 
Vorbilder zum Palastbau aus Ägypten geholt hat. Es ist nicht nur der Fagadcn- 
bau — soweit giebt Puchstein den ägyptischen Einflufs zu — , der mit seiner Säulen- 
architektur auf die Abhängigkeit hinweist, sondern der ganze Grundrifs 5 . Das 
ägyptische Haus unterscheidet sich hauptsächlich in zwei Punkten vom mesopo- 
tamischen: es betont den umfriedeten, durch ein Thor zugänglichen Vorhof und 
es bringt in der Vorhalle und dem Hauptsaal die Säulenarchitcktur zu reicherer 
Ausbildung. Der chaldäisch-assyrischc Palastbau — im Prinzip 6 säulenlos, wie es 
das landesübliche Lehmmaterial mit sich brachte - gruppirt schon in den ältesten 
uns erhaltenen Beispielen 7 die Räume um einen quadratischen Binnenhof; ver- 
schiedene solcher Complexe vereinigen sich dann parataktisch zum grofsen Königs- 
sitz, ein System, das in dem späteren, aber gut erhaltenen Sargonpalast von Korsa- 
bad ! sich auf seiner höchsten Entwickelungsstufc darstellt. Höchstens in dieser 
Nebenordnung von Herren-, Frauen- und Wirtschaftsräumen läfst sich der tirynther 
Grundrifs mit asiatischen Bauten vergleichen; im Einzelnen folgt er dem ägyptischen 
Hausschema, wie es im Holzstil und dann im Steinstil, im Hause selbst wie im 
hausnachahmenden Grabe sich allmälig herausgebildet hatte' 1 . Man blicke z. B. auf 
das Grabgemälde Perrot-Chipiez-Pietschmann, Ägypten Fig. 256, das uns deutlich 
dieselbe Hauscinteilung vorführt, die in Tiryns vorliegt: durch eine Pforte gelangt 
man in den Vorhof, von diesem in die sich mit Säulen öffnende Vorhalle, die in 
eine vordere und eine hintere Hälfte zerfällt, dann durch die Hauptthür, die — 
wie in Tiryns vorauszusetzen — mit einem Teppich ausgefüllt zu sein scheint, in 
den eigentlichen Saal. Das ist der alte, ehrwürdige Herdsaal, der schon in Ägypten 
basilikal ausgebildet wurde, — beleuchtet durch das obere Seitenlicht des über- 
höhten Mittelschiffs, welches, noch ehe Tiryns gefunden war, schon dem homerischen 
Mcgaron ebenfalls zuerteilt wurde. 

Wir haben also ein volles Recht den tirynthischen Grundrifs auf ägyptische 
Einflüsse zurückzuführen, wie wir es bei so manchem Produkt der mykenischen 
Cultur bereits thun. Umfriedeter Vorhof, seitlich geschlossene, mit Säulen sich 
öffnende Vorhalle und basilikaler Herdsaal sind die hauptsächlichen, wesensgleichen 
Bestandteile. In Tiryns ist der Hof rings von Säulen umgeben. Ist er etwa schon 

'') In den säulenlosen trojanischen Palästen haben jenen ägyptischen Einflufs hin : auch Puchstein 

wir also nicht etwa eine frühere Stufe, sondern hält sie für nicht altassyrisch. 

nur eine einfachere Gestalt des tirynther Plans ; ) Vgl. Perrot-Chipiez II S. 448fr. 

zu erkennen. 8 ) Perrot-Chipiez II S. 422 fr. 

ü ) Siiulenfacaden wie Perrot-Chipiez II S. 142, 143, '■') Vgl. besonders Sybel, Weltgeschichte der Kunst 

32$ sind Ausnahmen und weiten vielleicht auf eben S. 10 f.; 13 und Ennan, Ägypten S. 258. 



Bie, Zur Geschichte des Haus-Peristyls. 



ein Peristyl? Auf den ersten, flüchtigen Blick will es so scheinen; aber sehen wir 
genauer zu, so bemerken wir, dafs die ihn umgebenden Hallen kein durchlaufender 
Säulengang sind, sondern sich aus einzelnen, verschieden motivirten Teilen zu- 
sammensetzen. Es sind deren — denn die westliche hat Dörpfeld zweifellos richtig 
ergänzt — fünf. Erstens und zweitens die beiden Vorhallen — die eine des Thores 
A' 1 "; welches den grofsen Festungshof F mit unserm Hof L verbindet, die andere 
des Männersaals selbst. Ferner öffnet sich das neben jenem Thore liegende läng- 
liche Zimmer, sowie die beiden gleichen an den Schmalseiten des Hofes, jenes mit 
zwei, diese mit drei Säulen gegen denselben. Der Eindruck des Peristyls wird also 
hervorgerufen durch die aneinander stofsenden Hallen der am Hofe liegenden 
Zimmer sowie Thore 11 . Aber noch ist das durchgehende Peristyl nicht vorhan- 
den; Anten oder volle Mauern trennen die einzelnen Hallen. Sie brauchen nur 
noch einheitlich verbunden zu werden, um aus dem Hofe das Peristyl sich ent- 
wickeln zu lassen. 

Gegenüber dem älteren Haushof, der einfach umfriedigt nicht mehr als eine 
Abgrenzung des zum Hause gehörigen Terrains bedeutete, steht der tirynthische 
Hof auf einer weit entwickelteren Stufe — und in dieser Verlegung des Schwer- 
punktes vom Saal nach dem Hof hin werden wir auch weiterhin das treibende 
Motiv in der Ausbildung des griechischen Wohnhauses erkennen. Aus der alten 
rauchgeschwärzten Halle ging das natürliche Streben nach dem hellen und luftigen 
Hofe; im Hause des Odysseus benutzen bereits die Freier den Hof zum Spielen, 
zum Speisen, zum Beraten; für Fremde wird dort eine Schlafstätte eingerichtet. 
So hebt sich allmälig die Bedeutung der a&Xij, und diese Steigerung ihrer Bedeutung 
sucht auch in ihrer architektonischen Gestaltung einen Ausdruck zu finden: die 
Zimmer, welche sich um den Hof gruppiren, öffnen sich gegen ihn mit Säulen. 

Das bauliche Motiv der Vorhalle, wenn es auch nicht griechischen Ur- 
sprungs ist, darf doch seiner vorzüglichen Ausbildung auf hellenischem Boden 
wegen als spezifisch griechisch bezeichnet werden. Eine gröfsere Rolle spielt die 
Vorhalle zuerst in der ägyptischen Baukunst, wo ja überhaupt alle Säulenarchitektur 
ihre Heimat hat, während das alte Mesopotamien hauptsächlich aus Holzmangcl 
einen Säulenbau, der auf den Charakter der Baukunst bestimmend einwirkte, nicht 
gekannt hat 12 . Von den Ägyptern lernen die schmiegsamen Phönizier den Säulen- 
bau; die Cedern des Libanon liefern ihnen das nötige Holzmaterial. Auch das 
Motiv der Vorhalle übernehmen sie und wenden es z. B. am Salomonischen Palast und 

10 ) Auf Dörpfelds vielfach (z.B. Baumeisters Denkm. ''-') Eine der berühmten Albaner Aschenurnen (Annali 

Taf. 75) wiedergegebenem Plan. 187 1 t. U) wurde mit ihrer Vorhalle auf ein 

u ) Der öfters als reguläres Peristyl verstandene Hot zweites ältestes Local ihrer Ausbildung hinwei- 

Ilias Z 242 (cf. Nissen, Pompej. Studien S. 619) sen , wenn nicht das angebliche hohe Alter 

kann ebenso nach der Analogie von Tiryns aus dieser Urnen dadurch problematisch würde, dafs 

verschiedenen aRrOOWl sich zusammensetzend sie, wie mir Adler nach Mitteilungen von Geo- 

gedacht werden; eine präcisere Interpretation logen sagt, nicht unter der uralten Lavaschicht 

wurde der dichterischen Phantasie nur Unrecht begraben liegen, sondern seitlich in dieselbe 

thun. später eingesetzt sind. 

I * 



Bie, Zur Geschichte des Haus-I'eristyls. 



Tempel an. Unter ähnlichen Einflüssen steht der tirynther Bau. Durch Anwendung 
des Vorhallenmotivs finden wir hier sowohl Thore als Höfe in eine Gestalt gebracht, 
welche derjenigen der historischen griechischen Kunst direkt voraufgeht. Wenn vor 
die Thürwände wie hier beiderseitig die Säulenvorhalle gelegt wird, so ist das 
Prototyp für die griechische Propyläenform geschaffen — und ebenso wenn sich 
um den Hof herum Hallen gruppiren, so ist der wichtigste Schritt zur Bildung des 
Peristyls gethan. Wir bemerken auf dem tirynther Plan, wie sich sowohl gegen den 
grofsen Hof F als gegen den Frauen- und den Wirtschaftshof ein- oder zweisäulige 
Hallen öffnen, welche die natürlichen gedeckten Seitenräume des Hofes bilden; am 
Männerhofe stofsen die meisten solcher Hallen zusammen, die hier bis zur Säulen- 
dreizahl sich ausdehnen, — aber sie bewahren noch streng ihren ursprünglichen 
Charakter, wie z. B. deutlich der viereckige Pfeiler in der Nordosteckc beweist, den 
man mit dem gleichen Nordwcstpfeilcr des Frauenhofes vergleiche: der Pfeiler er- 
innert hier an die abgekürzte Mauerwand, eine Säule hätte diese Erinnerung schon 
verwischt. Auf tirynthischem Boden selbst ist uns der Beweis erhalten, welch 
grofsc Rolle schon damals das Vorhallenmotiv zu spielen berufen war. Die Galerie 
auf der Nordostmauer, errichtet zur gedeckten Bewachung des Eingangs, emaneipirt 
dies Motiv insofern, als sie nach seinem Schema angelegt zu sein scheint ohne An- 
lehnung an ein ursprüngliches Hauptgebäude: es ist eine Vorhalle ohne Halle. Wie 
im tirynther Thor die Propyläen, im Hofe das Peristyl im Keime enthalten ist, so 
in dieser Galerie die Stoaform, die einst in der griechischen Architektur zu solcher 
Bedeutung gelangen sollte. Nicht lange nach der tirynthischen Periode mufs auch 
die Form des Tempelperipteros ausgebildet worden sein, welcher ja schon in der 
ältesten Tempelarchitektur in vollständig entwickelter Gestalt auftritt. An ihm 
sehen wir am klarsten, zu welcher Blüte der Vorhallenbau es schon in den 
Anfängen griechischer Baukunst brachte; er umgiebt gleichsam als allseitige Vor- 
halle das Gotteshaus, obwohl dieses selbst schon an den Schmalseiten meist mit 
Vorhallen versehen ist. Daher erscheint der Peripteros als eine ebenso systematische 
Durchführung der Vorhallenidee wie das Peristyl, dem er ganz entspricht, wenn 
man die Innenrichtung mit der Aufsenrichtung vertauscht. Somit haben wir ein 
Recht die Ausbildung des Vorhallenmotivs als eine spezifisch griechische Leistung 
anzusehen, wenn schon in den Anfängen der Tempelbaukunst uns eine solche syste- 
matische Durchführung desselben wie im Peripteros entgegentritt, welcher ja 
Griechenland ganz eigentümlich ist. 

Vom tirynther Palast bis zum hellenistischen Wohnhaus geht die Entwicklung 
in gerader Linie; wie sich der tirynther Hof zum altägyptischen Hausvorhof ver- 
hält, so verhält sich zu jenem das hellenistische Peristyl. Das bewegende Moment 
bleibt weiter die Ausbildung der ciuXr r Zunächst freilich traten im Privatbau be- 
scheidnere Bedürfnisse an die Stelle der bisherigen; den tirynther Bau kann man 
füglich einen Palast nennen, Paläste aber giebt es erst wieder in hellenistischer 
Zeit — die Zwischenperiode, in welcher sich demokratische Prinzipien vielfach Gel- 
tung verschaffen, behandelt das Wohnhaus gerade so .stiefmütterlich, wie sie dem 



Bie, Zur Geschichte des Haus-1'eristyls. c 



Tempel ihre ganze Sorgfalt zuwendet. Man bedauert öfters, dafs uns so wenig 
von dem griechischen Wohnhaus dieses mittleren Zeitabschnittes erhalten oder 
überliefert sei; ich glaube, es ist uns nicht viel verloren gegangen, und gerade diese 
relative Ärmlichkeit der Privatwohnung ist auch der Grund, dafs sie fast gar keine 
Spur hinterlassen hat 1 *. Das tirynthische Megaron, das wir ja noch bei Homer den 
Mittelpunkt des Herrscherhauses bilden sehen, verliert in dieser Zeit ganz seine Be- 
deutung für den Privatbau; es erhält sich nur im Wohnhaus des Gottes, welches 
in natürlicher Weise an dem altehrwürdigen, feierlichen Grundrifs conservativ fest- 
hält — im griechischen Tempel lebt das Megaron mit dem Altarvorhof, mit der 
seitlich geschlossenen Vorhalle, mit dem basilikalen Hauptraum für alle Zeit fort. 

Das Beste, was wir vom griechischen Wohnhaus der vorhellenistischen Zeit 
wissen, lesen wir aus Piatons Protagoras heraus, der uns als Beispiel eines ärmeren 
Hauses dasjenige des Sokratcs vorführt, als Beispiel eines reicheren dasjenige des 
Kallias. Hippokrates klopft noch vor Sonnenaufgang an die Thür des Sokratcs, 
es wird ihm geöffnet, er eilt zu Sokrates, er erzählt ihm von der Ankunft des Pro- 
tagoras, Sokrates fordert ihn auf, bis es hell würde, in den Hof hinauszugehen und 
dort mit ihm herumzuspazieren, was sie auch thun (311). Wir gewinnen also den 
Kindruck eines einfachen, kleinen Hauses, das einige Zimmer um den Hof gruppirt 
zeigt, den einzigen Raum wohl, in welchem man sich bequemer bewegen konnte. 
Nicht anders haben wir uns das gewöhnliche Bürgerhaus des 5. bis 4. Jahrhunderts 
zu denken, es genügte auch vollauf den unendlich bescheidenen Bedürfnissen eines 
Mannes, der gewohnt war sich den ganzen Tag über auf den öffentlichen Verkehrs- 
plätzen aufzuhalten und seine Wohnung nur zum Zwecke des Essens und Schlafens 
zu besuchen. Bestätigt wird diese Annahme durch den Fund einiger Wohnhäuser 
im Piräeus, welche derselben Zeit angehören und einen dem Sokrateshause analogen 
Grundrifs aufweisen. Sie stehen an der Spitze der geringen bisher entdeckten 
Überreste griechischer Wohnhäuser, sind aber in dem Texte zu den Karten von 
Attika I S. 56 nur flüchtig skizzirt. Es liegt ein Stück der von dem berühmten Städte- 
bauer Hippodamos von Milet am Piräeus systematisch angelegten Niederlassung 
mit aneinander stofsenden Wänden vor uns, die Aristoteles Polit. VII n p. 1330 b 
ausdrücklich als die neue Wohnweise bezeichnet. Wir bemerken die schmuckloseste 
Einfachheit des Grundrisses, der nur die nötigsten Forderungen des praktischen 
Bedürfnisses erfüllt. Die Hauptfläche nimmt der Hof ein, in welchem sich einmal 
sogar der alte Altar erhalten zu haben scheint; in dem einen Hause gelangt man 
in ihn direkt von der Strafse durch einen engen Gang; daran lehnen sich die 
wenigen notwendigen Zimmer; eine hintere Terrasse wurde vielleicht zu Garten- 
zwecken verwendet. 

Einen bedeutend luxuriöseren Anblick gewährt das Haus des Kallias, das wohl 
auch in Wirklichkeit seiner Zeit eins der reichsten Häuser Athens war. Sokrates 
und Hippokrates treten, ehe sie hineinzugehen versuchen, eine Zeit lang ins irp^&opov, 
um ihre Unterhaltung erst bis zu einem gewissen Abschlufs bringen zu können (314 C); 

'■') Vgl. Hermann, Privataltertümer 3 S. 144. 



Bie, Zur Geschichte des Haus-Peristyls. 



nachdem sie dann die Schwierigkeiten mit dem Thürhüter, der ihnen durchaus nicht 
öffnen will, überstanden haben, treten sie ein und finden zunächst Protagoras, mit 
einer gröfseren Anzahl Hörer rechts und links und hinter ihm, in der Vorhalle, 
sv -cjj icpoSTipq», auf und ab gehn (314 E) und von Zeit zu Zeit umdrehen, wobei die 
Begleiter die vorige Reihenfolge wieder einzuhalten suchen (315 B). In der Vor- 
halle geradeüber, iv wj» x*t' ävr.xpu srpoarij'ip sitzt Hippias; ihn umgeben sitzend ver- 
schiedene Schüler (315 C). Endlich sehen sie Prodikos mit seinen Hörern krank in 
einem sonst als Wirtschaftsraum benutzten, jetzt für die vielen Fremden hergerichteten 
Gemache liegend (315 D), seine Unterhaltung können sie nicht mehr verstehen (315 E). 
Der Eindruck, den wir hier von der Gestalt des Wohnhauses erhalten, ist also fol- 
gender. Die Hausthür, neben welcher der Pförtner seinen Aufenthalt hat, liegt 
nicht in der Strafscnflucht, sondern springt etwas zurück, sodafs davor ein 7tpoöop'>v 
genannter Raum entsteht, in welchem die Beiden ihre Unterhaltung zu Ende führen 14 . 
Durch die Hausthür gelangt man, wie in dem Piräeushaus, direkt in den Hof, 
welcher auch hier den Mittelpunkt des Hauses bildet, in dem man sich frei bewegen 
kann und um den herum sich die Zimmer gruppiren. Aber dem gröfseren Reich- 
tum des Hauses entsprechend ist der Hof hier rings mit Säulenhallen umgeben, 
unter welchen die Sophisten gehend oder sitzend ihre Lehrthätigkeit ausüben. 

Zwei Punkte interessiren hierbei besonders: die Gestalt des irpoibpov und 
die des Säulenhofs. Erstere ist der deutlichste Ausdruck der allmälig veränderten 
Bedeutung der wAr r Wird der Haupteingang, wie es hier geschieht, vor den Hof 
verlegt, so ist damit klar ausgesprochen, dafs der Hof nunmehr ein notwendiger 
Bestandteil des Hauses selbst ist, eine Stellung, zu der er sich, wenn unsere Com- 
bination das Richtige trifft , erst langsam emporgearbeitet hat. Schon in Tiryns 
war der Vorhof mit seinem Altar von verschiedenen Zimmern allseitig so umgeben, 
dafs er neben seiner einleitenden Funktion auch schon diejenige des benutzbaren 
Hausbestandteiles übernommen hatte; aber bei der parataktischen Anordnung der 
Haupträume befand sich, wie es das Megaron besonders deutlich zeigt, der Haupt- 
eingang immer erst hinter ihm; so konnte die Hofthür für gewöhnlich offen bleiben 15 . 
Dieser Zwittercharakter des Hofes, zusammengesetzt aus seiner halb nur einleitenden, 
halb wirklich praktischen Funktion, ist im Hause des Kallias überwunden; die Hof- 
thür wird als Haupteingang gekennzeichnet und bleibt geschlossen — was einst 
Einleitung war, ist nun Centrum geworden, und was einst Centrum war, der Männer- 
saal, ist nun ganz geschwunden. So erkennen wir, wie in gerader und natürlicher 
Entwicklung Hand in Hand mit dem steigenden Bedürfnis nach Licht und Luft der 
Schwerpunkt des Hauses sich von der Halle nach dem Hof verschoben hat. 

Auch die -poaztpot des Kalliashauses wenden unsern Blick wieder nach 
Tiryns zurück. Ein allzu scharfsinniger Ausleger könnte aus dem Text Piatons den 
Eindruck einer ocüXv; gewinnen, welche in ihrem Grundrisse mit dem tirynther Plan 
durchaus übereinstimme. Wenn Protagoras mit seinen Hörern beim Auf- und 
Abgehn öfters umdreht, so müsse ein Grund vorhanden sein, welcher ein in der- 

M ) Z. H. in der casa del Fauno ist eine ähnliche Anlage erhalten. n ) Vgl. llias ii 238fr. 



Bie, Zur Geschichte des Ilaus-l'eristyls. 



selben Richtung sich fortbewegendes Lustwandeln verbiete, folglich könne der Hof 
kein durchgehendes Peristyl haben, sondern nur einzelne Vorhallen, wie sie der 
tirynther Hof zeigt, und daher würde auch der Ausdruck »die geradeüberliegende 
Vorhalle« so zu verstehn sein, dafs eben einzelne Vorhallen unterschieden würden, 
unter denen die dem Eingang gegenüberliegende — wie in Tiryns — die be- 
deutendste sei. Ich möchte nicht so weit gehen. Vielleicht ist tö rcpdropov 
eben die ganze Säulenhalle des Peristylhofs ; vielleicht dreht Protagoras immer 
um, damit er dem Hippias mit seinen Leuten nicht zu nahe kommt — viel- 
leicht auch, weil er nur so will — vielleicht endlich, weil Piaton es dazu braucht, 
um den weltmännischen Anstand seiner Begleiter hervorheben zu können, 
welche es vermeiden trotz des Umdrehens in anderer Reihenfolge ihn zu 
umgeben, als es der Takt verlangt. Das eine ist jedenfalls klar, dafs der Grundrifs 
des Kalliashauses, der ja unmöglich nur ein Phantasiegebilde Piatons ist, in einer 
Entwicklungslinie mit dem homerischen, mit dem tirynthischen Haus liegt, indem 
durch die gröfsere Betonung des Hofes die Halle in ihrer Bedeutung verschwindet 
und, wozu in Tiryns bereits vorgearbeitet ist, um den Hof als Centrum sich Säulen- 
hallen legen, als rrpotnioa der weiter im Kreise herumliegenden Zimmer. Es ist vom 
tirynther Hofe bis zum Kalliashofe ein Schritt weiter geschehn zur Bildung des 
Peristyls — ob wir uns aber hier schon ein volles Peristyl vorzustellen haben, wird 
eine offne Frage bleiben müssen. 

Das Hauptergebnis dieser Betrachtung ist die Thatsache, dafs der Grundrifs 
des alten ägyptisirenden Herrscherpalastes der tirynther Periode, welcher sich ja 
nach Mafsgabe der homerischen Dichtungen noch mehrere Jahrhunderte unverändert 
erhielt, von der Entwicklung des historischen griechischen Wohnhauses nicht zu 
trennen ist, sondern vielmehr in gerader Linie durch steigende Betonung der ctü/.v; 
und sinkende Bedeutung des Megaron schliefslich sich zu dem Grundrifs des 
griechischen Hauses umgewandelt hat, das uns Vitruv beschreibt und das für die 
hellenistische Periode charakteristisch ist. Setzen wir für die tirynther Höfe reguläre 
Peristyle und an die Stelle der Hallen die pect, so erhalten wir das Vitruvsche Haus. 
Entsprechend der palastartigen Ausbreitung des Grundrisses, wie sie erst wieder in 
dieser Zeit auftritt,' wird die Trennung der Männer- und Frauenwohnung, welche 
stets in Griechenland Sitte war, mit derselben weiträumigen Parataxe durchgeführt, 
die uns schon in Tiryns begegnete. Vitruv beschreibt uns zwei gesonderte Peristyl- 
häuser mit separaten Eingängen, von denen das eine die dvopiovm?, das andere die 
Y'jvawumTic darstellt; ihre Verbindung wird nur ganz allgemein angegeben und der 
speciellen Willkür überlassen, was manche Reconstruenten nicht genügend beachtet 
haben. In einfacheren Häusern wird natürlich nach wie vor das obere Stockwerk 
zum Frauenraum gemacht worden sein; so war es schon im Odysseushause und so 
bezeugt es auch Lysias 17 für die spätere Zeit. 

Die hellenistische Männerwohnung in der Beschreibung des Vitruv vergegen- 
wärtigt die letzte und höchste Form des Grundrifsschemas, in welchem wir das 

16 ) Vitruv VI, IO, I : conjttnguntur autem his dotnus ampliores habentes latiora feristylia. 17 ) Lysias 1,9, p. 92. 



Bie, Zur Geschichte des Haus-Peristyls. 



griechische Haus sich entwickeln sehen. Das Peristyl bildet das unbedingte Centrum 
des Hauses, es zeigt die Gestalt des durchgehenden, vierseitigen Säulenhofs (während 
die Frauenwohnung nur ein dreiseitiges hat), und aus dem schon im Kalliashause 
in Erinnerung an das alte Mcgaron bevorzugten /.cc: avtupu npäartpov ist der helle- 
nistische Säulensaal, der oecus, geworden. Wie ein Rcnaissancepalast gegenüber 
dem gothischen Wohnhaus die einheitliche Zusammenfassung der Nutzräume unter 
ein gemeinsames architektonisches Gesetz bezweckt, so sind in dem hellenistischen 
Palast alle diejenigen Elemente, welche die vorhergehenden Jahrhunderte stückweise 
zur Ausbildung des Wohnhauses aneinander gereiht haben, zu einem organischen 
Ganzen zusammengefafst; die den Hof umgebenden Vorhallen haben sich zu einer 
einzigen grofsen durchlaufenden Vorhalle vereinigt und an der bevorzugtesten Stelle, 
dem ehemaligen Eingang in den Männersaal, ist hellenistischen Bedürfnissen gemäfs 
die gegen den Hof offene Säulenhalle angefügt, auf deren weitere Ausbildung — 
man werfe einen Blick auf die flavischen Teile des Palatin — in der Folgezeit, als 
römische Kaiser nach hellenistischem Muster ihre Paläste ausbauten, ein Hauptaugen- 
merk gerichtet wird. Da nun einerseits diese einheitlich-organische Gestaltung des 
Peristylschemas recht im Charakter hellenistischer Baukunst begründet zu sein 
scheint, und da andrerseits gerade eine Ausbildung des Säulenhofes und der Säulen- 
halle, wie sie hier vorliegt, der speciellen Vorliebe dieser Periode für Säulenarchi- 
tektur entspricht, so dürfen wir getrost die Schöpfung des vollendeten Peristylhauses, 
welches wir das speeifisch griechische nennen, als ein Produkt der hellenistischen 
Zeit ansehen, wobei nicht ausgeschlossen ist, dafs die einzelnen Elemente dieses 
Systems bereits vorher einen hohen Grad der Vollendung erreicht haben mochten. 
Wir werden nicht fehl gehen, in den Formen des tirynther Hofes, der Kallias-Aule 
und des vitruvischen Peristyls drei bezeichnende Marksteine einer Entwicklung zu 
sehen, an deren allmälig erstrebtem Gipfelpunkt wir in unserer Betrachtung jetzt an- 
gelangt sind. 

Wie es einst dem ägyptischen Wohnhausschema beschieden war, fast über 
die ganze Welt des mittelländischen Meeres seinen Einflufs auszudehnen, so war 
das Peristyl dazu berufen den Wohnhauscharakter der ganzen hellenistisch-römischen 
Welt zu bestimmen. Damals wurde die Con'currenz des asiatischen Binnenhofsystems 
zurückgedrängt, jetzt diejenige des italischen Atriums, welches unterdessen durch 
Umwandlung der Halle selbst in den erwünschten Hof mittelst der Erfindung 
des Compluvium auf eine andere, aber nicht so glückliche Weise versucht hatte 
den Bedürfnissen der Zeit entsprechend statt der Halle den Hof zum Hauscentrum 
zu machen. Wir sehen also in grofsen Zügen folgendes Schauspiel sich vollziehen. 
Zuerst treten sich Hallen- und Hofsystem, jenes in ägyptischer, dieses in mesopota- 
mischer Form gegenüber; das ägyptische System entspricht mehr den Bedürfnissen 
der Zeit und wird zum Wcltstil. Aus ihm entwickelt sich bei veränderten Bedürfnissen 
durch Verlegung des Schwerpunkts von der Halle nach dem Vorhof das griechische 
Peristylsystem, welches nun seinerseits den Sieg gewinnt über das gleichzeitige 
Hallensystem des italischen Atriums; so treten sich zwei Mal Halle und Hof ent- 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 



gegen, den sich ändernden Bedürfnissen gemäfs siegt einmal jene, das andere Mal 
dieser. Noch können wir die allmälige Assimilirung des Atriums an das Hofsystem 
verfolgen; aus dem alten Bauernsaal, dem testudinatum wird durch die Dachöffnung 
das tuscanicum — es treten griechische Einflüsse neben diese italische Form — 
durch peristylähnliche Stützung des nach innen geneigten Daches durch vier oder 
mehr Säulen entsteht das tetrastylum und corinthiiim, von dem zum Peristyl selbst 
nur noch ein Schritt ist. Das Peristyl fafst also nicht nur alle Fäden der vorher- 
gehenden Entwicklung einheitlich zusammen, es assimilirt sich auch parallele 
nationale Formen und wird schliefslich bestimmend für den reicheren Wohnhaus- 
grundrifs der ganzen antiken Welt. 

Charlottenburg, Oktober 1890. Oscar Bie. 



> V 

DER OSTGIEBEL 
DES OLYMPISCHEN ZEUSTEMPELS 

Die neusten Erscheinungen der Olympialiteratur haben die Frage nach der 
ursprünglichen Anordnung der östlichen Giebelgruppe ihrer Lösung dadurch näher 
gebracht, dafs sie gewichtige, früher gering angeschlagene Bedenken energisch 
geltend machten und durch deren Hebung die Entscheidung herbeizuführen suchten. 
Eine Schwierigkeit ist seitdem mit aller wünschenswerten Sicherheit aus der Welt 
geschafft worden: durch den Nachweis der Wagen ist die Darstellung um vieles 
reicher und lebendiger geworden. Dagegen schienen die Einwände, welche Brunn 1 
gegen die bisherige Anordnung" der Mittelgruppe und Six" gegen die der Gespanne 
erhoben, sich nicht behaupten zu können. Wiederholte Untersuchungen der Ori- 
ginale, bei welchen ich alle diese neueren Arbeiten einschliefslich der neusten Dar- 
legungen Treu's 3 berücksichtigen konnte, haben mich zu der Überzeugung geführt, 
dafs jene Einwände bisher durchaus nicht entkräftet sind; andererseits glaube ich 
eine andere Lösung der zweifellos vorhandenen Schwierigkeiten geben zu müssen. 
Für die wichtigste Frage, die nach der Anordnung der Gespanne, tue ich dies mit 
Berufung auf Wolters, der im Frühjahr 1890, leider nur kurze Zeit, sich vor den 
Originalen mit der Frage beschäftigen konnte; ihm danke ich auch andere Beob- 
achtungen, die ich an ihrer Stelle mitteile. Die Beweisführung, die ich versuche, 
stützt sich ausschliefslich auf die an den Figuren und Figurenteilen wahrgenommenen 

') Über Giebelgruppen. Münchener Sitzungsbe- '') Journal of Hellenic Studies 1889 S. 98fr. 

richte 1888 II S. 1836". 197fr. •) Jahrbuch des Instituts IV (1889) S. 266fr. Ar- 

chäol. Anzeiger S. 60 f. 107 f. 



IO 



Sauer, Der Ostgicbcl des olympischen Zeustempels. 



jor. 



technischen Merkmale und konnte sich auf dieses sicherste 
Material mit um so gröfserem Rechte beschränken, da eine 
nachträglich, im Sommer 1890, vorgenommene Prüfung der 
zahlreichen im Museum von Olympia aufbewahrten Fragmente 4 
überraschend wertvolle, in der bisherigen Diskussion nur zum 
Teil benutzte Ergebnisse hatte. 

Ich gehe aus von Wolters' Beobachtungen über die 
Anordnung der Gespanne. »Zwei Erwägungen schienen 
von vorne herein sehr zu Gunsten der von Six vorgeschlagenen 
Umstellung zu sprechen. Die erstere ist rein künstlerischer 
und kunstgeschichtlicher Art. So lange die Wagen fehlten 
konnte man bei keiner der vorgeschlagenen Anordnungen den 
Vorwurf unterdrücken, dafs keine Handlung dargestellt, sondern 
die Personen des Mythos wie Statisten neben einander abge- 
bildet seien; dafs wir mit der Formulirung dieses, gegen den 
Künstler gerichteten Vorwurfes doch wohl vorschnell gewesen 
seien, hat Six mit Recht hervorgehoben. Durch die Einfügung 
der Wagen in die Composition, die von Treu gleichzeitig vor- 
genommen und durch unanfechtbare Gründe gesichert wurde, 
ist ein Teil des Anstofses gehoben, aber eine Handlung ist 
doch nur dann dargestellt, wenn, wie Six will, die Anschirrung 
noch unvollendet ist. Und wenn wir diese Scene als ein in 
archaischer Kunst öfter behandeltes und beliebtes Thema er- 
kennen, ebenso gut wie den Kentaurenkampf, so werden wir 
die sich nun bietende Möglichkeit beide Giebel in gleicher 
Weise in den Strom altertümlicher Kunstübung einzuschalten um 
so dankbarer begrüfsen, je deutlicher sich die Notwendigkeit 
mehr und mehr herausstellt, die Entstehung derselben in die 
Zeit der Perserkriege zu setzen (Journal of Hellenic studies X 
S. 1 1 1 ff. Athen. Mitteilungen XII S. 266. 276. XV S. 27). 

Der zweite Punkt ist die auffällige Tatsache, dafs die 
drei, aus einem Block gearbeiteten in hohem Relief dargestell- 
ten Pferde an ihrer Vorderseite völlig ausgearbeitet sind, ob- 
wohl sie bei der bisherigen Aufstellung durch das eine, beson- 
ders gearbeitete Pferd fast vollständig verdeckt werden. Eine 
ausreichende Erklärung derselben hat auch Treu nicht zu 
geben vermocht (Jahrbuch IV S. 304); allerdings glaubte er 



l ) Gleich hier betone ich, dafs die 
Zugehörigkeit der zu erwähnenden, 
durchweg aus Inselmarmor beste- 
henden Fragmente zu den Tempel- 
skulpturen durch ihren Stil , zu den 



Giebelfiguren durch die Gröfse auch 
der kleinsten völlig gesichert ist. 
Unter den mehr als 700 Fragmenten 
finden sich nur einige, die sicher 
oder möglicherweise auszuscheiden 



sind. 



Sauer, Der Ostgicbel des olympischen Zeustempels. I j 

grade hier den wunden Punkt der Six'schcn Aufstellung zu treffen und seine 
eigene Anordnung am erfolgreichsten verteidigen zu können. Von den Beweisen, 
die Treu (Jahrbuch IV S. 306 und Anzeiger 1890, S. 60) für die bisherige 
Aufstellung der vier Pferde dicht neben einander aufzählt, ist der wichtigste der 
dritte; die andern richten sich gegen Six' spezielle Anordnung, beweisen aber nicht 
unmittelbar diejenige Treu's. Dieser erheischt also zunächst unsere Aufmerksam- 
keit. Die Reliefpferde (um so die beiden aus je einem Stück gearbeiteten Gruppen 
von dreien kurz zu bezeichnen) weisen auf dem Hinterteil oben eckige Ausschnitte 
auf (vgl. Jahrbuch IV Taf. 8. 9 S. 284, 4), die, von Six nicht genügend erklärt, nach 
Treu's einleuchtender Vermutung mit der Befestigung der Einzelpferde zusammen- 
hängen. Wie alle höheren Giebelfiguren sind auch die Pferde durch starke Dübel 
in die Rückwand des Giebels befestigt gewesen; davon rühren die starken qua- 
dratischen Dübellöchcr her, die sich sowohl bei den Reliefpferden als den Einzel- 
pferden zu je zweien in der Rückseite zeigen (Jahrbuch IV S. 284). Stellt man 
nun die Vorderpferde so vor die Reliefgcspanne, dafs sich die Brustumrisse in 
gleichen Abständen folgen, so kommt das quadratische Loch des hinteren Wand- 
dübels in der Rückseite der Vollpferde genau in die Flucht von den genannten 
eckigen Ausschnitten auf dem Rücken der Reliefpferde zu stehen. Treu denkt sich 
nun die Dübel tler Vollpferde zuerst wagerecht, dann eine kurze Strecke senkrecht, 
dann wieder wagerecht geführt, damit sie an den erwähnten Ausschnitten über den 
Rücken der Reliefpferde hinweg in die Wand geführt werden können. Die Stellung 
der Einzelpferde zu den Reliefpferden bestimmt sich also, wie es die Oberansicht 
seiner Wiederherstellung (Jahrbuch IV Taf. 8. 9) zeigt, dadurch, dafs das Dübelloch 
in dem Hinterteil der Einzelpferde und der Ausschnitt auf dem Hinterteil der Relief- 
pferde sich in gleicher Linie befinden sollen. Dann läfst sich der Dübel aus dem 
Einzelpferde über die Reliefpferde an der entscheidenden Stelle hinüberführen, und 
die Einarbeitung ist erklärt. 

Damit ist scheinbar ein entscheidender Grund gegen jede Verschiebung der 
Pferde gewonnen, und Six endgültig widerlegt. Es ist nur eines dabei nicht in 
Rechnung gezogen. Dafs die genannten Ausschnitte für die Dübel der Einzelpferde 
bestimmt sind, ist sicher. Aber jedes Pferd war durch zwei Dübel in der Wand 
befestigt, und wir sind ebenso berechtigt, den Dübel aus dem Vorderteil des Einzel- 
pferdes über die Einarbeitung auf dem Hinterteil der Reliefpferde zu führen, als 
den aus dem Hinterteil herkommenden. Die Einarbeitungen und Dübellöcher allein 
können also die Frage nicht entscheiden; wir haben uns nach anderen Gründen 
umzusehen und werden der Aufstellung Treu's, bei der im Widerspruch mit ver- 
wandten Monumenten jede Handlung fehlt und die sorgfältige Ausführung der 
Reliefpferde nicht erklärt wird, eine Verschiebung der Einzel- gegen die Reliefpferde 
vorziehen müssen. Um die Dübellöcher im Vorderteil der Einzelpferde mit den 
Einarbeitungen auf dem Hinterteil der Reliefpferde in eine Linie zu bringen bedarf 
es rechts vom Beschauer einer Verschiebung von etwa 75, links einer solchen von 
etwa 80 cm.« 



12 Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 

Ich kann jetzt, nach längerer Beschäftigung mit den Giebelfiguren, ein 
weiteres Argument hinzufügen. Entsprechend der starken Vernachlässigung der 
dem Beschauer abgewandten Figurenteile hat man sich bei besonders angesetzten 
Stücken so viel Arbeit erspart wie möglich. Es fehlten z. B. an den Reliefpferden 
die Stücke der Zügel zwischen Hals und Joch, es fehlte wahrscheinlich der zwischen 
Reliefpferden und Giebelwand zu denkende Zügel vollständig; das Attribut, welches 
die Rechte der Mittelfigur des Westgiebels hielt, läuft in die Hand ~nur hinein, statt 
hindurch, und das Attribut der Linken hat man absichtlich so gestaltet und gelegt, 
dafs es möglichst wenig Arbeit verursachte 5 . Man darf also behaupten, dafs man 
sich die Joche erspart hätte, wenn sie unsichtbar blieben. Ihre Existenz und Lage 
ist aber ebenso unzweifelhaft wie die Tatsache, dafs sie in Treu's Aufstellung dem 
Beschauer völlig verborgen bleiben. Ein Blick auf Treu's Tafel (Jahrb. IV Taf. 8. 9, I) 
zeigt, dafs nur der Grundrifs die Joche an der richtigen Stelle giebt, während sie 
im Aufrifs, in der an sich berechtigten Tendenz die damals noch neuen Wagen 
recht anschaulich zu machen, stark nach aufsen verschoben sind. In Wahrheit 
müfsten sie hier hinter dem Hals der Einzelpferde verschwinden, während sie völlig 
sichtbar werden, wenn man die von Wolters geforderte Verschiebung ausführt. 

Das sichere Resultat dieser Darlegungen ist, ganz vorsichtig und allgemein 
formulirt, dafs in der Tat die Rapetoxetrij dargestellt war, indem noch nicht alles an 
seinem gebührenden Platze steht. Schwerer ist es zu bestimmen, welchen Augen- 
blick der Vorbereitung der Künstler darstellte. Hier treten die Vasenbilder fördernd 
ein, die uns den Hergang der Anschirrung in verschiedenen Stadien mit höchst 
consequenter Typik vorführen. 

Mir sind folgende bekannt: 

I. Die Jochpferde sind angeschirrt. 

a. Das linke Beipferd wird am Leitseil herangeführt, während ein 
Wagenlenker und ein halb hinter den Jochpferden verschwinden- 
der Knecht beschäftigt sind, das Geschirr für das herankommende 
Tier vom Joch zu lösen. Sämmtlich, wo nichts anderes bemerkt, 
s. f. Hydrien. 

I. Berlin 1897. Gerhard A. V. 249/50, wiederholt bei Six S. 102. 
— 2. Berlin 1890. — 3. München 64. — 4. München 130. — 

5. Würzburg III 126. Gerhard, A. V. 102 (Amazonen). — 

6. London 470. — 7. London 485. — 8. Petersburg 337. — 
9. Neapel 2777. — 10. Fragment einer s. f. Vase (Amphora 
nach Zannoni, was ich bezweifeln möchte) Certosa 7, 3. — 

II. Amphora Coli. Dutuit Taf. 15, I (Herakles, Athena). — 
12. Lekythos Syrakus Benndorf, Gr. u. sie. Vb. 52, 2. ■ — Die 
Häufigkeit der Darstellung, die Bevorzugung einer bestimmten 
Gefäfsform und die Vorzüglichkeit des ebenfalls mit dieser ver- 

5 ) Vgl, die Bemerkungen zum Westgiebel im nächsten Heft dieses Jahrbuchs. 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. I 3 

bundencn Bildes I berechtigen zu dem Schlufs, dafs hier die 
originale Fassung vorliegt. Als Erweiterung derselben fasse ich 
b. Beide Beipferde werden am Leitseil herangeführt. 

i. im s. f. Randbild eines Deinos Politi, Descrizione d'una 
deinos, Tafel. — 2. s. f. Hydria, Jahrb. d. Inst. IV, Taf. 10. 
Der Raum am linken Ende ist durch Verkürzung am rechten 
gewonnen. — 3. s. f. Amphora Brizio, Sulla nuova situla 
Taf. IV, 17; Archäol. Anzeiger 1890, S. 29 (Engelmann). 
Die Neuerung, dafs beide Pferde auf derselben Seite heran- 
geführt werden, beweist wenig Verständnis; vielleicht beruht 
sie einfach auf Versehen. — 4. s. f. Hydria München 138. 
Gerhard A. V. 211/12, 2. Der Raum reichte für die erweiterte 
Szene nicht aus. — 5. r. f. Schale Mus. Greg. A II 87, 2; 
B II 84, 2 (Herakles, Athena). 
II. Die Jochpferde und ein Beipferd sind angeschirrt; das andere wird am 
Leitseil herbeigeführt. Im übrigen mit Ia verwandt. Fragment einer 
Vase des Nearchos, zuletzt Wiener Vorlegeblätter 1888 Taf. 4, 3d. 
Bei aller Verschiedenheit dieser Darstellungen lassen sich wichtige gemein- 
same Züge nicht verkennen. Stets sind, auch wenn erst zwei Pferde angeschirrt 
sind, die Zügel sämmtlich nach hinten genommen und werden dort gehalten. Es 
findet sich also weder die Variante, dafs die Zügel am Wagenrand festgebunden 
sind, eine Variante, die nur dann möglich ist, wenn die Pferde, für die der leichte 
Wagen kein Halt ist, an den Köpfen festgehalten werden, wie das eine Beipferd 
auf der Nearchosvase; noch die andere, dafs erst nach der Anschirrung jedes ein- 
zelnen Pferdes die Zügel desselben dem Lenker in die Hand gegeben werden. 
Sämmtliche Zügel hingen vielmehr am Joch und werden nach Befestigung desselben 
vom Wagenlenkcr nach hinten genommen; von diesem Augenblick an hat er nichts 
mehr zu thun als die Zügel zu halten. Die Anschirrung der Beipferde müssen 
andere besorgen, und in der That zeigen die Vasenbilder ein starkes Aufgebot von 
Gesinde. Mindestens drei Leute verwendet zu diesem Zwecke die Mehrzahl der 
Bilder; mit zweien kann nur das des Nearchos auskommen, da hier die Handlung 
ihrem Abschlufs ganz nahe gerückt ist. Dem Künstler der Giebelgruppe, der nicht 
wie der Maler mit halbsichtbarcn Figuren schildern konnte, standen sogar im ganzen 
nur je zwei Personen zur Verfügung. Da je zwei Löcher zwischen den Hälsen der 
Jochpferde mit Sicherheit beweisen, dafs die Zügel nach hinten liefen, so folgt mit 
Notwendigkeit, dafs sie dort genau wie in den Vasenbildern von irgend einer Person 
gehalten wurden. Zur Vollendung der Anschirrung bleibt somit nur je eine Person 
übrig, also noch weniger als im Bilde des Nearchos, das der Giebeldarstellung am 
nächsten kommt. Die Handlung war hier folglich mindestens ebenso weit, ver- 
mutlich noch weiter als in dem Vasenbilde fortgeschritten. Wir haben zunächst 
zu fragen, welche Figur geeignet sei, an dem unverrückbar gegebenen Platz zwischen 
Mittelgruppe und Gespann diesen kleinen Rest von Handlung zu vollziehen. 



14 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 




Ausgeschlossen ist erstens jede unthätige Figur wie der sitzende Knabe. 
Aber zweitens auch jede zwar aktionsfähige, aber dabei auf dem Boden sitzende 
Figur wie der Mann Ti-eu L. Endlich auch jede Figur, die mit Pferden nichts zu 
thun haben kann wie das Mädchen. So bleiben nur der kniende Mann und der 
kniende Ephebe übrig. 

Über die Aufstellung dieser beiden Figuren kann darnach kein Zweifel 
mehr obwalten. Der Ephebe kann nach der Art seiner Bearbeitung nur in der 
schrägen Stellung, die ihm Six gegeben hat, im Giebel untergebracht werden, der 
kniende Mann ist mit seinen Händen dort beschäftigt, wohin er blickt: beides zu- 
sammen genügt, um dem Knaben links, dem Manne rechts — ebenfalls schräg 
gegen den Giebelrand — ihre Stelle anzuweisen. 

Erst jetzt dürfen wir fragen, was beide thun. Die Antwort erteilen mit 
ziemlicher Sicherheit einige hier abgebil- 
dete Handfragmente. Sie rühren von zwei 
linken und zwei rechten Händen her und 
sind nur bei den kleineren Figuren unter- 
zubringen. Da der sitzende Knabe seine 
Hände hat, die des Knaben im West- 
gicbcl gesichert sind und auch dem Mäd- 
chen sich beide Hände mit völliger Sicher- 
heit zuweisen lassen (s. u.), so haben wir 
nur diese vier Hände auf die beiden 
Knienden zu verteilen. Indessen kommt 
auf genaue Zuteilung nicht viel an, denn 
alle haben leicht eingebogene Finger, und 
die drei vollständiger erhaltenen sind — 
ziemlich roh — durchbohrt; was von 
der vierten erhalten ist, hindert nicht, das 5 

3 Gleiche für sie vorauszusetzen. Jede dieser 

Hände umschlofs also lose einen besonders eingesetzten Gegenstand, der jedenfalls 
beträchtlich dicker war als die ziemlich dünnen Zügel. 

Noch deutlicher läfst sich die Handlung machen durch Zuweisung zweier 
Armfragmente. Das eine, ringsum gut gearbeitet, umfafst einen rechten im Ell- 
bogen und Handgelenk mäfsig gebogenen rechten Unter- 
arm, der wegen kräftiger Angabe der Adern einer männ- 
lichen, erwachsenen Figur angehören mufs. Im West- 
giebel ist für ein solches Fragment kein Platz, im Ostgiebel 
bleibt, da es sich um einen mittelgrofsen Arm handelt, 
nur der kniende Mann übrig. Das von Grüttner dem rechten Arm des Mannes 
zugewiesene Ellbogenfragment 7 , das aufser derselben Haltung nichts Charakteristi- 






6 ) Vgl. die Bemerkungen über den Westgiebel. 



") Jahrbuch IV S. 290, Kig. 13. 




Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. I 5 

sches, zudem etwas gröfserc Mafsc hat, hat also diesem Unterarm zu weichen und 
ist dem Pelops oder dem sitzenden Manne zuzuweisen. 

Dem Epheben gehört ein scharf gebogener Arm, 
dessen Formgebung so nachlässig ist, dafs man zunächst 
nicht entscheiden kann, ob er rechter oder linker ist. Die 
Wahl bleibt schliefslich nur zwischen linkem Arm des 
knienden Mannes und rechtem des Epheben. Die rohe Ar- 
beit in der Biegung des Ellbogens und der Stiitzcnrest an 
der Innenseite des Unterarms entscheiden für den rechten 
Arm des Epheben; die Stütze verband den Unterarm mit 
der jetzt ausgebrochenen linken Seite des Halses. 

Damit ist die Haltung beider Figuren im wesentlichen gesichert. Der Mann 
hielt seine Hände in der Tat so wie in Treu's Abbildung; der Ephebc hob die 
Rechte bis über seine linke Schulter. Für Zügel sind, wie schon bemerkt wurde, 
die Durchbohrungen der Hände zu weit. Nun zeigen die angeführten Anschirrungs- 
seenen und ähnliche Monumente, von denen die Dokimasic - Vase Arch. Zeit. 
1880, Taf. 15, sowie Gerhard, A. V. IV 272, 2 und Stackeiberg - Kestner, Gräber 
von Corneto 17. 1 8 hervorgehoben seien, dafs Wagenpferde, die man erst anspannen 
will und Reitpferde, solange sie nicht geritten werden, an einem Ecitscil (i-;m~;zö;) 
geführt werden, das bedeutend dicker ist als die Zügel, und die schöne Nolaner 
Vase Arch. Zeit. 1878, Taf. 22 zeigt, worauf Körte aufmerksam gemacht hat 8 , sogar 
Ecitscil und Zügel neben einander. Dieser Strick also ist durch die Hände der 
Knechte zu leiten, und es wird damit der ausdrücklichen Vorschrift Xcnophons" 
genügt, dafs der Knecht das Pferd nie am Zügel, stets am Ecitscil führen solle. 
Führt man nun, vorausschrcitend, ein Pferd an einem solchen langen, an Kinn- oder 
Nasenriemen 10 befestigten Seil, so gewinnt man einige Schritte Vorsprung und 
kommt eher als das Tier am Bestimmungsorte an, wo man dann, Halt machend, 
jenem die Grenze seiner Bewegung bezeichnet. In diesem Moment sind die beiden 
Knienden dargestellt; genau bis zu dem von ihnen eingenommenen Platz haben 
die jetzt noch zurückgebliebenen Rosse zu schreiten, um in gleiche Einic mit 
den drei andern zu rücken. Bewegung und Handhaltung des Epheben war kurz 
vorher wie die des Knechtes, der in dem Vasenbild Jahrbuch IV, Taf. 10 das 
rechte Beipferd, allerdings nur mit einer Hand, heranführt: nur hat der Ephebe 
im Niederknien die rechte Hand über den Kopf hinweggehoben, sodafs der Strick 
über die linke Schulter zu liegen kam. Bei dem anderen Knecht ist nicht einmal 
diese Veränderung eingetreten, da er sich im Augenblick des Anhaltcns dem Pferde 
entgegendrehte: er hält seine Hände noch wie vorher, genau wie der Herakles der 
Kerberosmetope, nur dafs bei diesem die linke Hand tiefer liegt, weil das Tier sich 
unterhalb der Hände befindet. 

Damit ist auch die Handlung der Knienden, noch nicht aber deren Ver- 
hältnis zum Ganzen erklärt, vor allem noch nicht motivirt, dafs beide sich aufs 

») Archäol. Zeitung 1880 S. 179, Anm. 14. '■') llsoi Mltlxij« 6, 9. >") Xenophon r.. i. 7, I. 



i6 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 




Knie niedergelassen haben. Denn sind die letzten Pferde noch 
nicht angeschirrt, so müssen die einzigen verfügbaren Personen, 
eben jene Knienden, alsbald wieder aufstehen, und man müfste, 
was immer mifslich ist, die Stellung fast nur aus dem Raum- 
zwange erklären. Nun haben in den Vasenbildern die erst 
herankommenden Pferde nie den Schulterriemen; gerade diesen 
aber an sämmtlichen Giebelpferden nachzuweisen ist Treu 
gelungen, dessen Beobachtungen ich, nach anfänglichen Zwei- 
feln, jetzt lediglich bestätigen mufs. Auch die schon von 
Treu ! ' erwogene Möglichkeit, dafs die von ihm am Aufsenpferd 
des linken Gespanns wahrgenommene Spur vom Schmuckrie- 
men, nicht vom Zugriemen herrühre, ist auszuschlicfsen. Denn 
während der Schmuckriemen bei Reitpferden allerdings genau die Stelle des Zug- 
riemens der Wagenpferde einnimmt, hängt er bei diesen, um sich von dem unent- 
behrlichen Zugriemen deutlich zu sondern, locker und tief herab 12 ; jene Spuren 
aber weisen auf einen hoch und straff sitzenden Gurt, der sich nur in der Form, 
wie das erhaltene Beipferd des rechten Gespannes beweist, ein wenig von dem 
Zugriemen der Jochpferde unterschied. Angeschirrt sind also sämmtliche Pferde. 
Damit scheint im Widerspruch zu stehen, dafs das Leitseil vom Kopfzeug herab- 
hängt; aber auch das Reitpferd auf jener Nolaner Vase ist völlig angeschirrt, und 
doch entfernt der Jüngling nicht zunächst jenes Seil, sondern will erst aufsteigen' 3 
und dann den Strick, der doch während des Rittes nicht hängen bleiben kann, 
lösen oder lösen lassen. Und ferner weist mir Wolters auch ein Gespann nach, 
das dieselbe Eigentümlichkeit zeigt. Auf dem Relief Terracotten von Sicilien 54, 1 
führen die Knechte beide Beipferde noch am Leitseil, während sie ihnen durch 
Vorhalten der einen Hand Stillstand gebieten. Den unmittelbar vorhergehenden 
Moment haben wir in der Giebeldarstellung anzunehmen und nur noch die Frage zu 
beantworten, warum das letzte, jetzt schreitende Pferd bisher weiter zurückstand als 
die übrigen. Das Geschirr für dieses Pferd hing, wie die Vasenbilder zeigen, am 
Joch, die Zügel waren schon nach hinten genommen, ebenso die mit dem Schulter- 
riemen des Beipferdes verbundene, zwischen Joch- und Beipferd durchlaufende Zug- 
leine schon am Wagen befestigt. Der Wagenlenkcr pflegt, neben dem Joch stehend, 
das ankommende Pferd zu erwarten; schon dadurch wird es wahrscheinlich, dafs er 
es hier halten läfst, ihm hier Zug- und Bauchriemen sowie das schon am Zügel hän- 
gende Gebifs anlegt, und dafs erst das fertig angeschirrte Pferd ganz vorrückt. Vollends 
für den einen Knecht, der im Giebel die ganze, in den Vasenbildern auf zwei, meist 
sogar drei Leute verteilte Arbeit allein zu besorgen hat, mufs dieses Verfahren eine 
Erleichterung sein u . Er läfst also das fertig angeschirrte, auch schon mit dem Joch- 



") Jahrbuch JV S. 307. 

I2 ) Gerhard A. V. II 95, 101, in, 136, 138; III 

240 : IV 312, 314, 315. Ktr. u. campan. 

Vasenb. 18. Griech. u. etr. Trinksch. 4, 5. 



El. cer. III 15. Vasi del conte di Siracusa 3, I. 

Coli. Dutuit Tat 15. 
,:! ) Genau wie Xenophon vorschreibt ::. t. 7, I. 
'*) Auf dieses Verfahren glaubte ich auch aus 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 17 

pfcrdc verkoppelte Pferd jetzt vorrücken 15 . Zu tun hat er nun nichts mehr als das 
Leitseil zu lösen; das kann er auch im Knien und ohne hinzusehen. Natürlich 
bleibt er an Ort und Stelle für den Fall, dafs der Herr ihm noch etwas zu befehlen 
hat. Der Ephebe denkt sogar mehr an den Herrn, vor den er hinkniet (s. u.) als 
an das Pferd, das er, nur wenig umblickend, nach sich zieht; der Mann, nicht so 
eifrig, aber ganz bei seiner Arbeit, achtet seines Herrn augenblicklich gar nicht. 
Ob diese Verschiedenheit einen tieferen Sinn hat, bleibe vorläufig dahingestellt. 
Jedenfalls werden beide Knechte nicht lange mehr beschäftigt sein; von dem dar- 
gestellten, der völligen Bereitschaft unmittelbar vorausgehenden Moment bis zur 
Abfahrt wird so wenig Zeit vergehen, dafs das flüchtige Ruhen im Knien völlig 
begreiflich wird. Da endlich beider Hände, ihrer Haltung nach, nicht jetzt schon 
die Seile ablösen können, so ist auf's neue bewiesen, dafs die Pferde ihnen noch 
nicht genügend nahe gerückt sind. 

Was hier in Worten mit unvermeidlicher Umständlichkeit geschildert ist, 
war in der Darstellung auf den ersten Blick deutlich; denn Zugleine und Zügel des 
schreitenden Pferdes hingen noch schlaff herunter. Der Künstler hat es also ver- 
standen, den nahezu äufsersten Moment der an sich uninteressanten Vorbereitung 
darzustellen und damit die Spannung auf das Bevorstehende zu richten, und es ist 
ihm gelungen, dies mit dem Minimum von Personal, dem Lenker und einem Knecht, 
deutlich vorzuführen. 

Die Wagen wurden durch die schreitenden Rosse zum Teil verdeckt, gc- 
wifs nicht zum Schaden der künstlerischen Wirkung des Ganzen. Doch brauche 

dem Vasenbild Gerhard A. V. III 194 (unten) handen. Es fehlten also die Zügel sowohl an 
schliefsen zu dürfen, indem ich annahm, dafs der Aufsenseite der Joch-, als an der Innen- 
der Knappe eben das letzte Pferd habe vor- seite der Beipferde und es waren im ganzen 
rücken lassen und nun das Leitseil — irr- höchstens vier, wahrscheinlich, da der an der 
tümlich vom Joch- statt vom Beipferd — Giebelwand liegende doch nur eine kurze Strecke 
löse. Nach freundlicher Mitteilung des Herrn sichtbar gewesen wäre, nur drei Zügel vorhanden. 
Prof. Sittl, dem ich auch eine Bause des Bildes Wie noch heute bei den Dreigespannen der 
verdanke, ist diese Auffassung unhaltbar. Athena römischen Campagna waren die Köpfe der Bei- 
hält erst einen Teil der Zügel, und das was pferde nur mit langen, viel Spielraum gewähren- 
der Knappe hält, stellt die übrigen dar. Damit den Riemen ([injuria Poll. I 148) an die der 
steht das stilistisch seltsame Gefäfs auch sachlich Jochpferde gekoppelt; ich verweise auf die chalki- 
vereinzelt. Will man nicht aus unserem Bilde dische Geryonesvase Luynes Taf. 8, auf Gerhard 
ein unglaublich ungeschicktes und verkehrtes A.V. III 231, 2 und die mir aus einer Skizze He- 
Anschirrungsverfahren construiren, so mufs man berdey's bekannte Münchener Vase 698 (sehr deut- 
Mifsverständnis eines besseren Originals an- lieh). Auch diese Koppelung mufs im Giebel schon 
nehmen , womit aber die Darstellung kritisch vollzogen sein ; denn etwa diesen Riemen durch 
wertlos wird. die Hand des Knechtes zu leiten, geht nicht 
is) \y; e j m übrigen di e Zügel angeordnet waren, an, weil er nur Ztigelstärke haben kann. Ob die 
ist ftir die Frage nach der Anordnung der Fi- Zügel unmittelbar in die Hand des Lenkers 
guren belanglos, sei aber wenigstens nebenbei oder durch eine etwa am Zugriemen angebrachte 
besprochen. Zwischen den bis zu genügender Ose liefen, läfst sich nicht entscheiden; ge- 
Höhe erhaltenen Hälsen der an der Giebelwand fälliger ist jedenfalls das letztere. Ganz ausge- 
stehenden Beipferde und der ihnen benach- führt war natürlich nur der Zügel des Voll- 
barten Jochpferde sind keine Zügellöcher vor- pferdes; bei den andern sparte man sich das 

Stück zwischen Hals und Joch. 

Jahxbncfc <u*s BrchHologischen Instituts VI. 2 



18 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 



ich sie nicht so dicht an die Pferde heranzurücken, wie Treu aus Raumnot es tun mufs, 
und gewinne durch mäfsige Verlängerung der Deichseln, die noch weit hinter der 
von Six angenommenen zurückbleibt, den Vorteil, dafs zwischen dem Hinterteil und 
dem auffallend weit abstehenden Schweif des zurückstehenden Pferdes der Wagen 
in seinen wichtigsten Teilen deutlich durchblickt. Sachliche Bedenken stehen dieser 
Verlängerung durchaus nicht entgegen. Aus einer Homerstelle (T 519) hat Schlic- 
hen 10 mit Recht geschlossen, dafs der Zug sehr lang war, und dasselbe lehren die 
Wagen der älteren s. f. Vasen, unter denen sich sogar die langsam fahrenden der 
Frangoisvase befinden 17 ; erst später pflegt man bei ruhig stehenden Gespannen, um 
eine häfsliche Lücke zwischen Wagen und Pferden zu vermeiden, also aus künstleri- 
schen Gründen, die Deichsel stark zu verkürzen. Hier, wo das Beipferd gerade vor 
diese Lücke tritt, war zu solcher Verkürzung kein Grund. Die Wagen waren, wie 
auch Treu 18 vermutete, von Marmor. Es sind nämlich drei merkwürdige Fragmente 
vorhanden, die mir anfangs Stützenreste schienen, sich aber von solchen durch sorg- 
fältige Glättung und regelmäfsige 
Form unterscheiden. Sie geben 
vielmehr deutlich oberflächlich 
gerundete Holzbalken von 10,5 cm 
kleinster und 12 — 13 cm gröfstcr 
Dicke wieder, und dürfen somit 
als Reste der Deichseln oder 
Axen gelten. An zweien dersel- 
ben ist das zum Einzapfen be- 
stimmte Ende erhalten. Eins 
dieser beiden zeigt aufserdem ein 
Loch für einen Nagel, dessen 
Kopf in eine falzähnliche, an der 
Oberfläche des Fragments ge- 
legene Erweiterung eingriff; ich 
möchte dieses Fragment für ein Stück Axe halten und annehmen, dafs die Zugleine 
des Beipferdes, statt am Wagenkasten, an der Axe befestigt war wie an dem Bronze- 
wagen Mus. Greg. A I 74, II. Völlig ausgearbeitet waren die Wagen schwerlich, be- 
sonders nicht mit zwei Rädern versehen; die von Treu berechnete Tiefe von 45 cm 
kann noch beträchtlich zu hoch bemessen sein, da die factische Mittellinie mit der 
ideellen, durch die Deichseln gegebenen durchaus nicht zusammenzufallen braucht. 
Dafs die Wagenlenker die beiden auf dem Boden Sitzenden sind, folgt 
ohne weiteres aus dem früher Dargelegten; ihnen hat man also die Zügel in die 
Hand zu geben. Die rechte Hand des Greises N hat eine geräumige durch- 
gehende Öffnung; durch diese sind die Zügel von oben durchzuführen, sodafs die 






' c ) Pferde des Altertums S. 160. 
") Vgl. Mon. dell' Inst. XI 41. Gerhard A. V. 
I 51; II 122 23: IV 267. Etr. u. camp. Vascnb. 



4, 5. Trinksch. u. Gef. 16. 
Arch. Zeit. 18S3 Taf. 1. 
i*) Jahrbuch IV S. 286. 



El. ceram. I 1. 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 19 



Enden sichtbar vor dem Arme herabhängen. Dafs die Hand noch in einer zweiten 
Handlung begriffen ist, konnte, solange die Zügel vorhanden waren, keine Unklar- 
heit verschulden. 

Aber die Figur bietet andere, unerwartete Schwierigkeiten. Vor allem 
scheint man bisher noch nicht bemerkt zu haben, dafs an dem der Giebelmitte ab- 
gewandten Teil des linken Armstumpfes dicht am Bruchrand ein höchstens 4 mm 
hoher Ansatz vorhanden ist. Der Contur desselben ist ein nach unten geöffneter 
Kreisbogen von 5,3 cm Sehne, läfst also auf einen unterhalb der Bruchstelle gegen 
den Oberarm stofsenden Körper vor kreisförmigem 10 Durchschnitt (dm. etwa 16 cm) 
schliefsen. Was dieser verschwundene Körper war, ist zunächst unklar; doch 
läfst sich ohne weiteres feststellen, was er nicht war. Nämlich erstens nicht eine 
Stütze; dazu ist der Ansatz zu umfangreich und zu regelmäfsig. Zweitens auch 
nicht der gehobene und an den Oberarm angeprefste Unterarm; dagegen sprechen 
dieselben Gründe und aufserdem, dafs der Ansatz so hoch liegt. Endlich drittens 
auch nicht ein von der erhobenen linken Hand gehaltener Körper; denn die er- 
hobene Hand könnte nur eine auf dem Boden ruhende Stütze halten, was sich mit 
der Form jenes Ansatzes nicht verträgt. Im Gegenteil widerlegt die Existenz des- 
selben die von Treu 20 neuerdings ausgesprochene Ansicht, dafs der linke Unterarm 
dieser Figur gehoben gewesen sei, und rechtfertigt im allgemeinen die Grüttner'sche 
Ergänzung. Dennoch bedarf auch diese der Correctur, da ein kleines Fragment 
der linken Hand erhalten ist. Es umfafst den Ballen und läfst 
noch erkennen, dafs der kleine Finger etwas eingebogen war, 
während die Stellung zum Unterarm unsicher ist. In der Fläche 
ist ein kleiner Rest erhalten, der nicht von einem der Finger 
herrühren kann, da dem die Stellung des kleinen Fingers wider- 
spricht; der hier ansetzende Körper war also von der Hand 

nicht umschlossen, sondern ruhte in ihr oder sie auf ihm. Zur Wahl kommen für 
diese ziemlich grofse Hand Kladeos, Oinomaos, sitzender Mann, Sterope, sitzender 
Greis: der Westgiebel ist ganz ausgeschlossen. Die linke Hand des Kladeos läfst sich 
nachweisen: eine sehr grofse, offene, in der Richtung des Armes ausgestreckte Hand mit 
leicht eingebogenen Fingern; die desOinomaos und des sitzenden Mannes werden später 
nachgewiesen werden. Sterope könnte man die Hand nur zuweisen, wenn man den 
Ansatz in der Handfläche für einen Gewandrest halten wollte; das ist undenkbar, 
da das mit den Fingerspitzen gefafste Gewand nicht bis an die Handfläche reichen 
konnte. So bleibt nur der sitzende Greis übrig. Dessen linker Arm aber reicht 
bequem bis auf den Boden, und da eine Hebung des Unterarms unmöglich, anderer- 
seits die stützende Funktion des Armes unentbehrlich ist, so lag seine linke Hand, 
die natürlich ihre besondere Plinthe hatte, auf dem Giebelboden. Damit fällt auch 
die Möglichkeit weg, zwischen Giebelboden und Hand einen weiteren Körper ein- 

19 ) Möglich wäre immerhin auch ein Körper von etwas gröfseren wie kleineren Umfang gehabt 

elliptischem Querschnitt, der dann ebensogut haben könnte als jener kreisförmige. 

20 ) Archaol. Anzeiger 1890, S. 107 f. 

2* 




20 Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 

zuschalten, und es ist unabweisbar, diese Hand mit dem Rücken aufliegen zu lassen 
und in dem erwähnten Ansatz den Rest eines in ihrer Fläche ruhenden Gegen- 
standes zu erkennen. Ein sicheres Urteil über diese eigentümlichen Einzelheiten 
wird erst dann möglich sein, wenn ihre Umgebung völlig ermittelt ist; wir werden 
dann auf das eben Dargelegte zurückzukommen haben. Nur das sei schon hier 
ausgesprochen, dafs diese Hand dicht am Giebclrandc liegen mufs, eine Forderung, 
die ich auch ohne Kenntnis des Fragmentes stellen würde, da man nicht denjenigen 
Teil der Figur, der ihre Haltung erst verständlich macht, dem Beschauer ver- 
bergen darf. 

Ziemlich sicher läfst sich der sitzende Mann ergänzen. Vor den Origi- 
nalen bestritt Kekule die Zugehörigkeit der linken Hand des Oinomaos, da sie für 
diesen zu klein sei. Später konnte ich diese von unten nicht genügend sichtbare 
Hand in der Nähe prüfen und fand nicht nur Kckule's Meinung bestätigt, sondern 
die Hand überhaupt so charakteristisch, dafs sie die Frage nach der Composition 
der Flügel ganz allein entscheiden würde, wenn nicht ihre technische Beschaffen- 
heit verschiedene Auslegung erfahren hätte. Diese Hand nämlich, die auch Treu 
ihrer Masse wegen dem Oinomaos früher nicht zuzuschreiben wagte und seinem Myr- 
tilosZ, zu geben geneigt war 21 , zeigt aufser dem durchgehenden Loch (dm. 2,5 — 3 cm), 
dessen Richtung zu dem vorausgesetzten Speer des Oinomaos durchaus nicht stimmt, 
ein anderes, welches in dem vom Zeigefinger gebildeten Winkel 7 cm tief in den 
Marmor eindringt: es besteht aus zwei convergirenden, erst am unteren Ende ganz 
ineinander übergehenden Löchern von 3 / 4 — 1 cm Durchmesser. Dieses Loch fand 
Treu mit einem Marmorpfropfen verschlossen und schrieb es deshalb einer Fehl- 
bohrung zu 22 . Aber eine Bohrung von solcher Tiefe auf ein blofses Versehen zu- 
rückzuführen, ist immer mifslich, und wir dürfen uns die Frage nicht ersparen, ob 
diese Bohrung nicht einen bestimmten, später in Wegfall gekommenen Zweck hatte. 
Alles weist darauf hin, dafs die Hand die eines Wagenlenkers sein sollte; durch das 
gröfsere Loch sollte das Kcntron hindurch, in das kleinere die Zügel, deren Dicke dazu 
genau pafst, hineinlaufen. Die Enden dieser Zügel mufsten dann in ein entsprechen- 
des Loch im Ballen eingesetzt werden; doch hat man, ehe diese zweite Bohrung 
ausgeführt war, die Anlage zu ändern beschlossen, Zügel und Kentron zusammen 
durch das umfangreichere Loch geführt und das nun überflüssige Zügelloch ausgefüllt. 

Die Hand war und blieb also die eines Wagenlcnkers. Nur diesem, nicht 
dem Knecht, kommt das Kentron zu und nur in seiner Hand, nicht in der des 
Knechtes, der das Pferd am Leitseil führte, können Zügel zusammenlaufen. Die 
Hand ist somit die des hinter dem linken Wagen sitzenden Lenkers. Gesetzt nun, 
es wäre durch alles vorhin über jene Knechte Gesagte nichts bewiesen, so blieben 
dennoch für diese Hand und diese Stelle im Giebel nur zwei Figuren, der sitzende 

- 1 ) Arehäol. Zeitung 1882 S. 239, Anm. 7. — Nach- giebt) diese Hand einem Wagenlenker (C) zuwies 
fraglich sehe ich, dafs Treu anfangs (Arehäol. und dafs Robert über die Einzelheiten der Be- 
Zeitung 1876 S. 176, wozu Taf. 13 unter a eine arbeitung genau so urteilte wie hier geschehen ist. 
vorzügliche Abbildung der erwähnten Hand -'-') Arehäol. Zeitung a. a. O. 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 



21 



und der kniende Mann, zur Wahl. Nun ist aber die sorgfältige Arbeit der Hand, 
an der nur die nächste Umgebung der Löcher, also ein kleiner Teil ihrer jetzigen 
Oberseite 23 vernachlässigt ist, mit vollem Recht für die Plätze mafsgebend gewesen, 
die Treu und Grüttner 24 versuchsweise ihr gegeben haben: sie gehört in jedem 
Falle vorn in den Giebel und war fast rundum sichtbar. Sie ist also nicht die 
Hand des Knienden, der, hinter den Wagen gesetzt, seine Linke ganz dem Be- 
schauer entziehen würde, und nur der Sitzende kann zu ihr gehören und jenen 
Platz einnehmen 25 . Ich halte diese Folgerungen für so zwingend, dafs sie für mich 
einen zweiten, selbständigen Beweis der bisher vorgeschlagenen Aufstellung bilden". 
Schwere Unzuträglichkeiten werden dadurch aufgehoben. Die Gestalt kann 
in ihrer künstlichen Stellung ohne Stütze nicht einen Augenblick verharren. Diese 
Stütze konnte für den unter den Pferdeköpfen sitzenden Mann nur ein Kentron sein, 
das aber dem hinter dem Wagen zu erwartenden Lenker zukommt, oder der Mann 
hielt irgendwie das eine Pferd und wurde nur durch den Widerstand des Pferde- 
kopfes in seiner Stellung festgehalten: dafs das eine künstlerische Unmöglichkeit 
ist, wird man der Zeichnung Jahrbuch IV, Taf. 8. 9, I gegenüber wohl zugeben. 
Aber auch die steile Stellung des rechten Unterschenkels, die diese Figur in der 
Ergänzung nur bekommen hat, um nicht mit der neben ihr stehenden Frau zu colli- 
diren, kann man jetzt wieder aufgeben und die Figur ungezwungener gestalten 27 , zu- 
mal da die ganz roh gearbeiteten drei ersten Zehen des rech- 
ten Fufses vorhanden sind und den Beweis liefern, dafs der 
Körper rundum, wenn auch mit starker Vernachlässigung der 
unsichtbaren Teile, ausgearbeitet war. 

Auch von der rechten Hand des Mannes ist ein Frag- 
ment erhalten. Es ist der Körper einer aufgebogenen, mittel- 
grofsen Hand, also in der Bewegung der dem Kladeos schon 




13 



- :i ) Archaol. Zeitung 1876 Taf. 13 ff. 

24 ) Archäol. Zeitung 1882, Taf. 12. Laloux-Mon- 
ceaux, Restauration d'Olympie, zu S. 74. 

") Die linke Handwurzel, die Possenti (Archäol. 
Anzeiger 1890, S. 60) dieser Figur zuweist, 
wird mit der identisch sein, welche ich dem 
Oinomaos gebe ; wenigstens ist mir eine andere 
nicht zu Gesicht gekommen. Diese Handwurzel 
hatte etwa I — 2 cm gröfseren Umfang als die 
ähnlich bewegte jetzige des Oinomaos, woraus 
sich die Zuteilung ohne weiteres ergiebt. Aller- 
dings ist auch dieses Fragment, wie alsbald nach- 
gewiesen werden soll, von einer aufgestützten 
Hand. Aber gerade wenn das Possenti'sche 
Stück die Unmöglichkeit eines stutzenden Stabes 
beweist, kann es dem Sitzenden nicht gehören, 
weil dieser der Stutze nicht entbehren kann. 

if ') Erwähnt sei noch, dafs die Abarbeitung des 
Oberkopfes dieser Figur bisher nicht richtig 



beurteilt worden ist. Mit Recht bemerkt Treu 
(Jahrbuch IV S. 310), dafs es unmöglich sei, die 
Abmeifselung des Scheitels aus der Abdachung 
des Giebelsima zu erklären, da sie sich von 
vorn nach hinten senke. Aber ebensowenig ist 
sie Stückfläche. Der in der Rückansicht Jahr- 
buch IV S. 294, Fig. 15 sichtbare glatte Rand 
beschränkt sich auf diese Seite; vorn geht die 
Spitzung bis ganz an das Ende der Abarbeitung, 
die übrigens nicht einmal eine Ebene ist. Hätte 
man ein Stück angekittet, so hätte sich genauer 
Schlufs zwar an der Rückseite , aber nicht da, 
wo er zu verlangen wäre, an der Vorderseite, 
ergeben. Die Eigentümlichkeit ist genau so zu 
erklären, wie die Spitzung auf dem Scheitel des 
Greises; nur dafs hier die volle plastische Form 
gewahrt blieb, dort, vermutlich weil der Marmor 
ausging, verkümmerte. 

Die Reste der vom Knie ausgehenden I länge- 
falten gestatten das. 



' : ) 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 



längst zugewiesenen rechten Hand ähnlich, die aber beträchtlich gröfscr ist. Aufser 
dem Mann könnte nur Sterope auf dieses Fragment Anspruch erheben; da aber, 
wie sich später ergeben wird, ihre rechte Hand nicht leer gewesen sein kann, so ist 
das Fragment dem Mann gesichert. Über den Arm hat Six 28 das Richtige gesagt: 
er ist in der Ergänzung zu wenig erhoben und zu dicht am Körper. Alle diese 
Erwägungen in Verbindung mit der Berichtigung der Kopfhaltung, die Treu gelungen 
ist 29 , ergeben das Motiv der Figur mit genügender Sicherheit: sie blickte, mit 
geringer Wendung nach der Mitte zu, aus dem Giebel heraus und in derselben 
Richtung erhob sie die Rechte, die etwa über den Giebelrand zu liegen kam, zum 
Gebet, und zwar, da die Aufsenfläche etwas sorgfältigere Arbeit zeigt, mit der 
Fläche nach oben, nicht nach vorn 3Ü . 

Für das Mädchen und den untätig dasitzenden Knaben bleiben nur die 
beiden vorletzten Plätze im Giebel übrig; fraglich bleibt nur, welche der beiden 
Figuren links oder rechts unterzubringen ist, diese Frage aber ist untrennbar von 
der nach der Handlung des Mädchens. Auch die neue Ergänzung dieser Figur ist 
unhaltbar. Der linke Oberarm kann, ohne mit den unterhalb der Achselhöhle er- 
haltenen Falten zusammen zu stofsen, nicht 
so steil abwärts gehen, er ging vielmehr, 
wie das leise Auseinanderklaffen des Ge- 
wandes zeigt, ein wenig nach aufsen; in 
diesem Punkt ist also die Grüttner'sche 
Ergänzung richtiger als die Hartmann'sche. 
Ferner pafst die Form des Ansatzes auf 
dem linken Schenkel nicht auf eine Hand- 
wurzel, höchstens auf eine mit der Fläche 
nach innen hochkantig aufruhende Mittel- 
hand, doch will auch dazu die Form nicht 
recht stimmen. Die Haltung des rechten 
Armes ist auch in der neuen Ergänzung 
eine unmögliche: die Richtung seines An- 
satzes beweist, dafs die Hand, ohne die 
linke zu treffen, frei herausragte. Die er- 
hobene und vorgestreckte Linke berührte 
also aller Wahrscheinlichkeit nach einen 
auf dem linken Oberschenkel aufruhenden Gegenstand, während die halb verborgene 
Rechte in irgend einer Handlung begriffen war; untätig, wie man bisher annahm, 
war die Figur keinesfalls. 

Die Durchsicht der Fragmente hat auch diese Beobachtung bestätigt. Zu- 
nächst befindet sich unter den Handfragmenten kleinen Formats eine ringsum be- 
stofsene rechte Mittelhand, die sich keiner anderen Figur als dem Mädchen zuweisen 




'-'") Journal of Hell. Stud. 1889, S. 105. 
''■') Jahrbuch IV S. 294, Fig. 15. 



:, °) Vgl. Über diese beiden Gebetsgesten Conze 
Jahrbuch I S. 12. 



Sauer, Der Ostgicbel des olympischen Zeustempels. 



läfst. Die Hand war geöffnet, höchstens können die Finger leicht eingebogen ge- 
wesen sein. An der Grenze des Daumens befindet sich in der Fläche ein senk- 
recht zu dieser 3,2 cm tief eindringendes Loch von 1 cm Durchmesser; auf dem 
Rücken dagegen, weiter vom Daumen abgerückt als jenes Loch, der Rest einer 
Stütze, deren Ausdehnung in der Richtung der Hand sich nicht bestimmen läfst, 
während sie in die Quere 4 cm mifst und noch bis zu einer Höhe von 0,9 cm er- 
halten ist. Wo diese Stütze endete, läfst sich nicht ermitteln; fast scheint es, als 
ob die Plinthe des Mädchens in der Nähe des rechten Fufses dafür keinen 
Raum geboten habe. Die Hand hing also durch diese Stütze vielleicht mit einer 
besonderen kleinen Plinthe zusammen, und war an den jetzt fehlenden Unterarm 
angestückt. Sicher ist jedenfalls, dafs die Fläche der Hand nach oben gekehrt 
war und dafs in ihr mittelst eines Stiftes ein Körper befestigt war, der als lose in 
ihr ruhend charakterisirt werden sollte. 

Noch bestimmter läfst sich über die linke Hand reden, von der nur ein 
Teil der Mittelhand mit den Ansätzen des vierten und des kleinen Fingers erhalten 
ist. Der Umstand, dafs letzterer besonders angesetzt war, und 
die sonstige Formgebung beweist, dafs auch diese Hand offen 
war; jedoch war der gröfste Teil der Fläche von einem Körper 
bedeckt, dessen scharf ausgeprägter Umrifs am ehesten auf 
einen gedrechselten oder geschnitzten Gegenstand hinweist. Da 
die Hand offen ist, liegt entweder der Körper auf der Hand- 
fläche oder diese auf ihm. Ein einfacher Versuch lehrt, dafs 
in ersterem Falle der Arm, wenn er nicht weit vom Kör- 
per abstehen soll, in ähnlicher Weise wie bei der neuen, bereits angefochtenen 
Ergänzung sich in's Gewand eindrücken müfste. Nimmt man dagegen an, dafs die 
Hand auf dem Körper ruht, so erklärt sich unerwartet der auf dem linken Schenkel 
erhaltene Ansatz, der das untere Ende jenes Körpers darstellt 31 . 

Von einer Erklärung der Aktion dieser Figur sei, wie immer, zunächst ab- 




') Den Kopf für nicht zugehörig, sogar für mann- 
lich zu halten, wie neuerdings wieder Furt- 
wängler (50. Berliner Winckelmannsprogramm 
S. 129), ist unzulässig. Graef's Beweisführung 
(Athen. Mitt. XIII S. 402 f.), die mir durch Treu 
(ebenda XIV S. 297 fr.) nicht schlagend wider- 
legt scheint, weil die von ihm angeführten 
technischen Indicien leider nicht deutlich genug 
sind, steht und fällt mit der Behauptung, dafs 
der Kopf des knienden Epheben nicht diesem, 
sondern dem knienden Manne (C) gehöre. Aber 
dieser Kopf war, wie die Flachheit des Über- 
gangs von der 1. Wange zum Hals beweist, 
stark nach der r. Schulter gedreht, was mit C 
unvereinbar ist. Furtwängler's überraschender 
Vorschlag, den Kopf des Mädchens auf C zu 
eingreifende Dübel dem 



setzen, scheitert an ähnlichen Erwägungen. Sein 
Hals zeigt links hinten stärkere Rundung als 
rechts, war somit etwas nach der r. Schulter 
gedreht; für C beweist das Erhaltene die ent- 
gegengesetzte Drehung. Die Corrosion jenes 
Kopfes beweist nichts, da sie sich nur auf das 
Gewand, nicht auf das Nackte erstreckt. Rich- 
tig ist aber die Beobachtung, von der Graef 
ausging: der Kopf ist falsch aufgesetzt. Eine 
mäfsige Drehung nach der r. Schulter giebt dem 
Kinn und der 1. Wange genügenden Raum; 
vermutlich war dafür der Körper, um die r. 
Hand besser sichtbar werden zu lassen, ein 
wenig schräg gegen den Giebelrand gestellt, 
sodafs das Knie diesem näher lag als der Fufs 
und der in den 1. Unterschenkel hakenförmig 
Beschauer entzogen war. 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 



gesehen, bis ihr eine feste Stelle im Giebel zugewiesen ist. Dazu aber reicht die 
Tatsache aus, dafs die Figur nicht untätig, sondern in einer Handlung begriffen 
war, die durch die Figur selbst dem Auge des Beschauers, auch des gerade vor 
ihr stehenden, fast entzogen war. Denn damit wird die Möglichkeit ausgeschlossen, 
die Figur auf der linken Seite aufzustellen, wo selbst bei starker, an sich durch 
nichts gerechtfertigter Drehung die Handlung der Rechten dem vor der Giebelmitte 
stehenden Beschauer völlig verborgen bleiben würde. Zur Geltung kommt sie erst, 
wenn man die Figur rechts, sehr nahe dem Giebelrand, aufstellt; denn hier kenn- 
zeichnet sich diese Handlung, ohne dem Beschauer zu entgehen, deutlich als 
versteckt. 

Der sitzende Knabe ist somit links, das Mädchen rechts an die vorletzte 
Stelle zu setzen. So wird auch das völlige Auseinanderfallen der Composition ver- 
mieden, das nach meiner Ansicht die unbestreitbare, nur aus der Überschätzung 
der Fundumstände erklärliche Schwäche der Curtius'schen Aufstellung ist. Und 
endlich kommt, wenn man den Knaben links aufstellt, die sorgfältig ausgearbeitete 
linke Seite desselben ganz so wie es Treu verlangt 3 '"' zur Geltung. 

Der sitzende Greis und das Mädchen sind also Nachbarn, und wir 
haben die Möglichkeit zu erwägen, dafs die rätselhaften Ansätze an beiden Figuren 
sich aus dieser Nachbarschaft erklären lassen. Der Ansatz am linken Oberarm des 
Greises stammt entweder von dem in seiner linken Hand ansetzenden Körper: dann 
hätte dieser, ohne von der Hand festgehalten zu werden, an dem Arm gelehnt, 
eine Möglichkeit, die ohne weiteres abzuweisen ist. Oder er rührt her von einem 
Körper, der mit der Nachbarfigur, dem Mädchen, zusammenhing: dann könnte 
dieser, da für die linke Hand eine an die Figur selbst gebundene Handlung ge- 
sichert ist, nur in ihrer rechten Hand angesetzt haben; aber auch diese Hand fafste 
nichts, und wieder würde jener rätselhafte Körper beiderseits des Haltes entbehren. 
Da endlich der Ansatz auch mit dem Wagen nichts zu thun haben kann und selbst 
die Vertauschung des Mädchens mit dem Knaben nichts ändern würde, so bleibt 
keine andere Wahl, als den Körper, von dem er herrührt, durch die rechte Hand 
der Figur selbst zu leiten. Diese hielt also aufser den Zügeln einen zweiten Gegen- 
stand, dessen bronzener Teil durch die rechte Hand lief, während der marmorne, 
ohne den Leib zu berühren, um diesen herumlief und erst an der Aufsenseite des 
linken Oberarms und zwar mit einem kreisrunden Schlufsstückc von 16 cm Durch- 
messer endete. 

Die rechte Hand des Mädchens so über die linke des Greises zu legen, 
dafs der Ansatz hier von der Stütze dort herrührte, ist vielleicht nicht unmöglich, 
wahrscheinlicher aber, dafs die erstere etwas weiter vom Giebelrand entfernt war 
als letztere; nur Versuche mit richtig ergänzten Modellen können darüber endgikig 
entscheiden. Ich vermute, dafs diese beiden Hände, wenn auch einander ganz 
nahe gerückt, äufserlich unverbunden waren, dafs also jede, wie die Ansatzspuren 
beweisen, einen Körper von geringem Umfang in ihrer Fläche hielt. Ganz sicher ist, 



■•-) Jahrbuch IV S. 287. 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 



>5 



dafs zwischen der Linken des Greises und der Rechten des Mädchens eine halb 
versteckte Handlung vorgeht. 

Für die Anordnung der Mittelgruppe ist entscheidend eine bisher nicht 
genügend hervorgehobene technische Eigentümlichkeit der Figur Treu K. An der 
rechten Flanke war der Marmorblock aus irgend einem Grunde zu knapp ausge- 
fallen; infolge dessen sind zwei Stücke angesetzt: ein 
grofses ADC(I)E), welches das Gewand unter der Achsel- 
höhle, aufserdem mit seinem oberen, winkelförmig aus- 
springenden Ende (AED) ein Stück des Oberarms ura- 
fafste und mit 4 starken Stiften aß-/ö und einem Bande e 
angeheftet war, und ein kleines, mit nur einem Stift (') 
befestigtes Stück F, welches an das erste anschliefsend» 
eine nach hinten sich erstreckende Lücke des Hauptblocks 
füllte. Aufserdem hat man da, wo der die Achselhöhle 
ausfüllende Gewandbug sich knickt, Haupt- und Stückblock, 
um allzuspitzwinklige Anschlufsstückc zu vermeiden, schräg 
abgeschnitten und die kleine Lücke G mit einem keilför- 
migen Stück gefüllt: die mit sehr sauberem Randbeschlag 
und je einem Stiftloch versehenen Anschlufsflächen sind 
in jeder gröfseren Photographie sichtbar. So complicirt 
das Verfahren ist, so begreiflich wird es also, wenn man 
sich die technischen Bedingungen desselben klar macht. 
Anders ist es mit einem in der Mitte des Hauptansatz- 
stückes von oben nach unten laufenden, noch jetzt etwa 
33 cm langen, 6 — 7 cm breiten, sorgfältig gespitzten 
Streifen H. Wären hier weitere Falten angekittet zu den- 
ken, so würden sie, nach der Gestaltung der Umgebung, sich 
höchstens zu 2 cm Dicke erheben können; es wäre also eine 
Marmorlamelle da besonders — und zwar ohne Hilfe von Stiften — angekittet, wo 
man das Hauptstück nur um 2 cm zu verstärken brauchte und damit zugleich 
solider gemacht hätte. In der That ist dieser Streifen ebenso wenig Stückfläche 
wie die Abarbeitung am Kopfe des sitzenden Mannes (vgl. S. 21, Anm. 26), und auch 
hier ist der scheinbare Randbeschlag nicht prinzipiell verschieden von der durchge- 
führten plastischen Form, an die sich die zwar vernachlässigte, aber immer noch 
bearbeitete, dem Beschauer abgewendete Fläche anschliefst. 

Der Unterschied ist aber der, dafs der Oberkopf jenes Mannes wie der ähn- 
lich behandelte des Greises in jedem Falle unsichtbar blieben, während die hier be- 
sprochene Vernachlässigung von gewissen Standpunkten aus sichtbar war. Darum 
mufste an diese Stelle ein anderer Körper so herangerückt sein, dafs sie verdeckt 
wurde, und nur wenn jener Körper ganz dicht neben K stand, wird es begreiflich, dafs 
man das ohnehin dünne Ansatzstück um einige Centimeter dünner machte. Endlich 
handelt es sich nicht um eine »Versatzcorrcctur«, sondern, wie die Güte der Arbeit 




26 



Sauer, Dur Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 



beweist, um eine schon in der Werkstatt ausgeführte Vorbereitung auf die Ver- 
setzung. 

Nur zwei Figuren sind vorhanden, die danach auf die Nachbarschaft von 
K Anspruch erheben können: G und H; denn zwischen / und K und D" und K 
würde eine unausfüllbare Lücke klaffen. Es bieten sich also die Möglichkeiten 

FIHGK \ 

\ (Schild von G längs der Abarbeitung von K) 

GFHK1 (1. Arm von // längs der Abarbeitung von K). 
An zweiter Stelle von H könnte K — und somit auch F — nur im ersten dieser 
drei Fälle stehen; dann würde aber der Speerarm von G gegen // stofsen. Die 
Frauen standen also an erster Stelle von H, und es ergiebt sich aus dem eleganten 
Zusammenschlufs der Conturen 34 ohne weiteres als einzig mögliche Anordnung: GFIIKI. 
Der linke Arm des Zeus läuft jetzt dicht an jener vernachlässigten Stelle 
von K entlang und bestimmt damit zugleich auf's genauste den Abstand der Frauen 
vom Tympanon, der allein aus der Tatsache, dafs die Rückseiten eben abgearbeitet 
sind, sich noch nicht ergiebt. 

Für jeden, der die von Studniczka eingeführte Benennung der Frauen auch 
gegenüber den Zweifeln von Flasch 35 und Six" festhält, ist damit auch den Männern 
ihr Platz angewiesen; doch sei auch dies auf Grund technischer Indicien dargethan. 
Vorauszuschicken ist, dafs die Drehung, die Six beide Figuren machen läfst, an- 
nähernd richtig ist. Wolters giebt mir darüber Folgendes an: »Bei der jetzigen 
Aufstellung des Oinomaos fällt störend auf, dafs das Gewand unterhalb des er- 
hobenen linken Armes nicht sorgfältig ausgearbeitet, sondern nur gespitzt ist. Diese 
Stelle mufste also bei der ehemaligen Aufstellung unsichtbar sein, d. h. die Figur 

des Oinomaos mufs mehr nach ihrer linken Seite, 
von der Giebelmitte weg gewendet werden. Zu der- 
selben Folgerung drängen zwei andere Tatsachen. 
Die Plinthe der Statue zeigt sich jetzt so wie sie 
hierneben abgebildet ist. Offenbar hatte dieselbe 
ursprünglich rechteckige, fast quadrate Gestalt; von 
dieser ehemaligen Begrenzung sind die Linien AB, 
CD, EF, GA übrig. Die jetzige Aufstellung ist der- 
artig, dafs AB parallel der Rückwand läuft. Wäre 
dies aber die beabsichtigte Stellung, so liefse sich 
kein verständiger Grund für die Abschrägung der 
Ecken durch die Linien FC, DE", FG denken. Es ist dabei zu bemerken, 




•'") Ich bemerke , dafs nicht der dicht an der 
Giebehvand liegende, sondern der nächste 
Pferdekopf von D denselben Abstand vom 
Tympanon hat wie die Abarbeitung von K. 

u ) Dies hat schon Six hervorgehoben : Journal of 
Hell. Stud. 1880, S. 100. 



*') Baumeister, Denkmäler S. 1104 Y Z. 

M ) Journal of Hell. Stud. 1889, S. 200. 

a7 ) Bei der Kante DE, die durch Absplitterung 
gelitten hat, ist wenigstens unten deutlich zu 
erkennen, dafs es sich um Bearbeitung, nicht 
um Bruch handelt; auch der kleine einspringende 



Winkel bei D ist künstlich. 



Sauer, Der (Jstgicbel des olympischen Zeustempels. 



dafs dies bearbeitete Begrenzungen sind, wie für BC und DE ohne weiteres durch 
die Beschaffenheit der Flächen, für GF, wo allerdings zweifellos Bruchfläche ist, 
durch die senkrecht dazu laufende Einarbeitung für einen Haken bewiesen wird. 
Das weist dann ebenfalls auf eine Drehung der Figur hin, bei der BC und GF un- 
gefähr in derselben Richtung verlaufen, wie die Rückwand 3 ", oder besser gesagt, bei 
der AB und FF nicht parallel zu derselben ziehen. Auf dieselbe Drehung weist 
schliefslich ein dritter Umstand hin. Die grofsen Dübel, welche die Statuen mit der 
Rückwand verbanden, stehen, wie dies in der Natur der Sache liegt, senkrecht zur 
Rückwand. In diesem Falle aber weicht die Richtung des Dübclloches (s. Arch. Zeit. 
1876, Taf. 13^) merklich von der Senkrechten ab; um beide in Übereinstimmung zu 
bringen müfste die Gestalt (nach meiner Messung) i8° um ihre Axe in der auch durch 
die anderen Beobachtungen nahe gelegten Richtung gedreht werden, so dafs sich Oino- 
maos also stärker von der Giebelmitte weggewendet hat, als dies jetzt der Fall ist. 
Was für den Oinomaos gilt, werden wir auch für sein Gegenstück, Pelops, annehmen 
müssen, also auch ihn stärker von der Giebelmitte weg, den Gespannen zu, drehen. 
Das wenige, was an der Figur selbst wahrnehmbar ist, bestätigt das. Die Vorder- 
fläche des Hauptdübelloches weicht jetzt 25 °, die erhaltene Seitenfläche statt 90 
etwa 95 , die Symmetrieaxe des weniger regelmässigen Loches im rechten Ober- 
schenkel um etwa 97 ° von der Richtung der Tympanonwand ab. Nur der kleinste, 
unterste Dübel scheint senkrecht zum Tympanon zu stehen. Also mufs auch der 
Pelops mehr von der Giebelmitte weggewendet aufgestellt werden. 

Ich lasse dabei die Frage unerörtert, ob die beiden Männer auf der ihnen 
gebührenden Seite des Zeus stehen; um Unklarheiten zu vermeiden bin ich im 
obigen stets von der jetzigen Aufstellung der Originale, Oinomaos in der rechten, 
Pelops in der linken Giebelhälfte, ausgegangen.« 

Für die Aufstellung der Männer ist von entscheidender Bedeutung, dafs 
beide Speere hielten, Pelops in der Rechten, Oinomaos in der Linken. Sie be- 
ruhten, soviel ich weifs, bisher auf Annahme, und ich habe vor Kenntnis der Frag- 
mente aus anderen Gründen, die ebenfalls durch die Fragmente widerlegt worden 
sind, die Existenz dieser Speere angezweifelt. Jetzt kann ich 
sie beweisen. Zunächst ist von einer ziemlich grofsen linken 
Hand die Wurzel mit einem Teil der Mittelhand erhalten. Die 
Hand war weder auf- noch eingebogen, wohl aber in der Ebene 
des Unterarms gegen die Elle gebeugt. In der fast ganz 
abgesplitterten Ballengegend findet sich der Rest eines wohl 
geglätteten kreisförmigen Loches, dessen Durchmesser sich aus 
dem erhaltenen Bogen auf rund 3 cm berechnen läfst. Stellt 
man die Axe dieses Loches senkrecht, so bildet der Arm, 
nicht die Hand, mit der Horizontalen einen Winkel von etwas l8 

38 ) » Nähme man diese Linien parallel der Ruck- dreht werden, was im Hinblick auf die nächste 

wand an, so müfste die Figur um etwa 35 ° ge- Beobachtung zu viel scheint.« 




28 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 





weniger als 6o°. Alles dies wie ein Ansatz in der Handfläche, der 
auf den vierten Finger zu beziehen ist, während der kleine nicht bis 
zur Fläche reichte, stimmt auf's genaueste zu einem aufgestützten 
Speer. Das ringsum gleich sorgfältig gearbeitete 
Fragment stammt also von der linken Hand des 
Oinomaos und beweist auf's neue, dafs die klei- 
nere, ähnlich bewegte Hand, die er jetzt hat, nicht 
ihm gehört. 

Von Pelops' Speerhand ist nur die Wurzel 
erhalten. Sie zeigt dieselbe starke Beugung gegen die 
Elle und stimmt in den Mafsen fast genau mit der nur ein wenig gröfseren des Oinomaos. 
Giebt man nun den Männern ihre Speere, setzt sie an zweite Stelle von 
Zeus und dreht sie in dem von Wolters geforderten Sinne, so müssen bei Six' 
Aufstellung die Speere unbedingt mit den Frauen zusammenstofsen. Vermeiden 
kann man das nur, indem man die Männer stärker dreht als die technischen In- 
dicien verlangen; dann verschwinden die Speerarme und Speere hinter den Frauen. 
So ungerechtfertigt dieses Verfahren, so unerfreulich das Resultat; man darf die 
so entstehende Gruppirung geradezu unmöglich nennen. Ebenso unmöglich ist es 
natürlich, die Arme der Männer über die Schultern der Frauen hinweg sich auf die 
Speere stützen zu lassen. Das einzig Natürliche ist, die Männer von den Frauen 
ab nach aufsen zu wenden, wo ja wirklich etwas vorgeht, was ihre Aufmerksamkeit 
verdient und wo ihren Speerarmen nichts im Wege steht. Oinomaos bleibt also 
rechts, Pelops links wie in der jetzigen Aufstellung. 

So zwingend sich diese Resultate aus dem technischen Befund ergeben, so 
unüberwindlich scheint der von Treu gegen die vorgeschlagene Umstellung erhobene 
Einwand, dafs die Männer für die ihnen nunmehr angewiesene Stelle zu 
hoch seien. Und das umsomehr, da auch die Möglichkeit ausgeschlossen ist, ihre 
Plinthen in den Giebelboden einzulassen. Dafs an einer Stelle (BC) der Oinomaos- 
Plinthe, deren Seitenfläche im allgemeinen vertical steht, der obere Rand gegen 
den unteren ein wenig zurückweicht, könnte man noch für Zufall halten. Nun sind 
aber zwei Fufsfragmente mit Plinthenstücken vorhanden, die ihren Mafsen nach — 
sie sind ein wenig kleiner als die des Oinomaos — nur von Pelops stammen können, 
und von diesen Plinthenstücken zeigt das eine, aufser sorgfältiger Ebnung der 
Unterfläche, so starkes Zurückweichen der Oberkante gegen die untere, dafs an 
Einlassung dieser und also auch der Oinomaosplinthe nicht mehr zu denken ist. 

Aber dieselben Fragmente geben uns auch die Möglichkeit schärfer als bis- 
her die Höhe der beiden Figuren zu bestimmen und die Genauigkeit der Ergänzung 
zu prüfen. Treu hat dieselbe gegen Brunn durch den Hinweis auf den Westgiebel- 
Apollon, die knienden Lapithen und den Kladeos, deren Proportionen das Muster 
für jene abgegeben haben, zu verteidigen gesucht. Dagegen ist zunächst im allge- 
meinen zu bemerken, dafs für alle diese Figuren überschlanke Proportionen sich 
fast mit Notwendigkeit aus den zu füllenden Räumen ergaben, und dafs es nicht 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 



29 




zulässig ist, diese Schlankheit auf Figuren zu übertragen, die einerseits dank ihrer 
Kopfbedeckung, die sich genügend hoch bemessen liefs, einer solchen Streckung 
nicht bedürfen, andererseits mit Rücksicht auf die unbedeckten Hauptes neben ihnen 
stehenden Frauen allen Anlafs haben, sie zu vermeiden. In der Tat sind beide 
Männer in der Ergänzung zu hoch ausgefallen. Die Plinthc 
des Pelops ist (am Rande) 8, die Sandale 1,5 cm hoch, während 
bei Oinomaos die entsprechenden Mafsc 9 und 2,5 cm sind; 
ferner liegt der weitest ausladende Punkt des rechten inneren 
Knöchels bei Pelops etwa 19,5, bei Oinomaos etwa 23 cm über 
dem Gicbelbodcn. Der Grund dieser Verschiedenheit ist sofort 
klar: der Künstler wollte Pelops schlank, Oinomaos gedrungen 
gestalten und mufste, da die für beide gegebene Höhe im 
wesentlichen die gleiche ist, den Oinomaos unten verkürzen, 
d. h. etwas höher stellen. Diesen schlankeren Proportionen 
des Pelops entspricht nun auch die Aufstellung seiner Fragmente im Olympiamuseum ", 
soweit es sich um die Zusammenstellung des Körpers mit dem isolirten linken Unter- 
schenkel handelt. Dieser selbst aber müfstc bedeutend tiefer stehen, um dem Fufs- 
und Plinthenfragment zu entsprechen: in Wahrheit liegt der innere Knöchel dieses 
linken Beins nicht 19,5, sondern 26 cm über dem Giebclboden. Wir dürfen also, 
mäfsig gerechnet, von der Höhe des Pelops, wie er jetzt vor uns steht, 5 cm abziehen. 

In anderer Weise ist die Aufstellung des Oinomaos fehlerhaft 1 ". Ich notirte 
folgende Mafse: 

Oin. 
Halsgrubc — Helmkuppc (ohne Bügel) .... 55,5 

Ende des Brustbeins — Helmkuppc 73 

Nabel — Helmkuppc 110 

Diese Messungen bestätigen lediglich, was man aus der Abbildung bei 
Laloux-Monceaux ohne weiteres ersieht, dafs nämlich der Kopf des Oinomaos be- 
trächtlich zu hoch aufgestellt ist. Beide Männer waren also kleiner als jetzt, Pelops 
etwa 5, Oinomaos mäfsig gerechnet 6 cm. 

Dazu kommt, dafs Pelops keinen Busch-, sondern einen Bügelhelm hat; 
während bei Oinomaos das Ende des Busches auf dem Rücken erhalten ist, findet 
sich bei Pelops davon keine Spur. Überhaupt ist sein Helm von ungewöhnlicher 
Form. Der Bügclansatz ist auffallend schmal und verjüngt sich schnell nach oben; 
zu beiden Seiten des Bügels aber finden sich zwei kleine Löcher (Durchmesser 
etwa '/, cm) symmetrisch angebracht. Für besonders eingesetzte Büsche sind letztere 
zu klein, desgleichen für Metallspitzen zur Abwehr der Vögel, eine Vorkehrung, 
die überhaupt an den Giebelfiguren fehlt 41 . So bleibt nichts übrig als hier einzelne 
Federn einzusetzen, und damit gleicht der Helm völlig dem eines Griechen auf der 
Amazonenvasc Gerhard A. V. IV 329/30. Pelops war also nur wenig gröfser als 

" 9 ) s. Laloux-Monceaux, Restauration d'Olympie, 4U ) Laloux-Monceaux, a.a.O. 

zu S. 74. ■") Vgl. Petersen, Athen. Mitt. 1889, S. 239. 



Pel. 

47 
67,8 
101. 



ßo Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 

jetzt in fragmentirtem Zustande; der Höhenunterschied wird durch die nachge- 
wiesenen Fehler der Aufstellung mindestens aufgewogen. 

Ein Pelops von der jetzigen Höhe von 2,82 m hat aber, links von 
F aufgestellt, selbst ohne Überschneidung dieser Figur, bequem Platz. 
Folgende einfache Berechnung wird dies zeigen. Dörpfeld hat neuerdings 
die bei Treu, Archäol. Zeit. 1882, Sp. 216 angegebenen Mafse einer Revision 
unterzogen und berechnet jetzt die Giebelweite auf 25,80, die Gicbelhöhe auf 3,25, 
die Kymahöhe auf 0,08 m. Darnach bilden Abscisse und Ordinate im Giebel die 
Gleichung 

3,25(12,90-*) 
J 12,90 

Für Pelops setzt sich nun x aus folgenden Gröfscn zusammen: 

Halbe Breite des Zeus 0,57 m 

Breite der Hippodamcia . . 0,81 

Halbe Breite des Pelops 0,60 > 

Spielraum zwischen Zeus und Hippodameia . 0,02 

x = 2,00 m. 
Dabei ist die Breite des Pelops ohne Berücksichtigung der Drehung und vom Speer 
bis zum Schild, also bedeutend zu grofs angenommen; zur Ausgleichung dieser 
starken Übertreibung ist zwischen ihm und Hippodameia kein Spielraum gerechnet. 
Dafs Zeus und Hippodameia sich fast berühren müssen, folgt aus dem bisher Dar- 
gelegten. 

Die Pelops-Ordinate ist demnach, ohne Überschneidung, schon 2,826 m und 
vergröfsert sich auf jeden Ccntimctcr, um den die Figur sich der Mitte nähert, um 
rund '/ 4 cm. 

Diese Verschiebung aber, deren Consequenz eine teilweise Überschneidung 
der Hippodameia durch Pelops ist, ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Wir 
wissen, merkwürdigerweise erst seit allerjüngster Zeit 42 , dafs Pelops ein Schild- 
zeichen hatte, in dem Treu, wahrscheinlich mit vollem Recht 43 , einen Wagenstuhl 
vermutet. Der kleine Rest desselben zeigt sehr sorgfältige Arbeit, und es versteht 
sich ohnehin von selbst, dafs ein solches redendes Symbol deutlich und unverkürzt 
sichtbar sein mufs. Das aber ist es in keiner der bisherigen Aufstellungen, nicht 
einmal in der von Six, der zwar die Figur dreht, aber weil er Pelops rechts statt 

*■) Durch Treu, s. Archäol. Anz. 1890, S. 60. Aufsenseite des Unterarms erhaltenen. Beide 

An derselben Stelle hat Treu dargelegt, wie der dienten zur Befestigung des Schildes , welcher, 

Tänzer des Pelops zu denken ist. Hinzuzufügen wenn man die Breite des Randes nach der 

ist nur, dafs wegen der asymmetrischen Anord- Geryonesmetope bemifst, einen Radius von etwa 

nung der Löcher um die Schultern die linke 45,25 cm bekommt, während die Mittelpunkte 

Achselklappe zu öffnen ist. Das ist zunächst jener beiden Löcher 47 cm von einander ent- 

wieder eine Andeutung der jtspaJMWf}, soll aller fernt sind. 

wohl auch an die Sage von der Elfenbein- 4:i ) Ich verweise auf die panathenäischen Preis- 
schulter erinnern. Das von oben in die 1. aniphoren Gerhard , Trinksch. u. Gef. B 9 und 
Schulter eindringende Loch ist umfangreicher besonders B 17, sowie Mus. Greg. II A 34, 
und stimmt völlig Uberein mit dem an der 3b; B 42, 3b. 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 3 I 



links aufstellt, dem vor der Giebelmitte stehenden Beschauer das Schildzeichen 
wiederum nur in ganz entstellender Verkürzung darbieten kann. Völlig zur Geltung 
kommt es, wenn Pelops nach aufsen gedreht links aufgestellt wird und mit seinem 
Schild, der nun den Blick des Beschauers sofort auf sich zieht, Hippodameia zum 
Teil deckt. 

Hat Pelops an zweiter Stelle von Zeus Platz, so gilt für Oinomaos dasselbe, 
und dafs sein Helm einen Busch hatte, kann daran nichts ändern. Vor allem wäre 
es falsch, denselben nach der Augeias-Metope zu reconstruiren, wo eine Erhöhung 
der Gestalt der Athena wünschenswert sein mufste. Ob der Busch ungewöhnlich 
niedrig war oder ob man einen scheinbar hohen, oben abgearbeiteten vorzog, läfst 
sich nicht entscheiden; für das erstere scheint zu sprechen, dafs auch der Helm 
des Pelops von ungewöhnlicher Form ist. 

Wie der Schild des Pelops sich ein Stück vor Hippodameia schiebt, so 
deckt der trotzig in die Seite gestemmte rechte Arm des Oinomaos den linken, in 
einer nichtssagenden Geberde begriffenen Arm der Steropc. So treten die Frauen 
stark zurück, und sichtbar bleibt von ihnen nur das wirklich Charakteristische: die 
Gebärde der linken Hand der Hippodameia und die noch zu ermittelnde Funktion 
der rechten Hand der Steropc. Die Männer blicken aufmerksam auf die Gespanne; 
ihre Haltung war schlichter, als man bisher annahm, das zeigt das Fragment der 
linken Hand des Oinomaos, das in Verbindung mit dem Oberarm zur genauen 
Wiederherstellung dieser Figur und also auch des Pelops ausreicht. 

Die Zusammenrückung der Mittel figuren wirkt auch auf die Flügel zu- 
rück. Wolters' Erwägungen hatten zunächst nur gesichert, dafs Vollpfcrde und 
Reliefpferde beträchtlich gegeneinander zu verschieben seien. Jetzt wird es klar, 
dafs nicht sowohl die Vollpferde den Ecken als die Reliefpferde der Giebelmitte 
zu nähern sind. Es bedarf darnach keiner umständlichen Berechnungen, um die 
Möglichkeit der von Wolters geforderten Verschiebung darzuthun; wohl aber sind 
nun erst die Wagen ohne die geringste Verschiebung der Eckfiguren bequem unter- 
zubringen. 

Endlich ist die hier geforderte Aufstellung der Männer auch für die Ge- 
staltung der Mitte selbst entscheidend. Wenden sich beide ihren Pferden zu, so 
ist jedenfalls keine von allen vier Personen gemeinsam vollzogene Opferhandlung 
in der Mitte dargestellt; höchstens könnten die Frauen oder eine von ihnen in einer 
solchen begriffen sein. Diese Erwägung in Verbindung mit den von Treu ange- 
führten äufscren Gründen scheint der Annahme eines genau in der Mitte vor Zeus 
stehenden Altars wenig günstig. Da sie indefs auch jetzt noch viele Freunde hat, 
mufs ich Trcu's Beweisführung ausdrücklich unterstützen. Die Verteidiger dieses 
Altars folgern aus der horizontalen Einarbeitung im Zeusgewand, dafs hier, an die 
Figur angeschoben und faktisch sie stützend, ein umfangreicher Block stand, der 
allerdings in dieser Szene kaum etwas anderes sein könnte als ein Altar. Die 
nächste Consequenz wäre, auch vor oder unter die Mittelfigur des Westgiebels etwas 
Ähnliches zu stellen, denn auch diese schliefst mit einer sogar etwas höher ge- 



32 Sauet, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 

logenen horizontalen Abarbeitung. Ferner sind in jener schmalen Horizontalflächc 
zwei kleine Löcher erhalten, in denen natürlich Stifte safsen. Sollten letztere in 
einen auf dem Boden ruhenden, an die Figur angeschobenen Block eingreifen, so 
mufsten sie beide senkrecht stehen. In Wahrheit läuft aber nur das eine, am Stand- 
bein befindliche Loch vertical, das, andere schräg nach hinten, d. h. beide folgen 
der Richtung des Gewandes. Genau so aber liegt ein drittes Loch von gleicher Weite, 
das sich an dem von Treu mit Recht dem Zeus zugewiesenen Gewandstück findet 4 '. 
Das ganze complicirte Verfahren diente also in der Tat nur der Anblcndung von 
Gewandteilen. Allerdings schliefst die sorgfältige Arbeit der erhaltenen Stücke 
dieses Gewandfourniers" durchaus nicht die Möglichkeit aus, dafs man nachträglich 
einen die Statue nicht berührenden Körper vor derselben aufgestellt hätte. Die 
Frage würde also unentschieden bleiben, wenn nicht ein anderes Gewandfragment sie 
in unerwarteter Weise löste. Es ist ein oben gebrochenes, vorn 
sorgfältig ausgearbeitetes, im übrigen nur gespitztes Stück, 
welches einige schwere, auf dem Boden schleppende Falten 
darstellt; die Rückseite zeigt roh angedeutet eine rundliche 
Hängefalte. Das Stück ist zu schmal und in der Form nicht 
passend für das von der linken Hand des Apollon niederhän- 
gende Gewandstück und kann deshalb nur das untere Ende 
des von der linken Hand des Zeus aufserhalb herabfallenden 
Gewandes sein. Im Widerspruch mit der sorgfältigen Aus- 
führung des Fragments steht nun aber eine am unteren 
Ende befindliche, vertieale, der Giebelwand parallel laufende, 
von einem flachen Bogen begrenzte Abarbeitung von 7 cm höchster Höhe und 
9,5 cm Breite. Diese Abarbeitung ist nur als Versatzcorrectur verständlich; ein 
Körper, der vor dem Fragment Platz fand, sich aber weiter als ursprünglich be- 
absichtigt war nach hinten ausdehnte, nötigte den am meisten vorragenden Teil 
der Gewandmasse zu beseitigen. Der fragliche Körper hatte also eine vertieale, 
der Giebelwand parallele Rückfläche; im übrigen bleibt seine Form unbestimmt, 
weil die Gestalt der nachträglichen Abarbeitung durch den Verticalschnitt in den 
Gewandkörper sich von selbst ergab, also an sich bedeutungslos ist. Entweder 
reichte nun jener Gewandzipfel bis auf den Giebelboden, oder er endete über dem- 
selben auf einem horizontal abschliefsenden Körper. Beides pafst auf den in 
sonstigen Darstellungen der Szene nie fehlenden Altar: im ersteren Falle ist die 
Abarbeitung durch die Rückseite des Altars selbst verursacht, im letzteren durch 
eine immerhin denkbare Erhöhung des Vorderrandes, etwa eine Volute. Aber ein 
Blick auf den gegebenen Raum lehrt sofort, dafs nur der erste Fall in Betracht 
kommen kann. Nach der Mitte zu bildet die Grenze dieses Altars die Plinthe der 
Zeusfigur, die weiter vorn im Giebel liegt als jenes gesondert den Boden erreichende 

■") Jahrbuch IV S. 297, Fig. 18. ich noch ein kleineres, das völlig überein- 

45 ) Aufser dem von Treu abgebildeten Stück kenne stimmende Behandlung aufweist. Einige andere 

gehören nicht sicher dem Zeus an. 




Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 33 

Gewandstück. Denn den Altar in diese Plinthe eingreifen zu lassen, wäre deshalb 
höchst bedenklich, weil die gewaltige Figur ohnehin eine sehr geringe Standfläche 
hat; dafs es aber unmöglich ist, den Altar zur Unterstützung der Figur zu verwenden, 
ist bereits dargelegt worden. Der Altar stand also nicht genau vor Zeus, sondern 
mehr rechts und mufs ein Stück des Unterkörpers der Sterope verdeckt haben; die 
sorgfältige Arbeit des erhaltenen rechten Fufses dieser Figur kann dagegen ebenso 
wenig beweisen, wie die sorgfältige Ausführung jenes Gewandzipfels. Geplant war 
der Altar wohl von Anfang an; nur hat man es vorgezogen, seine Gröfse, Form 
und Aufstellung erst nach Versetzung der ihm benachbarten Figuren zu bestimmen 
und darum diese Figuren in allen Teilen gleichmäfsig gut ausgearbeitet. 

Der Altar füllt die Lücke zwischen Zeus und Sterope und erstreckt sich, 
auch wenn man ihm mäfsige Gröfse giebt, bis unter ihre rechte Hand. So kann 
kaum ein Zweifel mehr bestehen, dafs sie in dieser Hand ein Opfergerät hielt: 
das ist zugleich die Probe auf die verlangte Aufstellung der Sterope. Natürlich 
mufste auch die Lücke zwischen Zeus und Hippodameia ausgefüllt sein, und was 
hier stand, mufste sich ebenfalls auf das Opfer beziehen. Hier also wird die am 
Boden stehende Kanne, in Sterope's Hand die Schale anzunehmen sein. 

Die hiermit gewonnene Anordnung der Giebelfiguren darf den Anspruch 
erheben, ganz auf technischen Beobachtungen zu beruhen, will also nur aus techni- 
schen Gesichtspunkten beurteilt werden. War die Exegese nicht ganz zu entbehren, 
so durfte sie doch nie mehr als eine elementare sein, und in demselben Sinne, 
ohne Rücksicht auf Bedeutung und künstlerischen Wert des zu ermittelnden Ganzen, 
ist ihre Richtigkeit zu prüfen. 

Wohl aber ist jetzt die gewonnene Darstellung zu deuten und besonders 
der Versuch zu machen, einige wichtige, bisher aber rätselhaft gebliebene Einzel- 
heiten aus dem Ganzen zu erklären. 

Es trifft sich günstig, dafs ich die Reihe der Pelops-Oinomaosdarstel- 
lungen durch einige wichtige Monumente, deren zwei den Giebclskulpturen sogar 
zeitlich näher stehen als alle bisher bekannten, vermehren kann. 

Das älteste ist eine in der Sammlung der griechischen archäologischen Ge- 
sellschaft befindliche Lekythos, deren Zeichnung ich Wolters' Liebenswürdigkeit 
verdanke". Es ist ein Gefäfs jener künstlerisch recht unerfreulichen, aber durch 
eigenartige Darstellungen ausgezeichneten Art, der die Wiener Tyrannenmörder- 
lekythos und die neuerdings im marathonischen Soros gefundenen angehören. Eine 
genaue Beschreibung macht die hier gegebene Abbildung unnötig. Hervorzuheben 
ist, dafs Oinomaos noch nicht bewaffnet 47 , vielmehr mit dem Himation bekleidet und 

te ) 'A-p-Eta 3028. »Ehmals Besitz von Philimon, dem nur geringe Spuren erhalten sind. Über 

Herkunft unbekannt. H. 0,185 m. Bauch gelb- dem Bild schmale, ganz schematische Epheu- 

lichweifs überzogen, darauf schwarze Figuren ranke, noch auf weifsem Grund ; auf der Schulter 

mit Einritzung. Der Kranz des Oinomaos war das übliche Lotosknospenornament. Unter dem 

weifs aufgemalt, ebenso sein Schildzeichen, von Fufse eingeritzt« (Wolters). 
47 ) Das Schildzeichen war wohl ein Dreifufs. 

Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. X 



34 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 




23 

mit einem Kranze geschmückt ist. Was seine Linke tut, ist nur deshalb nicht sofort 
klar, weil die Figur arg verzeichnet, ihr Oberkörper nämlich dem Beschauer abge- 
wendet und damit die linke Hand zur rechten geworden ist: die Hand giefst die 
Spende in's Feuer, in welchem das von ähnlichen Darstellungen genugsam bekannte 
Schwanzstück des Opfertiers liegt. Pelops, der eben abfahren will, hat Flügelrosse 
wie am Kypseloskasten; neben ihm ruht am Wagenkasten sein Speer — für ein 
Kentron ist der Gegenstand zu lang — , sodafs er wenigstens nicht ganz waffenlos 
ist. Verteilt ist die Darstellung so, dafs die Nebenperson, der Opferdiener, unter 
dem Henkel des Gefäfses steht. 

Jünger sind die von Cecil Smith im Journal of Hellenic Studies IX Tafel 1 
zusammengestellten schönen Fragmente eines r. f. attischen Kraters, welche den 
Übergang bilden zu dem oft publicirten, auch von Treu gebührend hervorgehobenen 
Krater von S. Agata de' Goti 48 . Auch dort handelt es sich nicht um ein beliebiges 



s ) Publicirt z. B. Archäol. Zeitung 1853 Taf. 55; 
vergl. im übrigen Heydemann , Neapler Vasen 
2200. — Ich werde aufserdem auf ein Vasen- 
bild aufmerksam gemacht, dessen Hauptgruppe 
in den Melanges d'archeologie et d'histoire 1881 
Taf. 13 zu S. 349 ff. publicirt ist. Sie schliefst 
sich eng an die Darstellung des Kraters von 
S. Agata de' Goti an, kann aber meines Erach- 
tens nicht echt sein. Zu Grunde liegt im we- 
sentlichen Dubois-Maisonneuve Taf. 30; nur 
sind Einzelheiten nach Inghirami, Monumenti 
etruschi V Taf. 15 corrigirt. Mit jener Publi- 
cation hat sie die ungenau wiedergegebene Be- 
krönung des Kalathos sowie den Bogen des 
Götterbildes und die fehlerhafte Wiedergabe der 
Aigis gemeinsam, auch fehlen wie in jener die 
Armbänder der Athena, die Schuppen an Oino- 
maos 1 Panzer und die Zweige am Opferkorb ; 
auch die Säule erinnert an die allerdings cylin- 
drisch gedachte bei Dubois-Maisonneuve. Nach 
Inghirami sind die Kränze, der Helmbusch der 
Athena und einige Verbesserungen am Gewand 
des Götterbildes aufgenommen. Für die Un- 



echtheit des Pariser Gefäfses führe ich, ohne 
auf Vollständigkeit Anspruch zu erheben, fol- 
gende Gründe an: I. Mifsverstanden sind die 
Helme (die sinnlosen Kreise sind aus dem Um- 
rifs der Helmkuppel entstanden) und Helm- 
büsche, die Aigis der Athena, der Mantel, der 
vom Gürtel gebildete Bausch , das Zackenorna- 
ment beim Götterbild. 2. Die Männer sind 
ohne Schnurrbarte. 3. Die Form TT in Iloieiodiv 
ist um Jahrhunderte zu jung. Die Vase soll 
seit fast einem Jahrhundert der Familie des 
jetzigen Besitzers gehören (Melanges S. 349). Das 
wäre an sich nicht unmöglich , da der Krater 
von S. Agata de' Goti vor 1796 gefunden (Do- 
cumenti IV S. 151) und die Poniatowskivase, 
deren eine Darstellung auf dem Revers der 
Pariser wiederkehrt (S. 358), bereits 1794 von 
Visconti veröffentlicht worden ist. Da jedoch 
die Benutzung Inghirami's sicher scheint, so 
scheint jene Angabe irrig und die Vase erst nach 
1824 entstanden. 

Auf Bitte der Redaktion hat Herr Salomon 
Reinach festgestellt, dafs die Vase sich noch 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeusternpels. 35 

Opfer an Athena. Das Fragment, das Smith dem Opfernden geben möchte, enthält 
aufser dem wehenden Gewandzipfel einen rechten Ellenbogen; versucht man diesen 
dem Manne zuzuweisen, so wird sofort klar, dafs Figur und Gewand nicht zusam- 
menstimmen. Das Stück gehört also dem Revers und zwar, wie der Ornamentrest 
beweist, dem linken Ende desselben an und stammt von einer eilig nach rechts 
bewegten Figur. Diese Figur ist der wie auf der Lekythos schon im Abfahren 
begriffene Pelops, und der bekränzte, aber finster blickende, mit dem Himation 
bekleidete Mann, der neben einem Ölbaum opfert, ist Oinomaos. 

Dafs auch die vielbesprochene Darstellung der Jattaschen sogenannten 
Kyknosvase (Vasi Jatta 1088) auf Pelops und Oinomaos zu beziehen ist werde 
ich an anderer Stelle ausführlicher als es hier angebracht wäre, darlegen. 

Aus der Reihe dieser Sarkophage hat man ganz mit Unrecht ein späte- 
stens aus trajanischer Zeit stammendes Monument auszuschliefsen gesucht, das 
sich durch eigenartige Auffassung, Klarheit des Vortrags und technische Sorgfalt 
von den übrigen unterscheidet und durch das Streben nach Symmetrie, die der 
gegebene Raum durchaus nicht unbedingt forderte, sich unmittelbar dem Olympia- 
giebel an die Seite stellt: die Mattei'sche Sarkophagplatte Annali d. Inst. 1858, 
Tav. K. 4S Pelops, der die Chlamys, da ihr Ende hinter dem Reste des linken 
Arms hervorkommt, shawlartig, etwa wie Oinamaos im olympischen Giebel, um- 
geworfen hat, und Hippodameia, von deren Himation zwischen ihr und den 
Rossen ein Zipfel herabhängt, haben den Wagen links bestiegen und fahren ab, 
was dadurch angedeutet ist, dafs der Schweif des ganz sichtbaren Pferdes weit 
zurückweht 50 , während der Knecht, der die Pferde hielt, vor den bäumenden zu- 
rückzureichen scheint. Auch Oinomaos'' Pferde bäumen sich, aber ein Knecht fällt 
ihnen in die Zügel, und auch der hängende Schweif beweist, dafs sie noch am 
Ort bleiben. Unter den Pferden liegen je zwei erschlagene Freier. Auf Oinomaos' 
Wagen steht sein Lenker, gepanzert wie, nach meiner Deutung, der des Pelops auf 
der Jatta'schen Vase; auch Oinomaos selbst ist gepanzert, im Gegensatz zu dem der 
Vase, der erst nach dem Opfer sich waffnet. Er scheint eben zu spenden, während 
ein Opferschlächter ein Rind herbeiführt. Endlich kommt hinter Pelops und seinem 
Wagen hervor ein Jüngling mit einer den linken Arm bedeckenden, dann tief herab- 
hängenden Chlamys und dem in der Scheide steckenden Schwert in der Linken; 
seine Fufsbekleidung ist wie die des Oinomaos nicht römisch, sondern grie- 



bei Herrn Hardy befindet und dafs die Publi- Zeichnung stützte, ist er dem Richtigen näher 

kation in den Melanges völlig genau ist. Aber, gekommen als Matz und v. Duhn, deren Be- 

gem'äfs seinem Grundsatze über Kunstwerke im Schreibung (II 3374) durchaus nicht zutreffend 

Privatbesitz nur auf Wunsch der Besitzer Ur- ist. 

theile abzugeben, hat Herr R. über die Her- *») Ein längerer Ansatz am 1. Unterschenkel des 

kunft der Vase und den Stil der Malerei sich Pelops, ein Puntello an der rechten Wade des 

nicht äufsern wollen. Opferschlächters und ein anderer an der linken 

9 ) Vgl. Ritschi ebd. S. 163«". Trotz der Fehler , des vor diesem nach rechts schreitenden Jüng- 

seiner Erklärung, die sich auf eine schlechte lings bestimmen die Richtung dieses Schweifes 

mit voller Sicherheit. 

3* 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 



chisch 51 . Zu dem Opfernden bildet er nur scheinbar das Gegenstück; denn sein Ober- 
körper ist völlig von jenem ab und dem linken Ende des Reliefs zugewendet, und es 
fehlt jede directe Beziehung zwischen ihm und der Handlung der Mitte. Eine vornehme 
Gestalt ist er wegen seiner Fufsbekleidung nicht 5 "'; für einen Stallknecht ist eine 
Ausrüstung 53 zu kriegerisch; eine ■Hauptfigur ist er nicht, weil wir keine einzige 
vermissen, eine blofse Füllfigur deshalb nicht, weil sämmtliche übrige Figuren sinn- 
voll ausgewählt und componirt sind. In der Tat ist er ein Untergebener in an- 
nähernd kriegerischer Funktion, nicht unentbehrlich und doch ganz an seinem Platze: 
es ist der Trompeter, wie der des erwähnten Jattaschen Vasenbilds und der Vase 
Mon. dell' Inst. IV 30 bestimmt dem Pelops das Signal zur Abfahrt zu geben. Em- 
pfohlen wird diese Auffassung der Figur eben durch die genannten Vasenbilder; ihr 
Typus, der nicht der gewöhnliche römische, z. B. durch den Neapler Oinomaos- 
Sarkophag vertretene ist, läfst sich gleichwohl auf römischen Sarkophagen nach- 
weisen 54 und hat seine entfernteren, aber sicheren Verwandten in griechischen Re- 
liefen der besten Zeit: die Trompeter von Gjölbaschi 55 und den des östlichen 
Theseion -Frieses. Damit gewinnen wir in diesem anspruchslosen Werk eine der 
gewissenhaftesten und einheitlichsten Darstellungen unseres Mythos. 

Die Vermehrung des monumentalen Materials erlaubt jetzt ein schärferes 
Urteil über die früher allein bekannten späteren Darstellungen des Mythos. Die an 
heiliger Stätte erfolgende Verabredung über die Bedingungen des Wettkampfes 56 
ist sicher nicht originale Fassung, sondern entstand durch Verschmelzung zweier 
scharf getrennter Vorgänge: der Ankunft des Pelops in Pisa und des Opfers, das 
Oinomaos erst beginnt, sobald sein Gegner abfährt. So sind alle entscheiden- 
den Monumente darin einig, dafs Pelops vor Oinomaos das Rennen be- 
ginnt, sei es, dafs seine Verfolgung durch diesen, wie am Kypseloskasten und in 
dem von Apollonios geschilderten kunstvollen Gewebe (Argonautica I 752fr.), sei 

5I ) Vgl. Gestalten des pergamenischen Telephos- haltung (i 8, 28. 29'. 30; 19,34; 2 °i 39- 4 2 ) <l es 

frieses, Jahrbuch II S. 251 ; III S. 48. 88. griechischen Typus erhalten. 

i '-') Dieselbe Verschiedenheit der Fufsbekleidung •*) Benndorf, Heroon v. Gjölbaschi -Trysa Taf. IX 

wie er und Oinomaos in unserem Relief zeigen A I. Weniger charakteristisch ist XXIV A 4. 

Haupt- und Nebenpersonen im Telephosfries Die Figur des Theseionfrieses ist die zweite 

Jahrbuch III S. 48. Die gleiche Fufsbekleidung von rechts. Ein Rest des aufwärts gerichteten 

zeigt z. B. der Pädagog des Phaeton in dem rechten Unterarms, der darüber am Kyma 

Stuckrelief, das in der Gazette archeologique sitzende starke Puntello und der leere Raum, 

1885 Tafel 10 noch unvollständig und, da der welcher rechts davon durch die starke Beugung 

Herausgeber den Nimbus des Helios übersah, der Eckfigur entsteht, weisen auf einen dorthin 

mit falscher Deutung, vollständiger, mit der sich erstreckenden, in Mundhöhe gehaltenen 

ganzen Decke, in dem eben ausgegebenen Slip- Körper. Die Deutung fanden Heberdey und 

plementheft der Monumenti dell' Instituto (Tafel ich unabhängig von einander auf Grund der 

33) veröffentlicht ist. Figuren von Gjölbaschi. 

53 ) Die Knechte an den Ecken haben keine Panzer, M ) Vgl. Ritschi, Ann. d. Inst. 1840 S. 175 ; 185S 

sondern kurze, wohl lederne Koller ohne Pteryges. S. 168. — Die angeblich aus der Campagna 

51 ) Am nächsten stehen Robert, Antike Sarkophag- stammenden Fragmente eines Wandgemäldes 

reliefs II Taf. 31, 76 und 33, 79, auch noch, Gaz. arch. I Taf. 5. 6 bin ich geneigt für eine 

32, 77 b; im übrigen bleibt manchmal das Fälschung nach der Ruveser Vase Ann. d. Inst. 

Schrittschema (18,27), manchmal die Hand- 1840, Taf. N. O zu halten. 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. ^7 

es dafs der Anlafs der Verspätung des Oinomaos, das Opfer, dargestellt wird. So 
wächst die auch von Treu, allerdings zu einseitig auf Grund literarischer Überliefe- 
rung, betonte Wahrscheinlichkeit, dafs auch in der Giebelgruppe, die das Wagen- 
rennen selbst nicht wohl schildern konnte und der Symmetrie zu liebe beide Par- 
teien in annähernd gleicher Function darstellen mufste, wenigstens Spuren derselben 
Auffassung zu finden seien. In der Tat stellte der Künstler schon die beiden Haupt- 
personen wesentlich gleich dar; aber auch die Gespanne mufsten im ganzen über- 
einstimmen, und nur durch kleine Züge konnte er andeuten, dafs das eine der Ab- 
fahrt näher sei als das andere. Unverkennbar vollzieht sich die Vorbereitung rechts 
mit gröfserer Gemächlichkeit als links: wie der Knecht des Pelops das Pferd wirklich 
heranzieht, der des Oinomaos es ruhig herankommen läfst, wie jener schon vor 
seinen Herrn hinkniet, während sich sein Gegenstück noch ganz mit dem Pferde 
beschäftigt, so ist auch der Wagenlenker des Pelops aus der völligen Ruhe, in 
welcher der des Oinomaos noch verharrt, herausgetreten und wird sich im nächsten 
Augenblick erheben. 

Eine Bestätigung dieser Auffassung sehe ich darin, dafs der Wagenlenker 
des Oinomaos sich zu einer weiteren Funktion bereit hält, aus der man auf die 
Zeitfolge der bevorstehenden Ereignisse schliefsen kann. Ich trete damit an eine 
bisher überhaupt noch nicht aufgeworfene Frage heran und werde zu einer Beant- 
wortung derselben gedrängt, die lebhaften Widerspruches, wenn nicht Spottes, sicher 
sein kann. Doch wird es der Sache mehr nützen, durch eine vielleicht verfehlte 
Deutung andere zum Widerspruch und zu besseren Vorschlägen zu reizen als durch 
vorsichtiges Schweigen die Aufmerksamkeit, die der eigentümliche Tatbestand for- 
dern darf, abzuschwächen. 

Ich habe vorhin dargelegt, dafs dieser Wagenlenker »aufser den Zügeln 
einen zweiten Gegenstand hielt, dessen bronzener Teil durch die rechte Hand lief, 
während der marmorne, ohne den Leib zu berühren, um diesen herumlief und erst 
an der Aufsenseite des linken Oberarms und zwar mit einem kreisrunden Schlufs- 
stück von 16 cm Durchmesser endete«. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als aus 
diesen Beobachtungen den Schlufs zu ziehen, dafs dieser Gegenstand ein Signal- 
instrument war. 

Mit dem Sinne des Ganzen läfst sich ein solches, so .wenig dies auf den 
ersten Blick scheinen mag, sehr gut vereinen. Die Vergleichung anderer Oinomaos- 
monumente hat ergeben, dafs der früher allein bekannte Trompeter des Neapler 
Sarkophags durchaus nicht nur eine dem römischen Circusleben entnommene Füll- 
figur ist 57 , sondern auf griechische Vorbilder zurückgeht. Da ferner eine Sophokles- 
stelle 58 beweist, dafs man sich der csdXr^i bediente, um beim Wagenrennen das 
Signal zur Abfahrt zu geben, so ist zunächst die Möglichkeit zuzugeben, dafs sich 
in einem Werke des fünften Jahrhunderts Entsprechendes dargestellt finde. Unerklär- 
lich scheint nur ein Signalinstrument in der Hand eines Wagenlenkers. Das Signal 

«) Friederichs, Archäol. Zeitung 1855, Sp. 85. Möglichkeit aus, an den Aufruf der Kämpfer 

58 ) Elektra v. 711. Der Wortlaut schliefst die zu denken. 



•3g Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 

für die beiden zur Abfahrt bereiten Parteien kann nicht eine derselben, sondern nur 
ein unbeteiligter Dritter geben — vorausgesetzt, dafs es sich nicht um einen un- 
gleichen Kampf handelt. Eben dies ist hier der Fall. Der das Signal giebt, kann 
nicht gleichzeitig die Zügel regieren, er kann also erst nach dem Signal abfahren, 
und der, dem einzig das Signal gelten kann, sein Gegner, hat vor ihm einen Vor- 
sprung. So erklärt sich, was 'auf den ersten Blick sinnlos schien. Giebt 
Oinomaos wie in allen erhaltenen Darstellungen seinem Gegner einen Vorsprung, 
der so motivirt wird, dafs er, bevor er selbst nachfolgt, eine bestimmte Handlung 
zu vollziehen hat, so darf nur er die Gröfse des Vorsprungs bestimmen, nur von 
ihm also oder einem seines Gefolges kann dem Gegner das Signal zu dessen Ab- 
fahrt gegeben werden. Die Vasenmaler haben, falls sie nicht aus blofser Gedanken- 
losigkeit das Verhältnis umkehrten, mindestens die ursprüngliche Bedeutung des 
Signals verkannt: bei ihnen müfste Pelops im Augenblick seiner Abfahrt durch einen 
seiner Leute Oinomaos das Signal zum Beginn des Opfers geben lassen. Der 
Mattei'sche Sarkophag hat diese nicht gerade sinnlose, aber doch von mangelndem 
Verständnis zeugende Variante nicht. Links wohin der Trompeter blickt, ist der 
zu suchen, dem das Signal gilt, und das ist Pelops; will man dem Steinmetzen, der 
sich sonst in allen Stücken als gewissenhafter Arbeiter zeigt, nicht eine grofse Un- 
geschicklichkeit zutrauen, so kann man das Signal nicht von dem ausgehen lassen, 
dem es gilt, und mufs den Trompeter zum Gefolge des Oinomaos rechnen. 

Dort finden wir das Instrument auch im Giebel, und alle bisher dagegen 
angeführten Schwierigkeiten sind nur scheinbar. Wirklich gewichtig ist eine andere, 
die ich nicht zu heben vermag. Die Salpinx des fünften Jahrhunderts ist stets gerade; 
wenn wir einmal ein gekrümmtes Signalinstrument, also ein xspas finden, ist es in den 
Händen eines Barbaren 59 . Auch die von Sophokles gemeinte Salpinx müssen wir 
uns demnach gerade denken, und eine solche hätten wir in einem Kunstwerk des 
fünften Jahrhunderts zu erwarten. Der Ansatz am Arm des Sitzenden aber liegt so, 
dafs eine auf der Abschlufsfläche errichtete Verticale die Nachbarfigur treffen würde, 
die doch keinesfalls die Salpinx blasen kann; folglich ist hier nur ein Hörn möglich, 
und das literarische Zeugnis verliert beträchtlich an Gewicht. Aufserdem konnte die 
rechte Hand nicht das Schallrohr selbst, an welchem Punkte immer, umfassen; denn 
dann müfste das Hörn vorn um die Figur herum bis zum Arm laufen; aufserdem 
wäre die Stückung schwer verständlich, mindestens aber kreisförmige Durchbohrung 
der rechten Hand zu erwarten. So bleibt nur die Möglichkeit, diesero/Horn die Form 
des etruskischen, auch von den Römern übernommenen zu geben und das mar- 
morne Schallrohr um den Körper herum bis zum linken Oberarm, die bronzene 
Verbindungsstange aber durch die rechte Hand zu leiten. Diese Stange müfste, 
nach der Form des Loches zu urteilen, eine flache schmucklose Schiene sein, wozu 
die etruskischen Hörner im Gegensatz zu den römischen stimmen würden. Tech- 
nische Schwierigkeiten sehe ich nicht; das Schallrohr war aus einer Anzahl von 

r ' 9 ) Gerhard, Apulische Vasenbilder 2. 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 



39 




Stücken zusammengesetzt, und durch zwei derselben lief die bronzene Verbindungs- 
stange, neben der die Zügel in der Hand bequem Platz fanden. 

Es ist mir nicht möglich gewesen, diesen Vorschlag, zu dem ich erst bei 
der letzten Durcharbeitung des Materials gedrängt werde, am Original oder Abgufs 
zu prüfen. Ich habe deshalb einen der Hornisten Mon. d. Inst. VIII 36, den ersten 
der untersten Reihe, mit der Giebelfigur, wie sie in der Oberansicht Jahrbuch IV 
S. 285 erscheint, verglichen 

und auf Grund der Kopf- — ../ 

mafse beider das dort ge- 
gebene Instrument den 
Massen der Giebelfigur me- 
chanisch angepafst. Es er- 
giebt sich dabei, wenn man 
die von der wirklichen Stel- 
lung nicht viel abweichende 
Horizontale annimmt, im 
übrigen aber auf jede Cor- 
rectur verzichtet, das in bei- 
stehender Zeichnung wie- 
dergegebene Verhältnis 
zwischen Instrument und Träger 60 . Das ganz dem Zufall unterworfene Experi- 
ment erweist sich der vorgetragenen Vermutung durchaus nicht ungünstig; es würde 
nur geringer Veränderungen bedürfen, um das Instrument in die durch die Spuren 
geforderte Lage zu bringen. 

Das einzige schwere Bedenken bleibt, dafs ein Instrument dieser Form in 
Griechenland sonst nicht nachzuweisen ist. Aber auch der Helm des Pelops weicht 
von dem gewöhnlichen griechischen, selbst dem in der Anlage noch ähnlichsten 
attischen Helm bedeutend ab, und auch die Befestigung der Zugstränge am Wagen 
ist, wie schon bemerkt wurde, nicht die übliche. 

Mit gröfserer Sicherheit können wir auf Grund dessen, was sonst durch 
Bild und Schrift von unserer Sage bekannt ist, über eine andere wichtige Einzelheit 
unserer Darstellung urteilen. Wir dürfen nicht ohne weiteres annehmen, dafs in 
Olympia der Verrat des Myrtilos zugestanden und am Tempel des Zeus darge- 
stellt oder auch nur angedeutet war. Sehen wir aber jetzt den Wagenlenker, 
während er scheu nach der Mitte blickt , seine linke , offene Hand dem Mädchen 
nähern, das geduckt hinter ihm kniet und die rechte Hand verstohlen zu seiner 
linken hinstreckt, so können wir nicht mehr zweifeln, dafs hier Böses geplant wird 
und dafs auch in Olympia kein Versuch gemacht wurde, den Verrat des Myr- 
tilos zu leugnen. Freilich ist es nicht der Jüngling, der in Hippodameia ver- 
liebt ist und in der Erwartung süfsen Lohnes seinen Herrn verrät; das sind 

">) Zur Verdeutlichung desselben mögen auch die Hornisten der Trajanssäule dienen, besonders 

Fröhner II 83 der erste links. 



AO Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 

Züge, die auf den »bejahrten Schlemmer« (Flasch) nicht passen, und eine an- 
dere Version mufs hier versteckt liegen. Es hat allen Anschein, dafs dieser 
Myrtilos sich einfach — durch Geld oder Geldeswert — bestechen läfst 61 . Darum 
die hohle Hand, die er dem Mädchen nähert, darum in ihrer Rechten, die, schon 
um eine Lücke in der Composition zu vermeiden, über oder hinter die Linke des 
Myrtilos zu liegen kommen mufs, die Spur eines nur lose aufliegenden Körpers, der 
also eben in die Hand des Verräters gleiten soll. Und nun erklärt sich auch der 
Gegenstand, den das Mädchen mit der Linken aufstützt. Er schliefst oben, wie 
der Ansatz beweist, mit einer Art Knauf ab, während der untere Ansatz auf 
einen flachen Körper annähernd elliptischen Durchschnitts hinweist. Nach der älte- 
sten Überlieferung 60 vollzog sich nun der Verrat so, dafs Myrtilos oux ivsfbjxsv iv 
Tiö ajovi -:bv JjißoXov: diesen eiißoXo? erkenne ich in dem Gegenstand, den das Mäd- 
chen hält; da die Wagen von Marmor und recht stark gebaut waren, ist seine 
Gröfse nicht auffallend. 

Endlich ist auch der Sinn der Mittelgruppe nicht ohne weiteres klar. Geht 
das Opfer eben vorsieh oder steht es noch bevor? Wenn ersteres, so vollzieht es 
Sterope, nicht Oinomaos, und Hippodameia war bei der Vorbereitung beteiligt, ist 
aber jetzt schon wieder untätig. Im anderen Falle ist Sterope, noch nicht aber 
Hippodameia mit der Vorbereitung des Opfers beschäftigt, das entweder Sterope 
oder Oinomaos selbst vollziehen wird. Ernstlich können von diesen drei Möglich- 
keiten nur die erste und dritte in Betracht kommen, und gewifs wird sich jeder für 
die letztere entscheiden: erst wenn die Wagen völlig zur Fahrt bereit stehen, wird 
Oinomaos sich der Mitte wieder zuwenden und das Opfer beginnen. 

Überblicken wir jetzt, nach Erledigung dieser Einzelheiten, das Ganze. 

Zeus, allen unsichtbar, den gnädigen Blick auf Pelops wendend, nimmt die 
Mitte ein. Zu dem Opfer, das Oinomaos ihm alsbald bringen wird, hält die Gattin 
die Schale bereit, und auch Hippodameia wird dabei behilflich sein. Was jetzt vor- 
geht, hat für die Frauen kein Interesse; umsomehr zieht es die Aufmerksamkeit 
der Männer auf sich: die Anschirrung der Wagen ist ihrer Vollendung nahe. Schon 
ist der Wagenlenker des Pelops bereit, sich zu erheben und den Wagen zu be- 
steigen; Myrtilos aber, der noch in Ruhe verharrt, wartet auf den Wink seines 
Herrn, um mit dem Hörn, das er zugleich mit den Zügeln hält, Pelops das Zeichen 
zur Abfahrt zu geben. Diese Vorkehrungen zum Wettkampfe überwachen die 
Herren. Beide sind behelmt und stützen sich auf Speere; Pelops, der in Feindesland 
ist, trägt aufser dem Panzer noch den Schild, dessen Schmuck den Ruhm des 
Wagenlenkers verkündet. Der Altersunterschied der beiden Helden ist mit etwas 
aufdringlicher Pedanterie in ihrem Gesinde wiederholt: Oinomaos, der Mann, hat 
einen alten Mann zum Wagenlenker, einen jungen zum Knecht; dem Jüngling Pelops 

61 ) In ähnlichem Sinne wollte Overbeck, Plastik 11 62 ) Pherekydes bei schol. Apollon. 1,752; vgl. im 

I 425 den seiner Meinung nach zur gewöhnlichen übrigen Ritschi, Ann. d. Inst. 1840, S. 173, 

Version nicht passenden Treu'schen Myrtilos Anm. 2. 
auffassen. 



Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustcmpels. a\ 

dient als Lenker ein reiferer Mann, als Knecht ein Ephebe. Sein Sklave ist nach 
Treu's überzeugender Deutung der müfsig dasitzende Knabe. Von den drei Frauen 
sind zwei allerdings stattlich von Wuchs und stehen an bevorzugter Stelle; neben 
den Männern jedoch, die sich nicht um sie, sondern um die Pferde kümmern, treten 
sie etwas zurück. Die Handlung, welche Sterope vollzieht, bringt wenig Bewegung 
in ihre Gestalt, es scheint sich in ihrer starren Ruhe und in der nichtssagenden 
Aktion ihrer Linken sogar Teilnahmlosigkcit zu äufsern. Ganz anders Hippoda- 
meia. Aufserlich untätig, verrät sie deutlich tiefe innere Erregung, nicht sowohl 
Bekümmernis als ängstlich gespannte Erwartung. Was aber hat das Mädchen bei 
den Männern, neben Myrtilos, zu suchen? Als Dienerin hat sie Kekule erkannt, 
und zum Königshause von Pisa gehört sie so sicher, wie ihr Gegenstück, der Sklave, 
zu Pelops. Aber an der Stelle, wo sie sich befindet, weilt sie nur vorübergehend; 
auch sie ist niedergekniet wie die Knechte und wird sich alsbald wie diese wieder 
erheben, natürlich, um die Umgebung zu verlassen, in die sie nicht gehört. Die 
Dienerin ist hier also Botin. Ihre Herrin aber kann ebenso gut wie Sterope Hippo- 
dameia sein, und sicher hat diese, wie sich jetzt die Szene gestaltet, mehr Anspruch 
auf sie als die nicht die geringste Erregung verratende Sterope. Hippodameia, in 
Liebe zu dem schönen Fremdling entbrannt, hat ihre Dienerin ausgesandt, damit 
sie den Wagenlenker des Vaters besteche, und harrt nun klopfenden Herzens ihrer 
Wiederkunft. Schon hat Myrtilos den Verrat beschlossen; als Pfand der Unwider- 
ruflichkeit dieses seines Beschlusses hat die Botin den Pflock empfangen und hän- 
digt dem Verräter den versprochenen Lohn ein. Unmöglich kann dieser heimlichen 
Szene ein Beobachter nahe sein; die Figur neben dem Mädchen ist also nur ein 
idealer Zuschauer, und wir werden, allen Zweifeln zum Trotz, die beiden Eckfiguren 
für die Flufsgötter halten müssen, von denen die Überlieferung berichtet. Denn in 
Olympia spielt sich der Wettkampf ab; irdische Rosse streiten um den Sieg, und 
keine Spur erinnert an jene Sagenversion, die als Ziel der Fahrt den Isthmos 
bestimmt. 

Es ist nicht müfsiges Spiel, sich die so geschilderten Vorgänge um einen 
Moment vorgeschritten, die Vorbereitung durch die Handlung selbst abgelöst zu 
denken. Auf die Meldung der Knechte, dafs alles zur Abfahrt bereit sei, haben 
Pelops und sein Wagenlenker den Wagen bestiegen, und auf den Wink des Oino- 
maos giebt Myrtilos mit dem Hörn das Zeichen zur Abfahrt des Gegners. Gleich- 
zeitig wendet sich Oinomaos dem Altar zu, empfängt von seiner Gemahlin die 
Schale, die ihm seine Tochter füllt, und spendet dem Gotte, der ihm stets zum 
Siege verhalf. Inzwischen ist die Dienerin der Hippodameia zu ihrer Herrin zurück- 
gekehrt und hat ihr vom Erfolge ihrer Sendung berichtet, Myrtilos aber hat das 
Hörn mit dem Kentron vertauscht und erwartet nur die Vollendung des Opfers, um 
mit seinem Herrn den weit vorausgeeilten Pelops zu verfolgen. Noch ein Moment, 
und hier die sterblichen Zuschauer, Gattin und Tochter des Verratenen und das 
Gesinde beider Gegner, dort die unsichtbar gegenwärtigen Götter werden Oinomaos 
stürzen und Pelops als Sieger zurückkehren sehen. 



42 Sauer, Der Ostgiebel des olympischen Zeustempels. 

Solange die Figuren dieses Giebels bekannt sind, hat man zugestehen 
müssen, dafs eine streng symmetrische Aufstellung derselben nicht möglich 
sei. Aber darüber war man uneinig, nach welchen Gesichtspunkten Strenge und 
Freiheit gegen einander abzuwägen seien. Die Symmetrie der Massen und der 
Funktionen haben Curtius und Flasch der der Stellungen und Bewegungen vorge- 
zogen; Kekule opferte dieser die Symmetrie der Massen und der Funktionen; Treu 
hat keinen der drei Gesichtspunkte streng eingehalten. Jetzt sehen wir auf's neue, 
dafs beides, Symmetrie und Asymmetrie, eine kaum zu vermeidende Consequenz 
der gestellten Aufgabe war, aber wir sehen mit wirklicher Strenge nur die Sym- 
metrie der Massen, annähernd auch die der Funktionen gewahrt, während die 
schon hier in Einzelheiten herrschende Asymmetrie nur den Übergang bildet zu der 
rücksichtslos der Charakteristik dienenden Asymmetrie der Stellungen. 

Und Pausanias? Bei der neugewonnenen Anordnung der Mittelfiguren ist 
es nicht im geringsten verwunderlich, dafs er die Männer vor den Frauen nennt; 
wir gewinnen damit ein neues Beispiel für die Tatsache, dafs seinen Aufzählungen 
nicht immer dasselbe Schema zu Grunde liegt, sondern dafs er es je nach der 
Eigenart des Gegenstandes abwandelt 63 . Sonst macht nichts Schwierigkeiten: Pau- 
sanias konnte sich Myrtilos nicht als alternden Mann denken und benannte deshalb 
die Figuren falsch; er nahm es mit den Funktionen der um die Pferde beschäftigten 
Leute nicht genau und machte so die Knechte zu Lenkern; endlich hielt er das 
ganz von Männern umgebene Mädchen für einen Mann. Das ist alles, was ihm 
vorzuwerfen ist. 

Die ermittelte Aufstellung, in letzter Linie hervorgegangen aus den neuen 
Anforderungen, welche Brunn und ihm folgend Six an die Komposition stellten, 
kehrt, was die Flügel betrifft, annähernd zu Curtius' Vorschlag, allerdings mit der 
durch Studniczka eingeführten Vertauschung der Frauen, zurück; dafs dieser in 
einem anderen wichtigen Punkte corrigirt werden konnte, ist das Verdienst Treu's ; 
welcher der Überschätzung der Fundtatsachen gesteuert hat. Was die Deutung 
anbelangt, so scheint die von Kekule vertretene Tendenz einer einfach menschlichen 
Auffassung der beteiligten Gestalten, nicht allerdings die von Walz gezogene äufser- 
ste Consequenz derselben gerechtfertigt; im einzelnen hat besonders Flasch's Myr- 
tilos und der von Treu erkannte Sklave des Pelops die äufsere Bestätigung gefunden. 
So steckt in diesen neuen Vorschlägen ein gutes Teil jedes früheren; hoffentlich 
wird das nicht Anlafs geben, sie mit Mifstrauen zu betrachten. 

Rom. Bruno Sauer. 

«) Vgl. Jahrbuch III S. 163 fr. 



G,^^°*U 



BRUCHSTÜCKE 
EINER SCHALE VON DER AKROPOLIS 

Hierzu Tafel i. 

Unter den Vasenscherben auf der Athenischen Burg, von denen es zufolge 
genauer Fundbeobachtungen feststeht, dafs sie aus dem Perserschutte stammen, be- 
finden sich Bruchstücke einer Schale mit Darstellung der oirXoiv xpiat; im Stil des 
Hieron. Als ich mich damit beschäftigte diese Scherben zum Zwecke ihrer Ver- 
öffentlichung aus dem übrigen Vorrat ' möglichst zu ergänzen , begegnete es mehr 
als einmal, dafs ein nach Stil und Technik mit den Resten jener Darstellung schein- 
bar durchaus übereinstimmendes Bruchstück sich bei genauer Vergleichung doch 
als nicht zugehörig erwies. Dagegen stellte es sich heraus, dafs sämmtliche Scherben, 
bei denen dieser Irrtum vorgekommen war, untereinander anpafsten und sich zu 
der interessanten Darstellung zusammenfügten, welche auf Tafel I veröffentlicht 
wird. Da leider über die Fundschicht für keine dieser Scherben , auch nicht für 
die, welche sich noch dazu fanden, etwas feststeht, so schien mir die Mitteilung 
dieser meiner persönlichen Erfahrung nicht überflüssig, weil daraus immerhin soviel 
hervorgeht, dafs die hier abgebildete Schale einer sicher aus dem Perserschutte 
stammenden zum Verwechseln ähnlich sei, und sie mag daher vorläufig als Probe 
von dem gelten, was vor 480 in Athen in der Vasenmalerei geleistet wurde. 

Die Scherben stammen von einer ziemlich grofsen verhältnismäfsig dünn- 
wandigen Schale. Der Ton ist sehr fein und glatt und unter allen Scherben von 
der Burg der röteste; an der am weitesten vom Rand entfernten Stelle, am Fufs 
des Hermes, wird er freilich auch etwas gelblicher. Der Firnifs ist ganz schwarz 
und sehr glänzend, innen und aufsen. Die Zeichnung ist aufserordentlich sorgfältig 
ausgeführt. An einigen Stellen — am Gewand an der r. Schulter des Poseidon, 
an der Hüfte des Hermes, am r. Bein des Zeus — erkennt man sehr stumpfe Vor- 
reifsungen. Die Umrisse sind vor Ausfüllung des Grundes in üblicher Weise um- 
zogen, dick und gleichmäfsig. Nachher sind, wie es ja bei den besseren Vasen die 
Regel ist, alle Umrisse noch einmal durch feine Linien gegeben, aufser am Haar und 
an der Weintraube. Im Haar des Poseidon und Hermes sind die Locken durch 
dicke Reliefpunkte angedeutet. Verdünntes und zwar recht blasses Schwarz ist sehr 
reichlich verwendet, in den Haaren schon beinahe in malerischer Weise. Rot sind 
die Blätter, Blüten und Kränze. Die langen geschwungenen Linien im Gewände 
des Poseidon und des Mädchens mit der Kanne, ebenso die langen geraden Gewand- 
falten sind in einem Zuge ohne abzusetzen hergestellt. 

J ) Mit seltener Liberalität hatte mir der General- zugänglich gemacht, wofür ihm auch an dieser 

ephoros Herr Kavvadias das gesamte Material Stelle aufrichtiger Dank ausgesprochen sei. 



44 Gracf, Bruchstücke einer Schale von der Akropolis. 

Die Technik bekundet also durchweg Sorgfalt und Geschicklichkeit, in 
der That gehören die Scherben zu dem Vortrefflichsten, was es in dieser Art 
giebt. So stimmen sie denn auch gerade mit den besten Vasen des Hieron bis 
auf Einzelheiten des Stils so genau überein, dafs man kein Bedenken tragen 
wird, sie diesem Töpfer zuzuschreiben. Ich meine die vier Vasen Klein n, 
12, 14, 18, von denen die beideVi 11 und 18 ganz genau bis in die unbedeu- 
tendsten Einzelheiten übereinstimmen: Gewandung und Tracht der Männer, Chiton 
mit Apoptygma, herabfallende Haarlocken, Kränze, Stäbe, Ärmel und Busen der 
Erauen, Halsschmuck aus Punkten, Ohrschmuck, Zeichnung des Eisches. Da ich nr. 18, 
den Triptolemosnapf des Britischen Museums im Original nicht kenne, beschränke 
ich mich für die eingehende Vcrgleichung, welche überdies fast überflüssig ist, auf 
die Berliner Schale mit dem Dionysischen Opfer (nr. 11). Bei ihr ist der Ton von 
warmem, stellenweise recht rötlichem Gelb 2 , der Überzug ist glänzend schwarz, 
die Technik ist genau die eben beschriebene, wenige stumpfe Vorreifsungen be- 
kunden die sichere Hand, welche sich überall in der Zeichnung erkennen läfst. Das 
verdünnte Schwarz ist auch hier besonders blafs und sehr reichlich angewendet. 
Die Figuren sind durchweg etwas gröfser als auf den Athenischen Scherben, daher 
ist auch die Zeichnung bei aller Übereinstimmung etwas gröber. Von Einzelheiten 
stimmt der Kopftypus des Dionysos irn Innenbilde der Berliner Schale mit dem 
Zeus und Poseidon der Athenischen. Ebenso ist die Strichelung der Barthaare, die 
Ausführung der Weintrauben dieselbe. Das Aufsenbild zeigt in den Typen der 
Frauenköpfe eine ebenso grofse Ähnlichkeit, namentlich gleicht die Mänade mit 
dem Thyrsos rechts vom Henkel und auf derselben Seite die fünfte Mänade, 
welche den Thyrsos horizontal gehoben hält, der Kannenhai terin der Athenischen 
Vase. Eine charakteristische Kleinigkeit ist, dafs der senkrechte Strich, welcher 
den Mundwinkel bezeichnet, von der Trennungslinie der Lippen nur nach oben 
geht, sich also nur neben der Oberlippe befindet. In der Zeichnung der Hände 
auf der Schale aus Athen mufs es auffallen, dafs neben überzierlichen geziert 
gehaltenen Händen sich ganz besonders plumpe finden, offenbar waren dem Maler 
nur gewisse Stellungen geläufig; dasselbe läfst sich auf allen Vasen des Hieron 
beobachten: die rechten Hände der Mänade an dem Altar und der ersten auf 
derselben Seite der Berliner Schale sind ganz besonders ungeschickt gezeichnet, 
die rechte der letzten auf derselben Seite stimmt mit der rechten Hand des Zeus 
auf unserer Tafel überein, von ähnlichem Ungeschick zeugt auch die rechte Hand 
des Eumolpos auf dem Triptolemosnapf des Britischen Museums, während daselbst 
die rechte Hand der Eleusis der gezierten Hand des Hermes entspricht. Man 
kann überhaupt kaum eine Vase des Hieron ansehen, ohne diese beiden extremen 
Bildungen der Hände zu finden. 

Eine Reconstruction der gesamten Darstellung und damit eine vollständige 

'-■) Andere Vasen des Hieron, z. B. die in Rom im Studniczka, Jahrbuch II S. 164 abgebildete Schale, 

Museo Papa Giulio befindlichen, und die von zeichnen sich durch einen besonders gelben 

Ton aus. 



Graef, Bruchstücke einer Schale von der Akropolis. ac 

Erklärung ihres Inhaltes ist bei den geringen Resten nicht möglich, ja es ist nicht 
einmal sicher in welcher Weise die Bruchstücke auf die beiden Seiten der Schale 
zu verteilen sind. Nur das glaube ich in Folge der sehr ausgesprochenen technischen 
und stilistischen Eigenschaften der Scherben behaupten zu können, dafs sie alle zu 
derselben Vase gehören. 

Die Darstellung auf der Hauptmasse der zusammengehörigen Scherben a 
ist ohne weiteres deutlich: Voran schreitet Hermes; nach der Analogie anderer 
Hicronvasen wird man ihm in die rechte Hand einen Blütenzweig geben, ihm folgt 
ein bekränzter bärtiger Mann in langem Gewand und mit Scepter, offenbar Zeus, 
er hält auf der linken Hand einen Knaben in langem Chiton und Übergewand, 
der durch Epheukranz und die Weinrebe, welche er wohl in der linken Hand hält, 
genugsam als Dionysos gekennzeichnet ist. Die Bewegung der rechten Hand des 
Zeus verstehe ich so, dafs er damit den Knaben am Oberkörper festhalten will, 
nicht unähnlich der Handbewegung des Hermes auf der Vase bei Panofka, Antiquites 
du Cabinet Pourtales Taf. 27. Der kleine Dionysos scheint sich mit seiner Rechten 
am Arme des Zeus festgeklammert zu haben, dies alles wären trefflich der Natur 
abgelauschte Züge. Es folgt Poseidon. Hinter ihm ist noch der Rest eines Stabes 
oder Scepters erhalten, wir dürfen also noch eine Götterfigur ergänzen und es hin- 
dert nichts, die nach links blickende Figur mit dem Diadem, welche sich auf Frag- 
ment b befindet, vermutungsweise hier anzureihen, es könnte Hera sein; ihr würde 
dann endlich die weibliche Figur, welche in der Linken einen Delphin hielt, folgen 
— Amphitrite. 

Fragment c enthält eine Opferscene: ohne weiteres verständlich ist das 
Mädchen, welches in der Linken eine Blume, in der Rechten eine Oinochoe hält; 
sie steht hinter einem Altar, dessen Form genau mit dem Altar der Berliner Hieron- 
schale (Klein 11) übereinstimmt 3 , rechts davon ist ein zweites Mädchen, welches 
mit der rechten Hand eine Blüte oder Ranke auf den Altar legt, vor ihrer Brust 
befindet sich ein Gegenstand, den wir als von ihrer Linken getragen vermuten 
dürfen, es ist eine Art Korb, auf dem wie es scheint ein Opferkuchen liegt, ge- 
schmückt mit Zweigen. Opferkörbe ähnlicher Form zeigen die beiden bei Micali, 
Storia ant. Taf. 90 abgebildeten Busirisdarstellungen i (für die erste vgl. Klein, Meister- 
signaturen, Epiktet nr. 8). Ein Opferkuchen auf einem ähnlichen, etwas flacheren 
Gerät wird von einer Bacchantin getragen auf einer Vase bei Tischbein IL 38. 
Endlich sei für das Schmücken mit Zweigen der im Comptc Rendu 1868 Taf. VI ab- 
gebildete rotfigurige Krater als Beifpiel angeführt. 

Es wäre nun an sich denkbar, dafs die Opferscene 5 sich direct an den 

3 ) Ähnliche Giebelaltäre finden sich auf zwei gleich- anzunehmen ist nicht nötig; auf der Cäretaner 
zeitigen Vasen, einer Hydria bei Gerhard, A. V. Vase des Britischen Museums bei Gerhard, A. V. 
28 und einer Schale bei Luynes, Vases pl. 34. II 155, giefst Nike mit der Kanne direct auf den 

4 ) Vgl. auch Elite ceramographique II 105 und 106; Altar in das brennende Opfer, dasselbe thut eben- 
das Korbgeflecht ist besonders deutlich ange- falls ohne Vermittelung einer Schale eine Frau 
geben auf einem rf. Stamnos bei Panofka, Pio- auf einer Darstellung, deren Herkunft mir unbe- 
nysos und Thyaden Taf. II. 3. kannt geblieben ist, bei Hope, Costume of the 

5 ) Etwa noch eine dritte Figur mit einer Schale ancients I Taf. 54.. 



AÖ Graef, Bruchstücke einer Schale von der Akropolis. 

Götterzug angeschlossen hätte, und damit wäre dann für diese Schalenseite die 
höchstmögliche Personenzahl (sieben ohne den kleinen Dionysos) erreicht. Frag- 
ment d würde dann auf die andere Seite kommen. Doch spricht die Analogie 
anderer Schalen nicht sehr zu Gunsten einer solchen Anordnung, vielmehr möchte 
man es vorziehen, die eine Seite ganz mit dem Götterzug zu füllen und den Altar 
auf die Mitte der anderen zu bringen. Hierbei würde nun aber wieder das Frag- 
ment d Schwierigkeiten machen, denn ein Jüngling welcher die Chelys spielt (vgl. 
den Alexandras der Berliner Schale Klein 14 und den Jüngling der Wiener Schale 
Klein 2) hat weder bei einer Opferscene noch in einem Götterzuge etwas zu suchen, 
und ihn als Apollon dem Götterzuge einzureihen hindert mich zwar nicht die Chelys, 
denn Apollon kommt auch mit diesem Instrumente vor", sondern der breite Raum 
zwischen Kopf- und Schalenraum, welcher in Verbindung mit der gebückten Haltung 
ganz deutlich zeigt, dafs der Jüngling ähnlich wie auf der oben angeführten Wiener 
Schale, wo auch das Gewand ähnlich im Nacken liegt, sitzend dargestellt war. So 
scheint mir also eine befriedigende Lösung dieser Frage mit dem vorliegenden 
Material nicht möglich. 

Das wichtigste Stück ist unstreitig a: von verwandten Darstellungen kenne 
ich nur eine einzige, es ist die bei Luynes, Description pl. 28 und Nouvelles Annales 
pl. IX und danach auf S. 47 verkleinert abgebildete Hydria aus Girgenti. Dort über- 
giebt Zeus den kleinen Dionysos seiner Pflegerin. Denselben Vorgang werden wir 
auch in der vorliegenden Darstellung zu sehen haben. 

Was sonst an Darstellungen auf dieselbe Handlung bezogen worden ist 
(vgl. Heydemann, Dionysos' Geburt und Kindheit. X. Hall. Winckelmannsprogramm 
1885 S. 19) hat im Typus mit diesen beiden vorläufig ganz allein stehenden Vasen- 
bildern nichts zu schaffen. Auch diese beiden sind untereinander so verschieden, 
dafs man über Entstehung und Entwickelung des Typus nichts sagen kann: directe 
Übergabe wie auf der Hydria aus Girgenti ist auf der Athenischen Schale, wo ja 
Hermes vorausgeht, nicht möglich, hier ist dem Geschmacke der Schalenmaler ge- 
mäfs, wie er sich unter dem Einflufs des Raumes herausbildete, dem Zeus ein ganzer 
Götterzug beigegeben, und dadurch der Typus in einer inhaltlich — namentlich 
wenn Hera dabei war — wenig passenden Weise erweitert. 

Der kleine Dionysos ist auf beiden Vasenbildern mit einem langen Chiton, 
auf der Hydria aus Girgenti sogar mit Ärmeln und Obergewand bekleidet. Dieselbe 
Tracht, bei ganz in das Himation eingewickelten Armen, zeigt auch eine der Dar- 
stellungen, auf welchen Hermes bei den Nymphen, die den kleinen Dionysos aufziehen, 
zugegen ist; sie ist abgebildet bei d'Hancarville, Antiquites etrusques, grecques et 
romaines tir^es du cabinet de M. Hamilton III. 105, danach bei Welcker, Zeitschrift 
für alte Kunst Taf. VI. 26. Darauf dafs diese Tracht für Knaben unerhört ist, und 

6 ) Zum Beispiel auf dem korinthischen Puteal, figurigen Vasen Gerhard, A. V. 35 und 73; auf 

Welcker, A. D. II Taf. I 2, dem Altarfragment aus rotfigurigen: Schale des Sosias, Antike Denkmäler 

Athen Arch. Ztg. 1849 XI 2, einem Relief der I Taf. 9 u. io ; Mon. d. 1. 1 46; Gerhard, A. V. 28: 

Villa Pamfili Gerhard, A. B. 82, I; auf schwarz- ebda. II 146 — 147; Elite ceramogr. II 12 und 

33; Panofka, Antiquites du Musee Pourtalc-s pl. 29. 



Graef, Bruchstücke einer Schale von der Akropolis. 



47 



^P ' 




sich eher für Mädchen gezieme, macht mich Herr Professor Robert aufmerksam 
und weist zugleich auf die Worte in Apollodors Bibliothek III, 4, 3, 4 hin: x<x-a Ik 
xov ypövrjv xov xa&^xov;a Aiovuaov "fsvvä Zsu; Xuaa? tä pa'ajxaxa xflti oiowaiv 'Epu.^* 6 ok 
XO|m'Csi itpöj 'Iva) xol 'ADaiAavxa, xal rceiDtt xps<psiv <u? xopr^y. 

Für diese Überlieferung wünschte schon Welcker durch monumentale 
Zeugnisse ein höheres Alter zu erweisen, indem er das kleine Mädchen des be- 
kannten Reliefs der Villa Albani für Dionysos hielt (Zeitschrift für alte Kunst I 
S. 508). Darstellungen von kleinen Mädchen sind nicht eben häufig, und wo sie 
im Hause gedacht sind tragen sie natürlich nur den einfachen langen Chiton: zu 
den von Robert, Archäol. Zeitung 1879 S. 24 aufgeführten Beispielen kommt neuer- 
dings das von Heberdey in den Athenischen Mittheilungen XV. Taf. 7 ver- 
öffentlichte wichtige Relief, auch hier hat in dem mit langem Ärmelchiton beklei- 
deten Kinde Heberdey (S. 212) ohne weiteres ein Mädchen gesehen 7 . Aber wenig- 
stens eine Vase ist mir bekannt, auf welcher ein Kind, welches wie der kleine 
Dionysos mit langem Chiton und Himation bekleidet ist, sich durch die Haube die 



') Vgl. auch Heydemann , Dionysos' Geburt und 
Kindheit. X. Hall. Winckelmannsprogramm 1885 
S. 37 Anm. 154. Wenn dagegen die kleine 
Artemis auf der rotfigurigen Vase bei Tisch- 
bein III 4 = Elite ceramographique II 1 = 
Overbeck, Kunstmythologie Apollon, Atlas XXIII, 
I, mit nacktem Überkörper erscheint, so wird 



das eine durch die Gleichförmigkeit mit Apol- 
lon veranlafste Ausnahme sein; in anderen älte- 
ren Darstellungen sind die Zwillinge durch die 
Bekleidung unterschieden: Elite ceram. II, 2, 
vor allem die Statue im Museo Torlonia, Over- 
beck Taf. XXIII 17 (Wiederholung im Capito- 
linischen Museum). 



48 Gracf, Bruchstücke einer Schale von der Akropolis. 



es auf dem Kopfe trägt, deutlich als Mädchen zu erkennen giebt, es ist die Elite 
ceramographique I, 90 abgebildete rotfigurige Vase, auf welcher Niobe mit ihrer 
Tochter vor Artemis flieht. Andererseits ist es bekannt, dafs Knaben nur entweder 
ganz nackt, oder mit Himation allein (oder in eine Windel gehüllt) vorkommen 8 , 
und wenigstens unter den zahlreichen auf die Kindheit des Dionysos bezüglichen 
Darstellungen, wie sie wesentlich von Welcker", Stephani 10 und Heydemann' 1 
gesammelt sind, habe ich keine Ausnahme aufser den drei besprochenen gefunden. 
Will man also in dieser eigentümlichen Bekleidung nicht nur einfach die 
Übertragung der Tracht des erwachsenen Dionysos auf das Kind sehen, so dürfte 
sie in der That den bei Apollodor berichteten Zug für den Anfang des fünften Jahr- 
hunderts zu belegen geeignet sein. Diese Auffassung wird besonders dadurch em- 
pfohlen, dafs dann die Hydria von Girgenti abgesehen von dem Fehlen des Hermes 
genau mit den Worten Apollodors stimmen würde. Herr H. Gaebler macht mich 
darauf aufmerksam, dafs die übliche Deutung dieser Darstellung auf die Übergabe 
an die Nymphen unhaltbar sei; denn erstens ist durch die Säule angedeutet, dafs 
die Scene im Gemach vor sich geht, was schon an und für sich schlecht zur Be- 
hausung der Nymphen passen würde, dann kommt auch einer Nymphe kein Scepter 
zu, wie es die stehende Figur trägt. Diese Figur ist aber überhaupt männlich, wie 
aus dem Fehlen des Ohrschmuckes und aus der Haartracht hervorgeht. Es ist 
nämlich ganz deutlich, dafs vorne in die Stirne kurze sich loslösende Löckchcn 
fallen, durchaus ähnlich wie bei Zeus, während die sitzende weibliche Figur eine 
ganz andere Haartracht aufweist. Es kann nicht zweifelhaft sein, dafs wir in dieser 
— sie ist auch durch ein Diadem ausgezeichnet — Ino, in dem stehenden Manne 
Athamas zu erkennen haben 12 . 

Berlin. Botho Graef. 

8 ) Robert, Arch. Ztg. 1879 S. 24. den Rand hin etwas dicker und etwas anders ge- 

9 ) Zeitschrift für alte Kunst S. 500fr. Alte Denk- krümmt: somit wären die Schwierigkeiten, welche 
mäler IV S. 33 fr. seine Einordnung bereitet als beseitigt zu be- 

,0 ) Compte-rendu 1861 S. I2ff. trachten. Dagegen hat sich ein neues anpassen- 

") Vgl. Anm. 7. des Stück gefunden, das die Hand des kleinen 

,2 ) Das Bruchstück J erschien mir bei erneuter Be- Dionysos, die den Zweig hält, und den Rest vom 

trachtung doch nicht als zugehörig. Es ist gegen Petasos des Hermes enthält (Athen, imMärz 1S91). 



GEMÄLDE-SAMMLUNGEN 
UND GEMÄLDE-FORSCHUNG IN PERGAMON. 

NENATO 
NNOMOIZEF 
IAHIinrPA<l>0 
AENTEZYFOTOY 
5 TEArOrPAYAZOAlT/ 

ANTEANAZTPO<t>ANK/ 

ANEFOlHEANTOAEiniME 
EIAANTOZAYTOYZBAIIAE 
KAITAZAMETEPAZFOAIOI 
10 EFEBAAAEANAPOIZKAAOIZ 

EFI.ETOYTOIZAEAOXOAITA 
AINEZAIKAAANKAITAYAOTONKA 
AHNFEPrAMHNOYSKAlYrAPXEl 
nAPATASFOAlOSrPOHENIANFPO 
15 IANPPOAIKIANAZYAIANATEAE 

EAPIANEMrAZITOIZAmNOIZOl 
ZT I OHT I KA I TAAAAAT I M I AO Z AK 
AAOlZrPOHENOIZKAlEYEPTETA 
OAIOZYFAPXEIAPXONTOZHENOKP 
20 OYAEYONTnNKAAAlKPATEOZK/ 
ZMETAI TA 

"Eoo£s Tai iroXst xäiv Ae\(fü)]v lv d"(o[pdt 
tsXsudi auji. -jiacpoi? xai? £]vv6[J.ol?• Itc[siotj 
KdXa? xal TauSoto? xal . .jßr^c, Cu>1'pd'fo[t 
IIspYafMJvof, diroaxaJXsvTS? utto xou [ßaaiXso? 
5 'AxxdXou u>a]xs drofpd'jiaaöai x[d iv xai 
Xss^ai?, x]dv ts dvaaxpocpav x[al xdv iv 
dp.lv ivoa[i.t'Jav eiroirjaavxo d;iou? [i.[ev 
xal xou dirocrxjstXavxo? auxou? ßaaiXs[o? 
'Axxa'Xoo] xal xa? du.£X£pa? 7r6Xtoj, [xaft- 
10 üj? 8s] STtsßaXXs dvopot? xaXoi? [xs xal d- 
•yaöots]* iixl 8[e] xouxoi? Ss56/&ai xa[i iro- 
Xst sujaivsaat Ka'Xav xai FauSoxov xa[t 

Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. A 



rO Fränkel, Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon. 

. . i'Jor^v [Isp-(a[x7;vou» xal uizäpyzi[v au- 

xotj] roxpa xa? TtoXto? Tcpocsvtav, irpo- 
15 jiavxsjtav, Trpootxtav, dsuXiav. äxiÄsftav 

xal rcpojsopi'av sji Tcaat toij i~(ä)W.; of[? 

ä rcöXt]? xi'0r ( xi xal xa dXXa xt[/.ta, oaa x[at 

xot? ä'JXXotc TTpoJevoi; xal suspfsxaft? 

xa; Sj{XtO( uTra'p^si. "Ap/ovxo; Esvoxp[t- 
20 xou, ß]ooXsuovxiuv KaXXtxpdxso;, K . . . 

. . . c, Msfa[p]xa. 

Im Bulletin de correspondance hellenique Band V S. 157 ff. und 372 ff. hat 
Haussoullier vier Inschriften aus Delphi bekannt gemacht, die sich sämtlich auf das 
königliche Pergamon beziehen. Durch die erste dieser Inschriften erfahren wir, 
dafs Attalos II. der Gemeinde Delphi auf ihre durch zwei Gesandtschaften über- 
mittelte Bitten Geschenke von 18,000 und 3000 Alexanderdrachmen gemacht hat; 
die beiden folgenden Urkunden handeln von Attalos' Vorgänger Eumenes II. und 
sind für die Geschichte dieses Königs von grofser Wichtigkeit, wofür auf die Aus- 
führungen des Verfassers in den »Inschriften von Pergamon« zu Nr. 167 S. 104 ff. 
verwiesen sei. Es wird sich aber herausstellen, dafs Haussoullier auch in der an 
letzter Stelle (S. 388 ff.) veröffentlichten Inschrift der historischen Wissenschaft ein 
überaus wertvolles Denkmal zugeführt hat; nur mufs vorher ihre richtige Lesung 
gefunden werden. 

An der Spitze dieses Aufsatzes ist der epigraphische Text Haussoullier's 
wiederholt und eine verbesserte Umschrift beigefügt worden. Die wichtigste Ab- 
weichung besteht darin, dafs der erste Herausgeber zu Ende von Zeile 3 Zwrpa<po[o, 
also einen Vaternamen erkennen wollte. Bei der bekannten Geringschätzung, welche 
die volkstümliche hellenische Anschauung dem Stande der Handarbeiter, auch 
der künstlerischen, entgegenbrachte, ist es wenig glaublich, dafs man in besserer 
Zeit ZtuYpa'csoj als Namen verwendet habe; irgend ein Zeugnis dafür habe ich nicht 
zu finden vermocht'. Wäre ferner in Zeile 3 ein Vatername genannt, der in Zeile 13 
gefehlt hat, so würde eine in Ehrendekreten ganz unregelmäfsige Verschiedenheit 
zwischen dem motivirenden und dem meritorischen Abschnitt vorliegen. Wenn wir 
nach der ersten Erwähnung der durch unser Dekret zu ehrenden Männer den Wort- 
rest Co>fpa<po- finden und der Zweck ihrer Sendung nach Z. 5 ein d-o'/pd-J/aaila'. war, so 
kann es nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, dafs die von dem pergamenischen 
König nach Delphi gesandten Männer Maler waren, welche ihm Werke ihrer Hand 
heimbringen sollten. Die Vorstellung, dafs sie für ihn irgend etwas abschreiben 
oder aufschreiben lassen sollten und dafs dabei noch der Vater des einen oder aller 
dreier einen sonst nicht nachweisbaren und bedenklichen, gerade mit -fpdcpctv zu- 

') Die spätrömische Grabschrift C. I. Gr. 6317 et Italiae 2148) verbesserten Irrtum als Eigen- 
wurde für unsre Inschrift nichts beweisen kön- name genommen worden. Aufserdem finde ich 
nen ; aber hier ist Ctoypcetpe nur aus offenbarem, nur noch das bei Pape-Benseler angeführte 
von Kaibel (Epigrammata 673, Inscr. Gr. Sic. Ziuyfatpii), aus byzantinischer Zeit. 



Fränkel, Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon. 



51 



sammenhängenden Namen geführt habe, enthält so viel Unwahrscheinlichkeit, dafs 
man nicht dabei verweilen wird. 

Versuchen wir zunächst zu ermitteln, wer der in der Inschrift genannte 
König war. »Unter dem Dekret«, bemerkt Haussoullier, »steht eine Weihung aus dem 
Jahre 170, während dessen Laiadas Babylos' S. Archont war. Aber es kam oft vor, 
dafs ein Dekret später auf eine Basis geschrieben wurde, die schon eine Weihung trug.« 
Der Augenzeuge hat also darauf geachtet, ob aus dem äufserlichen Tatbestande sich 
das Altersverhältnis der beiden Inschriften erschliefsen läfst, und wir müssen ihm 
vertrauen, dafs es zulässig ist die Weihung für älter zu halten als das Dekret. 
Betrachten wir den in Z. 19 f. vom Namen des delphischen Archonten übrigen 
Rest, so ist, ganz abgesehen davon, welche von den beiden in Betracht kommenden 
Ergänzungen Esvoxp[iTOü] und S*voxp[etTSOc] zutrifft, für die Inschrift die Zeit zwischen Ol. 
145, 3 und 153, 2 oder 198/7 und 167/6 vor Chr. ausgeschlossen, da für diese Periode 
durch den Scharfsinn August Mommsen's die fortlaufende Liste der eponymen 
delphischen Archonten festgestellt ist, ohne dafs einer dieser Namen aufträte '. Die 
abstracte Möglichkeit beschränkt sich demnach auf die Zeiträume von dem nicht 
genau bestimmbaren Beginn des pergamenischen Königtums bis zum Jahre 197 und 
vom Jahre 166 bis zum Tode des letzten Königs im Jahre 133. Es scheint aber, 
dafs wir weiter kommen können. Wäre als Name des Archonten Ssvoxp[orse« ein- 
zusetzen , so müfsten bei der in hellenistischen Inschriften fast immer sorgfältigen 
Silbenabteilung, da Zeile 19 gegen die vorhergehenden zu lang würde, falls die Silbe 
TE noch an ihrem Ende gestanden hätte, zu Anfang von Zeile 20 die fünf Buch- 
staben TEOIB fehlen, während schon bei dem Verluste von nur vier Zeichen die 
Schrift hier enger gewesen zu sein scheint als sonst in den Zeilenanfängen. Aller- 
dings leidet dies Argument an einer kleinen Unsicherheit, da die Zeilen der Inschrift, 
wenn man mit den unzweifelhaften Ergänzungen die Probe macht, nicht überall die 
gleiche Länge aufzuweisen scheinen; es werden also in der Veröffentlichung die Buch- 
staben nicht überall richtig unter einander gestellt, ihre Abstände ungleichmäfsiger 
sein als der Typendruck es wiedergeben konnte. Aber erheblich ist dieser Mangel 
nicht und namentlich tritt er in der zweiten Hälfte der Inschrift kaum noch hervor 3 , 
und so dürfen wir die Lesung Ecvoxp[iTOU für die viel wahrscheinlichere halten. Die 
Amtszeit des Archonten Xenokritos, nach welcher die Freilassungsurkunden Nr. 423 
und 425 bei Wescher-Foucart datirt sind, läfst sich soweit bestimmen, dafs sie frühestens 
in das Jahr 141/140 fällt (s. Dittenberger, Sylloge Inscr. zu Nr. 467). Der in Zeile 5 



2 ) Philologus XXIV, s. iff. 

3 ) Zeile I ist gegen die anderen zu kurz; vielleicht 
war sie etwas eingerückt. Z. 4 erhält ungefähr 
die Länge der vorhergehenden, wenn am Ende 
unregelmäfsiger Weise nur ßaaiX geschrieben 
war ; Z. 1 1 , wenn man sie so wie wir getan 
haben, abteilt und in Z. 12 vor lr.ai\t<3ixt. , also 
beim Beginn des eigentlichen Beschlusses, eine 
kleine Lücke annimmt. Auch sonst haben wir 
durch abweichende Zeilenabteilung und kleine 



Hinzufügungen zu helfen gesucht: Z. 6 f. fehlt 
bei H. It 4|jliv, Z. 10 0^, das wegen des ui</ in 
Z. 7 notwendig ist; am Ende von Z. 10 und An- 
fang von Z. 1 1 schreibt H. xoXoi; | [xftfaöoi?, 
Z. 15 f. iz{kz[i\w, Tcpojsopi'av (ohne xat). Aufser 
dem im Text Berührten haben wir dann noch 
den Anfang von Z. 8 geändert, wo toü ^«jiocrcjst- 
Xavxoj geschrieben war. — Übrigens hat unser 
Textabdruck die Zeilenstellung des früheren nicht 
ganz genau wiedergeben können. 



C2 Fränkel, Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon. 

und 9 zu ergänzende Königsname wäre demnach 'Attäoo, und es bliebe nur zweifelhaft, 
ob die Inschrift dem zweiten Attalos zu geben ist, der bis zum Jahre 138 am Leben 
war, oder dem dritten. Wir finden nun zwar überliefert, dafs der traurige letzte 
Sprofs des glorreichen Hauses der Attaliden neben seinen naturwissenschaftlichen 
und landwirtschaftlichen Liebhabereien auch künstlerisch dilettirte, indem er in 
Wachs zu bossiren und in Metall zu arbeiten versuchte 4 , aber wir haben kein 
Zeugnis, weder ein litterarisches noch ein inschriftliches, dafs er Kunstwerke ver- 
anlafst habe, aufser dafs er kurz vor seinem Tode ein Grabmal seiner Mutter plante, 
aus welchem Akte der Pietät man bei dem cptXofnjwop auf besondere künstlerische 
Unternehmungslust nicht schliefsen wollen wird. Dagegen sind die künstlerischen 
Neigungen seines Vorgängers durch eine besonders grofse Anzahl erhaltener In- 
schriften bezeugt 5 , die zum Teil von sehr umfangreichen Denkmälern herrühren, 
und was hier namentlich ins Gewicht fällt, seine leidenschaftliche Gemäldelieb- 
haberei ist dadurch bekundet, dafs er für ein bei der Zerstörung Korinths erbeutetes 
Gemälde des Aristeides, einen Dionysos darstellend, die ungeheure Summe von 
hundert Talenten bieten liefs, wodurch Mummius so stutzig wurde, dafs er das Bild 
lieber in den Cerestempel nach Rom zu weihen beschlofs, was der König lebhaft 
beklagte '"'. Danach werden wir mit aller Wahrscheinlichkeit die Inschrift auf Attalos 
den Zweiten beziehen können, und es wird die äufserliche Betrachtung, durch welche 
wir den Archontennamcn zu bestimmen versuchten, auch durch einen wesentlichen 
inneren Grund gestützt erscheinen. 

Das Object zu dTio-fpaiaaOat in Z. 5 f. ist leider verloren gegangen 7 . Die 
Verwendung des Verbums innerhalb des hier in Betracht kommenden Begriffes 

4 ) Justin 36, 4, 4. Steigerung ist nicht berechtigt : Philopoimen hatte 

b ) Inschriften von Pergamon Nr. 65. 66. 67. 168. dem Mummius hundert Talente geboten, falls er 

169. 214 — 218. 221. 225. das Gemälde, auf dem nach dem Augenzeugen 

>') Plinius 35,24: vgl. 7,126. 35,99. M. H. E. Polybios 39, 13 (40,7) römische Soldaten schon 

Meier (Hallische Encyclop. III 16 S. 411), wie gewürfelt hatten, dem Beuteteil des Attalos zu- 

auch Brunn, Griechische Künstler II S. 173 sagt, legen wollte. Der Wert der Geschichte bleibt 

dafs Attalos bei der Versteigerung der Beute derselbe, auch wenn Philopoimen, der die rechte 

auf das Bild geboten habe. Aber Attalos selbst Hand des Attalos war (Plutarch, an seni etc. 16), 

war bei der Verfügung über die korinthische sich berechtigt sah, im Namen des Königs eine 

Beute nicht gegenwärtig; Cr hatte den Römern solche Summe für ein Bild zu bieten, 
nur eine Hilfsmacht unter Philopoimen gesandt: 7 ) In Zeile 5 habe ich ui3]te vom ersten Heraus- 

Pausanias 7, 16, 1 iir7)X&0M 8e xai Ti£'kat kpfj-re? geber übernommen, weil der geringe zu Gebote 

xai in. IUpyctjMu Tr,; imtp Katxou <I>[Xcr:ot|jur|V Otpa- stehende Raum eine andere Ergänzung nicht zu- 

Titbra? ayiov racpä 'Arrä/.oy. Pausanias berichtet zulassen scheint. Ein zweites Beispiel für die 

weiter, dafs Mummius die am meisten ins Auge Verwendung dieser Conjunction nach einem 

fallenden Weih- und Schmuckgegenstände (avatfrj- Verbum des Sendens kann ich nicht nachweisen; 

p.äTu>v bl xai toO dRXou xfapou Ta jxev iiaÄiara man wird sie daraus erklären dürfen, dafs die 

dvtjxovra ii 9a0pia) nach Rom mitgenommen, das Vorstellung zu Grunde lag: »der König sandte 

Minderwertige dem Philopoimen zugeteilt hatte drei Männer nach Delphi unter der Bedin- 

und dafs noch zu seiner Zeit korinthische Beute- gung, dafs sie dort copiren«. Da der blofse 

stücke in Pergamon zu sehen waren. Also beruht Infinitiv statthaft wäre, so steht ukjte gewisser- 

Plinius' Ausdruck in praeda vendenda auf Fluch- mafsen abundirend, wofür man Beispiele in Bo- 

tigkeit und die sonderbare Vorstellung einer Ver- nitz' Aristoteles-Index findet. 



Fränkel, Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon. c ? 

ist nicht auf die graphische Wiederholung gezeichneter Vorlagen zu beschränken, 
wie auch wir von einem »Abmalen« körperlicher Gegenstände sprechen können. 
Aber ist es irgendwie wahrscheinlich, dafs der pergamenische König drei Maler 
nach Delphi gesandt habe, um ihm Abbildungen dortiger Baulichkeiten zu liefern? 
Dafür hätte" doch wol ein einziger ausgereicht, und auch den Gedanken wird 
man gleich abweisen, dafs die drei Maler etwa ein kunstgeschichtliches Album, 
eine Aufnahme plastischer Kunstwerke herstellen sollten, denn diese war ein 
König von Pergamon in der Lage sich in jedem ihm beliebigen Umfange in 
Marmor und Erz copiren zu lassen. Wir werden vielmehr mit aller Zuversicht 
annehmen können, dafs König Attalos IL Wiederholungen in Delphi befind- 
licher Gemälde zu besitzen wünschte, und zuerst wird man an die berühmtesten 
derselben, an die Malereien Polygnots in der Lesche denken. Die Erlaubnis für 
diese Copien erteilen zu können, mufste der Gemeinde Delphi in jedem Falle will- 
kommen sein, sei es dafs sie sich den mächtigen König erst zu verpflichten wünschte, 
sei es dafs sie ihm schon ihre Dankbarkeit zu beweisen hatte: nach der ersten der 
von Haussoullier veröffentlichten Inschriften hatte sie dem Könige ein Standbild 
errichtet und aus der kleineren der von ihm geschenkten Geldsummen zu seinen 
Ehren unter dem Namen 'ArraXsta ein Jahresfest begründet. 

Es ist sehr wol möglich, dafs der Auftrag des Königs Attalos sich auf die 
Gemälde der Lesche beschränkt hat, obschon sich dann drei Maler in nur zwei Bil- 
der zu teilen hatten. Denn wenn man diese grofsen Wandgemälde auf weit zu trans- 
portirenden Tafeln wiederholen wollte, wird nur die Wahl gewesen sein, sie stark 
zu verkleinern oder ein jedes in mehrere Stücke zu zerfallen, die man in der Heimat 
zusammensetzen mochte; die Compositionsweise Polygnots hat die Loslösung der 
einzelnen Scenen gewis ohne Zwang gestattet. In der Umschrift ist diese mögliche 
Beschränkung frageweise ausgedrückt worden, ohne dafs dafür irgend welche 
Sicherheit beansprucht werden soll; als feststehend ist anzusehen, dafs auf den 
Infinitiv xi, rav oder xaz gefolgt ist, der Kreis der zu copirenden Bilder also in 
irgendwie präciserer Umgrenzung angegeben war. Es sind ja gewis aufser den 
polygnotischen noch andere namhafte Gemälde in Delphi gewesen, nur darf man 
sich dafür nicht auf Athenäus XIII 606 A berufen: sv As/z-sot? sv -tj) irivdxtuv br t - 
aaufKJ5; denn hier. ist mit Meineke unzweifelhaft Zmvat&v zu lesen, da ein Schatz- 
haus der adriatischen Spinaten in Delphi durch Strabon 214 und 421 C. bezeugt ist 8 . 
Jedenfalls erscheint die aus unsrer Inschrift erschlossene Tatsache, dafs ein perga- 
menischer König zur Anfertigung von Gemälde-Copien in weite Ferne eine eigne 
Expedition entsendet, von nicht zu unterschätzender Bedeutung. 

Dafs die pergamenischen Könige plastische Kunstwerke der Vergangenheit 
nach ihrer Hauptstadt verpflanzt hatten, war aus gelegentlichen Angaben der litte- 
rarischen Quellen von jeher bekannt. Ein historisches Interesse offenbart sich in 



s ) Meineke, Archäolog. Zeitung 1857 S. 101. Kaibel hat die evidente Emendation in den Text 

gesetzt. 



54 Fränkel, Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon. 



der Erwerbung der Chariten des alten Bupalos ; Attalos I. hatte den Apollo-Kolofs 
des Onatas als Trophäe aus Ägina heimgebracht 10 ; wir hören, dafs sich in Perga- 
mon ein gerühmtes Symplegma des Kephisodot, Praxiteles' Sohn, befand". Die 
Ausgrabungen haben uns Aufschriften von Theron und Silanion gebracht, deren 
Lebenszeit in das vierte Jahrhurfdert fällt, und von Myron und Praxiteles, wahr- 
scheinlich den jüngeren Künstlern dieses Namens aus dem dritten Jahrhundert, da 
ihre Werke mit einer Arbeit des Xenokrates auf derselben Basis standen". Es er- 
gab sich uns die Vorstellung eines förmlichen Museums plastischer Kunstwerke, die 
in den Hallen des Athenaheiligtums, also in räumlichem Anschlufs an die Bibliothek 
aufgestellt waren, und zwar war Grund zu der Annahme vorhanden, dafs der Ur- 
heber dieser Aufstellung König Eumenes II. gewesen ist 13 . Wenn Vitruv in der 
Vorrede zu seinem 7. Buche von den pergamenischen Königen rühmt, dafs sie 
»angezogen von den grofsen Süfsigkeiten der philologischen Wissenschaft eine aus- 
gezeichnete Bibliothek zur öffentlichen Ergötzung begründet haben«, so ist dieses 
Lob dahin auszudehnen, dafs sie nicht minder auch die künstlerischen Schätze der 
Vergangenheit, die sie anzogen, dem öffentlichen Genüsse dargeboten haben. Dafs 
dabei nicht versäumt wurde, hervorragende Sculpturen, deren Erwerbung ausge- 
schlossen war, in einer Copie herbeizuschaffen, zeigt die erhaltene Marmornach- 
bildung der Parthenos des Phidias samt ihren Sockelreliefs 1 *. 

Über den pergamenischen Besitz an älteren Bildern sind die Zeugnisse spär- 
licher, natürlicher Weise, weil hier sowol die erhaltenen Werke als auch die Künstler- 
inschriften fehlen müssen. Doch ist von vornherein selbstverständlich, dafs eine 
Sammelleidenschaft, gegen die man die Bibliotheken des Aristoteles und Theophrast 
nur durch Vergraben sichern zu können meinte ' 5 , vor Gemälden nicht Halt gemacht 
hat. Die Bilder und Statuen, deren Raub durch Acratus, Nero's Freigelassenen, die 
Stadt Pergamon unter Anwendung von Gewalt verhindern mufste 16 , waren gewis die 
in der Königszeit zusammengebrachten Sammlungen. Die dem Könige Attalos II. 
vereitelte Erwerbung eines Gemäldes des Aristeides ist schon berührt worden; dafs 
die Liebhaberei der Herrscher für Gemälde nicht weniger wie die für Sculpturen 
von historischem Interesse getragen war, kann man daraus schliefsen, dafs sich in 
Pergamon die Chariten des Pariers Pythagoras befanden, die Pausanias 9, 35, 7 als 
ein Beispiel für die bekleidete Darstellung dieser Göttinnen durch die älteren Maler 
anführt, ferner ein blitzgetroffener Aias des in der 93. Olympiade blühenden atti- 
schen Meisters Apollodor 17 . Auch durch unsre Inschrift werden wir dieses histo- 
rische Interesse bezeugt erachten dürfen. 

9 ) Pausanias 9, 35, 6; vgl. Inschriften von Perga- 13 ) Inschriften von Pergamon zu Nr. 164. 

mon Nr. 46. 14 ) Puchstein im Jahrbuch d. Inst. 1890 S. 95 f. 

10 ) Pausanias 8, 42, 7; vgl. Inschriften von Perga- H3f. 

mon S. 42. 15 ) Strabon 608 C. 

") Plinius 36, 24. 16 ) Tacitus Annalen 16, 23: (Nero) vitnque civitatis 

12 ) Inschriften von Pergamon Nr. 48 — 50. 135 ff. Pergamenae, prohibentis Acratum Caesaris libertum 

mit dem Nachtrage S. XIX. statuas et ficturas avehcre, inultam omiserat. 



") Plinius 35, 60. 



Fränkel, Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon. cc 

Hatte die bewunderungswürdige Einsicht und hohe Gesinnung der perga- 
menischen Könige für die Geschichte der älteren Malerei und Plastik ein reiches 
Material an Originalen und Copien vereinigt und der öffentlichen Betrachtung zu- 
gänglich gemacht, so war es fast eine Naturnotwendigkeit, dafs in einer Stadt, die 
Jahrhunderte lang ein Sammelpunkt der Gelehrten war, die Kunstanschauung nicht 
bei dem laienhaften Geniefsen stehen blieb, sondern zu historischer und ästhetischer 
Erkenntnis vorschritt. Wie die Bibliothek der Attaliden eine blühende grammatische 
Forschung hervorrief, so hat sich an die Kunstsammlungen eine kunsthistorischc 
Wissenschaft angeschlossen; für uns ist es hier von besonderem Interesse, dafs es 
unzweifelhaft eine pergamenische Forschung über Malerei gegeben hat. 

Den Belegen hierfür glaubte Brzoska 1 * einen besonders wichtigen hinzu- 
fügen zu können, indem er die Vermutung, dafs der Canon der zehn Redner um 
das Jahr 125 v. Chr. in Pergamon entstanden sei, durch den Nachweis zu stützen 
suchte, dafs die bei Quintilian 12, 10, 3 ff. vorliegende Liste von Klassikern der 
Malerei und Sculptur, die in der ursprünglichen Quelle gleichfalls je in die Zehnzahl 
eingeschlossen gewesen sei — bei Quintilian sind elf Maler aufgeführt — , aus 
Pergamon stamme. Die Hypothese von der pergamenischen Herkunft des Redner- 
Canons kann als völlig gescheitert angesehen werden: während Usener 19 ihn der 
Blütezeit der Gelehrsamkeit von Alexandrien zueignen wollte, zeigte R. Weise 20 , 
dafs der Canon noch Dionysios und Cicero unbekannt war, woraus P. Hartmann " 
den, wie mir scheint, notwendigen Schlufs zog, dafs Caecilius, dessen Buch irspl tou 
gapaxT%oc tüjv osita pYjtoptuv das älteste Zeugnis für den Canon bildet, ihn auch auf- 
gestellt habe: er hat damit die vor Ruhnken herrschende und dann von M. H. E. 
Meier vertretene Ansicht wieder in ihr verdientes Recht eingesetzt. Man wird es 
nicht gerade für wahrscheinlich halten, dafs der Rednercanon eine Nachahmung 
lange vorher in Pergamon entstandener Künstlerlisten sei; aber da Brzoska den 
Beweis für die von ihm angenommene Zeit und Heimat der beiden Künstler- 
verzeichnisse nicht auf die Analogie des Rednercanons gestützt, sondern unab- 
hängig davon zu führen versucht hat, ist man der Mühe nicht enthoben sich seine 
Gründe anzusehen. 

Die beiden bei Quintilian erhaltenen Zusammenstellungen, welche eine jün- 
gere Epoche als die des Apellcs nicht berücksichtigen, hätten nach Brzoska den 
offenbaren Zweck, die Kunst der Malerei und Bildhauerei vorwärts zu bringen; 
daher frage es sich, wann sich die Kunst auf die Nachahmung der Alten ver- 
legt habe. Nun habe es zwar in dem auf Lysipp und Apelles unmittelbar 
folgenden Zeitalter viele Künstler und Kunstschriftstcller gegeben, vor Allem 
in Sikyon, aber auf die Alten seien sie nicht zurückgegangen; man habe 
ihnen Lysipp und Apelles weit vorgezogen und diese vor Allen nachgeahmt und 



18 ) De canone decem oratorum. Inaugural-Disser- -°) Quaestiones Caecilianae. Inaugural-Dissertation, 
tation, Breslau 1883, S. 68ff. Berlin 1888. 

19 ) Dionysii Halicarn. librorum de imitatione reli- "■") De canone decem oratorum. Inaugural - Disser- 
quiae (Bonn 1889) S. noff. tation, Göttingen 1891. 



C(5 Fränkcl, Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon. 

zur Nachahmung empfohlen. Nachher sei die Kunst gesunken, bis sie um 
Ol. 156 wieder auflebte; damals hätten die Maler und Bildhauer die alten Meister 
nachzuahmen begonnen und die Kritiker ihre Eigentümlichkeiten zu erforschen ver- 
sucht: damals seien vermutlich auch die Dekaden entstanden. Ist so ihre Zeit ge- 
wonnen, so handelt es sich noch um den Ort. »Da die Canones zum Zwecke der 
Nachahmung aufgestellt sind, so sind sie ohne Zweifel einzig und allein da ans 
Licht getreten, wo damals die Kunst der Malerei und Bildnerei im höchsten Flor 
stand.« Also könne man weder an Alexandrien noch an Sikyon denken, eher an 
Rhodos, aber hier habe man auch nur die Kreise des Apelles und Lysipp für nach- 
ahmenswert gehalten und einen rhodischen Kunsthistoriker aufser Kallixenos, der 
im dritten Jahrhundert tSv C<nfp«p<BV TS xoli ivSptovroitOMav dvaypacpai verfafst hat, 
kennen wir nicht. Es bliebe nur Pergamon, wo in der angenommenen Zeit sowol 
die Kunst als die Kunstwissenschaft geblüht habe, das Princip der Kunstübung aber 
der Eklekticismus sei. 

Es scheint nur nötig zu sein diese Beweisführung wiederzugeben, um ihre 
Schwäche klar zu stellen. Die Argumentation beruht auf einer ganz unhaltbaren 
Vorstellung von dem Verhältnis, in welchem die kritisch-historische Betrachtung 
vergangener Kunst zur praktischen Kunstübung steht. Sie setzt den Einflufs der 
Theorie auf die Praxis als ein so sicheres Axiom, dafs man durch Rückschlufs von 
dieser für jene eine Zeit- und Ortsbestimmung gewinnen könne. Nun ist unleugbar, dafs 
in der Kunst eine Congruenz von Theorie und Praxis hervortreten kann, wie etwa die 
kritische Vorliebe Ruskins in England ein noch heute neue Sprossen treibendes 
Geschlecht von sogenannten Präraffaeliten hervorgerufen hat. Aber gerade dieses 
Beispiel kann zeigen, unter welcher Bedingung die Erfahrung eine Einwirkung der in 
der Aufstellung von Vorbildern sich äufsernden Theorie auf die Ausübung der 
Kunst zugeben kann: wenn der Kreis der Vorbilder, welche die Kritik der Nach- 
ahmung empfiehlt, ein einheitlicher, individuell begrenzter ist, mit andern Worten, 
wenn die zum Muster vorgestellte Norm eine in sich abgeschlossene Richtung ist, 
die sich von andern Richtungen leicht fafsbar scheidet. Auch wenn nach Lessing 
und Winckelmann die Kunst die Nachahmung der Antike zu ihrem Principe machte, 
erweist sich diese Regel als zutreffend, denn in dem Geiste dieser Männer lebte ein 
Gesamtideal der Antike, aus dem es leicht war, allgemeine zu einander stimmende 
Regeln zu abstrahiren. Aber wie soll eine vergleichende Würdigung von zehn 
oder elf Malern und zehn Bildhauern, wie soll diese Zusammenstellung von Meistern, die 
durch Jahrhunderte einer überaus reichen Entwicklung von einander geschieden 
sind, von Kallon und Hegesias bis auf Lysipp und Demetrios, den lebenden Künstler 
zu beeinflussen im Stande gewesen sein? In der Rede ist das Zusammenflicken des 
Stils aus ganz verschiedenartigen Mustern, wie Herodot und Lysias, allerdings 
so weit möglich, dafs auf diesem Wege eine innerlich hohle und äufserlich ge- 
schmacklose Rhetorik hervorzubringen ist; in der bildenden Kunst ist selbst der 
Cento nur bei einer gewissen Einheitlichkeit der Originale denkbar: es gilt auch 
hier das Motto des Laokoon GX-fi xai TpOTrot? [mjat^eioc 5ia<pspooai. Ob etwa und in wel- 



Kränke], Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon. C7 



chem Umfange der Urheber der quintilianischen Zusammenstellungen eine praktische 
Wirkung derselben beabsichtigt und erhofft hat, ist dabei ganz gleichgiltig. Dafs die 
Malerei in Pergamon irgend eine Bedeutung gehabt habe, dafür haben wir nicht das 
mindeste Anzeichen, was schon allein für das Princip der Brzoska'schen Argumentation 
sehr bedenklich machen mufs. Wäre aber auch das Princip zutreffend, so würde seine 
richtige Anwendung der Hypothese im höchsten Grade ungünstig sein: die perga- 
menische Plastik sieht nicht danach aus, als wenn sie sich die Vorzüge der alten 
Meister aus einer 'Musterkarte zusammengelesen hätte. Wenn irgend eine Kunst, 
so beruht diese auf dem frischesten, unmittelbarsten Erfassen der Natur, der sie 
das hingehendste Studium zugewendet haben mufs. Dafs sie mit der meisterhaften 
Darstellung von Barbarenbildungen ganz neue Wege einschlug, hat Brunn schon in 
seiner Künstlergeschichte (I S. 450 ff.) schön ausgeführt. Sie weifs auch zuweilen, 
am meisten in dem sterbenden und dem sein Weib tötenden Gallier durch das zu tiefer 
Innerlichkeit gesteigerte Pathos der Darstellung in ganz neuer Weise zu ergreifen, 
und wenn wir vor dem grofsen Altar bei aller äufserlichen Erregtheit der Schilde- 
rung im Ganzen innerlich kalt bleiben, so liegt dies wahrlich nicht daran, dafs wir 
ein Recept zu schmecken glauben: indem wir die ungemeine Virtuosität der ge- 
samten Darstellung in den gut gearbeiteten Teilen des grofsen Werkes bewundern, 
verstimmt es uns vielmehr, bewufst oder unbewufst, dafs alles das uns doch nur 
eine eintönige Schlächterei vor Augen stellt, deren Ausgang von vornherein selbst- 
verständlich ist, verstimmt uns der vielfache Mangel an Ernst und Innerlichkeit, 
durch welchen »trotz der Ausführung in überlebensgrofsem Mafsstabe die Reliefs der 
Gigantomachie unter den Gesichtspunkt der tektonisch-dekorativen Kunst fallen 32 «. 
Die pergamenische Kunst zeigt alle Eigenschaften eines hoch begabten Epigonen- 
tums; sie ist selbstverständlich von der Vergangenheit abhängig, sowol in ihrem 
Empfindungsgehalt von dem vorher schon durchlaufenen Kreise als auch in der 
Technik, indem sie nach ihrem Rechte sich alle überkommenen Darstellungsmittel 
zu eigen macht und steigert, aber ihre kecke Kraft hat sich von der Doktrin nicht 
einschränken lassen. 

Ebenso wenig haltbar wie sich die Anschauungen Brzoska's von dem künst- 
lerischen Charakter der Zeit erwiesen haben, in welche er die Dekaden setzen will, 
sind sie von den Epochen, für die er ihre Entstehung ausschliefsen möchte. So 
hat Robert" unzweifelhaft Recht, wenn er die Zeitbestimmung durch die allgemeinen 
kunsthistorischen Erwägungen nicht für erwiesen hält, insbesondere bemängelt er 
dafs »dem Märchen von der attischen Renaissance um Ol. 156 blindes Vertrauen 
geschenkt wird«. Desto mehr glaubt er Brzoska's Herleitung der Künstlerlisten 
durch den Nachweis gestützt, dafs der Canon der zehn Redner in der Zeit zwischen 
Panaitios und Apollodoros entstanden sei. Aber Brzoska wollte ja Zeit und Ort des 
Redner-Canons erst durch die Analogie der Künstlerdekaden erhärten; man kann 
doch unmöglich umgekehrt durch die Haupt-Hypothese, die selbst erst zu beweisen 
war, die Neben -Hypothese als erwiesen betrachten. »Dafs der Erzbildner-Kanon 

'") Brunn, Jahrbuch der königl. preufs. Kunstsammlungen V S. 284. 2:i ) Archäologische Märchen S. 53. 

Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. 5 



c8 Fränkel, Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon. 

entweder nach dem Muster des Rednercanons oder gleichzeitig mit demselben auf- 
gestellt worden ist, darf unbedenklich vorausgesetzt werden«, sagt Robert. Ganz 
gewis: wenn Zusammenstellungen von zehn Künstlern zu einem Canon statt- 
gefunden haben, so ist die Dekade der Künstler jünger als die der Redner, also 
frühestens aus augusteischer Zeit.» Denn die Zehnzahl der Redner ist keineswegs 
der Ausflufs irgend einer Symbolik, sondern ergab sich lediglich aus der Auffassung 
des vorhandenen Stoffes 24 ; bei den Künstlern könnte das Auftreten derselben Zahl, 
namentlich das zweimalige, folglich nur aus Nachahmung hervorgegangen sein. 
Aber es fehlt für die Existenz eines Künstlercanons überhaupt an jedem Zeugnis, 
und bei Quintilian sind elf Maler aufgeführt; folglich können die von ihm auf- 
bewahrten Zusammenstellungen auch älter sein wie Caecilius. Wenn aber auch 
der Rednercanon so sicher aus Pergamon wäre wie er es nicht ist, so würde nie- 
mand blos daraus den gleichen Entstehungsort eines etwaigen Künstlercanons folgern 
dürfen; es müfsten dafür selbständige Beweise beigebracht werden, wie Brzoska, 
freilich auch nach dem Urteile Robert's ohne Erfolg, versucht hat. 

Robert selbst bringt aufscr der Analogie des Redner- Canons zum Beweise der 
Hypothese nur folgendes bei (S. 51): »Eine erfreuliche Bestätigung für den perga- 
menischen Ursprung dieser [quintilianischen] Kunsturteile ist es, dafs zwei derselben 
bei solchen Autoren wiederkehren, die notorisch von pergamenischen Quellen ab- 
hängig sind. Pheidias und Alkamenes als die höchsten Gipfel plastischer Meister- 
schaft kennt auch Pausanias V, 10, 8: 'AXxajiivoo; dvSpö? r ( Xixtav xs xaxä Ostotav xal 
Sautepeia Svrjfxttftlvou Uixpt'a; Ic xpAjatv oqccXuocTcov . . . Genau dem pergamenischen 
Canon entsprechend wird ferner das Verhältnis des Polykleitos und Pheidias von 
Strabo VIII, 372 so bestimmt, dafs die Werke des ersteren z^ \xkv tt/y-Q xä/J.'.aT« 
Ttt>v Tcävttov, KoXuteXefct os xcti [ü^sös'. xüiv <1)si8mo Xstrojisva seien, eine Stelle, die uns 
auch das von Quintilian mit pondus übersetzte griechische Wort jie-fsftoc giebt.« 
Die Pausanias-Stelle, deren endliche richtige Erklärung wir Robert danken, bildet 
nur ein äufserst schwaches Argument; denn dafs sie aus einer pergamenischen 
Quelle stammt, ist auch keine Tatsache, und würde man behaupten können, dafs 
ausschliefslich von der pergamenischen Kritik Pheidias und Alkamenes an die 
Spitze gestellt worden seien? Übler steht es mit der Strabostelle, die folgenden 
Worten Quintilians entsprechen soll: diligentia ac decor in Polyclito supra ceteros, 
cm quamquam a plerisque tribuitur pahna, tarnen, ne nihil detraliatur, deesse pondus 
putant. .... at quae Polycleto defue}-unt, Phidiae atque Alcameni dantur. Phidias .... 
in ebore vero longe citra aemulum etc. Das ~ijyi^ Strabon's setzt also Robert, 
wie er S. 56 auch ausdrücklich sagt, gleich diligentia, wofür «xptßsia mindestens 
das eigentliche und in solchen Urteilen gewöhnliche Wort wäre. Ist jii- t si)o? pondus, 
so mufs auch der Begriff von TtoÄu-sXsia in der Sphäre der künstlerischen Eindrücke 
liegen; eine einigermafsen entsprechende Analogie solcher übertragenen Verwendung 
des Wortes beizubringen wird aber schwer sein. Die Stelle ist misverstanden 
worden: die Rede ist vom Heraion bei Argos, sv o> ~a [loXuxXsi'-roo Söavoc, rj) u.sv 

21 ) Hierüber vgl. die in Anm. 21 angeführte Arbeit Hartmann's S. 34rT. 



Fränkel, Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon. 



59 



~i-/y\ xa'Micrae u. s. w. ; das ist doch einfach zu übersetzen: »die Cultbilder des 
Polyklct, an Kunstvollendung die schönsten von allen, an Kostbarkeit und Gröfse 
aber hjnter denen des Pheidias zurückstehend«. Völlig zutreffend belegt Brunn 
(Künstler I S. 212) mit der Strabo-Stelle die Worte: »das Bild der Hera im Tempel 
bei Argos, aus Gold und Elfenbein, von kolossaler Gröfse, aber kleiner als die ver- 
wandten Werke des Phidias«. Wäre es also notorisch, dafs Strabon's Ausspruch über 
Polyklet aus Pergamon stammt, so wäre er mit Erfolg gegen die gleiche Herkunft 
der quintilianischen Kunsturteile geltend zu machen: dort ist als Bildner in Gold- 
elfenbein Polyklet gröfser wie Pheidias, hier Pheidias gröfser wie Polyklet. 

Wir entbehren indessen nicht wirklicher Spuren einer pergamenischen Ge- 
mäldeforschung. Man kann kaum zweifeln, dafs Wilamowitz den auf diesem Gebiete 
offenbar sehr namhaften Antigonos richtig mit dem Bildhauer des Namens identi 
ficht hat, der nach Plinius 34, 84 in Pergamon tätig war: plures artifices fecere 
Attali et Eumenis adver sus Gallos proelia: Isigonus, Pyromachus, Stratonicus, Anti- 
gonus, qui Volumina condidit de sua arte**'. Seine Heimat Karystos nennt Zenobius 
5, 82. Nach dem Quellenverzeichnis des Plinius zu seinem 33. und 34. Buche hat 
Antigonos über Erzkunst, nach Plinius 35, 68 de pictura geschrieben, und zwar wird 
er hier als Autorität über die Kunstart des Parrasios angeführt. Polemon hat an 
oder gegen ihn ein Buch gerichtet, das als vx xrpoc 'A3«Tov xai 'Avrfyovov und als xä 
■rcpö; 'Avxqovov Trspl Cw^paatuv angeführt wird. Das gröfse Ansehen, in welchem seine 
Forschungen über Malerei standen, beweist Laertios Diogenes 7, 187, wo es heifst, 
dafs die Gegner des Chrysipp, der sich für eine häfsliche Geschichte über Zeus und 
Hera auf ein Gemälde berufen haben mufs, ihm vorwarfen, dafs er sie erdichtet 
habe, da sie sich weder bei Polemon noch bei Xenokrates fände, ja nicht einmal 
bei Antigonos 20 . 

Die Zeit des Antigonos ist leider nicht genauer bestimmbar. Wilamowitz 
drückt sich a. a. O. S. 14 so aus: »es ist einfach überliefert, dafs Antigonos von 
Karystos ein Bildhauer war, der unter Attalos I. in Pergamon gearbeitet hat«. Wo 
steht diese einfache Überlieferung? Man kann es für wahrscheinlicher halten, dafs 

25 ) Über die Persönlichkeit und die Kunstschrift- 
stellerei des Mannes vergl. Wilamowitz, Antigonos 
von Karystos S. 7 ff. 

26 ) ceiaypoxaxTjv ycip tpaai ävaTtXaxTEi TcrjxrjV xtjv iaxo- 
piav . . . oüoe Tiapä xot« Trspl r;ivctxu>v ypo'iaai 
y.axaxe)r<optiju.e\T)v, jiTjTC yap irocpa 11'Aeu.covt, piroxe 
Ttapcl Eevoxpdxei (so zuerst Köpke für 'T^txpctxei), 
c&Xa pirjoe -ap' 'Avxtyovu,) slvai, utc' aüxoü hk r.t- 
xcXäaöai. — Den Fragmenten des Antigonos wird 
ein von dem Scholiasten des Aristophanes (Vögel 
574) aus dem Pergamener Karystios hergeleite- 
tes Citat hinzuzufügen sein: NecoxEptxov to tt)v 
Nt'xrjv xai xov v Ep<uxa £rcxspü>a9ou. "Apv_evvov yäp 
tpaat . . ., oi 8s 'AyXaotpäivxa xov ös'acov £(oypä- 
<pov Ttxnjvrjv epyaaa(39ai xt)v Ni'xtjv, ti>z o't wepi 
Kocpuaxtov xov ikpyap.TjVö'v <paai. Als den Urheber 



einer selbständigen und durch seine Autorität 
auf einen Kreis von Anhängern übergegangenen 
Ansicht in einer Frage dieser Art, nach dem 
ersten Künstler der die Nike beflügelt darstellte, 
werden wir nur einen Fachmann annehmen dür- 
fen; in den sonstigen Fragmenten der taxopixa 
£>-ou.vr);j.axGt des Pergameners Karystios (Müller IV 
S. 356fr.) ist aber keine Spur kunstgeschicht- 
licher Forschung. Keine Verwechslung kann 
leichter sein als die eines in Pergamon ansässi- 
gen Schriftstellers, der Karystier war, und eines 
Schriftstellers, der Pergamener war und den 
Namen Karystios führte. Ist diese Verwechslung 
eingetreten, so beweist sie, dafs man in der 
Tat Pergamon als die geistige Heimat des 
Schriftstellers Antigonos von Karystos ansah. 



6o Fränkel, Gemälde-Sammlungen und Gemälde-Forschung in Pergamon. 

die in der oben ausgeschriebenen Plinius-Stelle genannten Künstler sämtlich schon unter 
Attalos I. oder Eumenes II. gearbeitet haben; unmöglich ist es durchaus nicht, dafs 
auch Attalos II. die Galaterkämpfe seiner Vorgänger künstlerisch verherrlichen liefs, war 
er doch selber unzweifelhaft auch an dem Gallierkriege seines Bruders hervorragend 
beteiligt gewesen. Die Annahme, dafs die von Plinius genannten Künstler alle oder 
zum Teil sowohl für Attalos I. als für Eumenes II. gearbeitet haben, wäre nicht zu- 
lässig, denn die Kämpfe des früheren Königs gegen die Galater nahmen mit dem 
Tode des Antiochos Hierax im Jahre 228 ihr Ende, die des späteren fanden 
168/167 statt. Für die Künstlerinschrift auf dem grofsen Weihgeschenk Attalos' I. 
wegen seiner Kämpfe gegen die Galater und Antiochos, erschien, wie auch Wi- 
lamowitz bemerkt, nach der Plinius-Stelle neben der Ergänzung 'Avti]-,ovou sfpya 
ebenso wol 'JaiJ'fovou möglich; in Wahrheit war das Weihgeschenk von keinem 
dieser beiden Künstler gearbeitet, sondern von Epigonos 27 . Der angesehenste per- 
gamenische Forscher über Malerei kann also sehr wol erst unter König Eumenes 
nach Pergamon gekommen sein und noch aus den Bemühungen Attalos' des Zweiten 
um die Beschaffung historischen Materials Nutzen gezogen und sie beraten haben, 
zumal Attalos schon als Prinz in dieser Richtung tätig gewesen sein kann, wie er 
damals auch schon eine Anzahl plastischer Kunstwerke veranlafst hatte 5 *. Vielleicht 
ist aber auch schon von den früheren Königen das Interesse für Malerei, das uns 
von Attalos II. bezeugt ist, betätigt worden. 

Dafs Polemon bei seiner grofsartigen den Denkmälern der Vergangenheit 
zugewendeten Forschung die Kunstschätze des seiner Heimat so nahen Pergamon 
nicht unbeachtet gelassen hat, versteht sich von selbst. Vielleicht hat er sogar 
gerade zu Attalos II. persönliche Beziehungen gehabt; wenigstens hat es Preller 
für sehr wahrscheinlich gehalten, dafs dieser König der Adressat des Briefes war, 
der als ~yh; 'ArtaXov £-üjtoX/j angeführt wird (Fragment 70 ff.). Attalos II. ist im 
Jahre 220 geboren; Polemon wurde 176 delphischer Proxenos, seine Geburt wird 
man also nicht später wie etwa 206 ansetzen dürfen, nach Suidas lebte er unter 
Ptolemaios Epiphanes (204 — 181). Freilich kann er auch beträchtlich früher geboren 
und sein Correspondent Attalos I. gewesen sein, der 197 starb. Wie dem auch 
sei, so hat unsre Inschrift die Möglichkeit eröffnet, dafs die Forscher Beschrei- 
bungen auswärtiger Gemälde auch in Pergamon verfassen oder revidiren konnten, 
und zwar möchten gerade Polemon's Darlegungen zuweilen auch auf Copien be- 
ruhen, da er die Kunst weniger vom Standpunkte des Ästhetikers als des Antiquars 
betrachtete, »zu einer mehr auf das Sachliche und den Inhalt als auf das Malerische 
und die Kunst im eigentlichen Sinne gerichteten Behandlung von Bildern neigte 29 «. 

Unsre Kenntnis der pergamenischen Gemäldeforschung ist ganz unvoll- 
ständig, aber dafs die geistigen Schöpfungen der Attaliden viel dauernder und 
lebenskräftiger waren als ihr Staat, hat sich unzweifelhaft auch an ihren Kunstsamm- 
lungen bewährt. 

M. Fränkel. 

"J Inschriften von Pergamon 22b. ■") Inschriften von Pergamon 65fr. 168. 169. - 9 ) Kalkmann, Pausanias S. 115. 



vjo M^ y*+& \W^X/^r** 



TYRO 

Hierzu Tafel 2. 

Es ist auffällig, wie geringe Spuren die Sage von Tyro und ihren Söhnen 
Pelias und Neleus in der bildenden Kunst zurückgelassen hat 1 , und fast noch merk- 
würdiger, dafs die erhaltenen Denkmäler sämtlich der etruskischen Kunst angehören. 
Denn Jahn's Deutung eines rotfigurigen Vasenbildes auf die von Pelias verfolgte 
Sidero (Welcker, A. D. III S. 138) ist nichts weniger als sicher, und so bleibt zu- 
nächst das kyzikenische Epigramm (Anthologie III, 9) die einzige unmittelbare, 
allerdings in Folge der starken Verderbnifs sehr schwache Spur einer griechischen 
aus diesem Sagenkreise entlehnten Darstellung. Mittelbar besitzen wir allerdings 
durch die etruskischen Nachahmungen von solchen Werken Kunde, deren nahe 
Beziehung zur attischen Tragödie Engelmann in dieser Zeitschrift V S. 171 auf- 
gedeckt hat, indem er zugleich durch glückliche Erklärung die spärlichen Denkmäler 
dieses Mythos um ein neues vermehrte. Es ist unter diesen Umständen von Inter- 
esse, die Tuptlu suiraiipsia einmal von einem griechischen Handwerker dargestellt zu 
finden. 

Die auf Tafel 2 in zwei Ansichten abgebildete Terrakotte befindet sich in 
der Sammlung der griechischen archäologischen Gesellschaft (Mojxpal mJjXtvat 1698); 
eine Beschreibung derselben hat Koepp in den Athen. Mittheilungen X S. 173 
gegeben. Es ist eine etwa 18 cm hohe Gruppe, eine auf Felsen sitzende Frau, zu 
deren Füfsen zwei Kinder in ihrem Bettchen liegen, aus nicht sehr feinem, rötlich- 
gelbem Thon, der an manchen Stellen abgerieben ist und hier stumpf, wie sandig, 
erscheint. Die Arbeit ist nicht fein; manche Teile, wie z. B. die freien Falten um 
die Füfse der Sitzenden, scheinen nur mit der Hand geformt. Die Figur der Frau 
ist ganz geschlossen, der Fels, auf dem sie sitzt, hinten offen. Als Fundort wird 
Tanagra angegeben, und das Aussehn der Terrakotte stimmt zu dieser Angabe 
durchaus. 

Farben sind, aufser dem die ganze Terrakotte überziehenden Weifs, folgende 
erhalten: reichliche Reste eines ziemlich hellen Blau am Boden, Spuren derselben 
oder einer etwas dunkleren Farbe am Felsen, unterhalb des rechten Fufses der 
sitzenden Frau am Boden ein paar kleine braunrote Flecken, die zufällig sein wer- 
den. Das Bettchen der Kinder ist dunkelgelb gefärbt, die Gewänder des Kindes 
links rosa, ebenso die spitze Mütze desjenigen rechts. Am Gewand und Körper 
der Frau ist aufser Weifs keine Farbe zu sehen, nur die herabfallenden Locken 
sind rotbraun gefärbt. 

') Vgl. O.Jahn, Arch. Aufsätze S. 147. Arch. Zeitung 1853 S. 126. E. Gerhard, Etruskische 

Spiegel V S. III (Körte). 
Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. O 



02 Wolters, Tyro. 



Die Frau trägt auffallender Weise kein Untergewand sondern nur einen 
Mantel, welcher Rücken, rechten Arm und Beine verhüllt, die Brust frei läfst; der 
Kopf ist mit einer einfachen Haube bedeckt. Eine besondere Bedeutung vermag 
ich in dieser Tracht nicht zu finden. Dagegen scheint mir für die Erklärung des 
Ganzen das Zusammentreffen mehrerer Umstände entscheidend zu sein. Offenbar 
ist das Interesse der Frau völlig von den zu ihren Füfsen dargestellten Säuglingen 
in Anspruch genommen, auf welche sie nicht nur sinnend, wie Koepp meint, son- 
dern traurig hinblickt. Für die Trauer scheint mir nicht nur die Neigung des 
Kopfes und das Aufstützen des Kinnes auf die Hand bezeichnend, sondern auch 
die geringe Erhebung der in das Gewand gehüllten rechten Hand. Dieselbe ruht 
nicht unthätig im Schofse, sie hebt vielmehr den einen Mantelzipfel mit einer auch 
auf Grabreliefs manchmal anklingenden Gebärde, um ihn zum Trocknen der Thränen 
an die Augen zu führen. An sich ist sicherlich das Zwillingspärchen Nichts, was 
so starken Kummer bei der jungen Mutter hervorrufen müfste. Dicht in ihre Win- 
deln gewickelt, die Köpfchen mit der bekannten spitzen Kindermütze bedeckt, liegen 
sie friedlich in ihrer muldenförmigen Wiege, welche völlig der Athen. Mittheilungen 
X Taf. 4, I abgebildeten gleicht. Es ist offenbar die axaepr, genannte Art der Wiege, 
über welche Blümner in Hermann's Antiquitäten IV S. 288, Daremberg und Saglio, 
Dictionnaire des antiquites I, 2 S. 1588 zu vergleichen sind 2 . Es fällt aber auf, dafs 
die Wiege in unserem Fall so ungemein flach erscheint; ihr Rand ragt kaum über 
den Boden, auf dem sie stehen müfste, hervor, ja das Innere mufs tiefer liegen als 
die umgebende Oberfläche. Die Wanne steht eben nicht auf festem Boden, sondern 
sie schwimmt im Wasser. Und nur unter dieser Voraussetzung läfst sich auch die 
eigentümliche Stellung verstehen, welche die Frau eingenommen hat. Wer würde 
sich sonst zum Sitz einen so unbequem hohen Fclsblock erwählen, wie sie? Wir 
verstehen Alles, wenn wir sie uns am steilen Ufer des Flusses sitzend denken, 
dessen Wellen sie ihre Kinder anvertraut. Und diese Aussetzung der Kinder im 
Flufs, die unter anderen Umständen eine Sinnlosigkeit oder eine unverständliche 
Grausamkeit wäre, wird begreiflich, wenn bei dem Gott des Flusses selbst ein Inter- 
esse für die Kinder vorausgesetzt werden darf. Ich wüfste nicht, aus welchem 
Mythos wir diese ganze Lage besser verstehen könnten, als aus dem der Tyro. 

Nicht allerdings aus der Sagenform, die bei Homer (Od. 11, 235) vorliegt. 
Denn wenn hier Poseidon der Tyro unter der Gestalt des von ihr geliebten Flufs- 
gottes Enipeus naht und sich ihr darnach offenbart, so ist nicht nur durch den 
ausdrücklichen Befehl Poseidons, die Kinder zu erziehen, sondern auch durch den 
weiteren Gang der Erzählung jede Möglichkeit einer Aussetzung abgeschnitten. 
Diese kommt in der späteren, auch von Sophokles bearbeiteten, Sage vor und bietet 
die Grundlage der tragischen Verwickelung, die durch den dvcqv(upia[i6j vermittelst 
der (jxa'fnj gelöst wird, in welcher einst die Kinder ausgesetzt worden waren; vgl. 

a ) In Neapel befinden sich sowohl in der Samm- nicht wenige Exemplare eines Eros, der in einer 

lung Santangelo als in der Terrakottensammlung solchen Wanne schläft. 



Wolters, Tyro. 63 



Engelmann in dieser Zeitschrift V S. 175, Trieber im Rheinischen Museum XLIII 
S. 569. 

Ein Punkt nur verlangt noch wenige Worte. Ich nahm an, dafs in der 
Terrakotte die Aussetzung der Kinder im Flusse Enipeus dargestellt sei. In unserer 
Überlieferung wird, so viel ich sehe, davon nichts gemeldet, wenn man nicht etwa 
das Scholion zur Ilias 10, 334 (ratpa xoT? 'Evitcsio? «>3 7toT«fxou {isi&pou) so verstehen 
will. Dafs aber die Sage die Aussetzung im Wasser kennt, schliefse ich aus der 
sonst unmotivirten Anwendung der Wanne. Die axctcpyj diente, wie schon bemerkt, 
auch im gewöhnlichen Leben im Altertum so gut wie zuweilen noch jetzt als 
Wiege, aber eine Aussetzung erfolgt doch ohne besonderen Grund nicht in der 
Wiege. Eine gute Analogie ist es, dafs Romulus und Remus ebenfalls in einer 
5xd<p7] ausgesetzt sein sollten (Plutarch 3). Wenn aber die Mutter ihre Kinder dem 
Flufs Enipeus anvertraute, so mufs sie der Sage nach diesen auch für den Vater 
derselben gehalten haben; Poseidon hat sich also in dieser Sagenform erst 
später offenbart, vermutlich erst nach dem dva^vmrA<s^6c. Oder sollte man schlies- 
sen dürfen, dafs Enipeus bisweilen auch in jüngerer Zeit noch als Vater des 
Neleus und Pelias gegolten habe, wie er ursprünglich es doch sicherlich war 3 ? 
Das vereinzelte Monument kann uns darauf keine Antwort geben, und ob es sich 
aus dieser Vereinzelung befreien und mit den von Marx, Athen. Mittheilungen X 
S. 81 besprochenen Denkmälern in engere Verbindung bringen läfst, mufs vor- 
läufig dahingestellt bleiben. 

Athen, Dezember 1890. Paul Wolters. 



T-rtM. ^xrr«S&ow^Jfc \W 



DIE NEUESTEN VERSUCHE ZUR 
ANORDNUNG DES OLYMPISCHEN OSTGIEBELS* 

Die älteren Anordnungsversuche für die östliche Giebelgruppe des olympi- 
schen Zeustempels hatten bei aller ihrer Verschiedenheit im Einzelnen doch wenigstens 
den einen gemeinsamen Vorzug, räumlich ausführbar zu sein. Neuerdings scheint 
dies anders werden zu sollen. 

3 ) Aus Agatharchides (C. MUller's Geographi rai- Abgüssen einer Lösung zugeführt werden kön- 
nores I S. 1 14) wage ich das nicht zu schliefsen. nen, in gedruckter Darlegung Platz gegriffen 
*) Die Redaktion hat in diesem Hefte Auseinander- hat, erschien es gerechtfertigt, den letzthin 
Setzungen Über Rekonstruktion der olympischen zunächst thatig betheiligten Forschern noch ein 
Tempelgiebel einen grofsen Raum gewährt. Mal vor Erscheinen des Skulpturenbandes des 
Nachdem einmal die Behandlung auch solcher Olympiawerkes auch im Jahrbuche die Gelegen- 
darauf bezüglicher Fragen, die nicht wohl an- heit zu bieten sich zu verständigen oder einst- 
ders als experimentell mit den Originalen und weilen bestehen bleibende Meinungsverschieden- 
heiten zu präcisiren. 

6* 



Qa Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 

Die Hauptschuld daran trägt leider Brunns verhängnifsvoller Vorschlag 
einer Umordnung der Mittelgruppe in dem Sinne, dafs Oinomaos und Pelops ihre 
Plätze unmittelbar neben Zeus zu Gunsten der beiden Frauen aufzugeben hätten 
und selbst an die dritten Stellen im Giebel rücken sollten — ein Vorschlag, der 
um so mehr Beachtung fand, als er aus der Feder desjenigen Mannes stammt, von 
dem wir alle von jung auf zu lernen gewohnt sind '. 

Der Erste, der in diesem Versuch öffentlich den rettenden Gedanken be- 
grüfste, war Six J . Was gerettet werden sollte, war die Möglichkeit, die freigear- 
beiteten Vorderpferde von ihrem Platz neben den Reliefgespannen zu entfernen und 
sie allein hinter diesen hertraben zu lassen. Es sollte auf diese Weise aus den 
Flügelgruppen des Giebels eine Anschirrscene gestaltet werden — als solche wurde 
die irapotcjxcoii des Pausania^ gedeutet — eine Anschirrscene freilich, der es, insbeson- 
dere auf der rechten Seite, nur an den Anschirrenden fehlte. 

In dieser Form nun scheint Sixens Vorschlag den Einwendungen gegenüber, 
welche ich in dieser Zeitschrift IV, S. 304fr. versucht habe, nicht mehr aufrecht 
erhalten zu werden. Aber die damals ausgesprochene Warnung , dafs ein von sol- 
chen Voraussetzungen ausgehender Anordnungsversuch an seiner räumlichen Unaus- 
führbarkeit scheitern müsse, scheint fruchtlos gewesen zu sein. Dies beweist die 
im vorigen Hefte dieses Jahrbuchs S. off. veröffentlichte neue Reconstruction des 
Ostgiebels von Sauer, welche im wesentlichen auf der Grundlage der Vorschläge 
Brunns und Sixens beruht. Da diese also ihre Geltung in der Meinung einiger 
Fachgenossen noch behauptet zu haben scheinen, so glaubte ich mich nunmehr zu 
einer möglichst augenfälligen Darlegung des Thatbestandes verpflichtet, welcher 
sich aus jenen Voraussetzungen als notwendige Folge ergiebt. 

Zu diesem Zwecke ist einfach die von Sauer geforderte Aufstellung der 
Mittelgruppe mit den Abgüssen in einem Giebelrahmen ausgeführt worden, der, 
wie ich gleich bemerke, genau die von Dörpfeld ermittelte und von Sauer (S. 30) 
seiner Anordnung zu Grunde gelegte Gröfse hat 3 . Das Ergebnifs habe ich mit 
Dr. Herrmann's freundlicher Hülfe photographisch aufnehmen und , Dank Conzes 
Entgegenkommen, auf der nebenstehenden Autotypie über einer Wiederholung der 
Sauerschen Reconstructionszeichnung wiedergeben lassen können. Den Fachgenossen 
ist auf diese Weise die Nachprüfung auch der Einzelheiten ermöglicht. 

Dieses Bild ist beredter als alle Worte. Will man die Männer so aufstellen 

t 

wie Brunn und Sauer verlangen, so decken sie die Frauen fast vollständig zu, 
bohren ihnen ihre Rückendübel in den Leib und würden überdies in Wirklichkeit 
aus dem Giebel herausstürzen, der unmöglich genügende Tiefe dargeboten haben 
kann, um beide Gestalten vor einander aufzunehmen. Man sieht, dafs sich die 



') Sitzungsberichte der bayer. Akad. der Wissen- Taf. 6. 

schaften von l888, philos. - philolog. Cl. II, 2 3 ) Die weifse Linie, welche oberhalb der Wasser- 

S. 183 ff. nase am schrägen Giebelgeison entlang läuft, 

*) Journal of Hellenic studies X, S. 98 ff., vergl. bezeichnet die innere lichte Höhe des Giebels. 



Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 



65 



Sachen hier doch beträchtlich härter im Räume stofsen, als 
man nach den leicht bei einander wohnenden Gedanken 
in Sauers Aufsatz vermuten sollte. 

Dafs Oinomaos und besonders Pelops selbst vom 
Zeus noch ein Stück decken, und dafs die Speerspitzen 




J& 



s 

C/2 



'S) 



unter der Giebelschräge kaum noch Platz zu finden schei- 
nen, rührt teils davon her, dafs beide Statuen viel weiter 
im Vordergrunde stehen als Zeus und daher in der Photo- 
graphie etwas gröfser wirken als dieser; teils davon, dafs 



66 



Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 



ihnen die in Sauers 
gegeben worden ist 4 . 




i'J 




Reconstructionszeichnung geforderte stärkere Profildrehung 



Man fragt sich nun erstaunt, 
wie sich denn Sauer so stark über die 
räumlichen Erfordernisse seines Auf- 
stellungsvorschlags täuschen konnte. 
Dies ist zum Teil in Folge der beiden 
Annahmen geschehen, die er S. 28 ff. 
verteidigt, dafs nämlich Pelops keinen 
Helmbusch gehabt habe, und dafs die 
Verhältnisse derBeine beiderGestalten 
bisher zu lang ergänzt worden seien. 
Es läfst sich nun leicht zeigen, dafs 
beide Annahmen irrig sind, und dafs, 
auch wenn sie es nicht wären, sie 
Sauers Aufstellung dennoch nicht ret- 
ten würden 5 . 

Dafs Pelops in der That einen 
Helmbusch gehabt, zeigen die beiden 
Abbildungen auf S. 67 ohne Weiteres. 
Seine Ansatzspuren sind sowol auf dem 



Oberansicht des Pelops mit Andeutung der 
Richtung des Rückendubels. 




4. Oberansicht des Oinomaos mit Andeutung 
der Richtung des Rückendubels. 



4a. Ecke der Oinomaosplinthe mit der Leere 

für eine hakenförmige Klammer zur Befestigung 

im Giebelboden. 



4 ) Die ursprüngliche Wendung ergiebt sich aller- 
dings, wie auch ich glaube, aus der Richtung 
der Rückendübel , welche annähernd rechtwinklig 
in die Giebelwand geführt sein werden. Nur 
ist diese Richtung eben keine so schräge wie 
Sauer in seiner Giebelskizze annahm. Es erhellt 
dies aus den hierüberstehenden Oberansichten der 
fraglichen Statuen (Abb. 3 und 4), in welche die 
Linien der Dübellöcher genau eingetragen sind. 
Die Winkelmessungen von Wolters geben hier 
annähernd das richtige. Dann aber darf man 
die Dreivierteldrehung des Oinomaos auch nicht 
mehr durch die Abschrägung der Plinthenecken 
erweisen wollen. Denn woher wissen wir, dafs 
die Standplatte jener Statue ursprünglich recht- 
eckige Gestalt gehabt habe — eine Plinthen- 



form, die sonst in beiden Giebeln nirgends vor- 
kommt? 
5 ) Auch durch eine Versenkung der Plinthen in 
den Giebelboden läfst sich nicht etwa Platz 
gewinnen. Denn eine solche ist ausgeschlossen: 
erstens dadurch, dafs sich auf den erhaltenen 
Teilen des Giebelbodens keinerlei Plinthenleeren 
vorgefunden haben; zweitens durch den Umstand, 
dafs die Plinthenränder mehrfach als Gewand- 
falten gebildet sind, also offenbar bestimmt 
waren gesehen zu werden ; endlich spricht gegen 
eine Versenkung die Hakenform der Klammern, 
mit welchen die Plinthen im Giebelboden ver- 
ankert waren. Vergl. die Ansicht einer Klam- 
merleere von der Oinomaosplinthe in der oben- 
stehenden Abbildung 4 a. 



Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 



6 7 





5. Rückseite des Pelops mit dem Ansatz des 
Helmbusches. 



6. Oberansicht vom Helmkopf des Pelops. 



Helmkamm (Abb. 6), wie am rechten 
Schulterblatt (Abb. 5) deutlich erhal- 
ten. Wie Sauer S. 29 diesem klaren 
Thatbestande gegenüber das Gegen- 
teil behaupten konnte ist mir unver- 
ständlich 6 . Auch die Maafse der ab- 
gebrochenen Büsche lassen sich aus 
der erhaltenen Helmzier der Athena 
in der Augeiasmetope ermitteln. Von 
der Gesammthöhe der Athena, welche 
rund 1,50m beträgt, kommen auf den 
Helmbusch 7,5 cm. Demgemäfs sind 
die \fapoi an den (einschliefslich der Helmbüsche) rund 3 m langen Gestalten des 
Pelops und Oinomaos in einer Höhe von 1 5 cm ergänzt worden. 

Ebensowenig kann ich zugeben, dafs in der Ergänzung der Beine beider 
Männer irgend erhebliche Fehler begangen worden seien. Für den Oinomaos ist 
dies schon dadurch nahezu ausgeschlossen, dafs wir sowol die Plinthe wie zahlreiche 
Bruchstücke der Beine besitzen, so dafs hier überhaupt nicht mehr allzuviel zu 
ergänzen war, und dafs für dieses wenige sichere Anhaltspunkte vorlagen (vergl. 
unsere Autotypie, in welcher die ergänzten Teile an ihrer dunkleren Färbung kennt- 
lich sind). Auch vom Pelops besitzen wir den rechten Oberschenkel und das linke 
Unterbein. Und was diese Bruchstücke an den Maafsverhältnissen der Beine unbe- 
stimmt liefsen, konnte durch vergleichende Messungen an den übrigen Giebelfiguren 
mit annähernder Sicherheit ermittelt werden. Ich habe mich früher vorzugsweise 
auf den Apollon des Westgiebels und daneben auf den Kladeos und die knieenden 
Lapithen berufen. Sauer hat hiegegen S. 28 eingewandt, dafs diese Gestalten nicht 
in Betracht kämen, weil »für alle diese Figuren überschlanke Proportionen sich fast 
mit Notwendigkeit aus den zu füllenden Räumen ergaben«. Nun wol, so möge man 

6 ) Die beiden Bohrlöcher über der Helmstirn (a gesteckt dachte, scheinen mir nach Stellung und 

und b auf Abb. 6), in welche sich Sauer Federn Gröfse eher mit Stückungen am Ilelmbusch zu- 

sammen zu hängen. 



gg Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 

die Maafse an den Metopengestalten prüfen, bei denen jene Rücksicht doch gewifs 
fortfiel. Hier bieten sich wegen ihres ruhigen Standes besonders der Atlas und der 
Stymphaliden-Herakles dar, an denen sich die Gesammthöhe trotz der teilweis fehlen- 
den Unterbeine aus der Gröfse des Metopenfeldes nach Abzug der ebenfalls 
bekannten Dicke der Fufsleiste ergiebt. Auch hier ist das Gesammtergebnifs wieder- 
holter Messungen, um es kurz auszusprechen, dies, dafs die Mitte der Gesammtlänge 
bei den olympischen Zeustempelskulpturen nicht am oberen Rande des Geschlechts- 
gliedes liegt, sondern noch ein wenig unter seinem unteren Ansatzrande 7 . Hienach 
ist die Beinlänge und somit die Gesammthöhe des Pelops bemessen worden. Dafs 
der Helm und die Hauptneigung der Statue, welche wir in unseren Maafsberech- 
nungen gegen einander ausgeglichen haben, die Messung nicht bis auf den Centi- 
meter durchführen lassen, ist vollkommen zuzugeben. Aber auf ein paar Centimeter 
kommt es ja für die Aufstellungsfrage auch nicht an. Und selbst Sauer hat doch mit all 
seinem Bemühen für den Pelops nur 5 , für den Oinomaos 6 cm herunterzuhandeln 
versucht. Ich meinerseits halte eine so starke Verkürzung für ausgeschlossen. Aber 
gesetzt auch, sie wäre ausführbar, was wäre damit gewonnen? Nach Sauers eigener 
Berechnung (S. 30) doch nur soviel, dafs Pelops 20, Oinomaos 24 cm weiter von der 
Mitte weg gerückt werden könnten. Auch dann würden sich die Frauen noch immer 
mehr als zur Hälfte hinter ihnen verstecken. Ja, um ganz sicher zu gehen, habe ich 
meine Versuche an den Abgüssen noch weiter ausgedehnt. Ich habe beiden Helden 
die Helmbüsche abschneiden lassen, also beide nicht um c. 5 wie Sauer will, sondern 
sogar um ganze fünfzehn cm kürzen lassen — auch dann noch decken Oinomaos 
und Pelops die hinter ihnen stehenden Frauen zu einem Drittel bez. zur Hälfte mit 
Arm und Schild zu. Das Ergebnifs dieser letzteren weiteren Schiebung ist ebenfalls 
photographisch festgehalten worden. Abzüge stehen meinen Herren Mitarbeitern 
am Ostgiebel auf Verlangen gerne zu Diensten. 

Ich brauche kaum darauf hinzuweisen, dafs an diesem negativen Haupt- 
ergebnifs des Aufstellungsversuches auch dadurch nichts geändert würde, wenn man 
sich entschlösse, wie dies Wolters bei Sauer S. 27 offen läfst, die Männer ihre 
Plätze wechseln zu lassen, so dafs sich Zeus von dem Sieger Pelops ab und dem 
unterliegenden Oinomaos zuwendete. Denn abgesehen davon, dafs dies dem Sinne 
der Handlung zuwiderliefe, würden auch nach der Vertauschung die Frauen von 
den vor ihnen stehenden Männern genau in dem gleichen Mafse gedeckt, wie dies 
in Sauers Aufstellung der Fall ist. Es ist dies übrigens in der Dresdener Abgufs- 
sammlung ebenfalls thatsächlich versucht worden und kann auf Wunsch durch Vor- 
weisung der Photographie erhärtet werden. 



7 ) Interessant ist, dafs die umfassenden Messungen setz des Wachsthums und der Bau des Men- 

Liharziks den Schadow'schen Proportionsfiguren sehen, Proportionslehre aller menschlichen Kör- 

gegenüber auf ähnliche Ergebnisse, d. h. auf pertheile für jedes Alter und für beide Ge- 

eine relativ bedeutendere Länge der unteren schlechter. Wien 1862). Auch Froriep in seiner 

Gliedmafsen geführt haben (Liharzik, Das Ge- Anatomie für Künstler (Leipzig 1890) hat Li- 

harzik in dieser Beziehung zugestimmt. 



Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 



6 9 



Ist also eine Umstellung der Mittelgruppe, wie sie Brunn, Six und Sauer 
wollen, räumlich unausführbar — was folgt daraus? Zweierlei: erstens, dafs also 
auch diese Versuche, aus der Mittelgruppe ein Opfer zu gestalten, gescheitert sind 
und dafs Brunns Altar auch von Seiten der dargestellten Handlung her seine Stütze 
verliert; und zweitens, dafs auch die von Wolters vorgeschlagene und von Sauer 
angenommene Vorschiebung der Reliefpferde räumlich unausführbar wird. Damit 
aber fällt die letzte Möglichkeit, aus den Flügelgruppen des Giebels die geforderte 
Anschirrscene zu machen. 

Zunächst der Altar. Schon zum dritten Male hat er jetzt seinen Platz ge- 
wechselt. Brunn hatte ihn dem Zeus gerade vor die Füfse gestellt; Six schob ihn 
nach links vom Gotte, um hier eine Lücke in seiner Aufstellung auszufüllen", Sauer 
stellt ihn wiederum rechts vor seiner Sterope auf, und füllt die klaffende Lücke 
zwischen Zeus und Hippodameia durch ein Henkeltöpfchen seiner Erfindung. 

Dafs der Altar in der Mitte, wo er doch wenigstens künstlerisch möglich 
wäre, nicht gestanden haben könne, glaube ich durch den Nachweis der gerade in 
dieser Gegend angestückten Falten vom unteren Teile des Zeusmantels dargethan 
zu haben. Sauer, der diesen Nachweis S. 31 f. ausdrücklich unterstützt, meint trotz- 
dem »dafs die sorgfältige Arbeit der erhaltenen Stücke des Gewandfourniers durch- 
aus nicht die Möglichkeit ausschliefse, dafs man nachträglich nicht einen die Statue 
nicht berührenden Körper vor derselben aufgestellt hätte«. Ich glaube die Meisten 
werden hierin anderer Meinung sein. Denn es wäre doch noch ein gutes Stück 
seltsamer, wenn man, statt einfach den Kern der Statue stehen zu lassen, an der 
betreffenden Stelle umfangreiche und mühsame Faltenstückungen und Verblendungen 
an demselben vorgenommen haben sollte, um diese ganze Arbeit dann wieder mit 
jenem Altar zuzudecken, als dafs man wie z. B. bei den Reliefgespannen die teilweis 
unsichtbaren Rumpfteile der Rosse ausarbeitete, was mit verhältnifsmäfsig geringerer 
Mühe geschehen konnte. 

Noch weniger als in der Mitte vor Zeus kann der Altar aber, wie Six und 
Sauer dies wollen, sich rechts oder links neben dem Gott befunden haben. Denn 
hier stehen jetzt nicht mehr Hippodameia und Sterope, sondern Pelops und Oino- 
maos und zwar vom Zeus abgewandt. Welchen erdenklichen Sinn könnte es da 
haben, den Helden einen Altar neben die Beine zu stellen, dem sie den Rücken 
drehen 8 ? 



8 ) Aus dem am Boden sich aufstauchenden Falten- 
zipfel mit einer Abarbeitung an der Vorderfläche, 
welchen Sauer S. 32 abgebildet hat, folgt des- 
wegen nichts für einen hier stehenden Altar, 
weil jener Zipfel überhaupt gar nicht zum Zeus, 
sondern vermutlich zum Apollondes Westgiebels 
gehört. Den erschöpfenden Beweis für diese 
Behauptung könnte ich begreiflicherweise nur 
angesichts unseres Gypsabgusses führen, an 
welchem er durch die Verwendung des Bruch- 
stücks zur Ergänzung des hinten in breiten 



Massen auf den Boden herabfallenden Apollo- 
mantels geliefert wird. Aber auch der Leser, 
welcher keine Abgüsse zur Hand hat, wird sich 
sagen, dafs der von der linken Hand des Zeus 
herabhängende Gewandzipfel mit seinem Ende 
doch nicht auf der Erde geschleift haben könne. 
Übrigens besitzen wir vermutlich auch das betref- 
fende Zipfelende des Zeusmantels, welches jedoch, 
wie man erwarten konnte, freihängend gebildet ist. 
Gehört aber jenes andere Ealtenende, welches 
Sauer dem Zeus zuschrieb, vielmehr dem Apol- 



70 



Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 



Aber was soll der Altar hier überhaupt noch, wenn sich doch nun zur Ge- 
nüge herausgestellt hat, dafs aus der Mittelgruppe auch mit den stärksten Gewalt- 
mitteln eine Opferhandlung nun einmal nicht herzustellen ist? Denn wie kann eine 
solche möglich bleiben, wenn sich drei der angeblich am Opfer beteiligten von dem 
in der Mitte stehenden Gotte abwenden und die vierte durch ihre bekümmert 
sinnende Geberde deutlich zu erkennen giebt, dafs ihre Gedanken ganz wo anders 
weilen als beim Opfer! 

Ich wende mich nunmehr zu dem Nachweis, dafs auch die von Wolters 
S. 10 vorgeschlagene Vorschiebung der Reliefpferde räumlich undurchführbar 
wird, wenn es doch nun einmal unmöglich ist, die Mittelgruppe des Ostgiebels im 
Sinne Brunns umzuordnen. 

Auch diesen Nachweis kann ich einfach durch eine photographische Auf- 
nahme unserer Aufstellung im Albertinum erbringen. Auf dieser ist deutlich 




7. Mittelgruppe des Ostgiebels nach Treus Aufstellung. 

ersichtlich, wie die vier Pferde nebeneinander nunmehr fest in dem allein noch ver- 
fügbaren Räume eingekeilt sind. Rechts, wo ich Brust und Hals des vorderen Frei- 
pferdes habe ergänzen lassen, reicht dieses mit seinem Scheitel bis dicht unter die 
Giebelschräge. Es kann mithin nicht weiter in die Ecke zurückgeschoben werden. 
Ebensowenig lassen sich die in Relief gebildeten Hinterpferde weiter vorziehen, 



Ion, so stammt die Abarbeitung an seiner Vor- 
derseite natürlich von der hier anstofsenden 
Plinthe des Theseus und nicht vom Zeusaltar. 

Die Deutung der Abspitzung am rechten Är- 
mel der Sterope, welche Sauer S. 25 für die 
Berührungsfläche mit Zeus nahm , erledigt sich 



durch den oben geführten Nachweis der raum- 
lichen Unmöglichkeit einer solchen Aufstellung. 
Die saubere Zurichtung der Spitzungsfläche (H 
bei Sauer) mit ihrem Beschlagrand stammt eben- 
sogut wie die abgespitzten Flächen in der Um- 
gebung einfach von einer Faltenstückung her. 



Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 



71 



geschweige denn beiderseits um ganze 80 cm gegen die Mitte zu verrücken, wie die 
auf dem Rücken der Reliefpferde erhaltenen Dübelspuren es erfordern würden. 
Denn schon gegenwärtig rühren ihre Nase beiderseits fast an den Ellenbogen der 
Frauen. 

Man ist jetzt also in der That schon durch räumliche Rücksichten gezwungen, 
die Rosse in einer Reihe neben einander stehen zu lassen und auch in der Deu- 
tung der dargestellten Handlung für ein in allem wesentlichen fertig angeschirrtes 
Gespann zu behandein. Diese Annahme wird durch das Vorhandensein von 
Brustriemen auch bei den vorderen Handpferden gesichert, deren Nachweis Sauer 
in dankenswerter Weise bestätigt und vervollständigt hat. Ich kann daher seine 
weiteren Ausführungen über die Anschirrung der Gespanne auf sich beruhen lassen. 

Nicht schweigen aber kann ich zu Sauers Deutungen der Seitenfiguren 
unseres Giebels, weil dabei Thatsachen in Frage kommen, welche für die Her- 
stellung der olympischen Gruppen von entscheidender Wichtigkeit sind. 

Das verwickeltste Stück seiner Auslegerkunst ist wol der sinnende Greis als 
Signalhornist und der kleine Kriminalroman, den Sauer zwischen dem Greis und 
dem knieenden Mädchen spielen läfst. Ich will ihn hier nicht wiedererzählen; denn 
leider wird er durch die brutale Thatsache erbarmungslos zerstört, dafs der linke 
erhobene Arm des Greises Bruch auf Bruch anpafst (vergl. Abb. 8) 9 . 




8. Der sitzende Greis mit dem neuangefügten linken Arm. 



9 ) Ich hatte hierüber bereits in einem Vortrage 
für die vorjährige Julisitzung der Archäologi- 
schen Gesellschaft berichtet, dessen Inhaltsangabe 
im Archäologischen Anzeiger für 1890 S. 107 
Sauer S. 9 selbst unter den von ihm benutzten 



Veröffentlichungen aufführt. Der halbmondför- 
mige Ansatz am linken Oberarm des Greises, 
welchen Sauer für den Rest vom Schalltrichter 
eines Signalhorns hielt, rührt einfach vom auf- 
wärts gebogenen Unterarm her. 



72 



Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 





9. Rechte Hand 
des sitzenden Greises. 



10. Linke Hand 
des sitzenden Greises. 



Durch die Anfügung des Armes 
ist nunmehr auch die linke Hand dem 
Greis gesichert, welche für einen hindurch- 
zusteckenden Stab durchbohrt ist. Zwar 
fehlt uns hier noch ein kleines Zwischen- 
stück des Unterarms; aber Bewegung, 
Wendung und Gröfse sind durch das 
vorhandene doch so klar gegeben, dafs ein 
Irrtum in der Zuteilung nunmehr glückli- 
cherweise ausgeschlossen ist. Zum augen- 
fälligen Beweise hiefür mache ich durch 
die nebenstehenden Abbildungen (9 und 10) 
auf eine übereinstimmende Eigentümlichkeit 
in der Bildung beider Hände des Greises 
aufmerksam, welche in dieser Weise bei keiner einzigen der übrigen Giebelfiguren 
wiederkehrt. Es ist dies das fünfgliedrige Schema der Knöchelfalten, welches 
an beiden Händen für alle Finger streng durchgefühlt wird und offenbar die 
welkere Haut des Greises andeuten soll. Übrigens ist auf Abbildung 10 bei a b 
auch der Marmorpropf sichtbar, durch welchen die durchgehende Fehlbohrung [c] 
von unten her nachträglich wieder verschlossen wurde. 

Der Nachweis der Zugehörigkeit dieser Hand zum Greis, zu der übrigens 
selbst erst eine dankenswerte Anregung Kekule's und Sauers den Anstofs gegeben 
hat, stürzt nun leider wiederum eine der Säulen der Sauer'schen Anordnung um 

(vergl. S. 24). Seine Aufstellung 
des sitzenden Mannes (meines 
Myrtilos) hinter dem Wagen des 
Pelops ist an diesem Platz, wie 
ich meine, nur dann halbwegs 
verständlich, wenn er sich mit 
der Linken auf einen Stab stützen 
kann. Nun ist die Stabhand da- 
hin, und das linke Handgelenk, 
welches Possenti als das jenes 
sitzenden Mannes m. E. mit 
guten Gründen nachgewiesen hat, 
macht ein solches Aufstützen 
unmöglich! (s. die Abbildung 1 1 
u. 12 und die Zeichnung des 
betreffenden Handgelenks bei 
Sauer S. 28 rechts) 10 . Was soll 





II. Sitzender Mann. 



12. Sitzender Mann. 



10 ) Sauer will S. 28 das betreffende Knöchelgelenk 
der Speerhand des Pelops zuweisen. Aber Jeder 



kann sich sowol seiner wie unseren Abbildungen 
II u. 12 gegenüber leicht davon tiberzeugen 



Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 72 

dann aber die Bewegung der Arme hinter dem Wagen des Pelops? Was thut 
hier die Linke? Und was die Rechte? Denn dafs sie nicht zum Gebet erhoben 
war, wie Sauer will, beweist die Zusammendrückung des rechten Brustmuskels. 
Mir scheint auch hier meine Aufstellung der Statue unter den Köpfen des Oinomaos- 
gespannes die annehmbarste Lösung des Rätsels zu bieten, weil sie es gestattet, beide 
Arme in gemeinsamer Handlung mit den Zügeln des Vorderpferdes zu beschäftigen. 
Sauer hat demgegenüber daraufhingewiesen, dafs man ungestützt so nicht sitzen könne 
ohne umzufallen. Dies ist, für ein längeres Ausharren in dieser Stellung wenigstens, 
gewifs richtig. Aber einmal besitzt bei mir ja doch Myrtilos einigen Anhalt an dem 
Zügel des Rosses und dann darf man doch wol auch darauf hinweisen, dafs volle 
Naturwahrheit und Folgerichtigkeit der Bewegungen in den Giebeln thatsächlich nicht 
überall erreicht ist. Man vergleiche hiefür z. B. die doppelt bekleidete Nachbarin 
(0') des Theseus im Westgiebel, welche dem Kentauren in den Bart greift. Wer 
vermöchte deren Körperverdrehung wol in Wirklichkeit auszuführen? Übrigens ist 
dies ein Punkt, der für die Begründung meiner Aufstellung ohne Belang ist. Myr- 
tilos mag sich immerhin mit der Linken auf das Kentron stützen und Possenti 
Unrecht haben: er würde dennoch für keinen Platz besser passen als für diesen. 
Denn nur hier findet auch die Bewegung des rechten Armes, findet die gewaltsame 
Stellung und Drehung der Figur, finden Grundrifsbildung und der Grad der Aus- 
arbeitung ihre genügende Erklärung. 

Was zunächst die Art der Ausarbeitung anbetrifft, so sind die stehen ge- 
bliebenen Rohspitzungen am Kopf und an dem vom linken Arm herabfallenden 
Gewände aus Abbildung 1 1 ersichtlich. Hieraus sowol wie aus der ungünstigen 
Gesammtansicht der Gestalt von dieser Seite her folgere ich, dafs sie überhaupt 
nicht in der linken Hälfte des Giebels gestanden haben könne, sondern nach rechts 
vom Beschauer gehöre 11 . Hier spricht sich ihre Bewegung nicht nur schöner und 
deutlicher aus, sondern auch die Ausarbeitung des Kopfes und der übrigen Körper- 
teile, so weit sie erhalten sind, ist eine vollständige (vergl. Abb. 12). 

Aus der letzteren Seitenansicht ergiebt sich auch, dafs der Vorwurf Sauers 
(S. 21) ungerechtfertigt ist, ich hätte dem rechten gekrümmten Beine nur deswegen 
diese steile Stellung gegeben, damit es nicht mit der danebenstehenden Sterope 
zusammenstofse. Denn hier ist deutlich ersichtlich, wie tief sich die Falten zwi- 
schen den Schenkeln herabsenken. Dies könnte aber nicht der Fall sein, wenn das 
Bein mehr gestreckt gewesen wäre. Der Fufs war also sicher eng angezogen. 

dafs man sich mit einer Bewegung, wie sie das die Hand also nach innen gebogen sein müfste, 

Bruchstück erfordert, nicht auf einen Speer etwa so wie dies beim sitzenden Greis der Fall 

stützen kann, wenn man den Ellenbogen nicht ist (vergl. Abb. 8 u. 10). 

in völlig gezwungener und unnaturlicher Bewe- ") Auf dieselbe Weise, nämlich durch die Auf- 

gung in die Höhe der Hand selbst erheben will. Stellung zur Rechten des Beschauers, erledigen 

Die Falten am Knöchelgelenk weisen nämlich sich auch die Rohspitzungen unterhalb des er- 

auf eine gewaltsame Drehung der Hand nach hobenen Oinomaosarmes, welche Sauer durch 

aufsen hin, während sich beim Aufstutzen auf eine stärkere Profildrehung verstecken wollte 

einen Speer der Ellenbogen unwillkürlich senkt, (s. Amn. 4). 



74 



Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 



Diese Stellung in ihrer Gezwungenheit ist aber ein Beweis von knapper 
Raumnot in der ursprünglichen Umgebung der Figur. Auch hieraus schliefse ich 
auf eine Aufstellung an dem eng begrenzten Platz zwischen der Sterope und den 
Pferdebeinen, in welchen unsere Statue sich mit ihrem von den übrigen Giebel- 
figuren völlig abweichend gestalteten Grundrifs so gut hineinzufügen scheint. 

Doch ich breche hier ab, um nicht in Wiederholungen zu verfallen, die ich 
nicht vermeiden könnte, wenn ich Sauers Aufstellung weiter kritisiren wollte 12 . Es 
ist dies wol auch kaum von Nöten. Denn abgesehen davon, dafs es nun im Giebel 
überhaupt nichts mehr anzuschirren giebt, ist es doch ohnehin klar genug, dafs es 
Sauer nicht gelungen ist, unter den Giebelfiguren das nötige Personal zum An- 
spannen der Rosse aufzutreiben. Mufs sich doch auch hier wieder eine so nach- 
denkliche Gestalt wie der trübe Greis dazu bequemen, die Zügel zu halten und 
den Myrtilos zu machen. 

Auch Sauers Zuteilung von Bruchstücken will ich hier nicht im Einzelnen 
folgen. Zwei von ihnen (die Zuteilung einer Hand an Kladeos S. 21 und einer 
Ferse an Pelops S. 29) vermag ich augenblicklich noch nicht zu prüfen. Seine 
übrigen Bestimmungen von Bruchstücken aber scheinen mir sämmtlich falsch oder 
doch unerweislich. So werden z. B. S. 18 Stücke von Kentaurenschweifen, an denen 
sich zum Teil noch die Schwanzwirbel erhalten haben, für — Wagenachsen und 
Deichseln erklärt, obgleich diese dann von ganz ungeheuerlicher Dicke (12 cm im Dm.!) 
gewesen sein müfsten; fast so dick wie der kolossale Radpflock des Oinomaos, 
von dem die Bruchstelle auf dem linken Knie des Mädchens herrühren soll (Sauer 
S. 22). S. 1 5 wird der linke Arm des geraubten Knaben aus dem Westgiebel zu 
einem rechten Arm gemacht und dem knienden Knaben vom Ostgiebel zuge- 
schrieben etc. 13 . Anderes gehört überhaupt nicht zu den Giebelskulpturen. Eine 
dritte Gruppe endlich erledigt sich durch die oben besprochenen Neuergänzungen 
von Greis und sitzendem Mann. 

Aber ich gebe alle diese Einzelheiten gerne preis, über welche auch ich in 
der ersten Freude des Findens oft genug zu vorschnell geurteilt habe. Nachdruck 
aber lege ich auf den erneuten Nachweis, dafs auf der Grundlage der Brunn - Six- 
schen Vorschläge zu keiner räumlich ausführbaren Aufstellung des Ostgiebels zu 
gelangen ist, und dafs daher auch Sauers und Wolters' Versuch, in den Gestalten 
der Mitte eine Opferhandlung, in den Flügelgruppen eine Anschirrscene nachzu- 
weisen scheitern mufste. 



,2 ) Meine Einwendungen gegen die Aufstellung des 
knieenden Knaben und des knieenden Mannes 
als Gegenstücke und ihre Einordnung vor den 
beiderseitigen Gespannen habe ich im Jahrb. IV 
S. 289 ff. vorgebracht. 

13 ) Dafs das zuletzt erwähnte Bruchstück in der 
That von einem linken Arm herstammt und 
daher nicht zum knieenden Knaben des Ostgie- 
bels gehören könne, erhellt selbst aus der bei 



Sauer S. 15 mitgeteilten Zeichnung. Denn auch 
auf dieser wölbt sich der Biceps deutlich nach 
innen. Und wie sollte die derbe Rohspitzung 
an der Rückseite des Arms zu der allseitigen 
Durchführung jener Giebelfigur stimmen? Wie 
die Ansätze an Ellenbogen und Unterarm sich 
erklären r Der Arm gehört zweifellos, und zwar 
als linker, dem geraubten Knaben des West- 
giebels. Dies hat ein hier schon vor längerer 



Zeit unternommener Ergänzungsversuch erwiesen. 



Treu, Die neuesten Versuche zur Anordnung des olympischen Ostgiebels. 7C 

Zum Schlufs endlich noch ein Vorschlag an die Fachgenossen. Wäre es 
denn nun nicht endlich einmal an der Zeit, das Giebelbauen auf Grund von blofsen 
Berechnungen, Zeichnungen und Modellen aufzugeben? Bietet sich doch ein so 
viel sicherer Weg zur Prüfung beabsichtigter neuer Vorschläge in den Versuchen 
mit Abgüssen der olympischen Bildwerke, die sowol in Berlin, wie hier im Giebel- 
rahmen aufgestellt sind. Und für Dresden wenigstens darf ich das bereitwilligste 
Entgegenkommen für dergleichen Versuche ausdrücklich zusagen. 

Dresden. Georg Treu. 



Zu vorstehendem Aufsatz, ist mir gestattet Folgendes zu bemerken: 

Treu hält auf Seite 71 seine Ergänzung des sitzenden Greises auf Grund 
einer wie er sagt »brutalen Tatsache« aufrecht, ohne auf eine ihr widersprechende, 
damals freilich nur mir bekannte, dafür aber auch mit möglichster Schärfe betonte 
andere Tatsache Rücksicht zu nehmen. Ich sehe nur folgende Möglichkeiten: 
Entweder ist das jetzt am Original unterste Stück des 1. Oberarmes dieser Figur 
mit Unrecht angesetzt worden — was ich natürlich nicht prüfen konnte — , oder 
der an seinem Bruchrand erhaltene Rest findet eine einleuchtende Erklärung durch 
die von Treu am Abgufs vorgenommene Zusammensetzung, oder dieser Rest be- 
weist die Unrichtigkeit dieser Zusammensetzung*. 

Einem meiner wichtigsten Argumente glaubt Treu statt durch einen Gegen- 
beweis durch eine von mir im voraus mit Gründen abgewiesene Annahme ent- 
gegentreten zu können. Ich erwidere: Entweder ist auf Grund unserer sonstigen 
Erfahrungen über die olympischen Tempelskulpturen der Nachweis zu führen, dafs 
ich die von mir mit H bezeichnete Stelle an der rechten Seite der Sterope vom 
technischen Standpunkte falsch beurteilt habe, oder es ist für den auffallenden Tat- 
bestand eine meine Folgerungen umstofsende Erklärung vorzubringen. 

An der Beantwortung der ersteren Fragen hängt die Anordnung der Flügel- 
figuren, an der der letzteren die Gestaltung der Mitte. 

Augenblicklich auf Reisen bin ich übrigens nicht in der Lage, Treu's 
Versuche und deren Voraussetzungen nachzuprüfen. Ich mufs deshalb vorläufig 
darauf verzichten, die Diskussion, besonders auch die über die zahlreichen unter- 
geordneten Fragen, fortzusetzen. 

Palermo. B. Sauer. 

*) Die Redaktion bemerkt hiezu, dafs Herr Sauer S. 71 des Treuschen Aufsatzes hatte, da diese 

bei Abfassung seiner Entgegnung keine Kenntnifs Zeilen vom Verfasser erst in der Korrektur hin- 

von den letzten Zeilen der Anmerkung 9 auf zugefügt wurden. 



r \*S%K*r&s, -JdL^. , CU^-V- 



ZUM OSTGIEBEL VON OLYMPIA 

Indem ich mich anschicke, in dieser vielbesprochnen Frage auch noch ein 
Wort zu sagen, bin ich mir wohl bewufst, dafs die geneigten Leser das Recht haben, 
vor allem die möglichste Kürze und dann nur solche Vorschläge zu erwarten, deren 
Ausführbarkeit mit allem gegenwärtig vorhandenen Materiale geprüft ist, die also 
nicht durch den einfachen Nachweis der Thatsachen widerlegt werden können. Ich 
darf daher vorausschicken, dafs ich den Vorzug gehabt habe, meine Vermutung 
unter der Beihilfe der ersten Autorität in diesen Fragen zu prüfen; Georg Treu in 
Dresden gestattete mir mit liebenswürdigster Bereitwilligkeit, Umstellungsversuche an 
den dortigen Gipsen zu machen, nach welchen photographische Aufnahmen ge- 
macht wurden und unterstützte mich mit sachkundigster Auskunft auf alle meine 
Fragen. Ich habe mich nun in Dresden redlich bemüht, etwas zu finden, das meine 
Vermutung unmöglich machte; da ich nichts derart gefunden, darf ich sie nun dem 
Urteile Anderer zur Erwägung vorlegen. 

Die von Six und Sauer gemachten Versuche, die Handlung des Anschirrens 
der Gespanne dargestellt sein zu lassen, sind durch Treu vollständig widerlegt 
worden. Es ist jetzt durchaus gesichert, dafs die Pferde in gleichmäfsigen Abständen 
neben einander stehend an die Wagen angeschirrt waren 1 . Aber auch die von 
Sauer (S. 16) selbst bestätigte Thatsache, dafs alle Pferde den Zugriemen um die 
Brust haben, sowie das von Sauer S. I2f. beigebrachte Vergleichsmaterial berech- 
tigt nur zu einem methodischen Schlüsse, nämlich dafs die Anschirrung nicht dar- 
gestellt sein kann, dafs vielmehr die Pferde schon fertig angeschirrt sind. Dies 
mufs Sauer auch eigentlich zugeben, er möchte nur einen letzten Rest der Anschir- 
rungshandlung retten und construiert dazu eine Situation, die ohne alle Analogie 
und von äufserster Unwahrscheinlichkeit ist; das eine Beipferd, obwol völlig ange- 
schirrt, soll doch am Leitriemen herangezogen werden. An fertig angeschirrten 
Wagenpferden kommt aber niemals das Leitseil vor; es wurde gewifs beim Anlegen 



') Die Beweise Treu's sind, wie ich mich über- 
zeugt habe, absolut zwingend. — Ich bemerke 
übrigens, dafs es falsch ist, wenn man gewöhn- 
lich behauptet, die verdeckten Reliefpferde seien 
gleich vollkommen ausgeführt wie die Vorder- 
pferde; vielmehr fehlt eine Menge feinen lebendi- 
gen Details, das der Künstler an letzteren ange- 
bracht hat, an jenen völlig; auch sind jene Relief- 
pferde an Bauch und Schenkeln so unnatürlich flach 
gebildet wie es sich nur erklärt wenn etwas 
vor ihnen gestanden hat. Es ist ferner nicht 
richtig dieselben als völlig verdeckt zu bezeich- 



nen, da von unten ein Teil ihres Bauches sicht- 
bar war; es ist demnach, da Kopf, Hals, Brust, 
Unterteil des Bauches, Schenkel, Hinterteil zu 
sehen waren und ausgeführt werden mufsten, 
recht wenig was der Künstler allenfalls sich 
hätte schenken können ; doch um jenes andere 
auszuführen konnte er ja auch dieses nicht ganz 
unausgeführt lassen. Sein Verfahren, die Vier- 
gespanne je in zwei Hälften zu arbeiten, war 
aber jedenfalls eine enorme Ersparnifs an Kosten 
und Arbeit gegenüber der anderen Möglichkeit, 
sie je aus einem einzigen Blocke herzustellen. 



Furtvvängler , Zum Ostgiebel von Olympia. 



77 



von Gebifs und Zügel als weiter unnötig entfernt. Nur unan- 
geschirrte Wagenpferde werden am Leitseil herangeführt. 

Eine weitere Thatsache, die auch Sauer bestätigt, ist 
die, dafs die Zügel nach hinten gehen und hier hinter den 
Pferden irgendwie gehalten werden müssen. Es ist dies die 
notwendige Folge des bereits constatierten Umstands, dafs die 
Pferde eben fertig angeschirrt sind. Aufser diesem unumgäng- 
lichen Gezügeltwerden von hinten wäre es an und für sich auch 
möglich, freilich unnütz und ungewöhnlich, dafs die Pferde 
überdies von vorne festgehalten würden. Es könnte dies aber 
nur dadurch geschehen, dafs eine Person in die Zügel nahe 
am Gebisse fafste; eine solche Person müfste notwendig auf- 
recht stehen; ein unter den Köpfen der angeschirrten Rosse 
sitzender oder knieender Mensch kann dieselben nicht wirklich 
festhalten. Die Zügel liefen ja nach hinten und die Leitseile 
waren abgenommen; aber selbst wenn letzteres nicht der Fall 
wäre, hätte ein knieender oder sitzender Mann mit den Leit- 
seilen in der Hand keine Gewalt über die gezügelten Rosse. 
Stehende Personen, welche die Pferde wirklich an den Köpfen 
halten konnten, giebt es nun aber unter den Figuren des Ost- 
giebels nicht und die Pferde desselben waren also in der That / 
nur von hinten gehalten, wohin die Zügel liefen. Auch die 
gleichmäfsige ruhige, der Längenaxe der Körper folgende Hal- 
tung der Pferdeköpfe zeigt ja schon deutlich an, dafs die Tiere 
nur von hinten gezügelt und nicht von vorne gehalten werden. 

Mir erscheinen diese Erwägungen durchaus zwingend 
und ich komme nicht über dieselben hinaus; ich kann deshalb 
keine der bisherigen Aufstellungen für richtig halten. Im Jahr- 
buch IV, Taf. 8/9 sind die drei Arten zusammengestellt, wie man 
die Figuren unter der von Treu nun als richtig erwiesenen An- 
nahme, dafs die vier Pferde je auf einer Linie standen, ange- 
ordnet hat. Die Aufstellung No. III, welche ich selbst früher 
verteidigt habe 2 , bevor die Thatsache bekannt war, dafs die 
Pferde mit den Zugriemen fertig an den Wagen angeschirrt 
waren und die Zügel nach hinten liefen, kann nicht die richtige 
sein, da sie eben dieser Thatsache widerspricht; sie nimmt an, 
dafs die Pferde noch gar nicht angeschirrt sind — was jetzt 
nachgewiesen ist — , und dafs sie deshalb von vorne an den 
Zügeln gehalten werden — die doch nach hinten liefen — 
und zwar von Personen, die sich dazu seltsamer Weise auf die 
Kniee niedergelassen haben. Diese Personen bilden überdies 

2 ) Preufs. Jahrbücher 1882, S. 372 fr. 

Jiihrlmch des archäologischen Instituts VI. 7 



78 Furtwängler, Zum Ostgiebel von Olympia. 

keine passenden Gegenstücke, indem sie nach der gleichen Seite hin bewegt und indem 
sie von ungleicher Höhe sind; diese ihre Höhendifferenz ist aber gerade eine solche 
wie sie durch ihre Aufstellung hinter einander unter der Gicbclschräge ihre natür- 
lichste Erklärung fände, weshalb es von vorne herein das wahrscheinlichste ist dafs 
jene Figuren in die linke Giebelecke gehören. 

Die Aufstellung No. I kann ich nicht billigen, weil hier zwar das Gespann 
der linken Seite nur von hinten gezügelt wird, das der rechten aber von vorne 
gehalten werden soll. Gegenüber der Thatsache, dafs die Stellung und Haltung der 
Pferde sowie die Spuren der Anschirrung und der nach hinten laufenden Zügel an 
beiden Gespannen vollkommen gleich, dieselben also genau symmetrisch gearbeitet 
sind, halte ich eine so starke Verletzung der Symmetrie, dafs das eine Gespann von 
hinten das andere von vorne gehalten werden soll, für unmöglich. Wir sahen ferner 
bereits, dafs eine vor den angeschirrten Pferden an der Erde sitzende Person über- 
haupt nichts mit deren Zügeln zu thun haben kann; Leitseile aber hatten die Pferde 
nicht mehr und das Halten derselben durch den sitzenden Mann wäre, selbst wenn 
man ihre Möglichkeit zugäbe, etwas völlig Zweckloses. Endlich ist die Haltung des 
Mannes für die vorausgesetzte Handlung so ungeeignet wie nur möglich. Der Ver- 
such am lebenden Modell lehrt, dafs dieser Mann, wenn er mit beiden Händen 
wollte die Zügel oder Leitseile halten, um nicht zu fallen, an denselben so heftig 
reifsen müfste, dafs die Pferde, namentlich die hinteren, unmöglich die ruhige gerade 
Haltung ihrer Köpfe bewahren könnten die sie jetzt zeigen. Will man den sitzenden 
Mann vor den Pferden aufstellen, so darf man ihn doch nicht mit diesen sich be- 
schäftigen lassen; man mufs ihm einen Stock in die linke Hand geben, auf den er 
sich stützt, da er sich sonst überhaupt nicht aufrecht erhalten kann. Doch auch 
nach dieser Verbesserung besteht ein schweres Bedenken gegen den Platz der 
Figur L: sie ist kein passendes Gegenstück zu E, der sie entsprechen soll, indem 
sie nicht unwesentlich höher ist als letztere Figur. Der Westgiebel aber lehrt — 
ebenso wie die Ägineten — dafs wir für die sich entsprechenden Figuren beider 
Giebelhälften auch möglichst gleiche Kopfhöhen voraussetzen müssen 3 , jedenfalls 
nicht ohne Not eine beträchtliche Differenz in dieser Beziehung zulassen dürfen. 
Ferner sind jene beiden Gestalten in verschiedenen Proportionen gebildet, denn der 
sitzende Mann müfste, wenn er dieselben Verhältnisse hätte wie der halbwüchsige 
Junge, noch wesentlich gröfser sein als er ist; nun lehren aber wieder die Analogieen 
anderer Giebel, dafs die sich entsprechenden Einzelfiguren immer in gleichen Pro- 
portionen gebildet wurden; so starke Altersdifferenzen wie die jener beiden Gestalten 

3 ) Die am Westgiebel vorkommenden Höhendiffe- ausschreitend dargestellt ist. Übrigens entspre- 

renzen scheinen ganz gering; am beträchtlich- chen sich hier nicht Einzelfigur und Einzelfigur, 

sten ist der Unterschied der beiden Frauen H' sondern Gruppe und Gruppe: jene Differenz 

und 0', der aber keineswegs, wie Treu glaubt, wird dadurch ausgeglichen dafs der Kentaur N' 

darauf weist dafs 0' weiter von der Mitte ent- etwas höher ist als /'. Der letztere zieht den 

fernt war, sondern dadurch begründet ist dafs Schwanz ein nicht weil er näher an die Mitte 

//' etwas vom Boden gehoben, O' dagegen weit geschoben war, sondern vor Schmerz über die 

Wunde. 



en 



Kurtwängler, Zum Ostgiebel von Olympia. 79 

wird man also bei Gegenstücken sicher vermieden haben. Der sitzende Mann mufs 
seiner kleineren Proportion nach mehr gegen die Giebelecke hin gehören. Endlich 
kommt noch ein technisches Detail hinzu, das gegen den Platz vor den Rossen 
spricht: die linke Kopfhälfte dieses sitzenden Mannes ist vernachlässigt ja das linke 
Ohr ist vollständig roh gelassen. Nach der richtigen Haltung des Kopfes, die Treu 
jetzt nachgewiesen hat (Jahrb. VI, 294), war diese schlechte Stelle, wenn der Mann 
vor den Pferden safs, von unten sehr deutlich zu erkennen; es giebt aber kein Bei- 
spiel an beiden Giebeln, wo sich eine so auffallende Vernachlässigung an so sicht- 
barer Stelle fände 4 , und dazu an einem Kopfe der sonst vortrefflich ausgearbeitet 
ist. Der sitzende Mann kann sich also nicht an der ihm von Treu gegebenen 
Stelle befunden haben. 

Dagegen halte ich es für eines der sichersten Resultate von Treu's For- 
schungen, dafs der hockende Knabe E wirklich links von den Pferden gesessen hat. 
Die Bestimmtheit, mit der man früher auf die Fundumstände der Figur baute, ist 
durch Treu's Nachweis, wie ich nach meiner Kenntnifs der Verhältnisse des oly; 
pischen Ausgrabungsfeldes zugestehen mufs, zerstört worden. Andererseits Sprech 
die eigentümliche Bearbeitung der Rückseite und der dreieckige Grundrifs der Figur 
entschieden für jenen Platz vor den Pferden, wo sie sich so vortrefflich einfügt wie 
die Oberansicht in No. I zeigt. Jener Grundrifs ist nicht durch die Anlage der 
Figur selbst, sondern künstlich dadurch hervorgerufen dafs ein Stück des Rückens 
mit dem ganzen rechten Glutäus (vgl. Jahrb. IV, S. 287) abgemeifselt ist. Dies kann 
nur seinen Grund in der Aufstellung der Figur haben, und die einzig passende Er- 
klärung bietet der Platz vor der schrägen Linie der Pferdebeine des linken Gespannes. 
— Da Treu auch für seine Aufstellung des sitzenden Mannes L die Grundrifsform 
desselben geltend gemacht hat, sei bemerkt, dafs der Fall hier ein ganz anderer 
ist: die ungefähr dreieckige Form des Grundrisses von L ist lediglich durch die 
Anlage der Figur selbst begründet und beruht keinesweges wie dort auf einer Ab- 
arbeitung zum Zwecke der Aufstellung, läfst also auf diese auch keinen Schlufs zu; 
übrigens ist die gestreckte Grundform des L überhaupt recht verschieden von der 
des E. 

Die Aufstellung No. II im Jahrb. IV Tf. 8. 9 entspricht unserer Hauptforderung, 
indem sie annimmt, dafs die beiden Gespanne nur von hinten gehalten werden. 
Doch setzt sie links vor die Pferde eine Figur, deren Anordnung wir nicht billigen, weil 
die Bewegung ihrer Arme, die hier mit den Pferden nichts zu thun haben kann 
(vgl. Treu Jahrb. IV, S. 293) ganz unverständlich wäre; auch ist dieser Platz, wie 
wir soeben bemerkt haben, schon von dem hockenden Knaben besetzt. Dagegen 
scheint es mir ein vortrefflicher Gedanke Kekule's, das knieende Mädchen rechts 
vor den Pferden zu den Füfsen der Sterope anzuordnen und als deren Dienerin zu 

4 ) Wenn Treu sich darauf berufen wollte, dafs von so ist dies, zugegeben dafs es überhaupt der 

E in seiner Aufstellung auch etwas vom Rande Fall war, doch ganz etwas anderes; hier eine 

des abgearbeiteten Gesäfses und Rückens, wenn durch die Aufstellung notwendig gewordene Ab- 

man ganz auf die Seite trat, sichtbar sein konnte, arbeitung, dort die willkürliche Vernachlässigung 

eines sichtbaren Teiles. 



hat 



80 Furtwängler, Zum Ostgiebcl von Olympia. 

erklären 5 . Dem steht nicht nur nichts im Wege, sondern es spricht alles dafür: vor 
allem gewinnen wir jetzt ein wirkliches, überaus passendes Gegenstück zu dem bereits 
eingeordneten hockenden Jungen. Der beste Beweis dafür ist, dafs nur diese 
beiden Figuren die gleiche Gröfse haben. Scheinbar ist allerdings der knieende 
Jüngling B ein besseres Gegenstück zu dem Mädchen, weil die Bewegung ihrer 
Beine sich genauer entspricht. Aber die Gröfse dieser Figuren ist eine nicht unbe- 
trächtlich verschiedene; der Jüngling D — der keineswegs ein unerwachsner Knabe 
istl — hat eine wesentlich gröfsere Höhe als das Mädchen. Wenn aber der Giebel 
Figuren enthält, die sich mit jenen beiden zu gleich grofsen Paaren vereinigen 
lassen, so werden wir, wenn nicht triftige Gründe dagegen sprechen, sicherlich diese 
als die richtigen ansehen und nicht jene von ungleicher Gröfse. Wie vortrefflich 
nun aber der hockende Junge zu dem knieenden Mädchen pafst, ist unmittelbar 
einleuchtend. Hier haben wir zwei Gestalten von gleichen Proportionen und unge- 
fähr gleicher Altersstufe — das Mädchen wird etwas älter sein und scheint auch 
wenig gröfser — ; vor allem aber zwei Personen gleicher Bedeutung. Mit Recht 
t Kekule den Jungen wie das Mädchen für Diener erklärt. Jener Hockende gehört 
ja einem bestimmten festen Typus an, den die griechische Kunst seit der Zeit des 
strengen Stiles speziell für wartende Sklavenjungen gern und häufig anwandte; das 
Charakteristische desselben ist namentlich das Aufstellen des einen und Unterschlagen 
des anderen Beines sowie die völlige Unthätigkeit, die nicht selten zur Darstellung 
des Schlummerns gesteigert wird. Der Typus des knieenden Mädchens ist nicht so 
speziell charakteristisch für die Dienerin, doch für diese ja auch nachgewiesen. 
Die Tracht des Mädchens ist dieselbe, welche im Westgiebel die alten Dienerinnen 
von den Herrinnen unterscheidet 6 . Die gesenkte Haltung der Arme, die freilich im 
Einzelnen nicht mehr sicher zu ergänzen sind, pafst sehr gut zu der Annahme, dafs 
das Mädchen bereit war, das Schuhwerk der Herrin fertig in Ordnung zu bringen. 
Es ist ein äufserlich wie innerlich vortreffliches Gegenstück zu dem Sklavenjungen 
der anderen Seite. 

Von diesem festen Punkte aus ergiebt sich das Übrige leicht. Die Zügel der 
Gespanne liefen nach hinten und mufsten hier irgendwie gehalten werden. Das 
Vorhandensein der Wagen hat Treu mit Sicherheit aus Jochnägeln, Brustriemen und 
Deichsellöchefn der Pferde erschlossen. Dafs dieselben aber von Marmor waren, 
ist sehr unwahrscheinlich 7 . Marmorwagen mufsten beim Herabstürzen in eine Menge 
Stücke zersplittern; dafs man gerade diese ohne Ausnahme alle sorgfältigst aus der 
Altis und der Umgebung die wir ausgegraben haben herausgeschleppt haben sollte, 

5 ) Vgl. auch neuerdings Studniczka, Zeitschr. f. österr. der Haarrolle hinten zusammen vorkommen. 

Gymn. 1890, S. 74g. — Was den Kopf des Mäd- Der den männlichen Typen immerhin sehr ähn- 

chens betrifft, so hatte ich früher (50. Berl. liehe Kopf des Mädchens trägt zur Entschuldi- 

Winckelmannsprogr. 1890, S. 129) Bedenken an gung des Pausanias bei. 

seiner Weiblichkeit und somit an der Zugehörig- 6 ) Vgl. Studniczka, Zeitschr. f. österr. Gymn. 1890, 

keit; ich habe diese inzwischen aufgegeben und S. 749. 

habe Beispiele constatiert wo auch an sicher 7 ) Über die angeblichen Deichselfragmente Sauer's 

weiblichen Köpfen kürzere Löckchen vorne mit vgl. Treu S. 74. 



Furtwängler, Zum Ostgiebel von Olympia. 



ist fast undenkbar. Wie der Panzer des Pelops aus Metall angesetzt war, werden 
auch die Wagen aus Bronze bestanden haben. — Die Lenker der Gespanne muteten, 
da sie auf den Wagen keinen Platz hatten, gegen den Gebrauch hinter denselben 
auf der Erde kauernd oder sitzend gebildet werden. Der sitzende Mann L, der von 
den Aufstellungen No. II und III sowie der neuen Sauer'schen hinter dem linken 
Gespanne an erster oder zweiter Stelle angeordnet wird, kann überhaupt unmöglich 
in der linken Giebelhälfte gestanden haben; denn hier wendete er dem Beschauer 
ja gerade seine ungünstigste und ganz vernachlässigte Seite zu und kehrte die gut 
gearbeitete ab; nicht nur die linke Kopfhälfte, auch die nach rechts sehende Seite 
des über den Arm fallenden Mantels ist vernachlässigt und bietet eine überaus un- 
günstige Ansicht. Dieser Umstand ist entscheidend dafür, dafs L in die rechte 
Giebelhälfte mufs. Hinter das Gespann der linken Seite kann als Lenker nur der 
knieende Mann C und hinter diesem der knieende Jüngling B angeordnet werden. 
Die Armhaltung beider eignet sich vortrefflich dazu, um sie die Zügel fassen 
und anziehen zu lassen (vgl. Treu, Jahrb. IV, S. 290. 299); diese Handlung, das 
Ordnen und Halten der Zügel, war offenbar auf die beiden so gleichartig bewegten 
Gestalten verteilt. 

Das Resultat, das sich nun für die rechte Giebelhälfte ergiebt, ist zunächst 
ein überraschendes, bei genauerer Prüfung, wie ich glaube, aber sehr einleuchtendes: 
der sitzende Mann L safs hinter dem sog. Greis. Gleich die erste Hauptsache 
stimmt vortrefflich: L hat genau die gleiche Höhe wie B, sein Gegenstück. Alle 
anderen Aufstellungen dagegen geben L ein Pendant von wesentlich verschiedener 
Höhe. — Es stimmen ferner die technischen Hinweise: erst an diesem Platze wird 
die Vernachlässigung der linken Kopfseite und des Mantels erklärt, da diese Teile 
der Giebelecke zugewandt und kaum sichtbar waren. Und die von Treu beobach- 
tete eigentümliche Abarbeitung der Unterseite, die davon herrührt, dafs die Figur 
für ihren Standort im Giebel ein wenig zu grofs geraten war und unten etwas ver- 
kürzt werden mufste, erklärt sich doch offenbar nur wenn sie unmittelbar unter der 
Giebelschräge safs 8 , also, da sie in der linken Giebelhälfte nicht gewesen sein kann, 
aus dem ihr von uns angewiesenen Platze. Endlich ist auch das starke Anziehen 
des rechten Beines, das Treu mit Recht aus den erhaltenen Faltenzügen folgert, 
eben hier in dem beschränkten Räume besonders erklärlich. 

Bei der früheren falschen Ergänzung der Figur war es freilich unmöglich, sie 
an diesen Platz zu stellen. Jetzt wissen wir durch Treu, Jahrb. IV, S. 294, dafs ihr 
Kopf keineswegs so sehr nach der Seite und in die Höhe blickte und der linke 
Oberarm lange nicht so hoch erhoben war als man früher angenommen hatte 9 . 
Von den Vorderarmen ist leider nichts erhalten; die linke Hand, die ihm Sauer 
zuteilt, gehört vielmehr nach Treu's überzeugendem Nachweis dem sitzenden Greis. 
Ein linkes Handgelenk aber, das Treu für den Mann in Anspruch nimmt 10 und zu 

8 ) Die Pferdeköpfe, an die Treu denkt, würden ja 9 ) Auch Sauer hat in seiner Skizze S. 10 noch die 
lange nicht bis zu der Figur hinunterreichen. falsche Ergänzung. 

,0 ) Arch. Anzeiger 1890, S. 60. 



82 



Furtwängler, Zum Ostgiebel von Olympia. 



Gunsten seiner Vermutung verwendet dafs er die Pferde halte, ist von durchaus 
zweifelhafter Zugehörigkeit; ich vermute, dafs es dem knieenden Lenker 6' angehört, 
der die Zügel mit beiden Händen in verschiedener Weise anzog, wie das beim 
Lenken zu geschehen pflegt. Das Motiv des linken Armes des sitzenden Mannes 
mufs, wie schon oben bemerkt, notwendig das Aufstützen eines Stockes gewesen 
sein, denn ohne eine solche Stütze kann er sich gar nicht aufrecht erhalten, und 
zwar wird er, wie der Versuch am Modell lehrt, diesen Stock, um sich bequem 
und sicher zu stützen, nicht hoch sondern ziemlich niedrig, etwa in der Höhe seines 
"Halses oder Kinnes fassen. Der rechte Oberarm war etwas angeprefst an die Brust, 
doch der Unterarm konnte sich freier herausbewegen. Wenn man die Dresdener 
Restauration des Mannes, an der übrigens die Arme beträchtlich zu dick geraten 
sind, in dieser Weise noch etwas modificiert, ergiebt sich, dafs die Figur trefflich 
an die von uns angenommene Stelle pafst. Es ergeben sich dann jedoch noch 
einige weitere Änderungen der Dresdener Aufstellung, die aber lediglich Verbes- 
serungen sein dürften: die meisten übrigen Figuren müssen nämlich mehr nach der 
Mitte geschoben werden. Die Dresdener Aufstellung, welche den Greis mit dem 
Scheitel an die Giebelschräge stofsen läfst, schiebt den ganzen rechten Flügel wesent- 
lich mehr in die Ecke als den linken (vgl. Jahrb. IV, Tf. 8. 9, I); es ist das die 
Folge davon, dafs zwei so ungleich hohe Figuren wie B und hier als Gegenstücke 
fungiren. Setzen wir das richtige Gegenstück von B, die gleich hohe Figur L ein, 
so ist jener Fehler unmöglich gemacht; wir erhalten Eckabschlüsse, welche die erste 
Hauptforderung symmetrischer Anordnung erfüllen, nämlich gleiche Distanzen der 
sich entsprechenden Figuren von der Mitte zeigen. 

Zunächst müssen die liegenden Eckfiguren näher herangeschoben werden, 
wodurch sie nur lebendiger wirken als wenn man sie ganz in die Ecke zwängt. 
Sie haben allerdings sehr reichlich Raum und der Übergang von ihnen zu der 
nächsten Figur ist etwas hart, eher härter zwischen A und B als zwischen L und P, 
wo der linke Arm des Mannes füllend in die Lücke zwischen den beiden Figuren 
eingreift. Am Westgiebel sind diese Härten vermieden, indem erstens die liegende 
Eckfigur verdoppelt ist und so den Raum besser füllt, und dann indem die Haltung 
der nächsten Figur jederseits sich der Giebelschräge besser anschliefst. 

Vor allem aber müssen die beiden Gespanne nebst den Wagen ein Stück 
nach der Mitte zugeschoben werden — in der Dresdener Aufstellung um gut 25 cm 
— was wiederum sehr günstig wirkt, indem nun die Mittelgruppe " etwas zusammen- 

lieh, während sich jetzt alles auf's beste zu- 
sammenschiebt (vgl. Löschcke, Dorpater Progr. 
1885, S. 5); und ferner pafst das breite stolze 
Auftreten von K sehr gut zur Gattin des Ono- 
maos, nicht aber zu Hippodameia. — Auch im 
Westgiebel scheint mir ein bisher nicht hervor- 
gehobener künstlerischer Grund die Frage nach 
der Bedeutung der beiden Frauen zu entscheiden: 
während die übrigen Frauen fast wie Männer 
mit den Kentauren ringen, fafst /' die Frau an 



") In der Aufstellung dieser schliefse ich mich 
ganz an Treu-Studniczka an. Die Unmöglich- 
keit von Brunn -Six-Sauer's Umstellung hat Treu 
dargethan. — In Bezug auf die Frauen ist übri- 
gens nicht die Tracht als solche das entschei- 
dende, denn die Tracht von K in Jahrb. IV, 
Tf. 8. 9, I ist gerade für Köre und xdpat nach- 
zuweisen. Entscheidend sind die künstlerischen 
Gründe: das Zusammenstofsen des r. Armes von 
Pelops mit dem linken von K wäre unerträg- 



Furtwängler, Zum Üstgiebel von Olympia. gi 

rückt und die Pferdeköpfe nicht durch das unmittelbar über ihnen einschneidende 
Gesimse getrennt erscheinen. Die Frauen rücken dicht an die Männer heran und 
der Kopf des hintersten Reliefpferdes folgt, wenigstens an der rechten Seite, wo die 
Figuren breiter und voller gebildet sind, unmittelbar auf die Frau; links ist mehr 
Luft und ist hier der spitze Winkel der Basis des hockenden Knaben zwischen die 
Frau und die Pferde eingeschoben, während rechts vor der Frau und den Pferden 
eben nur Platz für das kauernde Mädchen ist; so erklärt sich nun auch die Ver- 
schiedenheit des Grundrisses dieser beiden Gegenstücke. 

Der »Greis« hinter dem Wagen mufs ein beträchtliches Stück vorrücken. 
Den Ausschnitt an seinem rechten Fufse hat Treu (Jahrb. IV, S. 285) gewifs richtig 
erklärt, indem er hier die Wagenplinthe eingreifen läfst. Eine Plinthe von genau 
derselben Dicke wie die der Pferdegespanne mufsten nämlich die Wagen in jedem 
Falle haben, ob sie nun von Marmor oder, wie ich annehme, von Bronze waren. 
Treu denkt sich diese Wagenplinthen als Rechtecke, deren Langseiten der Giebel- 
rückwand parallel waren; da indefs nur für die Stelle der Peripherie der Räder, mit 
welcher sie aufstanden, eine Unterlage nötig war, werden die Plinthen wahrschein- 
licher schmale Rechtecke gewesen sein, deren Langseiten rechtwinklig zur Giebel- 
wand liefen; für das vordere Ende einer solchen Plinthe wird das Stück am rechten 
Fufs des Greises ausgeschnitten sein; dasselbe bezeichnet dann ungefähr die Mitte 
des Rades. Indem wir also nicht nur das Gespann nebst Wagen nach der Mitte 
zu rücken, sondern auch den Greis so weit vor den Wagen schieben, dafs die Axe 
desselben auf jenen Ausschnitt trifft, erhalten wir völlig ausreichenden Platz, hinter 
ihm den sitzenden Mann anzuordnen. Es ist aber einleuchtend, wie viel angenehmer 
es in künstlerischer Beziehung wirkt, wenn die Beine des sitzenden »Greises« etwas 
vor den Wagen rücken, als wenn er ganz hinter denselben geschoben wird. 

Wer hielt aber die Zügel des Gespannes rechts, die doch, wie wir sahen, 
nach hinten gingen? Der »Greis« stützte, was Treu nachweist, in der Linken einen 
Stab auf, der sich als Kentron fassen läfst; die Rechte legt er an den Bart; sie ist 
durchhöhlt gebildet, so dafs es möglich wäre die Zügel hindurchzuführen; doch 
weist nichts in der Arbeit darauf hin, dafs wirklich ein Gegenstand hindurchging. 
Vor allem aber scheint es mir sehr unwahrscheinlich und unnatürlich, dafs ein Mann, 
der mit der Rechten die Zügel eines Gespannes hält, gleichzeitig diese Hand an 
den Bart legen sollte. Ich nehme daher an, dafs die Zügel einfach um den Wagen- 
rand geschlungen waren. Wenn ein Kutscher von seinem Wagen abgestiegen ist 
und das ruhigstehende Gespann warten läfst, ist es allzeit das natürlichste dafs er 
die Zügel am Wagen befestigt. Das griechische Gefährt war allerdings sehr leicht, 
bot aber doch einen gewissen Halt; auch sitzt hier der Kutscher ja unmittelbar 
neben seinem Wagen, den Blick auf die Pferde gerichtet; sowie er sie unruhig 
werden sieht, kann er sofort eingreifen. 

der Brust; offenbar ist dies der geile Eurytion der offene Peplos die Tochter (vgl. Treu, Arch. 

und die Frau die Braut, nach der sich Apollon Anz. 1890, S. 6of.); die Treu'sche Umstellung 

wenden -mufs. Das vollere ionische Costüm, der Mittelgruppe wird durch diese Erwägungen 

Chiton und Mantel, charakterisiert die Mutter, also nur bestätigt. 



84 Furtwängler, Zum Ostgiebel von Olympia. 

Die Betrachtung des Äufserlichen der Anordnung und Ergänzung der Figuren 
zu beschliefsen, vergleichen wir nun die beiden Ecken. Wir haben links zwei Fi- 
guren in wesentlich dem gleichen Motive und ebenso rechts; die Asymmetrie, die 
in der Entsprechung des knieenden C und des sitzenden N liegt, wird hinter diesen 
einfach noch einmal wiederholt. Die Wiederholung des Knieens und Zügeins links 
verlangt in der That auch die Wiederholung des Sitz- und Stockaufstützmotives rechts. 
Die beiden Paare entsprechen sich durchaus, nur dafs sie eben verschiedene Motive 
zeigen. Diese müssen aber in der Bedeutung der Darstellung ihren Grund haben. 

Treu hat (Jahrb. IV, S. 298) darauf hingewiesen, dafs nach literarischer wie 
monumentaler Tradition Önomaos später abfuhr als Pelops, also diesem beim 
Wettrennen einen Vorsprung gewährte. Mit Recht suchte er eine Andeutung davon 
im Giebel, wenn auch seine Aufstellung ihm dieselbe kaum gewährte. Ganz anders 
klar und deutlich finden wir nun durch unsre Anordnung jene Sage ausgesprochen. 
Die beiden Gespanne stehen angeschirrt zur Wettfahrt bereit. Doch während links 
eine rege, auf den unmittelbaren Beginn des Rennens gerichtete Thätigkeit herrscht 
und die jugendlichen Genossen des Pelops die Zügel erfassen und ordnen, so sehen 
wir rechts nichts als ein ruhiges Zuwarten; die Zügel sind noch um den Wagen 
geschlungen und die beiden Männer im Dienste des Onomaos, die jenen knieenden 
drüben entsprechen, haben sich ruhig auf die Erde niedergelassen und stützen ihre 
Stäbe auf. Der vordere, der die Pferde im Auge behält, sitzt in bequem zuwartender 
Haltung und stützt den Kopf dabei auf die rechte Hand. Mit Recht hat Flasch 
bemerkt (Olympia S. 78, S. A.), dafs diese Figur kein Greis ist, wie er gewöhnlich 
genannt wird. Der Typus des Greises ist ein ganz anderer in der den Giebeln 
zeitgenössischen Kunst; ihm sind Hakennase, eingefallene Wangen und vor allem 
schwaches Untergesicht mit kümmerlichen Bartstoppeln charakteristisch, im vollen 
Gegensatz zu dem überaus sinnlichkräftigen vollbärtigen Untergesichte unseres 
Mannes. Die Glatze desselben ist keine andere als welche die jugendkräftigsten 
Silene im 5. Jahrhundert immer haben. Auch gehört auf attischen Vasen des 
strengen Stiles der glatzköpfige Mann, der mit Jünglingen in Gelage und Komos 
schwärmt und aufgeregt den Flötenbläserinnen nachstellt, zu den beliebteren Typen. 
Noch näher liegt in Olympia aber der Hinweis auf die Kentauren des Westgiebels; 
jene kühnen Freier schöner Frauen haben im wesentlichen dieselben Köpfe, die nur 
weniger edel sind. Die Beschuhung pafst ebenfalls sehr gut zur Charakterisierung 
des sinnlichen Schlemmers. Kein Zweifel, dafs die Figur, wie Kekule" zuerst gese- 
hen hat, Myrtilos zu benennen ist 12 , den es nach der schönen Hippodameia gelüstet 
und der Verrat im Sinne führt. 

Sein hinter ihm sitzender Genosse, der augenblicklich nichts zu thun hat, 
indem ja jener andere die Pferde im Auge behält, wendet sich um und blickt 
heraus, etwas nach oben. Seine Miene scheint, soweit das Erhaltene des Gesichtes 
mit seinen Falten urteilen läfst, Besorgnifs auszusprechen. Ich glaube, es ist eine 

12 ) Der Taraxippos Paus. VI, 20, 17 ist immerhin pia, wenn auch ungewisser Zeit (vgl. Löschcke, 

ein Zeugnifs für die Myrtiloslegende in Olym- Dorp. Progr. 1885, S. 14). 



Furtwängler, Zum Ostgiebel von Olympia. 85 

r 

wirklich antik und im Sinne der älteren Zeit gedachte Erklärung, wenn ich annehme, 
dafs dieser Mann ein unerwartetes Vogelzeichen erblickt, das ihm zur Linken 
unheilverkündend erscheint. So erst scheint mir seine Bewegung natürlich und voll 
verständlich zu sein, während sie bei allen bisherigen Erklärungsversuchen gezwungen 
und unklar erschien. Den rechten Unterarm des Mannes denke ich mir mit einer 
das Staunen begleitenden Geberde erhoben. Ich sehe keinen Mantis von Profession 
in ihm, er ist nur ein Genosse des Myrtilos, Dienstmann des Önomaos wie dieser, 
genau entsprechend dem zweiten der Pelops Wagen beigegebenen Leute. Er be- 
findet sich ja auch nicht an einem Oionoskopeion; der Vogelflug war für einen 
Jeden vor einem Unternehmen bedeutsam. Die lebhafte und unbequeme Wendung, 
welche der Mann nach seiner Linken macht, der besorgte Blick, mit dem er heraus 
an den Himmel schaut, und die zu ergänzende Geste der Rechten mochten dem 
antiken Beschauer keinen Zweifel an der Absicht des Künstlers lassen. Der Mann 
ist neben dem »sinnenden Greis« ohne Zweifel seine beste Schöpfung im Giebel; 
beide sind in durchaus eigenartigem, ausdruckvollem, nur für diesen Fall erfundenem 
ayr^a dargestellt. Durch die Wendung des Oberkörpers an unserem Vogelschauer 
hat der Künstler eine wirksame Abwechslung und einen viel lebendigeren Rhythmus 
in diese rechte Giebelecke gebracht als er es auf der anderen Seite vermochte. 
Doch hat er für die äufsere Symmetrie der Hauptlinien nachdrücklich gesorgt. Man 
beachte nur, wie sämmtliche nicht stehenden oder liegenden Figuren der rechten 
Giebelhälfte ihr rechtes Bein im Knie gebogen aufstellen und ebenso die entspre- 
chenden Gestalten der linken Hälfte je ihr linkes Bein. 

Dennoch besteht allerdings eine deutlich fühlbare Ungleichheit zwischen den 
beiden Giebelhälften, indem rechts alles breiter und massiger ist als links. Dies 
findet aber seine vollständige Erklärung in dem Streben des Künstlers zu charak- 
terisieren. Wie vortrefflich ist ihm der Gegensatz des breitspurigen trotzigen Auf- 
tretens des Önomaos gegenüber der Bescheidenheit des Pelops gelungen; und ganz 
gleichartig ist der Gegensatz in der breiten sich pomphaft entfaltenden Erscheinung 
der Sterope und der schmalen sich in sich zusammenschliefsenden Figur der Hip- 
podameia. Es ist aber nur eine Weiterführung des in der Mitte angeschlagenen 
Grundtones, wenn nun auch hinter den Rossen hier gröfsere Breite und Fülle, dort 
schmälere schlankere Erscheinung herrscht. Der Künstler charakterisiert weiter, 
indem er hier als Gefolge des Önomaos zwei ältere Leute darstellt, die wartend 
an der Erde sitzen, weil ihr Herr dem Gegner einen Vorsprung gönnen will; drüben 
knieen die jüngeren Genossen des jugendlichen Pelops in voller Thätigkeit. 

Das faktische Übergewicht der Seite des Önomaos wird übrigens für die 
Phantasie dadurch wieder ausgeglichen, dafs Zeus, die überragende Hauptfigur, den 
Kopf nach Pelops' Seite wendet. 

Der Künstler hat, wie mir scheint, den wesentlichen Inhalt der Sage völlig 
deutlich wiedergegeben. In polygnotischer Weise stellt er nicht den Höhepunkt 
der äufseren Aktion dar, sondern läfst die Personen in bedeutungs- und ausdrucks- 
vollen Stellungen noch ruhig versammelt sein. Das Opfer des Önomaos hat er als 



gß Furtwängler, Zum Ostgiebel von Olympia. 



unwesentlich nicht dargestellt 13 ; aber er hat ihn und seine Partei, sein Zögern und 
namentlich die Person des Myrtilos charakterisiert. Und zwei besonders bedeutungs- 
volle Motive sind es, dafs eben der eine unbeschäftigte Geleitsmann des Önomaos 
das unheilverkündende Vogelzeichen erblickt und in demselben Augenblicke Zeus, 
der es gesendet, bestätigend und entscheidend das Haupt dem Gegner zuwendet. 
Auch der Verrat des Myrtilos erscheint so als durch den Ratschlufs des Zeus gewollt. 

Noch sei auf einen feinen Zug aufmerksam gemacht, den ich hier darin 
sehe, dafs die vor den Pferden hockenden Gestalten nur unbedeutende Nebenfiguren 
sind, welche die Aufmerksamkeit in keiner Weise von den in der Mitte versam- 
melten Hauptpersonen abziehen. Diesen Vorzug hat nur unsere Aufstellung; auch 
empfinden wir jetzt, wie gerade an dieser Stelle durch ungleiche Höhe unsymme- 
trisch wirkende Figuren unerträglich störend wären, während es kaum bemerkt wird, 
dafs hinter den Pferden der zurückgelehnt sitzende »Greis« etwas niedriger ist als 
der knieende Mann links. 

Anderer Ansicht war allerdings die antike Erklärung die uns bei Pausanias 
vorliegt; denn sie sieht Hauptfiguren in jenen Gestalten vor den Pferden. Offenbar 
suchte der antike Erklärer unter den jederseits aufser den Haupthelden vorhandenen 
vier Figuren vor allem die aus der Sage bekannten beiden Wagenlenker zu finden; 
als solche sofort kenntlich waren aber keine der Statuen; denn hinter den Pferden 
sah man jederseits ein gleichartiges Paar, nicht aber was man suchte, je einen ein- 
zelnen distinguirten Wagenlenker; daher nahm man denn die Einzelfiguren vor den 
Pferden für diese; jene Paare aber wufste man nur als mit der Wartung der Pferde 
betraute dienende Männer anzusehen. So konnte man aber wenigstens die ganze 
Mittelgruppe bis zu den Pferden mit mythologischen Namen belegen; die vorneh- 
men Wagenlenker, so dachte man offenbar, müssen in nächster Nähe der Haupt- 
helden sein; sie warten, bevor das Rennen beginnt, ruhig vor den Pferden, mit 
deren Beaufsichtigung sie das Gefolge beauftragt haben. Das an die Wagenlenker- 
tracht erinnernde lange Gewand des Mädchens und seine der männlichen gleiche 
Haartracht erleichterte diese falsche Deutung, welche in ihrer Oberflächlichkeit 
nicht nur die Weiblichkeit des einen »Lenkers«, sondern auch das für den anderen 
doch sehr unpassende knabenhafte Alter völlig übersah 14 . Den Gedankengang aber, 
der zu diesem falschen Resultate führte, haben wir noch vollständig nachweisen 
können. Dies ist alles was man von uns verlangen kann. Denn durchaus unme- 
thodisch wäre es zu verlangen, dafs wir statt der erhaltenen Skulpturen selbst die 
Erklärung bei Pausanias zur Grundlage für die Anordnung der strittigen Figuren 
um die Pferde machten; wer glaubt von vornherein wissen zu können, welche der 

I3 ) Nur Önomaos selbst konnte es darbringen und jederseits hinter den Pferden zwei ävope;, also 

dieser thut es evident nicht. Treu hat auch ist der Knabe ebensowenig erkannt worden wie 

völlig Recht, indem er den Altar bestreitet. das Mädchen. — Dafs das Versehen mit dem 

u ) Diese beiden Versehen des antiken Erklärers Mädchen sich bei der Anordnung desselben vor 

bleiben bei jeder Anordnung bestehen; denn den Pferden am ehesten erklärt, ist schon von 

Pausanias nennt aufser den beiden Wagenlenkern Kekule bemerkt worden. 



Furtwängler, Zum Ostgiebel von Olympia. 87 

i 

betreffenden Figuren von dem antiken Erklärer füY die Wagenlenker angesehen 
wurden, folgt nur seiner willkürlich vorgefafsten Meinung. 

Die namengebende Erklärung der Alten die bei den Figuren hinter den 
Pferden inne hielt, setzt wieder ein bei den Eckfiguren. Wir dürfen diese nicht 
ganz übergehen; es sind zwei Jünglinge, die an der Erde liegen und mit lebhafter 
Teilnahme nach der Mitte blicken. Pausanias nennt sie Kladeos und Alpheios; 
aber wie oberflächlich seine Deutung des Giebels war, haben wir bereits bemerkt, 
und im Westgiebel benennt er deh Apollon Peirithoos. Die Zweifel an Alpheios 
und Kladeos, die zuerst Kekule geäufsert hat, sind mir zur Gewifsheit geworden. 
Jene Deutung auf die Flufsgöttcr entspringt ja lediglich hellenistisch-römischer An- 
schauung. Seltsam ist es, wie man sie neuerdings zu begründen gesucht hat, näm- 
lich aus dem Westgiebel des Parthenon, während umgekehrt für die Erklärer des 
Parthenon die einzige feste Basis jene Pausanias'sche Deutung der olympischen Figu- 
ren ist. Die UnStatthaftigkeit der Flufsgötter am Parthenon habe ich kürzlich hervor- 
gehoben und eine neue Deutung jener Figuren versucht 15 . In den liegenden Jünglingen 
von Olympia konnte kein Zeitgenosse des Künstlers Flufsgötter erkennen; er sah in 
ihnen gewifs nur das was sie sind, müfsige Zuschauer, die indefs durch ihre Neugierde 
das Gefühl der Bedeutung des Vorgangs im Betrachter verstärken. Der unthätige 
Zuschauer gehört bekanntlich gerade in der älteren griechischen Kunst zum Vorrat der 
beliebten Typen, wenn er auch nicht die hohe künstlerische Bedeutung erlangt hat 
wie in der italienischen Kunst des Quattrocento. Für unsere Jünglinge wird der 
Künstler sich die Vorbilder von den Wällen des Stadions und Hippodroms zu 
Olympia geholt haben, wo genug der Zuschauer so im Grase liegen mochten, um 
dem Schauspiele der Wettkämpfe mit neugieriger Teilnahme zu folgen. 

Aber die Eckfiguren des Westgiebels sind doch sichere Nymphen? — Auch 
sie sind ja nur so genannt, weil man die Flufsgötter des Ostgiebels für sicher hielt 
und zu ihnen Gegenstücke wünschte. — Aber ihre »Idealtracht«? — Da antworte 
ich mit der Frage: für welche göttlichen Frauen ist denn um die Mitte des 5. Jahr- 
hunderts die Halbnacktheit die ihnen zukommende »Idealtracht« ? Nicht einmal für 
Aphrodite und ihr Gefolge, und ebenso wenig für die Nymphen, welche das ganze 
5. Jahrhundert nur vollbekleidet kennt. — Und ferner mufs man Löschcke zugeben, 
dafs wer die Eckfiguren als Nymphen deutet auch die auf's engste mit ihnen ver- 
bundenen alten Frauen für gleichartige göttliche Wesen halten mufs. Die sind 
aber, wie die Pfühle des Hochzeitssaales, auf denen sie liegen, unwiderleglich zeigen, 
sichere Dienerinnen. Dann sind auch die Mädchen der Ecken nichts anderes, und 
ihre Hauben passen jedenfalls sehr gut dazu. Mich dünkt, dafs wie jene alten 
Frauen den Typus der greisen Schaffnerin im ionischen Epos, den Typus der Eury- 
kleia wiedergeben, so die jungen Mädchen der Ecken den losen Mägden entsprechen, 
welche dem Fremdenbesuch im Herrenhause leicht gewogen sind; und für die 
scheint mir die nachlässige Kleidung eben charakteristisch zu sein. 

A. Furtwängler. 

15 ) März-Sitzung der Archäologischen Gesellschaft; s. u. im Anzeiger. 



Sb> Ova-oun. ,^o 



AXjvwJ^* 



NACHTRÄGLICHES 
ZUM OLYMPISCHEN WESTGIEBEL 

Da die offizielle Publikation der olympischen Funde sich ihrer Vollendung 
nähert, halte ich es für angezeigt einige Bedenken und Vorschläge auszusprechen, 
deren Prüfung der Rekonstruktion des Westgiebels in einigen wichtigen Punkten 
vielleicht zu Gute kommen wird. 

Grüttners Ergänzung der Gruppe des würgenden Lapithen und beifsen- 
den Kentauren scheint allgemein als richtig zu gelten. Aber ähnlich wie beim 
sitzenden Mann des Ostgiebels folgt auch für den Lapithen aus der sorgfältigen 
Ausarbeitung der Flanke, dafs der linke Arm etwas höher und ohne zu berühren 
an der Brust vorbeilief. Andererseits folgt die Unrichtigkeit der Ergänzung daraus, 
dafs an dem zur Hälfte erhaltenen 1. Unterarm des Kentauren jede Spur der um- 
fassenden 1. Hand des Lapithen fehlt. Grüttner mufs diese dicht an den Ellbogen 
heranrücken, damit aber ihre Kraft völlig lähmen; in Wahrheit kann es für eine 
solche Aktion nur einen Angriffspunkt, die Handwurzel, geben. 

Die richtige Ergänzung ergiebt sich aus einem kleinen Fragment, das ein 
Stück eines sehr vernachlässigten Daumens darstellt, der an einem Körper von flach 
ovalem Querschnitt liegt. Das seltsame Stück kann nur in unserer 
Gruppe untergebracht werden und erklärt sich als Rest des linken, von 
der Linken des Lapithen gefafsten Pferdeohrs des Kentauren. Das Ohr 
wurde von dieser Hand nicht ganz umfafst, sondern nur von vier 
Fingern zusammengeprefst, während der Daumen untätig neben diesen 
lag. Demnach ist die Gruppe so aufzufassen. Der Kentaur hat in dem 
Augenblick, wo der Arm seines Gegners ihm die Kehle zudrücken will, 
schnell die rechte Hand desselben mit seiner linken erfafst und sucht, indem er 
jene nach unten zieht, den Winkel des Arms zu erweitern, d. h. die Umschnürung 
zu lockern. Aber er begnügt sich nicht mit der Defensive; er fafst mit seiner freien 
rechten Hand den Oberarm des Gegners, um den nun völlig gefesselten Arm in 
aller Mufse durch Bisse verwunden zu können. Darum versucht nun der Lapith, 
der auch noch eine Hand frei hat, ihn durch einen plötzlichen Schmerz zum Los- 
lassen zu bewegen und rupft ihn unsanft am Ohre. Die Wirkung des Ganzen mufs 
an's Burleske streifen; mit dem, was der Westgiebel sonst wagt, verträgt sie sich 
recht gut. m 

Auch die entsprechende Gruppe des Kentauren und Knaben läfst sich 
noch vervollständigen. Treu hat die linke Hand des Kentauren ermittelt 1 und aus 

') Arch. Anzeiger 1890, S. 61. 




Sauer, Nachträgliches zum olympischen Westgiebel. 



8 9 





dieser mit Recht geschlossen, dafs sie den linken Oberschenkel des Knaben um- 
fafste; nur die Stellung des Unterschenkels bleibt noch zu ermitteln. Dazu hilft 
ein dem vorher beschriebenen ähnliches Fragment, welches eine linke grofse Zehe 
darstellt, die gegen einen sicher organischen, aber ebenso sicher nicht einem Men- 
schenleib angehörenden Körper stöfst. Die Abbildung 
wird es verdeutlichen, dafs hier ein Stück des linken, 
äufseren Vorderbeins des Kentauren mit einem Rest des 
linken Fufses des Geraubten dargestellt ist. Die Stellung 
des 1. Unterschenkels dieser Figur giebt die Ergänzung 
also im wesentlichen richtig. 

Aber auch der rechte Fufs des Knaben ist er- 
halten. Ohne Sandale, rundum ausgearbeitet, aber auf 
der Sohle stark vernachlässigt, kann er den Boden höch- 
stens mit den jetzt fehlenden Zehen berührt, die Sohle 
nur der Giebelwand zugekehrt haben. Daraufhin glaube 
ich jetzt einen früher von Wolters ausgesprochenen 
Gedanken aeeeptiren zu müssen: dafs nämlich auf dem 
erhaltenen Kissen, das durch nichts der liegenden Alten 
zugewiesen wird, im Gegenteil für diese nicht einmal 
genügenden Platz bietet, das rechte Bein des Knaben 

lag'. Wie diese Neuerungen wirken werden, hängt mit der Frage der Auf- 
stellung zusammen. Bekanntlich hat Wolters gegen die Umstellung der beiden 
der Mitte nächsten Gruppen deshalb Einspruch erhoben 3 , weil zwischen dem nur 
halbausgearbeiteten Kentaurenleib und der benachbarten Lapithin eine Lücke klaf- 
fen würde. Dem abzuhelfen hat schon Treu neuerdings vorgeschlagen 4 , die 
Gruppe des Kentauren und Knaben mehr in Vorderansicht (»ins Profil« ist 
offenbar nur Schreibfehler) zu drehen, wodurch sich die Möglichkeit ergebe, die 
linke Schulter des Kentauren ein Stück hinter die Lapithin zu schieben. Diese 
Drehung, aus der sich eine Verringerung der Lücke um mindestens 10 cm ergiebt, 
scheint mir aus einem anderen Grunde geradezu unvermeidlich. Die linke Hand 
des Knaben, die sein eigener Kopf verdeckte, ist nur angelegt, die rechte sorgfältig 
ausgearbeitet; damit stand bei der früheren Aufstellung im Widerspruch, dafs diese 
Hand unsichtbar war. Bei der jetzigen scheint dieser Widerspruch gehoben, aber 
in Wirklichkeit, d. h. für den von unten Heraufblickenden, wäre die im Aufrifs aller- 
dings sichtbare Hand doch wieder versteckt. Da die Einarbeitung an derselben 
ziemlich unbestimmter Form, die völlige Streckung des Armes durch nichts gefordert 
ist, möchte ich den Versuch anregen, die Gruppe so weit zu drehen, dafs die Hand 
ganz vorn in den Giebel und mit ihrem Einschnitt über die Knöchel der Linken 
des Kentauren D zu liegen kommt. Die Lage des Kissens im Giebel läfst sich 
mit völliger Sicherheit nicht ermitteln; es scheint mir nicht unbedingt nötig, die 



2 ) Zu vergleichen ist der eine der mit Bratspiefsen 
kämpfenden Lapithen der Wiener Vase. 



3 ) Athen. Mitt. 1887, S. 276. 

4 ) Archäol. Anzeiger 1890, S. 61. 




QO Sauer, Nachträgliches zum olympischen Westgiebel. 

Hauptkante der Giebelwand parallel zu legen. Auch das rechte Bein des Knaben ist 
nicht völlig festzulegen; doch wird man genau senkrechte Stellung des Unterschen- 
kels zur Giebelwand für ausgeschlossen halten dürfen und eine leise Drehung des- 
selben nach der linken (Nord-) Ecke als die gefälligere der entgegengesetzten vor- 
ziehen 5 . 

Auch eine Veränderung der Eckgruppen scheint mir unvermeidlich. Die 
Plinthen der knienden Lapithen sind vorn so auffallend dünn und mit so vorzüglich 
ausgearbeitetem Gewand bedeckt, dafs man vermuten mufs, sie haben sich bis dicht 
an den Giebelrand erstreckt. Ferner ist die rechte Wade des linken Knieenden, 
die jetzt hinter der Alten verschwindet, und sein mit Sicherheit zu ermittelnder 
rechter Fufs so vorzüglich ausgearbeitet, dafs man, angesichts der 
Roheit sicher unsichtbarer Teile derselben Figur, kaum zweifeln 
kann, dafs die Alte jenseits dieses ausgestreckten Beins lag. Na- 
türlich gilt dasselbe für die rechte Ecke. Man kann jetzt je die 
letzte Figur etwas dem Knieenden nähern, da die Alten ganz im 
Hintergrunde liegen. Zugleich aber zeigt sich, dafs diese Alten 
unentbehrlicher Bestandteil der Composition und nur ersetzt, nicht 
neu hinzugefügt sind. Denn da man aus den angeführten Gründen 
das ausgestreckte Bein des Knieenden nicht verdecken darf, wäre, wenn jene 
fehlten, nur eine lose Aneinanderreihung der beiden übrigbleibenden Figuren 
möglich und ein grofser leerer Raum über dem ausgestreckten Bein des Lapithen 
unvermeidlich. Gewifs sollte die ungewöhnliche Gruppirung dazu dienen, die 
Idealfiguren in den Ecken, die sich nicht so deutlich wie die des Gstgiebels von 
den handelnden Personen abheben, äufserlich von diesen zu trennen. 

Zu der rechten der eben besprochenen Gruppen bemerke ich ferner, dafs 
die Waffe des knienden Lapithen kein Schwert sein kann, da ihr Griff ohne Knauf 
ist und eine wenn auch noch so knapp gehaltene Parirstange nicht hätte wegbrechen 
können ohne an Daumen und Zeigefinger Reste zurückzulassen. In der Tat lehrt 
die Vergleichung mit einer Figur der Wiener Kentaurenvase, die auf meine Bitte 
Robert v. Schneider ausdrücklich daraufhin prüfte, dafs hier ein Messer zu erkennen 
ist. Damit verschwindet, wenn man von der Mittelfigur zunächst absieht, die letzte 
regelrechte Waffe aus der Darstellung. Folglich darf man auch den zweiten auf- 
rechten Kämpfer, dessen Armhaltung auf ein Beil allerdings nicht pafst, nicht mit 
dem Schwert ergänzen, sondern mufs ihm einen anderen wuchtigen, jedoch mit 
einer Hand zu schwingenden Gegenstand in die Rechte geben. Dafs es an Aus- 
wahl nicht fehlte, zeigt die Wiener Vase und ihre Verwandten; im übrigen läfst 
sich wenigstens so viel sagen, dafs die Waffe dieses Kämpfers, da seinem Gegner 
von der Mittelfigur eine zweite Gefahr droht, nicht so wirksam gewesen sein wird 
wie das Opferbeil, das sein Genosse schwingt, oder das Opfermesser, das der 
Knieende vom Altar weggerafft hat. 

5 ) Der Knabe war nackt; am Leib des Kentauren des durch die Hebung desselben stark ange- 

sind die Spuren des linken Oberschenkels und schwellten linken Obliquus noch zu erkennen. 



Sauer, Nachträgliches zum olympischen Westgiebel. Ol 

Überblickt man jetzt die der Gruppe und d,en Vasenbildern gemeinsamen 
Züge — den Mangel an regelrechten Waffen, das Beil, das Messer, das Kissen auf 
dem ein Lapith kniet, die Rolle welche die Frauen spielen, endlich den Knaben, 
den schon Curtius als den Mundschenk des Festes erklärte 6 — , so mufs man an- 
erkennen, dafs diese Monumente nicht etwa blos in unbedeutenden Einzelheiten 
übereinstimmen, sondern ersichtlich derselben und zwar derjenigen Sagenversion 
folgen, welche von der Kunst der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts und nur von 
dieser ganz auffallend bevorzugt worden ist: sie alle lassen wie die thessalische 
Sage den Kampf bei einem Hochzeitsgelage entbrennen 7 . Man mag die so plötz- 
lich und auf so weitgetrennten Kunstgebieten sich geltend machende Beliebtheit 
dieses künstlerischen Stoffes, der bald nach Vollendung des Parthenon diese indi- 
viduelle Gestaltung wieder einbüfst, erklären wie man will; jedenfalls ist die Tatsache 
nicht leicht zu nehmen, und es heifst die Empfänglichkeit einer wenn auch noch 
so zersplitterten Nation für die Schöpfungen ihrer jugendlichen, eben zur Freiheit 
durchdringenden und nach ethischer Vertiefung ringenden Kunst unterschätzen, den 
Zwang des politischen und religiösen Dogmas über Gebühr verschärfen, wenn man 
wie v. Wilamowitz 8 die Darstellung dieses Stoffes am Zeustempel von Olympia 
für eine Unmöglichkeit erklärt. »Als Archäolog, der nichts von Geschichte 
weifs«, mufs ich vorläufig — nicht auf Grund der schriftlichen Überlieferung, son- 
dern angesichts der Monumente — mich der »Tollheit« mitschuldig bekennen, 
auch in Olympia den bei der Hochzeit des Peirithoos ausgebrochenen Kampf der 
Lapifhen und Kentauren dargestellt zu sehen, und mufs abwarten, wie der Histo- 
riker, der den Ergebnissen der archäologischen Forschung mit Mifstrauen begegnet, 
die Wiederkehr aller wesentlichen Züge des thessalischen Mythos auf olympischem 
Boden erklären wird, ohne auch die Hauptpersonen dieses Mythos dort wiederzu- 
finden. 

Endlich hat mich oft wiederholtes Studium der Mittelfigur zu Resultaten 
geführt, die zu der herrschenden Auffassung derselben in Widerspruch stehen. 

Die rechte Hand dieser Figur war offen, und der Daumen drückte sich 
kräftig gegen den Handkörper, sodafs zwischen beiden Teilen der Hand ein erheb- 
licher Zwischenraum nicht entstehen konnte. Dennoch ist gerade hier in der 
Bruchfläche der Rest einer zwischen Daumen und Handkörper eindringenden Ver- 
tiefung erhalten, deren Weite wegen der starken Bestofsung des Restes unsicher 
bleibt, jedenfalls aber mehr als 1 cm, andererseits, nach den Gesammtproportionen 

6 ; Arch. Zeitung 1883, Sp. 352. des Aristophanes und Erginos, Klein No. 2, ent- 
7 ) Die älteste Kunst bietet dafür bekanntlich keine stellen sie schon unter dem Einflufs der älteren 
Beispiele; in der attischen scheint selbst Mikon Version, die am Theseion und in Gjölbaschi 
noch nichts davon zu wissen. Die Giebelgruppe und der Münchener Schale 368 wieder durch- 
von Olympia, die Vasen in Wien, Berlin (Arch. dringt. Nachzügler sind die Vasen Mon. dell' 
Zeit. 1883 Taf. 17. 18) und Florenz (Heydemann, Inst. 1854, Taf. 16, Benndorf, Gr. u. sie. Vasb. 
Mitt. aus Ober- und Mittelitalien Taf. 3, 1) und 35, das Gemälde des Hippeus (Athen. XI 
die Parfhenonmetopen bekunden die merkwürdig p. 474D; Overbeck SQ i960) und das Mono- 
kurze Herrschaft der neuen Version. Die Friese chrom von Herculaneum (Mus. Borb. V 4). 
von Phigaleia und Sunion und das Vasenbild 8 ) Euripides Herakles I S. 305, Anm. 74. 



Q2 Sauer, Nachträgliches zum olympischen Westgiebel. 



der vorhandenen Marmormasse, auch nicht viel mehr betrug. Dafs diese Vertiefung 
künstlich, nicht etwa durch Absplitterung entstanden ist, bestätigten mir Blinkenberg 
und Heberdey vor dem Original; dafs sie selbst am Gipsabgufs deutlich erkennbar 
ist, haben wir neuerdings im Torlonia'schen Museum festgestellt. Die Öffnung ging 
nicht durch, sondern schlofs mit zwei kleinen Löchern 9 , die man immerhin auf 
Fehlbohrung oder zu tiefe Bohrung zurückführen mag, sehr bald ab. Die Hand 
war also obwohl offen nicht leer, sondern prefste zwischen Daumen und Handfläche 
einen Körper von sehr geringem Umfang, der so leicht war, dafs er die völlige 
Streckung der übrigen Finger nicht verhinderte. Dieser Gegenstand kann kaum 
etwas anderes gewesen sein als ein Pfeil, von dem jedoch nur der nach aufsen 
ragende Teil ausgeführt war. Bedenklich könnte nur die eigentümliche Haltung 
scheinen; gerade diese aber finden wir in einigen wohlbekannten Vasenbildern 
wieder. Auf den von Gerhard A. V. III 202 — 204 zusammengestellten Hektorvasen 
zeigt Apollon, der im Wegschreiten den Vergeltung drohenden Pfeil gegen Achill 
ausstreckt, eine sehr ähnliche Handhaltung, auf 204, wo die Hand mehr in's Profil 
gestellt ist, sogar fast genau dieselbe wie die Giebelfigur. Wir dürfen darnach 
dieses Attribut als gesichert betrachten. 

Das Attribut der Linken zu ermitteln, ist bisher noch nicht gelungen. Einen 
ernstlichen Versuch allen erhaltenen Spuren 10 gerecht zu werden hat nur Brunn 11 
gemacht, dessen Vorschlag jedoch daran scheitert, dafs das gröfste der erhaltenen 
Attributlöcher für eine Schwertscheide weder genügend grofs noch angemessen an- 
gebracht ist. In Grüttner's Ergänzung dagegen, die jetzt ziemlich allgemein für 
richtig zu gelten scheint, mufs man einen ganz ungewöhnlich, um nicht zu sagen 
unmöglich gehaltenen Bogen in Kauf nehmen, ohne dafs das in der Biegung des 
Zeigefingers erhaltene Loch erklärt würde. Auf die künstliche Anordnung des Ge- 
wandes nehmen beide Vorschläge keine Rücksicht. Das Natürliche wäre, die ganze 
Masse dieses Gewandes über den Unterarm nach innen zu leiten und hier zwischen 
Arm und Leib herabfallen zu lassen. Statt dessen teilt sich dieses Gewand über 
der Hand in zwei lange, unterhalb derselben wieder zusammenschlagende Zipfel, 
eine seltsame Anordnung, die mit der Gestalt des Attributes zusammenhängen mufs. 
Die Arbeit des gröfsten Loches, das in einem kleinen, für einen Stift sehr wohl 
passenden Loch sich nach innen fortsetzt, deutet auf ein marmornes, nicht metalle- 
nes Ansatzstück hin, und da zur Befestigung eines solchen Stückes das nicht allzu- 
tiefe Loch keineswegs ausreichen würde, so mufs mindestens eines der oben und 
unten erhaltenen kleinen Löcher zur weiteren Befestigung desselben Marmorstücks 
gedient haben, und zwar wahrscheinlicher das obere, mitten im Gewand sitzende, 
als das untere, dessen Stelle einem wirklichen Hohlraum, dem zwischen den beiden 
unteren Gliedern des Zeigefingers, entspricht. Erklärt werden mufs ferner, warum die 
beiden kleinen Löcher nicht in der Mittellinie des gröfsten, sondern weiter aufsen 

9 ) Ein drittes, modernes liegt dicht daneben im 10 ) S. die genaue Abbildung Ausgrab, von Olympia 
Bruch. III Taf. 26/27, >• 

") Sitzungsber. der bayr. Akad. 1888, II S. 193. 



Sauer, Nachträgliches zum olympischen Westgiebel. 



93 



liegen. Und endlich kann der Arm, wie Brunn (a. a, O.) erkannt hat, nicht einfach 
etwas gehalten haben, sondern mufs in einer kräftigen Aktion begriffen gewesen 
sein; nur brauchte diese nicht gerade die Hebung eines schweren Gegenstandes 
zu sein. 

So vielen und so eigenartigen Bedingungen gegenüber bleibt nur eine sehr 
enge Wahl, und man darf sagen: gelingt es ein Attribut aufzufinden, das allen 
diesen Bedingungen ungezwungen genügt, so ist es das richtige. Das Attribut, das 

ich vorschlage, erfüllt diese Ansprüche: die Hand 
hielt einen auf den Boden aufgestützten Bogen so, 
dafs dessen in Marmor ausgeführtes oberes Ende 
aus der Hand heraus bis zur Höhe des oberen 
Stiftlochs reichte und mittelst eines in diesem 
sitzenden Metallstiftes zum zweiten Male befestigt 
war, während die bronzene Sehne nur unten, 
nicht oben eingehängt, vielmehr in die Biegung 
des Zeigefingers geklemmt war. Die Fortsetzung 
dieses Bogens hat man sich hinter den zusammen- 
schlagenden Gewandzipfeln zu denken, deren tief 
herabreichende Marmormasse genügende Breite 
hatte, um auch für den nicht genau vor ihrer Mit- 
tellinie stehenden Beschauer eine gute Folie für 
die scharf sich abhebende Sehne abzugeben. Das 
Gewand schliefst jetzt mit einer Horizontalfläche ab; das fehlende Stück griff um 
das jetzt unterste hinten herum und endete dort erst wenig unterhalb der Hand, es 
hing also und erreichte nicht den Boden. Aus diesem jetzt fehlenden Gewand- 
zipfel kam der untere, natürlich wieder angestückte Teil des Bogens heraus, von 
dessen Ende die Sehne, wie schon bemerkt, in die Biegung des Zeigefingers lief. 
Da der durch die Hand laufende Teil des Bogens der Stellung der Finger gemäfs 
ungefähr horizontal stehen müfste, so hatte der Bogen etwa die Form wie auf 
dem Orvietaner Krater 12 oder der als besonders verwandt schon erkannten Hektor- 
vase (Gerhard, A. V. III 204); dafs derartige Bögen auch längere Hörner haben 
können als dort, beweisen andere Vasenbilder 13 . 

Die Kraftanstrengung des linken Armes erklärt sich jetzt: er begnügt sich 
nicht den Bogen zu halten, sondern drückt ihn nieder, damit die Rechte die vom 
Zeigefinger der Linken schon bereit gehaltene Sehne bequem einhängen kann. Zur 
Vergleichung diene die letzte Figur des östlichen Theseionfrieses, die ihren Bogen 
mit der Linken auf den Boden und zwar, um das Abgleiten zu verhüten, gegen 
eine kleine Terrainerhöhung drückte, während die Rechte die Sehne einhängte '*. 




12 ) Mon. dell' Inst. XI 29. 

13 ) EL cer. II 26. 55. 90. Benndorf, Griech. u. sicil. 
Vasenb. 55> ' un d S. 107. Dubois-Maisonneuve 
15. Fröhner, Vases du prince Napoleon 1. 

Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. 



Vorlegebl. VI 7. VIII 3. 
14 ) Als Bogenschütz ist die Figur schon durch das 
am linken Oberschenkel erhaltene grofse Zapfen- 
loch für den Köcher gesichert. Zur Einzapfung 

8 



94 



Snuer, Nachträgliches zum olympischen Westgiebel. 



Was wir so über die Attribute beider Hände unter absichtlicher Vernach- 
lässigung ihrer Wechselbeziehung ermittelt haben, unterstützt sich jetzt gegenseitig: 
ein Bogenschütz steht, im Begriff seine Waffe schufsfertig zu machen, vor uns. Die 
Haltung, die bisher für eine handelnde Gestalt zu starr, für eine untätige zu unruhig 
schien, erklärt sich in unerwarteter Weise aus einer eigenartigen Aktion, die sich 
wie bei den meisten Figuren dieser Giebel in einen einzigen höchst charakteristi- 
schen Moment zusammendrängt. Bogen und Sehne können in ihre jetzige Lage 
ohne Hilfe der rechten Hand nicht gekommen sein; den einzigen, kurzen Augen- 
blick, in welchem die Linke allein handelt, nämlich den Bogen zusammendrückt, 
benutzt die Rechte, immer den Pfeil haltend, zu einer blitzschnellen Gebärde gegen 
den Feind, für den die Waffe bereitet wird. Nicht dafs sie ihm den Pfeil zeigt, 
ist die Hauptsache, sondern diese heftige Gebärde des Abschcus und der Verwün- 
schung, die man sehr wohl mit dem tcsvts 'erat iia'-ta der Neugriechen vergleichen 
kann. Jenes Zeigen allein würde eine gewisse Dauer verlangen, wie bei dem lang- 
sam wegschreitenden Apollon der Hektorvasen; hier aber wird die Hand im Nu 
wieder nach dem Bogen fahren, die Sehne aus der Linken nehmen und sie ein- 
hängen. Damit ist der Bogen schufsfertig, und den Frauenräuber, der eben den 
letzten schwachen Widerstand der Geraubten überwindet und im nächsten Augen- 
blick mit seiner Beute schon eine Strecke entfernt sein kann, wird rechtzeitig der 
rächende Pfeil erreichen. 

Für uns bedarf es, um uns das Verständnis dieser Aktion zu erschliefsen, 
ebenso umständlicher Reflexion wie zur Wiederherstellung der Anschirrungsszene 
im Ostgiebel; für den Beschauer des 5. Jahrhunderts, dem wie die Bespannung 
eines Rennwagens auch die beim Bogcnschiefsen üblichen Bewegungen und Tempi 
bekannt waren, war Sehen und Verstehen eins, und die scheinbar starre Gestalt 
gewann vor seinen Augen Leben und stürmische Bewegung. 

Ist dies richtig, so kann dieser Jüngling kein Gott sein. Denn ein 
solcher dürfte nicht unfertig auf dem Kampfplatz erscheinen, sondern müfste im 
Moment seiner Ankunft eingreifen wie Apollon, der auf den Hilferuf seiner Mutter 
herbeieilt, um sie an Tityos zu rächen, oder wie der Epikurios des Phigaleiafrieses 15 ; 

des Bogens diente ein schräg nach unten gehen- 
des Loch von I cm Weite und 1,75 cm Tiefe, 
welches an der rechten Seite der erwähnten 
Terrainerhöhung angebracht ist. Auch diese 
Figur wie die ihr benachbarte (s. o. S. 36) 
deuteten lleberdey und ich unabhängig von 
einander. 
,s ) Eine allgemeine Ähnlichkeit der 1. Hand dieses 
Apollon mit der rechten der Giebelfigur liefs 
in mir den Zweifel aufkommen, ob jener wirk- 
lich schiefse. Jetzt kann ich, dank der Liebens- 
würdigkeit Cecil Smith's, diesen Zweifel flir 
unhaltbar erklären. Er schreibt mir: »The dra- 
iving in Anc. Marbles vol. IV is fairly aecurate. 
The left hand has all the fingers extended save 



the thumb which is wanting; but sufficient reinains 
to show /hat the thumb was pressed against the 
palm probably holding sonie objeet, 0/ which how- 
ever there is no trace: the ivrist is beut back- 
war ds The right hand has the 2nd, jrd, 

and 4 th fingers partly extended; the ist (index) 
finger is broken away, but has been beut round 
so as to join the tip of the thumb, making with 
the thumb a circle; at the point of junetion of the 
index and thumb a small hole (about 3 milli- 
metres in diameter) is drilled, and a similar hole 
is drilled on the under side of the hand but 
slightly to the right of the Upper one. T/iese holes 
must obviously have been intended to contain the 
string of the bow which was probably of bronze 



Sauer, Nachträgliches zum olympischen Westgiebel. nt 

■■ I — " . 

i 

am allerwenigsten aber ziemt einem Gott die leidenschaftliche Hast, das sprunghaft 
unstete Handeln, das wir an diesem Jüngling beobachtet haben. Retten liefse sich 
seine Göttlichkeit nur durch das bedenkliche Auskunftsmittel ihn jetzt nicht ein- 
greifen, sondern ihn wie den Apollon der Hektorvasen mit künftiger Vergeltung 
drohen zu lassen; dann aber müfste sein Bogen so wie dort oder etwa wie auf der 
1 Iippolytosvase Arch. Ztg. 1883, Taf. 6 in Ruhe, die Sehne also entweder ein- 
gehängt sein oder vom oberen Ende schlaff herabhängen, und in beiden Fällen 
bliebe sowohl das Loch in der Biegung des Zeigefingers als die Kraftanspannung 
des Armes unerklärt. 

Gegen das unvermeidliche Ergebnis dieser Erwägungen, dafs nämlich dieser 
Jüngling ein Heros sei, wird man vor allem einwenden, dafs der Beschauer, der im 
Ostgiebel einen Gott inmitten einer heroischen Szene dargestellt sah, auch die 
Mittelfigur des Westgiebels für göttlich halten mufste, und man wird diesen Einwand 
insbesondere durch Verweisung auf die aiginetischen Giebel zu begründen suchen. 
Aber wir wissen viel zu wenig über das Wechselverhältnis der Giebelgruppen eines 
und desselben Tempels, als dafs eine solche Analogie, zumal gegenüber den an 
kühnen Neuerungen überreichen olympischen Giebelgruppen in's Gewicht fallen 
könnte. Viel beachtenswerter scheint mir der Einwurf, dafs eine Gestalt die ihre 
Umgebung so beträchtlich überragt, ein Wesen höherer Gattung sein müsse. Aber 
auch dieser hält nicht Stich. Dafs im westlichen Parthenongiebel die beiden Mittel- 
figuren die ihnen zunächst benachbarten, die doch auch Götter darstellen, an Gröfse 
bedeutend übertreffen, mag noch hingehen; bedenklicher mufs schon das Beispiel 
des Ostgiebels machen, wo Hephaistos, der unmittelbar neben Athena steht, merk- 
lich kleiner als diese gewesen sein mufs. Aber wir haben ein viel schlagenderes 
Beispiel in dem etwas älteren Ostgiebel des delphischen Apollotempels (Paus. X 
19,4), wo Apollon, Leto, Artemis die Mitte einnahmen, Apollon also Mutter und 
Schwester überragen mufste, während im Westgiebel Dionysos nicht unter seines 
Gleichen erschien 16 , sondern von untergeordneten Wesen umgeben war. 

Der Jüngling des olympischen Westgiebels ist also ein Heros wie die 
anderen und nur als Hauptperson höher von Wuchs und edler von Gestalt. 
Er ist erst herangekommen, während alles schon in wildem Kampf begriffen ist, 
und ist der einzige, der sicher mit regelrechter Waffe kämpfen wird. 

Angesichts dieser Wahrnehmungen habe ich keinen Grund mit einer vor 
langer Zeit gemachten Beobachtung zurückzuhalten, die für sich allein keine genü- 

wire . . . .« Entscheidend ist die Kleinheit der Daumen. 

hier erwähnten Löcher; angezogen wurde die ";) Helios, im Versinken dargestellt, gehört natür- 
Sehne vom Daumen. Die 1. Hand erscheint lieh in die linke (nordwestliche) Ecke; in der 
in Darstellungen des Bogenschiefsens in sehr rechten mufs ihm die auftauchende Selene ent- 
wechselnder Stellung; bemerkenswert sind Fälle sprechen haben. Dafs dies mit archaischer 
wie Gerhard A. V. 119/20, Mon. d. Inst. I 20, Typik im Einklang steht, der Meister der Par- 
wo der Zeigefinger gestreckt ist. Der Pfeil thenongiebel also auch in diesem Punkt nicht 
ruhte wohl wie beim Apollon des Orvietaner etwas völlig Neues schuf, hoffe ich gelegentlich 
Niobidenkraters Mon. d. Inst. XI 40 auf dem an einigen Vasenbildern zu zeigen. 



g(5 Sauer, Nachträgliches zum olympischen Westgiebel. 

gendc Beweiskraft haben würde. Auf der Wiener Vase, die zum Verständnis der 
Giebelgruppe des öfteren die vortrefflichsten Dienste geleistet hat, ist der inschrift- 
lich bezeugte Peirithoos nicht in den Kampf verwickelt, sondern kommt, das eilig 
aufgeraffte Schwert 17 in der Hand, erst herbei. 

Die Monumente sprechen, also nachdrücklich für den bisher allgemein ange- 
fochtenen, nur von Brunn 18 neuerdings verteidigten Bericht des Pausanias: die Figur 
stellt Peirithoos dar, der im Begriff ist nicht sowohl seine Braut aus den Händen 
des Räubers zu befreien als die ihr angetane Schmach auf der Stelle durch seinen 
Tod zu rächen. 

Man wird dagegen einwenden, dafs die Waffe in beiden Fällen nicht die 
gleiche sei. Aber diese Verschiedenheit hat rein künstlerische Gründe. Am deut- 
lichsten zeigt das die kurze, aber höchst lehrreiche Reihe der Apollon - Tityosdar- 
stcllungen, die man jetzt in Overbecks Kunstmythologie Atlas Taf. 19, 8 und 23, 
2 — 8 zusammengestellt findet. In dem ältesten, noch rein parataktisch komponirten 
Bilde (23, 2 = Mon. dell' Inst. 1856, II, 1) wird Tityos von Apollon und Artemis 
niedergeschossen, und mit voller Naivetät behalten der Maler des athenischen Bildes 
(19, 8 = ' E'f/);j.spi'? 1883 Taf. 3) und der Künstler des knidischen Weihgeschenkes in 
Delphi 19 dieses bei engerer Gruppirung seltsam wirkende Verfahren bei, das auch in 
einem rotfigurigen Vasenbild (23, 7 = El. ceram. II 57) auftritt und hier in seiner ganzen 
Widersinnigkeit sich offenbart. Um den lästigen Zwang der Tradition zu brechen, 
wagt Euthymides (23, 4 = El. ceram. II 56) einen ganz neuen und keineswegs 
passenden Typus, während der Maler von 23, 3 (= El. ce>am. II 55) die Gunst 
des gegebenen Raums benutzt, um den Schützen und sein Ziel durch einen für die 
Komposition freilich nicht vorteilhaften leeren Zwischenraum zu trennen und so dem 
alten Typus noch einmal zu einem künstlichen Leben zu verhelfen. Da gab ein 
beherzterer Künstler dem Apollon das Schwert in die Hand und fand damit so 
sehr den Beifall seiner Zunftgenossen, dafs von nun ab Tityos, anfangs noch durch 
die vom alten Typus übriggebliebenen Pfeile verwundet (23, 5 = Mon. dell' Inst. 
1856, 11, 2; 23, 6 = ebd. 10), zuletzt nur durch das Schwert umkommt, während 
Bogen und Pfeile, aufser Gebrauch gesetzt, nur als leichtverständliche Attribute in 
Apollon's Hand verbleiben (23, 8 = Gerhard, Trinksch. u. Gef. C, 1). 

Auf dieselbe Weise ist es zu erklären, dafs Apollon im Gigantenkampf 
nicht mit dem Bogen, sondern mit dem Schwert kämpft 20 , einmal sogar mit der 
brennenden Fackel zustöfst sl ; das Attribut seiner Linken, bald die Schwertscheide, 
bald der unbenutzt bleibende Bogen, verrät noch den Kampf des jüngeren Typus 
mit dem älteren, der uns in keinem Monument erhalten ist. 

!r ) R.V.Schneiders Liebenswürdigkeit verdanke ich ,9 ) Paus. X II, t. Was ich früher über dieses Werk 
eine erneute Untersuchung auch dieser Figur. und seine Verwandten bemerkt habe (Anf. d. 

Darnach ist nur ein kleines Stück der Schwert- stat. Gruppe S. 30) kommt nicht über Äufser- 

klinge ergänzt. lichkeiten hinaus. 

,8 ) A. a. O. S. 194 f. *>) Vgl. Mayer, Giganten und Titanen S. 333C 351. 

■') Monuments Grecs 1875, 1; Mayer S. 356. 



Sauer, Nachträgliches zum olympischen Westgiebel. 07 

Kunstwerke einer Epoche, die solche Proben ^feinen Gefühls für. das künst- 
lerisch Zweckmäfsige geben kann, darf man nicht immer mit der Frage peinigen, 
ob sie in das pedantische Schema althergebrachter Typik hineinpassen, und sie 
dürfen auf schonendere Beurteilung besonders dann Anspruch erheben, wenn sie 
unter so ungünstigen äufseren Bedingungen geschaffen werden wie eine Giebelgruppe. 
Vergleichen wir die unsere mit dem Bilde der Wiener Vase. Für den zuletzt 
Ankommenden war in jeder der beiden gegebenen, mit Figuren zu füllenden Räume 
nur ein einziger Platz: in dem langgestreckten Bildstreifen der Anfang, in dem 
Giebeldreieck die Mitte der Darstellung. Dort konnte Peirithoos durch einen 
mäfsigen Abstand deutlich von dem Kampfgewühl getrennt werden, hier war es 
unvermeidlich, ihn mitten in dieses hineinzustellen; konnte also die Verspätung 
seines Eingreifens nicht wie dort durch räumliche Verhältnisse einfach motivirt 
werden, so war ihm eine dieses Eingreifen erst vorbereitende Funktion zuzuweisen. 
Dasselbe folgte aus der ebenso unvermeidlichen Notwendigkeit, den Rächer, der in 
dem Vasenbild von der Bedrohten so weit als möglich entfernt ist, hier in ihre 
nächste Nähe zu stellen. Das Problem war schwieriger, die Lösung geriet begreif- 
licherweise künstlicher als in dem Vasenbild; Undeutlichkeit aber zum mindestens 
kann man dem Künstler der Giebelgruppe nicht vorwerfen, denn dafs die rächende 
Tat erst bevorsteht, ist hier ebenso deutlich durch die noch unfertige, dafür aber 
fernwirkende, wie dort durch die nahewirkende Waffe des noch weit entfernten 
Rächers ausgedrückt. 

Auf die Aufstellung der Figuren haben diese Ansichten keinen Einflufs. 
Auch wer den Pfeil bestreiten und die rechte Hand leer lassen wollte, müfste ver- 
langen, dafs ihre bedeutsame Gebärde nicht verborgen bleibe, und das ist erst 
möglich seit Treu's Umstellung, die nur die eine Correctur zu fordern scheint, die 
Mittelgruppen der Giebelmitte noch ein wenig zu nähern, um jene Hand voll sicht- 
bar werden zu lassen. 

Rom. Bruno Sauer. 



TaJüücA^"^*^ ^ 



NOCHMALS DIE OLYMPISCHEN GIEBEL 

Den vorstehenden Ausführungen Furtvvänglers über den Ostgiebel (S. 76ff.) 
und Sauers über den Westgiebel des olympischen Zeustempels (S. 88 ff.), welche ich, 
Dank dem Entgegenkommen der Verfasser, in den Correcturbogen einsehen konnte, 
lasse ich einige Worte der Entgegnung folgen. 

Zunächst habe ich meiner Freude über die Zustimmung Furtwänglers zu den 
wesentlichsten Grundsätzen Ausdruck zu geben, nach denen der Ostgiebel von mir 
geordnet wurde. Diese Zustimmung ist mir namentlich in einem Punkte wichtig, in 
der Frage der Fundorte. Denn Furtvvängler kennt die Arbeit auf dem olympischen 
Trümmerfeld aus eigener Erfahrung, und wenn er nun seinerseits ebenfalls der An- 
sicht Ausdruck giebt, dafs auf die Fundumstände für die Anordnung des Giebels 
nicht zu bauen sei, so fällt das um so mehr in's Gewicht. Ich kann hinzufügen, 
dafs sich Dörpfeld schon früher mündlich in demselben Sinne aussprach. Endlich 
hatte ich auch neuerdings Gelegenheit Gustav Hirschfeld, den Entdecker der vor- 
zugsweise in Betracht kommenden drei Statuen (NEP vom Ostgiebel) um seine 
Ansicht zu befragen. Hirschfeld nun hielt allerdings daran fest, dafs er bei Auf- 
findung jener drei Giebelfiguren nach seiner Erinnerung nicht den Eindruck von 
Verbauung gehabt habe; aber er gab zugleich zu, dafs er damals beim Beginn der 
Ausgrabungen in dieser Beziehung selbstverständlich noch keine Erfahrungen zu 
sammeln vermocht hätte. Und was den Hauptpunkt anbetrifft, die Frage, ob man 
aus jenen Fundumständen einen Schlufs auf die ursprüngliche Reihenfolge der Sta- 
tuen im Giebel machen könne, so glaubte er dies, wie früher, so auch jetzt mindestens 
offen lassen zu müssen. Hatte er doch, wie bereits im Jahrbuch IV S. 276 hervor- 
gehoben, in einer unmittelbar nach der Auffindung der Statue niedergeschriebenen 
Tagebuchnotiz die mittlere jener drei Statuen, den sitzenden Knaben (E) wegen der 
Art seiner Ausarbeitung in die linke, also von der Fundstätte abgewandtc Giebelhälfte 
vor das Südgespann versetzt, genau an dieselbe Stelle, an welcher auch ich jene Statue 
eingeordnet habe. Ebenso steht in seiner für die Deutsche Rundschau IV zu S. 324 
gelieferten Reconstruction der olympischen Gruppen der Greis gleichfalls nicht an 
der Giebelstelle, unter der er aufgefunden wurde, sondern viel weiter nach Süden 
vor dem Oinomaosgespann. Dafs der zweite Augenzeuge jenes Fundes, Adolf Boet- 
ticher, den Standpunkt einnimmt, dafs von den Fundorten auf die Aufstellung kein 
Schlufs statthaft sei, ist aus seinem Buche über Olympia 2 S. 266 und 276 bekannt. 

Doch ich komme auf Furtwänglers Aufsatz zurück. Er also stimmt der von 
mir vorgeschlagenen Anordnung im allgemeinen bei. Nur in Bezug auf einen Punkt 
ist er abweichender Meinung. Er hält es für eine unzulässige Durchbrechung der 
Symmetrie, dafs nicht auch das Oinomaosgespann von hinten her gezügelt werde, 



Treu i Nochmals die olympischen Giebel. gq 

wie das des Pelops, und zwar umsomehr, als auch die Bohrlöcher für die Zügel 
zwischen den Hälsen der Reliefpferde in dieser Richtung wiesen. Auch könnten die 
Pferde, weil sie bereits fertig angeschirrt daständen, nicht mehr mit Leitseilen ver- 
sehen sein und an diesen von vorne her gehalten werden. Ueberdies sei der sitzende 
Mann L, mein Myrtilos, eben als eine sitzende Gestalt zu einer solchen Handlung 
ungeeignet, und endlich auch nach Bedeutung, Alter und den Höhenverhältnissen 
kein passendes Gegenstück zum sitzenden Knaben. Furtvvängler schlägt daher mit 
Kekule vor, das knieende Mädchen (0) als Dienerin der Sterope vor dem Oino- 
maosgespann aufzustellen und dafür den sitzenden Mann zwischen Greis und Kladeos 
einzuordnen. 

Wenn man nun fragt, was er denn hier solle, so antwortet Furtwängler S. 85 
»dafs dieser Mann ein unerwartetes Vogelzeichen erblickt, das ihm zur Linken un- 
heilkündend erscheint«. Also ein Vogelschauer! Freilich »kein Mantis von Pro- 
fession, sondern nur ein Genosse des Myrtilos (als solcher gilt Furtwängler der Greis), 
Dienstmann des Oinomaos, wie dieser, genau entsprechend (?) dem zweiten der Pelops 
Wagen beigegebenen Leute«. 

Also doch ein, wenn auch nicht professioneller, Vogelschauer! 

Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, dafs dieser Vorschlag, 
wie er mich überraschte, auch von den übrigen Fachgenossen mit ungläubigem Kopf- 
schütteln aufgenommen werden wird. In der That: woran sollte der Beschauer denn 
erkennen, dafs hier ein oiwvoox&co; gemeint sei ? Einem omosxoTrsuiuv würde man das 
allenfalls noch ansehen können. Aber dieser Gestus ist durch die gegebene Rich- 
tung des linken Oberarms ausgeschlossen. Furtwängler giebt seinem Vogelschauer 
daher einen Stab in die Linke. Aber da einerseits die Hebung des Oberarms ge- 
geben ist und andrerseits die Senkung des Giebelgeisons an dieser Stelle dazu 
nötigt, den Stab ziemlich niedrig fassen zu lassen, so entsteht eine recht gezwun- 
gene Geberde '. Man empfindet das sehr, wenn man die natürlich freie Armhaltung 
des Greises daneben im Abgufs vergleicht. Aber gesetzt auch der Stab wäre für die 
Linke an dieser Stelle möglich und erwiesen — zur Charakteristik der Vogelschau 
würde er ebensowenig beitragen, wie die Bewegung der Rechten. Diese denkt sich 
Furtwängler »mit einer das Staunen begleitenden Geberde erhoben«. Jedoch selbst 
wenn eine solche Geberde des Staunens im Geiste der Kunst des 5. Jahrhunderts 
gewesen wäre, was ich nicht glaube , so würde dieses Staunen hier doch nur sehr 
lahm zum Ausdruck gekommen sein. Denn erhoben kann, wie das auch Furtwänglers 
Ansicht ist, lediglich der Unterarm gewesen sein. Wenn dies sich aber so verhält, 
wie sollte der Grieche jener Zeit, der gewohnt war, eine ähnliche Geberde als den 
Gestus der Anbetung zu deuten, hier auf ein Staunen raten? Es bleibt »die leb- 
hafte unbequeme Wendung« und »der besorgte Blick«. Aber auch hier entsteht 
doch die Frage, wie denn erraten werden konnte, dafs die besondere Ursache dieser 
Unruhe und Besorgnifs im Vogelflug bestehe? Schliefslich scheint mir doch auch 
der Platz zur Ausschau nach den Vögeln von sämmtlichen Stellen im Giebel als der 

') Die kleine Zeichnung S. 77 ist in dieser Beziehung nicht ganz genau. 



IOO Treu, Nochmals die olympischen Giebel. 

allerungünstigste. Denn hier bewundert der Blick des Vogelschauers, wenn er sich 
auch nur ein wenig hebt, lediglich die Wassernase des Giebelgeisons 2 . War der 
Mann wirklich ein Vogelschauer, so gehört er erst recht an den Platz, wo ich ihn 
hingestellt: in die Mitte, wo der Ausblick nach allen Seiten frei ist, wo die Auf- 
merksamkeit eher auf eine so bedeutsame Gestalt hingelenkt wurde, wo auch schon 
eher eine Combination jenes vorausgesetzten unheilverkündenden Anzeichens mit 
dem Willen des Zeus und dem Schicksal der dicht daneben stehenden Personen 
denkbar wäre. Aber, wie gesagt, ich kann es weder wahrscheinlich noch überhaupt 
möglich finden, dafs hier ein Vogelschauer gemeint sei. 

Ich behaupte ferner, dafs auch ganz abgesehen von der Deutung der Gestalt 
des sitzenden Mannes, dieser schon aus "rein formalen Gründen sich niemals zwischen 
Greis und Kladeos befunden haben könne. 

Zunächst läfst sich die Wiederholung zweier gleichmäfsig aufgestützter 
paralleler Stäbe bei nahezu gleichen Umrissen vom Greis und dessen vermeintlichem 
Nebenmanne nicht durch die Berufung auf die entgegengesetzte Eckgruppe des 
Giebels rechtfertigen; und zwar deswegen nicht, weil die Umrisse dort der Giebel- 
linie folgen, ihr aber hier die Bewegung der Gestalten entgegenläuft und überdies 
der richtige Abfall der Kopfhöhen vermifst wird. Furtwängler macht dagegen 
geltend, dafs der sitzende Mann und sein Gegenstück im Giebel, der knieende Knabe, 
(B) von gleicher Höhe seien, und will in genau gleicher Höhe der Gegenstücke und 
in genau gleichem Abstand aller Statuen von der Giebelmitte ein Grundgesetz der 
Giebelcomposition sehen. Aber dafs dieses Gesetz in unseren Giebeln nicht mit 
peinlicher Genauigkeit durchgeführt war, die nur zu einem unkünstlerischen Schema- 
tismus geführt hätte, zeigt gleich der sitzende Greis, welcher ganze 12 cm niedriger 
ist als der knieende Mann (Cj, den doch auch Furtwängler als sein Gegenstück gelten 
läfst. Zweifellos mufste das Auge doch allezeit viel empfindlicher gegen Ungleich- 
mäfsigkeiten in den Höhenabstufungen unmittelbar benachbarter Gestalten, in un- 
serem Beispiel also gegen den allzugeringen Höhenabfall zwischen Greis und sitzen- 
dem Mann sein, als für Gröfsenunterschiede von Figuren, die fast durch die ganze 
Giebelbreite von einander geschieden waren. Wie stark aber gerade in der Furt- 
wänglerschen Aufstellung das Gleichgewicht zwischen den beiden entgegengesetzten 
Eckgruppen des Ostgiebels gestört ist, wird jedem ein Blick selbst auf die kleine 
Abbildung S. 77 zeigen. Links dünngliedrige Gestalten in verhältnifsmäfsig weiten 
Abständen mit regelmäfsig ansteigenden Kopfhöhen, in deren Bewegungen der Mitte 
zugewandt; rechts zwei massige Figuren von annähernd gleicher Höhe, die für die 
perspektivische Ansicht von der Mitte aus noch mehr zu einem breiten Klumpen 
zusammengerückt sein würden. 

Noch stärker ist der Gegensatz gegen die Eckabschlüsse des anderen 
Giebels. Man vergleiche nur deren Zusammenstellung im Jahrb. IV S. 303. 

*) Ihn ganz dicht an die Vorderkante des Giebels Arme des Mannes und der Stab, der doch 

zu rücken hindert einerseits der davorgescho- noch innerhalb des Giebels aufgestützt gewesen 

bene Arm des Greises, andrerseits die eigenen sein rnüfste. 



Treu, Nochmals die olympischen Giebel. IOI 



Es kommt hinzu, dafs die Zusammenrückungen, die Furtwängler mit den 
übrigen Giebelstatuen hat vornehmen müssen, um den sitzenden Mann an der zwei- 
ten Stelle von rechts einzuzwängen, m. E. nicht nur keine Verbesserungen sind, wie 
er meint, sondern an einer Stelle auch mit einer technischen Vorkehrung in Wider- 
spruch geraten. Es ist nämlich jetzt nicht mehr möglich, wie ein Vergleich von 
Furtwänglers Abbildung mit Jahrb. IV Taf. 8/9. 1 bei N ergiebt, die Wagenplinthen 
in den Ausschnitt vor dem rechten Fufs des Greises (Jahrb. IV S. 285) eingreifend 
zu denken 3 . Ferner nimmt es sich doch sehr übel aus, dafs für den Standpunkt 
vor der Mitte von dem rechten Gespann der letzte Pferdekopf fast ganz , der vom 
linken nahezu halb hinter den Armen der Frauen verschwindet 4 . 

Aus allen diesen Gründen können wir nicht glauben, dafs Furtwängler mit 
seiner Gestaltung der rechten Ecke des Ostgiebels das richtige getroffen habe. 

Zu demselben Ergebnifs gelangen wir, wenn wir den Folgerungen nachgehen, 
welche sich aus jener Umstellung für die Deutung des Greises und für die Zügelung 
der Rosse ergeben. 

Zunächst soll der Greis, um zum Myrtilos werden zu können, kein Greis 
mehr sein. Seine Glatze ist gleich der der Kentauren und Silene nun eine »Cha- 
rakterglatze« ; die gröfsere Leibesfülle deute im Verein mit der wärmeren Beschuhung 
auf den »Schlemmer« Myrtilos. »Und darum Schlemmer und Verräter!« Der Belastung 
seines Wagens und der Gewandheit seiner Rosselenkerkunst wäre seine angeschlemmte 
Körperfülle kaum zu gute gekommen. Und auch Shaksperes Wort von den wohl- 
beleibten Männern mit glatten Köpfen würde zu Schanden. Denn was der schwam- 
mige Schlemmer hier sinnen soll, ist Verrat. Wie sehr ist dieser Myrtilos doch seit 
jenen Tagen herabgesunken, da Löschcke in ihm die Züge des Göttervaters Kronos 
wiederfand ! 

Aber im Ernst: mufs denn nun wirklich jeder Greis des 5. Jahrhunderts eine 
»Hakennase, eingefallene Wangen und vor allem schwaches Untergesicht mit kümmer- 
lichen Bartstoppeln« haben? Edle Greise wenigstens werden in dieser Zeit und schon 
früher anders gebildet. Man sehe doch, um gleich das erste beste Beispiel aufzugreifen, 
Priamos, der auf den Amphoren bei Gerhard, Auserl. Vasenb. III, 188 u. 189 inschrift- 
lich gesichert ist, und auf dem zweiten dieser Vasenbilder dieselbe nachdenkliche 
Geberde zeigt wie unser Greis. Furtwängler selbst hat früher die beiden Männer 
in der Gesantschaftsscene des Nereidenmonuments (Mon. dell' Inst. X Taf. 16, n. 168 
bis 169) zum Vergleich mit unserem Greise herbeigezogen. Gewifs liegt auch hier 
die Wahrheit zwischen dem Göttervater und dem verräterischen Schlemmer in der 
Mitte. Und Niemand hat sie treffender ausgesprochen wie eben Furtwängler, als er in 
den Preufs. Jahrbüchern (Bd. 51, S. 373) an den weisen Seher erinnerte, »der das 

3 ) Denn welchen Zweck hätte es gehabt, die Plinthen zwecklosen Vorsprung der Wagenplinthen ab, 

ganze 18 cm (so tief ist der Ausschnitt) vor die anstatt den Fufs des Greises zu kappen? 

Räder gegen den vorderen Giebelrand zu vor- 4 ) Die Zeichnung S. 77 ist hierin nicht genau, die 

springen zu lassen? Wenn man Platz sparen Gestalten auf ihr überhaupt etwas zu klein für 



wollte, warum schnitt man nicht lieber jenen den Giebelrahmen. 



j02 Treu, Nochmals die olympischen Giebel. 

Unheil heraufziehen sieht, ohne es abwenden zu können« und den Halimedes auf dem 
korinthischen Vasenbild mit Amphiaraos' Auszug vergleicht (Mon. dell' Inst. X, 4, 5; 
Baumeister, Denkm. S. 67 Nr. 6g). Diese Parallele scheint mir auch jetzt noch so 
schlagend, dafs sie für mich die Frage nach der Deutung des Greises entscheidet. 

In der That, wenn Jemand sich unabhängig von der Rücksicht auf die Auf- 
stellung im Giebel fragen wollte, welche von den beiden Gestalten wol eher An- 
spruch auf den Namen des Myrtilos habe, der sitzende Mann oder der sinnende 
Greis — wer würde wol einen Augenblick schwanken? 

Aber eben grade seine Stelle hinter dem Gespann des Oinomaos soll im 
Verein mit den nach hinten geführten Zügeln der Reliefpferde und unter Vergleich 
der Gestalten auf der Gegenseite des Giebels den Beweis liefern, dafs unser Greis 
der gesuchte Myrtilos sei. Gewifs, er sitzt hinter den Pferden, wo in der anderen 
Hälfte des Giebels der Rosselenker des Pelops sitzt. Aber davon hat Furtwängler 
sein künstlerisches Feingefühl doch zurückgehalten, dem Greis die Zügel in die 
Hand zu geben. Sie sollen um den Wagenstuhl geschlungen sein. »Das griechische 
Gefährt war allerdings sehr leicht, bot aber doch einen gewissen Halt; auch sitzt 
hier der Kutscher ja unmittelbar neben seinem Wagen, den Blick auf die Pferde 
gerichtet (?); sowie er sie unruhig werden sieht, kann er sofort eingreifen.« Da% heifst 
doch wirklich, es mit der Sorge um die Zügelung der Rosse etwas leicht nehmen, 
zumal wenn man sieht, wie sefshaft und nachdenklich sich dieser Myrtilos nieder- 
gelassen hat. Und während Furtwängler sich hier mit dem geringsten Mafs von 
blofsem Aufmerken auf das Gespann seitens des Rosselenkers begnügt, stellt er für 
'die Zügelung der Pferde von vorne die strengsten Anforderungen. Hier soll dazu 
eine sitzende Gestalt überhaupt nicht im Stande sein; hier soll es dazu durchaus 
eines stehenden Mannes bedürfen, und es soll nur dadurch geschehen können »dafs 
eine Person in die Zügel nahe am Gebisse fafste«. Ich empfinde das nun wieder 
als Ungerechtigkeit gegen meinen Myrtilos, der mir seiner Pflicht ganz genügend nach- 
zukommen scheint, wenn er vor dem, vorläufig doch ganz ruhig dastehenden Ge- 
spanne an der Erde kauernd die Zügel des vordersten Handpferdes gefafst hält. 
Auf dieses eine Pferd und dessen Zügel habe ich seine Thätigkeit schon im Jahrb. IV 
S. 292 beschränkt gedacht. Dafs es eben die Zügel und nicht der Halfter gewesen 
sein müfste, den er fafste, fordert Furtwängler wol mit Recht. Aber was sich gegen 
eine solche Zügelung des Vorderpferdes durch den sitzenden Mann mit Grund sollte 
einwenden lassen, vermag ich in der That nicht einzusehen. Die Zügel der Rclief- 
pferde dagegen mögen immerhin am Wagenrand oder am Joch befestigt ge- 
wesen sein. 

Furtwängler freilich hat hingegen grade eben die Stellung meines Myrtilos 
geltend gemacht. Sie sei »für die vorausgesetzte Handlung so ungeeignet wie mög- 
lich«. »Der Versuch am lebenden Modell lehrt, dafs dieser Mann, wenn er mit 
beiden Händen wollte die Zügel oder Leitseile halten, um nicht zu fallen, an den- 
selben so heftig reifsen müfste, dafs die Pferde, namentlich die hinteren, unmöglich 
die ruhig gerade Haltung der Köpfe bewahren könnten die sie jetzt zeigen.« Ich 



Treu, Nochmals die olympischen Giebel. IO3 

könnte hier nun entgegnen, dafs die Köpfe der Reliefpferde bei mir ganz aus dem 
Spiele bleiben und dafs wir die Kopfstellung des Vorderpferdes, um die es sich 
doch hier allein handelt, nicht genau kennen, da Hals und Brust fehlen. Aber ich 
will hier lieber ehrlich zugeben, dafs Furtwängler und Sauer recht hatten, wenn sie 
für die Linke meines Myrtilos einen Stab als Stützpunkt forderten. 

Was mich bisher davon zurückhielt dieser Annahme zuzustimmen, obgleich 
sie meiner Aufstellung ja nur zum Vorteil gereichen konnte, war der Umstand, dafs 
ich das von Possenti dem sitzenden Manne zugewiesene linke Handgelenk (siehe die 
Zeichnungen S.28 rechts und S.72 Abb. 1 1 und 12) nicht anders unterzubringen wufste 5 . 
Nun hat eine dieser Tage unternommene Ergänzug der Beifsergruppe des Westgiebels 
(P' Q' Jahrb. III Taf. 5/6) ganz unerwarteter Weise für den linken Arm des kentauren- 
würgenden Lapithen Q' eine gewaltsame Drehung als notwendig herausgestellt, welche 
plötzlich die erwünschte Möglichkeit darbietet, das Handgelenk hier zu verwenden. Ich 
werde darauf weiter unten noch ausführlicher zurückkommen. Wir hätten damit also 
die Freiheit wiedergewonnen , unsern Myrtilos sich mit der Linken auf das Kentron 
stützen zu lassen und ihm in die Rechte die Zügel des Vorderpferdes zu geben, die 
er dann ganz frei und leicht halten würde. Das Kentron könnte und müfste er an 
dieser Stelle, des gehobenen Unterarms wegen, beträchtlich höher fassen, als er dies 
auf Furtwänglers Entwurf vermag. So wäre er durch die Attribute beider Hände 
als der Wagenlenker der Oinomaosseite charakterisirt, die Abwendung von der Mitte 
durch die Rücksicht auf die hinter ihm stehenden Rosse erklärt. 

Ich komme nun zu dem letzten Einwurf Furtwänglers: der sitzende Mann 
sei kein passendes Gegenstück zum sitzenden Knaben E, und zwar, weil er nicht 
unwesentlich (16.5 cm) höher sei als jener; er sei ferner in kleineren Verhältnissen 
gebildet und endlich werde man so starke Altersdifferenzen bei Gegenstücken sicher 
vermieden haben. Aber bei dem Gegenstück, das Furtwängler dem sitzenden Manne 
giebt, dem knieenden Knaben (B) ist doch die Altersdifferenz und die Verschieden- 
heit der Proportionen genau ebenso grofs! Und dafs ein solcher Höhenunterschied 
bei Gegenstücken allerdings als zulässig erachtet wurde, beweist die schon hervor- 
gehobene Differenz zwischen der Höhe des knieenden Mannes (C) und der des 
Greises (AT) im Ostgiebel, der Deidameia (//') und ihrem Gegenstücke (0') im West- 
giebcl. In dem einen Falle beträgt der Unterschied etwa 12, in dem andern gegen 
20cm 6 . Furtwängler wendet ein, das liege in der Verschiedenheit der Motive der 
beiderseitigen Gegenstücke. Gewifs! Aber wenn die absolut gleiche Höhe für die 
Gegenstücke im Giebel ein unverbrüchliches Bildungsgesetz gewesen wäre, so hätte 
man doch eben nicht so verschiedene Motive, wie in den angeführten Beispielen, 
für die Gegenstücke in Anwendung bringen können. 

Dies gilt auch den Bemerkungen gegenüber, welche Furtwängler in Bezug 

5 ) Der Vorschlag Furtwänglers, das Handgelenk Unterseite von L die Gegenstücke in ihrer Höhe 
dem knieenden Wagenlenker der linken Seite C etwas mehr ausgleichen. — Dafs die Spitzungen 
zu geben, halte ich nach der Art der hier ge- an der linken Seite nicht gegen eine Aufstellung 
forderten Bewegungen für völlig unausführbar. bei L sprechen scheint mir noch immer die Ab- 

6 ) Vielleicht sollte die nachträgliche Abarbeitung der meifselung des Rückens von E zu beweisen. 



104 Treu, Nochmals die olympischen Giebel. 

auf die dreieckige Gestalt des Grundrisses von L gemacht hat. Wie bei E, dem 
sitzenden Knaben, so hatte ich auch bei seinem Gegenstück, dem sitzenden Manne, 
darauf hingewiesen, dafs diese von der Gestaltung der übrigen Grundrisse abwei- 
chende Dreiecksform ihren Grund in der eigentümlich knappen Begrenzung des 
Raums gehabt haben müfste, welchen die Statuen zu füllen hatten. Für E giebt 
dies Furtwängler auch vollkommen zu und hält dies sogar für »eines der sichersten 
Resultate« der Giebelforschung. Für L aber sei der Fall ein ganz anderer; dort sei 
der Grundrifs nicht durch die Anlage der Figur selbst, sondern künstlich dadurch 
hervorgerufen, dafs ein Stück des Rückens mit dem ganzen Glutäus abgemeifselt 
sei; »hier aber ist die ungefähr dreieckige Form des Grundrisses von L lediglich 
durch die Anlage der Figur selbst begründet und beruht keineswegs wie dort auf 
einer Abarbeitung zum Zwecke der Aufstellung«. Allerdings nicht; aber die An- 
passung an den engen Raum vor dem Oinomaosgespann verrät sich um so deut- 
licher eben in der Wahl des gequälten Motivs, in der unnatürlich starken An- 
ziehung des rechten untergeschlagenen Schenkels, der diese Stellung nur bekommen 
hat um die Gestalt nach Möglichkeit an den vorderen Rand des Giebels rücken zu 
können. Ich sehe darin also nicht ein schwächeres , sondern umgekehrt eher ein 
stärkeres, weil gleich bei Anlage der Composition wirksames Bestreben der An- 
passung an einen gegebenen Raum. Und grade die Übereinstimmung von E und 
L in den Hauptmotiven ist es, welche für mich diesen Eindruck noch verstärkt: 
beide Gestalten sitzen flach auf dem Boden, beide haben von den sich symmetrisch 
entsprechenden Beinen das eine in scharfer Krümmung steil erhoben und eng ange- 
zogen, das andre untergeschlagen; beide Gestalten sind ganz für die Vorderansicht 
componirt; beide durch breite Gewandmassen einander noch mehr angenähert. Statt 
dessen stellt Furtwängler beide Male in den Paaren B = L und E=0 je einer 
knieenden Gestalt eine sitzende, je einer streng für die Seitenansicht gearbeiteten 
Statue eine volle Vorderansicht gegenüber. Allerdings finden sich in der Drehung 
des Oberkörpers von L Abweichungen von seinem Gegenstück E. Wenn aber eine, 
wenn ich so sagen darf, innere Asymmetrie der Handlung in beiden Giebelhälften 
hervorzuheben war, so mochte ein solches Mittel, weil es in der Nähe der Haupt- 
figuren stark in die Augen fiel, dazu besonders geeignet erscheinen. 

Übrigens will ich nicht verfehlen auch noch hervorzuheben, dafs mich und 
den Dresdner Ergänzer von L eine Mitschuld dafür trifft, dafs L auf der Abbildung 
in diesem Hefte des Jahrbuches S. 70 E gegenüber soviel massiger wirkt. Nicht 
nur die Arme, wie auch schon Furtwängler hervorgehoben hat, sondern besonders 
auch das ganze rechte Bein sind beträchtlich zu grofs geraten, wie ein Vergleich 
mit dem Kopf zeigt. Die Grüttnersche Ergänzung verdient in dieser Beziehung 
bei weitem den Vorzug. In ihr wirken die Gestalten daher viel besser als 
Gegenstücke. 

Furtwängler ist am Schlüsse seines "Aufsatzes auch auf die Eckgestalten des 
Ostgiebels zu sprechen gekommen, um seinerseits ebenfalls der Meinung Ausdruck 
zu geben, dafs die Deutung auf Flufsgötter lediglich hellenistisch-römischer An- 



Treu, Nochmals die olympischen Giebel. IO5 

schauung entspreche. »In den liegenden Jünglingen konnte kein Zeitgenosse der 
Künstler Flufsgötter erkennen.« Aber woher weifs Furtwänglcr denn, dafs sie keine 
Abzeichen hielten, welche sie als Flufsgötter kenntlich machten, wie den Hypsas 
und Selinus auf sicilischen Münzen derselben Zeit? So lange wir das nicht wissen, 
haben wir m. E. noch kein Recht, die antike Deutung ohne weiteres zu verwerfen, 
und zwar um so weniger, als sie durch den Idealcharakter ihrer Gegenstücke im 
Westgiebel gestützt wird. Furtwängler freilich will auch diesen beseitigen. Er sieht in 
den liegenden Frauengestalten der Giebelecken (A und V) die Gegenbilder der 
»losen Mägde« in der Odyssee, »welche dem Fremdenbesuch im Herrenhause leicht 
gewogen sind« und fragt, für welche göttliche Frauen denn um die Mitte des 5. Jahr- 
hunderts Halbnackthcit die Idealtracht sei. Ich antworte mit der Gegenfrage, in 
welchen Kunstwerken dieser Zeit denn »lose Mägde« in blofsen Mänteln umherlau- 
fen? Wie passen zu dieser Deutung denn die im Vergleich mit den beiden Alten 
beträchtlich gröfseren Verhältnisse und der Idealcharakter des Antlitzes von A ? Wie 
stimmt zu ihr die Ruhe, mit welcher die »Mägde« dem wilden Kampf in der Giebel- 
mitte zuschauen, der ihnen doch die Strafe bringen müfste für ihr allzufreundliches 
Entgegenkommen dem »Fremdenbesuch« der Kentauren gegenüber? Auch bin ich 
weit davon entfernt, Furtwängler darin beizustimmen, dafs man die Eckfiguren für 
gleichartig mit den »aufs engste mit ihnen verbundenen alten Frauen« halten 
müsse. Im Gegenteil. Alles scheint mir hier auf einen scharfen Gegensatz zuge- 
spitzt: Die kleineren Verhältnisse, die Unterschiede der Tracht 7 , die Charakterisirung 
der runzligen Gesichter, die verzweifelten haarraufenden Gcberdcn, die Angst im 
Antlitz, endlich die Pfühle, welche den Ort des Hochzeitsgelages in ähnlich realis- 
tischer Weise bezeichnen, wie auf der Wiener Kentaurenvase (Arch. Zeitung 1883. 
Taf. 18). 

Doch dies erinnert mich daran, dafs diese Pfühle den greisen Sklavinnen 
neuerdings von Wolters und Sauer (oben S. 89) abgesprochen worden sind, und 
nötigt mich nunmehr auch den Einwürfen zu begegnen, welche Sauer gegen die 
bisherige Ergänzung des Westgiebels erhoben hat. 



Auch zum olympischen Westgiebel hat Sauer in dieser Zeitschrift einige 
Nachträge beigesteuert, die ich aber kaum für glücklicher halten kann, als seine 
Ostgiebelanordnung. Nur eine einzige Bemerkung ist in seinem Aufsatz enthalten, 
die ich als willkommene Berichtigung begrüfse: der Hinweis darauf, dafs der knie- 
ende Lapith der rechten Giebelecke (7") seinem Gegner nicht ein Schwert, sondern, 
wie auf der Wiener Kentaurenvase (Arch. Zeitung 1883, Taf. 18) ein langes 
Opfermesser in die Brust stofse (S. 90, unten). Alles übrige scheint mir verfehlt, 
wie in den folgenden Zeilen des näheren nachgewiesen werden soll 8 . 

7 ) Bemerkenswert scheint mir auch, dafs beide lops, über welche ich oben S. 74 mit meinem 
Ortsnymphen durch Sandalen als vornehmere Urteil noch zurückgehalten habe, weil mir kein 
Wesen charakterisirt sind. Abgufs zur Hand war, habe ich seitdem durch 

8 ) Über ein von Sauer S. 29 abgebildetes Ost- Dörpfelds Freundlichkeit nähere Auskunft er- 
giebelbruchstück, die angebliche Ferse des Pe- halten. Die Ferse erweist sich auch nach sei- 



IOÖ Treu, Nochmals die olympischen Giebel. 

Ich beginne gleich mit dem radikalsten: seiner Neuordnung der Giebel- 
ecken. 

Das Kissen »das durch nichts der Alten zugewiesen« sei, wird dieser und 
ihrem Gegenstück genommen, und beide rpo'foi sollen, statt vor den gestreckten 
Beinen der knieenden Lapithen C und T, hinter denselben, unmittelbar auf dem 
Giebelboden niedergelegt werden. 

Aber schon wenn der Beschauer sich noch in einer Entfernung von 30 m 
vor der Tempelfront befand, erblickte er in diesem Falle die Ferse des Lapithen 
in der Schulterhöhe der Alten, und ihre Nase berührte sich mit der Wade des La- 
pithen; trat er dem Tempel auch nur ein wenig näher, so mufste die Greisin für ihn 
bald bis zum Scheitel hinter dem davor gestreckten Beine des Jünglings untertauchen. 

Ebensowenig ausführbar wie diese Änderung der Aufstellung ist der neue 
Vorschlag für die Verwendung des Kissens, welche Sauer S. 89 macht, indem er 
dabei einem Gedanken von Wolters folgt. Es soll nun unter das rechte knieende 
Bein des geraubten Knaben geschoben werden. Aber wenn Sauer das Pfühl schon 
für die im Profil knieende Alte aus dem Grunde abweisen zu sollen glaubt, weil es 
für diese nicht den genügenden Platz biete, wie soll auf demselben Kissen, welches 
in der Tiefenrichtung nur 30 — 35cm Aufstellungsfläche hergiebt, eine in der Vorder- 
ansicht knieende Gestalt Platz gefunden haben? Diese hat schon jetzt eine Tiefe von 
50cm; und mit dem Unterbein, das ihr Sauer leiht, müfste sie gar gegen 1 m gemessen 
haben! Gegen eine Drehung des Kissens spricht die Spitzung seiner Rückseite. 

Grade diese geringe Tiefe des Kissens bietet einen Beweis mehr dafür, dafs 
Sauers Anordnung der Eckgruppen falsch ist. Denn das Kissen wird, wie zuerst 
Kühnert gesehen hat, nur deswegen ein wenig schmäler als die auf demselben auf- 
liegenden Arme der greisen Sklavin gebildet worden sein, um für das linke Unter- 
bein des Lapithen T Platz zu schaffen, welches nicht, wie wir weiter unten erweisen 
werden, die Greisinnen vorn verdeckte, sondern sich zwischen Giebelwand und 
Kissen hineinschob. Für die Unterarme der Alten konnte deswegen doch noch durch 
eine breitere Plinthe, welche hinten etwas über das Kissen hinausgriff, ein festes 
Auflager geschaffen werden. Die Kissen aber, oder richtiger gesagt die Pfühle sind 
zur Heraushebung der Greisinnen unentbehrlich, weil sonst die Eckabschlüsse ge- 
radezu unerträgliche Umrisse erhalten. Man kann sich hievon leicht überzeugen, 
wenn man Sauers Vorschläge angesichts der Giebeleckcn auf Taf. 5/6 im III. Bd. 
des Jahrbuchs überlegt. 

Ich habe noch den Beweis dafür nachzutragen, dafs die ausgestreckten Un- 
terbeine der Lapithen C und T nicht diesseits, sondern jenseits der Pfühle sich 
hinreckten. Er läfst sich am besten durch ein Bruchstück führen, das Sauer S. 90, 3 
hat abbilden lassen, aber falsch bestimmt. Er hält es nämlich für den rechten Fufs 
des geraubten Knaben. Aber für diesen ist der Fufs viel zu grofs, wie wir mit um 

nen Messungen als zu grofs für Pelops und Apollon des Westgiebels. Damit fällt alles was 

gehört demnach, wie ich bereits bei der ersten Sauer aus diesem Bruchstück über die gerin- 

Inventarisirung des Stückes vermutet hatte, dem gere Plinthenhöhe des Pelops schliefsen zu kön- 

nen glaubte. 



Treu, Nochmals Jie olympischen Giebel. 107 

so gröfserer Bestimmtheit sagen können, weil uns der linke Fufs dieser Gestalt er- 
halten geblieben ist. Einen rechten Fufs hat sie übrigens vermutlich ebensowenig 
besessen, wie ihr Gegenstück der würgende Lapith Q' , an dem der unsichtbare 
linke Fufs einfach weggelassen wurde. Der dem Knaben von Sauer zugewiesene 
Fufs kann diesem also keinenfalls angehört haben. Dagegen pafst er vorzüglich 
zum knieenden Lapithen der linken Ecke (C; der dieser Statue von Sauer S. 90, 3 
zugeschriebene Fufs gehört nicht zu den Giebelskulpturen). Es folgt dies einerseits 
aus der Gröfse, die wir an den Mafsen des entsprechenden linken Fufses des Ge- 
genstückes T genau nachprüfen können, und andrerseits aus der Richtung und 
Stellung, welche durch die Vernachlässigung der linken Seite und die Rohspitzung 
der Sohle unzweifelhaft gegeben ist. Ebendieselbe Rohspitzung, welche darthut, 
dafs der Fufs nicht mit der Sohle aufgesetzt war, also einer knieenden Gestalt an- 
gehört, beweist aber auch, dafs der Fufs von vorne nie sichtbar gewesen sein kann, 
also hinter dem Pfühl der linken Giebelecke versteckt gewesen sein mufs. — Auch 
der Aufbau der ganzen Gruppe führt hierauf. Die tpatpot müssen doch freien Aus- 
blick zur Mitte gehabt haben und können sich schwerlich mit dem Anschauen der 
Lapithenhintern begnügen. 

Sauer hat für die Ergänzung der Knabenräubergruppe noch einen wei- 
teren Vorschlag gemacht. Er glaubt in dem S. 89, 2 abgebildeten Bruchstück den 
linken grofsen Zeh des knieenden Mundschenks gefunden zu haben und sieht in dem 
anhaftenden Körperrest ein Stück vom Bein des Kentauren G' , welches demnach 
auf den Zehen des Knaben gekniet haben müfste. Aber abgesehen davon, dafs der 
»Zeh« wiederum viel zu grofs für den erhaltenen linken Fufs des Knaben wäre, so 
entstünde dann doch wol die weitere Frage, wie denn die übrigen Zehen so völlig 
unter dem Kentaurenbeine verschwinden konnten. 

Das Bruchstück stammt überhaupt nicht von einem Zeh, sondern von einem 
Daumen; und der Körperrest scheint mir einem Unterarm anzugehören, den die 
Hand packte. Unter dieser Voraussetzung habe ich es seit lange der Beifsergruppe 
(P Q') zugewiesen, ohne es doch in die Grüttnersche Ergänzung, für welche ich 
mit verantwortlich bin, richtig einfügen zu können. Die Lösung des Rätsels scheint 
in diesen Tagen Hans Hartmann gelungen zu sein. Hartmann nimmt ebenfalls an, 
dafs die Linke des würgenden Lapithen den Unterarm des Kentauren unmittelbar 
oberhalb des Ellenbogens packte, aber nicht so, dafs, wie bei Grüttner, die vier 
Finger nach vorne liegen, sondern umgekehrt der Daumen — eben unser Bruchstück. 
Die vier andern, zwischen Unterarm und Brust des Kentauren eingeklemmten Finger 
waren bemüht, den Unterarm des Kentauren von der andern Hand des Lapithen 
loszureifsen und nach vorne nieder zu biegen. 

Bei diesem lehrreichen Ergänzungsversuch nun ergab sich aus der Bewegung 
der Hand die Nötigung einer starken Drehung des linken Unterarms vom Lapithen 
und damit ganz unvermuteter Weise die erwünschte Möglichkeit, auf die ich schon 
oben hindeutete, das von Possenti dem Myrtilos zugeschriebene Handgelenk (S. 28, 
rechts und S. 72 Abb. 1 1 und 1 2) diesem Unterarm einzufügen. 



108 Treu, Nochmals die olympischen Giebel. 

Es liefert das nach zwei Seiten hin ein erwünschtes Ergebnifs. Einerseits 
wurde Hartmanns Ergänzung der Beifsergruppe bestätigt, und andrerseits die Mög- 
lichkeit wieder eröffnet, dem Myrtilos des Ostgiebels ein Kentron in die Hand zu 
geben und ihm damit einen passenden Stützpunkt zu gewähren. 

Die von Hartmann vorgeschlagene Ergänzung der Beifsergruppe würde frei- 
lich unmöglich, wenn Sauer mit einem weiteren Vorschlage Recht hätte, der gerade 
unsere Gruppe betrifft. Auch dieser ist lediglich auf Grund eines kleinen Bruch- 
stückes gemacht, das Sauer auf S. 88, i abbildet. Es ist wiederum das Stück eines 
Daumens, der diesmal an dem Rest eines annähernd blattförmigen Gegenstandes 
von unregelmäfsig ovalem Querschnitt haftet. Sauer nimmt ihn für das Pferdeohr 
des Kentauren P , was es sicherlich schon deswegen nicht sein kann, weil die Ohr- 
hölung fehlt. Wo sollten denn auch die übrigen Finger an der Ohrwurzel Platz 
haben, da schon der nach oben gerichtete Daumen an dieser sitzt? Übrigens ist 
es auch unmöglich, den linken Arm des würgenden Lapithen so hoch hinaufzufüh- 
ren ohne sein Gesicht für den Anblick von der Mitte her zu decken und die ganze 
Muskulatur der Brust zu verändern. Ich halte auch diesen Vorschlag Sauers für 
völlig unannehmbar. (Das Bruchstück stammt vermutlich von der Lanze des Pelops). 

Er ist nicht der letzte Vorschlag. Uns bleibt noch Sauers Ergänzung der 
Mittelfigur zu erwähnen. Ich bespreche seine Ausführungen hierüber nicht etwa 
weil ich fürchte, dafs seine Vermutung Anklang finden werde, sondern weil es auch 
hier Thatsächliches zu berichtigen giebt. 

Man mufs es bei Sauer selbst nachlesen um es zu glauben, was er dieser 
in gebieterischer Hoheit und Ruhe dastehenden Gestalt für eine »leidenschaftliche 
Hast«, wie er selbst sagt, für eine »sprunghaft unstete Handlung«, für »blitzschnelle 
Geberden zutraut«. Auch hier ist der ganze thatsächliche Unterbau falsch. Die 
Rechte hat nie ein Attribut in der, wie Sauer selbst zugiebt, völlig offenen Hand 
gehalten 9 . Von dem Bogen aber, auf den Apollon nach Sauer seine Linke stützen 
soll, könnte unterhalb der linken Hand überhaupt nur die Sehne sichtbar gewesen 
sein. Alle übrigen Teile des Bogens, mit alleiniger Ausnahme des obersten Endes, 
welches angeblich die linke Hand umschlofs, wären hinter den Mantelfalten des 
Apollon verschwunden. Denn dafs der Mantel dieser Gestalt bis auf den Boden 
herabhing sahen wir schon früher (vergl. S. 69 Anm. 8). 

Wie aber Sauer von Bogen und Pfeil her auf eine Deutung der Mittelfigur 
als Peirithoos herauskommt, ist mir völlig rätselhaft. Hielt sie wirklich Bogen und 
Pfeil, so mufste sie doch erst recht jeder Beschauer für Apollon nehmen 1 

Zum Glück hat mir Sauer in diesem Falle wenigstens den Gesammtaufbau 
des Giebels stehen gelassen. Ich darf daher zum Schlufs nach andrer Seite hin 
noch einige Worte zur Verteidigung der im Jahrbuch III Taf. 6/j, 2 vorgeschlagenen 
Umstellung sagen. 

9 ) Dafs der Daumen »sich kräftig gegen den Hand- »Vertiefung« zwischen ihnen also einfach Haut- 
körper drückte« ist falsch, wie wir jetzt auch falte. Was soll denn auch ein halber Pfeil in 
noch durch den Fund des Daumens selbst und der Hand des Apollon, wo ein ganzer leicht 
der beiden nächsten Finger darthun können, die hätte gezeigt werden können? 



Treu, Nochmals die olympischen Giebel. ICX) 

Die Veranlassung dazu bietet mir eine Bemerkung, die Studniczka gele- 
gentlich seiner Recension von Baumeisters Denkmälern in der Zeitschrift für österr. 
Gymnasien in Bezug auf den olympischen Westgiebel gemacht hat. S. 749 näm- 
lich erwähnt Studniczka, dafs Wolters die Beobachtung Botho Grafs im Jahrb. IV 
S. 272 Anm. 7 bestreite. Graf nämlich hatte gefunden, dafs die Schleppe der Dei- 
dameia (//' im Jahrb. III Taf. 5/6, 2) an ihrem linken Rande nachträglich abge- 
spitzt worden sei, um für den Huf des knabenraubenden Kentauren (C) Platz zu 
schaffen; dafs mithin die Aufeinanderfolge der Gruppen F' G' H' V K' und damit 
die ganze von mir verteidigte Umstellung gesichert sei. Was von dieser ganzen Be- 
weisführung Wolters eigentlich bestreitet, ist aus der kurzen Andeutung Studniczkas 
nicht zu entnehmen. Zur Herbeiführung einer Verständigung über diesen Punkt 
wird es aber vielleicht beitragen, wenn ich hier bekannt gebe, dafs ein in Dresden 
neu angepafstes Bruchstück die Observation Grafs bestätigt und ergänzt hat. Es 
hat hier nämlich ein weiteres Fragment der Deidameiaschleppe hinzugefügt werden 
können, welches die Fortsetzung jener Abarbeitung nach der Seite des Kentauren 
hin umfafst, so dafs die Nachspitzung jetzt in einer Ausdehnung von 15 cm sichtbar 
ist und in ihrem Character unmöglich mehr verkannt werden kann. Dafs sie aber, 
wenn nicht vom Huf, so doch von der Plinthe des Knabenräubers herrührt, scheint 
mir daraus zu erhellen, dafs es schlechterdings unmöglich ist, etwa unter Festhaltung 
der früheren Anordnung (Jahrb. III 6jj, i bei LM) die Lapithin H' so dicht an die 
Mittelfigur heranzuschieben, dafs die Plinthe oder der Mantel Apollons hier einge- 
griffen haben könnten. 

Ein weiterer, wie mir scheint ebenso entscheidender Rechtfertigungsgrund für 
die Umstellung der Mittelgruppen des Westgiebels ergicbt sich schliefslich aus der 
Jahrb. III S. 184 Anm. n vorgeschlagenen, aber auf Taf. 6/7, 2 noch nicht zur An- 
schauung gebrachten Ausstattung des Peirithoos [K 1 ) mit Schwert und Scheide 10 . 
Denn nun wird M' als einzig übrigbleibender Beilschwinger nach dem Bericht des 
Pausanias unzweifelhaft als Theseus kenntlich. Folglich ist K' Peirithoos, H' Deida- 
meia. Deidameia aber gehört, wie Alle zugeben, unter den rechten ausgereckten 
Arm des Apollon u . 

Damit scheint mir die zweite Anordnung der Mittelgruppen im Westgiebel 
auch von dieser Seite her als die richtige erwiesen. 

Dresden. Georg Treu. 

Vergl. hierzu Furtwängler im Archäologischen Anzeiger S. 93 f. 



°) Sie folgt aus der Bewegung der beiden Arme Schädel seines Gegners. Übrigens eilt ja be- 

mit grofser Wahrscheinlichkeit. Sauer, der den kanntlich der inschriftlich bezeugte Peirithoos 

Ausschlufs regelrechter Waffen aus dem Ken- auf der Wiener Kentaurenvase (Arch. Ztg. 1883 

taurenkampf fordert, vcrgafs dabei, dafs er selbst Taf. 18) ebenfalls mit dem Schwert herbei, 

eine solche für die Mittelfigur postulirt. Dafs ") Übrigens trägt auch auf der Wiener Vase Dei- 

die Waffe des Peirithoos »nicht so wirksam« dameia den einfachen Chiton, ihre Genossin 

gewesen sei, widerlegt die lange Hiebwunde im dagegen ein Doppelgewand, völlig entsprechend 

der Lapithin 0'. 



Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. 



T V^Xu/^U-^*^ CU ^« 



ZU DEN KÖPFEN DER GRIECHISCHEN 
KOHLENBECKEN 

Ich möchte einen Schritt weiter gehen auf dem von Conze im Jahrbuche 1890, 
S. 118 ff. betretenen Wege und die von ihm S. 138 unbenannt gelassenen hephaisti- 
schcn Dämonen mit ihrem antiken Namen nennen. Ich glaube, es sind die Ky- 
klopen, die Schmiede des Hephaistos, die glühendes Metall in seinen Essen 
hämmern, die Zeus die Blitze schmieden. 

Daraufweisen, wie mir scheint, schon die Blitze, welche das einzige »Neben- 
zeichen« sind, das neben jenen Köpfen vorkommt, und welche mit ihrer Bedeutung 
in Beziehung stehen müssen. Der oder die Blitze erscheinen, nach Conze's Nach- 
weisen, häufig neben dem Kopfe mit der Mütze (S. 121), zweimal neben einem 
Kopfe ohne Mütze (S. 129) und wiederum häufiger auch als einzige Darstellung 
(S. 132). Der Umstand, dafs anderwärts Blitze zuweilen unter verschiedenen Amu- 
leten erscheinen, reicht zu ihrer Erklärung an dieser Stelle nicht aus, oder kann 
jedenfalls nicht gegen eine Erklärung sprechen, welche ihnen eine vollere Bedeu- 
tung giebt. 

Die Vorstellung von den Kyklopen als den Gesellen des Hephaistos, die 
in vulkanischen Bergen arbeiten, speciell auf Lipara in den yxhj.&ia 'Hcpctiatou häm- 
mern, dafs es weithin dröhnt, Blitze und andere Götterattribute schmiedend, diese 
Vorstellung wurde bekanntlich eben in der hellenistischen Zeit, welcher Conze ohne 
Zweifel mit Recht Erfindung und Ausführung jener Kohlenbecken zuweist, ausge- 
bildet und ward hier beliebt und bekannt. Man erinnere sich der prachtvollen 
Schilderung des Kallimachos im Hymnus auf Artemis v. 46 fr. und des Nachklangs 
solcher hellenistischen Poesie bei Virgil Georg. 4,1/off. Aen. 8,416fr. Was mochte 
geeigneter erscheinen als die Feuerbecken mit dem Bilde jener Kyklopen zu 
schmücken? Allerdings pflegt die Poesie dieselben als einäugig zu schildern, ein 
Motiv das ihr ebenso gelegen war wie es der Kunst unbequem sein mufste. Dafs 
letztere sich davon emancipierte , wufsten wir aber schon durch die schmiedenden 
Kyklopen auf römischen Sarkophagen, die, wie ein pompejanisches Wandbild (Heibig, 
Atlas Taf. 4, No. 259) lehrt, wol auf hellenistische Vorbilder zurückgehen. 

Unsere Deutung hat vor Allem den Vorzug dafs sie die ganze Serie der 
bärtigen Köpfe, die doch alle, trotz der Verschiedenheiten des Typus im Einzelnen, 
einen starken gemeinschaftlichen Zug haben, auch einheitlich erklärt. Der durch 
die bei weitem zahlreichsten Exemplare vertretene Typus (Conze S. 126, III, A) 
zeigt einen Mann von wildem Ausdruck mit hoch gesträubtem Haare. Zuweilen hat 
er gespitzte Ohren, was ihn mit einem anderen gleich zu besprechenden Typus ver- 



Furtwangler, Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. III 



bindet. Sonst hat er keine nähere Verwandtschaft mit Silen- oder Satyr-Typen: er 
stellt wilde Männer dar, für welche der Name Kyklopen trefflich pafst, die Kalli- 
machos ocivöi -sXcupa nennt, die er mit zottiger Brust und als die Popanze der gött- 
lichen Kinderstuben schildert. Auch auf die von Conze unter IVA, 809 — 815 zu- 
sammengestellten Köpfe von wildem Ausdruck in verschiedenen Varianten, von 
denen einige durch die Beigabe des Blitzes ausgezeichnet sind, wird man den Namen 
Kyklopen ohne Weiteres passend finden. Am' häufigsten kommen aber die Blitze 
neben den Köpfen mit dem spitzen Pilos vor: es scheint, dafs diese öfter einen 
ruhigeren Charakter haben, doch dafs' auch hier eine gewisse Aufgeregtheit und 
Wildheit des Ausdrucks vorherrscht. Die Mütze pafst natürlich vortrefflich zu den 
Kyklopen als Gesellen des Hephaistos; sie charakterisiert diese Dämonen ebenso 
wie den Gott selbst als Schmiede. 

Eine Bestätigung unserer Deutung sehe ich in dem merkwürdigen Bilde der 
neuerdings auf dem Helikon gefundenen Votivstele Bull, de corr. hell. 1890, pl. 9. 10: 
dieser wilde struppige Unhold hat die unverkennbarste Verwandtschaft mit den be- 
liebtesten Typen der Kohlenbeckenhenkel. Er ist aber sicher ein Kyklope — der 
aus einer Felsgrotte hervorschaut — und zwar wegen der Augen, die als vertrock- 
nete Höhlen gebildet sind, während ein drittes Auge auf der Stirne leicht ange- 
deutet ist. Auch Spitzohren, die wir an jenen Köpfen öfter finden, glaube ich, 
wenn die Photographie nicht täuscht, auf der Stele zu erkennen (das linke scheint 
ganz deutlich, aber auch von dem rechten ist der Contur zu verfolgen). Das Denk- 
mal wird von dem Herausgeber in's 3. Jahrh. gesetzt; es wird also etwas älter sein 
als die Masse der Beckenhenkel. — Wie die Thatsache des Erscheinens des Ky- 
klopen auf der den Musen geweihten Stele zu erklären sein mag, ist nicht leicht zu 
sagen. Doch wird der Weihende, da er Hesiod nennt, sich mit dem Bilde wol im 
Kreise hesiodischer Vorstellungen zu bewegen geglaubt haben. Da mag denn die- 
ser Vertreter der in Höhlen unter der Erde gebändigten Kyklopen, welche dem 
Zeus die Blitze geschmiedet und durch welche allein Zeus die Weltherrschaft er- 
rungen hat, eben auf die neue Weltordnung des Zeus und ihre eövop.1« (vgl. den 
Schlufsvers der 2. Inschrift) hindeuten, welche die Musen allzeit besingen (vgl. 
Hesiod theog., prooem., besonders v. 65 ff. 71 ff.). 

Doch kehren wir zurück zu den Kohlenbecken, so bleibt uns noch der 
dritte Haupttypus zu erwähnen, der durch den Epheukranz einen ausgesprochen 
bakchischen Charakter erhält. Ein Teil dieser Köpfe (Conze II B) gleicht in allem 
Wesentlichen den an erster Stelle besprochenen; sie haben wie jene gesträubtes 
Haar, wilde rollende Augen und Satyrohren; doch ist hier so wenig wie dort ein 
geläufiger Satyr- oder Pan-Typus 1 dargestellt, vielmehr scheint die Absicht deutlich, 
zwar verwandte doch wildere und rohere Wesen darzustellen. Die Mehrzahl der 
Köpfe des bekränzten Typus (Conze II A. C) entbehrt indefs der gesträubten Haare 

') Vereinzelte Ausnahme ist Conze No. 816 (S. 130) nicht der Fall zu sein. — Vereinzelt sind auch 

mit Hörnern im Haare. Sind dieselben indefs die S. 130 erwähnten 6 Exemplare mit satyr- 

ganz sicher? Der Abbildung nach scheint dies oder silenhaften Theatermasken. 

9* 



112 Furtwängler , Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. 

und der Satyrohren und nähert sich mehr den Silentypen; doch scheint auch hier 
eine Wildheit des Ausdrucks vorzuherrschen (vgl. Figur 217. 263. 274 auf S. 123), 
welche dem ächten Silentypus jener Zeit völlig fremd ist. Es ist demnach ganz 
unzulässig, diese Köpfe für einfache Silene, Satyrn oder Pane zu erklären. Indem 
dieselben vielmehr durch übereinstimmende Grundzüge aufs engste verknüpft sind 
mit den anderen von uns bereits als Kyklopen erkannten Typen, müssen auch sie 
in gleicher Weise gedeutet werden. 

Hätten die Künstler, welche die Kohlenbecken schmückten, wirklich die Ab- 
sicht gehabt, hier einen hephaistischen Dämon, dort aber einen Silen, einen Satyr, 
einen Pan darzustellen, so hätten sie zu den bekannten zu ihrer Zeit festen und 
wohl individualisierten Typen gegriffen, welche keine Zweideutigkeit zuliefsen. 
Stand dagegen für jene Künstler, wie wir annehmen, als Hauptthema des Becken- 
schmuckes der Begriff Kyklopen fest, so ist es durchaus natürlich, dafs sie auf der 
gegebenen Basis allerlei Variationen ersannen. So erklärt sich die bei gemeinsamer 
Grundlage doch verschiedene Bildung der Köpfe. 

Wie aber kamen die Künstler dazu, gerade bakchische Elemente als Mittel 
zu benutzen, um die Kyklopenköpfe zu variieren? 

Zur Begründung der Satyrohren würde der Hinweis auf den Kyklopen 
Polyphem in den pompejanischen Wandbildern genügen, indem dieser hier mit 
spitzen Ohren zu erscheinen pflegt. Ja sie wären sogar schon hinreichend durch 
die Thatsache gerechtfertigt, dafs, besonders in der Kunst nach Alexander, manch- 
fache dämonische Wesen wilden Charakters, wie namentlich die Tritone, mit jenen 
tierisch geformten Ohren ausgestattet wurden. Den Kentauren kamen sie schon 
seit alter Zeit zu. 

Allein die Epheukränze sind hiermit nicht erklärt; denn sie können doch 
kaum nur durch die Satyrohren mit veranlafst, also ganz bedeutungslos sein. Der 
wirkliche Zusammenhang der Kyklopen mit dem bakchischen Kreise, der durch sie 
angezeigt scheint, ist uns aber literarisch nicht bezeugt. 

Doch in der Kunst scheinen Spuren vorhanden, welche zeigen, dafs unsere 
Kohlenbeckenhenkel mit ihrer bakchischen Bildung der Kyklopen einer älteren 
Tradition folgten. Es lassen sich nämlich, wie ich glaube, in der Kunst vor 
Alexander kyklopenhafte Wesen in der Gestalt der Satyrn nachweisen, woraus her- 
vorgeht, dafs Kyklopen und Satyrn als verwandte und ineinandergreifende Dämonen- 
gattungen empfunden wurden. Es ist klar, wie gut sich die Typen der Kohlen- 
becken erklären, wenn uns dieser Nachweis gelingt. 

Derselbe ist nicht ganz leicht zu führen. Wir müssen uns vor allem der 
Erklärung einer merkwürdigen kleinen Gruppe von Vasenbildern zuwenden, welche 
durch den Reiz der dem Ungewöhnlichen und Rätselhaften innewohnt schon zu 
den verschiedensten Deutungen Anlafs gegeben haben. Ich meine die zuletzt von 
Robert, Archäol. Märchen S. 1986". behandelten Vasen 2 . 

") Die Deutung die ich im Folgenden vortrage habe in München gefunden und damals meinem ver- 

ich in der Hauptsache schon 1873 als Student • ehrten Lehrer Brunn in einer Abhandlung vor- 



Furtwängler, Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. TT? 

Die geistvoll und mit poetischem Sinne durchgeführte Deutung, welche 
Robert denselben gegeben hat, kann ich doch nicht als richtig anerkennen. Ich 
sehe keine einzige sichere Spur davon, dafs man im Altertume aufser Erdgottheiten 
— für die es reichlich bezeugt ist 3 — auch Flufs- und Quellgötter als aus der Erde 
emporkommenden Kopf oder Oberkörper dargestellt habe. Weder Robert noch 
Marx — der dieselbe Ansicht ausgeführt hat 4 — konnten irgend einen Beweis hier- 
für erbringen. Der einzige Orontes, auf den sich Robert S. 184 beruft, kann keines- 
wegs als ein solcher gelten; denn der ist ja offenbar in den Wellen des Flusses 
selbst schwimmend gedacht (vgl. Friederichs-Woltcrs, Gipsabg. 1396), nicht aber 
aus der Erde emporsteigend. Und der Achelooskopf griechischer Votivreliefs, den 
Robert an einer anderen Stelle (S. 201) heranzieht, ist auch kein aus dem Felsen 
aufsteigender Kopf, sondern nur eine an der Felswand befindliche Maske, die Cult- 
gestalt des, wie auch Dionysos in Attica 5 , als Maske verehrten Gottes (vgl. Samml. 
Sabouroff, zu Taf. 27, S. 3). Ebenso wenig gehört die Maske des Okeanos oder 
Seegreises hierher, die auf späteren Denkmälern nicht selten ist (vgl. O. Jahn, Sachs. 
Ber. 1851, S. 143 und namentlich Stephani, Schlangenfütterung S. 22 f.). Aber auch 
die Metapher xscpocX^ für Quelle — die übrigens mehr der prosaischen als der poe- 
tischen Redeweise anzugehören scheint — darf man nicht zu Gunsten von Robert's 
Deutung anführen; denn es wird dabei nicht etwa das Emporkommen der Quelle 
dem Auftauchen eines Kopfes verglichen, sondern es wird lediglich das eine Ende 
eines Flusses damit als Kopfende bezeichnet; so konnte denn auch die Mündung 
der Kopf des Flusses genant werden. Finde ich also keine Spuren davon, dafs die 
Kunst Quellen als auftauchende Köpfe oder Oberkörper gebildet habe, so mufs ich 
alle die von Robert a. a. O. S. 184fr. auf diese Annahme gegründeten Deutungen 
für äufserst zweifelhaft ansehen. Was aber speciell die hier zu besprechende kleine 
Vasengruppe anlangt, so ist die colossale gigantische Bildung des auftauchenden 
Kopfes der Deutung auf eine Quellnymphe, mit der die Silene scherzen, gewifs 
besonders ungünstig; dagegen leuchtet ein, wie vortrefflich sie zur Erdgöttin pafst, 
der [iöfottarj öso?. Endlich aber, und vor allem, ist zwar bekannt, welche hohe Ver- 
ehrung die alten Griechen den Quellen zollten, wie man sie hegte und pflegte, und 
wir erfahren viel davon, wie man sie schmückte, fafste, wie man Grottenculte ein- 
richtete, Brunnenhäuser erbaute, auch wie man Quellen entdeckte, aber ich erinnere 
mich nicht, dafs das »Schlagen« von Quellen, wie es Robert als Stoff der zu be- 
sprechenden Vasenbilder annimmt, in alter Literatur irgend eine Rolle spielte. Auch 
wird man zugeben müssen, dafs die grofsen schweren Schmiedehämmer, welche 

gelegt, welche die Grundlage für das Folgende wertlosen Werke). 

bildet. 4 ) Interpretationum hexas, Rostock 1888/89, S. 7 ff. 

3 ) Selbst Isis wird als Erdgöttin neben der ganzen 5 ) (Conze), Verz. d. ant. Sculpt. in Berlin No. ioo, 

Figur des stehenden Sarapis nur als grofser aus Marathon, vermutlich aus Ikaria, wo neuer- 

aus der Erde kommender Kopf dargestellt; so dings eine analoge, nur etwas gröfsere Maske 

auf einer Gemme bei Sommerville, Gems, vign. gefunden wurde (American journ. of arch. 1889, 

p. 9 und pl. 68, 857 (übrigens fast dem einzigen S. 463, fig. 43; vgl. Wolters, Mitth. d. Inst, in 

interessanten Stück in diesem wissenschaftlich Athen 1887, S. 390). 



114 Fiirtwängler i Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. 

gerade auf dem ältesten jener Vasenbilder erscheinen, nicht das passendste Werk- 
zeug für Quellfinder sind. Kurz, so schön empfunden und warm vorgetragen auch 
Robert's Deutung ist, so kann ich sie doch nicht billigen. 

Zunächst müssen wir aber Robert's Aufzählung der hierhergehörigen Vasen 
(a. a. O. S. 198) vervollständigen. Wir haben nicht nur eine, sondern zwei schwarz- 
figurige Darstellungen. Gleichem Stile und gleicher Zeit wie die Lekythos A bei 
Robert gehört die im Bull. Napol. n. s. V, 5,1 = Welcker, alte Denkm. V, Taf. 20 
abgebildete attische schwarzfigurige Kanne an, welche wir a nennen wollen. Auch 
hier sind zwei Männer, nicht Satyrn, um einen aufsteigenden weiblichen Kopf be- 
schäftigt", sie sind hier bartlos gebildet; es hämmern nicht beide, nur der eine ist 
im Begriffe einen mächtigen Schlag mit dem grofsen Hammer gegen den Kopf zu 
führen, während der andere ihm Einhalt gebietet. Der aufsteigende Kopf blickt 
nach oben gegen den Hammerschwinger, stimmt also hierin mit den rotfigurigen 
Bildern überein. Auch das Instrument des Hämmernden scheint mehr das von B 
als das von A zu sein; das eine Ende desselben ist zwar verdeckt, wird aber dem 
Ansätze nach in eine Spitze auslaufend zu denken sein; es ist wichtig, dafs der 
Mann den Schlag nicht mit dieser spitzen sondern der breiten, der Hammerseite 
des Instruments zu führen im Begriffe ist. Dafs indefs nicht nur breite Doppel- 
hämmer, wie wir sie auf A sehen, sondern eben auch diese auf der einen Seite 
spitzen Instrumente recht eigentliche Schmiedewerkzeuge sind, setzen antike Dar- 
stellungen aufser Zweifel (vgl. die von Blümner, Gewerbe und Künste 4,364^ gesam- 
melten Bildwerke). 

An C bei Robert ist ein aus Athen stammendes Fragment in Jena anzu- 
schliefsen (c), von welchem mir damals (1873) in München eine Zeichnung vorlag 
und das ich so beschrieb: »vom Innenbild einer rotfigurigen Schale freien Stiles; ein 
nackter Mann mit satyreskem Gesicht schwingt in der R. einen grofsen schweren 
Hammer, indem er zugleich, von plötzlichem Staunen ergriffen, nach r. zu ent- 
weichen im Begriffe ist; sein Kopf ist jedoch noch nach 1. gewandt zu der Frauen- 
gestalt, von der nur ein Teil des Kopfes, der Brust und einer ausgestreckten Hand 
erhalten ist; links mufs dem Umfang des Kreises nach noch eine Figur gestanden 
haben wie die erhaltene r.« 

An B bei Robert ist endlich ein mehrmals vorkommendes Schaleninnenbild 
zu schliefsen, das wie eine Abkürzung aus B erscheint. Diese Schalen stimmen im 
Stile mit B so überein, dafs sie wohl in demselben Atelier entstanden zu denken 
sind. Die Darstellung beschränkt sich auf den grofsen Frauenkopf, von welchem 
ein Eros nach aufwärts entschwebt; die Frauenbüste ist zweimal durch ein Szepter, 
einmal durch ein Strahlendiadem ausgezeichnet, ist also gewifs keine gewöhnliche 
Nymphe. Siehe Monum. dell' Inst. 4,39 = Elite ceram. 4,35; eine Replik mit ganz 
unwesentlichen Varianten in München, Jahn No. 558; etwas mehr modifizirt Neapel, 
S. Angelo, Heydem. 287; Ranken vor dem Kopfe wie auf B. — Vgl. dazu in 
Roscher's Lexicon d. Myth. 1, Sp. 1342, Z. 59fr. — Von den auf den späteren Vasen 
häufigen Frauenköpfen mit Eroten sind diese Darstellungen durchaus zu trennen. 



Furtwängler, Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. 



115 



Strube und Fröhner haben bekanntlich eine Menge nicht hierhergehöriger Bilder 
beigezogen. 

Endlich ist die Berliner Vase Monum. dell' Inst. 12,4 = Robert Taf. 4, Berl. Va- 
sencat. 2646 hier anzuschliefsen (ci), indem sie die aufsteigende Frau und die zurück- 
prallenden Silene zeigt, die hier freilich keine Werkzeuge tragen. Es gehört diese 
Vase ihrer Fabrik nach zu einer Serie attischer Glockenkratere des 4. Jahrh., welche 
dadurch besonders interessant sind dafs sie Ciiltlegenden — und zwar zum Teil 
literarisch sehr mangelhaft oder gar nicht überlieferte — darzustellen pflegen (vgl. 
die Ausführungen in Samml. Sabouroff, Einleitung zu d. Vasen, S. I4f. und in 
Roscher's Lexic. d. Myth. I, Sp. 2185 f.). 

Jede Deutung mufs von dem ebenso merkwürdigen als unzweifelhaften 
Thatbestande der beiden ältesten Bilder, der schwarzfigurigen Vasen ausgehen. 

Auf A — jetzt photographisch in den Vases peints du Cab. des medailles 
pl. 112. 113 — bearbeiten zwei bekränzte bärtige Männer einen colossalen weiblichen 
Kopf mit mächtigen Hämmern; die Frau streckt die Hände aus der Erde empor, 
verhält sich jedoch im Übrigen völlig ruhig. Die Thatsache des Hämmerns auf 
den Kopf, die mit der vollen naiven Deutlichkeit archaischer Kunst gegeben ist, 
läfst sich durch kein Deuteln beseitigen 6 . Zwei Säulen umgeben das Bild; sie 
brauchen keinen gedeckten Innenraum zu bedeuten, nur einen von Säulen umge- 
benen, wohl ein Temenos oder Hieron. — Ebenso klar ist die Hauptsache auf a, 
nämlich dafs der eine der beiden Männer, die hier unbärtig sind, mit dem breiten 
Hammerende seines Instrumentes eben einen Schlag auf den Kopf führen will, 
während der andere Einhalt gebietet und der Kopf selbst wie flehend emporblickt. 

Eine direkte Weiterbildung dieser Motive finden wir dann auf C, anschei- 
nend einer Vase des attischen schönen Stiles des 5. Jahrh. Die weibliche Gestalt 
hat sich weiter emporgehoben und wendet sich mit bittender Geberde gegen die 
Männer, welche ihr Instrument (das wieder mit der stumpfen Seite der Frau zuge- 
wandt scheint) noch zum Schlage geschwungen halten. Dieselben erscheinen hier 
als Silene gebildet. — Auf c ist wieder der Hammer deutlich; der Silen will stau- 
nend entweichen. — Auf B halten zwar die beiden Silene noch ihr Instrument (das 
auf der einen Seite Hammer ist), doch haben sie mit der Arbeit ganz aufgehört 
und staunen nur über den sich erhebenden Kopf, hinter welchem nach beiden Sei- 
ten je ein Eros hervor- und emporfliegt. 



6 ) Unbegreiflich ist mir namentlich, wie Fröhner, 
Annali 1884, S. 216 f., behaupten kann, die Män- 
ner hielten nicht Hammer sondern Hacken und 
sie hätten die Arbeit bereits eingestellt. Es ist 
ja gerade das taktmäfsige Hämmern, wo in 
demselben Moment der eine Hammer niederfällt, 
während der andere zurückgeschwungen wird, 
so charakteristisch aufgefafst und deutlich dar- 
gestellt. Dafs die linke Hand des Mannes r. 
nicht den Stiel des Hammers fafst, ist entweder 



eine Nachlässigkeit der flüchtigen Zeichnung, 
oder es ist zu denken, dafs durch die Schwere 
des fallenden Hammers der Stiel der Linken 
entglitten ist; jedenfalls kann der Mann nicht, 
wie Fröhner will, den colossalen Hammer so 
frei mit der Rechten hinaushalten, sondern der- 
selbe mufs notwendig auf dem Kopfe aufliegen. 
Es ist auch durch nichts angedeutet, dafs der 
Schlag hinter dem Kopfe herabgehen soll, er 
hat zweifellos auf dem Kopfe sein Ziel erreicht. 



Il6 Furtwängler , Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. 

Diese attischen Bilder auf die Anodos der Köre zu deuten (Fröhner), geht 
nicht an; denn den Typus, in dem diese Sage von der attischen Vasenmalerei 
dargestellt ward, kennen wir; die Hauptsache der vorliegenden Bilder, das Hämmern, 
und dann auch die Eroten, sowie endlich der völlige Mangel jeder für jenen Vorgang 
eigentlich charakteristischen Figur, wie Demeter oder Hermes, widersprechen jener 
Deutung aufs bestimmteste. Auf richtigerem Wege befand sich Strube; aber seine 
Deutung aus den samothrakischen Mysterien (Geburt des Axieros aus der Gaia durch 
die Kabiren) ist schon deshalb unhaltbar, weil wir auf diesen vom Ende des 6. Jahrh. 
bis in den Anfang des 4. gehenden attischen Vasen nur attische, nicht samothrakische 
Vorstellungen erwarten dürfen. Dann ist aber auch das was Strube reconstruirt durchaus 
nichts Samothrakisches; Axieros war der Name der grofsen weiblichen Göttin und 
hat mit Eros gar nichts zu thun (s. in Roscher's Lexikon I, Sp. 1341, Z. 46ff.); und 
der Hammer pafste zwar zu den lemnischen Kabiren, aber nicht zu den samothra- 
kischen. Endlich kann das Hervorkommen der Eroten nicht der Hauptgegenstand 
dieser Bilder sein, indem es auf allen älteren fehlt; es kann nur etwas Hinzu- 
tretendes Nebensächliches sein. 

Dennoch wollen wir zunächst bei diesem Punkte verweilen. Indem wir in 
der aus der Erde auftauchenden Göttin niemand anderes als Gaia in ihrem land- 
läufigen Typus erkennen können, müssen die Eroten, welche von ihr ausfliegen, dem 
kosmogonischen Eros in der Bedeutung gleichkommen. Da wir nun nach speciell 
attischen Vorstellungen suchen müssen, so habe ich schon früher (in Roscher's 
Lexikon I, Sp. 1342, Z. 33ff.) r zur Erklärung jenes Bildes und der daraus abgekürz- 
ten oben erwähnten Schaleninnenbilder auf den Eros hingewiesen der in dem Culte 
der Lykomiden zu Phlya seine Stelle hatte und auf welchen die Lykomiden Hymnen 
besafsen, die sie dem Orpheus und Pamphos zuschrieben; in ihnen war also der 
orphische kosmogonische Eros gefeiert. Eine Hauptgottheit von Phlya aber war 
Ge, die als fxsfa'X-yj öso? dort verehrt ward, und zwar zusammen mit Dionysos "Aviho? 
und Ismenischen Nymphen (Paus. I, 31, 4). Ich glaube dafs wir hier die feste Basis 
zur Erklärung unserer Vasen haben. Die emporsteigende Göttin ist die jie-yaXr] dsö» 
von Phlya und Eros der hier in orphischen Hymnen gefeierte, der weltbildende. 
Die Vasen stellen Eros von Gaia weg- und emporfliegend, wie von ihr entsendet, 
nicht etwa von ihr geboren, dar. War dies die im Culte von Phlya herrschende 
Vorstellung, so erkennen wir in ihr zugleich jenen Kern ächter populärer Cult- 
anschauung den wir in der orphischen und hesiodischen Verwendung des kosmo- 
gonischen Eros immer voraussetzen mufsten. Der Eroscult von Phlya wird aber 
mit dem von Thespiä eng verbunden gewesen sein, wie ja auch die ismenischen 
Nymphen von Phlya auf Böotien weisen. Auf diesen Culten nun basiert offenbar 
der Eros der hesiodischen und orphischen Kosmogonie. Die hesiodische Fassung, 
in welcher Eros einfach neben Ge am Anfang der Dinge steht, kommt wesentlich 
näher mit unseren Vasen überein als die Fassung der rhapsodischen Theogonie der 

7 ) Von Fröhner beeinflufst habe ich dort indessen, mich, wenn auch zweifelnd, für die Anodos der 

statt meine eigene alte Deutung vorzutragen' Kora erklärt. 



Furtwängler, Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. 117 



Orphiker (über welche vgl. Kern, De Orph. Epim. Pherec. theogoniis, p. 2ff.),^sie ist 
gewifs die ältere, wenn auch sie offenbar selbst bereits aus früheren theogonischen 
(orphischcn?) Dichtungen schöpft und nur ein- halbverstandenes Excerpt aus solchen 
zu sein scheint (vgl. in Roscher's Lexikon I, Sp. 1344 f.). 

Doch unsere Vasen gestatten uns noch einen tieferen Blick in die Wiege 
der hesiodisch-orphischen Kosmogonie zu werfen. Von der gewonnenen Basis aus 
suchen wir die Hauptfiguren jener Vasen, die hämmernden Männer zu verstehen. 
Über den Sinn ihrer Handlung, ihr Hämmern auf dem Haupte der Ge, kann kaum 
ein Zweifel sein. Es ist natürlich symbolisch und mufs ein Erweichen und Bezwin- 
gen der spröden Ge bedeuten, ähnlich wie Anakreon (Erg. 48), die Bezwingung 
durch Eros zu bezeichnen, sich von dem Gotte wie einem Schmiede mächtig ge- 
schlagen werden läfst. Mit den Blitzen, welche Zeus auf die Erde sendet, schlägt 
oder geifselt er sie nach der Ausdrucksweise der alten Poesie (II. 2, 782. Hes. 
theog. 857). Ein uraltes mythisches Symbol für die Blitze sind aber Hammer und 
Beil. Der Cult der argivischen Hera scheint mit dem der grofsen Göttin von Phlya 
in Zusammenhang gestanden zu haben (Töpffer, Att. Genealogie S. 214). Jener 
Hera nahte sich Zeus nach der Legende im Unwetter als Kukkuk. Die Schilderung 
der Ilias, wo Zeus die Hera züchtigt und mit Schlägen geifselt (II. 15, 17) wie die 
Erde mit Blitzen, hat gewifs einen mythischen Hintergrund. Die Vorstellung aber, 
die hier überall zu Grunde liegt, ist die eines die Erde mit Unwetter bestürmenden 
und so die Spröde erweichenden Himmelsgottes. Und dieselbe Idee mufs unseren 
Vasen zu Grunde liegen: durch mächtige Schläge wird die grofse Göttin nach 
winterlicher Erstarrung im Frühjahr erweicht. Dann entsendet sie den Eros, der 
eicftv st:' äv&pcumus tJTtspjj.a csspwv xatä y%i und das Schaffen und Zeugen beginnt. 

Sind wir über den allgemeinen Sinn der hämmernden Dämonen klar, so 
fehlen uns doch noch ihre Namen. Ihr Begriff mufs etwas Schwankendes gehabt 
haben, da sie so verschieden auftreten; in den jüngeren Bildern wie Silene; dafs sie 
diesen aber nicht- von Hause aus angehören, zeigen unwiderleglich die älteren Bil- 
der, wo sie rein menschlich erscheinen, doch einmal bärtig, einmal unbärtig. Sicher 
ist zunächst nur, dafs es keine hohen Götter, sondern niedrigere Dämonen sein 
müssen — sonst könnten sie nicht in Silensgestalt auftreten — und ferner dafs 
Schmieden und Hämmern zu ihrem Wesen gehören mufs. Wir haben gelernt, die 
Deutung unserer Vasen im attisch - orphischen Kreise zu suchen. Hier bieten sich 
aber nur die Kyklopen als geeignet dar. Und diese passen vortrefflich. Als schaf- 
fende gestaltende Dämonen gehören sie nämlich offenbar, wie Eros, zu jenem alten 
Stamme orphisch-kosmogonischer Vorstellungen, der schon der hesiodischen Theo- 
gonie vorgelegen haben mufs. Sie erscheinen sowol in der rhapsodischen Theogo- 
nie der Orphiker, wie in einer alten Interpolation der Theogonie Hesiods 8 , unter 
den Geburten der Ge und des Uranos; ihre Namen (Brontes Steropes Arges) deuten 
auf Blitz und Gewitter; sie sind die Schmiede welche Zeus die Blitze verfertigen; sie 

*) Dafs die betreffenden Stellen einem Interpolator gehören, hat Arthur Meyer, De compos. theog. He- 

siod., diss. Berol. 1887, p. 54 ff- gezeigt. 



Il8 Furtwängler, Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. 

vereinigen bei Hesiod Kraft mit Geschicklichkeit (iayhs x' r ( 0c ßiTj xat \i.r { yam\ rjtjotv stt' 
epfoi?) und die letztere war bei den Orphikern näher ausgeführt, wo sie die icpoxo« 
xexxovo/etpss heifsen, die ersten Bildner "und Gestalter, die dann Hephaistos und Athena 
ihre Geschicklichkeit lehren (Orph. Frg. 92. 93. 39 Abel). Diese hohe Geltung der 
Kyklopen würde, wie die des Eros, sich erst recht erklären, wenn ihr der Mythus 
eines Cultes wie des zu Phlya zu Grunde liegen würde. Ich glaube, dafs unsere Vasen 
das letztere in der That wahrscheinlich machen. Wir dürfen den Mythus wol so re- 
construieren, dafs die Kyklopen, die himmlischen Schmiede, die Verfertiger der Blitze, 
deren Namen selbst Blitz und Donner bedeuten, jedes Frühjahr die grofse Erdgöttin 
durch ihr Hämmern erweichen, dafs sich neues Gestalten rege. Der Cult, den wir ver- 
muten, hätte hier eine ältere Stufe der Kyklopenvorstellung, die wir ohnedies voraus- 
setzen müssen, festgehalten, wo sie noch selbständige Dämonen sind und selbst 
das Unwetter und die Blitze darstellen 9 , die sie, in das System der Theogonie auf- 
genommen, natürlich nur noch für Zeus schmieden. 

Wie die älteste der Vasen (A) durch die Säulen andeutet, mochte man sich 
jenen Vorgang im Inneren des Temenos der grofsen Göttin selbst denken 10 . Sie 
stöhnt unter den Schlägen, regt und erhebt sich; die Hämmernden halten ein und 
freudiges Erstaunen erfafst sie über die neu belebte Göttin, welche den Eros ent- 
sendet: dies schildern die späteren Vasen. 

Eine Bestätigung unserer Deutung dürfen wir darin sehen, dafs zu der von 
uns reconstruierten Legende von Phlya eine genaue Parallele unter den bekanntesten 

9 ) Was den Namen K'SxXiujrst betrifft, in dem klar, dafs jene Umdeutung nur dann recht be- 

man gerne etwas von ihrem Wesen angedeutet greiflich wird, wenn die Einäugigkeit in der 

fände , so giebt dessen Bedeutung » rundäugig « Sage bereits gegeben war und man nun eine 

eine jedenfalls wenig hervorstechende, relativ Beziehung zu ihr in dem Namen suchte. Dafs 

unwesentliche Eigenschaft an; die Verbindung die Einäugigkeit ein alter Zug ist, geht indefs 

in welche das Altertum (seit Hes. th. 145) den auch aus dem Vergleich verwandter Wesen her- 

Namen der Kyklopen mit ihrer Einäugigkeit vor: so sind die russischen Riesen, die Ljeschie, 

gesetzt hat, ist offenbar eine willkürliche und die sich im Wirbelwind zeigen, häufig einäugig 

falsche; der Name zeigt vielmehr, dafs die Ein- (Mannhardt, Baumcultus S. 139), und so sind 

äugigkeit eben nicht die Eigenschaft ist, nach auch manche der im heutigen Volksglauben der 

welcher derselbe gewählt ist. So scheint uns Neugriechen existierenden Riesen einäugig (B. 

die Vermutung Schömanns (op. acad. 4, 334) Schmidt, Volksl. S. 201. 203). — Zum russischen 

sehr wahrscheinlich, dafs der Name ursprünglich einäugigen Ljeschi fügt Mannhardt, Antike Wald- 

KOxXoiJ' geheifsen habe und gebildet sei wie und Feldkulte S. 105 als nahe Analogie der 

jene hochaltertümlichen Namen Apio^, AtfXotb, Kyklopen das einäugige Tiroler »Kasermandl«. 

*EXXo<|i, IHXoii», Klnpoty, Mipoii. Wir werden aber — Ebenda S. HO spricht Mannhardt die sehr 

nicht mit Schömann weiter annehmen , dafs die wahrscheinliche symbolische Beziehung der Ein- 

k'ixXo7t£{ von den kreisförmigen Burgen welche äugigkeit zum Wirbelwinde aus. 
sie bauen benannt wurden, sondern eher dafs 10 ) Die Scene wird wol auch einer der Gegenstände 

die Kreiswirbel des Sturmes den ursprünglichen gewesen sein, mit welchen Themistokles das 

Anlafs zu dem Namen gaben. Wenn Schö- Telesterion der Lykomiden zu Phlya ausmalen 

mann ferner annimmt, dafs erst nach der Um- liefs (Plut. Them. 1); ja vielleicht stehen die 

deutung der KuxXo-e; zu KSxXiujtes die Fabel beiden schwarzfigurigen Bilder in einer gewissen 

von ihrer Einäugigkeit entstand, so ist vielmehr Beziehung zu diesen Gemälden, mit denen sie 

sehr wohl gleichzeitig sein können. 



Furtwängler, Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. I 19 

Sagen des Altertums existiert: es ist dies — worauf mich Löschcke aufmerksam 
gemacht hat — die von Hephaistos, welcher die Fesseln der Hera löst. Denn 
gewifs ist hier die gefesselte Hera ein Bild der winterlich erstarrten Erde, die es 
gilt durch Schläge von ihren Banden zu befreien, zu neuem Leben zu erwecken. 
Also hier wie dort derselbe Inhalt, und im Grunde auch dieselben Personen, denn 
die Kyklopen sind, wie wir später noch deutlicher sehen werden, ganz parallele 
Gestalten zu Hephaistos und ihm urverwandt. Das Instrument, das Hephaistos auf 
den Vasen zum Zwecke der Lösung der Hera trägt, pflegt dasselbe zu sein das 
unsere Kyklopen schwingen, nämlich der Schmiedehammer (vgl. z. B. Antike Denkm. 
Taf. 36). Hierin liegt noch die ursprüngliche Anschauung, dafs die Lösung der 
grofsen Göttin durch Hammerschläge erfolgen mufs, so wie sie unsere Kyklopen- 
vasen in voller Deutlichkeit darstellen. — Die Vorstellung, dafs durch Schläge 
überhaupt neues Leben erweckt wird, ist aber eine uralte und weit verbreitete. Wir 
verdanken Mannhardt " die Sammlung einer Fülle von Gebräuchen, besonders aus 
deutschem aber auch aus griechischem und italischem Culturkreise, welche alle den- 
selben Sinn haben und durch Schlagen mit einer »Lebensrute« frisches Leben 
erwecken wollen; ihnen reiht sich als ein besonders altertümliches Symbol der 
Hammerschlag an, welcher die Erdenmutter erlöst. 

Die Parallele der Hephaistossage läfst sich jedoch noch weiter führen. Der 
Gott tritt, als er zur Hera kommt, auf wie ein Bakchant, und Bakchanten sind seine 
Gesellen: auch unsere auf die Gäa hämmernden Männer erscheinen zum Teil als 
reine Bakchanten. Doch diesen Punkt müssen wir genauer erörtern. 

Die Gestalt der Dämonen ist auf den schwarzfigurigen Vasen die rein 
menschliche; doch indem sie einmal bärtig, einmal unbärtig erscheinen, zeigt sich 
schon ein Mangel fester Typik. Wir erinnern uns, dafs die ältere Kunst so manche 
riesenhaften Unholde in gewöhnlicher menschlicher Gestalt auftreten läfst. Doch 
auf den rotfigurigen Vasen erscheinen jene selben Dämonen im Typus der Silene. 
Offenbar hatte man das Bedürfnifs empfunden, ihnen eine bestimmter charakteri- 
sierte Gestalt zu verleihen. 

Die Thatsache die wir hier constatieren ist aber gerade diejenige die wir 
zu Anfang suchten: wir haben hier den Kyklopen in der Bedeutung gleiche Gestal- 
ten mit Schmiedewerkzeugen gefunden, die doch völlig bakchisch erscheinen, den 
Gesellen des Dionysos gleich. Durch diesen Nachweis verlieren jene bakchischen 
Elemente der Kohlenbeckenköpfe, die wir als Kyklopen erklärten, ihr' Auffallendes; 
sie sind nun durch ältere Tradition begründet. 

Nun haben wir auch das Verständnifs für eine andere längst bekannte 
Thatsache gewonnen: ein Relief im Louvre 13 (Müller-Wieseler, D. a. K. 2, 18, 194) 
zeigt uns die Schmiedegesellen des Hephaistos, welches doch eigentlich die Ky- 
klopen sind, in der Gestalt jugendlicher Satyrn, während der Oberarbeiter silen- 

") Mannhardt, Baumcult S. 25iff.; Mytholog. For- Relief sei eine Arbeit des 16. Jahrhunderts, er- 

schungen (1884), S. 114fr. schien mir vor dem Originale als zweifellos 

'-') Die Behauptung Fröhners (Notice No. 109), das irrtumlich. 



120 Furtwängler, Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. 

hafte Figur hat; er trägt einen Pilos auf dem Kopfe, das Abzeichen der Schmiede, 
das seinem Herrn sonst selbst gegeben zu werden pflegt. Zu der letzteren Figur, 
welche auch auf einem pompejanischen Wandgemälde in der Werkstatt des He- 
phaistos wiederkehrt 13 , hat Conze bereits früher mit Recht die mit Pilos versehenen 
Köpfe an den Beckenhenkeln in Beziehung gesetzt. Die Vermischung von bakchi- 
schen Elementen mit der Charakteristik der struppigen Schmiede des Hephaistos, 
welche wir an jenen Köpfen der Kohlengefäfse fanden, ist also in der monumentalen 
Tradition begründet 11 . 

Aber erklärt ist die ganze merkwürdige Erscheinung damit noch nicht. 
Was zunächst jene attischen rotfigurigen Vasen angeht, so könnte man, ausgehend 
von dem Culte zu Phlya, mit welchem wir dieselben in Beziehung gesetzt haben, 
daran erinnern, dafs der männliche Gott, der neben Ge dort verehrt ward, Dionysos 
Anthios war, die hämmernden Dämonen also in seinem Dienste arbeitend gedacht 
werden konnten. Dieser Umstand reicht aber zur völligen Erklärung der beobach- 
teten Confundierung von Kyklopen und Silenen nicht aus, wenn er sie auch erleich- 
tert haben wird. Namentlich mag er die Entwicklung herbeigeführt haben, welche 
uns in der Berliner Vase, die wir oben nannten (d), vorliegt. Hier sind die Schmiede- 
hämmer aus den Händen der Dämonen genommen und sie erscheinen als reine Silene 
im Geleite des Dionysos, welcher die emporsteigende Göttin erwartet; mit Jubel 
und Staunen wird sie von ihnen und von Pan begrüfst, während Eros dazu flötet. 
Es hat hier wahrscheinlich ein verwandter Typus, der der Anodos der Köre, 
mitgewirkt, wie wir ihn durch die Vase bei Noel des Vergers, l'Etrurie pl. 10 kennen; 
denn diese ist gewifs mit Recht von O.Jahn (Arch. Ztg. 1867, S. 68) auf jene Ano- 
dos gedeutet 15 und die Inschrift über der emporkommenden Frau Perophatta gele- 
sen worden; sie wird hier von hüpfenden Panen begrüfst 16 . 

Auch auf eine Vase bei Tischbein (I, 39) ist aufmerksam zu machen, 

an welche ich durch Maxim. Mayer erinnert werde 1T . Dieselbe scheint nämlich 

") Heibig, Wandbilder No. 1318c; Atlas Taf. 17. dell' Inst. 1884, tav. M (Robert a.a.O. S. 194C) 

— Die Wiederkehr dieser charakteristischen ist natürlich nach jener vollständigeren zu deuten. 

Figur auf einem erst Jahrhunderte nach dem n ) Derselbe theilt mir freundlichst mit, dafs auf 

Auftreten des Pariser Reliefs ausgegrabenen seinen Wunsch die Vase in Deepdcene von 

Wandbilde, beweist übrigens allein schon die Cecil Smith untersucht worden ist, wobei sich 

Ächtheit der Erfindung jenes Stückes. zeigte, dafs die Tischbein'sche Abbilduni,' in 

") Bildwerke wie das oben genannte Relief konnten allem Wesentlichen zuverlässig ist. — Max. 

leicht dazu verführen, auch gewöhnliche Satyrn Mayer erinnert mich in diesem Zusammenhange 

allein in der Beschäftigung des Waffenschmiedens auch an die Vase bei Panofka, Cab. Pourtales 

darzustellen, wie wir dies von einem durch ein pl. 22 von welcher er mir eine neue Bause zu 

Epigramm bekannten Kunstwerk (vgl. Stephani, schicken die Freundlichkeit hatte. Ich habe 

Compte rendu 1867, S. 176) und von einer dies Bild, das einen Jüngling mit Hammer vor 

Gemme wissen (Impronte dell' Inst. VI, 10). einer aus der Erde sich erhebenden Frau zeigt, 

15 ) Vgl. dagegen Strube, Eleus. Bilderkr. S. 97. — indefs absichtlich nicht in Betracht gezogen, 
Der Unterteil der weiblichen Figur ist gewifs weil es nicht attisch ist. Die Vase gehört zu 
stark ergänzt. Wo das Original der Vase sich zu der von mir im Berliner Catalog S. 833, 
befindet ist unbekannt. No. 2987 ff. charakterisierten »lokal-nolanischen« 

16 ) Die abgekürzte Darstellung des Napfes Annali Gattung, in welcher zum Theil italische Vor- 

stellungen zum Ausdruck kommen. 



Furtwiingler, Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. 121 

geradezu ein Gegenstück zu dem Berliner Krater zu sein und entstammt gewifs 
derselben attischen Werkstatt wie dieser. In der Mitte steigt innerhalb einer 
Grotte, die gebildet ist wie dort, ein Jüngling mit Scepter aus der Erde empor; 
auf ihn zu fliegt eine Nike; aufserhalb befindet sich Dionysos und sein Gefolge, 
Silen und Nymphe, welche jenen Gott zu erwarten scheinen. Ich glaube kaum, 
dafs man diesen anders denn als Iakchos benennen kann. Allerdings ist ein solches 
Aufsteigen für diesen nicht direkt überliefert; aber wir wissen ja, dafs wir zur Er- 
klärung dieser Vasen mit der •literarischen Tradition nicht ausreichen. Indefs ist 
Iakchos, der immer jugendlich gedachte chthonische Gott der Athener, dessen 
Palingenesie zum attisch-orphischen Glauben gehörte, in der That der einzige der 
auf jener attischen Vase mit dem Bilde des der Erde entsteigenden Jünglings mit 
Scepter gemeint sein kann. In jedem Falle übrigens schliefst sich dies Bild den 
Gründen gegen die von Robert für das Berliner Gegenstück vorgeschlagene Deutung 
auf eine Quellnymphe an; denn in diesem Kreise ist seine Deutung sicher nicht zu 
suchen. 

Hier können wir aber eine erneute Besprechung der berühmten Petersburger 
Felike kaum vermeiden, deren eines Bild' 8 Stephani auf die Anodos der Köre, 
welche den neugeborenen Iakchos zugleich emporbringt, gedeutet hat, während 
Strube die durch zahlreiche Bildwerke bekannte Geburt des Erichthonios und Ro- 
bert den kleinen aus den Flammen geretteten Dionysos sehen wollte, der eben in 
der Dirke gebadet worden ist und nun in Zeus' Schenkel verborgen werden soll; 
die innerhalb einer Grotte aus der Erde sich erhebende Frau ist für Robert die 
Dirke. In seiner zumeist treffenden Kritik von Stephani's und Strube's Deutungen 
gelangte indefs Robert (a. a. O. S. 183) schon zu der, wie mir scheint, einzig richtigen, 
von ihm aber gleich wieder aufgegebenen Erklärung: Die aus der Erde emporkom- 
mende Frau ist, wie gewöhnlich, Gäa; das in ein Rehfell gewickelte Kindchen ist 
Iakchos, den Persephone in der Unterwelt geboren hat. Hermes übernimmt ihn 
zunächst. Er wird ein grofser Gott, zum Heile Attikas werden; schon eilt drum Athena 
zu seinem Schutze herbei — die bei Nonnos 48, 95 1 ff. gar ihm als Amme dient — 
und auch Nike schwebt von oben herab, die wir schon auf dem Tischbein'schen 
Bilde ihm verbunden fanden. Zeus und Hera sind selbst gegenwärtig, da es sich um 
die Geburt eines grofsen Gottes handelt. Dafs Fackeln leuchten und das Tympanon 
ertönt, ist bei Iakchos, zu dessen Cult diese Dinge gehörten, ohne weiteres ver- 
ständlich. — Die Gegenseite dieses selben Gefäfses führt einen grofsartigen Verein 
speciell eleusinischer Gottheiten ohne Handlung in voller Ruhe vor (zu dessen 
Deutung vgl. in Roscher's Lexicon I Sp. 2185, Z. 45 fr.). Dies Bild ist ein be- 
deutsamer — von Robert nicht beachteter — Fingerzeig, in welchem Kreise 
die Deutung jener anderen Seite liegt. Durch eine von Stephani (a. a. O. S. 48) 
mit Recht beigezogene Stelle des Hippolytos (ref. haer. V, 8 p. 162 Schneid.) 
wissen wir aber, dafs gerade in Eleusis bei den Mysterien vom Hierophanten die 

18 ) Compte rendu 1859, pl. I = Gerhard, Ges. ak. Abh. Taf. 76 = Robert, Märchen Taf. 2; 
S. i8off. Vgl. Strube, Eleusin. Bilderkr. S. 79fr. 



j22 Furtwängler, Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. 



Geburt eines göttlichen Knaben von einer Göttin mit den Worten Etp&v sxsxs Ttotvts 
xoopov Bpi(j.<u Bptfi<5v ausgerufen wurde; in diesen verschleiernden Cultnamen hat man 
gewifs richtig Persephone und Iakchos erkannt. Es ist also, wie wir erwarten durf- 
ten, acht eleusinische Sage die jenes Bild darstellt. — Dagegen scheint mir Robert's 
Deutung auf des Dionysos Bad in der Dirke nicht haltbar. Wenn wir auch davon 
absehen, wie wenig zu dem eleusinischen Götterverein der einen Seite eine theba- 
nische Sage passen würde, so mufs ich vor allem bestreiten, dafs es sich bei R.'s 
Annahme überhaupt um eine wirkliche Sage handelt, die wir auf einer Vase dar- 
gestellt zu finden glauben dürfen. Das Bad des kleinen Dionysos, das Euripi- 
des in einem seiner ausmalenden Chorlieder erwähnt, ist jedenfalls ein völlig 
nebensächlicher Zug und kein wesentlicher Sagenvorgang, vielleicht gar nur 
eine zur Ausmalung der Geburt des Gottes und zur Erzielung von »Localfarbc« 
gemachte Erfindung des Euripides. Ferner aber vermisse ich jede Andeutung von 
Wasser und von Bad; und ebenso jede Andeutung von der Aufnahme in den 
Schenkel des Zeus. Und wie soll man glauben, dafs Hera, die so offen dasteht 
und alles sehen mufs, betrogen werden soll? Selbst wenn es gelänge, ihr augen- 
blicklich die Übergabe des Kindes an Hermes zu verbergen, im nächsten Augen- 
blick müfste doch Hermes dasselbe dem neben ihr sitzenden Zeus bringen. Kurz, 
auch auf dieser Vase ist es uns unmöglich mit Robert in der aufsteigenden Frau 
eine Quellnymphe zu sehen, und das Bild reiht sich vielmehr in den hier behandel- 
ten Zusammenhang ein. 

Wir sind von unserem Hauptthema abgeschweift. Was uns noch fehlte, 
war eine wirklich ausreichende Erklärung für die von uns in der Kunst nachgewie- 
senen kyklopenhaften Wesen in Satyrgestalt. 

Diese Erklärung geben uns nun, wie ich glaube, nur die von Schröder und 
Löschcke in ihrer schönen Abhandlung über Hephaistos 19 gewonnenen Resultate. 

Diese haben nämlich ergeben, dafs der Schmiedegott Hephaistos nebst den 
verschiedenen Schmiededämonen mit der bakchischen Dämonenschaar eine gemein- 
same Wurzel hat. Beide Reihen erweisen sich nur als verschiedene Differenzierun- 
gen aus den indogermanischen Wind- und Wolkendämonen, welche für uns noch 
am deutlichsten in den indischen Gandharven kenntlich sind. Von dem engen 
Verhältnisse des Hephaistos zum dionysischen Kreise hat Löschcke noch die un- 
zweifelhaftesten Spuren in der Kunst des 6. und 5. Jahrhunderts nachgewiesen. 
Hephaistos erscheint hier geradezu noch als Glied des bakchischen Thiasos; er ist, 
wie Dionysos selbst, von Silenen umgeben und er wird, anstatt von seinen Schmiede- 
gesellen, von Satyrn bedient. Hier finden wir nun die volle Erklärung dafür dafs 
unsere Schmiededämonen, die Kyklopen, denen ein fester Typus fehlte, in der 
Gestalt von Silenen dargestellt werden konnten; der »bakchische« Charakter ist 
eben auch ein Element ihres Wesens, das nur hinter dem Schmieden zurücktrat. 

Die Kyklopen sind als Gesellen des Hephaistos erst durch die Literatur 
nach Alexander bezeugt. Dies ist jedoch für unsere Frage gleichgiltig, da die Ky- 
19 ) L. v. Schröder, Griech. Götter u. Heroen, I.Heft, 1887, S. 79 fr. 



Furtwängler, Die Kopfe der griechischen Kohlenbecken. 123 

klopen als Schmiededämonen doch dem Hephaistos ursprünglich nahe stehen. 
Überdies kann es ja nur Zufall sein, dafs jene Vorstellung erst so spät bezeugt ist, 
und diese kann sehr wohl alt sein. 

Im Zusammenhange mit dem von uns auf den attischen Vasen erkannten 
Glauben an die im Frühjahre arbeitenden Kyklopen empfangen auch die bekannten 
Stellen späterer Dichtung 30 ein neues Licht, welche Hephaistos schildern, wie er 
gerade im Frühling sich in seine Werkstatt begiebt, in welcher die Kyklopen 
schmieden und hämmern. Dies Arbeiten im Frühjahr galt ursprünglich der Er- 
weichung und Lösung der durch den Winter gefesselten Erde. Eine der oben 
charakterisierten attischen »Cultvasen« des 4. Jahrh. (Panofka, Cab. Pourtales 17; 
Gerhard, Ges. Abh. Taf. 71,2) zeigt uns, als Gegenbild einer reichen Darstellung 
des eleusinischen Götterkreises, den Hephaistos wie er als Genosse in die Gesell- 
schaft chthonischer Gottheiten des Erdesegens tritt, des Dionysos mit Silenen und 
Nymphen und des wie Pluton ein grofses Füllhorn tragenden Herakles (zur Deutung 
vgl. in Roscher's Lexicon I, Sp. 2186, Z. 3 3 ff.); Hephaistos führt seinen Schmiede- 
hammer mit und stützt sich auf einen Silen als Diener. Diese Zusammenstellung 
wird uns erst jetzt verständlich. 

Zum Schlüsse werfen wir einen raschen Blick auf den Kreis der unseren 
Kyklopen nächstverwandten mythischen Gestalten, der ein ziemlich weiter ist. Es 
genüge hier das Wichtigste anzudeuten. 

Als besonders eng verwandte Wesen erscheinen uns nun die lemnischen 
Kabiren. Diese Dämonen sind mit Hephaistos eng verbunden — sie heifsen zumeist 
seine Söhne — ; aber neben ihrem hephaistischen Charakter haben sie auch noch 
deutliche Spuren bakchischer Natur bewahrt. Dies geht aus Aeschylos' Schilderung 
hervor, wo sie die Argonauten trunken machen. — Offenbar den lemnischen gleich- 
artig ist der Käßsipo?, der auf den Münzen von Thessalonike mit dem Hammer so- 
wol, dem hephaistischen Attribut, als dem bakchischen Rhyton auftritt. — Man 
kann einen Augenblick versucht sein, bei den Gestalten unserer Vasen an diese 
Kabiren zu denken, ja auch in den Köpfen der Kohlenbecken diese oaijinvs? £a"/ a " 
piiövos, wie sie bei Nonnos (XIV, 22) heifsen, zu erkennen. Doch sind sie ja 
keine attischen Wesen; die Kabiren haben überhaupt keinen Eingang in Attica 
gefunden und sind der attisch - orphischen Poesie fremd geblieben n . Die einzig 
populären Kabiren der Zeit jener Kohlenbeckenhenkel waren die mit den Dioskuren 
identifizierten samothrakischen, die von den lemnischen durchaus verschieden sind. 
Ganz anderer Art ist auch der jetzt näher bekannte böotische Kabir mit seinem 
Pais". 

30 ) Apollon. Rhod. 3, 41. Horat. od. I, 4, 5. rückgehen, gewifs aber nicht jene Erwähnung 

2I ) O.Kern (Hermes 1890, S. I ff.) glaubt, die Ka- der verschiedensten Mythen und Culte, unter 

biren hätten in der rhapsodischen Theogonie denen auch die Kabiren und wenige Zeilen 

eine Rolle gespielt, weil sie Orph. Argon v. 27 nachher der Osiriscult genannt werden, 
genannt werden; allerdings wird die Kosmogonie 22 ) Die nächste Verwandtschaft zur Darstellung des 

v. 12 ff., wie Kern, de Orph. Epim. Pherec. theog. Kabiros auf den böotischen Vasen bieten die 

p. 8 zeigt, auf die rhapsodische Theogonie zu- Votivterracotten aus dem Heiligtum des chtho- 



124 Furtwängler, Die Köpfe der griechischen Kohlenbecken. 

Nahe verwandt sind unseren Kyklopen ferner offenbar die Daktylen, jene 
Schmiededämonen welche zur grofsen Göttermutter in Phrygien in engem Verhält- 
nisse standen, wie die Kyklopen nach unserer Vermutung zur grofsen Göttin zu 
Phlya. Es entspricht sich ferner, wenn die Kyklopen geschickte Baumeister, die 
Daktylen kluge Zauberer und Musiker sind 23 . — Auch die dem Poseidon angeglie- 
derten dämonischen Schmiede von Rhodos, die Teichinen, auch diese geschickte 
Künstler und Zauberer, welche Götterattribute fertigen, und tückische Geister dazu, 
sind durchaus gleichartige Gestalten. 

Die Schmiededämonen, die wir aufgeführt haben, sind aber nur Glieder jener 
grofsen Familie, aus der Hephaistos selbst, aus der auch die Kentauren und Silene 
hervorgingen; in ihnen hat eine Eigenschaft der Familie ihre besondere Ausbildung 
gefunden. Durchaus parallel sind ihnen im germanischen Mythus "die Eiben und 
Zwerge M , die geschickten aber auch tückischen Schmiede, die dem Donnergotte 
die Keule schmieden. Aus der griechischen Mythenwelt hat v. Schröder noch auf 
Prometheus und Daidalos als persönliche Gestaltungen, die aus jener Dämonenwelt 
hervorgingen, hingewiesen. Ursprünglich war die Schmiede dieser Geister durchweg 
im Himmel, in den Wolken, gedacht und erst später wurde sie in die Erde verlegt. 
Sie sind es, die — als Hephaistos oder Prometheus — dem Himmelsgotte selbst 
mit der Axt den Kopf spalten. Sie sind es — als Kyklopen in Attica — die mit 
mächtigen Gewittern den Kopf der grofsen Mutter Erde schlagen und hämmern, 
bis sie erwacht und erweicht. 

A. Furtwängler. 

nischen Dionysos zu Tarent (vgl. Berliner philol. sehen Stiles. 

Wochenschr. 1888, S. 1452 f. Samml. Sabouroff, 21 ) Alle diese Züge auch bei den indischen Gan- 

Einl. Sculpt. S, 27C); hier lagert der Gott zu- dliarven, vgl. E. H. Meyer, Gandh. -Kentauren 

weilen sogar auf dem Stier, der auf einer Vase S. 150. 205. 

neben dem Kabiros steht. Auch ein Pais ist 24 ) Vgl. v. Schröder S. 99ff. — Auch die Kyklo- 

häufig auf jenen Terracotten mit dem Gotte pen bringt schon Schröder in diesen Zusain- 

vereinigt, freilich nicht in den Stücken archai- menhang S. 108. 110. 



RÖMISCHE SKIZZENBÜCHER 

MÄRTEN VAN HEEMSKERCKS 

UND ANDERER NORDISCHER KÜNSTLER 

DES XVI. JAHRHUNDERTS 

Unter den uns erhaltenen Sammlungen von Handzeichnungen nach römischen 
Antiken aus dem Cinquecento sind die beiden Zwillingsbände, der Codex Cobur- 
gensis und der Codex Pighianus in Berlin, am besten bekannt und stehen im Vorder- 
grunde des archäologischen Interesses 1 . Sie bilden einen sprechenden Beleg für 
die antiquarischen Neigungen des um den Cardinal Rodolfo Pio da Carpi und 
andere Grofse sich bildenden Gelehrtenkreises. Statuen finden sich wenige unter 
den Zeichnungen; den gröfsten Raum nehmen Reliefs, vor allem die an Figuren 
und an Erudition reichen Sarkophagreliefs, ein. Unter ähnlichem Gesichtspunkt 
entstand der berühmte Codex Fulvio Orsinis in der vaticanischen Bibliothek (cod. 
Vrsin. 3439) 2 , und im siebzehnten Jahrhundert die umfangreiche, meistens in Windsor 
aufbewahrte Sammlung Cassiano dal Pozzos, über die wir eine zusammenfassende 
Belehrung von O. Kern erhoffen dürfen 3 . Einen etwas anderen Gesichtspunkt scheint 
der junge Ulisse Aldrovandi verfolgt zu haben, als er zu Anfang des Jahres 1550 
alle ihm erreichbaren antiken Statuen Roms nicht nur beschrieb, sondern auch ab- 
zeichnete, wie er selbst 25 Jahre später seinem Bruder berichtete 4 . Die Beschrei- 
bungen, sechs Jahre darauf von Ziletti gedruckt, bilden noch heute das genaueste 
und werthvollste Inventar des damaligen Antikenbestandes Roms: die in demselben 
Notizbuch Aldrovandis enthaltenen Zeichnungen sind leider nie zum Vorschein ge- 
kommen. Wir dürfen annehmen, dafs hier möglichste Vollständigkeit erstrebt war, 
und dafs, werfh nicht ausschliefslich , so doch vorwiegend die Statuen Berücksich- 
tigung gefunden hatten, was auf einen mehr künstlerischen Gesichtspunkt 
schliefsen läfst. 

1 ) Cod. Pighianus: Jahn, Sachs. Berichte 1868 4 ) Den Brief vom I. Febr. 1576 fand ich kürzlich 
S. 161 ff. Cod. Coburgensis: Matz, Berliner in Bologna in dem reichhaltigen Nachlasse 
Monatsber. 1871 S. 445ff. O. Kern, Rom. Mitth. Aldrovandis (Miscell. III S. 428), vgl. H. L. 
1890 S. isoff. Urlichs, Rom. Mitth. 1891, Heft 2. Die Haupt- 

2 ) Trendelenburg bei Matz, Göttinger Nachr. 1872 stelle lautet: et de tutti ne composi una compen- 
S. 54 f. Genauere Auskunft verhelfst O. Kern diosa historia, non lasciando alcuna Statua, che in 
a. a. O. S. 151. quelV Alma Citta di Roma si ritrouaua, che da 

3 ) Ich habe gelegentlich kurze Inhaltsangaben des me non fosse diligentemente delineata, et de- 
reichen Schatzes benutzen können , die ich mir scritta. Et qtiesto libro, quäl per mio diporto et 
1877 in Windsor in etwa achttägiger Arbeit an- passatempo liaueuo composto, lo donai a Mr. Gior- 
gelegt habe. dano Ziletti etc. 

Jahrbuch des archäologischen Iustituts VI. IO 



I2Ö Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

Letzterer scheint auch leitend gewesen zu sein bei dem um die Wende des 
fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts entstandenen Skizzenbuch eines italienischen 
Künstlers, jetzt im Escurial, dessen Inhaltsangabe wir Justi verdanken 5 ; ebenso bei 
den gelegentlichen Skizzen Baldassare Peruzzis, die seinen architektonischen Ent- 
würfen in der Handschrift zu Siena beigemischt sind 6 , ferner in dem Skizzenbuch 
des Bildhauers Pierre Jacques von Reims, das uns Geffroy neulich kennen gelehrt 
hat 7 ; endlich auch in dem Berliner Bande mit Skizzen verschiedener italienischer 
Künstler, von denen sich nur Girolamo Ferrari nennt 8 . Diesen Italienern und dem 
Franzosen reihen sich einige nordische, meistens niederländische Künstler an, denen 
ebenfalls antiquarische Interessen mehr oder weniger fern lagen, die theils die 
Ruinen und die modernen Bauten Roms, theils die Gärten und die Umgebungen 
der ewigen Stadt, theils solche antike Kunstwerke, besonders Statuen, abzeichneten, 
welche sich zum künstlerischen Studium und zu künstlerischer Verwendung zu eignen 
schienen. Wir befinden uns hier also in einem wesentlich verschiedenen Interessen- 
kreis von dem des Pighius und seiner gelehrten Freunde. Die nachfolgenden Blätter 
sollen theils den besonders reichen und wichtigen Nachlafs Heemskercks, theils die 
Skizzenbücher in Basel und Cambridge und ein paar Blätter von Melchior Lorch 
der archäologischen Verwerthung zugänglich machen, wobei auch die Kunst- 
geschichte der Renaissance nicht ganz leer ausgehen wird 9 . 

I. 

DIE ÜBERRESTE DER RÖMISCHEN SKIZZENBÜCHER 

MÄRTEN VAN HEEMSKERCKS 

Das Berliner Kupferstichcabinet besitzt zwei Bände mit Handzeichnungen 
Märten van Heemskercks, die seinem römischen Aufenthalt entstammen und 
wohl geeignet sind den Archäologen dankbar gegen diesen Mann zu stimmen, auf 
den die neueren Kunsthistoriker wegen seines verhängnisvollen Einflusses auf die 
niederländische Malerei, die er von ihren natürlichen Bahnen in eine italianisierende 
Richtung ablenkte, gar übel zu sprechen sind. Der eine Band (im Folgenden als 
Heemsk. I bezeichnet) ward schon 1879 mit anderen Stücken aus der -Sammlung des 
Pariser Architekten Hipp. Destailleur erworben, ist aber bisher nur spärlich verwerthet 
worden 10 ; den zweiten (Heemsk. II) hat das Cabinet erst ganz kürzlich im englischen 

5 ) Bei MUntz, Afitiq. de la ville de Rome S. 157 ff., S. 101. Robert, Sark.-Rel. II S. XI n. 5. 

vgl. denselben Rendic. d. Accad. dei Lincti Pasiphae- Sarkophag, 1890, S. 8. Michaelis, 

i888,I, S. 71 ff. Ficker, Rom. Mitth. 1888, Rom. Mitth. 1891 S. 21 u. ö. 

S. 317 ff. 9 ) Die antiken Monumente oder die für die Antiken 

c ) Matz, Göttinger Nachr. 1872 S. 51 ff. wichtigen Blätter sind durch Überschriften in 

7 ) Geffroy, Melanges d' archcol. et d' hist. 1890 gröfserer Schrift hervorgehoben; Zeichnungen 

S. l5off., vgl. Audolent ebenda 1888 S. l2off. aus dem Bereich der neueren Kunst oder des 

Ein vollständiges Inventar würde noch immer modernen Lebens sind kürzer und in kleinerer 

sehr erwünscht sein. Schrift beschrieben. 

> ) Wir dürfen eine Inhaltsangabe des wichtigen ">) J. Springer im Jahrb. d. preufs. Kunsts. 1884 

Bandes von Th. Schreiber erwarten; einstweilen S. 327fr. und in den Ges. Studien zur Kunst- 

vgl. diesen in den Histor. Aufs, für E. Curtius gesch. f. A. Springer S. 226 ff. MUntz, Revue arc/i. 



Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 127 

Antiquarhandel erstanden 11 . Die dankenswerthe Liberalität der Direction des Kupfer- 
stichcabinets, der Generalverwaltung der Königl. Museen und des Kgl. preufsischen 
Kultusministeriums hat mir die Benutzung beider Bände hier in Strafsburg während 
einiger Monate ermöglicht. 

Beide Foliobände zeigen sowohl im Aeufseren und in der Auswahl der 
Gegenstände wie hinsichtlich ihrer Schicksale bedeutende Unterschiede. Band I, in 
modernem Pergamenteinband 12 , mit Bleistiftbezifferung der Blätter von i — 78, zeigt 
die ursprünglichen Blätter so eingelassen, dafs, man auch die vielfach mitbenutzten 
Rückseiten betrachten kann. Die meisten Blätter messen durchschnittlich 21X13 '/ 2 Cm. 
oder weniger (bis zu 192 Mm. und 126 Mm.), sind aber sämmtlich mehr oder 
weniger beschnitten; sie scheinen alle ursprünglich zu einem Skizzenbuch gehört zu 
haben. Vier nach Gegenstand und Behandlungs weise verwandte Blätter (4. 5. 62. 66) 
sind gröfser, aber von unter sich verschiedenem Format. Auf Bl. 5 erscheint das 
Monogramm Heemskercks Mk. Die Blätter 76 — 78, wiederum verschieden an Gröfse, 
lassen sich mit mehr oder weniger Sicherheit Heemskerck absprechen, während 
Bl. 2 wohl von seiner Hand ist, aber nicht zum römischen Skizzenbuch gehört; 
Bl. 1 ist ein Stich nach diesem Blatt. — Die Blätter 2 — 70 zeigen in der unteren 
rechten Ecke eine ältere Bezifferung von 15 bis 83; bisweilen ist sie in Folge zu 
starken Beschneidens verschwunden, und dies mag auch für Bl. 71 — 75 gelten. Es 
ist klar, dafs die Sammlung seit jener Anordnung und Bezifferung zu Anfang 14 
Blätter, vielleicht auch einige zum Schlufs verloren hat. Hierfür haben wir noch 
eine weitere Spur darin, dafs etwa ein Jahrhundert nach Heemskercks Tod (1574) 
der talentvolle junge Amsterdamer Advocat Jan de Bisschop (Episcopius) in den 
1671 herausgegebenen Paradigmata graphices variorum • artificum neben den Vorlagen 
Anderer (z. B. Salviatis und Poelenburgs) auch Zeichnungen Heemskercks für seine 
Stiche benutzte. Von den 13 von ihm copierten Figuren sind nur noch drei in dem 
Skizzenbuch nachweislich, die übrigen verloren 13 . 

Aus den Niederlanden hat das Skizzenbuch, sei es vollständig, sei es bereits 
in verstümmelter Gestalt, seinen Weg nach Frankreich gefunden , wo es um die 
Mitte des vorigen Jahrhunderts im Besitz Mariettes erscheint. Dieser selbst be- 
nutzte es 1742 für die Bacchusstatue Michelangelos' 4 , Bottari 1760 für einige römische 
Kirchen in ihrer älteren Gestalt 15 . Wiederum nach einem Jahrhundert befand sich 

1884, I, 296. A. Geffroy, Mcl. d' arch. 1890 lauter vollständige Statuen. Sollte dies auch 

S. 1 53 f. Hülsen, Bull, comun. 1888 S. 153 fF. schon für Heemskercks Zeichnungen gelten, so 

Michaelis, Arch. Jahrb. 1890 S. 6 fr". Rom. Mitth. könnte darin der Grund des Abhandenkommens 

1891 S. I ff. Zeitschr. f. d. bild. Kunst, N. F. gesucht werden (auch das Einzelblatt III, 3 ist 

II, 184 ff. ungewöhnlich ausgeführt), doch rühren die Er- 

") Eine Besprechung J. Springers im Jahrb. d. gänzungen vielleicht erst von Bisschop her. 

preufs. Kunsts. 1891 S. 1 1 7 ff. habe ich durch u ) Mariette in den 1742 geschriebenen (vgl. Reiset, 

die Güte des Verfassers schon vor dem Er- Gaz. d. beaux-arts XV, 1877, S. 248) Anmer- 

scheinen benutzen können. kungen zu Goris Ausgabe von Condivis Vita di M. 

•*) Titel auf dem Rücken: Monuments antiques. A. Buonarroti (1746) S. 69. Vgl. Heemsk. I, 72. 

Manuscrit du rjeme et ibeme siecle. 15 ) Bottari zu Vasari III (1760), 54. Vgl. Heemsk. 

") S. zu I, 33, a. b. c. III. I. 2. Taf. 37 enthalt I, 8. 12». 13. 15. 21. 71. 

IO* 



J28 Michaelis, Römische SkizzenbUcher nordischer Künstler. 

das Buch in der reichen Sammlung Destailleur 16 , wo H. von Geymüller es für 
seine Forschungen über den Bau der Peterskirche verwerthete 17 , bis es nunmehr in 
den festen Besitz einer öffentlichen Sammlung übergegangen ist. 

Band II läfst sich nicht weiter zurückverfolgen als bis in den letzten Theil 
des vorigen Jahrhunderts, in den auch der Einband von rothem Maroquin zurück- 
weist 18 . Das Buchzeichen {Agnes Berry inv. et de/. Londini 1793. Francis'''" Legat 
scitlp') nennt als Besitzerin Anne Seymour Damer. Diese hochgebildete und auch als 
Bildhauerin geschätzte Dame, geb. 1748, war eine Tochter des Feldmarschalls Conway, 
heiratete 1767 John Damer, einen Sohn Lord Miltons, und erbte 1797 von Horace Wal- 
pole, einem Vetter ihres Vaters, dessen Landsitz Strawberry Hill mit seinen reichen 
künstlerischen und litterarischen Schätzen 19 . Vielleicht gehörte unser Band dazu. 
Mrs. Damer starb 1828, die Sammlung von Strawberry Hill ward 1842 versteigert 20 , 
und so mag das Buch durch andre Hände 2I schliefslich in den Antiquarhandel ge- 
kommen sein. — Ein grofser Theil der Blätter stammt aus einem Skizzenbuch, das 
ungefähr 15X20 Cm. mafs, vielleicht ursprünglich noch etwas mehr 22 ; bisweilen 
erstreckt sich die Zeichnung über zwei Blätter 23 . Dies Skizzenbuch war also dem- 
jenigen in Bd. I ähnlich. Eine noch gröfsere Zahl von Blättern zeigt dagegen ab- 
weichende, meist gröfsere und so verschiedene Formate, dafs man mehr an Skizzen- 
blätter als an ein Skizzenbuch denken mufs. Höchstens liefse sich noch an ein 
weiteres Buch denken von ungefähr 20X27 Cm.; diese Gröfse haben ziemlich viele 
Blätter und aus solchen sind auch die grofsen Ansichten am Schlufs des Bandes 
zusammengesetzt, wahrscheinlich auch die beiden Blätter 36 und 51, die 27 (bzw. 
2 5V»)X40'/.i messen. — An Heemskercks Urheberschaft, die für Bl. 36 und 91" durch 
das Monogramm festgestellt wird, kann etwa bei Bl. 57, das in Stil und Ausführung 
seine Besonderheiten hat, und bei Bl. 70, das in abweichender Technik ausgeführt ist 
und die Jahreszahl 1529 trägt, ein Zweifel aufkommen. J. Springer denkt hier an 
einen Schüler Marcantons, mir scheint das Blatt nach dem Norden zu weisen (ein von 
mir befragter Kenner fühlte sich an Mabuse oder Bernhard von Orley erinnert), und 
der Gedanke an Heemskerck in seiner heimischen Lehrzeit braucht nicht ohne 

1C ) Gefiroy, Atel, d'arch. 1890, S. 150fr. II, 393 — 516 gegebene Description of the villa 

1T ) Ursprüngl. Entwürfe zu St. Peter Taf. 24. 52 of Mr. Hör. Walpole, at Strawberry - Hill. Vgl. 

und S. 327 f. Vgl. Heemsk. I, 8. 13. 15. II, 52. meine Anc. Marbles in Gr. Britain S. 68 f. 167. 

I8 ) Titel auf dem Rücken: Desseim dapres l'antique. 2I ) Von einem neueren Besitzer mögen die Bleistift- 

''') Nach einer Mittheilung meines Freundes George bemerkungen herrühren, die unter Verkennung 

Scharf, s. dessen Catalogue of the National von Heemskercks Urheberschaft die Tafeln 3. 

Portrait Gallery, 1888, S. I39f. Auch Agnes 6. 8. II. 18. 33. 35. 73. 77. 88 »Julio« (Ro- 

Berry gehörte zu Horace Walpoles Kreis, s. mano), 20 »Bussin« zuschreiben. 

Journals and corresp. of Miss Berry ed. by Lady -') Die Mafse von 42 Blättern schwanken zwischen 

Theresa Leiuis. London 1865. Das Buchzeichen l2'/ 2 und 15, bzw. l7'/a un 'i 20 Cm. ; Bl. 6 

kommt auch mit dem blofsen Namen Anna mifst 16X21, Bl. 43: 15X 22, Bl. 44: 15X23V2 

Damer vor. Cm. 

• ') Leider ist mir jetzt der Catalogue of the 23 ) In Bl. 64. 82. 84. 86. 88. 90 beträgt die eine 

Classic Contents of Strawberry - Hill , 1842, so Dimension 19 — 20, die andre 2X'4 bis 2 X'5 

wenig zugänglich , wie die in Walpoles Works Cm. 



Michaelis, Römische Skizzenbticher nordischer Kunstler. 



129 



Weiteres abgewiesen zu werden. Auf alle Fälle aber gehört das Blatt nicht unter 
dessen römische Skizzen. 

Die Blätter in beiden Bänden sind gröfstentheils Federzeichnungen, fast 
immer in sehr feinen Strichen, vielfach mehr oder weniger stark braun laviert. 
II, 57 (von Heemskerck selbst?) bietet eine sorgfältige Ausführung mit Tusche, 
I, 70 mit Bleistift. Letzterer tritt selten allein, und dann in ausgeführten Zeich- 
nungen auf. Viel häufiger finden sich Rötheizeichnungen, besonders bei Torsen 
und Aktstudien; die Durchführung pflegt sehr weich zu sein, für blofse Umrisse wird 
der Rothstift nur ausnahmsweise gebraucht. 

Über Heemskercks römischen Aufenthalt läfst sich Folgendes er- 
mitteln ■'. Märten Jacobsz, 1498 in Heemskerck bei Alkmaar geboren, hatte ver- 
muthlich von seinem Lehrer Jan Schoreel, der unter dem niederländischen Papst 
Adrian VI. in Rom gelebt hatte und sogar Custode des Belvedere gewesen war '*, 
den lebhaften Wunsch überkommen seine Studien in Rom fortzusetzen. Im Jahre 
1532 malte er noch daheim ein Bildnis seines Vaters, der am 26. Sept. jenes Jahres 
starb 26 , und am 23. Mai vollendete er ein Gemälde des heil. Lukas wie er die 
Madonna malt, das er der Lukasgilde in Harlem zum Andenken und mit dem Ersuchen 
um ihre Fürbitte widmete - >r . In diesem Geschenk und den Worten der Inschrift 
hat man wohl nicht ohne Grund eine Art von Abschiedsgrufs an seine heimischen 
Fachgenossen erblickt. En is doe getrocken nae Room, erzählt Carel van Mander, 
waer naer hy lange grooten lust hadde gehadt, om d ' Antijcketi en die groote Meesters 
van Italien dingen te sien. In der That mufs er, wie sich gleich zeigen wird, sehr bald 
aufgebrochen und ziemlich geradeswegs nach Rom gezogen sein, vermuthlich durch 
die Provence, da seine in Nimes und St. Remy genommenen Skizzen (II, 28) eine 
viel geringere Sicherheit als die römischen Blätter zeigen. Dies Merkmal fehlt 
anderen nichtrömischen Zeichnungen, der Ansicht eines festen Hafenplatzes (II, 78, 
etwa Genua oder Ancona), einer italienischen Marine (I, 24 v ), einer nordischen, 
vielleicht niederrheinischen Kirchenruine (I, 14); diese Blätter können ebenso gut 
später, vielleicht auf der Rückreise, entstanden sein. 

In Rom traf Heemskerck alsbald mit Vasari zusammen, wie dieser selbst 
bezeugt (VII, 582). Nachdem er seine Bekanntschaft mit Michel van Coxie in Rom 
im Jahre 1532 erwähnt hat, fährt er fort: studio poco dopo in Roma Martino Hcms- 
kerck ... il quäle conotfbi in Roma, mentre io serviva il cardinale Ipolito de Alcdici. 
Diese Stellung Vasaris endete in eben jenem Jahr 1532, vor dem Aufbruch des 
prunkliebenden und kriegslustigen Cardinais zum Türkenkrieg in Ungarn; schon im 
September war Vasari wieder in Arezzo 28 . Also mufs Heemskerck im Sommer 1532 

24 ) Carel van Mander, Schilder - Boek Bl. 245 ". S. 27. 

Michiels, Bist, de la feint, flamande V-, 185 ff. **) Willigen S. 157. 173. 

Van der Willigen, Les arlistes de Harlem 27 ) Michiels S. 189 ff. 

S. 157fr. Vgl. J.Springer, Jahrb. f. d. preufs. 28 ) Vasari VII, uff. 653fr. und die Briefe VIII, 

Kunsts. 1884 S. 327fr. 233fr. (Febr. und Juni 1532 aus Rom, 4. Sept. 

25 ) C. van Mander Bl. 235 v . Arch. Jahrb. 1890 aus Arezzo). 



130 



Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 



in Rom angekommen sein. Infolge jvon Empfehlungen fand er, wie van Mander 
berichtet, zunächst Unterkommen und Unterhalt bei einem Cardinal. Es liegt sehr 
nahe hierin seinen Landsmann, den »Cardinal von Utrecht« Willem Enckenvoert zu er- 
blicken, die einzige Creatur Papst Adrians; er starb um die Mitte des Jahres 1534. 
Aus dem Jahre 1 535 haben wir einen Beleg in einer Zeichnung der Peterskirche 
von Heemskerck (I, 13), die ursprünglich jenes — jetzt abgeschnittene ■ — Datum 
trug 20 . In die ersten Monate des Jahres 1536 scheint sodann ein weiteres Zeugnis 
Vasaris (VI, 573) zu weisen. Für den Einzug Karls V. (5. April 1536) ward bei 
San Marco mit einem Aufwände von 3000 Ducaten ein prachtvoller, mit Statuen, 
Reliefs und acht Gemälden geschmückter Triumphbogen errichtet 30 . Nach Vasari 
rührten die besten jener Gemälde theils von Francesco Salviati her, theils da un 
Mar Uno ed altri giovani tedeschi, che pur allora erano venuti a Roma per imparare 3I . 
In diesem Martin hat Mariette 33 unsern Heemskerck erkennen wollen. Allein die neuer- 
dings bekannt gewordenen Rechnungen über jenen Einzug melden nichts von Martin, 
sondern sie nennen statt dessen einen anderen mir unbekannten maestro Ermanno 
et comp, pittori, die für ein grofses und zwei kleine Gemälde 90 Ducaten erhalten 33 . 
Da ein Irrthum der geprüften Rechnungen im Namen nicht wohl möglich ist und auch 
sonst durch diese officiellen Urkunden manche Ungenauigkeiten von Vasaris Bericht 
sich herausstellen, so bietet sich eine doppelte Möglichkeit: entweder setzte Vasari 
den Martino an die Stelle des wirklichen Ermanno, und Heemskerck war gar nicht 
an jenem Bogen betheiligt (wie denn auch van Mander nichts davon erwähnt, ja die 
unbestimmte Bezeichnung un Martino pafst wenig zu dem Vasari bekannten und 
von ihm gelobten Martino Hemskerck); oder Heemskerck ist an bescheidenerer 
Stelle unter Hermanns Gehilfen zu suchen. Wie dem auch sei, es scheint dafs sich 
eine Spur der Vorbereitungen zu Karls Einzug noch in Heemskercks Zeichnungen 
nachweisen läfst. Bekanntlich ward für den Kaiser eine Triumphalstrafse her- 
gerichtet und es wurden zu diesem Behufe die Bögen Constantins, des Titus und 
des Septimius Severus weiter ausgeräumt, sowie die Strafse längs dem Forum frci- 

*•) Sollte die Jahreszahl 1555 auf dem mit M. 31 ) Ne lascerb di dire a questo proposito , che il detto 

Heemskercks vollem Namen bezeichneten Blatte Martino, il quäle molto valse nelle cose di chia- 

III, 3 ursprünglich 1535 gelautet haben und roscuro, feee alcune battaglie con tanta fierezza e 

beim Nachziehen mit dunklerer Dinte verändert si belle invenzioni in certi affronti e fatti darme 

worden sein i fra Cristiani c Turchi, che non si pub far meglio. 

30 ) Vgl. Cancellieri, Storia de' solenni possessi S. /'.' quello che fu cosa maravigliosa, fecc il detto 

99 f. und den belehrenden Aufsatz von B. Martino e suoi uomini quelle tele con tanta solle- 

Podestä , Carlo V a Koma nell' anno 1536 citudine e prestczza, perchi ropera fusse finita a 

im Archivio della soc. rom. di storia palria I, te/npo, che non si partivano viai dal lavoro; e 

1878, 303fr. Die Summe von 3004,10 Duc. perchi era portato loro continuamente da bere, e di 

ebenda S. 315. Im Herbst des Jahres 1536 buon greco, fra lo stare sempre ubriachi e riscal- 

fand Fichard (Frankf. Arch. III, 58) den arcus daii dal furor del vino e la pratica del fare, 

asseritius noch vor, aber von Wetter und Regen feciono cose stupende. Zum Gegenstand vgl. etwa 

arg mitgenommen; im Januar 1537 wurden 40 Heemsk. II, 19. 

Scudi für den Abbruch des Bogens bezahlt 32 ) Abecedario II, S. 348 ff. 

(Müntz, Les anliq. de Rome S. 155). 33 ) Archivio I, S. 311. Dieselben waren auch am 
Bogen von S. Sebastiano thätig (ebda S. 309). 



Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 



131 



gelegt. Die Ansichten II, 12 und 50 v zeigen uns nun den Severusbogen noch 
ziemlich tief verschüttet und verbaut, und daneben den vielstöckigen Thurm der 
alten Kirche Sergio e Bacco hoch aufragend. Letzteres gilt auch von den Blättern 
II, 56 und 79f, wo dagegen der Bogen freier da zu liegen scheint. Dies ist vollends 
der Fall auf I, 6, und besonders deutlich auf I, 9; in beiden Ansichten ist ferner der 
vermuthlich baufällige Kirchthurm bis auf einen Stumpf abgetragen, und in der 
letzteren sind Männer geschäftig Bäume zu fällen und die Strafse, doch wohl für 
den kaiserlichen Einzug, zu ebnen. Sicher gehört auch in das Jahr 1536 laut der 
beigesetzten Jahreszahl das grofse Panorama. II, 91 v -f- 92, dem vermuthlich die 
ergänzenden Blätter II, 92 v + 93 und 93 v -)-94 zur Seite gehen, Arbeiten erstaunlichen 
Fleifses und peinlichster Genauigkeit, die uns wie Andenken an die ewige Stadt, 
zum Abschied gezeichnet, gemahnen 34 . Denn über das Jahr 1536 hinaus Heems- 
kercks Aufenthalt auszudehnen, liegt kein Anlafs vor. Van Mander beschränkt die 
römische Zeit auf drei Jahre: nach den gegebenen Daten werden wir fast vier Jahre, 
Sommer 1532 bis Frühling 1536, als die engste Grenze annehmen müssen, die wir 
aber auch nicht geneigt sein werden ohne Noth zu erweitern 33 . Im Jahre 1537 
finden wir eine leise Spur von Heemskercks Anwesenheit in Harlem in dem Um- 
stände, dafs die Mutter »Meister Martijn des Malers« unter Geläut aller Glocken 
begraben wird 36 , eine ungewöhnliche Ehre, die wohl dem mittlerweile berühmt ge- 
wordenen Sohne galt; und am 25. Sept. 1538 ward der Vertrag über ein grofses 
Altarbild für Alkmaar abgeschlossen, dessen Bedingungen und Ausdrücke wiederum 
für das hohe Ansehen des nunmehr vierzigjährigen Meisters zeugen, der zwei Jahre 
später als Vorstand der Lukasgilde auftritt ". 

Über Heemskercks Thätigkeit in Rom besitzen wir den naiven Bericht 
van Manders: heeft oock zynen tijdt niet verslapen noch versnymt by den Ncderlanders, 
tuet suypen oft anders, maer heel veel dinghcn geconterfeyt, soo nae d 'Antijckcn, als 
nae Michiel Agnolen wercken : oock veel Rmuynen, bijwercken, alderley aerdicheden der 
Antijcken, die in dese Schilder-Academische Stadt overvloedich te sien zijn. Gemeenlijck 
alst moy weder zvas, gingh hy so conterfeyten. Dieses Lob findet in den erhaltenen 
Skizzen seine volle Bestätigung, nur ist Michelangelo darin so spärlich vertreten, dafs 
man annehmen möchte, die auf ihn bezüglichen Blätter seien ausgesondert worden 
und so verloren gegangen. Gröfsere und kleinere Ansichten Roms, seiner Hügel, 

34 ) Auf dem grofsen Panorama ragt aus dem Häuser- 35 ) Über Heemskercks raschen Abgang von Rom 
gewimmel des Marsfeldes in der Nähe der Engels- infolge eines bei ihm verübten Diebstahls s. die 
brücke ein grofser runder Thurm in zwei Ab- Erzählung van Manders. — Geymüllers Argu- 
sätzen heraus mit der undeutlichen Beischrift ment für die Entstehung von I, 15 nach 1538 
s. juni 1 oder eher s. quaf . Wenn dies etwa die wird von ihm selbst nur zweifelnd vorgebracht. 
torre del Campo im Rione Parione (Martinelli, Den 1538 nach dem Capitol versetzten Marc- 
Roma ex ethn. sacra S. 83) unweit Monte Gior- aurel kennt Heemskerck 1 , 71 noch beim 
dano sein sollte, so wäre das Datum der Zeichnung Lateran, 
auf die ersten Monate des Jahres 1536 bestimmt, 3<i ) Willigen S. 56. 

denn dieser Thurm ward anläfslich Karls Ein- 37 ) Willigen S. 158 fr. 168. Hymans zur Über- 
zug für 200 Ducaten abgetragen (Archivio Setzung van Manders, Paris 1884, I, S. 367 
I, S. 314). Anm. 3. 



I32 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

seiner Ruinen nehmen einen grofsen Raum ein, bald leicht skizziert, bald so sorg- 
fältig durchgeführt wie das schon genannte Panorama. Von antiken Gebäuden 
und Baugruppen haben das Forum, der Palatin, das damals noch leidlich erhaltene 
Nervaforum, das Colosseum und das Septizonium, das Pantheon u. s. w. vielfache 
Nachbildungen gefunden; auch der Rundtempel von Tivoli und einige provencalische 
Bauten sind vertreten. Die Bedeutung einiger Forumblätter hat Hülsen 38 ins Licht 
gestellt. Sonst scheint mir diese Gruppe von Zeichnungen nicht so reiche neue 
Belehrung zu spenden, wie man wohl erwarten möchte; Kundigere mögen ihnen 
jedoch noch manche Aufklärung entnehmen können. Viel erheblicher ist jedenfalls 
der Ertrag für die Kenntnis moderner Bauten und ihrer Geschichte. Im Vorder- 
grunde des Interesses stehen die zahlreichen Blätter, die den Neubau der Peters- 
kirche in ihrem allmählichen Fortschreiten darstellen; H. von Geymüller und 
J. Springer haben ihre Verwerthung bereits begonnen 39 . Der alte Lateran 40 , das 
vaticanische Belvedere, das Capitol vor Michelangelo 41 , die alte Porta del Popolo, 
eine Anzahl Paläste lernen wir kennen, dazu eine Menge von Einzelheiten : Treppen- 
anlagen, nischengeschmückte Wände, Decken, Thüreinfassungen, Kamine, Orna- 
mente u. s. w. Namentlich der zweite Band ist reich an Blättern letzterer Art. 

Eine besonders interessante Abtheilung, die auch bei der Auswahl der Ab- 
bildungen für diesen Aufsatz vorzugsweise berücksichtigt worden ist, bilden die 
Zeichnungen von Antike nsammlungen. Die Antiken des Giardino Cesi erblicken 
wir in einer älteren Anordnung als 15 50 bei Aldrovandi und können selbst zu 
Heemskercks Zeit leichte Änderungen wahrnehmen (I, 25. II, 62); die capitolinischen 
Antiken zeigen noch den Zustand, der der Umformung durch Michelangelo vorher- 
ging 42 ; der etwas später in farnesischen Besitz übergangene Antikenbestand der alten 
Casa Sassi erscheint noch an seinem ursprünglichen Orte (III, 3). Andere Blätter 
zeigen einen grofsen Theil später farnesischer Antiken noch in einer Halle des 
Palazzo Medici (seit 1540 Madama: I, 5. 66. II, 48), oder sie eröffnen anziehende 
Blicke in die Höfe der Häuser Maffei (I, 3 V ), Galli mit Michelangelos Bacchus (I, 
27. 72) ", della Valle (II, 20), in einen Raum der Casa Santacroce (I, 29'), in ein 
paar noch nicht ermittelte Antikengärten (I, 23. 24. 27). Alle diese Blätter sind von 
hohem Werth für die Museographie. Nicht minder bedeutend für die Geschichte 
der Wanderungen und Wandelungen der Antike sind die namentlich im ersten 
Bande sehr zahlreichen Zeichnungen nach antiken Bildwerken, die, meistens 
noch unergänzt, mit grofser Treue und Genauigkeit wiedergegeben werden. Abgesehen 
von den öffentlichen Statuen (Montecavallo , Marcaurel, Marforio u. s. w.) sind die 
belvederischen 44 , die unter Paul III. so eifrig vermehrten farnesischen, die cesischen 

38 ) Bull.comun. 1888 S. 153 ff. II, S. 184fr". 

39 ) Geymüller s. Anm. 17. J. Springer, Jahrb. f. d. **) Michaelis, Rom. Mitth. 1891 S. 3 ff. 

preufs. Kunsts. 1891 S. 118 ff. 43 ) Schon von Mariette (Anm. 14) hervorgehoben, 

40 ) J- Springer, Ges. Studien z. Kunstgesch. S. 226 ff. vgl. J. Springer, Jahrb. f. d. preufs. Kunsts. 

41 ) Michaelis, Zeitschr. f. d. bild. Kunst, N. F., 1884 S. 329fr. 

44 ) Michaelis, Arch. Jahrb. 1890 S. 5 ff. 



Heemskerck I, Blatt I 



133 



besonders reichlich vertreten und ergeben manche neue Kunde, namentlich im Lichte 
der unschätzbaren Beschreibung Aldrovandis; Palazzo Medici-Madama und wie es 
scheint der Giardino Carpi reihen sich an; der Schleifer tritt hier zuerst auf. Ganz 
besonders haben weibliche Gewandstatuen, meistens Torsi, darunter auch manche 
verschollene oder nicht sicher nachweisbare Stücke, Heemskercks Interesse erregt", 
sie schienen ihm wohl ebenso wie zahlreiche männliche Torsi (die von Aktstudien 
nicht immer leicht zu unterscheiden sind) für künstlerische Wiederverwerthung 
besonders geeignet. Ebendahin wird die Vorliebe für allerlei Schuhwerk, für Ge- 
fäfse, Geräthe, Ornamente zu rechnen sein. Aber auch an Köpfen, Hermen, Reliefs 
fehlt es nicht, ja es kommen sogar einzelne Wand- und Deckenmalereien vor. 

Schwächer ist die neuere bildende Kunst vertreten, doch finden sich 
Skizzen nach Papstgräbern Pollaiuolos, nach Gemälden Raffaels, Perino del Vagas 
u. s. w. Von einigem Interesse sind auch Nachbildungen gemalter Wanddecorationen 
(II, IO. 18. 63. 63 v ). Endlich sind allerlei Naturstudien vorhanden, besonders 
nach Thieren; aufser Pferden, Kühen, Ziegen haben auch ein Straufs und ein Leopard 
Heemskercks Aufmerksamkeit gefesselt. 

Hier mag diese kurze Übersicht genügen; genauere Verzeichnisse sollen 
am Schlufs der zweiten Abtheilung gegeben werden, auf deren Inhalt schon ge- 
legentlich durch" die Worte »Basel«, »Lorch«, »Cambridge« hingewiesen wird. Alle 
für die Archäologie wichtigen Artikel sind durch gröfsere Schrift in den Über- 
schriften kenntlich gemacht. Wo über die Technik nichts bemerkt wird, handelt 
es sich um Federzeichnung, mit oder ohne Lavierung. 

I. HEEMSKERCKS RÖMISCHE SKIZZEN, BAND I. 

1 Titelblatt zu den von Phil. Galle gestochenen Invcntiones Heemskerckianae, wieder- 
holt bei Hymans, Le livre des peintres de Corel van Mander I, 365. Kupferstich, nach Bl. 2 im Gegen- 
sinne gestochen. 

2 Vorlage zu Blatt 1. Auf der Basis der Säule das Monogramm, unten die Jahreszahl 1565. 
Auf der Stufe: M. Heemskerck \ imientor. Alle übrigen Inschriften des Stiches fehlen. 

3 (16) Colosseum. Ausblick durch zwei Gewölbebogen in das Innere. 
3 V Ansicht des Hofes der Casa Maffei (Fig. 1). 

Die Identität ergibt sich aus dem Ikariosrelief d (s. u.) und der Beschreibung des bei der Ciambella 
belegenen Hauses der ursprünglich veronesischen Familie Maffei bei Aldrovandi S. 242 f. (von Boissard 
1,74 i" die Nähe von S.Martina verlegt!); der Antikenbesitz dieser Familie reichte bis ins 15. Jahrh. 
zurück (Jahrb. 1890 S. 19 Anm. 53). Weitere bestätigende Angaben bietet Boissard Bd. V. Die einzelnen 
auf der Abbildung erkennbaren Stücke sind die folgenden : 

d) Hoher Cippus mit Masken (vorn an der Säule). Boissard V, 15 apud Maphaeos. 

b) Korinthisches Säulchen^am Treppengeländer), blattübersponnen und von einer Binde um- 
wunden, und darauf 

c) halbrundes Relief mit sitzendem Eros. Aldrovandi: sopra il colonello della scala si vede 
un puttino ignudo con le ale, che sera forse Amore. 

d) Sog. Ikariosrelief (an der Treppenwand), von Orsini bei Ciacconi de triclinio (1590) 
S. 119 in aedibus Maffeiorum erwähnt, im Cod. Pigh. n. 59 gezeichnet und bei Lafreri gestochen, dann 
mit anderen Stücken der Sammlung Maffei in die Villa Montalto verbracht (S. Bartoli, Admir. '71 = ^43), 
jetzt im brit. Museum {Anc. Marbl. II, 4), kenntlich an dem Satyr auf der Mauer ohne die Palme; 
s. Hauser, Neuatt. Rel. S. 190. Reisch, Griech. Weihgcsch. S. 31 Anm. 3. Aldrovandi: si vede murata 



134 



Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 




Fig. i. Hof in der Casa Mafifei. 



nel muro de la casa [etwa scalaf] una tavola marmorea ornata di varie e belle scolture (vgl. S. 154). Boissard: 
tabula discumbentium in triclinio cum synthesi: nusquam alibi maiori forma vel artificio exquisitiore cernitur 
(unser Relief?). — Unten an der Treppenwand: 
i) Säulenbasis. 

f) Kleiner Cippus. 

g) Kleiner weiblicher Torso, bekleidet, grade stehend. 
K) Baumstamm mit Ranken. 

t) Gröfsere weibliche Statue, nackt bis auf ein kurzes Gewand, auf einem Blocke sitzend ; 
Kopf, Arme, Füfse fehlen. Aldrovandi: una donna assisa, ma senza testa ne braccia. Boissard: simulacrum 
mulieris sedentis. 

k) Der todte Niobide der Münchener Glyptothek n. 141 (Clarac IV, 587, 1279): r. Hand 
fehlt, Unterbeine unsichtbar. Sollte dies der vom Prospettivo St. 19 bei den Maffei erwähnte giaquato 
nudo vinto dal sopore sein? vgl. Jahrb. a a. O. Die Münchener Statue stammt aus Pal. Bevilacqua in 
Verona (woher auch die Mafifei stammten); die Sammlung Bevilacqua ward vor 154° in Rom zusammen- 
gebracht (Urlichs, Glypt. S. 6). 

/) Büste (über der Thtir). Aldrovandi erwähnt viele Büsten. — An der rechten Wand: 

m) Sarkophag, und darüber 

n) Relief; Figuren unkenntlich. Aldrovandi: una pila antica coverta (NB!) assai bella, nella 
quäle sono motte figure iscolpite , e fra loro il dio Pane . . et un Cupido alato. Ein anderes bei Boissard: 
tabula marmorea, in qua Circus expressus est (Cod. Pigh. n. 224 in aedibus Maffaeiorum. Cod. Coburg, in 
den Rom. Mitth. 1890 S. 152. Panvini, de lud. circens. S. 19). Noch andere bei Fabricius, RomaS. 176: 
deorum ludentium, ut Apollinis canentis et Narcissi iaculanlis discum, in domo Augustini Maphaci. 

0) Cippus mit einem Thier unter der Inschrift. Boissard V, 17 apud Maphaeos. CIL. VI, 
20329. Darauf: 

p) Nackter männlicher Torso, mit einst gehobenem 1. Arm. 

q) Sog. Amymone. In Betracht kommen etwa die Exemplare in Neapel (Bernoulli, Aphrodite 
S. 367 n. 4), in Madrid (n. 26. Clar. IV, 632 H, 1327 A), in Deepdene (n. 35. Clarac IV, 599, 1312). 



Heemskerck I, Blatt 3' — 6 V . i?e 



r) Kleines Fragment; Gewandherme. 

s) Cippus (in der Mitte des Hofes). Zu afo s vgl. Aldrovandi: quatro epitaphij antichi assai 
belli. Boissard V, 6 — 16. 

4 (17) Fragment eines Sarkophagreliefs? 

Drei Knaben bewegen sich nach links. Der erste, mit langem shawlartigem Gewände, schwankt mit 
dem 1. Fufs vorwärts und legt den r. Arm auf den Kopf. Diesen wendet er gegen den nächsten Ge- 
fährten zurück, an den er sich lehnt und dessen Nacken er mit dem 1. Arm umschlingt. Dieser, nackt 
und noch fester auf den Ftifsen stehend, stützt jenen mit seinem r. Arm und hält in der gesenkten L. 
einen Krug. Er blickt sich nach dem nackten dritten Genossen um, dessen Haltung der des ersten 
ähnelt; der 1. Arm hängt herab (Hand fehlt). Die derben runden Gesichter muthen niederländisch an. 
— Vgl. die ähnlichen Darstellungen bei Stephani, Ausr. Herakles S. 101 ff. Matz, Arch. Zeit. 1872 S. 16. 

4 V Cippus, oben gebrochen. 

Vorn reiches Fruchtgewinde, an dem im unteren Felde eine Ricke mit gemsenartigen, aber nach vorn 
gebogenen Hörnern nagt. Reliefs der r. Nebenseite nur leicht angedeutet. — Daneben grofsere Wieder- 
holung des Thieres. 

5 (18) Ansicht einer Halle im Hofe des Palazzo Medici (seit 1540 Pal. Madama 
genannt). Unten rechts das Monogramm Heemskercks. 

Die Halle ist die gleiche wie II, 48, die Ansicht aber im Inneren aufgenommen, von der in jenem Blatte 
r. gelegenen Seitenwand aus. Links geht der Blick in den Hofraum mit der grofsen Schale, hinter der 
ein burgartiger Palast mit Zinnenkranz und hohem Aussichtsturm aufragt; im Hintergrunde die niedrige 
Mauer wie in II, 48 und dahinter Gemäuer, anscheinend Ruinen (der thermae Alexandrinae \ vgl. Aldro- 
vandi S. 189). Gregorovius, Gesch. d. Stadt Rom VII 3 , 693 Anm. I bezeugt, dafs der alte Palast Medici 
einen Garten hatte. Über die Identificierung der Localität und den näheren Nachweis der einzelnen Statuen 
s. zu II, 48; die dort gebrauchten Buchstaben für die einzelnen Stücke sind hier beibehalten. Es han- 
delt sich um farnesische Antiken, jetzt in Neapel. 

Neben der ersten Säule h) Aristogei to n. 

An der zweiten Säule g) Aphrodite, halbverhüllt, und f) Eros (beide gröfser I, 66) mit 
Dionysos. 

An der dritten Säule e) kauernde Aphrodite (vgl. 1,6'). 

An der letzten Säule und der Schmalseite b) sitzender Torso und c) weiblicher Gewand- 
torso. Vor der Fensternische eine Stufe mit Geländer, an dem ein Mann kniet; daneben /) nackter 
Mann, auf dem 1. Knie ruhend, r. Schenkel vorgestreckt (Unterbein fehlt), Oberkörper vorgebeugt (Arme 
fehlen), etwa in der Haltung eines knienden Ägineten (schwerlich der jetzt vaticanische Perser vom 
attalischen Weihgeschenk Mon. ined. d. Inst. IX, 21, 6); m) ein grofses Bruchstück, anscheinend mit 
einem Gewandstück oder Fell darauf. In der Ecke hinten i) männlicher Torso (Verwundeter!). 
Dann die Thür. 

Jenseits der niedrigen Mauer im Hintergrunde unter Bäumen einige flüchtig angedeutete Sculp- 
turen, darunter n) ein männlicher Torso; 0) eine undeutliche Gruppe, darunter anscheinend ein 
sitzender Torso ähnlich wie b; p) vielleicht das Symplegma des Satyrs und der Nymphe 
Clarac IV, 667, 1545A (? nicht in den Verzeichnissen); q) eine bekleidete kniende Frau mit ge- 
hobenem 1. Knie; Kopf und Arme fehlen, daher wohl nicht identisch mit der donna che sta inginocchiata : 
ha i capelli lunghi et il capo poggiato tu la man manca mostrando mestizia bei Aldrovandi S. 188 (vgl. 
Doc. ined. II, 377 una donna che tiene il braccio manco sopra il ginocchio manco et piange). 

6 (19) Ansicht des Forum gegen das Capitol hin. 

F'acsimile: Bull, comun. 1888 Taf. 8 (Hülsen). Zu beachten ist, dafs der Severusbogen bis unter die 
Säulenbasen aufgedeckt ist, und dafs statt des vielstöckigen Thurms der Kirche des h. Sergius (II, 12. 
50'. 56. 79) nur noch ein plumper viereckiger Unterbau sichtbar wird, der bis zur Attica des Severus- 
bogens reicht. Die Zeichnung scheint ins Jahr 1536 zu gehören (s. oben S. l3of.). 

6' Drei Zeichnungen einer kauernden Aphrodite. 

Die farnesische Statue von I, 5, e und II, 48, e; Neapel n. 307. Clarac IV, 606 A, 1410. Armband 
am r. Handgelenk; Kopf und r. Hand fehlen. Von 1., von vorn und von hinten. 



15(5 Michaelis, Römische Skizzenbticher nordischer Kunstler. 



7 (20) Thermen entweder Constantins oder Diocletians. Grofse Gewölbe. 

7 V a) Ansicht des sog. muro torlo. Rechts die Stadtmauer bis zur Porta del Popolo, dahinter 
S. Maria del Popolo nebst Kloster. 

b) Ansicht der mittelalterlichen Porta del Popolo von innen (sehr malerisch). Rechts die 
hochaufgetreppte Kirche S. Maria del Popolo. 

8 (21) Stück der neuen Peterskirche. Facsimile: Geymüller, Urspr. Entwürfe für St. Peter Taf. 52, 1. 

8 V Zwei Torsi. Rötheizeichnung. 

a) Jünglingstorso, sitzend (auf ein Tuch gesetzt). Körper etwas gegen seine r. Seite geneigt; 
r. Schulter stark gesenkt, 1. gehoben. Kopf, Arme bis auf die Ansätze, Beine von der Hälfte der Schen- 
kel an, Glied fehlen. Die farnesischen Torsi Mus. Horb. VI, Titel. XI, 60, 2. Heemsk. II, 48, b und 
Lorch 2, c. d scheinen alle verschieden. 

b) Kinderkörper, im Dreiviertelprofil nach r. R. Hand an den Schenkel gelegt, über der 1. 
Schulter ein Gewand. Anscheinend Aktstudie, nur Körper und r. Arm ausgeführt. 

!) (22) Ansicht des Forum (Antoninstempel, SS. Cosma e Damiano). 

Facsimile: Bull, comun. 1888 Taf. 7 (Hülsen). 

!) » Skizze eines begonnenen Baues mit Treppenanlage im Inneren. 

1" ( 2 3) Ansicht des Pantheon von vorn. 

Hinter der Giebelspitze ein romanisches Glockenthürtnchen (vgl. Duperac, Vestigi dell' ant. di Roma, 
1575, Taf. 35). Das äufserste Intercolumnium 1. ist ganz zugemauert und Häuser schliefsen sich unmittel- 
bar an; die übrigen Intercolumnien sind unten durch eine niedrige Mauer geschlossen mit Ausnahme des 
mittelsten; in den drei mittleren Intercolumnien hängen oben Guirlanden. — Auf dem Platze vor der Kirche 
steht auf erhöhten Sockeln ein grofses längliches Gefäfs, jederseits auf einem Säulenstumpf einer der 
Löwen Nektanebos II, des letzten Pharaonen (Marucchi im Bull, comun. 1890 S. 307fr.), ganz r. ein run- 
des Gefäfs auf einem Säulenstumpf. Die unter Eugen IV (1431 — 47) gefundenen Löwen erwähnt liier 
1497 Harff (Pilgerfahrt, herausg. von Groote, S. 30), Gefäfs und Löwen um 1500 der Prospettivo Mila- 
nese St. 47, die Löwen 1513 Andr. Fulvio, Antiquaria Bl. P IV », die drei Stücke derselbe 1527 Anti- 
quitates Bl. XCIIII ", alle vier 1536 Fichard, Frankf. Archiv III, 56L und 1550 Aldrovandi S. 313, das 
mittlere Gefäfs 1550 Vasari I, 109 Mil. Die Angabe Flaminio Vaccas n. 35 al tempo di demente settimo 
[1523 — 34], ritrovandosi ad esser maestro di strada Ottaviano della Volle, volendo aecomodare la strada, sco- 
perse li detti leoni e conca, che uri altra volta s'erano ricoperti; fece doi piedi alla conca con la 
sua inscrittione, et i leoni li sollevb da terra sopra due tronchi di colonne — diese Angabe ist also in ihrem 
ersten Theile falsch und wohl nur im zweiten richtig; auch Fichard spricht von dem mittleren monumentum 
porphyreticum a Leone isluc restilutum. Die beiden Löwen versetzte Sixtus V. an seine Fontana Feiice 
(jetzt im ägyptischen Museum des Vaticans), das mittlere Gefäfs (vgl. noch Falda, Nuovo Teatro I, 1665) 
ward zum Sarge für Clemens XII in der Cappella Corsini des Laterans verwandt. 

11 (24) Ansicht des capitolinischen Obelisken und Blick hinab auf das Colosseum. 

Facsimile: Bull, comun. 1888 Taf. 9 (Hülsen). Vgl. Rom. Mitth. 1888' S. 264. 1891 S. 4. 27. 31. 45. 
Seit 1582 in Villa Mattei. Vgl. Heemsk. I, 61. II, 12. 16 50V. 72. 92. 

11 v Männlicher Rücken. Rötheizeichnung. 

Vom Kopf bis unter das Gesäfs. R. Standbein, 1. gestreckt. Von den Armen nur die Ansätze erhalten, 
der 1. gesenkt, der r. etwa wagerecht. — Verwischte Skizze desselben Rückens. 
b) Stück einer Thüreinfassung mit Rundbogen. 

12 Compositakapitelle. 

Drei Zeichnungen, anscheinend nach verschiedenen Exemplaren. 

12 v (25) Ansicht des alten Lateran mit Nachbarschaft, von der Nordseite. Facsimile: Ges. Studien 
z. Kunstgesch. für A. Springer, Tafel zu S. 228, oben (J. Springer). 

13 (26) Vom Neubau der Peterskirche. Facsimile: Geymüller, Ursprüngl. Entwürfe Taf. 52, 2. 
Links im Hintergrunde der Obelisk mit der Kugel neben S. Maria della Febbre. Eine treue Copie dieses 
Blattes, einst im Besitz von B. Fillon, weist in der unteren rechten Ecke die Jahreszahl 1535 auf, die auf 
dem Original nicht mehr zu sehen, vermuthlich abgeschnitten ist (Geymüller S. 328). 



Heemskerck I, Blatt 7 — 20. j -ij 



13 v Zwei Portraitköpfe. 

a) Älterer bärtiger Kopf von energischem Ausdruck; das Haar über der breiten Stirn wird 
spärlich, der Bart ist besonders unter dem Kinn dicht. Unter dem Hals gebrochen. 

b) Kopf Hadrians mit einem Stück der Brust; Schwertriemen von der r. Schulter ausgehend, 
auf der 1. Schulter Andeutung des Paludamentum mit Knopf. 

14 (27) Ansicht einer Kirchenruine. Sicherlich nicht in Rom oder überhaupt in Italien; die Ruine 
von spätromanischem sog. Übergangsstil scheint eher nach dem Norden zu weisen. 

15 (28) Vom Neubau der Peterskirche. Facsimile: Geymüller, Ursprüngl. Entwürfe Taf. 52, 3. 
Links im Hintergrunde das vordere Stück der alten Basilika, durch eine Scheidemauer abgeschlossen 
(vgl. Geymüller S. 328). ♦ 

16 Blick auf die Engelsburg und Umgebung. 

/<) Skizze eines Treppenhauses; die Treppe auf flachen Gewölben an den vier Wänden an- 
steigend; die Gewölbe ruhen in der Wand und auf vier Pfeilern. 

c) Adler nach 1. schauend, innerhalb eines leicht angedeuteten Kranzes. 
Nach dem Relief in der Vorhalle von SS. Apostoli (Matz-Duhn n. 3539). 

1G V Einer der Dioskuren von Monte Cavallo. 

Opus Phidiae, vom Kopf bis zu den Schenkeln, vom Rücken gesehen, mit dem gehobenen r. Arm und 
dem gesenkten 1. Oberarm; Gewand nur angedeutet. — L. Skizze eines laublosen Baumes. 

17 (3°) Stück von der Basis der Traianssäule. 

Übereck gestellt. Oberstes Stück der Basis, vorn mit der Inschriftplatte, auf der rechten Nebenseite mit 
Andeutung der Waffen. Darüber das geschwungene Übergangsglied mit Guirlanden, dann die Plinthe 
mit Adlern an den Ecken, und Andeutung der Speira. Diese oberen Theile an der r. Nebenseite zerstört 
oder verbaut (undeutlich). 

17 v ä) Ochse, nach der Natur. Rötheizeichnung. 

b) Leopard {olubart»'), nach der Natur. Vgl. Fichard, Frankf. Archiv III, 104, der 1536 in 
Florenz einen Leoparden bewunderte. 

<-) Gesims von einem Kamin oder dgl., mit dem mediceischen Papstwappen. 

18 Blick auf Rom, vom Aventin aus. 

Eingerahmt vom Janiculum und dem Capitol; in der Mitte der Flufs mit dem Ponte rotto und dem Ponte 
quattro Capi, darüber das Pantheon. Neben dem Ponte rotto sind r. der sog. Tempel der Fortuna 
Virilis und der dachlose sog. Vestatempel sichtbar. 

18' (31) Blick auf Rom, von Trastevere aus. 

Über den Flufs gegen den Aventin, die Cestiuspyramide, den Monte Testaccio und die aurelianische 
Mauer. Im Hintergrunde das Albanergebirge (viel zu hoch gezeichnet). 

19 Marforio und Relief. 

a) Marforio (»Marfoclge«.) schräg vom Fufsende aus gesehen (Nase, Arme von der Mitte 
der Oberarme an , r. Fufs fehlen , 1. Fufs unsichtbar). Dahinter eine Säule , neben dieser ein grofses 
rundes Becken, aus einer Maske Wasser speiend (vgl. Rom. Mitth. 1888 S. 268. Flam. Vacca n. 70). 

b) Ringsum abgebrochener Block, auf dessen Vorderseite ein Relief: ein Panzer und daran 
gelehnt einige Speere und ein Schwert (r). 

19 v (32)Elephantenbrunnen. Rötheizeichnung. 

a) Links ein viereckiger Block (daran ein Delphin als Relief), oben in einen grofsen Elephanten 
köpf übergehend, der sich vornüber beugt und aus dessen gewundenem Rüssel das Wasser nach unten 
ausströmt. Vgl. zu I, 40, a. 

b) Rechts halb verlöscht ein Jüngling, von hinten gesehen; er scheint am Boden zu liegen 
und das linke Bein emporzuziehen, neben dem ein Schlangenkopf sich auf sein Gesicht zu bewegt. 
(Nicht etwa aus der Laokoonsgruppe.) 

20 (33) Ansicht des ruinenbedeckten Abhanges des Palatin gegen den Circus 
Maximus (vgl. Duperac, Vestigi, 1575, Taf. 7). Vgl. I, 72 v . 



Iß8 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

20« Greif, nach links sitzend, mit erhobener r. Vorderpfote; davor Andeutung 
von Rankenwerk. Vom Fries des Tempels des Antoninus und der Faustina. 

b) Schädel und grofse gewundene Hörner eines Ziegenbockes, von vorn gesehen. 

21 (34) San Lorenzo und Fries. 

a) Ansicht von San Lorenzo in agro Verano. h. die aurelianische Stadtmauer, von innen 
gesehen, nahe herangerückt (willkürliche Anordnung). Unten »S. lauuerens«, weiter rechts mit Rothstift 
y>A. S. Lorenzo*. 

b) Theile eines Frieses, früher in S. Lorenzo, jetzt im capitolinischen Museum, st. deifilos. 
n. 99 — 107: Steuerruder, Cheniskos, Anker, Aphlaston, Thymiaterion, Aphlaston (so weit Mus. Capi/.IV, 
34, I. Righetti II, 337, 2), Akrostolion mit Kopf im oberen Rund, Lituus (fehlen in den Abbildungen). 
Vgl. unten I, 53. 

21 v Architektonische Fragmente. Rötheizeichnung. 

a) Halbes Kapitell eines korinthischen Pilasters. 

b) Profil und Ornamente einer reichverzierten attischen Basis. 

22* Vom Tempel des Antoninus und der Faustina. 

Bruchstücke vom Greifenfries und vom Kranzgesims, am Boden umherliegend. L. hinten eine Ecke der 
Vorhalle, Säulen, Fries, Kranzgesims. 

*Die alte Bezeichnung 35 fehlt; abgeschnitten! 

22 v Linker Arm. Bleistiftzeichnung, anscheinend nach dem Leben. 

23 (36) Apoll vom Belvedere und zwei Brunnen. 

R. an einer bewachsenen Wand <?) eine kolossale bärtige Satyrmaske mit hohlen Augensternen und 
weit geöffnetem Munde, aus dem ein dünner Wasserstrahl sich in b) einen einfachen Sarkophag er- 
giefst. Dessen Vorderseite ist in fünf Felder getheilt, an jedem Ende ein Jüngling mit Chlamys (Dioskur?), 
in der Mitte eine geflügelte Gestalt (Eros!), dazwischen ein eingerahmtes Feld mit gewundenen Riefeln; 
auf der allein sichtbaren Seitenfläche in ganz flachem Relief zwei gekreuzte Speere, von einem runden 
Schild bedeckt. Der Sarkophag ruht auf dem Rücken c) zweier ägyptischen Sphinxe mit Calantica 
(Vorderbeine des einen abgebrochen). Man kann an Fichards Beschreibung der Engelsburg erinnern 
(S. 52) : inferius prope ingressum primarum portarum adiunetum habet amoenissimum hortum ... in eo 
Sphinges II masculus et foemina forma solita sculpti videntur. — Im Hintergrund in der Mitte </) der bel- 
vederische Apoll auf niedriger Basis (1. Hand ergänzt, die rechte ruht nicht auf dem Stamm). 
Links e) eine Zusammenstellung von Fragmenten, darunter ein vorn mit einer Reliefmaske versehener 
Block und darüber ein liegendes Thier, beide Wasser speiend; davor f) ein Cippus mit Reliefandeu- 
tung unter der Inschrift der Vorderseite und auf der einen Nebenseite. - — Der Apollon spricht vielleicht 
für Brunnen im vaticanischen Garten, aber gewifs nicht im belvederischen Hofe. 

23" Körper, Schenkel, Fufs. Bleistiftzeichnung. Anscheinend nach dem Leben gezeichnet; 
bei dem sitzenden Körper ist der linke Arm weggelassen wie bei einem zerbrochenen Torso, aber ohne 
Angabe einer Bruchfläche. 

24 (37) Ansicht eines statuengeschmückten Gartens. 

Vorn links eine nischenartige gewölbte Halle mit Pilasterarchitektur; in der Wand zwei Nischen mit 
kleinen Statuen: d) kurzbekleidete Artemis? b) weibliche Gewandfigur; in der Mitte der Halle auf 
profilierter viereckiger Basis c) ein thronender Zeus mit Schemel unter den FUfsen und verziertem 
Stuhlbein an dem als Thron dienenden Block (nicht in Overbecks Kunstmythologie). Oberkörper nackt, 
bärtiger Kopf mit auf die Schulter herabfallender Haarbinde vollständig erhalten, r. Arm , vom Körper 
weggestreckt, in der Hälfte des Oberarms gebrochen. L. Arm gesenkt und gebogen (Hand fehlt); 
der Mantel fällt von Schulter und Arm herab, ein Zipfel sinkt zwischen den vom Mantel ganz be- 
deckten Beinen abwärts. Die untere Hälfte nebst Thron, Schemel, Basis entspricht so genau einem 
Neapler Torso (Mus. Borb. IV, Titelk.), dafs man in diesem den Rest jener Statue erblicken würde, 
stammte der Torso nicht aus Herculaneum. — Von der Halle aus läuft nach hinten eine Mauer mit drei 
grofsen gewölbten Nischen; in der ersten ist d) eine männliche Kolossalstatue theilweise sichtbar, 
mit kurzem Chiton und eigentümlich geschürztem Mantel; 1. Hand gebrochen, r. Standbein, 1. Knie 
gebogen, hoher Stiefel. — Im Hintergrunde eine Mauer mit grofser Thür, davor auf Basen zwei Statuen 



Heemskerck I, Blatt 20 v — 25. 



139 



von kolossaler Gröfse: links, von einem Baume meistens verdeckt, e) ein nackter Mann in polykle- 
tischer Schrittstellung, r. Arm gesenkt, Kopf und 1. Arm nicht sichtbar; rechts/) Herakles, mit 
vorgesetztem 1. Fufs rasch ausschreitend, r. Arm gesenkt und etwas vorgestreckt, Keule über der 1. 
Schulter, Kopf etwas gegen seine Rechte gewandt. — Ich vermag weder die Lokalität nachzuweisen, 
noch eine der Statuen mit Sicherheit zu identificieren. 

24 v Drei Schiffe. Das vordere gibt ein anschauliches Bild eines Kauffahrers mit lateinischer 
Takelage. Verwischt. 

25 (33) Der Garten des Palastes Cesi im Borgo (Fig. 2). 




Fig. 2. Giardino Cesi. 



Die Lokalität wird durch einige Denkmäler, besonders aber durch die Beschreibung Aldrovandis S. 124 ff. 
sicher gestellt, jedoch zeigt dessen abweichende Anordnung, dafs zwischen Heemskercks und Aldro- 
vandis Zeit eine theilweise Umstellung stattgefunden hat. Diese wird theils in neuen Funden (s. Basel 
7, a. b) theils etwa darin ihren Grund gehabt haben, dafs der Gründer Card. Paolo Emilio 1537 starb; 
sein Erbe war sein nicht minder kunstsinniger Bruder Federico, Cardinal seit 1544- 

a, V) Zwei gefangene Barbaren, noch ohne die Köpfe (Aldr. S. 128: intieri), die sie ver- 
muthlich erhielten , als sie zu beiden Seiten der thronenden Roma über der »Dada captaa. aufgestellt 
wurden. So schon in einem Stich bei Lafreri von 1549, bei Aldrovandi und weiter; die gleiche Auf- 
stellung ward 1720 bei der Versetzung in den Conservatorenpalast beibehalten. Caval. I. II, 2of. 
VaCcar. Clarac V, 852, 2161 D. E. Dazwischen 

c) runde Ära mit Masken und Guirlanden; darauf 

(/) kleiner Togatus mit Scrinium. 

e) Silen, jetzt in Villa Albani n. 924; aus seinem Schlauch strömt Wasser in 

/) ein Marmorbecken (Herakles im bakchischen Kreise, Zoega II, 71 f.), später in V. Albani, 
jetzt im Museum Torlonia n. 279. Bei der Neuordnung erhielt Silen seinen Platz im Becken, s. Aldr. 
S. 124 und zahllose Abbildungen vom Cod. Coburg, n. 96, Lafreri (Stich von 1581), Cambr. Bl. 52 an 
bis auf Sandrart, Admir. Taf. PP. Vgl. die Litteratur bei Schreiber, Arch. Zeit. 1879 S. 65 n. 274. 

g) Cippus. Auf der einzig sichtbaren Seite glaubt man den feisten Silen zu sehen, von 
vorn, im Schurz, die L. gesenkt, mit der R. den Korb auf dem Kopfe anfassend. 



IAO Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

li) Sarkophag. Vorn in der Mitte und an den Ecken je eine Figur; Nebens. : weidendes 
Thier (Hirsch?). Darüber an der Mauer 

i) eine Schnecke, darüber in einer Nische 

k~) ein nackter Knabe mit Krug auf der 1. Schulter (vgl. Clarac IV, 755, 1844. Righetti, 
Campid. II, 286). Vgl. Heemsk. II, 62 v . Cambr. 6 und Aldr. S. 126: in capo di questa strada del giar- 
dino a man dritta vi e un fönte, nel quak cadono le acque da una lumaca di manne* ; e poea sopra questa 
htmaea e un putto con una urna in collo in atto di versare giu acqua. 

I) Niedrige umrahmte Basis mit Andeutung von Relief am 1. Ende; darauf 

m) liegende Figur, halbbekleidet, anscheinend weiblich. Nymphe? Grabstatue? Vgl. jedoch 
Aldr. S. 127: un fiume che giace mezza ignudo sopra una pila antica. 

n) Hoher Cippus; darauf 

o) Kindersarkophag mit unkenntlichen Reliefs; darüber 

/) Platte oder Urne mit Jeicht angedeutetem Relief. 

25» Die ihre Sandale ordnende sog. Aphrodite. 

Exemplar der von Bernoulli, Aphrodite S. 329fr. besprochenen Composition in zwei ausgeführten Zeich- 
nungen (von vorn und von hinten) und einem Umrifs (von der Seite). Vollständig (1. Hand nicht sicht- 
bar), aber offenbar z. Th. ergänzt. Band im reichen Haare, Spangen an beiden Oberarmen; 1. Arm 
(modern?) gehoben und im r. Winkel gebogen, von ihm fällt ein shawlartiges Gewand herab; 1. Schenkel 
gegen einen (nur angedeuteten) Pfeiler gelehnt; r. Hand vorn an das emporgezogene 1. Schienbein ge- 
legt. Es scheint mir fraglich, ob mehr als der Torso antik war. 

26 (39) Vier Statuen, vielleicht aus Giardino Carpi auf Monte Cavallo. 

a) Herakles in der Stellung des farnesischen ; Arme fehlen z. gr. Th., Keule und Fell unter 
dem 1. Arm nur leicht angedeutet. Aldrovandi S. 296 nel giardino del Card, di Carpi: un Hercole ignudo 
intiero, poggiato col braccio maneo su la clava sua; la quäle viene da la pelle del leone coverta, e st.i sopra 
un tronco: l' Hercole tiene la sua mano dritta a dietro (anscheinend inzwischen ergänzt). Vgl. Cambr. 
8. 9 »Cardinale de carpe«. 

b) Nackte männliche Statue von vorn, r. Standbein, 1. etwas zurückgestellt; r. erhobener 
Arm abgebrochen, auf der 1. Schulter und um den 1. Unterarm (z. gr. Th. fehlend) ein shawlartiges 
Mäntelchen. Der ziemlich stark gehobene Kopf (Portrait?) unbärtig. Füfse nicht mit gezeichnet. 

c) Feldherr in Panzer und Mantel, von seiner r. Seite aus gesehen. L. Standbein, r. ge- 
bogen; r. Arm am Leibe, am Handgelenk vom Mantelzipfel umwunden. Unbärtiger Kopf, bekränzt, 
mit in den Nacken fallendem Diadem. Vermuthlich nicht ohne Ergänzungen. Dieselbe Statue im Cod. 
Berol. Bl. 61 von vorn, flüchtig gezeichnet. 

d) Heraklesherme, von den Hüften aufwärts in den Körper übergehend. Das Löwenfell 
fällt von 1. Schulter und Arm tief herab; Kopf und r. Arm fehlen. Vgl. Aldrovandi S. 297: nel giar- 
dino del Card. Carpi: ne l'ottavo luogo e un Termino; et e uno Hercole col petto ignudo, e con la spoglia 
del leone su la spalla manca; c col piede di lui pendente: e tiene la mano appoggiata al fianco (inzwischen 
ergänzt?). 

26 v Verschiedene Antiken. 

ä) Rundes Cinerar, cylinderförmig. Eingerahmte Inschriftplatte; daneben Relief: Amor nach 
links auf einem Delphin reitend mit zum Schlage erhobenen r. Arm, 1. gesenkter Arm z. gr. Th. 
gebrochen. 

b) Sarkophag. L. Nebenseite: Löwe nach r. stehend (Leib mit einer Binde umbunden) 
packt mit der 1. Vordertatze einen unter ihm am Boden liegenden Eber, der den Kopf rückwärts empor- 
richtet. Der Kopf des Löwen oben an der Sarkophagecke ist so voll ausgearbeitet, dafs er offenbar als 
Apotropäon wirken soll. Von der stark verkürzten Vorderseite erkennt man nur ein Portraitmedaillon 
als Mittelstück und darunter eine nach 1. gewandte Maske, endlich an der anderen Ecke die Andeutung 
des zweiten Löwenkopfes. 

c) Muse im hochgegürteten Chiton und mit einem Mantel über Rücken, Schulter und 1. Arm; 
im 1. Arm eine Kithar. L. Standbein,, r. Knie leise gebogen. Kopf, r. Unterarm, Theile der Kithar 
fehlen (1. Arm verdeckt). Nur bis unter die Kniee gezeichnet. Sehr ähnlich Clarac III, 354, 1067 
(Borghese, Louvre). 518, 1062 (Stockholm). 520, 1065 (Vatican). 



Heemskerck I, Blatt 25 v — 29 ». j^j 



</) Daphnis aus der bekannten Gruppe von Pan und Daphnis (Olympos); leichter Umrifs, 
ohne eine Andeutung des Pan. Wohl sicher die jetzt in Florenz befindliche Einzelfigur (Uff. n. 232. 
Clarac IV, 726 B, 1736 F), die aus Pal. della Valle stammt, s. Aldrovandi S. 214 un pastore assiso 
sopra un tronco, e sta in atto di sonare. Die starke Neigung nach hinten, die Gestalt des Felsblocks, 
die Form der Syrinx, der anscheinend vollkommene Erhaltungszustand sprechen dafür. Andere Exem- 
plare s. bei Jahn, Bilderchron. S. 41 Anm. 272. Schreiber, Villa Ludovisi n. 175. Heydemann, Pariser 
Antiken S. 14 n. 18. 

e) Skizze aus einem decorativen Relief: Vase und Ranken. 

27 (40) Der obere Theil des Hofes von Casa Galli, bei der Cancelleria. 

Die Bezeichnung ergibt sich aus der Vergleichung mit I, 72? Zum Hause vgl. Flam. Vacca n. 30. 

a) In der Mitte auf einem Säulenstumpf eine dicke oblonge Platte, darauf eine schlafende 
Nymphe, unten bekleidet, oben nackt, mit dem linken Arm auf eine Urne gestützt, den r. Arm (mit 
Armband am Oberarm) quer über die Brust auf die 1. Schulter gelegt. Füfse und einige Finger der 1. 
Hand abgebrochen. Im Motiv entspricht so ziemlich die Figur Lansdowneh. 13 (Clarac IV, 750, 1829A). 

b) Links daneben am Boden der Panze r einer grofsen Panzerstatue (Kopf, Arme, Beine fehlen); 
stark verkürzt. Kein Paludamentum. Die langen schmalen Schulterklappen sind mit kleinen Schuppen 
bedeckt. Auf der Brust ein Gorgoneion mit ausgebreiteten Flügeln über dem Kopf. Darunter ein kande- 
laberartiges Ornament, umringt von zwei auf Ranken stehenden geflügelten Greifen mit zurückgewandten 
gehörnten Köpfen. Von der Nabelgrube abwärts eine Palmette. Die rundlichen Schuppendecken des 
Gürtels sind mit Masken, die breiten umränderten TXT^puye; mit reichen ornamentalen Reliefs versehen. 
Vgl. Clarac V, 839, 2103. 21 12. 957, 2463. Bonner Studien Taf. 2, 1 (v. Rohden). 

Auf der sehr niedrigen Umfassungsmauer des Hofes: 

c) Männlicher Torso mit Chlamys um den Hals, mit Einschlufs der Ansätze der gesenkten 
Arme und der Beine. 

d) Kleiner nackter Torso, wohl der Aphrodite. 

e) Ein paar kleinere undeutliche Stücke. 

/) Löwenkopf mit Platte darüber, von einem Trapezophor. 

g) Liegende Sphinx. Davor, vorne r., ein paar abwärts führende Stufen (vgl. I, 72). 

28 Kopf des vaticanischen »Tigris« [Mus. Pio Clem. I, 37), angeblich von 
Michelangelo. Grofs. Vgl. I, 62. 

28 v (4i)Grofses Compositakapitell, umgekehrt am Boden liegend; links hinten 
ein Theil des Colosseums. 

Das Kapitell ähnelt mehr dem des Severusbogens als dem des Titusbogens , ist aber mit keinem von 
beiden identisch. 

29 Ansicht aus dem Velabrum. 

Vorn Blick auf eine Ausgrabung halbverschütteten Gemäuers (dabei eines halbrunden Baues) , wohl am 
Abhänge des Palatins; hinten der sog. Janus Quadrifrons mit seinem mittelalterlichen Aufsatz, 
weiter rechts der »Bogen der Goldschmiede« und die Kirche S. Giorgio in Velabro. 

29' (42) Antiken der Sammlung Santacroce bei Piazza Giudea (Fig. 3). 

ä) In der Mitte die Satyrstatue, jetzt in der Villa Antinori Matz-Duhn 417 (Clarac IV, 
726 H, 1791B; nacheinander in der Villa Julius III, Pal. Altemps, vgl. Ann. 1883 S. 139 Anm. 2). 

l>) Rechts davon die Amazone die von ihrem gefallenen Pferd steigt, jetzt in Pal. Patrizi, 
Matz-Duhn 948 (vgl. Docum. ined. IV, 446), in älteren Zeichnungen (Cod. Cob. n. 13. Cod. Pigh. n. 22. 
Cambr. Bl. 35) und bei Cavall. III. IV, 44 (im Gegensinne) im Hause Santacroce (vgl. Robert, Sark.-Rel. 
II S. 83). 

c) Kleinere Bruchstücke, darunter zwei Köpfe von Bären(r). 

d) Nackte männliche Statue mit Kopf; Beine anscheinend am Knie gebrochen, Stütze am 
r. Bein sichtbar, Arme fehlen. Gegen die Wand gelehnt, vom Rücken sichtbar. 

e) Grofser nackter männlicher Torso, anscheinend mit ein paar langen Locken auf den 
Schultern. Vielleicht identisch mit Cambr. Bl. 38. 

Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. I I 



142 



Michaelis, Römische Skizzenblicher nordischer Künstler. 




Fig. 3. In Casa Santacroce. 



f) Kleiner Sarkophag, nur z. Th. sichtbar; vorne links eine Sonnenuhr(?), zwei stehende 
Knaben oder Jünglinge ringend (?), Andeutung einer weiteren Figur. 

g) Links von a Mithras auf dem Stier knieend, an dem vorne der Hund sichtbar wird. 
h) Kleine viereckige Basis mit Widderköpfen und Guirlanden. 

i) Stück eines ovalen Sarkophags mit grofsem Löwenkopf, anscheinend Stück eines ganzen 
Löwen (vgl. I, 26 v , b). 

h) Löwenkopf, ähnlich. 

/) Kleine auf dem r. Knie kniende Figur, in Motiv und Gewandung nicht unähnlich der 
Amazone bei Cavall. III. IV, 43, doch scheint sie nicht identisch (vgl. zu I, 47, a) und ist vielleicht 
eher männlich. Von den attalischen Weihgeschenken} 

m) Undeutliche Fragmente. 

Vgl. Aldrovandi S. 236: In casa di M. Valerio dalla Croce , presse a piazza Giudea. Dentro il 
cortiglio si trova prima un torso di Hercole maggiore del naturale [e], Poi segue im cavallo bettissimo, che 
sla in alto di cader e : ha in vece di sella, una pelle ; sopra la quäle sta a cavallo 11 na donna Amazone vestita 
secondo l'usanza di quel tempo [b'j. Si veggono sopra una basi [noch nicht in der Zeichnung] poste due belle 
teste di orsi \c\ Vi e ancho una testa di leone \i\ kf\. Vi si vcde Pane idio di pastori ignudo, fuori che 
si ovo Ige sopra una pelle di animale: sta poggiato in un tronco, nel quäle i attaccata una sampogna di otto 
canne [«]. Segue poi un toro sforzato, e posto a terra da uno huomo, che li sede apresso [g]. Sono appresso 
duo torsi piccioli antichi [l m~\. E poi una pila scolpita della caccia di Afeleagro [_/"? r], 

30 (43) d) Ein lebhaft bewegter und ein am Boden sitzender Mann (nach Michelangelo:). — b) Ein 
Gesimsprofil und eine Hängeplatte. — c) Ein Rind (nach der Natur). 

30* Hermen und Architekturfragmente. 

a, b) Zwei Hermen mit vollständigem Oberkörper (Kopf und r. Arm fehlen), a mit dem 
Löwenfell um den gebogenen 1. Arm (Herakles), b mit einem Mantel der den 1. Arm ganz verdeckt. 

c) Architekturfragmente mit Zahnschnitt, Stück korinthischen Säulenschaftes, grofses Stück 
Kranzgesims mit Consolen. 



Heemskerck I, Blatt 30 — 34. 143 



31 (44) Herme. Stiefel. Kopf. 

a) Hermenschaft mit Glied und Schulterloch und bärtigem Portraitkopf. 

b) Reich verzierter Stiefel des »Genius« in Neapel (s. I, 58, a). Vgl. I, 65 v . Röthei- 
zeichnung. 

c) Bärtiger Portraitkopf mit hoher Stirn, wohl griechisch. Ziemlich stark von unten gesehen. 
Rötheizeichnung. 

31 v Gefäfshenkel von dem Krater I, 36. 
Aufserdem drei leichte Skizzen von Kühen, stark verwischt. 

32 (45) ä) L. Fufs mit Riemenschuh. 

b) Ansicht der sog. Porticus der Octavia. 

Einblick durch den Bogen in das anscheinend bedeckte Innere der Halle, in deren Ecke ein grofser sar- 
kophagartiger Bau sichtbar wird. Aufsen auf dem Eckpilaster neben dem steilen Giebel unförmlicher 
Rest eines Akroterion. Die Inschrift nur angedeutet. 

32 v a) Trapezophor mit zwei Greifen [chimere). 

Die Vordertheile der Greifen sind geflügelt; Löwenköpfe gehörnt. Zwischen den Greifenbeinen Ranken 
leicht angedeutet. Vgl. I, 74, c. Vielleicht in S. Gregorio, Matz-Duhn 3708. 
b) Bein (nach der Natur). 

33 (46) Drei weibliche Statuen (aus Giardino Cesi?). 

ä) Bacchantin im langen Chiton mit Überschlag, mit dem 1. Bein leicht vortretend, ein 
flatterndes Mäntelchen hinter dem Rücken, um den 1. Arm und den r. Unterarm. In der r. Hand eine 
Traube. L. Hand und Kopf fehlen; reiche Haare im Nacken. Der 1. Fufs ist in der sehr verwischten 
Zeichnung nicht deutlich erkennbar, doch scheint er ein wenig gehoben und unter der Ferse der Rest 
eines Krupezion angedeutet zu sein. Die im Profil nach r. gezeichnete Figur steht hinten an einen vier- 
eckigen Pfeiler angelehnt. Heemskercks Zeichnung ist nicht ganz genau und im Gegensinne gestochen 
von Episcopius, Parad. graph. Taf. 36, Fig. 4. Vielleicht identisch mit Cavall. I. II, 26 »Seme/e ibidem«, 
d.h. in aedibus Caesiis; vielleicht = Aldrov. S. 135 una Pomona vestita in pie. Von dort kam die Statue 
anscheinend in das capitolinische Museum (Clarac IV, 697, 1642)1 s. Rom. Mitth. 1891 S. 57 Anm. 196. 

b, c) Schöne Gewandstatue von vorn und im Profil nach r. Beide Zeichnungen im Gegen- 
sinne gestochen bei Episcopius a. a. O. Taf. 36, Fig. 6 und 7. Oberkörper leise vorgeneigt, 1. Fufs vor-, 
r. zurückgesetzt, beide Kniee etwas gebogen : lebendiges Motiv eines leisen Herantretens. Chiton sehr 
hoch gegürtet; der Mantel liegt auf 1. Schulter und Oberarm, hängt im Rücken breit und tief herab, 
bedeckt das r. Bein um das Knie herum mit reichen Falten, während die obere Hälfte des Schenkels 
frei bleibt, und zieht sich dann quer über den 1. Schenkel wieder empor. Das ganze ungewöhnliche 
Motiv erinnert an gewisse kleinasiatische Statuen aus hellenistischer Zeit (vgl. Anc. marbl. in Gr. Brit. 
S. 543. Clarac V, 978 D, 2524 1). Kopf, Unterarme, 1. Fufs fehlen. Etwa =: Aldrovandi S. 125 (Giard. 
Cesi) : Ag)'ippina intiera (d. h. mit ergänztem Kopf?) in pie vestita a tantica ... E bellissima statua, tna 
non ha braccial 

d) Löwenk öpfige ägyptische Göttin mit Uräus und Scheibe, stehend, im eng anschliefsen- 
den Gewand , an einen Pfeiler angeschlossen. Vgl. etwa Clarac V, 984 B, 2540. Arme und Unterbeine 
gebrochen. Das Stück wird von Aldrovandi nicht erwähnt, dagegen kennt er in der Sammlung Cesi 
andere ägyptische oder anscheinend ägyptische Skulpturen, due Sphingi di pietra bruniccia (S. 128), un 
Leone di mischio rosselto (? S. 133)! duo leoni di pietra rossiccia (S. 135)- 

33 T Kinderkopf, von oben und von hinten, und r. Arm. Rötheizeichnung. Der Kopf erinnert 
an Satyrknaben, aber das Ohr ist menschlich gebildet. Wohl kaum nach einer Antike. 

34 (47) Zwei sitzende Musen. 

d) Typus der vaticanischen »Kalliope« (Clarac III, 536, 1 1 13 ; zweimal in Madrid n. 54. 55. 
Clarac III, 529, 1100. 536, m 5). Kopf, r. Unterarm, drei Viertel des 1. Arms fehlen; der Mantel an 
der Ansatzstelle des 1. Arms zerbrochen; r. Fufs unsichtbar. 

i) Typus der vaticanischen »Terpsicho re« (Clar. III, 517, 1056; auch in Oxford n. 31. Cla- 
rac III, 519, 1063 A). Kopf, Arme z. gr^Th., ein Hörn der Lyra halb, das andere ganz, Füfse fehlen; 

II* 



1A.A Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

der 1. scheint, nach der glatten Schnittfläche zu urtheilen, aus einem besonderen Stück Marmor bestan- 
den zu haben. 

In beiden Figuren sind die Falten, besonders in den herabhängenden Theilen des Mantels am 
1. Bein, von sehr reicher Wirkung und zeigen keine erheblichen Verletzungen. Sie gehören wohl zu- 
sammen mit den Statuen auf Bl. 34 v . 
34 v Vier weibliche Gewandstatuen. 

ä) Sitzende Muse vom Typus der vaticanischen »Thaleia« (Clarac III, 509, 1025; auch in 
Dresden n. 34. Clarac III, 522, 107 1). Kopf (Hals ausgehöhlt), drei Viertel des r. Arms, 1. Arm vom 
Mantel an, 1. Fufs und alle Attribute fehlen. Die Falten im Schofs viel reicher als im vaticanischen 
Exemplar. 

/') Sitzende Muse vom Typus der vaticanischen »Kleio« (Clarac III, 500, 985; auch in Madrid 
n. 51. Clarac III, 526, 1089). Kopf fehlt (Hals ausgehöhlt). Von beiden Armen sind nur die Ansätze 
erhalten; diese, wie die etwas gehobene 1. Schulter und die Bewegung des Körpers gegen seine rechte 
Seite scheinen auf Spiel eines Saiteninstruments (vgl. die »Terpsichore«) zu führen; der 1. Arm mag auf 
dem Steg der Kithar geruht haben. Von einer Rolle keine Spur. Füfse nur leicht angedeutet, fehlten 
wohl. Reichere und lebendigere Falten als im vaticanischen Exemplar. 

r) Sog. Niobide, vermuthlich die farnesische Statue in Neapel n. 351 (Clarac IV, 590, 1276). 
Kopf, Arme fast ganz, anscheinend auch die Füfse fehlen. Der Theil des Mantels, der über den 1. Ober- 
arm herabfällt, stimmt mit dem Neapler, nicht mit dem Berliner Exemplar (n. 585. Arch. Zeit. 1844 
Taf. 19). 

d) (kleiner) Bacchantin, anscheinend die früher matteische Statue in Marbury Hall n. 10 
(Clarac IV, 694 B, 1623 A), nur ist der 1. Arm schon am Ellbogen gebrochen. Kopf und r. Arm fehlen 
fast ganz, Füfse nicht angedeutet; ebenso wenig ist in der kleinen Skizze von den Locken etwas sicht- 
bar. Ein anderes Exemplar der Statue scheint nicht bekannt zu sein. 

35 (48) Raffaels Psyche. Gewandstatue. 

a) Leichte Skizze der von Putti gehobenen, das Gefäfs emporhaltenden Psyche aus der 
Farnesina. 

b) Gewandstatue ungefähr im Typus der capitolinischen »Immortalitas« (Clarac IV, 767, 1894. 
Cavall. I. II, 77> früher im Vatican) und der vier Kolossalfiguren in der Loggia dei Lanzi (Cavall. I. II, 
81. 83, aus Pal. Valle), doch bedeckt der Mantel den ganzen r. Oberarm und hängt von dem vorge- 
streckten Unterarm beiderseits herab. Die Statue ist quer durch die Oberschenkel in zwei Stücke ge- 
brochen; Kopf und beide Hände fehlen. 

c) Unterstes Stück einer ähnlichen Statue mit r. Standbein. 

d) Hintere Hälfte einer Sphinx. 

e) Reichverzierte Volute eines (Composita-f) Kapitells. 

35 v Pferdestudie. Togatus. 

d) Hinterschenkel eines Pferdes, wahrscheinlich von der Erzstatue Marcaur eis (vgl. I, 56, a. 
63 v, a . b. 75). 

b) Togatus auf einer viereckigen Basis; Kopf, r. Arm fast ganz, 1. Hand fehlen. 

c) Einige leichte Umrisse, darunter ein Straufs, auf dem zwei nackte Knaben sitzen, von einer 
langbekleideten Figur geführt (vgl. I, 50, b). 

3G (49) Vase. Rest des aurelianischen Sonnentempels. 

d) Grofser Krater mit steifen dünnen Henkeln, oben in spiralartige Windungen auslaufend 
(vgl. 1, 31 v ). Abg. Piranesi, Fast, Candelabri etc. Taf. 37 »nel cortile del Monistero di S. Cecilia in 
Trastevere 1. 

b) Ansicht des sog. frontispkium Neronis im Giardino Colonna (vgl. I, 9); am Fufse desselben 
ein verfallenes Gewölbe. 
36 v Kopf des Apollon vom Belvedere. 

Zwei Ansichten, von vorn und im Profil nach r. ; grofs und ziemlich ausgeführt. 

37 (50) Isispriesterin? Vase. 

d) Oberkörper einer Isispriesterin (?); der befranzte Mantel von der r. Schulter quer herab- 
gezogen und vor der Brust geknotet; 1. Brust vom Mantel nicht bedeckt, der von der Schulter am Arm 



Heemskerck I, Blatt 34 v — 41 v . 145 



herabfällt. (Im Allgemeinen vgl. Clarac V, 994, 2574 G.) Kopf mit Binde, ohne besondere Abzeichen. 
Quer über den Leib gebrochen. Das Fragment ist auf einer niedrigen Basis mit einem Cardinalswappen 
(schräg liegender Balken) befestigt. 

b) Krater, demjenigen auf I, 36 ähnlich (vgl. Clarac II, 172, 129); unmittelbar unter dem Rande 
einige schwebende nackte Kinderfiguren. 

<r) Im Hintergrund ein Cippus und einige Figuren. 
37 v Studien nach nackten sitzenden Kindern (besonders Beine). 5 Feder- und 2 Röthei- 
zeichnungen. 

38(5i) Odysseuskopf. Löwenköpfe. Ziegenbocksschädel. 

a) Ausgeführter lebendiger Odysseuskopf mit PKos, um den Hals Andeutung der Chlamys, 
Knopf auf r. Schulter. Anscheinend von einer Statue, vielleicht der pamfilischen (Clarac V, 833 A, 
2087 A). 

i) Löwenkopf mit Ring im Maul (Thürklopfer?), von vorn und von der Seite. 

c) Schädel eines Ziegenbocks mit grofsen Hörnern, nach der Natur. (Vgl. I, 20 v .) 

38 v Von den Dioskuren von Monte Cavallo. 

Vom Opus Praxitelis: d) Stück des Rückens und r. Arm (vgl. I, 43 v ); vom Opus Fidiae; b) 1. Knie, 
c) r. Arm. 

39(52) Kopf des Laokoon. 

Grofse ausgeführte Zeichnung. Einzelne Locken an den Enden gebrochen. 
39v Köpfe. 

a) Römischer Portraitkopf von strengem Ausdruck, mit kurzgeschorenem Bart (3. Jahrh. 
n. Chr.:). 

b) Langgelockter Kopf, leicht geneigt, an Barbarentypen erinnernd, andrerseits auch an den 
Kopf Bonner Studien Taf. 8. 

40 (53) Elephantenbrunnen. Landschaft. 

<?) Der El ephan tenkopf von I, I9 V , von vorne gesehen, speit Wasser in einen Sarkophag 
(Knaben Fruchtgewinde tragend, darüber zwei Masken; nur 1. Hälfte gezeichnet). Vom Elephantenkopf 
zieht sich ein Fruchtgehänge nach 1. herab. Oben Andeutung einer halbrunden Wölbung mit Nische. 
Offenbar nach einer wirklichen Anlage gezeichnet. Bleistiftbemerkung (von Destaillcur?) am Rande: 
Fontaine a V. Madamaf Dies scheint bestätigt zu werden durch Cambr. Bl. 54". 

b) Leichte Skizze eines Hügels, darauf ein Kastell, mit halbverfallenen Gewölben am Fufse. 
Bleistiftnotiz am Rande des Blattes: Quirinal giard. Colonnaf, schwerlich richtig. 

40 v Fufs. Skylla. Sarkophag. 

d) L. Fufs mit leichter Bekleidung (oben darauf ein Medusenkopf), die die Zehen frei läfst. 

b) Trapezophor in Neapel n. 208 {Mus. Borb. I, 48. Mon. ined. d. Inst. III, 52, 3), ursprüng- 
lich wohl in Casa Sassi (s. Heemsk. III, 3, g), dann in Villa Madama (Winckelmann, Mon. ined. 37 im 
Gegensinne). Die Zeichnung, in blofsen Umrissen, zeigt die Skylla (1. Arm fehlt), den Hund mit dem 
gepackten Menschen vor ihr, und in der Verkürzung an der Langseite zu ihrer Rechten einen weiteren 
Hundekopf mit Unterschenkel im Rachen, die Schwanzwindungen mit dem menschlichen Unterkörper (r. 
Bein fehlt z. Th.); ganz hinten den Kentaur mit Fell (Vorderfüfse scheinen zu fehlen). — Auch Cod. 
Cob. 34. Cod. Pigh. 50. 

c) Moderner Sarkophag mit liegender Frau darauf (klein). 

d) Ecke eines ähnlichen mit sphinxartigem Fufs. 

41 (54) Kopf. Doppelherme. 

a) Bärtiger Kopf (eines griechischen Dichters ?) mit schmaler Binde quer über die Stirn und 
leichtem Epheukranz ; Augen hohl. Sehr ähnlich der Kopf bei Lafreri (Ach. Statius) Inlustr. viror. vul- 
tus, 1568, Taf. 23 »apud Ioannem Antonium et Vincentium Romanost. 

b) Doppelherme eines bärtigen Bacchus und eines jugendlichen (eher als weiblich), beide 
mit Stephane. 

41 v Kopf des vaticanischen Herakles (»Commodus«). 

Grofse ausgeführte Zeichnung, von vorn und im Profil nach rechts. 



j^j.6 Michaelis, Römische SkizzenbUcher nordischer Künstler. 

42(55) Vier Figuren. 

a) Jüngling, von vorn; 1. Standbein mit stark ausladender Hüfte; ein Mantel liegt auf der 
rechten Schulter und fällt über den r. Oberarm und breit hinter dem Rücken herab; r. Unterarm, im 
rechten Winkel gebogen, fehlt. Das lockige Haupt ist mit traurigem Ausdruck nach r. (vom Beschauer) 
geneigt; dem entspricht die gesenkte Fackel in der L. Die Figur ist schwerlich antik. 

b) Weibliche Gewandstatue im blofsen Chiton, hochgegürtet, von vorn. R. Standbein, 
Hüfte stark ausladend; das 1. Bein stark gebogen, das Knie etwas einwärts. Kopf mit reichem Haar 
und schmaler Stirnbinde blickt vorwärts. Beide Arme fehlen, der r. war gesenkt, der 1. (Schulter geho- 
ben) etwa wagerecht gehalten, vermuthlich auf irgend etwas gestützt. 

c) Weibliche Gewandstatue, im Profil nach rechts, Kopf und Arme fehlen. L. Standbein, 
r. Fufs zurückgestellt. Ungegürtetes dorisches Gewand, r. offen, Steilfalten und Zickzackränder in freier 
Behandlung. 

d) Alte Frau, nach r., ganz in den Mantel gehüllt, mit dem r. Fufs vortretend; r. Unterarm 
tritt etwas emporgestreckt aus dem Mantel hervor. Von einem Relief (Bestattungsscene?) entnommen? 

42« Ponte Quattro Capi. Gewandfigur. 

a) Ansicht des Ponte Quattro Capi (P. Fabricius), stromaufwärts, mit Durchblick auf den 
Ponte Sisto; vorne im Flufs eine Mühle. 

b) Gewandstatue, im Profil nach 1., mit reichen Mantelfalten; Kopf und 1. Unterarm fehlen. 

c) Leichte Skizze eines Bauwerks mit Treppen aufsen an den Wänden. 

43 (56) Gewandstatue. Stieropfer. 

a) Frau im Chiton, ganz eingehüllt in einen dicken z. Th. franzenbesetzten Mantel, der beide 
Arme (r. vor dem Leibe, 1. leicht gebogen) verhüllt. Ungewöhnlich. Kopf fehlt. Wohl sicher identisch 
mit der Statue in Pal. Doria Matz-Duhn n. 1467 (Clarac V, 888, 2274E nicht gut). 

b) Kandelaber (drei Löwenfüfse, dreiseitige Basis mit je einer Relieffigur, schlankes Balau- 
stium mit Masken, oben eckige Schale) und rechts daneben ein Stier, mit untergeschlagenen Beinen 
linkshin am Boden liegend (Schnauze abgebrochen); auf seinem Rücken kniet mit dem r. Knie ein Eros, 
packt das eine Hörn mit der L. und sticht das Opfermesser von oben in den Kopf des Stieres. Wohl 
die r. Seite des farnesischen Reliefs in Neapel n. 527 (Lajard, Rech, sur Venus Taf. 14A, 10); vgl. 
Cod. Pigh. n. 47. Vgl. auch Matz-Duhn n. 3469. 

43 v Von denDioskuren von Monte Cavallo. Wandmalerei. 

o) Hinterschenkel eines Pferdes; b) Rücken und r. Arm des Dioskuren, Opus Praxitelis; vgl. 
I, 38 v . 64. Rötheizeichnung. 

e) Einige leichte Federskizzen, darunter eine sehr schlanke Säulenarchitektur, perspectivisch, 
offenbar einer Wandmalerei »dritten Stils« entnommen. 

44(57) Stieropfernde Nike. 

Nike nach r. auf dem am Boden liegenden Stier kniend, packt seinen Kopf (Maul gebrochen) mit der 
L. und zückt mit der gesenkten R. das Messer. Vgl. die Statue im britischen Museum Clarac IV, 638, 
1448 A. Ungefähres Gegenbild zu Clarac II, 224, 303. Im Felde davor leichte Skizze eines Kandelabers 
mit Tänien. Vgl. Mus. Borb. XII, Titelbl. (ebenfalls im Gegensinne). Einen berühmten Fries von stier- 
opfernden Niken und Thymiaterien im Hofe des Palastes della Valle nennt Zoega, Bassiril. II S. 41. 
Vgl. auch Matz-Duhn n. 3470fr. 

44 v Drei Pferdehinterbeine (anscheinend nach der Natur) und zwei Umrifsskizzen von 
nackten männlichen Körpern. 

45(58) Capitolinische Skulpturen. 
Facsimile: Rom. Mitth. 1891 S. 5 (Michaelis). Vgl. I, 61. II, 72. 

a) Der grofse Erzkopf, sog. Commodus, s. ebenda S. 14. 

b) Runde Basis mit Löwenköpfen; oben ein Loch. 

c, d) Nil und Tigris (später zum Tiber umgeformt; Tigerkopf deutlich, keine Zwillinge), 
s. ebenda S. 25 f. 29f. 33f. 

Im Hintergrund Engelsburg und Pantheon leicht angedeutet. 



Heemskerck I, Blatt 42 — 47. J47 



45 v Torso. Aktstudien. 

") JUngli ngstors o, nackt, mit Ansätzen des erhobenen r. und des gesenkten 1. Arms; Kopf 
fehlt; die Zeichnung endigt an den Schenkeln. Rötheizeichnung. 

b) Drei Naturstudien nach Beinen und Füfsen. Bleistiftzeichnung. 

46(59) Herme. Viereckige Basis. Torso. 

ä) An die Basis eines Pfeilers und einer Halbsäule gelehnt eine anscheinend weibliche Herme 
(nach der Form der Brust) , der Oberkörper und die Arme ganz in einen faltenreichen Mantel gehüllt 
(insofern vgl. Clarac IV, 591, 1286); r. Arm leicht gebogen, die Hand zieht den Mantel in der Nähe der 
Hüfte zusammen ; 1. Arm vor der Brust. Hübsche Faltenmotive. Kopf fehlt. 

b) Kleine viereckige Basis, nach unten ausgeschweift und an den Ecken in Sphinxe aus- 
laufend. Im Rclieffeld vorn r. Frau mit bogenförmig wallendem Mantel über Ranken nach r. stehend, 
links anscheinend auch eine bekleidete Frau. Oben Kymation mit Widderkopf an den vier Ecken. 
Oberfläche mit rundem Loch zur Aufnahme eines Kandelabers oder dgl. Wohl identisch mit Cod. Pigh. 
n. 90. Cob. n. 64 (Sommer- und Herbsthore), das zur Zeit Piranesis (Vasi Taf. 89) in der Farnesina 
stand (nicht Doc. ined. III, 192fr.); in Neapel? 

c) Am Boden grofser männlicher Torso, in zwei Stücke gebrochen: Unterkörper im Mantel 
mit 1. Standbein (r. Fufs fehlt), Oberkörper nackt mit Rest des gesenkten r. Arms (Kopf und 1. Arm 
nicht sichtbar). 

46 » Knabe. Torso. Rötheizeichnung. 

a) Knabe, nach r. , mit dem 1. Bein vortretend, r. Arm vorstreckend, Kopf emporgerichtet, 
auf der 1. Schulter das Ende einer Guirlande. Offenbar von einem Sarkophag (vgl. I, 40, d). 

b) Jünglingstorso, vom Rücken gesehen, sehr weich. Leicht nach r. gebogen. Kopf und 
fast die ganzen (gesenkten) Arme gebrochen, ebenso quer durch das Gesäfs. 

47 (60) Platz mit Antiken, offenbar aus einem Garten. 

a) Ganz vorn kniende Amazone, sehr ähnlich der bei Cavall. III. IV, 43 abgebildeten 
Amazon In aedibus lacobi Palutij Albertonij, eines römischen Nobile, dessen Museum pulcherrimis statiiis, 
nummis, libris rcfertum Cavalieri in der Vorrede rühmt (Aldrovandi noch nicht bekannt). Die Plinthe 
von unregelmäfsiger Form, ungegliedert. Darauf kniet die kurzbekleidete Amazone mit dem r. Knie 
(Fufs mit Sandale), r. Knie scharf gebogen und etwas erhoben (Unterschenkel scheint zu fehlen). Der 
Chiton läfst die kräftige 1. Brust und die Schulter frei und ist mit einem Zipfel durch den Gürtel 
gesteckt. Oberkörper vorgebeugt. Kopf und Arme fehlen. Anscheinend nicht sehr grofs; könnte zu 
den attalischen Weihgeschenken gehören. Vgl. I 29 v , /. 

b) Unklares Fragment, vielleicht von einer zugehörigen Figur. Plinthe wie oben. Darauf 
liegt oder kauert eine kurzbekleidete Figur, vorwiegend auf das eingeschlagene r. Bein gelehnt; ob 
männlich oder eine Amazone, läfst sich bei dem völlig abgesplitterten Oberkörper nicht sagen. Selt- 
samerweise steht neben dem rechten Schenkel der rechte Fufs einer stehenden männlichen Gestalt; 
diese kann wohl nur so ergänzt werden, dafs der 1. Fufs sich jenseits der liegenden Figur befand) diese 
also vor dem stehenden Manne hingesunken war. 

Diese beiden Stücke im Vordergrund; rings um den Platz ziehen sich von 1. nach r. folgende 
Stucke: 

c) Cippus mit Schädeln an den Ecken, daran Guirlanden, innerhalb dieser auf der einen 
Nebenseite ein Krater mit zwei Vögeln auf dem Rande, r. davon auf einer Hauptseite ein Gorgoneion. 

d) Puteal, um einen Baum gestellt, mit Reliefs; kenntlich sind 6 — 7 nackte oder kurzbeklei- 
dete Gestalten, die sich ziemlich lebhaft nach r. bewegen. 

e) Cippus, Nebenseite sichtbar. An den unteren Ecken nach hinten ein Adler, nach vorn 
eine sitzende Sphinx, an den oberen Widderschädel, eine Guirlande haltend, darin ein Krug (vgl. Clarac 
II, 253, 507). Auf dem Cippus: 

/) Doppelherme, bärtig und bartlos. 

g) Sarkophag. Vorne Portraitmedaillon, von schwebenden Eroten (nur der r. gezeichnet) 
gehalten; unter dem Medaillon gekreuzte Füllhörner. 
h) Hohe Herme mit spitzbärtigem Kopf. 



I48 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

i) Rundes Puteal oder Ära, ohne Reliefs. 

h) Grofser Cippus, nur halbe Vorderseite sichtbar: an der Ecke unten Doppelsphinx, sitzend, 
oben sog. Ammonskopf, eine Guirlande haltend. Innerhalb dieser eine Inschrifttafel mit Andeutung 
von Buchstaben, darunter ein Adler; unter der Guirlande ein kleiner Vogel. 
47* Fünf Pferdeköpfe. Naturstudien. 
48 (61) Ziegen. Naturstudien. 

48 v Drei arltike Fufsbekleidungen. Rötheizeichnung. 

49* Aktstudien. (Zwei Rücken und ein Knie.) Röthel- und Federzeichnungen. 
*) Die alte Bezeichnung 62 fehlt; weggeschnitten? 

50 (63) Relief. Naturstudien. 

a) R. Ende eines decorativen Reliefs, eingerahmt. Ein Eros, vom Schenkel abwärts in sehr 
reiches Rankenwerk auslaufend, das hinter seinem Rücken den ganzen Reliefgrund bis oben dicht aus- 
füllt, hält auf der L. ein Kästchen und erhebt die (abgebrochene) R. gegen ein schlankes, vielgeglieder- 
tes Thymiaterion ; 1. von diesem Rest eines Laubgehänges. Dann Bruch. Wohl zu den traianischen 
Reliefs gehörig (vgl. Benndorf und Schöne, Lateran zu n. 59). 

b) Ein Straufs nach der Natur. Beischrift »strus«. Vgl. I, 35», c. 

c) R. Handgelenk, stark gebogen; Aktstudie. Rötheizeichnung. 

50» Torso. Todesgenius. Rötheizeichnung. 

a, b) Kräftiger männlicher Torso, im Profil nach r. und vom Rücken, etwas gegen die 
r. Seite gebogen. R. Arm war horizontal gestreckt, 1. gesenkt. Kopf, Arme bis auf die Ansätze, Beine 
vom Schenkel an fehlen. 

c) Eros als Todesgott, das 1. Bein übergeschlagen, legt das schlummernde Haupt auf die 
r. Hand, die auf der 1. Schulter liegt; diese ist auf eine umgekehrte Fackel gestützt. Von einem 
Sarkophag. 

51 (64) Jüngling. Artemis. 

a) Vorwärts eilender Jüngling, im Stile Michelangelos; der 1. Arm hängt herab, der r. 
liegt vor der Brust. R. Bein nur theilweise angedeutet. 

b, c) Artemis, nach 1. und nach r. gewandt, auf niedriger runder Plinthe. Typus der Arte- 
mis Colonna (Berlin n. 59. Müller-Wieseler II, 16, 167); Kopf und beide Arme fehlen; oben am Köcher 
einige Linien, die möglicherweise zu flatterndem Haar gehört haben. 

51" Drei Torsi. Bein. Rötheizeichnung. 

d) Oberkörper wohl des farnesischen Apollon von Basalt in Neapel n. 222 (Clarac III, 
480, 921 B), der wegen seiner Locken für einen Hermaphroditen galt, vgl. Aldrov. S. 1 55 : un0 Herma- 

frodito di paragone, maggiore de/ naturale, i vestito dal mezzo in giii : ha capelli di donna, e si tiene il braccio 
dritte sul capo: Ha uno istrumento inusico appresso: e fu ritrovato in casa di AI. Fabio Sasso (s. III, 3, a). 
Cavall. I. II, 37 und Vaccarius: Hermaphroditus ex indice lapide Romae in aedibus Farnesianis. H.s Zeich- 
nung umfafst den Körper unten bis an die Grenze des Gewandes, den r. Oberarm; Kopf leise angedeutet, 
1. Schulter und Arm fehlen. 

b) Jugendlicher Torso mit Andeutung eines Mantels, der von der 1. Schulter neben dem 
Körper herabhängt. Kopf, 1. Arm, gesenkter r. Arm, r. Bein fast ganz, 1. Bein von unter dem Knie 
fehlen. 

c) Kräftiger Torso eines Apollon (?) mit langen Locken, 1. Standbein, r. vorgesetzt; im 
Profil nach 1. gezeichnet. Kopf, Arme, Unterbeine fehlen. Vielleicht aus Pal. Farnese, vgl. Aldrovandi 
S. 154: Un torso di Hermafrodito : non ha testa, ma si comprende, che havesse capelli da donna, und beson- 
ders S. 159: un torso di Hermafrodito ignudo : non ha testa, ne braccia, ne gambe; ma si conosce, che egli 
havesse chiome lunghe da donna. 

d) L. Bein von einer männlichen Statue, vielleicht von dem farnesischen »Gladiator« 
aus den Caracallathermen (Cavall. I. II, 28. Vaccarius. Aldrovandi S. 151). 

52 (65) Sitzende Frauen. Fufs. 

d) Sitzende Frau, auf viereckigem polsterbedeckten Sitz, von vorn gesehen. Uhgegürteter 
Chiton, Mantel über 1. Arm und Beinen (Mantelmotiv ähnlich wie bei Clarac III, 536, II 14); beide 



Heemskerck I, Blatt 47 v — 56. 149 



Oberarme gesenkt, der I. Arm im rechten Winkel gebogen, als stützte er sich auf eine Lehne. Kopf, 
1. Unterarm, 1. Hand, Füfse fehlen. Vgl. etwa Matz-Duhn n. 1400. 

b) Sitzende Frau, nach 1., auf viereckigem Sitz, im Chiton. L. Fufs vorgestellt, r. etwas 
zurückgezogen. Der ganze Oberkörper bis an die Schenkel ist mit einem franzenbesetzten Mantel be- 
deckt, der auch den im Schofs liegenden r. Arm verhüllt. L. Arm liegt anscheinend auf einer Lehne 
und scheint einen undeutlichen Gegenstand (stehendes Kind??) zu umfassen. 

c) L. Fufs mit Fufsbekleidung, die die Zehen unbedeckt läfst. 

52 v Torsi. Gliedmafsen. Kuhkopf. Rötheizeichnung. 

a) Männlicher Torso vom Hals bis unter das Gesäfs. 

b) Kopf einer Kuh, nach dem Leben. 

c) L. Bein, wohl nach dem Leben. « 

ä) Kräftiger männlicher Torso, nach 1., von der Brust bis zu den Knieen, 1. Bein vor- 
gestellt. L. Arm fehlt. 

e) L. Arm mit greifender Hand, Aktstudie. 

53 (66) Theile eines Frieses, früher in S. Lorenzo, jetzt im capitolinischen Museum. 

Vgl. I, 21. Anker mit Strick, Akrostolion (Kopf im Rund) mit flatterndem Band und herabhängendem 
Pinienzapfen, Prora nach 1. (unten drei Schwerter, darüber Eberkopf, hinter den Schwertern Seepferd, 
darüber Auge und Kopf im quadraten Rahmen), Stierschädel mit flatternder Binde und hängender Vitta. 
In der unteren Reihe: Napf mit Löffel (verzeichnetes Simpulum?), Acerra mit Zweig hinter dem geöff- 
neten Deckel {Mus. Capit. IV, 34, 2. Righetti, Campid. II, 336, 2). Dann ganz klein und flüchtig 
Napf und Stierschädel, darauf grofs Prora nach r. (unten Triton mit Steuer und Muscheltrompete, drei 
Schwerter, drüber Wolfskopf, Auge, oben behelmter Kopf). Letztere drei Stücke abgeb. Mus. Capit. IV, 
34, i. Righetti II, 337, 2. 
53 v Capitolinische Antiken. 

Facsimile: Rom. Mitth. 1891 S. 17 (Michaelis). 

a) Der eherne Herakles auf hoher Basis, s. ebenda S. 15 f. 

b) Kopf, zwei Füfse, Arm und zwei weitere Fragmente von einem Marmorkolofs, s. ebenda 
S. 18 f. 

c) Kleine runde Büchse mit Guirlanden und Tänien geschmückt, der gewölbte Deckel von 
einer Schlange umwunden. 

54(67) Der Nil vom Belvedere. 

Vom Rücken gesehen, stark verkürzt. Der Knabe im Füllhorn ohne Kopf, diejenigen auf der Schulter, 
vor dem Oberarm, hinter dem Ellbogen, hinter dem Unterschenkel alle vollständig. Vgl. Arch. Jahrb. 
1890 S. 25 Anm. 70. 

54* Heroenkopf. 

Schöner Kopf eines bärtigen Heros, in der Art dem Menelaos von der Pasquinogruppe verwandt; 
lebhaft, Mund etwas geöffnet. Hoher Helm mit Auge und Widderkopf vorn am Schirm, Sphinx als 
Trägerin des reichen Busches. Auf der r. Schulter Schwertriemen, auf der 1. ein paar Gewandfalten; 
Bruch angedeutet. 

55 Landschaft. Drache. 

a) Landschaft in ganz flüchtigen Andeutungen, mit ein paar Brücken, r. Ruinen in der Art 
des Palatin, 1. Säulen die z. Th. an das Forum erinnern, darüber Tor de' Conti und Torre delle Mi- 
lizie. Anscheinend frei componiert. 

b) Drache, geflügelt, mit einem Joch über dem Nacken, in grofsen Windungen rechtshin 
strebend. Wohl von einem Medeasarkophag, vermuthlich dem jetzt palatinischen (Matz-Duhn n. 3162. 
Robert, Sark.-Rel. II n. 201), der dann schon vor 1550 bekannt gewesen sein müfste (s. Robert S.215). 

55v Theil der Facade des Palazzo dell' Aquila im Borgo, von Raffael. Rötheizeichnung. Vgl. 
J.Springer, Jahrb. 1884 S. 332. Geymüller, Rafaello Sanzio come architetto S. 57 (nach Parmigianino). 

56 (69) Von der Statue Marcaureis. Büste. Selene? 

d) R. Vorderbein des Pferdes des Marcaurel. Rötheizeichnung. 

b) Weibliche Gewandbüste auf rundem (modernen?) Sockel; Haar oberhalb der Haarbinde 
korymbosartig emporstchend. Rötheizeichnung. 



I to Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

c) Consolenartiger Bankfufs, modern. 

d) Langbekleidete Frau, nach r., mit bogenförmig über dem Kopf wallenden Mantel, 
dessen einen Zipfel die vorgestreckte L. halt; der vorgestreckte r. Arm über dem Ellbogen gebrochen. 
Füfse nicht mitgezeichnet. Wahrscheinlich Selen e von einem Endymio n Sarkophag (keine Mondsichel). 

56 v Pferd. Akanthos. Säulenbau. 

ä) Brust, Hals und Kopf eines Pferdes, von vorn; der Kopf heftig nach 1. (vom Beschauer) 
gewendet, wahrscheinlich am Zügel gehalten von einem Arm, der vor der Brust leicht angedeutet ist. 
Am Gurt vor der Brust ein Halbmond. Rötheizeichnung. Vgl. Albertini Bl. 6ia: in Vrbe XXII prin- 
cipalcs equos marmoreos fuisse fertur, e quibus caput cum collo ttnius vidi fractum apud ecclcsiam S. Thomae 
non longe a platea Iudaeorum. 

• i) Akanthos von einem korinthischen Kapitell. 

c) Leichte Skizze eines säulengetragenen Vorbaues, darin eine Treppe. 

57 (70) Der Schleifer. Bundschuhe. 

«) Der Schleifer der Florentiner Tribuna, von vorn gesehen. Vom Kopf ist nur das Kinn 
gezeichnet. An der r. Hand sind alle Finger, anscheinend mit Ausnahme des Daumens, an der 1. die 
ersten drei und vielleicht auch der kleinste abgebrochen. Der Schleifstein oder das Messer ist nur durch 
eine Linie angedeutet. Auf die Bedeutung der Zeichnung für die Geschichte der Statue (vgl. Arch. Zeit. 
1876 S. 149fr. 1880 S. nf.) hat Wolters zu Friederichs-Wolters n. 1414 hingewiesen. 

b, c) Bundschuhe, wahrscheinlich von den Barbarenstatuen im Giardino Cesi, jetzt im 
Conservatorenpalast (I, 25, a. b). 

57' Zeuskopf. Aktstudien. 

«) Zeuskopf mit reichem, lang herabhangenden Lockenhaar, aufwärts blickend. Kopf und 
Hals völlig erhalten, von der Brust nichts gezeichnet. Dem Zeuskopf in Neapel (Overbeck, Kunstmyth. 
Taf. 2, 3, vgl. Bd. II, 82), dessen angebliche Herkunft aus dem Juppitertempel in Pompeji auf blofser 
Vermuthung beruht (s. Overbeck, Pompeji S 91. 636), so ähnlich, dafs man trotz einiger kleinen Ver- 
schiedenheiten im Wurf der Locken Identität annehmen möchte, wiesen nicht ein paar Striche auf der 
1. Schulter auf einen Mantel hin und wäre nicht der Mund geschlossen. So scheint also ein verschollenes 
zweites Exemplar jenes schönen Typus vorzuliegen. 

b) Rechter Arm, nach der Natur. 

c) Rücken eines lebhaft schreitenden Mannes, wohl ebenfalls nach der Natur. 

58(70 Farnesische Statuen. Landschaft. 

a) Der sog. Genius in Neapel n. 3 (Clarac IV, 770 A, 1905 A), vollständig bis auf die 1. Hand 
und den r. Unterarm. Der zweite Schild am Boden ist nicht angedeutet. 

i) Sog. Euterpe inNeapel n. 277 (Clarac III, 498 C, IOI9A), verschleiert; vollständig, nur 
sind der F"ufs und die Falten der Stola unterhalb des Mantelrandes nicht ausgeführt. 

c) Landschaft. L. im Vordergrunde antike Gewölbe, r. hinten S. Stefano Rotondo. 

58 v Ansicht von Rom vom Vatican. Kapitell. Löwenkopf. 

a) Blick auf Rom vom Vatican aus: die Engelsburg, die Brücke und die Stadt, überragt von 
der Kuppel des Pantheon. Ganz verwischt. 

b) Obertheil eines korinthischen Kapitells. 

c) Löwenkopf mit aufgesperrtem Rachen. 

59 (72) Herakles und Antäos. 

Facsimile: Arch. Jahrb. 1890 S. 40. Früher im Belvedere, jetzt in Florenz, s. ebda S.15. 39. Vgl. Lorch 2,a. 

59 ¥ Kopf des belvederischen Nil. 

Grofse ausgeführte Zeichnung. Der Kranz oben z. Th. abgebrochen. Vgl. Arch. Jahrb. 1890 S. 25 Anm. 70. 

60 (73) Sitzender Togatus. Artemis. 

a) Sitzender Togatus, ganz übereinstimmend mit der capitolinischen Statue Clarac V, 
91 2 B, 2334. Kopf, 1. Hand, r. Unterarm fehlen. 

b) Artemis kurzbekleidet, das Mäntelchen shawlartig' umgegürtet, mit entblöfster r. Brust, 
eilt mit kräftig vortretendem 1. Bein (hoher Stiefel) vorwärts; daneben ein laufender Hund. Kopf, 



Heemskerck I, Blatt 56 v — 63. 151 



Arme, r. Bein fehlen. Sehr von unten gesehen, als ob die Statue entweder sehr kolossal, oder schräg 
gegen eine Wand gelehnt wäre. Flüchtige Skizze. 

60 v Torso. Aktstudien. Rötheizeichnung. 

a) Kräftiger männlicher Torso in ruhiger Stellung, r. Bein leicht vorgesetzt. Vom Hals 
bis zur Mitte der Schenkel. Kopf, 1. Arm, r. bis auf den Ansatz fehlen. 

b) Männlicher Körper, halb vom Rücken gesehen, c) Beine, nach der Natur gezeichnet. 

61 (74) Blick auf den Capito lsplatz. 

Facsimile: Rom. Mitth. 1891 Taf. 2 (Michaelis). 

Aus der Säulenhalle des alten Conservatorenpalastes, vor der die beiden Flufsgötter (zu I, 45) 
gelagert sind, blickt man auf den alten Capi tolspalast feit der breiten Treppe und der Löwen- 
gruppe; links der Obelisk und die Palme (zu I, 11). Vgl. Rom. Mitth. 1891 S. 4ff. Zeitschr. <>|^| 
bild. Kunst, N. F., II, S. 184t 189. 
61 v Jüngling. Bein. Rötheizeichnung. 

a) Jünglingskörper, bis zur Mitte der Schenkel, mit r. Standbein; das Gesicht von reichem 
Lockenschmuck umwallt. Der 1. Arm war abwärts gestreckt, der r. etwa horizontal gehalten. 

b) Leicht gebogenes 1. Bein, wohl nach der Natur. 

62 (57 so) Der vaticanische Tigris über seinem Brunnentrog. 

Facsimile: Arch. Jahrb. 1890 S. 21 (Michaelis). Zu dem darunter angedeuteten Amazonensarkophag 
(Robert, Sark.-Rel. II n. 76) und den Schildkröten darunter vgl. ebda S. 22. 67. 

62 v Gewandstatuen, z. Th. der Sammlung Farnese. Sehr verwischt. 

a) und d) die farnesische sog. Flora in Neapel n. 200 (Clarac III, 438 B, 795 D), im 
Profil nach r. und nach 1., noch ohne die Ergänzungen Guglielmo della Portas (Cavall. I. II, 32). Es 
fehlen der Kopf (Hals erhalten , aber verletzt), der ganze r. Arm und der emporgehobene Zipfel des 
Gewandes, der 1. Arm von unterhalb des auf dem Oberarm liegenden Gewandstücks , die nach aufsen 
über den Unterarm herabhängende Gewandmasse. Auf a ist die Stütze angedeutet und das r. Bein 
unterhalb der Stola vollständig gezeichnet, auf b sieht man die Stütze und den 1. Fufs, aber nichts vom 
r. Bein, das demnach gefehlt zu haben scheint; die Stütze genügte wohl die Statue zu halten. 

b) und e) die zweite farnesische sog. Flora in Neapel n. 2 (Clarac III, 438F, 795^)* von 
vorn und nach I., ebenfalls noch unergänzt (Cavall. I. II, 33. Vaccarius zweimal). Es fehlen Kopf und 
Hals, der anscheinend stärker gebogene r. Arm von unterhalb des Ellbogens, die 1. Hand (in b ist 
ein Theil der Blumen sichtbar) und ein grofser Theil des von ihr herabhängenden Mantels, beide Füfse, 

Ohne Zweifel beziehen sich auf diese beiden Kolossalfiguren die Worte Aldrovandis S. 149: 
Piu h dentro nel portico, che si trova a man manca (d. h. im grofsen Hofe des Pal. Farnese), si veggono 
duo colossetti di donne, ma senza teste, ne braccia: sono vestite, et una ne e centa benc alta (n. 2), l'altra 
ben bassa (n. 200): et una di loro (n. 2) ha il lembo della veste da man manca pieno di fiori e frutti. 

c) Frauenstatue, nach r., in gleicher Gröfse gezeichnet, ob auch aus Pal. Farnese? Sehr 
undeutlich geworden. Es scheint eine sehr stattliche matronale Figur zu sein, im Chiton mit Überschlag 
(anscheinend gegürtet, aber so dafs der Gürtel verdeckt ist), Mantel schräg über den Rücken gegen die 
r. Hüfte gezogen; der (verlorene) r. Arm scheint gesenkt gewesen zu sein und den Mantel ziemlich 
tief gefafst und nach vorn gezogen zu haben. Kopf fehlt, 1. Arm unsichtbar; r. Fufs anscheinend durch 
eine niedrige Stutze verdeckt. 

/) Torso eines Dionysos, entsprechend dem in der Gruppe zu Deepdene n. 3 (Clarac IV, 
695, 1614), nur anscheinend etwas bewegter im Zuge der Falten. Das Gürtelband fällt über das Maul 
des Thierkopfes der Nebris herab. Kopf, Arme, Beine fehlen, ebenso jede Spur der Nebenfigur. 

g) Zwei weibliche Gewandstatuen, nach 1. gewandt, halb von hinten gesehen, an- 
scheinend zu einer Gruppe verbunden. Die dem Beschauer nächste (Kopf fehlt) , mit r. Standbein, 1. 
Knie leicht gebogen, trägt über dem Chiton einen Mantel, der über die 1. Schulter herübergeworfen ist 
und sich schräg gegen die r. Hüfte hinzieht. Der 1. Arm (Hand unsichtbar) hängt lose herab, der r. 
liegt auf dem Nacken der Genossin, die in Chiton und Mantel gekleidet ist (Kopf fehlt), ohne dafs das 
Motiv im Einzelnen erkennbar wäre. 

63 (76) Torso vom Belvedere. Hieroglyphen. 
Facsimile: Zeitschr. f. bild. Kunst XXIII, S. 77 (Löwy). — Vgl. I. 73. 



152 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 



d) Der Torso, auf dem Boden liegend, von oben gesehen. 

b) Viereckiger Pfeiler mit Hieroglyphen auf der Vorderseite. 

63 v Pferdebeine. Weiblicher Torso. 

a, b) Rechtes Pferde vorderbei n , gehoben, von zwei Seiten gezeichnet; wahrscheinlich von 
der Statue Marcaurels. 

c) Weiblicher Torso, Ruckenansicht; vermuthlich von einer Aphrodite. L. Standbein. 
Vom Hals bis zur Mitte der Schenkel; Arme als gesenkt angedeutet. Rötheizeichnung. 

64 (77) Von einem der Dioskuren von Monte Cavallo. Maske. 

ä) R. Rückenhälfte und r. Arm des Opus Praxitelis. Vgl. I, 38". 43 v . 

b) R. Bein derselben Figur. 

c) Maske von tragischem Ausdruck, das Haar von einem seltsamen gestreiften Geflecht be- 
Jeckt. Relief. 

64» Herme. Arm. Löwenkopf. 

d) Hermenschaft mit Kopf eines bärtigen Dichters mit Binde über der kahlen Stirn, an- 
scheinend Homer. Geschlechtsabzeichen. 

/') R. Oberarm und Ellbogen. Muskelstudie. 

<-) Löwenkopf mit geschlossenen Augen und heraushängender Zunge; Unterkiefer fehlt. 
Vielleicht vom Löwenfell einer Heraklesstatue. 

65 (78) Zi egen. Naturstudien. 

fi 5 v Stiefel. Röthelzeichnung. 

R. Fufs des »Genius« in Neapel n. 3 mit seinem reichgeschmückten Stiefel (vgl, I, 31, b. 58, a). 
Sehr ausgeführt. 

66(79) Farnesische Statuen im Palazzo Medici (Madama). 

d) Aphrodite (Neapel n. 288.) von vorn gesehen, mit nacktem Oberkörper, Beine vom Mantel 
umhüllt, der unter dem Leibe geknotet ist (im Ganzen das Motiv der »fünften Gruppe« bei Bernoulli, 
Aphrod. S. 259). Locken fallen auf die 1. Schulter herab. Der r. Arm war etwas vorgestreckt, der 
1. gesenkt und im Ellbogen vorwärts gebogen (unterhalb des Ellbogens gebrochen); jedenfalls fafste 
keine der Hände das Gewand. Neben dem 1. Schenkel ein Geräth in Form eines Balaustium , etwas 
nach aufsen hängend. Unmittelbar links neben Aphrodite steht 

b) Eros (Neapel n. 96. Clarac IV, 691, 1627) nach 1. gewandt, halb vom Rücken gesehen, wo 
die Ansatzreste von Flügeln erhalten sind. Las r. Standbein mit einem plumpen Stamm daneben ist 
erhalten, von dem gebogenen 1. nur der halbe Oberschenkel. 

<r) Im Hintergrunde zwischen beiden Statuen ist der dazu gehörige Dionysos sichtbar. 

Alle drei Statuen finden sich in gleicher Gruppierung I, 5 und II, 48, f und g in einer Halle 
des Palazzo Madama; s. zu II, 48. 

67 (80) Beine und Rücken, Studien nach der Natur. 

67 v Ähnliche Studien. 

68(81) Ecken zweier medieeischer Paläste. 

d) Niedriger Rusticaunterbau mit Thür und Fenster; darüber hohe korinthische Pilaster, ober- 
halb des Fensters ein dreifaches Stockwerk umschliefsend (hohes oblonges, rundes, niedrigeres oblonges 
Fenster), oberhalb der Thür ein Bogen mit grofsem medieeischen Papstwappen. Auf dem Fries »corintia«. 
Eine Attica bildet den Abschlufs. 

b) Höherer Rusticaunterbau, auf dem Sims -stdorika«. Ähnlicher Aufbau wie bei a, mit schlanken 
dorischen Pfeilern; medieeisches Papstwappen. Oberes niedriges Stockwerk. 

Die Paläste sind nicht bekannt, s. J. Springer Jahrb. f. die preufs. Kunsts. 1884 S. 332. 

68» Oberkörper eines bärtigen Pan. 

Garstiger Bockscharakter, langes hängendes Ohr. Nur der Kopf ausgeführt. Derselbe Kopf II, 57. 
Etwa im Typus des Pan auf dem capitolinischen Sarkophag bei Righetti, Campid. II, 216. 

69 (82) Constantinsbogen. 

Die dem Circus Maximus zugekehrte Seite in starker Verkürzung. Die Verschüttung reicht bis an ein 
beträchtliches Stück der Reliefbasen der Säulen. Rechts im Hintergrunde ein Stück des Colosseums. 



Heemsl<crck I, Blatt 63" — 72. 



153 



69 v Colosseum. 

Stück des Erdgeschosses von aufsen, ziemlich stark verschüttet. 

70 (83) Colosseum. Federumrisse mit Bleistift ausgeführt. 

Blick in die doppelte Gewölbereihe in ganzer Höhe; das Erdgeschofs z. Th. bis an die Kapitelle der 
Bogen verschüttet. 

70 v Aus Santo Stefano Rotondo. 

d) Blick in die Kirche S. Stefano Rotondo aus einer der Seitenabtheilungen. 

ö) Säule, mit Reliefranken umsponnen. 

c) Bade Sessel von Marmor, sehr ähnlich dem vaticanischen oder dem im Louvre (Clarac II, 
260, 631), nur in der Form der Lehne abweichend. Vermuthlich das Exemplar in S. Stefano, das nach 
Matz-Duhn n. 3707 bei Schinkel und Beuth, Vorbilder Taf. 37,1 (mir nicht zugänglich) abgebildet ist. 

71 * Der Lateransplatz in setner früheren Gestalt. 

Facsimile: Ges. Studien für A. Springer, Taf. zu S. 228 (J. Springer). R. die Statue Marcaureis auf 
der von Sixtus IV errichteten Basis; zwei pfahlartige Stützen unter dem Leibe und neben dem r. Vorder- 
beine des Pferdes, dessen Knie daran befestigt scheint. Davor auf niedrigen Säulenstümpfen die beiden 
Löwen, die Aldrovandi S. 313 f. vor der Thür der Kirche erwähnt. 

* Die ältere Bezifferung fehlt von hier an. 
71 v Grabmal des Papstes Sixtus IV, von Antonio Pollaiuolo. Rötheizeichnung; nur zum 
Theil ausgeführt. Vgl. J. Springer, Jahrb. f. d. preufs. Kunsts. S. 332. 

72 Der untere Theil des Hofes von Casa Galli. (Fig. 4. Vgl. I, 27). 




Fig. 4. Hof der Casa Galli. 



a) In der Mitte der Bacchus Michelangelos (vgl. Cambr. Bl. 14); vgl. Aldrovandi S. 172. 
J. Springer, Jahrb. S. 329 fr. 

6) Links Statuette einer liegenden Nymphe. Keine Urne, 

c) Sarkophag. Vorders.: drei Knaben, zwei Guirlanden tragend, über denen je zwei 



\ca Michaelis, Römische SkizzenbUcher nordischer Künstler. 

Masken einander anblicken; Nebens.: Guirlande mit Tänien. Vermuthlich die bei Aldrovandi S. 172 in 
einer loggietta terrcna erwähnte pila bella leworata di sfollagi a la antka. 

d) Männlicher Torso, von hinten gesehen (identisch mit Cambr. Bl. 32k in a gentel maus 
plas bi the pallas of the cardenal farnisT), an die Mauer des oberen Theiles des Hofes gelehnt, in dem 
die I, 27 dargestellten Stücke g (Sphinx), a (Nymphe), / (Löwenkopf), e (kleine Stücke) und c (Torso) 
sichtbar werden. 

An der Mauer rechts stehen am Boden: 

e) Männlicher Torso, unterwärts vom Mantel bedeckt. 

f) Reliefplatte mit sitzender Sphinx. Unter der Bodenleiste ein Eierstab. 

g) Männlicher Torso, nackt, in ruhiger Haltung. 

h) Vorderseite eines Perse phonesarkophags; später in Villa Borghese, jetzt im Louvre 
n. 64 Fr. (Clarac II, 214, 366). Die Identität ergibt sich, wie Robert (bei Springer in den Ges. Studien 
S. 226 Anm. 1) bemerkt hat, aus der Zeichnung des Cod. Pigh. n. 181 (= Cod. Coburg, n. 169) mit der 
Beischrift aprezzo campo fiore in casa dove \dov eY\ il Baccho di Michel Angelo. 

72 v Blick auf den Palatin vom Aventin aus. 

Der Vordergrund scheint frei behandelt zu sein. Im Mittelgrund der Abhang des Palatin mit seinen 
Ruinen, darüber links die Schale des Colosseum, am Ende r. das Septizonium, darüber in der Ferne das 
Grab der Cäcilia Metella. Ganz hinten die wenig charakteristischen Linien des Albanergebirges. 

73 Der belvederische Torso. Riickenansicht. 

Facsimile: Zeitschr. f. d. bild. Kunst XXIII, S. 77 (Löwy). — Vgl. I, 63. 

74 Aktstudien. Trapezophor. 

d) Männlicher Rücken, b) linker Arm, beide nach der Natur. 

c) Trapezophor von der schmalen Vorderseite gesehen: Löwenfufs, geflügelter Leib, Löwen- 
kopf, Deckplatte. Ohne Zweifel dasselbe Stück wie I, 32 v . 

74* Belvederischer Nil. Bein. 

d) Der Nil, vom Rücken gesehen. Rücken, 1. Oberarm, r. Arm, r. Hüfte ausgeführt, Kopf, 
Sphinx, Gewand nur leicht angedeutet. Bleistiftzeichnung. Vgl. I, 54. 

b) L. Hüfte und Oberschenkel, flüchtig gezeichnet. Aktstudie i 

75 Pferdehinterbeine. 

Fünf ausgeführte Zeichnungen von verschiedenen Gesichtspunkten. Wahrscheinlich nach der Statue Marc- 
aurels. Vgl. I, 35 ", a. 

75 v Torso. Rötheizeichnung. 

Sehr lebendig bewegter Körper, mit dem 1. Arm ausfallend, von hinten gesehen. Nach der sehr aus- 
führlichen Art der Wiedergabe im Einzelnen wahrscheinlich eine Aktstudie, obgleich die Grenzen an Hals, 
Armen, Beinen Brüchen einer Statue gleichen. 

76 Helm von einem Achilleus Sarkophag. 

Damals an der Treppe von Araceli, jetzt in Woburn Abbey n. 117 (Robert, Sark.-Rel. II n. 34). Am 
Helm lebhafte Kampfscene (Krieger stürmen auf eine am Boden liegende nackte Gestalt ein, hinter der 
zwei Rosse sich bäumen); s. Robert S. 49 f. Am oberen Rande des Blattes von fremder (nicht Heems- 
kercks) Hand: rart romeynse Heimet. siet ter syden. Die Zeichnung selbst rührt wahrscheinlich von 
Heemskerck her. 

76 v Composition von Perino del Vaga? In der Mitte Bacchus, oben nackt, bekränzt, 
mit der erhobenen R. einen langen Stab fassend; von r. kommt auf ihn zu ein gebückter nackter Mann 
mit erhobenem r. Arm (von hinten gesehen); 1. Stück einer herculesähnlichen Gestalt. Oben im Felde, 
» Perino*. Die sehr leicht hingeworfenen Linien sind schwerlich von Heemskerck; vielleicht ein Original- 
entwurf Perinos, der damals in Rom thätig war? 

77 Eros und Lamm, Relief. 

Ein knabenhafter Eros, geflügelt, überdies mit einer Chlamys um Hals und Rücken, schreitet gebückt 
rechtshin und schiebt mit beiden gesenkten Händen ein störriges Lamm (Kopf und Vorderbeine abge- 
brochen) vorwärts. Sehr saubere, etwas glatte Zeichnung, wohl nicht von Heemskerck. 



Heemskerck I, Blatt 72 V — 78 V. II, Blatt 1 — 6 v. 155 



78 Bär. Nach der Natur. Schwerlich von Heemskerck. Unten links Rest einer Beischrift K.v. 

Rechts mit Bleistift »N. 22t. 

78 v Schwan, auf dem r. Bein stehend, 1. eingeschlagen. Unvollständig. 

II. HEEMSKERCKS RÖMISCHE SKIZZEN, BAND II. 

1 Vom Neubau der Peterskirche. Das südliche Querschiff von aufsen gesehen; r. S. Maria 
della febbre mit dem Obelisken. S. J. Springer Jahrb. d. preufs. Kunsts. 1891 S. 118. Vgl. I, 8. 

13- '5- n, 54- 60. 

lv Zwei Putti aus Raffaels Gemälden in der Farnesina. Der schwimmende Amor 
aus der Galatea, und der Amor mit den Attributen Mercur's von einer Stichkappe des Hauptsaales. 
Rötheizeichnung. 

2 Die Vorhalle des Pantheon. 

Facsimile: Jahrb. d. preufs. Kunsts. 1891 S. 122 (J. Springer). Das Innere der Halle von der rechten (west- 
lichen) Schmalseite aus gesehen. Die gegenüberliegende östliche Schmalseite ist ganz zugebaut. Von 
der (nördlichen) Vorderseite führt eine ziemlich hohe Truppe in die Halle hinab, die zeigt, dafs der Pan- 
theonsplatz damals bedeutend höher war als heutzutage (vgl. Fichard S. 26 u. ö.); die Intercolumnien der 
Vorderseite sind auch bis über ein Drittel ihrer Höhe durch eine Mauer geschlossen (vgl. Duperac, 
Festigt Taf. 35). Über den Epistylien der mittleren Säulenstellungen erblickt man die entlastenden 
gemauerten Bogen, auf denen das Dach ruhte. Rechts die grofse Thür und die beiden grofsen Nischen. 
Vgl. II, 39. J. Springer a. a. O. (über die von Urban VIII. eingeschmolzene Erzbekleidung der Balken). 

3 (21) Ecke des Palazzo Costa im Borgo Nuovo, mit eingeschriebenen Mafsen. Letarouilly I, 44. 
Vgl. J. Springer a. a. O. S. 123. 

3 V Stück einer Palastfagade mit beigefügten Details. 

4 Stück eines Deckengemäldes im Stil der Titusthermen , vermuthlich 
ebendaher entnommen. Leichte Farbenskizze. 

Unten weifse Vase auf röthlichem Sockel, links leichte Guirlande mit schaukelndem Vogel. Darüber phan- 
tastische Architektur mit kleinen figürlichen Zuthaten. Ornamentstreifen. Leicht und anmuthig. Farben: 
schwarz, braun, roth, grün, blau. 

4 V Ornamente. Amphora. Relief mit Schwein. 

a) Ornamente, anscheinend von marmornen Vasen oder Säulenbasen; eines mit Flechtwerk, 
darin Rosetten, von einer Nischenwölbung? 

b) Halbe Amphora, sehr reich verziert; modern. 

c) Vordertheil eines Schweins, rechtshin; von dem borghesischen Relief mit den Suove- 
taurilien im Louvre (Clarac II, 219, 312). 

5 Architektur. Aphrodite (Galateia). Ornamente. 

a) Moderne Architektur, Einrahmung einer Nische mit Muschelwölbung, darin die Andeu- 
tung einer St atue der sog. Galateia, d. h. einer sich im Wasser spiegelnden Aphrodite (z.B. Clarac 

IV, 746, 1802 A). 

b) Antike Ornamente. Mäander, Riemengewinde, Ranken usw. 

5 V Ornamente. Decken. 

«) Ähnliche Ornamente. Mäander und andere Verschlingungen; meist antik. 

b) Skizze einer gemalten Deckeneintheilung; modern! 

c) Eintheilung einer modernen Deckentäfelung. 

6 Reiche Architektur aus einer modernen Villa, mit Durchblick durch eine Arcade in 
die freie Landschaft. Über einer Thür r. der Anfang einer zweizeiligen Inschrift HER-GO| MA|. Ge- 
meint ist Ercole Gonzaga, seit 1520 Bischof von Mantua, 1527 Cardinal, 1562 erster Präsident des Con- 
cils von Trient, gestorben 1563. Vgl. Springer a. a. O. S. 123. 

6 V Architektonische Grundrisse. 

d) Theil der Cons tant insbasilika? Ecke und Ansatz von zwei Apsiden; im Gegensinne 
gezeichnet? 



I c6 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

b) Leichte Grundrifsskizze mit eingeschriebenen Mafsen. Dabei: Colliseo di rotna, ounde{\)\ 
. . . la de questo führe 76 und: . . de detro Via piede bolognesr 150. | oQ) 90-200. 

c) Grundrifs und Aufrifs einer Apsis, gewölbt und mit Nischen versehen, anscheinend von 
einer Kirche. 

7 Der vaticanische Obelisk mit der Kugel. 

Unten Andeutung der Inschrift. Hinten S. Maria della febbre, die Gewölbe der neuen Peterskirche und 
einige Hausmauern. Vgl. J. Springer a. a. O. S. 119. 

8 (27) Theil einer dreiseitigen Basis. Vasen. 

d) Dreiseitige Basis. Ähnlich M. Pio Cl. VII, 40, aber der Amor trägt ein langes gewun- 
denes Füllhorn mit Früchten und Ähren, dessen unteres Ende er mit der gesenkten L. anfafst, das dann 
auf der 1. Schulter ruht, und nach dessen oberem Rande die gehobene R. greift. Vertreter des Sommers? 

i~) Skizzen verschiedener Vasen; anscheinend modern. 

8 V Ornamentstreifen. Ägyptischer Löwe. 

n) Zwei Ornamentstreifen, vermuthlich von einer reichverzierten Säulenbasis späten Stils. 
b) Ägyptischer Löwe, im Ohr und langen Bart abweichend von denen von S. Stefano di 
Cacco, später an der Capitolstreppe. Vgl. zu I, 33, d. 

9 Architekturstücke. Der vaticanische Obelisk. 

a) Korinthisches Kapitell. Über einem Rundstab Akanthosblätter, darüber in der Mitte 
eine sitzende, mit Chiton und Mantel bekleidete Flügelfrau, von vorn, mit den Händen je eine Trompete 
anfassend, deren Mundstück in ihrem Schofse ruht (Fama?). Darüber ein laubumwickelter Tonis. Die 
Ecke wird von Akanthos gebildet, auf dem der vordere Theil eines Flügelrosses ruht, als Stütze der weit 
vorspringenden Ecke der geschweiften Plinthe, die vorn über der Frau mit einer Rosette geschmückt ist. 
Nerua traiano in . s. basilio (in der 1682 erneuerten kleinen Kirche bei Piazza iSarberini?). 

b) Reich ornamentierte ionische Basis mit doppeltem Trochilos. 

c) Stück einer Basis oder Schranke. An der Ecke eine liegende geflügelte Sphinx, darüber 
ein gehörnter Thierkopf; in der Mitte zwei Masken an einer senkrechten Arabeske. Moderne Nachahmung 
antiker Vorbilder. 

d) Der vaticanische Obelisk mit der Kugel. Vgl. II, 7. Dabei: La guchia di Cesari ch'a 
san pietre e longa cane . 17. larga palma . 12. e cinse intorne p. 32. onc. 8. 

e) Stück einer reich ornamentierten ionischen Basis mit doppeltem Trochilos; der obere 
Torus durch kleinere Glieder ersetzt. 

f) Basis, unteres und oberes Ende einer glatten Säule (Basis: Plinthe, laubumwickelter Torus, 
Anlauf; Kapitell: Anlauf, Astragal, plastisches Kymation), darauf eine runde Basis. Vereinfachtes Schema 
der Traianssäule? 

9 V Profile und Ornamente von architektonischen Gebälken. 

ff) Gebälk vom Castortempel am Forum mit Angabe der Ornamente und eingeschriebenen 
Mafsen. Dabei: el cornis de li trei colonne tri corithe. Vgl. Desgodetz S. 129. 

b) Profile vom Tempel des Antonin und der Faustina, unausgeführt. Dabei: . . . au- 
stina (vorn abgeschnitten). 

c) Desgleichen, von der sog. Porticus der Octavia. Dabei: depischrie. 

d) Drei weitere Profile ohne Bezeichnung. 

10 (23) Gemalte Wanddecoration. R. und 1. von zwei Wandstücken mit Nischen (für Statuen 
und darüber Büsten) eingerahmt, stehen zwei gewundene, stark verjüngte korinthische Säulen, zwischen 
denen ein halbrunder Balkon in den Hintergrund vorspringt; an dem Geländer lehnt ein Mann. 
Darüber Ausblick in eine Landschaft. Nach Janitscheks einleuchtender Bemerkung Copie einer gemalten 
Wanddecoration, vgl. II, 18. 63. 63 T . 

10 v Skizzen aus einem Saale mit Säulen, Gewölbzwickeln und Stichkappen, bemalter Decke. 
— Ein Springbrunnen. — Zwei Lunetten mit Putti. 

11 Ornamente, besonders Consolen, eine mit einer kauernden geflügelten Sphinx unter dem 
Pulvinus. Anscheinend Alles modern. 

11" Allerlei. — Profile von Postamenten. — Skizze eines bemalten Gewölbes. — Console. — Zwei 
Vasen. — Alles modern. 



Heemskerck II, Blatt 7 — 20. I 57 



12 Ansicht des Forum gegen das Capitol hin. 

Vom Gewölbereste, dahinter die drei Säulen des Castortempels. Im Mittelgrunde links Häuser, über denen 
der Saturn- und der Vespasiantempel, die Kirche von S. Sergio und Bacco (Hülsen, Bull, comun. 1888 
S. I55ff.) mit ihrem mehrstöckigen Thurm, der dem Anschein nach ziemlich verbaute und verschüttete 
Severusbogen und die Phokassäule sichtbar werden; darüber die bunte Masse des Capitolspalastes, über- 
ragt vom mittelalterlichen Thurm, der Obelisk, die Kirche und das Kloster von Araceli in breiter Masse. 
Die rechte Hälfte der Ansicht ist vorn fast leer, im Hintergrunde der Carcer Mamertinus, die alte Vor- 
halle von S. Martina und die Kirche S. Adriano mit vierstöckigem Thurm. 

13 d) Hälfte eines Portals, gewölbt, mit verzierten Rusticapilastern und dorischem Fries. 
la mesola sian tirate le sue linee al cetro del' arco. i 

b) Zwei Grundrisse mit runden Mittelräumen (einer mit einem Labyrinth), von Hallen und 
Sälen umgeben. Vgl. II, 23 '. 

13 v d) Reichgeschmücktes Burgthor oder dgl., auf hoher Quaderböschung. Über dem Giebel 
ein Doppeladler. 

b) Zwei Grundrisse, anscheinend von einem Pafer.t mit lauter rechteckigen Räumen, und 
von einer Kirche mit gröfserer Mittel- und kleineren Eckkuppeln. 

14 Circus Maximus und Septizonium. 

Gewölbesubstructionen der ehemaligen nördlichen Sitzreihen im Circus (vgl. Duperac, Vestigi Taf. 9. 11), 
dahinter die südöstlichen Substructionen des Palatin; rechts das Septizonium, von hinten und von der 
Südseite gesehen, ganz hinten das Colosseum. 

15 Zwei Helme und zwei behelmte Köpfe, in phantastischen Renaissanceformen. 

15 T Sechs Helme und ein Doppelkopf mit Maskenhelm, ebenso. 

16 S.Maria in Araceli, vom Capitolsplatz aus. 

Facsimile: Zeitschr. f. d. bild. Kunst, N. F., II S. 187 (Michaelis). Rechts der Obelisk. Vgl. a. a. O. 
S. 185. (In der dort Anm. 4 angeführten Stelle aus Urlichs, Cod. loßogr. S. 145 werden die Worte faca 
te ad locolo de cierchio etwa zu lesen sein: paga te collo culo al cerchid). 

16 V Athenatorso. Marmorkrater. 

d) Athenatorso, von hinten und von r. Sehr schlank, im hochgegürteten Chiton mit Apo- 
ptygma, dessen beide troddelbeschwerte Zipfel bis unter das Knie herabfallen. Im Nacken schmale, 
schlangenbesetzte Ägis. R. Standbein, 1. leise zurückgestellt; beide Oberarme gesenkt. Vgl. etwa 
Clarac III, 473, 899 A. 

b) Marmorkrater, von unten gesehen. In der Mitte das Einsatzloch für den Fufs; dann 
»Melonenschnitze« mit je zwei bärtigen bakchischen Masken an den Henkelstellen ; darüber Andeutungen 
bewegter weiblicher Figuren in Relief, oben zerbrochen. Zur Form vgl. den borghesischen Krater 
Clarac II, 130, 142. 

17 Zwei Helme und ein Pferde heim im Renaissancegeschmack. ■ — Ornament im Car- 
touchenstil. 

18 (24) Gemalte Wand decoration. Halle mit zwei Paaren gewundener Säulen nnd einem Spring- 
brunnen; rechts Abschlufs durch eine Wand zwischen zwei Pfeilern, vor der zwei Personen auf einer 
Bank vor einem niedrigen Tische sitzen. — Vgl. zu Bl. 10. 

18 v Ornamente und Plan einer Case ttendecke mit sich überschneidenden und kreuzenden Balken. 

19 Gemälde. Links Minerva, gepanzert, mit Schild und Speer, neben ihr ein Buch und 
andere Attribute, in bewegter Haltung, nach Art einer Statue vor einer Nische. Rechts auf hellem 
Grunde ein mit einer Art Keule rechtshin stürmender Krieger mit Helm und Mantel, davor Andeutung 
eines fliehenden nackten Mannes, vom Rücken gesehen. Vielleicht Stück einer allegorischen Composition, 
etwa von einer Decorationsmalerei. Vgl. oben S. 130 Anm. 31. 

19» Liegende Kuh. Bleistiftzeichnung. 

20 Hof in dem alten Palazzo della Valle (Fig. 5). 

Zu Aldrovandis Zeit casa di M. Valerio de la Valle (S. 216); vgl. unten Einleitung zu Abth. II (II. Kock). 
a) Flufsgottmaske, gehörnt; vgl. die bocca della verita und Aldrovandi S. 123 (Pal. Cesi). 
Vielleicht aus den Thermen Agrippas, wo der alte Cardinal Andrea della Valle Ausgrabungen ver- 
anstaltet hatte (Flam. Vacca 53)? 

Jahrbuch des archäologischen Iustituts VI. I 2 



158 



Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 




Fig. 5. Hof in der älteren Casa della Valle. 



li) Die berühmten Pan Statuen, angeblich im Pompeiustheater (Piazza dei Satri) gefunden, 
die schon um 1500 der Prospettivo Milanese St. 15 erwähnt, die 1 513 den valleschen Triumphbogen zu 
Ehren Leos X schmückten (Kunstchronik, N. F., I, S. 300), die Bald. Peruzzi zeichnete (Sieneser Skizzen- 
buch Bl. II), die Primaticcio für Franzi in Erz giefsen Iiefs (Barbet de Jouy, Etndcs sur les fonks du 
Primatke S. 35 fr.), die seit 1734 im Hofe des capitolinischen Museums zu beiden Seiten des Marforio 
stehen (Clarac IV, 725, 1738). Darüber: 

c) Kleine Rundreliefs, nur angedeutet. Am Friese: 

./) Scene aus einem Amazonenkampf (berittene Amazone von einem Krieger verfolgt), und 
r. in der Ecke ein Stierschädel. 

'■ /' S) Drei Sarkophage, e geriefelt mit Portraitmedaillon; f mit zwei schwebenden 
Eroten; g vorne mit undeutlicher figurenreicher Composition, auf der Nebenseite geflügelte Sphinx. 

21 Sog. Vestatempel in Tivoli. 

Ohne die Treppe. Am Epistyl GELLIO; das darunter befindliche Intercolumnium ist vermauert und 
dadurch die Thür verdeckt; darüber hinaus sind noch 1. eine halbe und eine ganze Säule ohne Gebälk 
vorhanden, die jetzt fehlen. Die Cannelierung ist nicht ausgeführt. Wand und Säulen sind theilweise 
von Pflanzen überwuchert. 

21 v Wasserfälle bei Tivoli, Cascatelle Sehr flüchtige Skizze. 

22 Grabmal des Papstes Innocenz VIII, von Antonio Pollaiuolo, nach der alten Auf- 
stellung, mit dem Sarkophag oben in der Nische; darüber in der Wölbung Andeutung der Gemälde 
(sitzende Caritas und schwebender Putto rechts). Vgl. Tosi, Chefs d'oeuvre Taf. 112. Burckhardt, Ci- 
cerone 5 S. 380. — Unten von alterthümelnder (nicht Heemskercks) Hand: svpultmir (?) van lartoen, 
d. h. lattoen »Messing«. Vgl. J. Springer, Jahrb. f. d. preufs. Kunsts. 1891 S. 123. 



Heemskerck II, Bla^t 21 — 31 *'. I 59 



22 v Der vaticanische Obelisk, im Hintergrunde S. Maria della Febbre. 
Grofse Zeichnung. 

23 <?) Kleine Skizze aus einem Innenraum mit gewölbter Nische, in reichem Renaissance- 

geschmack. 

b) Skizzen von künstlichem Deckengebälk. 

23 " Grundrifs eines quadraten Gebäudes mit Hallen und Zimmern, einen labyrinthartig an- 
geordneten Garten umgebend. Vgl. II, 13. 

-4 Gemalte Rankenornamente. Hafen von Ostia. 

a) Rankengewinde mit eingelegter Guirlande. li foliami coloritti. il festone verde. Der 
Grund innerhalb der Ranken negro, aufserhalb azuro. 

/<) Leichte Ran ken verschlingun gen; der Grund theils azuro, theils negro. 

c) Porto de ostia. Schematischer Plan des sechseckigen Hafens mit umgebender Stadt und 
gewundener Ausfahrt ins Meer, mit vorliegender Insel. 

-** v Sphinx. Amphora. Masken. 9 . 

d) Ägyptischer Sphinx, mit dem Klaft auf dem Haupte, von hinten gesehen; Hoden 
sichtbar. Vgl. II, 26 ». 

b) Amphora, anscheinend von Metall. Wohl antik. 

c) Zwei Masken, eine bärtige grinsende mit gewundenen Hörnern, eine weibliche mit 
Kopftuch; wohl modern. 

25 Kamin. — Aufsteigende Arabeske mit figürlichen Zuthaten. 

25 v Kamin. — Stück einer Kanne. — Runde Basis mit sitzenden weiblichen Figuren, dann 
sich verjüngend; darauf ein unten spitzer, nach oben sich verbreiternder Hermenschaft mit drei (oder 
vier?) Köpfen. 

26 Stück einer reichen Wanddecoration, Renaissance. — Am Rande Skizzen dreier Gefäfse, 
eines Helmes, einer weiblichen Statue und eines Aphlaston, letztere beiden vielleicht antik. 

26' d) Ägyptischer Sphinx (Bl. II, 24"), nach links gelagert; Kopf mit dem 
Kaft von vorn, gröfser. 

/') Pilasterornam ent, Renaissance. 

27 Kamin. — Pansmaske. — Kanne und Vase, vielleicht antik; jene anscheinend von Metall, 
diese von Marmor. 

27 v Kamin mit Rusticamotiv. — Skizze eines Kamins mit Beleuchtungsvorrichtungen, beson- 
ders am Mantel. — Leuchter. 

28 Fagade, dreistöckig, mit Rundbogenfenstern, im Erdgeschofs sehr grofse Thüröffnungen 
gleichen Stils. — Thüreinfassung mit toscanischer Säule und Triglyphenfries. 

28* Amphitheater von Nimes? Mausoleum von St. Remy. 

d) System der dreifachen Bogenstellung eines Amphitheaters. Dorische Halbsäulen, sehr 
einfache Simse und rusticaähnliche Behandlung an den Säulen. Das unterste Stockwerk nur in der 
oberen Hälfte gezeichnet. Auf dem Epistyl des untersten Stockwerks: al flat, an der Halbsäule des 
sehr gedrückten zweiten: langer, neben denen des dritten: groter. Vermuthlich Nimes. — Daneben 
Details. 

0) Halber Aufrifs des Mausoleums der Julier von St. Remy. In den Verhältnissen und im 
Einzelnen recht ungenau. Vgl. Ant. Denkm. I, 13. 

29 Stück Wand vom Saale eines Palastes; zwei Abtheilungen, Thür und Nische. 

29 v Reiches Ornament, Ranken und Figuren; Renaissance. — Stück vom Aufrifs einer Thür 
mit Giebel darüber. — Stück Grundrifs (vgl. II, 13. 23 v ). 

30 Kamin. — Reiches Cartouchen werk mit Figuren (Frau, Pane, Knabe) und Fruchtgewinden. 
30 v Kamin. — Verschiedene Thürbekrönungen. — Neben einem Thorbogen in Rustica (l r n 

porto[ne]X): el cornis e le largesse del modeon behort ohne (?) breet te si. 

31 Helm für ein Thier (Pferd?). — Tafelleuchter mit gewundener Säule. — Thürbekrönung. 
■ — Cartouchen werk. 

31 v Eintheilung einer Decke mit eckigen, kreisrunden und ovalen Feldern. In einem ovalen 
Felde: KENT V. SELVE; in einem anderen: faciecie vermach meer dan 'dreckt due can. 

12* 



IÖO Michaelis, Römische Skjzzenbücher nordischer Künstler. 

32 Reiches Cartouchenwerk und andere Ornamente. — Nischenumrahmung. 

32 v Reiches Cartouchenwerk. 

33 Stück einer Wanddecoration: Fries, halbrunde Nischen, gewölbte Decke, Alles reich verziert. 
33 v Stück einer Deckeneintheilung mit Stichkappen. 

;;1 Reicher Ornamentfries, in drei Reihen übereinander", kann antik sein. 
34 v a) Ägyptischer Sphinx mit Kaft, nach links gelagert, nicht identisch 
mit II, 26 v . 

/') Deckeneintheilung. — « Ornamente. — Vase. 
3j (12) Reiche Kamineinfassung mit weiblicher Herme als Gebälkträgerin. — Ornamente. 

35 v Zwei Kamine. — Aufsteigende Arabesken. — • Einzelne Ornamen tmotive. 

30 Grofse Ansicht des vaticanischen Hügels von Norden, vom Monte della 
Creta aus. 

Im Vordergrund die Valle dell' Inferno, in der Mitte auf der Höhe das Belvedere Innocenz VIII, das 
seine schönste Front hierher kehrt. (Über Bogensubstructionen die Loggia scoperta, die grofsen Bogen- 
fenster der jetzigen Galleria delle Statue mit den beiden Vorsprüngen der Stanza dei Busti [einst Ka- 
pelle] und des Gabinetto delle Maschere; niedriger Oberstock und Zinnenkranz.) R. ein Nebenbau (jetzt 
Westende der Gall. d. Statue), dann ein Cypressengarten , von niedrigen Häusern eingeschlossen, bis zu 
einem Thurm, darauf ein langes niedrigeres Mauerstück mit Gebäuden und Thürmen, bis zum torrione. 
Links zieht sich die lange Galleria di Bramante bis zum vaticanischen Hauptpalast hin. Ein breiter 
Weg führt aus der Ebene hinauf zur Nordostecke des Belvedere, neben der Treppe Bramantes. In der 
Ecke unten rechts Heemskercks Monogramm. J. Springer a. a. O, vergleicht einen ähnlichen Stich von 
Balth. Jenichen (Andresen n. 279). 

36 v Andeutung einer dreistöckigen Architektur. 

37 Nervaforum. Puteal Albani. 

L. die Reste des Tempels der Minerva (Inschrift am Fries in zwei unvollständigen Zeilen: 
MINFRUCMNEVA- | ERSMPOECHOMO|), noch" weiter 1. drei niedrigere, den Colonnacce ent- 
sprechende Säulen, r. die Colonnacce mit dem Bogen der Umfassungsmauer. Materiell ziemlich überein- 
stimmend mit dem Stich Duperacs (Beschr. d. St. Rom III, Taf. C), aber viel genauer in Wiedergabe des 
Zustandes der Ruinen. Vgl. II, 50. 82 v . 

Vorn rechts ein grofses Puteal, oben zerbrochen, so dafs man in das Innere hineinsieht, mit 
drei Figuren; offenbar die »Ära« der Villa Albani Zoega 96 (Fig. 3 — 5 sichtbar). — Auf der Rück- 
seite in fluchtiger Schrift: Jacques (c zweifelhaft). 

38 (10) Castortempel und palatinische Substructionen. 

Links die drei Säulen des Castortempels, in der Mitte Gewölbe von der Ecke des Palatins, hinter denen 
rechts die Rundkirche S. Teodoro hervorblickt. Rechts vorn eine Brücke, im Hintergrund der Aventin 
mit einer der Kirchen (S. Sabina ':). Ähnlich der rechten Hälfte von Duperac, Vestigi Taf. 7. 

38" San Teodoro und palatinische Substructionen. 

Rechts die genannte Rundkirche, hinten Ruinen des Palatin, namentlich links die Ecke, daneben Aus- 
blick auf die drei Säulen des Castortempels und weiterhin auf Tor de' Conti. 

39 (32) Vorhalle des Pantheon. 

Einblick von aufserhalb der rechten (westlichen) Nebenseite aus (vgl. II, 2). An den Capitellen ist noch 
Manches erhalten was heute fehlt. Geison stark beschädigt. Zwischen der Ecksäule und der nächsten 
ist eine Bude, zwischen den folgenden Säulen eine Mauer eingeflickt, davor Steinmetzen. Zur Mauer 
und den tief im Boden steckenden Säulen vgl. zu II, 2. 

40 Stadtmauer und Thor. 

Rechts ein Thorbau, durch Wasserleitung, dreifaches Inschriftfeld und Thor mit Rusticahalbsäulen und 
Giebel darüber an Porta Maggiore erinnernd; aber es ist nur eine Thoröffnung da, die den ganzen 
Raum zwischen den Halbsäulen einnimmt und gradlinig schliefst. Links im Hintergrund Stücke der 
Stadtmauer mit vielen Bogen, aber auch höher emporragenden Bauten (Thürmen?). Ich kann das Thor 
nicht nachweisen; die Porta S. Lorenzo kann es kaum sein. 

40 v Skizze einer hügeligen Landschaft mit Bergen im Hintergrunde. 



Heemskerck II, Blatt 32 — 48. 



I6l 



41 Relieffries. Links Wappen (sprengender Reiter rechtshin), ein Delphin, Knaben mit 
Schwänen, Fruchtguirlande. 

42 Tri ton in mit phantastischen Flügeln; ornamental. 

43 Obertheil einer Kanne mit figürlichem Schmuck. 

43 v Fluchtige Andeutungen. Feder und Bleistift. 

44 Rankenornament mit Drachen, Bär, Schlange, Knaben; etwas schwer und überladen. 

45 Sog. Bogen der Goldschmiede. 

Von hinten gesehen. Am Pfeiler r. kleines Relief mit Opferstier, an der Innenseite 1. die beiden Reliefs. 
Durchblick auf die Ecke der dachlosen Vorhalle von S. Giorgio in Velabro (vgl. II, 92) und hohe 
Gewölberuinen vom Palatin; rechts weitere Ruinen vom Palatin. 

45 v Flüchtige Skizze. Wasserfall und Baulichkeiten (Tivoli?). 

46 Brunnenbecken. Marmorschale. Puteal Farnese. Kanne. 

a) Brunnenbecken mit Wappenschild, einfach. 15. Jahrb.. 

b) Flache Marmorschale mit hohem Fufs, zerbrochen. Antik? 

c) Rundes Puteal Farnese in Neapel n. 257 föfus. Boro. I, 49. Gargiulo, Rate. I, 49f.). 
Sichtbar Zeus Knie, Ares, Apollon, Asklepios. Das Kymation oben und unten angedeutet. Der moderne 
Fufs fehlt. Das Monument befand sich zu Aldrovandis, also wohl auch zu Heemskercks Zeit in casa di 
M. Stephano del Bufalo dietro S. Maria in via, s. Aldr. S. 287. 

d) Kanne mit Masken. Renaissance. 

47 Stück des Colosseum; malerischer Gesichtspunkt. 

Unten rechts von neuerer Hand, halb abgeschnitten: M. Heemskerck. 

47 v Palatinische Substructionen, Südecke; vorn Baum- und Buschwerk. 
Vgl. II, 87 '. 

48 Halle im Hofe von Palazzo Medici (später Madama) (Fig. 6). 




Fig. 6. Hof im Palazzo Medici (Madama). 



Vgl. I, 5. — Vorn 1. die grofse Schale; hinten auf der niedrigen Abschlufsmauer Füfse (s. u.) und 
andere Bruchstücke, auch ein kleiner Torso-, am Boden eine Console. An der Halle entlang von I.: 



IÖ2 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 



a) Kleiner Torso, undeutlich. 

b) Sitzender Torso, dem belvederischen ahnlich, aber mit etwas Gewand über beiden Ober- 
schenkeln und an der niedrigen Basis. Das allein erhaltene Unterstück jetzt in Neapel (Mus. Borb.W, Titelk.). 

c) Frauenstatue, vielleicht Tyche (Füllhorn im 1. Arm:); im Motiv einigermafsen wie Clarac 
III, 452, 827. Vielleicht Neapel n. 281 (Clarac III, 506A, 1026A)? 

d) Dionysos: Neapel n. 120 (Clarac IV, 678E, 1586). Aldrovandi S. 187: un Bacco ignudo 
in pie, poggiato cel braccio manco sopra un lionco pieno di uve; ma neu ha tcsta, ne mani. Vgl. III, 2, d. 

e) Kauernde Aphrodite: Neapel n. 307 (Clarac IV, 606A, 1410); vgl. I, 6 ". Aldrovandi 
S. 1 88 : una Vettere ignuda assisa e chinata gilt in alto, ehe pare che si cuopra dinanzi con le mani; ma non ha 
ne le mani, nc ta testa. 

/) Dionysos und Eros: Neapel n. 96 (Clarac IV, 691, 1627). Der Eros mit den Flügeln 
deutlicher I, 66, b. Aldrovandi S. 188: un altro Bacco pure ignudo assai hello, ma e senza la testa e le braccia; 
vi e un tronco con uve, e con un serpe avolto; e seco un altra statua piit piccola ignuda, senza testa ne braccia, e 
senza una gamba. Tutti sono di un marmo stcsso. 

g) Aphrodite: Neapel n. 288; vgl. die ahnliche Statue Clarac IV, 602, 1332B. Gröfser I, 
66, a. Aldrovandi S. 188: una donna ignuda da le coscie in su, ma senza testa ne braccia. 

h) Ari stogeito n: Neapel n. 36 (Clarac V, 870, 2203 A), auf seiner ovalen Basis. Aldrovandi 
S. 188: una bellissima statua sopra la basi del marmo istesso con un atto di gambe sforzato; ma le mancano le 
braccia e la testa. Bemerkenswerth ist, dafs der Iiarmodios sich nicht in der Nähe befindet. 

*') in der Halle: Männlicher Torso, vermuthlich der Verwundete: Neapel n. 30 (Clarac 
V, 870, 2210). 

k) Drei männliche Torsi (ganz r.) nicht genau erkennbar. Aldrovandi S. 188: sei torsi 
antichi, cinque ignudi (b i k), uno togato (c). 

Es ist klar dafs es sich um farnesische Antiken handelt, die angeführten Stucke fehlen aber 
in den Verzeichnissen des Palazzo Farnese (auch bei Aldrovandi), dessen Halle überdies nicht gemeint 
sein kann. Dagegen führt Alles auf den damals von Ottavio Farnese und seiner Gemahlin Margarete 
von Österreich bewohnten Palazzo Medici (später Madama). In Aldrovandis Beschreibung der casa di 
Madama (S. 187 fr.) stimmen die oben gegebenen Bezeichnungen fast auch in der Reihenfolge mit der 
Abbildung (es folgt dort die Beschreibung der attalischen Statuen, von denen hier nichts zu sehen ist, 
die also zu Heemskercks Zeit anderswo aufbewahrt wurden). In dem Inventar dieses Palastes aus der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrh. (Doc. ined. II, 377, vgl. S. XVI) erkennt man ebenfalls leicht in den ersten 
Nummern die Statuen ghf e d c b, also offenbar noch immer in wesentlich der gleichen Reihenfolge. 
Das Cambridger Skizzenbuch (von etwa 1583) kennt die kauernde Aphrodite (e), den Aristogeiton (h), 
einen Torso (k) im palas de duke oder ducka oder ducke octavia oder pallas de duck de octavia (Cambr. 22. 
2 4- 39- 59)> d. h. in ebendemselben Palast. Auch zu dem grofsen Fufs auf der Mauer läfst sich vergleichen 
Aldrov. S. 189: molti altri fragmenti, fra i quali vi e un piede di colosso di marmo rubicondo und Doc. ined. : 
un piede dun colosso di pictra rossa. 

48 v Zehn Skizzen nach Madonnen und heiligen Familien, etwa im Stile Raffaels, vielleicht 
theilweise eigene Entwürfe. 

49 Sog. Tropäen des Marius in ihrer alten Aufstellung auf dem Esquilin. 
Vgl. Duperac, Vestigi Taf. 27. 

49 v Ruine eines Kuppelgebäudes nach Art der sog. Minerva Medica, ver- 
muthlich in der Campagna; mit Mauerresten und rechts einer Brücke. 

50 (8) Reste vom Minerventempel auf dem Forum Nervas (vgl. II, 37), von 
der vorderen r. Ecke aus gesehen. 

Sichtbar sind folgende sieben Säulen und eine Ante (die achte Säule I ist durch 6 verdeckt): 



1 ° «8 

2 • • ~i 



\ 



Heemskerck II, Blatt 48 * — 56 ». 163 



an den durch den Strich bezeichneten Stellen mit erhaltenem Gebälk (auf dem vorderen Epistyl : EOMC?); 
endlich im Hintergrunde eine kleinere Säule mit Gebälk (10), eine von den der dortigen Umfassungs- 
mauer vorgesetzten Säulen. Die Säule 7 war zu Duperacs Zeit schon gefallen. Werthvolle Ergänzung 
von dessen Stich. Vgl. II, 37. 82 ". 

50 " Aussicht von Araceli auf das Forum. Capitolinischer Congius. 

«) Aussicht auf das Forum, ähnlich wie I, 9. Die Palme nur angedeutet. Der Thurm 
von S. Sergio e Bacco (vgl. II, 12) ragt im Mittelgrunde hoch hervor, daneben eine undeutliche Angabe, 
vielleicht der Apsis. 

b) Capitolinischer Congius. Hoher Cylinder, oben von Löwenköpfen umringt, unten 

gegen eine Säulentronimel sich verbreiternd. Am Schaft: COC •UlN'f- Beseht, d. St. Rom III, I, 
117. Forcella, her. I, 7. Rom. Mitth. 1891 S. 10 Ann. 25. ' 

51 (35) Der Neubau von St. Peter, von Süden gesehen. Facsimile: Jahrb. f. d. preufs. Kunsts. 1891 
S. 120 (J. Springer). Vordem gewölbten Unterbau der Kuppel ist S. Maria della Febbre mit dem Obelisk 
sichtbar. Rest der Constantinsbasilika, Vorhof mit Thurm, Loggia delle Benedizioni (vgl. II, 53). 
Sistina, Appartamento Borgia, Ecke des Flügels mit den Loggien, Cortile di Bramante, Belvedere. 
Vgl. J. Springer a. a. Ü. S. 119. 

51 v Landschaftliche Skizzen. L. Berge; r. ein von Mauern und ThUrmen umgebener Platz 
auf einem Berge. 

52 Das Innere der Peterskirche während des Baues. Nach einer Copie im Soane Museum, 
die 1. und oben etwas vollständiger, unten stärker beschnitten ist, publiciert von Geymüller, Entwürfe 
Taf. 24 (vgl. S. 324). 

53 Der Platz vor der Peterskirche. Besonders interessant durch die breite Treppe 1., 
neben der eine der Apostelstatuen von Mino steht, und die von Pius II begonnene, von Julius II be- 
endigte loggia delle benedizioni, eine einfache grofse dreistöckige Halle von je vier Bogen (vgl. 
Müntz, Les ar/s II. Taf. 2. Les antiq. S. 14. De Rossi, Bull, comun. 1887 S. 296fr.). Fagade der 
Constantinsbasilika, Glockenthurm, Eingang zum Palast, Cortile di San Damaso. Das Blatt verdient 
publiciert zu werden. Vgl. J. Springer a. a. O. S. 119. 

53 " a) Antike Gewölbe. Für mich nicht bestimmbar. 

b) Stück der Innenansicht eines gerundeten Baues. 

Die dicke Wand, concav gerundet, zeigt acht Nischen in dreifacher Reihe übereinander, unten thürförmig, 
darüber lünettenartig, oben ungefähr quadratisch. 

54 Ansicht der Peterskirche im Bau. Das südliche Querschiff von aufsen gesehen. Die 
Gewölbebogen für die Kuppel sichtbar. Rechts im Hintergrunde S. Maria della febbre und der 
Obelisk. Vgl. II, 1.60. J. Springer a. a. O. S. 121. 

54 v Cestiuspyramide. 

a) Sehr zerstört. Inschrift angedeutet. Stadtmauer im Hintergrunde, von innen gesehen. 

b) Dieselbe, von aufsen gesehen. Rechts Blicke auf den weiteren Verlauf der Stadtmauer. 

55 Gewölbe von den palatinischen Kaiserpalästen. 

Von der Südecke. Darüber hinaus im Hintergrunde der Constantinsbogen und das Colosseum. Weiter 
hinten S. Pietro in Vincoli! 

56 Der Titusbogen von der Seite des Colosseum aus gesehen. 

Eingemauert in seine mittelalterliche Umhüllung. Oben die Inschrift SENATUSj/i'/«/»' jut rotntums\ 
diuotito diuiuespasianif\ vespasiano augusto. Im Bogen r. das Triumphalrelief angedeutet. Durch den Bogen 
Blick auf das Forum (Tempel Castors Saturns Vespasians, Phokassäule, Kirche von Sergius und Bacchus 
mit Thurm, Severusbogen mit allen drei Öffnungen in beträchtlicher Tiefe freigelegt, vgl. II, 79), Im 
Hintergrunde der Capitolspalast mit seinem Thurm, und I. darüber hervorragend ein höheres Gebäude 
mit einem Thurm und einem grofsen Thorbogen (mir räthselhaft) ; r. Araceli und davor der Obelisk. 

56 T Constantinsbogen. 

Mittlerer Durchgang mit Andeutung des Schlachtreliefs mit der Victoria (fundalori quietis); beiderseits 
Säulen mit Andeutung der Reliefs auf den Basen. L. Blick auf das Colosseum, r. Andeutung des 
Septizonium. 



164 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

57 Vier bekleidete Frauengestalten. Federzeichnung, sorgfältig mit Tusche 
ausgeführt, in etwas abweichender Manier. 

Anscheinend nicht Copien antiker Statuen, sondern im antiken Geschmack erfundener Gestalten, von 
einer Malerei entlehnt; allenfalls sehr stark ergänzte antike Torsi. Alle vier Figuren tragen Chiton und 
Mantel; d) zierlich nach r. bewegt, hebt über der r. Schulter den Mantelzipfel, nach dem auch die L. 
greift; b) mit sehr reichen aber durchaus malerischen Faltenmotiven, stützt die R. in die Hüfte und 
fafst mit der gesenkten L. einen Theil des Mantels; t) ruhig stehend, mit r. Standbein, den r. Arm ge- 
senkt, den 1. im Mantel vor der Brust; d) rechtshin gewandt, aber zurückblickend, mit ähnlicher Arm- 
haltung. 

Oben zwei Federskizzen: e) ein Gesicht, in der Verkürzung von unten gezeichnet; f) ein 
Panskopf nach links; vgl. I, 68 v . 

58 Verschiedene Skizzen. — Reichgeschmückter Bogen mit stuckverzierter Wand darüber. 
Durchblick auf halbverschüttete Mauern und Bogenstellungen, wie vom Colosseum. — Plan einer 
einfachen Villa?, daneben al gheheel 25 b (?). — Wandeintheilung, darunter apocolo a(V) chompar \ 
(Rest abgeschnitten). — Verschiedene Gefäfse. — Allerlei Schiffstheile und Ähnliches, untermischt 
mit Opfergeräth, wohl von einem Friese nach Art des capitolinischen I, 21. 53- 

58 v Arcosolium. Kapitelle. 

a) Ein Arcosolium, vielleicht aus einem Columbarium. Mittelnische, halbrund, mit geflügelten 
und schwebenden Figuren an der Wand und der Wölbung, umrahmt von verzierten korinthischen Pilastern, 
figurengeschmücktem Epistyl und Giebel , ebenfalls mit Figuren. L. über einander zwei Bogennischen 
mit viereckigem Grundrifs. Andeutung weiterer Ornamente, z. Th. Thierzeichen, in einem Friese und 
auf der 1. Nebenseite des Arcosolium. — Skizzen jugendlicher Figuren: Flügelknabe auf einem 
Thiere reitend; geflügelter Jüngling; Jüngling mit Pedum. 

b) Co mposi takapitell. — Kapitell mit Tropaion (Harnisch, Helm, Schilde); an der 
Ecke eine Nike mit gallischer Thiertrompete (xujoiuv 8r ( pi<5,uop(poc); unten eine Reihe Akanthosblätter. 

c) Verschiedene Vasen, Untersätze u. s. w. in reichem Renaissancestil. 

59 Ruinen von Gewölbebauten. 

Vermuthlich von einer der Thermenanlagen, oder vom Palatin. Ein paar Figuren als Staffage. 

50 v Ruinen von grofsen Bogen und Gewölben. 

Ebenso. Zum Theil Andeutungen von Cassetten in den Gewölben. Rechts Bäume. 

60 Neubau von St. Peter. Einblick von Norden in den Kuppelraum, mit den halbrunden 
Abschlüssen des Querschiffes; Andeutung der alten Basilika, r. die Haupttribuna mit einem Nothdach. 
Oben werden leichte Anfänge des Tambours sichtbar. Vgl. II, 1. 54. J. Springer a. a. O. S. 121. 

60 v Desgleichen. Skizze des südlichen Querschiffs, um ein Stockwerk fortgeschritten gegen 
Bl. 60; 1. die bereits eingedeckte Haupttribuna, darüber der Tambour im Beginn des Ausbaues. Rechts 
die Basilika und S. Maria della Febbre leicht angedeutet. Vgl. J. Springer a. a. O. 

61 Zwei moderne Gemälde. — a) Ein König, thronend, streckt die R. gegen einen 1. 
knienden Mann aus; hinter diesem vier, rechts fünf bekleidete Gestalten, z. Th. in lebhafter Bewe- 
gung. — b) Ein Krieger zu Wagen wird von Kriegern zu Wagen verfolgt, während Krieger mit 
asiatischen Mützen seinen Rossen in die Zügel fallen. Vorn ein Gefallener. 

61 v Nach modernen Gemälden. — d) Madonna, nach 1. sitzend, den r. Fufs auf eine Basis 
setzend, ein Buch in der R., blickt hinab auf Jesus und Johannes, die neben ihr spielen. Im Sinne 
der Schule Raffaels. (Mit Tusche ausgeführt.) — b) Aufblickender Frauen köpf mit künstlicher Haar- 
tracht, von vorn und nach links. — c) Stehende Figur, Bellona?, mit Widderkopf und blattartiger 
Bedeckung der Brüste am Panzer. 

62 Vier Grabmonumente aus Pal. Cesi (alle ohne die Inschriften). 

a) Die Fortunaseite (Fatis) vom Grabstein des Q. Cäcilius Ferox (Cod. Pigh. 135. CLL. 
VI, 2188), damals im Pal. Cesi (Boissard III, 48), später in Villa Albani (Zoega 15. Denkm. a. K. II, 
73. 94l)' Der Pilaster r. ist vollständig gezeichnet, die Figur verstümmelt wie jetzt. 

b) Cippus des L. Statius Asclepiades (Gruter 830, 1), mit Ganymedes der den Adler tränkt 
auf dem gerundeten Deckel (Boissard III, 85 in domo Caesiand), jetzt in Villa Albani {Ann. 1866, G, 2. 
Overbeck, Kunstmyth. II, 548, e). 



Heemskerck II, Blatt 57 -65. 



165 



c) Runde Urne der Athania Pieris (Gruter 759, 1) mit flüchtiger Andeutung des Sculpturen- 
schniuckes, s. Boissard III, 84 (in domo Caesiand). Von der Deckelgruppe sind nur Reste der Schlange 
und eines Adlerflügels vorhanden. 

d) Cippus der Vipsana Thalasse (Gruter 610, 2), mit Andeutung der Reliefs, s. Boissard III, 
86, 4 (in hortis Caesij Card.~). 

62 T Brunnen aus dem Giardino Cesi. Köpfe. 

a) Oben in halbrunder Nische ein Knabe mit einer Urne auf der I. Schulter; unter der 
Nische eine Schnecke; darunter rinnt aus einem Röhrchen Wasser in ein oblonges, blofs profiliertes, 
anscheinend modernes Becken (nicht einen Sarkophag). Im Übrigen vgl. I, 25, h — k mit der Stelle aus 
Aldrovandi. Cambridge Bl. 6. 

0) Zwei Köpfe, der eine sokratesartig, vom Munde abwärts abgeschnitten. Rötheizeichnung. 
63 Gemalte Wanddecoration. Ausblick aus einem mit Pilastern geschmückten Vorbau, 

in dem ein Kalb auf dem Boden liegt und ein Gärtner sich auf das Geländer legt , in einen Baumgang, 
an dessen Ende ein Rundbau steht. Vgl. zu II, 10. 

63 v Desgleichen. Blick in eine Landschaft mit seltsam geformten Bergen, Bäumen und allerlei 
Baulichkeiten. Vgl. zu II, 10. 

64 Panzer und andere Waffen. Wohl sämmtlich nach Renaissancedarstellungen. 

64 » Waffen. Ebenso. — Rechts sehr verwischtes Gesicht (Rötheizeichnung). 

65 Drei Statuen: Apollon, Frau, Satyr (Fig. 7). 






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Fig. 7- 



d) Der ausruhende Apollon, sog. Hermaphrodit, in Neapel; damals in Casa Sassi, später in 
der Sammlung Farnese, vgl. I, 51V, a. III, 3, a. 



i66 



Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 



i) Frauenstatue, in Neapel? Für mich nicht nachweislich. 
c) Satyr mit zwei langen Hörnern. Wohl sicher modern. 

65' (54) Nackte Frauenstatue. Trunkener Pan (Fig. 8). 




Fig. 8. 



ö) Fast nacktes Weib, in schöner Bewegung, die man wohl für Copie eines Gemäldes halten 
möchte, deuteten nicht der Bruch des r. Unterschenkels und das Fehlen der beiden gehobenen Arme auf 
ein statuarisches Werk hin. Mir unbekannt. 

h) Der trunkene Pan, von einem geflügelten und einem ungeflügelten Knaben getragen und 
von einem Jüngling mit Mantel und Nebris gehalten. Copie eines Gemäldes oder eines Reliefs. Dieselbe 
Gruppe Basel BI. 26 y . 

66 Moderner Rankenfries. Mit Maske, Storch, Knabe, ovalem Bild in Metallbeschlagumrahmung. 

67 Arabesken. Figürliche und ornamentale Motive aus modernen Wandmalereien. — Nische 
mit sitzender Frauenstatue. 

(!7 v Architektonische Skizze. Basis, Säule, Architrav und Fries von einer Fensterumrahmung 
oder dergleichen. 

68 Arabesken. Sehr reiche und zierliche Motive aus modernen Wanddecorationen. 

69 Vögelköpfe. Vier Zeichnungen nach dem Leben. 
69 v Kleines Köpfchen. Rötheizeichnung. 

70 Basis und Kapitell einer Säule. Von sehr verschnörkelten Formen, wie mir scheint 
im Sinne nordischer Renaissance; J. Springer a. a. O. S. 118 erkennt »entschieden italienischen, 
wahrscheinlich römischen Ursprung«. An der Plinthe der Basis die Jahreszahl 1529. In Tusche und 
brauner Farbe ausgeführt. S. oben S. 128 f. 



Heemskerck II, Blatt 65 V — 8 1 \ßy 



71 Ein Theil des Colosseum. 

Durchblick durch ein verfallenes Gewölbe in die Arena und auf die gegenüberliegende Seite. 

7'1 Ansicht des Capitolsplatzes. 

Facsimile: Rom. Mittheil. 1891 S. II. Zeitschr. f. bild. Kunst, N. F., II S. 186 (Michaelis). Links vorn 
der Obelisk, dahinter der Senatorenpalast mit der zweistöckigen Loggia von 1300 und der breiten Treppe 
(vgl. II, 92 v ), auf deren Geländer die Löwengruppe angedeutet ist (vgl. I, 61). Rechts davon der Blick 
gegen den tarpeischen Felsen (mit Angabe des Galgens?), noch ohne Treppenaufgang (vgl. Fichard, 
Frankf. Arch. III, 30: post J'ala/ium hoc [Consen'a/arti//t] per hortos recta i/ur ad rupem Tarpeiam propt 
coniunctam ; est autcm illa, u/n nunc quoque facinorosi cives Roinani puniuntui). In der Mitte des Hinter- 
grundes der Conservatorenpalast von 1450 in seiner alten Gestalt. Vor der unteren Loggia die beiden 
Flufsgottstatuen des Nil und des Tigris (»Tiberis ) , hier zuerst von Fulvius, Antiquit., 1527, f. XXI 
erwähnt; darüber die Wölfin nach Art eines Wirthshausschildes (vgl. Rom. Mitth. 1891 S. 12 ff.); indem 
letzten Bogen links der grofse Erzkopf Domitians (»Commodus«). Vorn r. die Seitentreppe, die vom 
Querschiff von Araceli zum Capitolsplatz hinabführt, mit einer Säule daneben; s. II, 16. 

73 Skizze einer grofsen halbrunden Nische. — Halbrund aus einem Festsaal, mit fünf 
grofsen Nischen (abwechselnd von halbrundem und oblongem Grundrifs) und cassettengeschmücktcr 
Wölbung. Das Ganze sehr reich. Am Rande Einzelheiten, theils leichtes Rankenwerk , theils Gesims- 
profile A — E. 

73" Architektonische Skizzen. — Grundrifs eines Gebäudes. — Halbes Thor in tos- 
canisch - dorischem Stil, mit Thorbogen, doppelten Halbsäulen, Triglyphenfries, Attica. — Leichte 
Wanddecorationen mit phantastischer Architektur, gewölbten Laubgittern u. s. w., etwa im Geschmack 
der Titusthermen. 

74 Decorationsmotive. Ranken, Phantasiethiere, l'utti, Engelsköpfe u. s. w. Sehr fein. 

74 v Nach einem Gemälde. Zwei Pferde an einem Streitwagen , lebhaft aus einander sprengend. 

75 Wand dec oration. Leichte Skizze, aus architektonischen und figürlichen Elementen (Frauen, 
Knaben, Triton, Ziege, Pan) gemischt. 

7b' Obertheil einer Kanne. Renaissance. 

77 Leuchterfu fs, auf Adlerkrallcn ruhend. 

78 Skizze eines Seehafens. — L. auf der Spitze eines Molo ein niedriges Kastell, von 
rundem Thurm überragt; weiter r. gegen das Land hin eine längere Rundbogenhalle, gegen das Meer 
durch eine niedrige Mauer abgeschlossen; dahinter und rechts eine auf steilem Felsenvorsprung hoch- 
gelegene Stadt mit hoher Mauer. Genua! Ancona: 

79. 80 Ansicht des Forum, vom Capitol aus. 

Vorn in der Mitte die drei Säulen des Vespasiantempels , und unmittelbar dahinter die Kirche der h. 
Sergio und Bacco mit ihrer Apsis und niedrigen Vorhalle (Hülsen, Bull, comun. 1888 S. 155 ff.) url< ' ihrem 
mehrstöckigen Thurm (vgl. II, 12. 50 v . 56). L. davon der Severusbogen, bis auf die Plinthen der 
Säulenbasen aufgeräumt, mit einem ThUrmchen und anderen Resten des mittelalterlichen Aufbaues; dann 
unansehnliche Häuser und ganz links der Marforio. Im Hintergrunde werden theilweise sichtbar der 
Minerventempel und die Colonnacce des Nervaforum mit der Torre de' Conti, sodann S. Martina und 
S. Adriano, weiter ein Stück der Constantinsbasilika und zwischen den Säulen des Vespasiantempels das 
Colosseum. Rechts von hier die Phokassäülc,- darüber S. Maria Nuova und der Titusbogen mit der Tuiris 
Cartularia, dann weiter vorn und rechts die drei Säulen des Castortempels, ganz rechts der Saturntempel. 
Zwischen diesem und der Phokassäule moderne Gebäude. 

Die weiteren, z. Th. sehr grofsen Blätter sind in eigenthümlicher Weise ein- 
geheftet, um Vorder- und Rückseite sichtbar zu lassen, dabei ist aber manchmal 
Zusammengehöriges zerrissen und Unzusammengehöriges verbunden. Daher liefs 
sich die Folge der Blätter nicht immer innehalten. 
83 v + 81 Thermen. Sarkophag. Kleineres. * 

d) Grofse Baulichkeit mit vielen gewölbten Räumen, von mehreren Giebeln und Bogen überragt. 
Vielleicht von den Diocleti ansthe rmen. 



l68 Michaelis, Römische Skizzenbiicher nordischer Künstler. 

b) Sarkophagvorderseite. Zwei Knaben (der dritte links fehlt) tragen zwei Fruchtschniire, 
darüber 1. ein Eros auf zwei Seelöwen nach r. reitend, r. eine Nereide, vom Rucken sichtbar, auf ein 
Seethier ausgestreckt, ebenfalls rechtshin sich bewegend. 

c) Trapezophor, aus Löwenkopf und -bein gebildet. 

d) Schale, Renaissance. 

81 v-i-82 Ruinen im Giardino Colonna. 

a) Schräg von unten links nach oben rechts aufsteigende Mauer mit zwei Reihen von Bogen- 
öffnungen über einander, rechts oben überragt vom sog. frontispicium Neronis, dem Rest des aurelia- 
nischen Sonnentempels. Dieselben Ruinen von der entgegengesetzten Seite bei Duperac, Vestigi 
Taf. 31, rechte Hälfte. 

b) Stück einer Felderdecke? "fJtdF In den Quadraten Masken, in den Streifen Ranken; dazu 
geschrieben: li folliami verdi in campo i'erd scuro, und: el campo negro li teste colorite. 

82v + 84 Das Nervaforum. 

Ahnlich wie II, 37, aber dem Stiche Duperacs ähnlicher, auch im Punkt der Aufnahme. Über den 
Colonnacce rechts steigt hoch die Torre de' Conti auf. Die Kirche mit Thurm im Hintergrund wird die 
jetzt verschwundene Kirche S. Ciriaco sein (s. Bufalinis Plan). 

83 d) Platz, von alten Mauern und Gewölben umgeben. 

Vielleicht aus einer Thermenanlage. 

b) Skizze einer reichen Giebelbekrönung; modern. 

84 v Ecke der Constantinsbasilika. 

Darin ein Stuck verkröpftes Gebälk. Es ist die Ecke gegen die Vorhalle hin. 

87 v + 85(45) Kaiserpaläste und Septizonium. 

Die linke Hälfte (87 V) mit der Überschrift ROMA QVANTA FVIT IPSA RVINA DOCET zeigt die noch 
heute erhaltenen mächtigen Substructionen der Kaiserpaläste von Süden gesehen, im Vordergrunde Busch- 
werk (vgl. II, 47 v ). Auf der r. Hälfte das »Septi zoniurn«, dem Standpunkt nach ähnlich der Zeichnung 
Dosios bei Hülsen, Septizonium Taf. 2, dem Erhaltungszustande nach noch etwas besser als ebenda Taf. 1. 
Zum Ganzen vgl. Duperac, Vestigi Taf. 13, linke Hälfte. 

85 T Arabesken fr ies. Architektonische Details. 

86 a) Der Sarkophag der heil. Constantia. 

Der Porphyrsarkophag (Mus. P. Clem.Wl, 11), damals noch in der Kirche der h. Costanza bei S. Agnese 
fuori le Mura, mit seinem Deckel, aber ohne dessen dachartigen Abschlufs; mit seinem damals üblichen 
Namen sepulcro de baeco bezeichnet, vgl. z. B. Boissard II Bogen J, 4. Franzini in der Roma ant. 1687 S. 237. 
b) Schale: eine Muschel auf einem Schlangenknäuel ruhend. 
8G v Steiler Felsen, mit angebautem Hause; etwa in der Art des Mons sacer, jenseits S. Agnese. 
Wohl sicher aus der Campagna. 

90 v - r 87 Gewölbe und Trümmer. 

Die linke Hälfte (90 v ) zeigt eine Gruppe noch aufrecht stehender Bogen und Gewölbe, die rechte (87) 
einige höher gelegene Reste mit angebautem verfallenen Hause; vorn grofse herabgestürzte Gewölbstücke. 
Etwa aus den Car acallathermen?? 

88 Gefäfse. Leuchter. Kamin. Gesimse. 

88 v Sarg mit Masken und Schlangen. 

89 d) Blick auf das Septizonium. 

Etwa vom Südwestabhang des Palatin aus. Rechts Substructionen des Palatin , links im Mittelgrunde 
das Septizonium, hinten eine Andeutung des Aventin. 

6) Kleine Kirche mit eigenthümlicher hoher Kuppel über der Vierung. 
90(48) Verschiedene Vasen, modern. 

90 v Antikes Schiff (anscheinend Reconstruction). — Verschiedene Schalen, modern. 

91(5) Schuhwerk. Coloss.eum. 

d) Sandalen und Riemenschuhe, anscheinend nach antiken Mustern. 

b) Stück eines gerundeten Bogenganges aus dem Colosseum; Gewölbe meistens eingestürzt. 



Heemskerck II, Blatt 81 v — m, Blatt 2. 169 

91 »+92 Grofses Panorama von Rom, vom tarpeischen Felsen aus genommen. 
Auf einem Steinblock 1. die Jahreszahl 1536. 

1,035 m (so) lang und 0,175m hoch, mit ausnehmender Sorgfalt durchgeführt. Hie und da sind die Namen 
der Gebäude angegeben. Zum Standpunkt vgl. Fichard, Frankf. Arch. III, 70 ex Uta [ruße Tarpeid] pul- 
eherrimus patet in urbem prospectus\ J. Springers Annahme eines idealen Standpunktes ist nicht haltbar. 
Der Tarpeische Fels bot, damals unbebaut, eine freie Rundschau. Das Bild umfafst den ganzen Rundblick 
vom Abfall des Aventin mit S. Sabina bis zu S. Maria in Cosmedin und wiederum dem Aventin. Das Mittel- 
stück, das Capitol, facsimiliert: Ztschr. f. d. bild. Kunst, N. F., II, 185 (Michaelis). Das ganze Blatt 
wird im nächsten Hefte der Ant. Denkm. II im Facsimile mit einer Erläuterung de Rossis erscheinen. 
Vgl. einstweilen J. Springer, Jahrb. f. d. preufs. Kunsts. 1891 S. 123 f. 

92 v +93 Ansicht des Velabrum und des Palatin, vom Aventin aus genommen. 

0,78 m lang und 0,20 m hoch. Wohl als Ergänzung der vorigen Ansicht gezeichnet. Vom Capitol bis 
zum Septizonium reichend, von S. Maria in Cosmedin aus aufgenommen. Interessant sind die deutlichen 
Reste der Unterwölbungen für die Sitzstufen des Circus Maximus (vgl. II, 14). Auch dieses Blatt wird 
in den Ant. Denkm. II erscheinen. r 

93*4-94 Der südliche Theil der Kaiserpaläste, vom Circus aus gesehen. 

Wohl ebenfalls als Ergänzung des Fanoramas gezeichnet. L. Blick ins Velabrum bis zum (leicht ange- 
deuteten) sog. Vestatempel, r. das Septizonium. 

94" Stück des Colosseum, etwa von der Meta Sudans aus gesehen. 

III. EINZELNE BRUCHSTÜCKE 
AUS HEEMSKERCKS RÖMISCHEN SKIZZEN. 

In den Paradigmata graphices variorum Artificum von Joh. Episcopius 
(Jan Bisschop), Haag 1671, die nach sehr verschiedenen Vorlagen gefertigte Stiche 
antiker und moderner Kunstwerke enthalten , tragen die Tafeln 36 und 37 die Be- 
zeichnung Heemskerk ex marmore antiq. Sie umfassen folgende dreizehn Figuren, 
die sämmtlich oder fast alle ohne Spiegel, also im Gegensinne gestochen sind; 
um die Identificierung zu erleichtern, stellt die Beschreibung überall das Ursprüng- 
liche wieder her (also links, was im Stiche rechts ist u. s. w.). 

1 Taf. 36. Weibliche Gewandfiguren. Zwei Reihen, die erste mit voll- 
ständigen Statuen, die zweite mit Torsen. 

I. d) Tänzerin? Sie tritt mit dem r. Fufs vor und trägt ein lebhaft bewegtes, am 1. Bein offenes 
lakonisches Gewand, das nur auf der r. Schulter befestigt, die 1. Schulter und Brust frei Iäfst. R. Arm 
mit einem Gewandzipfel vor dem Leibe, 1. Arm gehoben, Kopf dorthin gewandt. Wohl stark ergänzt, 
namentlich im Oberkörper. 

b) Frau in Chiton und Mantel, in einem sehr beliebten Motiv (z. B. Clarac III, 312, 2340). 
Ein wohl dem Ergänzer angehöriger Mantelzipfel, der gegen die übliche Anordnung von der r. Schulter 
herabhängt, macht die Identität mit der nur aus Montfaucon bekannten Statue Clarac III, 438 E, 792 J 
wahrscheinlich, zumal da auch die Ähren übereinstimmen ; nur ist der Kopf nicht verschleiert und der 
r. Arm stärker emporgebogen. 

e) Mädchen im Motiv der sog. Diana vun Gabii, vermuthlich die Replik im Pal. Doria 
Matz-Duhn 675. Clarac IV, 573, 1227, deren Echtheit durch die Zeichnung gegenüber den Zweifeln von 
Matz einigermafsen beglaubigt würde. 

II. d) S. zu I, 33, a. Kopf und beide Hände fehlen. 

e) Ähnlich wie Lorch I, q, s. unten. Kopf und Arme fehlen. 
f, g) S. I, 33, b. c und vgl. Lorch 1, d— f. 

2 Taf. 37. Sechs männliche nackte Statuen, sämmtlich vollständig. 

I. ä) Dionysos mit Panther. Wenn im Gegensinne gezeichnet, so entspricht das Motiv 
einigermafsen dem in der Gruppe Clarac IV, 694, 1633, doch ist das 1. Bein das Standbein, die 1. Schulter 



170 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 



starker gesenkt, die L. mit einer Traube gegen einen am Boden sitzenden Panther geneigt. Ist die 
Zeichnung dagegen im richtigen Sinne wiedergegeben, so läfst sich Clarac IV, 688, 161 7 vergleichen, 
doch fehlt die Stütze, das 1. Bein ist nicht so weit zurückgestellt, die 1. Schulter viel stärker gehoben 
und die Hand auf den epheubekränzten, aber nicht langlockigen Kopf gelegt. 

b) Dionysos, ziemlich lebhaft mit dem r. Bein vorschreitend, neben dem ein grofses Thier 
(Hund?) sitzt. R. Arm gesenkt, der 1. gegen die Hüfte gebogen und von einem Gewand oder Fell um- 
geben, dessen Befestigung am Körper nicht angegeben ist (wohl sicher ergänzt). Der lockige Kopf gegen 
seine 1. Seite geneigt. Die Figur scheint modern oder mindestens sehr stark ergänzt zu sein. 

e) Der ausruhende Satyr (sog. Periboetos), ohne Flöte oder Pedum in der R. Das Exem- 
plar läfst sich schwerlich bestimmen. 

II. J) Dionysos. Wahrscheinlich der farnesische in Neapel n. 120 (Clarac IV, 678 E, 
1586), den Heemskerck 11,48, d ohne Ergänzungen gezeichnet hat. Die doppelte Stütze spricht für 
Identität, jedoch steht die Figur steiler auf dem r. Bein und das 1. steht dichter am weinumrankten 
Stamm, die L. hält nichts, in der erhobenen R. ist ein langer Stab angedeutet, das Haupt ist kurzlockiger 
und ohne Kranz. Handelt es sich um eine Ergänzung nur durch den Zeichner oder den Stecher? Diese 
Frage erhebt sich bei mehreren Figuren unseres Blattes. 

e) Der grofse tanzende Satyr der Villa Borghese, stanza del Fauno, Clarac IV, 717, 1714. 
Die Ergänzung scheint schon die gleiche wie heute, doch ist der fr'ichtenkranz nicht kenntlich, das Pedum 
erscheint wie ein grofser Knochen oder Baumast, und die Stutze fehlt. Die Statue läfst sich, so wie jetzt 
ergänzt, zuerst im Pal. Cevoli (Sacchetti in Via Giulia) nachweisen (Franzini, Icones [1589] b, 13. Cavall. 
III. IV [1594], 88). In der ersten Ausgabe von Vaccarius [1584] hat sie keine Unterschrift, in der neuen, 
durch den Zusatz parte terza auf dem Titel kenntlichen heifst es bereits Pannus apud Card. Burghesium 
(Scip. Caffarelli-Borghese ward erst 1605 Cardinal). 

/) Hermes? wahrscheinlich im richtigen Sinne gezeichnet. Rasch vorschreitend, mit dem r. 
Beine voran. Die Chlamys ist auf der r. Schulter befestigt, über die 1. zurückgeworfen und um den 
vorgestreckten 1. Arm hinübergeschlagen (bei Hermes beliebtes Motiv vgl. z.B. Clarac IV, 660, 1520. 
666 B, 1516). Der r. Arm ist abwärts gestreckt. Der lebhaft bewegte, leicht bärtige Kopf, von einem 
Gesichtshelm mit Busch und Flügeln bedeckt, ist sicher modern; ob etwa auch die Beine und das ganze 
lebhafte Bewegungsmotiv? 

3 Federzeichnung, laviert, im Berliner Kupferstichcabinet n. 2783. Mit 
dem vollen Namen MHceviskerck und darunter der Jahreszahl 1555, die aber dunklere 
Farbe zeigt und ohne Zweifel später hinzugefügt ist (vgl. S. 130 Anm. 29), vielleicht 
als es sich um den Stich dieses Blattes durch Dirks Volkcrtsz Coornhaert (1522 — 1590) 
handelte, der mehrere Blätter nach Heemskerck gestochen hat (Nagler, Monogr. II, 
544 n. 1428). Der im Gegensinn ausgeführte Stich hat die Unterschrift: Spectantur 
liaec antiquitatis tnomivicnta Romae, in aedibusvulgo dictis de Zasse, d. h. Sassi (Fig. 9). 

Das Haus der Familie Sassi im Rione Parione (Nolli, Planta n. 416?) hebt Albertini, Opusc. 
de mirab. urbis Romae, 15 10, S. 62 » wegen seiner Antiken hervor: in domo ßaxca apud Parionem (vgl. Mar- 
tinelli, Koma ex ethnica Sacra S. 83) sunt statuae piihlierrimae marmoreae et porphyretuo lapide sculptae, 
cum capite et tilulo (nicht im CIL., wohl modern) Magtii Pompe!. Vielleicht meinte er dasselbe Haus S. 83 v , 
wo er die mit Kunstwerken geschmückten domus de Valle et Saxolis zusammenstellt: sie waren einander 
benachbart. Auch die älteren Inschriftsammlungen kennen Benedetto und Ippolito Sassi {CIL. VI, 9222. 
i2iio(?). 13068. 13786. 13845. 16098. 16748. 17606. 21271. 22492. 22975; Nachweis von Hülsen). 
Ohne Zweifel ist dasselbe Haus von Fichard (1536) gemeint, wenn er nach Beschreibung der Paläste 
Valle und Capranica fortfährt: in eade/n p/alea, sed inulto inferius est domus quaedam cuiusdam eivis, in 
a/rio inferius et ipsa egregias mu/tas habens s/tituns, duas praiscrtim, alteram ex porphyro in sella sedentem, 
alteram ex Indiat lapide stantem, utramque elegantissimam et ultra liumanam staturam, muliebres. Ibidem 
et egregius Mereurius (Frankf. Archiv III, 69 f. Darauf folgt der nahebei liegende dritte Palast della 
Valle). Diese Schilderung ist aus Heemskercks Zeit. Als Aldrovandi in Rom war, 1550, war der Hof 
geräumt und die Antiken waren von Fabio Sassi denFarneses überlassen (wie auch Vasari I, 109 Mil. 
angibt), in deren damals neuem Palast Aldrovandi eine sitzende »Roma« von Porphyr (S. 150), eine 



Heemskerck III, Blatt 



171 




9. Hof in & 



Statue Marc Aureis (S. 151), einen kolossalen »Hermaphroditen« von grauem Stein, paragone, (S. 155) 
als von Fabio Sassi herrührend nennt. Auch die Inschriften befanden sich um die Mitte des Jahr- 
hunderts mehrfach in anderen Händen (Gottifredi, Carpi, Bufalo, Cibö). Nach Obigem kann über die 
von Heemskerck gezeichnete Lokalität ebenso wenig ein Zweifel sein , wie darüber dafs die Zeichnung 
nicht erst 1555, nach der Zerstreuung der Antiken, gemacht ist, sondern aus Heemskercks römischem 
Aufenthalt stammt. Das Wappen (im oberen Felde ein Löwenkopf nach rechts [heraldisch], im unteren 
drei schräge Balken von oben rechts nach unten links) ist mir nicht gelungen als das der Familie Sassi 
nachzuweisen. — Die Aufzählung der Antiken geht von links nach rechts. 

ä) Apollon: Neapel 222 (von Basalt). Clarac III, 480, 921 B. Aldrovandis »Hermaphrodit«, 
s. zu I, 51 v , a. II, 65, a. 

i) Relief. Knaben, anscheinend ein trunkener von einem anderen unterstützt. In der Art 



172 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. Heemskerck III, Blatt 3* 

griechischer Sarkophagreliefs (Matz, Arch. Zeit. 1872 S. 16 Anm. 37); ob eine abgekürzte Darstellung des 
Reliefs in Villa Medici, Matz-Duhn 2741 ? Vgl. I, 4. 

c) Kraftiger männlicher Torso, von hinten gesehen. 

d) Sitzender Apollon, vollbekleidet: Neapel 212/5 (von Porphyr). Clarac III, 494 A, 
926 C. Maffei, Raccolta 53 (Kleopatra). Vgl. Fichard (oben) und Aldrovandi S. 150 im Pal. Farnese: 
un bellissimo simulacro di una Roma trionfantt assisa, e maggiore del naturale; et ha il capo, i piedi, e le mani 
con un poco delle braccia di bronzo, du ha quasi colore di aurichalco: il resto poi e di porfido, con maraviglioso 
artißcio fatta. Fu ritrovata in Parrione in casa di M. Fabio Sasso. Vasari I, 109: in casa di Egizio e di Fabio 
Sasso ne [von ägyptischem Granit] soleva essere una figura a sedere di braccia tre e mezza, condotta a' dt nostri, 
con il resto delle altre Statut, in casa Farnese. Die jetzigen Ergänzungen von weifsem Marmor rühren von 
Albaccini her. 

e) Sog. Ikariosrelief: Neapel 515. Duruy, //ist. des Grecs I, 784. Vgl. Aldrovandi S. 154 
im Pal. Farnese: una tavola marmorea, dov e di mezzo rilevo un Silcno, che sona iflauti: vi e un Priapo, con una 
donna che giacc: vi e un CentauroQ) sotto (andres Relief? Irrthumf) con altre belle figure. Un altra a questa 
simile si vede in casa del Reverendiss. Mons. Maffei (I, 3 v , d). 1 568 in der libreria des Pal. Farnese (ZW. 
ined. I, 75). Vgl. Hauser, Neuatt. Rel. S. 191 f. 

/) Bärtige Büste mit Gewandung; am Piedestal eine Inschrift. Wohl Albertinis »Pompeius«. 
Vielleicht Aldrovandi S. 154 in Pal. Farnese: una testa col petto vestito di Giove maggiore del naturale. 

g) (neben d) ein Relief, anscheinend der Trapezophor in Neapel 208 (Heemsk. I, 40 v , b) ; 
man glaubt den Kentauren und r. den Schwanz der Skylla zu erkennen. 

/<) Zwei kleine Grabcippen. 

*') Aphrodite, sog. Venus Genetrix. Wohl Neapel 6. Clarac IV, 632 F, 1449 D. Nicht 
identisch mit der von Fichard genannten Statue. Vielleicht Aldrovandi S. 152 im Pal. Farnese: una 
donna Sabina in capelli con la veste gittata in collo; e coverta tutta in fino d piedi, fuori che la rneta del petto 
sinislro, che e ignudo. 

k — p) Sechs Torsi, meistens männlich, m anscheinend weiblich. Dazu zwei Inschrift- 
steine. 

q) Ein Grabcippus; vgl. CLL. VI, 9222 urnula quadrata variis sculpturis ornata; supra gerit 
caput alatum; in/ra supra basim colli mnula i/iter duos gryphones ; dextro et sinistro latere nescio quod aedificii genus, 

r) Ein Torso. 

s) Hermes Farnese, jetzt im brit. Museum, Gr. Rom. Sculpt. 171. Braun, Kunstmyth. 91. 
Die Fufsflügel der jetzigen Ergänzung sind nicht gezeichnet; der (antike) Stamm neben dem r. Bein ist 
nicht sicher erkennbar. Ohne Zweifel Fichards egregius A/ercurius , aber schwerlich identisch mit 
Aldrovandis statua di M. Aurelio http. ; ha la sua veste avolta su la spalla e la correggia del suo stocco attaccata 
al collo e pendente (NBI). Fu ritrovata in casa di AI. Fabio Sasso (S. 151), noch auch mit desselben Mcr- 
curio ignudo, in piedi; ha le alette in testa sul cappella (NB !) e ne' piedi, et ha nella man sinistra il suo bastoncello, 
dove sono duo serpi avolti (dies würde stimmen) . . . Ha questa statua una benda su le spalte, e dinanzi al petto 
(NB!), che gli si avolge nel braccio manco: la sua testa e moderna (NB. !) (S. 159 f.). Da jener »M. Aurel« auf 
unserem Blatte fehlt, so scheint es dafs im Hause noch mehr Antiken vorhanden waren. 

Zum Schlufs die Bemerkung, dafs die von Jahn, Sachs. Ber. 1868 S. 172 
erwähnten Kupferstiche im Cod. Pigh. Bl. 213 — 220 nichts mit Heemskercks 
römischen Skizzen zu thun haben. Sie bilden nach Mittheilungen J. Springers und 
Conzes eine Reihe von Heemskerck erfundener, von Phil, und Jan Galle gestoche- 
ner Phantasieansichten der octo mundi miracula (Pyramiden, Pharos, olympischer 
Zeus, Helioskolofs [spreizbeinig], Artemision in Ephesos, Mausoleion, Mauern Ba- 
bylons, das Colosseum mit phantastischen Zuthaten, Relief der Wölfin und einem 

Kolossalfufs mit Sandale). 

Ad. Michaelis. 

(Schlufs folgt.) 



^A>Jl 



DAS HOMERISCHE PEMPOBOLON 

In seinem »Homerischen Epos« 2 S. 353 hat Heibig den Versuch gemacht, 
ein besonders in den italiänischen Museen zahlreich vorkommendes antikes Werk- 
zeug für das homerische Pempobolon zu erklären und hat zum Beweis dafür die 
Medeafigur einer Berliner Vase, welche den betreffenden Gegenstand in der Hand 
hält, abbilden lassen. Aber das fragliche Werkzeug läfst sich seiner antiken Be- 
nennung nach noch heute bestimmen, und es läfst sich erkennen, dafs seine Ver- 
wendung eine andere ist als für das homerische Pempobolon angenommen worden 
war. Es ist die antike xpioqpa 1 , auch Wxoc, ipiroqp] und igattftqp genannt, deren man 
sich bediente, um aus einem Kessel in dem man Fleisch kochte, die einzelnen 
Stücke herauszuholen. Das lehren ganz deutlich die antiken Zeugnisse. Vgl. schol. 
Aristoph. eq. 772 sioo? ip"(otXsiVju poYUßtxou x st P' napsotxi;, jxovov s- 1 xsxotu.uivov tob? 
5axTuXoo«' ävtfiüJaa xä Cso-ot, oii zh rac ystpoc; p.7] xat'saöat. Es bedarf keines besonderen 
Hinweises, wie genau hier das in Frage kommende Instrument geschildert ist, und 
Stellen wie Aristoph. eq. 772 x«l fß xpcoqpa töuv ÄpyiTtsoiov &Xxofpvqv ei; Kspapeucäv 
finden ohne weiteres dadurch ihre Erklärung. Unter den Geräthen welche ein Koch 
mitbringen mufs, sind bei Athen. IV (169 B) aufgezählt Zu>u.rjpu3tv 'fspot^, ißeXi'axoo; 
otoosxot, xpsoYpocv, öusictv, tupoxvrjcrttv mnStx^v u. s. w. ; bei Suid. s. v. xpecrypa wird sie 
erklärt als payjupixlv ip^tdetov iv i-tYpap.1j.0cif &jaoQ xpsa'-pa rjj Si&rjpoSaxtöXq) ; ferner 
heifst es in einem Epigramm (Anth. Pal. XI 203) von einer wahrscheinlich ziemlich 
langen und von vielen Vorsprüngen besetzten Nase srrxiacpov vauratc, i<J»«KpotfOt« xpscqpa. 
Vgl. noch Aristoph. vesp. n 55 xotxocÖou ya p-svxoi xal xpscfypav, fv' eSi^s pis Trplv otsppui}- 
xsvoti »lege auch eine Fleischgabel zurecht, damit du mich herausziehst, bevor ich 
zerkocht bin«. Auch auf dem Medeabilde der Berliner Vase hat das Instrument 
keinen andern Zweck als den, als xpia-(pa zu dienen, vermöge deren Stücke des im 
Kessel gekochten Widders herausgeholt werden könnten. Ganz deutlich zeigt sich 
der Gebrauch der xpsa'-'p« auf einer Präncstiner Cista (in Paris), deren Bild in den 
Melanges d'archeologie (1890 T. 6) veröffentlicht worden ist und umstehend nach einem 
von der Weidmannschen Buchhandlung überlasscnen Zinkstock wiederholt wird. Wir 
werden hier in eine Küche geführt, deren Insassen in verschiedenen auf die Zu- 
bereitung mannigfacher Speisen gerichteten Beschäftigungen dargestellt sind. Beson- 
ders wird unsere Aufmerksamkeit durch die rechts befindliche Gruppe zweier Männer 
in Anspruch genommen, von denen der eine mit einer Keule in einem auf dem 

') Schon Dennis, The cities and cemeteries of (llelbig, Epos 2 S. 354) xpttfypa, er glaubt jedoch 

Etruria I- S. 411, nennt das regelmäfsig mit ebenso wie llelbig, dafs sie dazu gebraucht sei, 

KUchenutensilien zusammen gefundene Geräth um den Braten auf oder über dem Roste zu- 

sammenzuhalten und davon abzuheben. 
Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. I 2 



174 



Engelmann, Das homerische Pempobolon. 




Feuer stehenden Kessel rührt, während der andere 
mit dem Instrument, welches uns beschäftigt, der 
xpirfpa (mit 7 Zinken), Fleisch aus dem Kessel 
herausholt, um es auf seine Schüssel zu legen '. 

Während die einfache Form des in Frage 
stehenden Instrumentes (von einem Kreise gehen 
fünf bis sieben gebogene Zinken aus, vgl. das unter 
No. 2 abgebildete dem Werke von Furtwängler, 
Bronzen von Olympia unter n. 1 197 entnommen ein 
Olympia gefundene Geräth) hierdurch in seinem 
Gebrauche genügend bestimmt sein dürfte, scheinen 
Weiterbildungen desselben, wo nahe dem Stielende 
noch ein Ring oder zwei weitere krumme Zinken 





2 (etwa 1:6) 3 (etwa I : 6) 

angebracht sind (siehe beistehende Abbildung 3 
eines der im Berliner Museum befindlichen Instru- 
mente, No. 1680), der Erklärung zu widerstreben, 
da zum Herausholen der Speisen aus dem Kessel 
diese Zuthaten durchaus unnöthig und folglich über- 
flüssig erscheinen. Auch ist die Gröfse einzelner 
Exemplare eine derartige, dafs man kaum recht 
an eine Verwendung in der Küche denken kann 
(vgl. Heibig, Epos 2 S. 354f.). Aber die xpsa'fpa 
hatte noch eine zweite Verwendung, sie diente 
zum Herausholen der in die Cisterne gefallenen 
xetSoi, vgl. Hesych. s. v. Ium;- ö <£p-aS t«v eis töc 
«psa-ra (-scjovTiuv) -/.ocois/tuv. Pollux X 3 1 si os xot) iz 



-) Die Inschriften des Bildes bieten manche Schwie- sind, so dafs die Lesung sicher steht, durfte es 

rigkeiten ; solange dieselben nicht nachgeprüft gerathen sein sich eines nähern Eingehens darauf 

zu enthalten. 



Engelmann, Das homerische Pempobolon. 175 

<ppsa'x<ov Tj Xaxxcov xo Ktop oltzolv-X&Xc, osoi av axsoäiv dvtXnjt^po?, ävxXi'a?, iij.ovtac, tua'vxoji 
xaXou, ayoiviou, xaSou, xpo^aXt'a?, xa'/a 8s xat xTjXwvsfou* jxspyj os xpT/aXi'ac tovi« xoirsra 
ä?6via- im os 7:poa3si xal dpicapjc xal xpsaypa? xat Xuxou, o5tüj -,'ap exa'Xouv xä axsuyj 
of? t<&; sxTisaovxac x<öv xa'cwv ix xcöv cppsaxtuv ävs(j~(ov Sxi -(äp xai xpea^pav xaXoöai xyjv 
apirdyr ( v, 8r ( XoT =v ' KxxÄ.Tj(JiaCo<J<jaii 'Apiaxotpaw;,; Xs-fiuv 

ti orjxa xpsa-;pa; xot? xa'ooi? iovoiusS}' av. 
Vgl. Hesych. s. v. apita'"^- sJauaxYjp' eaxt xo crxsuo; s^ov frptfvou?, 10 too; xa'oouc dva- 
a~(ö3iv drJj xcöv «psa'xtuv, 8 xai Xoxos' und dasselbe s. v. xpsa'ypa- sv -|j ai'psxai xä xpsa* 
ötp7x«-,-y; xai Xuxo?, sv <o xa sx xSv cppsa'xtuv dvsXxoosiv. Man bediente sich, um das 
Wasser aus der Cisterne zu holen, eines kleinen Bronzegefäfses, des xa'oo;, den man 
an einem Riemen in den Brunnen hinabliefs; den Riemen wickelte man um eine 
Rolle (vgl. Jahrb. d. .Inst. V S. 171, wo Tyro im Begriff ist mit einem solchen 
Apparat das Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen); das so heraufgeholte Wasser 
füllte man in das gröfsere Gefäfs, in welchem man das Wasser nach Hause tragen 
wollte. Natürlich mochte oft der Riemen aus der Hand gleiten und dadurch der 
xa'oo; in das Wasser fallen; war er noch nicht gefüllt, dann schwamm er oben, war 
er schon gefüllt, dann sank er zwar unter, aber die hölzerne Rolle, an welcher der 
Riemen befestigt war, schwamm auf der Oberfläche. Um diese oder den xdoo; 
selbst heraufzuholen, bedurfte man eines Geräthes, mit welchem man in den Brunnen 
hinunter langen konnte und welches geeignet war, den xa'60? oder die xpo^aXia leicht 
zu fassen. Dafs das Instrument, welches schon als xpsa'ypa erwiesen ist, zu diesem 
Zweck ausgezeichnet geeignet war, leuchtet ein, es bedurfte nur eines längeren 
Stiels und mufste, wollte man nicht allzu lange unten im Dunkeln fischen, auch 
darauf eingerichtet sein dafs man Licht daran anbringen konnte. Beides, die Mög- 
lichkeit, einen längeren Stiel anzubringen, sowie die Möglichkeit, irgend einen brenn- 
baren Stoff, z. B. Werg zum Leuchten daran zu befestigen, ist nun bei der Weiter- 
bildung der xpsd-/pa, wie sie sich besonders zahlreich in den italiänischen Museen 
findet, völlig vorhanden. Man darf daran erinnern, dafs nach Alessandro Castellani's 
Mittheilung (Friederichs, Kleinere Kunst und Industrie S. 358) fast genau das gleiche 
Werkzeug noch heute bei den neapolitanischen Fischern im Gebrauch ist, sie 
packen Werg in die von den Zinken gebildete Höhlung, zünden dies an und halten 
das brennende Feuer an einem Stiel über das Wasser hinaus, um durch den Licht- 
schein Fische anzulocken, die dann leicht ihre Beute werden. Bei den im Binnen- 
lande gefundenen Instrumenten (vgl. Heibig, Epos S. 354, 1 — 4) ist natürlich dieser Ge- 
brauch ausgeschlossen, nichts aber hindert, anzunehmen dafs dieselben zum Haus- 
rath jedes besser eingerichteten Hauses gehörten, welches eine Cisterne besafs, damit 
man in der Lage war die etwa in den Brunnen fallenden xa'ooi herauszuholen. Es 
scheint dafs besonders diese Weiterbildung der xpsd-fpa mit dem Namen X6xoc oder 
apTra'^v) benannt wurde; dafs man aber im Nothfalle sich auch der eigentlich nur für 
die Küche bestimmten xpsoqpa bediente oder das Instrument allgemein mit diesem 
Namen benannte, zeigt Aristoph. Ekkl. v. 1004, wo von einer alten Frau, deren 

13* 



I7Ö Engelmann, Das homerische Pempobolon. 

Knochen spitz herausragen, gesagt wird: tt or,-:« xpsrffpa? tote xdoot; iövoi\j.si>' 3v, sSov 
xaöivta -,-paSiov tmootovI sie tiov cpptatMV to'jj xdSou; £uXX«(tßav«V, * 

Aber könnte diese xpecfypa nicht trotzdem das homerische Trsu-tußo/.ov sein? 
Ich glaube nicht, aus praktischen Gründen. So sehr das betreffende Werkzeug ge- 
eignet ist, die in der Fleischbrühe herumschwimmenden Fleischstücke zu fassen 
und herauszuholen, so wenig ist es dienlich, um Fleisch anzuspiefsen und über das 
Feuer zu halten. Man kann die gebogenen Zinken nicht in das Fleisch einhauen, 
ohne dies unnöthiger Weise ganz zu zerreifsen; wollte man aber ein Stück Fleisch 
zwischen die Zinken schieben und so über das Feuer halten, so wäre zu fürchten 
dafs das unter der Wirkung der Hitze zusammenschrumpfende Stück herausfiele. 
Auch lehren zahlreiche aus dem Alterthum erhaltene Abbildungen, dafs die Fleisch- 
masse, welche über das Altarfeuer gehalten wird, den Bratspiefs ganz und gar um- 
giebt, so dafs man nur annehmen kann dafs der Bratspiefs hindurch gesteckt ist. 
Aber bei einem oßsXo; war die Handhabung des Fleischstücks schwer, da bei Locke- 
rung des Durchstichs das Fleisch über dem Feuer nicht drehbar war; es empfahl 
sich deshalb aus praktischen Gründen, mehrere (geradlinige) ißsW zu einem Ganzen 
zu verbinden. Es kann demnach kaum eine Frage sein, dafs wir unter dem -su- 
iruißoX.ov grofse mit 5 geradlinigen Stäben versehene Gabeln zu verstehen haben, an 
denen das Fleisch bequem befestigt und nach Belieben über dem Feuer gedreht 
und gewendet werden konnte. Und dazu stimmt ganz genau Apoll, lex. hom. 129, 
29 -£v\z JßeXt'axot TptatvottSsl« ix [i.i5j Xsßr,?. Hesych. 7:^u.-u>ß')X'>u;• -£v-z ißtXi'axauc sx 
ixta? Xaßr,; auvsyojiivou; Tptaimtilmz. Denn dafs die xpsäypa nicht mit einer tpiotv» 
verglichen werden kann, bedarf keiner besonderen Ausführung. Vgl. auch noch 
Eustath. U. I 463 p. 135, 40 (Hclbig Epos' S. 357, 2). 

R. Engelmann. 

3 ) Heute werden in den Gegenden wo man das Herausholen der hineinfallenden Gefäfse ver- 

Wasser aus Cisternen schöpft, meist Harken zum wendet, 



•^bot-du^ ( ^3k^A 



LAOKOON- DENKMÄLER UND -INSCHRIFTEN 

Im Anschlufs an meine auf der Görlitzer Philologenversammlung gemachten 
Ausführungen 1 bringe ich im Folgenden erstens einige bisher noch gar nicht 
oder ungenügend bekannte Denkmäler, welche Laokoon wirklich oder vermeintlich 
darstellen, von den notwendigsten Erläuterungen begleitet, zweitens Faksimiles der 
auf die Künstler der Laokoongruppe bezüglichen Inschriften zur Kenntnis der 
Fachgenossen. 

I. 

DENKMÄLER. 

I. 

Aufser der vatikanischen Gruppe, dem pompejanischen Wand- und dem 
vatikanischen Miniatur-Bilde, bieten nur die Contorniaten sicher antike und un- 
zweifelhafte* Darstellungen des Laokoonmythus. Wie die Gemälde zum Teil, so 
sind diese Contorniaten gänzlich von der vatikanischen Gruppe abhängig. Doch 
ist der Grad der Abhängigkeit verschieden, und darauf beruht die Unterscheidung 
zweier Typen. 

Der erste Typus wird vertreten: 

i) durch das Exemplar von Neapel (Morellianus 
Thesaurus T. III, Amstelodami 1752 t. 54, 15 vergl. T. II 
p. 301; Haakh, Verhandl. der Philologenversammlung in 
Stuttgart S. 167 links; Blümner, Lessings Laokoon Taf. II, 
4), welches auf der Rückseite den Kopf des Vespasian, 
zur Rechten desselben einen Lorbeerzweig und die Auf- 
schrift trägt: IMP. CAES. VESPASIAN AVG COS III. 

2) durch das Exemplar, welches, ehemals dem 
Grafen Rennesse-Breidbach, später dem belgischen Nu- 
mismatiker de Coster, jetzt Herrn J. P. Six in Amster- 
dam gehörig, auf der Rückseite den Kopf des Nero, links 
von demselben ebenfalls einen Lorbeerzweig und die Auf- 
schrift trägt: NERO CLAVDIVS CAESAR AVG GER- 
P. M. TR. P. IMP. P. P. Dasselbe wird hier zum ersten 
Male mit dem vorgenannten nach Abdrücken, welche ich 
der Liebenswürdigkeit Imhoof-Blumers verdanke, abge- 
bildet. 




') Verhandlungen der vierzigsten Versammlung 
deutscher Philologen in Görlitz, Leipzig 1890 
S. 74 und 298fF. 



s ) Über die nicht mit völliger Sicherheit hieher zu 
ziehenden Terrakottafragmente von Tarsos vgl. 
unten S. 188. 



i 7 8 



Förster, Laokoon-Denkmäler und -Inschriften. 




Trotz clor Verschiedenheit der Rückseiten kann kein Zweifel sein, dafs die 
I.aokoondarstellung beider Exemplare auf dieselbe Vorlage zurückgeht. 

Tür den zweiten Typus ist bisher nur ein 3 Vertre- 
ter bekannt, das Exemplar des K. K. Münzkabinets in 
Wien (Numism. cimel. Caes. Reg. Vindob. P. II, p. 10. 
Haakh a. a. O. rechts; Blümner a. a. O. II, 3; Sabatier 
a. a. O. pl. XIV, 1), welches auf der Rückseite den Kopf 
des Nero, rechts von demselben einen Lorbeerzweig und 
die Aufschrift trägt: IMF NERO CAESAR AVG P MAX. 
Dasselbe wird hier nach einem der Freundlichkeit des 
Herrn Direktor Dr. v. Kenner verdankten Abdrucke ver- 
öffentlicht (3). Die bisherigen Abbildungen weichen sowol 
von einander als auch von der vorliegenden erheblich ab, wovon die Ursache 
wenigstens zum Teil in der Beschaffenheit des Exemplars liegt. »Der Kontorniat<-, 
schreibt mir Herr Dr. v. Kenner, »ist darum so schwierig zu beschreiben und zu 
zeichnen, weil der Schlag beim Prägen nicht gleichmäfsig geführt wurde, sondern 
den unteren und vom Beschauer aus rechten Teil des Schröttlings stärker traf, als 
den oberen und den linken Randteil. Im oberen Teile ist eine Schwingung und 
infolge davon eine Prellung des Schröttlings zwischen dem ersten und zweiten 
Schlag eingetreten, daher der Contour des Kopfes des Laokoon zweimal erscheint. 
In den übrigen Teilen des Gepräges ist der Doppelschlag nicht wahrzunehmen.« 

Von besondrer Wichtigkeit ist es über die Zahl der Schlangen ins Klare 
zu kommen. Sowol die Abbildung in den Numismata als auch die vom Zeichner des 
Münzkabinets Schindler für Haakh gemachte, gewis aber von der ersteren abhängige 
Abbildung geben 4 Schlangen, von denen 1) mit der r. Hand des Laokoon gehalten 
wird, 2) nach seinem 1. Ellbogen hinschiefst, 3) den r. vom Beschauer befindlichen 
Sohn in den Schenkel, 4) den 1. befindlichen in die Glutäen beifst. Sabatiers Ab- 
bildung bietet nur zwei, nämlich 4) und eine den Laokoon in die 1. Hüfte beifsende. 
Letzteres ist sicher unrichtig. Ich selbst vermochte an dem Abdrucke nur 2 Schlan- 
gen zu erkennen, und Herr v. Kenner hatte die Güte mir zu bestätigen, dafs auch 
ihm sich nur 2 Schlangen sicher feststellen liefsen, nämlich: erstens eine zwischen 
Brust und 1. Arm des Vaters, deren Kopf über dem 1. Ellbogen zum Vorschein 
kommt; zweitens eine, welche mit ihrem Kopf am r. Schenkel des r. befindlichen 
Sohnes erscheint und zugleich den r. Fufs desselben umschlingt. Ein dritter über dem 
Kopfe dieses Sohnes anscheinend sichtbarer Schlangenkopf hat sich bei wiederholter 
Untersuchung mit gröfsercr Wahrscheinlichkeit als eine Gewandfalte herausgestellt. 
Der erste Typus hat mehr von der vatikanischen Gruppe bewahrt sowol in 
der Flaltung des Vaters, welche mehr die eines sitzenden als eines stehenden ist, 
als auch in dem fast völligen Mangel an Bekleidung. 

Der zweite Typus aber setzt den ersten voraus; nur ist die Haltung des 



3 ). Dafs Sabatier, Description g6nerale des medail- 
lons contorniates p. 94 mit Unrecht ein Exem- 



plar des Cabinet imperial de France verzeichnet, 
habe ich a. a. O. S. 304 bemerkt. 



Förster, Laokoon-Denkmnlcr und -Inschriften. ' 179 

Vaters die eines stehenden geworden; die Arme nicht gestreckt, sondern gebogen; 
die Chlamys ist viel umfänglicher geworden. Diese Abhängigkeit des zweiten Typus 
vom ersten, welcher nur 2 Schlangen aufweist, spricht auch für die Zweizahl der- 
selben am zweiten Typus. 

Da sich sowol die Haltung der Arme des Laokoon als auch die bauschende 
Chlamys des zweiten Typus in der vatikanischen Miniatur findet, ist die Möglich- 
keit für die Annahme, dafs der Miniator diesen Typus kannte, vorhanden. 

2. 

Der an die Spitze des ersten Abschnittes gestellte Satz wäre umgestofsen, wenn 
zwei schon längere Zeit bekannte Reliefs unter die Zahl der antiken Laokoon-Denkmäler 
aufzunehmen wären: das Wittmersche und das Madrider. Da der Zusammenhang 
zwischen beiden unverkennbar ist, sollen sie auch hier zusammen behandelt werden. 

Das erstere, etwa 40 cm breit, einst dem Maler Wittmer, jetzt Herrn Massi- 
miliano Häfifner in Rom gehörig, kam erst 1862 zum Vorschein. Es sollte in einer 
Vigna vor Porta Maggiore, nach andrer Aussage jedoch innerhalb Roms bei dem 
Palast Salviati an der Via Lungara gefunden sein. Aber schon in der Adunanz des 
römischen Instituts vom 28. Februar 1862, in welcher Wittmer es vorlegte, wurden be- 
sonders auf Grund der Ungleichmäfsigkeit der Arbeit Zweifel an der Echtheit laut (Bull. 
d. I. 1862, S. 50). Während Brunn dieselben (Bull. d. I. 1863, S. 11) durch den Hin- 
weis auf die Vierzahl der Schlangen verstärkte (vgl. auch Deutsche Rundschau Bd. 29 
S. 210), erstanden dem Relief, welches in der Archäologischen Zeitung XXI Taf. 
CLXXVIII, 1 nach der Photographie eines Gipsabgusses ungenügend abgebildet wurde, 
in Baumeister, Hübner und Gerhard Verteidiger (ebenda Sp. 89fr.). Ihnen schlössen 
sich Friederichs (Bausteine N. 718) und Blümner (Über antike Repliken der Laokoon- 
gruppe, Anhang zu Lessings Laokoon S. 3) an, wogegen Wolters in der Neubear- 
beitung von Friederichs' Bausteinen (Gipsabgüsse N. 1424), Urlichs (Das hölzerne 
Pferd S. 6), Schreiber und Bode* sich wieder für Unechtheit ausgesprochen haben. 

Noch eigentümlicher ist es mit dem Madrider Relief gegangen. Von 
Winckelmann (Werke VI, 1, 107) nur als vorhanden erwähnt, wurde es von 
Hübner, welcher es zuerst aus seiner Vergessenheit hervorzog, für modern 
erklärt (Die antiken Bildwerke in Madrid, Berlin 1862 S. 142): »unzweifelhaft 
modern schien mir das kleine Basrelief mit der bekannten Gruppe des L., 
dessen Winckelmann erwähnt«. Aber schon der Bericht über seinen in der archäo- 
logischen Gesellschaft am 3. Februar 1863 gehaltenen Vortrag führt »die nicht wohl 
zu bezweifelnde Achtheit« des Reliefs an als »der bestrittenen Ächtheit des Witt- 
merschen Reliefs zu Gute kommend« (Arch. Anz. 1863 Sp. 49), und ähnlich der 
von ihm selbst eingesandte Bericht (ebenda Sp. 94): »Herr Zobel hält es für acht, 
und genauere Erwägung scheint diese Ansicht zu bestätigen.« Und mit steigender 
Sicherheit spricht er Nord und Süd 8 (1879), S. 358: »an seinem antiken Ursprung zu 
zweifeln liegt noch weit weniger ein Grund vor, als bei dem Wittmerschen« und 

4 ) Vgl. Verh. d. Philologenvers, in Görlitz S.303. 



i8o 



Förster, Laokoon-Denkmäler und -Inschriften. 




ebenda 35 (1885), S. 399: »ich mufs fortfahren beide (Reliefs), wie ich früher aus- 
führlich begründet habe, trotz der auf ihnen vorkommenden gröfseren Zahl von 
Schlangen für antik zu halten; aber es sind Werke aus der Zeit des Verfalls, etwa 
dem Ende des zweiten oder dem dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung angehö- 
rend';. In der Verteidigung der Echtheit stellte sich der einzige, welcher auf die 
Frage einging, Blümner a. a. O., auf seine Seite. 

Hermann Prell hat für mich mit 
gröfster Liebenswürdigkeit, für welche ich 
ihm auch an dieser Stelle warmen Dank 
ausspreche, eine Zeichnung des Madrider 
Reliefs, welche unsrer Abbildung 4 zu Grun- 
de liegt, gemacht und nach einer Unterhal- 
tung mit mir seine Wahrnehmungen schrift- 
lich niedergelegt, welche ich mit seiner 
Einwilligung im folgenden wiedergebe: 

»Das Relief ist ungefähr 50 cm 
hoch und in ein kreisrundes Medaillon der 
Wandverzierung eingelassen. Ob es ein 
Werk der späten antiken ev. der alexan- 
drinischen Zeit, oder der Renaissance ist, 
4 wird schwer festzustellen sein. Gegen sei- 

nen antiken Ursprung scheinen mir zunächst 
die äufsere Form des Reliefs und die Marmortechnik desselben zu sprechen. Obwol 
die Ränder abgebrochen sind, ist die Composition entschieden für eine runde Fläche 
berechnet gewesen, somit kaum für den Schmuck eines antiken Architekturtheiles 
gedacht; die Gruppe der Körper würde klein und unnöthig eng zusammengedrängt 
auf der Fläche sitzen, wenn man eine rechteckige Form des Grundes annehmen 
wollte — der sorgfältigen Raumfüllung antiker Reliefs sehr widersprechend.« 

»Die Marmortechnik an der Figur des Laokoon selbst ist äufserst subtil. 
Die Behandlung des Reliefs, die Ungleichheit der Höhen, die malerische Art wie 
Figuren und Felsen sich überschneiden, erinnert auf den ersten Blick etwas an 
Ghiberti's Reliefs; die Figur des Laokoon mit sehr zierlich dctaillirter Muskulatur 
und etwas manirirter Betonung der schwellenden Fleischteile, der schmalen Knie 
und Gelenke, endlich mit dem völlig von vorn nach hinten verkürzten Kopf ist 
aufserordentlich ähnlich vielen Christusfiguren der Renaissance. Die Erinnerung 
wird noch verstärkt durch den sonderbaren weinenden Eros mit Flügeln und Köcher, 
mit der Stirnlocke der antiken Eroten, der die Schulter des Laokoon berührt. Seine 
Figur ist viel zu grofs, und wie die Figuren der Jünglinge, ziemlich oberflächlich ausge- 
arbeitet. Die Antike würde ihn wol nur angebracht haben, wenn er irgend eine Bezie- 
hung zum Vorgange hätte; hier symbolisirt er in sehr moderner Weise die Gefühle 
des Beschauers und erweckt den Eindruck, als habe der bekannten Composition ein 
neues Element hinzugefügt werden sollen, um sie noch ergreifender zu machen.« 



Förster, Laokoon-Denkniiiler und -Inschriften. 



181 



Ich selbst habe das Wittmersche Relief 1869/70 in Rom gesehen, zu einer 
Zeit, wo ich mir ein mir selbst genügendes Urteil über Echtheit oder Unechthcit 
nicht zuschreiben konnte; das Madrider habe ich nicht gesehen. Trotzdem will ich 
hier mit der durch diese Umstände gebotenen Zurückhaltung auf Grund der Unter- 
suchung des Abgusses und der Originalphotographien des Wittmerschen Reliefs, 
nach welchen unsre Abbildung 5 gemacht ist, sowie der Prellschen Zeichnung des 




Madrider Reliefs die Gründe erörtern, welche mich je länger, je mehr zur Annahme 
nicht-antiken Ursprungs für beide bestimmen. 

Allerdings würde ein innerer Grund für die Echtheit beider Reliefs aner- 
kannt werden müssen, wenn es richtig wäre, was behauptet wird (Hübner, Nord 
und Süd 35, S. 399), dafs in ihnen der r. vom Beschauer befindliche Sohn sich rette. 
Denn die Kenntnis dieser uns erst mit Proklos' Chrestomathie gebrachten Version 5 
wäre einem Künstler neuerer Zeit nicht zuzutrauen. Aber es ist nicht richtig, dafs 
jener Herr der Schlange geworden sei und sich rette. Schon im nächsten Augen- 
blicke kann er ihren tödtlichen B-ifs spüren, und da er in den Anblick des Vaters 
und Bruders versunken ist, kann auch sein Widerstand gegen eine Umschlingung 
nicht voll und ganz sein. 

Nicht stärker ist ein zweiter für die Echtheit aufgestellter Grund. »Sämmt- 
liche moderne Laokoonrepliken haben eines gemeinsam: sie sind, wenigstens 

5 ) Denn Tzetzes zu Lyc. 344 und 347 l'm Spcfxov- 713 Aotox^iuv oe fiovot ooupi töv ituiov oöt^Oa« 

te; tov -0110a toj AaovcocüVTo; dveiXov und Posth. t.iIoi SpaxovTeftnatv ä-iuXeaev £aB).ov <!3<mi ist 

kein Zeugnis dafür. 



182 



Förster, I.aokoon-Dcnkmäler und -Inschriften. 



in der Absicht ihrer Verfertiger, völlig getreue Copieen des Originales. Keinem 
derselben kam es in den Sinn, Veränderungen, wenn auch der geringfügigsten Art, 
dabei anzubringen, und keinem Käufer würde es gepafst haben, etwas Anderes als 
die berühmte Gruppe zu erwerben. Ganz anders das Wittmersche Relief. Es 
stellt deutlich einen Moment der schrecklichen Katastrophe dar, welcher auf den 
in der grofsen Gruppe wiedergegebenen unmittelbar folgte. Noch einen Haupt- 
unterschied endlich zeigt das Relief von der Gruppe: dort sind es, der dichterischen 
Tradition entsprechend, zwei Schlangea, welche Vater und Söhne zerfleischen; hier 
sind es deren vier, von welchen je zwei den Vater, je eine jeden der Söhne an- 
fällt. Dafs ein Künstler des sechszehnten Jahrhunderts oder noch späterer Zeit 
sich soweit von der Vorlage entfernt hätte, wäre ohne Beispiel. Im Alterthum zog 
man der Reproduktion weitere Gränzen.« (Nord und Süd 8, S. 357). 

Die kleine Bronce, welche sich einst 
in der Sammlung van Smet's in Amster- 
dambefand (Oeuvres d'EtienneFalconet, sta- 
tuaire t.II Lausanne 1781 S. 300; Letronne 
und Dubois, Rev. arch. ser.I annee III S.437, 
woselbst pl. LVI die — hier wiederholte — 
Abbildung (6) einer in Privatbesitz zu Paris 
befindlichen Copie gegeben ist 6 ) wird doch 
auch Hübner für ein Werk des siebzehnten 
Jahrhunderts halten, und zeigt sie nicht Ab- 
weichungen von der vatikanischen Gruppe 
gerade nach denselben Richtungen, wie die 
beiden Reliefs, nämlich Lösung des Zusam- 
menhangs der drei Figuren, insbesondere 
Abtrennung des rechten Sohnes, sodann ein 
Überfallen des 1. Sohnes nach vorn, ja 
sogar 4 Schlangen, wie das Wittmersche 
Relief? Und eine Plakette der Sammlung Bucquet in Paris (Molinier, Les bronzes 
de la Renaissance. Les plaquettes, catal. raisonne vol. II tom. I S. 19 n. 33. Ven- 
turi 1. 1. S. 110) zeigt sie nicht gar drei statt der zwei Söhne? 

Andrerseits wird die Echtheit beider Reliefs durch die vortreffliche Erhaltung 
gerade der skulpirten Teile verdächtig. Besonders mache ich in dieser Hinsicht auf 
das linke Knie und die Schlange des rechten Sohnes am Madrider Relief aufmerksam. 
Und dieser Verdacht wird durch die Umstände, unter welchen das Wittmersche Relief 
zum Vorschein gekommen ist, nicht geschwächt. Dasselbe konnte Jahrhunderte lang 




6 ) Vgl. Verh. d. Philologenvers. S. 301 n. 12. Ob 
identisch mit der heut in der Sammlung Spitzer 
zu Paris befindlichen Bronce, welche Ventim, 
Archivio storico dell' arte II, 110 erwähnt; Die 
Beschreibung eines Exemplars, welches aus der 



Sammlung Carrand in das Museo Nazionale zu 
Florenz übergegnngen ist, bei demselben Gelehr- 
ten a. a. O. S. 106 stimmt mit jener Abbildung 
bis auf den einen Punkt überein, dafs auch der 
rechte Arm des r. Sohnes als von der Schlange 



umstrickt angegeben wird. 



Förster, Laokoon-Denkmäler und -Inschriften. iSj 

ein verborgenes Dasein fristen, ehe es auf den Markt gebracht wurde, ähnlich wie 
die Smetsche Gruppe und das Madrider Relief, welches sich vermutlich schon 
in der Sammlung der Königin Christine befand, dann von Winckelmann nur erwähnt 
wurde, seitdem wieder versteckt blieb, bis es von Hübner hervorgezogen wurde. 

Wenn wir endlich die Reliefs einzeln betrachten, so trägt das Madrider — 
wenigstens nach der Zeichnung zu schliefseil — die Zeichen des modernen Ursprungs 
noch deutlicher an sich als das Wittmersche. Zur Ergänzung der oben mitgeteilten 
Beobachtungen Prelis bemerke ich, dafs ich für eine Haltung und Verkürzung, wie 
sie der Kopf des Laokoon bietet, in der antiken Plastik kein Beispiel kenne und 
dafs ich ebensowenig den Eros aus dem Geiste der Antike zu erklären vermag. 
Aus diesem könnte er nur so erklärt werden, dafs er an die schuldvolle Liebe des 
Laokoon zu Antiope erinnern soll 7 . Aber dem widerspricht seine Haltung und 
sein Ausdruck. Er kommt, um dem Laokoon Mitleid und Trost zu spenden. Er 
drückt, wie Hübner richtig sagt, »nur das tiefe Mitleid aus, das die Schreckensszene 
ihm wie dem Beschauer erweckt«. Und das ist nirgends die Aufgabe des antiken 
Eros. Wol aber erklärt er sich sofort als Reminiscenz an die dem gekreuzigten 
Christus oder Märtyrern zur Tröstung herbeieilenden Engel, wie ja auch die fast 
wagrecht ausgestreckten Arme des Laokoon an eine Kreuzigung erinnern. 

Aber schon wenn das Madrider Relief modern ist, fällt auch auf das Witt- 
mersche ein Schatten.' Denn da dieses nicht das unmittelbare Vorbild des Madrider 
sein kann, müfsten wir zu der sonderbaren Annahme eines antiken Originals greifen, 
nach welchem im späten Altertum das Wittmersche, in neuerer Zeit das Madrider 
gemacht wäre. Dagegen aber, dafs das Wittmersche Relief im 2. oder 3. Jahrhun- 
dert n. Chr. entstanden sei, spricht meines Erachtens die Arbeit, welche teilweis 
für diese Zeit zu gut ist. Gerade durch die Ungleichheit der Arbeit aber wird 
mir noch mehr als durch das Misverhältnis von Altar und Basis und durch die 
Abflachung des Altars nach unten der antike Ursprung des Reliefs verdächtig. 
Auch für die aus dem Leibe herausgebissenen Fleischteile weifs ich in antiker 
Skulptur keine Analogie, wol aber erklären sie sich aus der Erinnerung an Vergils 
miseros morsu depascitur artus ebenso wie die Tänie im Haar des Laokoon und sein 
weit aufgerissener Mund an des Dichters vittae und clamores simul horrendos ad 
sidera tollit unmittelbaren Anhalt finden. 

Aber wie verhalten sich die beiden Reliefs zu einander? Die Übereinstim- 
mung in gewissen bedeutungsvollen Abweichungen von der vatikanischen Gruppe 
macht die Annahme eines Zusammenhanges zwischen beiden zu einer notwendigen. 
Ich weise nur auf die Rundform, auf die Haltung der beiden Söhne und der beiden 
Schlangen, welche sich gegen sie gewendet haben, hin. Diese Übereinstimmung 
ist im Einzelnen zu grofs, als dafs sie blos aus einem zwei Künstlern gleichzeitig 
etwa für einen Wettkampf erteilten Auftrage oder Programme erklärt werden könnte. 
Andrerseits scheint die Annahme eines Künstlers für beide Reliefs durch die 
grofse Verschiedenheit sowol des künstlerischen Vermögens als auch des Stiles 

7 ) So Robert, Bild und Lied S. 5. 



184 Förster, I.aokoon-Denkmätcr und -Inschriften. 

ausgeschlossen. Oder hängt das eine Relief nur vom andern ab? Das Madrider 
vom Wittmerschen? Aber das erstere zeigt doch in einigen Punkten mehr Berüh- 
rung mit der vatikanischen Gruppe als das — im allgemeinen ihr näher stehende — 
letztere, nämlich 1) in der Richtung des Kopfes, insbesondere der Augen des Lao- 
koon, 2) in der stärkeren Biegung des 1. Schenkels des r. Sohnes, 3) in der knap- 
peren und magerern Bildung der Leiber. Der Fall des 1. Sohnes ist in dem Madri- 
der Relief besser motivirt als in dem Wittmerschen. Es ist mithin höchst unwahr- 
scheinlich, dafs der Verfertiger des Madrider Reliefs neben der vatikanischen Gruppe 
das ungeschickte Wittmersche zu Rate gezogen habe. Das Umgekehrte wäre nur 
in der Voraussetzung denkbar, dafs der Verfertiger des Wittmerschen Reliefs zwar 
das Madrider benützt, aber dessen starke Abweichungen von der vatikanischen 
Gruppe verworfen und sich mehr an diese anzulehnen beabsichtigt habe. Aber 
wie diese Voraussetzung an sich wenig für sich hat, so würde auch gewis der Ver- 
fertiger des Wittmerschen Reliefs, hätte er das Madrider gekannt, vieles besser 
gemacht haben. Auch scheint der 1. Sohn im Wittmerschen Relief mehr an das 
vorauszusetzende Vorbild zu erinnern als im Madrider, mag man nun als solches 
den ausgestreckt liegenden Florentiner Niobiden oder, wofür noch mehr spricht, 
den herabstürzenden Phaethon der Sarkophagreliefs 8 ansehen. 

So erübrigt sich für mich nur die eine Annahme, dafs beide Künstler eine 
gemeinsame Vorlage benutzten . Diese aber möchte ich noch eher im Anfang des 
17. als im 16. Jahrhundert suchen, eine Datirung, welcher die Annahme, dafs das 
Madrider Relief sich einst in der Sammlung der Königin Christine zu Rom befand, 
nicht entgegensteht. Der Künstler der gemeinsamen, bisher unentdeckten, Vorlage 
hatte sich, ähnlich wie der der Smetschen Bronce, die Aufgabe gestellt die vatikani- 
sche Gruppe umzubilden — zu einer Medailloncomposition — vielleicht, wie Baumeister 
vermutete, für eine Gemme — und dabei gewisse vermeintliche Schwächen jener, wie 
die Kleinheit der Söhne, die Ähnlichkeit des Ausdrucks der Gesichter, die Gleichheit 
der Verschlingung, zu verbessern. Sowie aber die Composition in die Breite gezogen 
wurde, wich auch, wie in der Smetschen Bronce, der wunderbare Zusammenschlufs in 
der Gruppirung von Vater, Söhnen und Schlangen einer Isolirung der drei Figuren 
und einer Lösung der mirabilcs nexus draconum, und dies führte zuletzt zu einer 
Vermehrung der Zahl der Schlangen, deren das Wittmersche Relief, wie die Smetsche 
Bronce vier, das Madrider Relief drei aufweist, wenn auch Prell nicht jeglichen Zweifel 
darüber ausgeschlossen sehen wollte, ob das vom r. Sohne gehaltene Stück der 
Schlange zu derselben gehört, welche den 1. Arm des Vaters umschlungen hat. 

3- 
Der an die Spitze des ersten Abschnittes gestellte Satz wäre aber auch 
dann falsch, wenn eine Handzeichnung der Uffizien zwar von Filippino Lippi 
gemacht, aber einem antiken Wandgemälde nachgebildet wäre. 

8 ^ In dieser Beziehung ist es vielleicht nicht gleich- 1869 t. F.) auch eine auf Phaethon züngelnde, 

gültig anzumerken, dafs diese Compositionen wenn auch anders gemeinte, Schlange haben, 

nach Ausweis des Reliefs von Ostia (Ann. d. I. 9 ) So auch Hübner, Nord und Süd 8, S. 359. 



Forster, I.aokoon-Denkmäler und -Inschriften. 



I8 5 



Es ist dies die Zeichnung Fil. Lippi 169, welche — nach einer freundlichen 
Mitteilung von Nerino Ferri — 1709 mit der reichen Sammlung des Cardinal Leo- 
poldo de' Medici aus dem Palazzo Pitti in das Cabinet der Handzeichnungen der 
Uffizicn übergegangen ist. Leider befindet sie sich in sehr schlechtem Zustande. 
Die Umrisse sind zum Zweck der Durchpausung durchbohrt worden; aufserdem ist 
sie abgegriffen, schmutzig und besonders im untern Teile auch abgerissen. Nach 




dem Urteil Ferri's ist in der Photographie von Brogi, welche, nach einer Pause in 
den Umrissen etwas verstärkt, unsrer Abbildung 7 zu Grunde Jiegt, das Erhaltne 
besser zu erkennen als in der Zeichnung selbst. Den ersten Hinweis auf sie verdanke 
ich Herrn Dr. Ulmann. 

Die besondre Bedeutung der Zeichnung besteht darin, dafs sie vor der 



l86 Förster, Laokoon-Denkmäler und -Inschriften. 

Auffindung der Gruppe (14. Januar 1506'") gemacht ist. Denn — über die Echtheit 
der Zeichnung kann füglich kein Zweifel sein — Filippino Lippi ist bereits am 
18. April 1504 gestorben 11 . Es kann sich mithin nur fragen, ob dieser lediglich 
von der Schilderung Vergils inspirirt ist oder ob er eine antike Composition, am 
ehesten also ein Wandgemälde, wiedergegeben oder benützt habe. Dafs er eifrig 
Studien nach römischen Antiken machte, ist sicher. Der junge Benvenuto Cel- 
lini sah (15 18) diese Studien mit Entzücken bei seinem Freunde und Mitgesellen 
Francesco, dem Sohne Filippino's, in Florenz, wie er in seiner Selbstbiographie I, 3 
bezeugt: presi pratica e amicizia bellissima con un gentil giovanetto di mia eta, il 
qualc ancor cgli stava all' oreficc. Aveva novie Francesco, ßglinolo di Filippo di 1 ~ra 
Filippo eccellentissimo pittore. Ncl praticare insieme , generb in noi tanto amore, che 
mai ne di ne notte stavamo l'uno scnza Valtro: e perche ancora la. casa sua era piena 
di que' belli studii, che aveva fatto il suo valente padrc; i qitali crano parccclii libri 
disegnati di sua mano, ritratti dalle belle anticaglie di Roma; la quäl cosa vedendoli 
m'innamorono assai. Und seine Gemälde, besonders die der Caraffa-Capelle in 
S. Maria sopra Minerva zu Rom, mit welchen er im Mai 1489 beschäftigt war, und 
die der Strozzi-Capelle in S. Maria Novella zu Florenz, an welchen er von 1500 
bis 1502 arbeitete, (Aufenveckung der Drusiana; Austreibung des Dämon durch den 
heiligen Philippus) lassen keinen Zweifel, dafs er nicht nur der Architektur, sondern 
auch, wie Morto da Feltre, Pinturicchio und viele andre Maler am Ende der Achtzi- 
ger und in den Neunziger Jahren des 15. Jahrhunderts, den Wandmalereien, ins- 
besondere den Grottesken in und um Rom ein fruchtbares Studium gewidmet hat, 
wie es Vasari (III, S. 461 Milanesi) bezeugt: Fit primo ancora a dar lucc alle grottcsche 
che somiglino l'antiche, e le viisc in opera di terretta e coloritc in fregi, con piu di- 
segno e grazia die gl' innanzi a lui fatto non avevano. Onde fu viaravigliosa cosa 
a vedere gli strani capricci che egli cspressc nclla pittura. E, die c piu, non lavorb 
mai opera alcuna, nella quäle dellc cose anticke di Roma con gran studio non si ser- 
visse in vasi, calzari, trofei, bandierc, cimieri, ornamenti di tempj , abbigliamcnti di 
portature dacapo, strane fogge da dosso , armature, scimitarrc, spadc, toghc , manti, 
ed altrc taute cose diverse e belle, die grandissimo c scmpiterno obbligo se gli debbc, 
per aver cgli in questa parte aecresciuta bellezza e ornamenti all' arte. Und so habe 
ich die Erfahrung gemacht, dafs die Zeichnung, mit der des pompejanischen Lao- 
koonbildes zusammengehalten, wenigstens auf den ersten Blick die Ansicht hervor- 
rief, dafs der Künstler die Composition, wenn auch mit einigen Änderungen, einem 
römischen Wandbilde entlehnt und nur die Architektur hinzugetan habe. Indessen 
erweist sich doch die Ähnlichkeit der Zeichnung Filippinos mit dem pompejani- 
schen Wandbilde als eine scheinbare, und die Verschiedenheiten sind viel gröfser 
als die Übereinstimmungen und von der Art, dafs wir sie viel eher dem Filippino 
als etwa einem vom pompejanischen Bilde in der Composition etwas abweichenden 
antiken Wandgemälde zutrauen dürfen. 

I0 ) Vgl. Michaelis, Jahrbuch V, S. 16. ") Vgl Milanesi, Le opere di Giorgio Vasari III, 

S. 476 und S. 492. 



Förster, Laokoon-Denkmäler und -Inschriften. l87 

Im pompejanischcn Bilde kämpft aufscr dem Vater auch noch einer der 
Söhne mit der Schlange; in der Zeichnung sind beide Söhne todt und die Schlan- 
gen gehen daran ihr Werk am Vater zu tun. Dort hat der Vater in stürmender 
Kile seine Zuflucht zu einem neben dem Altar befindlichen Heiligtum genommen 
und steht nun mit beiden weit auseinander gezogenen Füfsen auf den Stufen des- 
selben; hier ist nur der Altar der Zufluchtsort, und der Vater setzt zwar den einen 
(1.) Fufs auf die Stufe desselben, mit dem andern aber berührt er noch den Boden. 
Dort stemmt er die Schlange mit dem 1. Arm ab, indem er ihn hebt; hier, indem 
er ihn senkt. Dort sucht die Schlange an der 1. Seite mit ihrem Bisse den Hals, 
hier züngelt sie am Oberschenkel in die Höh. Dort springt der Stier, durch die 
Katastrophe befreit, am Altar vorüber und hinweg; hier wird er mit Binden und 
Guirlande geschmückt zum Opfer nach der dem Altar gegenüber befindlichen Seite ge- 
führt. Dafs die Architektur hier nicht, wie dort, die eines Temenos sei, liegt zu Tage. 
Dafs sie ganz der Weise Filippinos entspricht, wird nicht bestritten werden können. 
Aber auch Laokoon zeigt in seinem Äufsern, wie in der Gewandung, besonders dem 
übergezogenen Mantel und dem Wulst über der Stirn, entschiedne Berührung mit 
Gestalten filippinesker Erfindung, wie mit dem Priester in der Austreibung des Dämon, 
welcher auf den Stufen des Altares des Mars steht, oder mit dem Alten, welcher 
ebenda auf der 1. Seite dicht hinter Philippus steht, oder auch mit dem Priester in 
der Auferweckung der Drusiana, welcher eine Vase haltend am 1. Ende steht. 

Der Stier, das ist zuzugeben, ist von auffallender Plumpheit und wird wie 
der Altar in der von Vasari an der obigen Stelle geschilderten Weise einer antiken 
Opferdarstellung nachgebildet sein 12 , obwol nicht zu übersehen ist, dafs gerade 
Vergils Vers sollemnis taurum ingentem mactabat ad aras den Anhalt für die 
Gestalt bot. Diesem ist meiner Meinung nach der Künstler in allem andern gefolgt, 
nur dafs er aus compositionellen Gründen nicht wie der Dichter die beiden Schlangen 
erst die Söhne, dann den Vater umschlingen, sondern die eine Schlange den Söhnen, 
die andre dem Vater den Untergang bereiten liefs: eine Abweichung, deren künst- 
lerisches Verdienst durch die Vergleichung mit der vatikanischen Miniatur und dem 
Stich von Marco Dente ins Licht gesetzt wird. Auch darin legte Filippino seinen 
Sinn für Mafshaltung an den Tag, dafs er sich zwar durch Vergils diffugimus 
visu cxsangids dazu leiten liefs, hinter dem Stier zwei in Furcht und Flucht be- 
griffne Figuren anzubringen, den Vater jedoch nicht als »ein furchtbares Geschrei 
zu den Sternen erhebend«, sondern mit schmerzvollem Blick die am Boden liegen- 
den Kinder suchend bildete. 

In der weiblichen Figur hinter dem Altar Antiope, die Frau Laokoons, zu 
sehen hiefse dem Künstler Kenntnis der Fabeln des Hygin oder des Servius und 
damit wol zu grofse Gelehrsamkeit zutrauen, dies um so mehr als man von ihm 
wol erwarten dürfte, dafs er für die Mutter noch einen andern Ausdruck als den 
des blofsen Entsetzens gefunden haben würde. 

n ) Ich lege Gewicht darauf mich der Zustimmung zu dieser Ansicht seitens meines verehrten Col- 

legen Schmarsow zu erfreuen. 



i88 



Förster, Laokoon-Denkmhler und -Inschriften. 




Wahrscheinlich, aber nicht völlig sicher ist, dafs die Terrakottafragmente 
von Tarsos im Louvre zu einer Laokoongruppe gehören. Dieselben werden 

den von Victor Langlois im Jahre 1852 daselbst 
gemachten Ausgrabungen verdankt, wurden zuerst 
von Leon Heuzey in der Gazette des beaux arts 
Ser. II T. XIV (1876) S. 401 (nous rcncontrons ju- 
stement panni nos debris de terre mite deux frag- 
ments de pctites figiires qui reproduisaient le cclebre 
groupe rkodien de Laocooii) erwähnt, sodann nach 
einer brieflichen Mitteilung desselben Gelehrten von 
Hübner (Nord und Süd 8, S. 364) beschrieben und wer- 
den hier zum ersten Male nach dem Stiche veröffent- 
licht, welchen Heuzey für ein in Vorbereitung befind- 
liches Supplement aux Figurines de terre cuite du 
Louvre hat herstellen lassen (8). Seiner grofsen Liebenswürdigkeit verdanke ich die 
Erlaubnis den Stich an dieser Stelle reproduciren zu dürfen, wofür ich ihm auch 
hier meinen herzlichen Dank sage. 

Erhalten sind ein linkes und ein rechtes Bein, von denen das erste dem Vater, 
das letztere dem zur Linken befindlichen Sohne angehören dürfte. Ersteres (nach 
Heuzeys gefälliger Mitteilung mit der. Signatur: Tarse: 422) ist 60, letzteres (Tarse: 
423) 65 Millimeter hoch. Gegen die von Hübner vorgetragene Annahme, dafs es 
sich um zwei verschiedene Exemplare von Beinen des Vaters handle, spricht die 
jugendliche von der des andern sehr verschiedene Muskulatur des r. Beines, sowie 
der Umstand, dafs eine so gerade Haltung von Ober- und Unterschenkel, wie sie 
dieses Bein zeigt, für den doch auch hier sitzend zu denkenden Vater kaum 
möglich wäre. 

Das 1. Bein des Vaters ist am Ober- und Unterschenkel von der einen 
Schlange umstrickt und im Knie nach innen gebogen; der Sohn wird von der 
andern Schlange in den r. Oberschenkel gebissen. In beidem Betracht weichen die 
Fragmente von der vatikanischen Gruppe ab. Aber auch, wenn man meinte, dafs 
diese im Gegensinne wiedergegeben sei, würde sich keine genaue Übereinstimmung 
herausstellen. Dagegen sehe ich kein Hindernis sie für eine freie Replik der vati- 
kanischen Gruppe anzusehen. Der Stil spricht nicht dagegen, wenn ich auch Heu- 
zey darin Recht gebe, dafs die Kleinheit und der Zustand der Erhaltung es unmög- 
lich machen die Zeit, in welcher die Terrakotta verfertigt wurde, sicher zu bestimmen. 
Trotzdem aber die Terrakottafabrikation in Tarsos sich von der Zeit der Diadochen 
bis ins 2. Jahrhundert nach Chr. erstreckt hat, scheint mir doch, dafs der Gedanke 
das Werk der drei rhodischen Künstler in Terrakotta in Tarsos nach- oder vielmehr 
umzubilden, leichter kommen konnte, wenn und so lange sich das Werk in Rhodos 
befand, als wenn es in Rom unter Titus geschaffen war. 



Förster, Laokoon-Denkmäler und -Inschriften. 189 

Hieran schliefs'e ich die Besprechung zweier Denkmäler, obwol ich die 
Beziehung derselben auf die Laokoonsage nicht für richtig halte. Das erste der- 
selben ist 

5 
die »Testa di Laocoonte« des Museo civico in Bologna, welche hier auf Taf. 3 zum 
ersten Male zur Veröffentlichung gelangt nach Photographien, welche ich mit einigen 
tatsächlichen Angaben der Güte meines verehrten Freundes Albert Haenel verdanke. 

Der Marmorkopf (Guida del Museo civico di Bologna, B. 1887 p. 25) ist 
0,225 m hoch. Die Arbeit ist handwerksmäfsig. Der Bart ist mit dem Bohrer 
gemacht. Die Kopfhaare gleichen an den Seiten Strünken. Die linke Seite ist 
besser erhalten als die rechte, an welcher besonders das Auge und das Ohr 
verletzt sind, doch ist auch an der linken Seite die Epidermis zum Teil ver- 
wittert, zum Teil verstofsen. Die Nase und der linke Teil der Oberlippe sind nach 
der freundlichen Mitteilung von Professor Brizio ergänzt. Der Kopf ist, wie mir 
derselbe Gelehrte schreibt, aus der Sammlung Marsigli, welche viele Stücke römi- 
scher Herkunft enthielt, ins Museum zu Bologna gelangt. Weiter zurück läfst sich 
die Herkunft desselben nicht verfolgen. Dafs er mit demjenigen, welchen Aldro- 
andi beim Cardinal Maffei in Rom sah, nicht identisch sein könne, weil weder das 
Fehlen des Halses noch gröfste Ähnlichkeit mit dem vatikanischen Kopfe, welche 
Aldroandi (Mauro, Le antichitä della citta di Roma, Venetia 1562 p. 241 vi e una 
testa di Laocoonte sema collo, somigliantissima a quella della statua di Belvedere) an 
jenem hervorhebt, auf ihn treffen, habe ich in den Verh. d. Philologenvers. S. 300 
bemerkt. 

Von dem vatikanischen Kopfe und dessen modernen Repliken (Arembcrg, 
Leinata, Campana-Petersburg, Spada 13 ), welche den Schmerz jenes Kopfes teils ver- 
äufserlichen, teils versüfslichen, teils übertreiben, unterscheidet sich unser Kopf ganz 
wesentlich. Er hat weder die, auch am pompejanischen, wie am filippinesken 
Gemälde vorhandene, entschiedene Neigung nach der 1. Seite, noch das von Fur- 
chen und Zusammenziehung der Muskeln zerrissene Gesicht. Er ist aufwärts ge- 
richtet und blickt mit beiden Augen aufwärts; Stirn und Wangen zeigen eine nur 
wenig getrübte Glätte. Der Ausdruck des Schmerzes ist ein leiser, das geistige 
Element überhaupt ein geringes. Wenn ich zugebe, dafs dies der Annahme antiken 
Ursprunges des Kopfes, für welche Brizio eintritt und welche ich ohne Autopsie 
nicht. zu bestreiten wage, zu Gute kommt, so mufs ich doch andrerseits gestehen, 
dafs es mir den Gedanken an Laokoon mehr als zweifelhaft macht und mich die 
Deutung auf anderem Gebiete,' am liebsten dem der Gigantomachie suchen läfst. 

6. 
Das andre Denkmal ist eine schwarzfigurige Lekythos, deren Darstellung 
einem jungen Freunde, welchem ich den ersten Hinweis auf sie verdanke, den 
Gedanken an den Laokoonmythus eingegeben hat. 

u ) Dieser wird dem Bernini zugeschrieben (Beschr. d. Stadt Rom III, 3, 431). 
Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. \A 



190 



Förster, Eaokoon-Denkmäler und -Inschriften. 



Die Vase ist 0,21 m hoch. Sie befindet sich im Privatbesitz zu Athen. Der 
Besitzer schrieb mir, allerdings fern von seiner Sammlung, dafs sie in Tanagra 
gefunden sei, aber ein an ihr befindlicher Zettel besagt, dafs sie aus Eretria stammt. 

Bedenkt man, dafs es eine Version gibt, welche die Söhne des Laokoon 
allein umkommen liefs 14 , aus welcher Tzetzes den Tod des Sohnes gemacht hat, 
dafs bei Quintus Smyrnäus XII, 480 die zwei Schlangen, nachdem sie den Auftrag 
der Athena ausgerichtet, etp/pu) aiaxtäbrfim uto /i>ova, so wird man ohne weitres ver- 
stehen, wie der Gedanke die Darstellung des Vasenbildes mit dem Laokoonmythus 
in Verbindung zu bringen entstehen konnte. Selbst in der Eule auf dem yüjuot 
hätte noch eine besondre Beziehung auf Athena gefunden werden können, und die 
Annahme, dafs der Erzählung des Quintus Smyrnäus oder der obigen Version eine 
alte Dichtung zu Grunde liege, hätte eine nicht verächtliche Stütze erhalten. 

Aber man wird den Gedanken doch nur einen Augenblick festhalten können. 

Dafs nur ein Jüngling erscheint, darauf soll nicht zu viel Gewicht gelegt 
werden, denn es könnte entgegnet werden, dafs hier, wie oft, nur ein Ausschnitt 
aus einer gröfseren Composition vorliege, wol aber darauf dafs die Schlangen nicht, 
wie in allen Schilderungen, durchs Meer, sondern hinter einem Grabhügel hervor- 
kommen und noch mehr darauf dafs der Jüngling ihnen nicht unterliegt, sondern 
ihnen entgeht. 

Meiner Meinung nach ist die Deutung im Gebiete des »Grabgenre« zu suchen. 
Doch überlasse ich gerne die weitere Besprechung Herrn Dr. Alfred Bruce kner 
indem ich ihm zugleich meinen herzlichen Dank für die Vermittlung und Revision 
der farbigen Zeichnung, nach welcher unsre Abbildung (auf Tafel 4) gemacht ist, 
ausspreche, ebenso wie Herrn Maler Siegert für die Herstellung der Zeichnung und 
dem Besitzer für die Erlaubnis zur Veröffentlichung. 



u ) Schol. z. Lyc. 347 [irfpxtc v.ctt Xapfßom (oepstuv) 
M<xi-a, 'j't itXcäaavTec ix x&i KaXyovoW vfystBV 
Xy.ftov et; Tpofav xal oil'fdzipotv toü; ttolcooc; Aao- 
xöiovto; h T(ü toO Hujxßpat'ou 'ArrrJXXtovo; veiji- 

6 02 Aot07.ölOV 0\Öi TJV '\vTTjV0p0? - T0ÜT0 0E 

Y^yovs arjfjLEl&v Tj)« 'IXfou iXtüaeiu;. (Vgl. 
Verh. d. Phil. S. 436.) [Apollodor] bibl. epit. 
Vatic. XXI, 16 S. 68, 28 Wagner 'A-öXXtov os 
auxot; jrjpLctov e-i7te\ut:ei - oio fip Bperxovtsj 
otav7)Sa';x£vot oii tr ( ; ijaXoiasrj; {-a tcöv itXi)0fov 
vr^wv to ; j; AaoxowvTO; uio ; Jj xaTssdi'o'Jliv. 
(Im Codex Sabbaiticus fehlen diese Worte; 
s. Papadopoulos Kerameus, Apollod. bibl. fragm. 
Sabb. Rh. M. 46 S. 173). Dafs letzteres Zeug- 
nis eine Entstellung des in der ersteren Stelle 
enthaltenen Berichtes ist, lehrt die Vergleichung 
der durch den Druck hervorgehobenen Worte. 
R. Wagner 1. 1. S. 232 hat wol erkannt, dafs 
es sich hier um eine der Hauptquelle Apollodors, 
der Iliupersis, fremde Einschaltung handelt, 
dieselbe aber falschlich auf Bacchylides oder 



Sophokles zurückgeführt. Die Worte 'AudXXu>v 
oe orjTOt; Ontubv int-E'u.-Ei können nicht den 
Inhalt der bacehylideischen oder sophokleischen 
Fabel wiedergeben. Wahrscheinlich kommt die 
Entstellung auf Rechnung des Urhebers der va- 
tikanischen Excerpte selbst, als welchen jetzt 
Wagner (Rh. Mus. 46 S. 408) den Tzetzes selbst 
ansehen will. Die Wiederholung des Ver- 
suches das Scholion des Servius z. Aen. IT, 
201 zu teilen bezw. auf Euphorion und eine 
andre Quelle zurückzuführen, welche ich soeben 
bei Kehmptzow, de Quinti Snvyrnaei fontibus 
ac mythopoeia, Kiliae 1891 p. 51 finde, beruht 
auf der Verkennung der Tatsache, dafs iaropfci 
wie historia durchaus nicht immer eine Vielheit 
von Berichten voraussetzt, sondern auch von 
jedem einzelnen mythographischen oder histori- 
schen Berichte gesagt worden ist, wie beispiels- 
weis in dem von Kehmptzow selbst angeführten, 
aber anders beurteilten ^ ISTOpfot Ttapot E'jtpoptiovt 
schol. II. iu, 602. 



Förster , Laokoon-Denkmäler und -Inschriften. 



191 




II. 

INSCHRIFTEN. 

Mit der Veröffentlichung der Faksimiles der auf die Künstler der Laokoons- 
gruppc bezüglichen Inschriften komme ich dem in den Verhandlungen der 40. Phi- 
lologenversammlung S. 430 gegebenen Versprechen nach. 
Nachdem ich meine Ansicht über das Alter dieser Inschriften 
ebendort (S. 91 ff. und 430) auseinandergesetzt habe, will ich 
hier nur nochmals hervorheben, wie sehr die Betrachtung 
dieser Faksimiles zur Bekräftigung der durch Loewy's »In- 
schriften griechischer Bildhauer« gewonnenen, übrigens von 
ihm gerade auch an Inschriften rhodiscfyer Künstler (S. 130) 
dargelegten Erkenntnis dient, dafs die Form der Buchstaben 
in den Inschriften derselben Künstler nicht blos von der 
Zeit, sondern auch von dem Orte abhängig ist, an welchem 
sie eingemeifselt worden sind. 

Für die Herstellung der Faksimiles ist der Weg me- 
chanischer Nachbildung, nämlich Autotypie, gewählt worden. 
Gern bezeuge ich, dafs dadurch die Treue der gezeichneten 
Faksimiles, welche Kekule in seiner Schrift 'zur Deutung und 
Zeitbestimmung des Laokoon' gegeben hat, im Wesentlichen 
bestätigt worden ist. Im übrigen füge ich den Faksimiles 
nur die wenigen folgenden tatsächlichen Bemerkungen bei, 
welche auf Ergänzung der von Kekule oder mir selbst 
bereits gemachten Ausführungen berechnet sind. 



An die Spitze stelle ich die Inschrift der Basis von 
marnio bigio aus Antium (Nettuno) in Villa Albani, welche 
sowol durch Gröfse als Schönheit der Buchstaben am meisten 
den Eindruck des Originals erweckt, sich auch der Inschrift 
von Lindos (unten N. 7) ähnlich erweist = C. I. G. III, 6133. 
Kekule, Zur Deutung des Laokoon S. 18. Loewy N. 203. 
Kaibcl, Inscr. graec. Sicil et Ital. 1227. Vgl. G. Hirschfeld, 
Ztschr. f. österr. Gymn. 33, S. 172. Das Faksimile ist auf 
Grund eines Papierabdrucks beinahe in Hälfte der Original- 
gröfse hergestellt. Ich verdanke denselben der Freundlich- 
keit Hülsens. 

Dieser Inschrift steht in jeder Beziehung am nächsten, 
weist jedoch beträchtlich kleinere Buchstaben auf 

2 
die Inschrift von Capri = Guarini, Bull. d. I. 1832, S..155; 
Mangoni, Ricerche topografiche ed archeologiche sull isola 





192 



Förster, Laokoon-Üenkmäler und -Inschriften. 




di Capri, Napoli 1834 p. 179; C. I. G. III, 5870t; Loewy N. 520; Kaibel 898; von 
mir nach Gipsabgüssen bekannt gemacht und gegen einen Zweifel Fröhners 15 an 
der Echtheit geschützt in den Verh. d. Philol. S. 428 fr. Das in Originalgröfse ge- 
machte Faksimile beruht auf den Gipsabgüssen, welche der Liebenswürdigkeit des 
Herrn Dr. Cerio auf Capri verdankt werden. Sie findet sich an einer Basis von 
rosso antico, in welche eine Statuette eingelassen war. 
Nach 1 und 2 ist zu ergänzen 



die Inschrift von Ostia = Lanciani, Notizie degli scavi 1880 p. 478; Kekule 
S.22; Loewy N.480; Kaibel 1230. Unserm in Originalgröfse gemachten Faksimile liegt 




einer von zwei durch Hülsens Vermittlung von Lanciani besorgten Papierabdrücken zu 
Grunde. Die Inschrift ist 1880 bei den Ausgrabungen im Theater zu Ostia zu Tage 
gekommen. Sie befindet sich an einer kleinen Basis von nero antico, welche als 
Werkstück bei einer spätem Restauration des Theaters gedient hat. Lanciani gibt 
in seiner Veröffentlichung in Zeile 1 vor fiPO£ nicht nur A, sondern auch vor die- 
sem noch den Rest von O, in Zeile 2 vor AIOZ ebenfalls noch den Rest von O an. 
In Kekules Faksimile, welches auf einem ebenfalls Lanciani verdankten Abklatsch 
beruht, fehlen diese Buchstabenreste; dasselbe gilt bezüglich der ersten Zeile von 
den mir vorliegenden Abdrücken, während der Rest des O in der zweiten Zeile 
erkennbar ist. Auch der Aufstrich des ersten A in AfHZANAPOY ist im Faksimile 



ls 5 Kaibels Note Damnavit Froehner, fortasse rede ist vor meiner Veröffentlichung geschrieben. 



Förster, Laokoon-Denkmäler und -Inschriften. 



193 



nicht so deutlich wie im Abklatsch. Wenn Fröhner, Philologus, Suppl. V, S. 66 über 
Kekules Faksimile sagt, dasselbe »bringe einen späten, fast cursiven Text, dessen 
Buchstaben nicht neben einander Bestand haben, also sei entweder die Zeichnung 
sehr misrathen, oder die Inschrift unecht«, so kann ich keines von beiden für zu- 
treffend halten. Einzelne Buchstaben sind in jenem Faksimile ein wenig zu sehr 
nach links geneigt und der obere Querstrich des Z in der ersten Zeile zu sehr 
aufwärts gerichtet. Die Buchstaben bieten keinerlei Anlafs zur Verdächtigung, die 
Fundumstande schliefsen eine Fälschung aus. Ich halte für wahrscheinlich, wenn auch 
nicht für sicher, dafs auch dies eine Originalinschrift ist. Zweifellos ist mir dies bei 




der Inschrift des Fragments einer kleinen Basis aus schwarzem Basalt' 6 , welche 
sich einst im Besitz von Caylus, heut im Münzkabinet der Bibliotheque nationale 
zu Paris befindet = Caylus, Recueil d'an- 
tiquites I pl. LVI n. IV p. 153; Raoul 
Rochette, Lettre a M. Schorn, Paris 1845 
p. 160 und 234; C. T. G. III, 6134; Kekule 
S. 20; Loewy N. 446; Kaibel 1228. Un- 
ser ebenfalls in Originalgröfse gehaltenes 
Faksimile ist nach einem schönen Gips- 
abgufs gemacht, welchen ich der Liebens- 
würdigkeit von Heron de Villefosse ver- 
danke. Er zeigt von dem letzten O der 
ersten Zeile etwas weniger als das Faksi- 
mile bei Kekule, etwas mehr als das unsrige, von den drei Strichen des dort fehlenden, 
von allen früheren Herausgebern bezeugten N von EPOIHSEN die deutlichen Reste. 
Die Schrift steht der von N. I am nächsten; die Ausgabelungder Enden der senkrechten 
Striche zu 1 in I und H ist in unserm Faksimile nicht genügend herausgekommen. 
Dagegen gehört 

5 
die 1867 in Trastevere in der via in Piscinula unter den Trümmern eines grofsen 

Gebäudes gefundene Inschrift, welche einst Heibig, jetzt Fröhner gehört, zu einer 

in der Kaiserzeit gemachten Copie' 7 eines Werkes des Vaters des Agesandros, = Bull. 

d.i. 1867 S. 144; 1873 S. 33; Kekule S. 21; Loewy N. 479; Kaibel n. 1229. Unserm 

in Originalgröfse hergestellten Faksimile liegt ein sehr schöner Abdruck, welchen 

Fröhner selbst für mich zu machen die Güte gehabt hat, zu Grunde. Von dem O 

vor Z, welches im Bull. d. I. 1867 S. 144 fast ganz wiedergegeben ist, bei Kekule 



fi ) Hierin folge ich Froehner a. a. O., nachdem 
schon Kekule S. 27 sich für die Möglichkeit 
ausgesprochen hat, dafs »die Inschrift nicht so- 
wohl von einem Gefäfs als von einer kleinen 
runden Basis herrührt«, wahrend Kaibel, aller- 



dings ohne Autopsie, in Bezug auf das Material 
den Irrtum von Raoul Rochette 1. 1. p. 234 (vgl. 
p. 160) wiederholend von Italkae Ut videtur ort- 
ginis vasis marmorn fragmentum spricht. 
■') Für eine Copie hat sioh schon Heibig Bull. d. I. 



1867, S. 144 (vgl. 1873, S. 34) ausgesprochen. 



194 



Förster , Laokoon-Uenkniäler und -Inschriften. 








und danach bei Loewy ganz, auf unserem Faksimile fast ganz fehlt, ist, wie mir 
Fröhner schreibt, etwa ein Viertel erhalten. Der Rest des nach links gehenden Auf- 
striches ist in unserm Faksimile nicht sichtbar. Vor ETTOIHIE sind keinerlei Buchstaben- 
reste sichtbar. Wenn Kaibel, Bull. d. I. 1873 S. 33 den Wegfall von POAIOS vor 
ETTOIHEE annahm und sich dafür sovvol auf die Analogie der übrigen Inschriften 
wie auf den Raum berief, so ist erstere, wie N. 6 lehrt, nicht zwingend, letzteres 
seiner Vermutung eher ungünstig. Man würde, da dann ein gröfserer Zwischen- 
raum zwischen beiden Worten anzunehmen wäre, erwarten, dafs ETTOIHZE nicht 
nach links über ATHCANAPOY hinausgesetzt wäre. Dafs es gerade zwischen den bei- 
den Worten der ersten Zeile beginnt, scheint mir darauf hinzuweisen, dafs nichts fehlt. 

Fröhner hat die Inschrift für unecht erklärt auf Gründe hin, welche ich nicht 
für stichhaltig ansehen kann. Die in Loewys Werk gegebenen Faksimiles von Künstler- 
inschriften lehren, dafs solche Anforderungen, wie sie Fröhner erhebt, an Künstler- 
inschriften nicht gestellt werden dürfen. Überdies schliefsen auch hier die Umstände, 
unter welchen Heibig nach eigner Mitteilung an der Stelle der Ausgrabungen in 
den Besitz der Inschrift gelangt ist, den Gedanken an eine Fälschung aus. 

Hieran schliefse ich 



die Inschrift von Loryma in Wien, welche zwar nicht den Athanodoros als Rhodier 




Förster, Laokoon-Denkmäler und -Inschriften. I(JC 

benennt, jedoch schon durch ihren Fundort — Rhodos gegenüber — auf diesen 
hinweist = Loewy N. 302. Kekule S. 22. Benndorf, Reisen in Lykien und Karten 
S. 22 Fig. 18 l8 . Für unser etwa in halber Originalgröfse gemachtes Faksimile 
hat ein Papierabdruck gedient, welchen ich der Liebenswürdigkeit des Herrn 
Dr. Robert v. Schneider verdanke. Die Inschrift steht unterhalb einer nischen- 
förmigen Aedicula, in welche eine ' vermutlich marmorne Sculptur' , wol Statuette der 
Artemis Soteira, eingelassen war. 

7 
, Endlich verdanke ich es der Güte Loewy's, welcher mir den von ihm 
selbst 1882 gemachten Abklatsch zur Verfügung stellte, dafs ich auch von der In- 
schrift von Lindos, welche Athanodoros als Sohn des Agesandros, wenn auch 




'^TZZZMTT? 3 *- 



am 



- .^*ff ■_■ , fr- - r ;v.C.7*, h{? . r ;.-■'- Vi ---. -, i^MJpL., 



nicht als Künstler nennt (=s Rofs, Rh. M. IV (1845) S. ic»of. n. 21 = Arch. Aufs. 
II S.öiof.; Loewy N. 546), die zwei ersten Zeilen in einem in etwa einem Fünftel der 
Originalgröfse gemachten Faksimile darbieten kann. Die Buchstaben des Originals 
sind etwa zwei Centimeter hoch. 



Schliefslich scheint es mir angezeigt an dieser Stelle die Aufmerksamkeit 
auf ein athenodoreisches Werk zu lenken, welches den bisherigen Erörterungen über 
die Zeit der Künstler des Laokoon fremd geblieben ist: die Isis Athenodoria, 
welche das Curiosum und die Notitia Regionum XIV als in der 12. Region befind- 
lich erwähnen 19 [Regio XII Piscina Publica continet — Isidem Athenodoriavi). Meiner 
Meinung nach steht nichts im Wege diese für ein Werk des Rhodischen Künstlers 
zu halten, eine Annahme in welcher mir, wie ich nachträglich sehe, bereits Nardini, 
Roma antica III p. 278sq. (ed. Roma 1819) und R. Lanciani, Bull, della comm. 
arch. munic. I p. 33 sq. vorangegangen sind' J0 . 

Zwar hat Preller (Regionen der St. Rom S. 196 vgl. S. 124) nach dem Vor- 
gange anderer sie in die Zeit Caracallas gesetzt und, wenn ich seine Worte 2 ' rich- 
tig verstehe, für die Stiftung eines Athenodoros erklärt, aber es ist, wie schon 
Lanciani hervorgehoben hat, durchaus unwahrscheinlich, dafs ein solches öffentliches 

'*) Die erste Veröffentlichung der Inschrift, welche 20 ) Auch O. Gilbert, Gesch. u. Topogr. d. St. Rom 
dieser a. a. O. S. 20 A. 2 .Infuhrt, (lapvoastfc III S. 112 A. I schliefst sich dieser Ansicht an. 

1880 S. 834, ist mir nicht zugänglich. !1 ) »Isis Athenodoria ohne Zweifel nach ihrem Ur- 

19 ) Jordan, Topogr. d. Stadt Rom II S. 560. heber, wie das Isium Metellinum auf dem Cae- 

lius, und aus der Zeit der Anlagen Caracallas.« 



196 Förster, Laokoon-Denkmäler und -Inschriften. 

Monument seinen Beinamen von einem völlig unbekannten Privatmanne griechischer 
Abkunft erhalten haben sollte. Dagegen hat Isis Athenodoria als Werk des berühmten " 
rhodischen Meisters nichts befremdliches, verglichen mit Venus Praxitelia bei Plin. n. h. 
XXXVI, 22 und 26, Pliidiacus Iuppiter bei Prop. IV, 8 (9), 1 5 und — besonders in Anbe- 
tracht der Litteraturgattung — mit Phidiaca Nemesis bei Pompon. Mel. II, 3, 46 (vgl. Pili- 
diacae Signum Dianac bei Solin 7, 26). Wahrscheinlich trug die Statue an der Basis den 
Namen des Künstlers. Dafs sie in einem Tempel 23 stand, braucht nicht geleugnet zu 
werden. 

Dafs Athenodoros nur auf Rhodos tätig gewesen sei, ist nach Mafsgabe des oben 
(S. 191) über die Verschiedenheit der Buchstabenform Gesagten nicht wahrscheinlich. 
Aber auch in Rhodos hat die Statue einer Isis um Mitte oder in der zweiten Hälfte 
des zweiten Jahrhunderts v. Chr. nichts auffälliges nach allem, was wir über die 
Ausbreitung des Kultus dieser Göttin im alexandrinischen Zeitalter wissen 24 . Und der 
Bericht des Appian (b. Mithr. 27) über die durch Mithridates im Jahre 88 erfolgte Belage- 
rung der Stadt Rhodos bezeugt ausdrücklich ein Heiligtum der Göttin daselbst. 

Im Juni 1872 ist bei S. Cesario an der via Appia, also in der Gegend der 
Isis Athenodoria, ein — heut im Museo Capitolino befindlicher — zu einer Ko- 
lossalstatuc gehöriger marmorner Fufs nebst Sandale, welche einen Zug von Tri- 
tonen und Eroten als Reliefschmuck trägt, gefunden worden. Wenn die von Lan- 
ciani nach Möglichkeit begründete Vermutung, dafs dieser Fufs der Statue der Isis 
Athenodoria angehöre, zur Sicherheit erhoben werden könnte, wäre für die Ent- 
stehungszeit dieser Statue, beziehungsweise des Laokoon ein entscheidendes Zeugnis 
gewonnen; denn ich mufs wenigstens nach der Abbildung (Bull. 1. 1. t. I) jenem 
Gelehrten Recht geben, wenn er über den Stil dieses Reliefs urteilt (p. 37) : in 
questi genüli rilievi e veramente di greco sapore la grazia e venusta della composi- 
zione, la purita del disegno, la morbidezza deW intaglio. Aber er hat selbst nicht 
unausgesprochen gelassen, dafs es der Vermutung an einer sicheren Grundlage 
fehle. Möchte eine solche bald durch weitere Ausgrabungen gewonnen werden. 

Breslau. Richard Förster. 



22 ) Ob er freilich mit dem Athenodorus identisch v. Rom S. 1522 u. in Iw. Müllers Handbuch d. 
ist, welchen der Katalog bei Plin. 34, 86 als klass. Alterthumswiss. III S. 887. 

Meister von femhiae nobile! nennt, bleibt un- '-') Vgl. die Litteratur bei Sanppe, Hymn in Isim 
gewifs. p. 8. Preller, Ber. d. siiehs. Ges. d. Wiss. 1854, 

23 ) Vgl. O. Richter in Baumeisters Denkmälern s. S. 196. Drexler, Mythol Beiträge I, S. 4 ff. Mar- 

quardt, Rom. Staatsverw. III S. 79. 



^>j^jü\^^ .o^V^ 



ZUR LEKYTHOS TAFEL 4 

Dem Umstände, dafs ich vor einem Vierteljahre den Ausgrabungen der 
griechischen Ephorie der Alterthümer im äufseren Kerameikos beiwohnen durfte, 
habe ich es zu danken, dafs die Redaction dieser Zeitschrift mich gebeten hat, die 
Veröffentlichung des archaischen Vasenbildes, auf welches Herr Professor Förster 
in diesem Hefte (S. i8o.f.) aufmerksam macht, mit einigen weiteren Bemerkungen 
zu begleiten. 

Unter den Tausenden von erhaltenen Grabmälern und Grabmälerresten aus 
Attika konnte bisher keins die eigenthümlichen bienenkorbartigen Denkmäler ver- 
anschaulichen, welche so überaus häufig auf den bemalten Vasen dargestellt sind, 
so oft es sich nur um Vorgänge an Gräbern handelt. Solch ein weifses mannshohes 
Mal, mit einer grofsen Schlange im freien Felde daran, umflattert von dem noch 
gerüsteten Eidolon, bedeutet den Grabhügel des Patroklos im Bilde der Schleifung 
Hektors 1 . Mit einer Lutrophoros bekrönt und ähnlich wie auf dem vorliegenden 
Vasenbilde mit einem Schriftstreifen umzogen, der auf den Todten Bezug hat, wird 
es bei einer zu Ehren des Verstorbenen veranstalteten Feier von wehklagenden 
Frauen umstanden 2 . Es ist in den schwarzfigurigen Vasenbildern nie versäumt diese 
und ähnliche Grabmäler von viereckigem Umrifs ganz mit weifser Farbe zu bedecken. 
Auf den weifsen Lekythen gab der Grund den Localton ohne weiteres her. Wird 
das Denkmal dort zur Bezeichnung eines Grabes neben die mit ihr zusammenge- 
hörige Stele gesetzt, so gemahnt das, wie O. Benndorf gesagt hat 3 , an die epische 
Formel -uixßfo xs a-r^-q xe, vb i'äp "f£pa; iaxl öavovxtuv. Es ist eben die abgekürzte 
Form eines topßoc, eines grofsen Erdhügels. Schon aus diesem Zusammenhange 
heraus wäre zu erschliefsen, dafs diese dargestellten Denkmäler aus lockerem Erdreich 
bestanden und vergänglicher Natur waren; und das wird negativ dadurch bestätigt, 
dafs ihren Umrifs kein Stein unter den erhaltenen Grabmälern wiedergiebt, deren 
Zahl doch so grofs ist, dafs wir mit ziemlicher Vollständigkeit über die Marmorwerke 
auf attischen Friedhöfen unterrichtet zu sein glauben können. 

Seit es der Ephorie der Alterthümer in Vurvä geglückt ist, ein aus Lehm- 
ziegeln aufgebautes, dann mit weifsem Stuck überzogenes Monument in Form eines 

') Gerhard AV. 198. 199= Furtwängler, Berliner S. 53f. vertreten. Stelen mit halbrundem Ab- 

Vasensammlung 1867. 1902. schlufs wie Bullettino 1864 S. 48 können nicht 

: ) Monumenti VIII 5, ih = Collignon, Vases zum Vergleiche herangezogen werden: ihre Form 

d'Athenes 200 bis. ist weit schmaler und gereckter, und wenn 

3 ) Griech. und sicil. Vasenbilder S. 32. Die gegen- sie auf den weifsen Lekythen dargestellt wurden, 
theilige Ansicht, dafs die dargestellten Denkmäler mufste auch das gemalte Ornament des Ah- 
aus Marmor bestanden hätten, wird von Pottier Schlusses angegeben werden. Aber ein krönendes 
in seinen Etudes sur les lecythes blancs attiques Palmettenornament findet sich an den T'i(J.ßo( nie 
Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. | r 



198 Brueckner, Zur Lekythos Tafel 4. 



grofsen Kastens unversehrt aus der umgebenden Schuttmasse herauszuschälen, ist 
man auf derartige im Alterthum und nicht am wenigsten jetzt während der Aus- 
grabung leicht zerstörbare Denkmäler in besonderem Mafse aufmerksam geworden. 
So haben denn auch die Grabungen dieses Frühjahres an der athenischen Piräus- 
strafse, auf dem Grundstücke des Herrn Obersten Sapuntzäkis, die Reste eines Grab- 
mals ergeben, welches geeignet ist, das auf der vorliegenden Tafel dargestellte zu 
veranschaulichen 4 . Man stiefs dort auf ein Rund von über zwei Meter Durchmesser, 
welches aus Lehmziegeln hergerichtet, im innern mit Schutt hinterfüllt und aufsen 
herum mit einem hellen Stuck überzogen war. Obwohl nur mehr bis zu einer Höhe 
von etwa 0,40 erhalten, bewies doch die ein wenig sich nach oben zuschrägende 
Stuckschicht, dafs das Monument allmählich sich verjüngte, ganz in der Weise der 
fraglichen xojißoi. Der Tujxßo? war in diesem Falle noch besonders anschaulich her- 
ausgehoben, indem er auf einer Terrasse aufgebaut war. Doch bleibt die Schilde- 
rung der Einzelheiten der Anlage der ausführlichen Besprechung des Friedhofes, 
welche an anderem Orte geschehen soll, besser vorbehalten. Hier mag nur noch er- 
wähnt werden, dafs das zugehörige Grab in einer Tiefe von über 3 Metern unter der 
Sohle des Tufißo; und genau in dessen Mittelaxe sich befand, und dafs nach ihrer 
Schichthöhe und nach den geringen Resten der Beigaben, welche aus der tiefen 
Aschenschicht des Grabes sich herausfördern liefsen, die Anlage dem vierten Jahr- 
hundert angehört. 

Der Stucküberzug des erhaltenen Grabmales erklärt, weshalb diese xujxßoi 
immer weifs wiedergegeben werden. Aliquanto post Solonem, heifst es bei Cicero 
in seinem Auszug aus des Demetrios von Phaleron Übersicht über die athenischen 
Grabmalgesetze 5 , ist es einmal verboten worden, opus tectorium, Xsüxtofj.«, an der- 
artigen Monumenten zu verwenden. Indessen das Verbot, dessen Motive uns 
zunächst unbekannt sind, ist nach Ausweis des Denkmales nicht lange beobachtet 
worden. 

In unserem Vasenbilde erschweren die grofsen Lücken die Deutung der 
Darstellung. Gerade in wesentlichen Einzelheiten ist nicht über Vermuthungen hin- 
wegzukommen. In der Inschrift mufs man schwanken, ob die Buchstaben ähnliche 
Rundung über ™ wirklich ein Buchstabe oder nicht vielmehr der Ausläufer der 
Ranke ist, auf welcher die Eule sitzt; zu Gunsten der zweiten Möglichkeit läfst sich 
anführen, dafs nach Botho Graf, dem ich eine Revision der Inschrift verdanke, die 
zweifellosen Buchstaben »etwas fester aufgetragen sind«. Ebenso wenig vermag 
ich zu einer Sicherheit in der Auffassung des unteren Schlangenkopfes zu kommen. 
Die halbkreisförmige Linie, welche das erhaltene Auge abweichend vom oberen 
Kopfe umgiebt, liefs sich als Rand des Kopfschildes fassen; dann wäre der Schlangen- 
kopf von oben zu sehen. Aber dabei würden die beiden kleinen Striche vor dem 
Auge stören, an deren Stelle man im Vergleich zu der andern Schlange senkrecht 
verlaufende Linien zur Angabe der sich um den Rachen herumziehenden Hautfalten 
erwarten müfste. Vollends über die Attribute des davonlaufenden Jünglings, von 



4 ) Vgl. AeXtiov dp/atoXoYixov 1891 S. 33. 5 ) de legibus II, 26. 



Brueckner, Zur Lekythos Tafel 4. 199 

denen nur ganz rechts ein paar dicke Striche erhalten sind, "welche sich schwerlich 
mehr zur Hand ziehen lassen, bleiben wir ganz im Unklaren. Bei so unsicherem 
Fundamente mufs der Interpret sich bescheiden auf die etwa möglichen Deutungen 
hinzuweisen. 

Dafs die Darstellung mit der Laokoonsage zu thun habe, ist oben von Herrn 
Förster mit nicht zu widerlegenden Gründen zurückgewiesen worden. Er selbst sucht 
die Deutung im Gebiete des »Grabgenres«. Danach wäre der Jüngling irgend wie 
einem von Dickicht umwachsenen Grabe zu nahe gekommen, hätte dessen Heiligkeit 
verletzt, die Hüterinnen desselben, ein Schlangenpaar gereizt und suchte nun sein 
Heil in der Flucht. Gewifs sind damit die Elemente des Bildes erklärt; wenn das 
Vergehen des Jünglings nicht deutlich wird , so kann das an der mangelhaften Er- 
haltung liegen. Die Eule als Todtenvogel aufgefafst, an sich wahrscheinlich, findet 
einen besonderen Beleg in dem attischen Vasenbilde aus Gnathia Müller-Wieseler 
H> 59- 75 1 » w0 ihrer zwei neben einem Grabmal hocken, welches das Bild einer 
Sirene trägt; auch an den babo der Römer ist dabei zu erinnern, der sich auf den 
First des Hauses setzt, in welches der Tod einkehren vjill, und an die Sirenen- 
gestalten der attischen Grabsteine, welche häufig mit vollem Bezüge über dem First 
des architektonischen Rahmens erscheinen, eben weil sie in ihrem Wesen den Todten- 
vögeln verwandt sind 6 . Auch das paarweise Auftauchen der Schlangen wird so oft 
erwähnt, dafs aus der Zweizahl an sich kein Bedenken gegen die Genrehaftigkeit 
der Scene zu begründen wäre 7 . Eine ganze Reihe von Nachweisen dieser Art ver- 
danke ich Herrn Förster. Ein Schlangenpaar zieht den Seher Iamos auf bei Pindar 
Ol. VI 45 860 8e •(■Xaux(07ts? auxöv oattioviov ßouXaTaiv E&p£'liav:o opa'xovTs?, reinigt dem 
Seher Melampus die Ohren, damit er die Sprache der Thiere versteht (Apollod. 
I, 9, II.), wird von Hera zum Lager des Kindes Herakles geschickt (ebenda II, 4, 
8) oder schiefst auf das Geheifs des Asklepios aus dem Tempel hervor bei Arist. 
Plut. 733 (E^Sat^v o5v 6<jo Sf/or/.ov;' ex tou veoj uTispcpust; tö fj.E"(si)o?). Zwei Schlangen be- 
hüten ein Quellhaus auf der bekannten kyrenäischen Vase, ringeln sich um die zur 
Aufnahme der Spende bestimmte Vertiefung an dem Grabaltar des Heros Aristan- 
dros von Lesbos 8 , und sind am Epistyl eines Grabmals in Rhamnus abgebildet 8 . 

So betrachtet wäre die Darstellung in Zusammenhang zu bringen mit dem Bilde 
einer weifsgrundigen Lekythos, in welchem ein Jüngling vor einer einzelnen Schlange 
zurückweicht und wo man die Scene, eben weil sie auf eine weifse Lekythos gemalt 
ist, geneigt sein wird in die Nähe der Gräber zu verlegen 10 . 

6 ) Vergil IV 462 f. Ovid Ibis 223 Tibull I, 5, 51 f. 7 ) Vgl. A.Marx, Griech. Märchen von dankbaren 

Herr Förster macht auf Isidor Orig. XII, 7, Thieren S. 99 f. 

39 aufmerksam: bubo avis feralis in sepulcris 8 ) Arch. Ztg. XXXIX, Taf. XII, 2 = Studniczka, 

die noctuque versatur. Vgl. hierzu und zur Kyrene S. 33 und Conze, Reise auf der Insel 

Sirene O. Crusius die Ephiphanie der Sirene Lesbos Taf. IV, 5. 

im Philologus Bd. 50 (N. F. IV) S. 100 f. Brueck- 9 ) Athen. Mitth. des Inst. IV, S. 279. 

ner, Ornament und Form der attischen Grab- 10 ) American Journal of archaeol. II Taf. X, 6=Taf. 

Stelen S. 32. XII, 3. S. 396 f. Vgl. auch eine auffällige Vase 

in Triest, abgeb. Kunz, II Museo Civico di antichitä di Trieste. Triest 1879, Taf. 3. 



200 Brueckner, Zur Lekythos Taf. 4. 



Aber gerade der Vergleich mit den eben herangezogenen Vasenbildern, auf 
welchen die Schlange klein d. i. im natürlichen Verhältnifs zu dem Jüngling gebildet 
ist, macht es eindringlich, wie sehr diese beiden mächtigen Schlangen auf unserer 
Vase über die Natur und das Genrehafte hinaus gesteigert auftreten. Um deswillen 
möchte ich die Möglichkeit einer mythologischen Deutung offen halten. In der 
Branteghem'schen Sammlung zu Brüssel befindet sich seit kurzem eine schöne 
Schale, deren Figuren der Besitzer auf den Mythos des Polyeidos und Glaukos 
gedeutet hat ' '. Ich kenne sie nur aus einer Photographie beim Institut und entnehme 
daraus, dafs der Zauberer Polyeidos, der den Sohn des Minos von den Todten 
wieder erweckt, als Jüngling dargestellt ist. Auch auf unserer Vase erinnert 
manches an diese Sage. Eine ^Xocu? hatte dem Polyeidos verrathen, wo der Leich- 
nam d-es Glaukos zu finden sei ls . Das Beispiel zweier Schlangen, von denen die 
eine ihre todte Gefährtin mit einem Kraute bedeckte und wieder belebte, hatte ihm 
das Mittel angegeben, dem Körper des Königssohnes die Seele zurückzugeben 13 . 
Es wäre möglich, dafs der vor den Schlangen entweichende Jüngling die Ranke, 
die rechts unten vor ilyn erscheint, gehalten habe, und es würde der oft ausge- 
sprochenen Vermuthung, dafs die späte Version, wonach Glaukos in ein Honigfafs 
gefallen war, aus einem Misverständnifs der alten Sitte der Bestattung in Honig 
entstanden sei, nur entsprechen, wenn wir auf einer Vase des ausgehenden 6. Jahr- 
hunderts ein Grabmal des Glaukos dargestellt fänden. 

Indessen ich mag nicht diese Möglichkeit der Deutung positiv aufstellen, so 
lange die Lesung der Inschrift nicht geglückt ist. Botho Graf bemerkt zu dem 
Buchstaben über dem V, dafs es sicher ein Omikron, dafs der darüber folgende 
ein N oder S, und dafs beim nächsten am Ende der zweiten Hasta der weifse Grund 
abgesprungen sei. Vielleicht löst ein anderer das vorliegende Problem. 

Berlin. Alfred Brueckner. 



") Vgl. Furtwängler, Arch. Anz. 1891 S. 69. Zur Ranke erhalten, wie R. Graf vor dem Original 

Sage vgl. Gaedechens in Roschers Mythol. Lexi- ausdrücklich bezeugt. Nach ihm ist auch an 

kon Sp. 1686 f. der scharf ausgebrochenen Spitze vor dem zwei- 

12 ) So in Euripides' UoXüstöo;. Aelian repl Miuv V,2. ten Schlangenkörper noch eine geringe in der 

13 ) Von der unteren Schlange ist links vom Kopfe Zeichnung nicht wiedergegebene Spur von dem 
dicht am Bruche noch der Contur unter der Körper jener Schlange vorhanden. 



m 



N\ 



TUSCI UND LAURENTINUM 
DES JÜNGEREN PLINIUS 

Wer aus Vitruvs Lehrbuch der Architektur sich eine Vorstellung zu bilden 
sucht von den Landsitzen vornehmer Römer, auf denen sie Erholung von den Ge- 
schäften und den Aufregungen des Stadtlebcns suchten, wird erstaunt sein über das 
Mißverhältnis, das besteht zwischen der Beliebtheit und Verbreitung solcher Villen 
schon um die Zeit des Ausgangs der Republik 1 und der Dürftigkeit der Angaben, 
welche Vitruv über ihre Anlage und Einrichtung bietet. Ausführlich spricht er nur 
über die zu Wirtschaftszwecken dienende Villa (VI, 9); die Villa als luxuriösen 
Herrensitz erwähnt er nur ganz kurz im Anschlufs an die Abänderungen, welchen 
der Typus des Stadthauses mit Rücksicht auf Stand und Beruf des Bewohners zu 
unterwerfen sei (VI, 8): earum autem verum non solum erunt in urbe aedificiorum 
rationes, sed etiam ruri, praeterquam quod in urbe atria proxima ianuis solent esse, 
ruri autem pseudourbanis statim peristylia, deinde tunc atria habentia circuvi porticus 
pavimentatas speetantes ad palaestras et ambulationes. Derselbe Anschlufs des länd- 
lichen an den städtischen Bau wird auch VI, 9 verlangt: si quid delicatius in villis 
faciundunr fuerit, ex symmetriis quae in urbanis supra scriptae sunt constituta ita 
struantur uti sine inpeditione rusticae utilitatis aedificentur. omniaque aedificia ut lumi- 
nosa sint oportet curari, sed quae sunt ad villas faciliora videntur esse ideo quod 
paries nullius vicini potest obstare. Für den städtischen Palast des Vornehmen sind 
aber erforderlich (VI, 8): vestibula regalia alta, atria et peristylia amplissima, silvae 
anibulationesque laxiores ad decorem maiestatis perfeetae, praeterea bibliothecae pina- 
cothecae basilicae non dissimili modo quam publicorum operum magnificentia compara- 
tae, qtwd in domibus eorum saepius et publica consilia et privata iudicia arbitriaqtie 
conficiuntur. Danach wäre das Herrenhaus der Villa ein aufs Land verlegtes 
Stadthaus und wird von Vitruv nur deshalb besonders erwähnt, weil das Verhältnis 
des Architekten zu seiner Aufgabe dank dem Wegfall der Rücksicht auf die Bauten 
des Nachbars hier ein etwas günstigeres ist als dort. 

Eingehendere Nachrichten über die Beschaffenheit solcher Villen besitzen 
wir erst aus hundert Jahre späterer Zeit in den beiden bekannten Briefen des jün- 
geren Plinius (II, 17. V, 6), welche durch einzelne Angaben in anderen Briefen noch 
ergänzt werden, und ein günstiger Zufall mufs es genannt werden, dafs ungefähr 
aus derselben Zeit die einzigen in ihrem ganzen Umfang leidlich erhaltenen Reste 
einer Villa stammen, diejenigen welche ein weitausgedehntes Gebiet am Fufs der 
Berge von Tivoli bedecken und der aus Spartian (v. Hadr. 26) bekannten Villa des 
Hadrian angehören. 

') Friedländer, Sittengeschichte I 5 S. 107. 
Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. l6 



202 Winnefeld, Tusci und Laurentinum des jlingeren Plinius. 

Der Plan der Villa des Hadrian 2 zeigt diese aufgelöst in eine Menge von 
gröfseren und kleineren Complcxen, die *vie regellos verstreut erscheinen. Nicht 
nur, dafs von einer einheitlichen Disposition und Orientierung der einzelnen Bauten 
keine Rede ist: selbst in unmittelbarer Verbindung mit einander stehende Gebäude 
haben die verschiedensten Axrichtungen ; so finden sich z. B. in der langen Flucht, 
welche aus der sog. Sala dei filosofi (Pisianatteo 9), Natatorio (Pisianatteo 10 — 14), 
Biblioteca greca (Bibliotcchc 1 — 2), Biblioteca latina (Bibliotcchc 9 — 12) und dem 
östlich sich anreihenden Hause (Ospitali 42. 44 — 47) besteht, nicht zwei Bauten, 
welche gleiche Axrichtung hätten, und nur zwischen den beiden sog. Bibliotheken 
ist durch Vorlegung einer zweimal gebogenen Säulenhalle 3 der Versuch gemacht 
wenigstens den Anschein von etwas Symmetrie hervorzurufen. Ebenso entbehrt die 
Gestaltung der einzelnen Complcxe jeder Rcgclmäfsigkcit. Die Gruppierung der 
Räume um Innenhöfe, die man als charakteristisch für die Einrichtung des antiken 
Hauses zu betrachten pflegt, ist fast geflissentlich vermieden; grofse hallenumgebenc 
Plätze sind ja in gröfserer Zahl vorhanden, aber vielfach sind sie gar nicht von 
Gebäuden umgeben, die an die eine Seite stofsenden Gemächer sind von ihnen 
abgewendet, liegen wohl auch auf anderem Niveau und stehen kaum mit ihnen in 
Verbindung. Beispiele sind der Hof in dem von Piranesi Pinacotcca genannten 
Bau, der Hof der sog. Akademie in seiner Trennung von den südlich anstofsenden 
Räumen, der Hof hinter den Bibliotheken, an dessen Südseite Gebäude liegen, 
deren Fufsboden um 2,96m (Ospitali 32) und 4,33 m (Ospitali 33) höher ist als der 
Boden des Hofes 4 . Auch wo eine Reihe von Räumen sich auf einen solchen Hof 
öffnet, ist dies unter Umständen nur eine nebensächliche Verbindung wie an der 
Ostseite des Akadcmichofs, wo alles an einer der Längsaxc des Hofes parallelen 
Axc angeordnet ist (Accademia 37. 35. 28. 29. 32. 33) und wohl für den vom 
nördlich gelegenen Garten {AA) nicht aber für den vom Hofe Kommenden ein 
einheitliches Ganze darstellt. Etwas näherer Zusammenhang besteht nur zwischen 
der sog. Piazza d'oro und den südlich anstofsenden Gemächern (Palazzo imperiale 
6 — 11), aber auch diese sind nicht nach dem Hofe gerichtet, sondern gruppieren 
sich seitwärts um einen grofsen Kuppelsaal 5 , der allerdings in der Längsaxc des 
Hofes gelegen sich nach diesem mit einer grofsen Türe öffnet, sein Licht aber 
selbständig von oben empfangen haben mufs. 

-) Im Folgenden beziehe ich mich ausschliefslich architccles pensionnaires de l' Academie de France 

auf den Plan der Villa von Piranesi 1781 im a Rome. Jedoch ist auch dieser Grundrifs durch 

XXIII. Bande der Collection d' ouvrages , der die inzwischen gemachten Ausgrabungen veraltet, 

allen späteren zu Grunde liegt. Von ihm un- 3 ) Diese Halle fehlt bei Piranesi ganz, bei Danmet 

abhängig ist nur die Aufnahme des nordöstlichen ist sie teilweise angedeutet. 

Teils, welche Daumet 1859 gemacht hat und die 4 ) Die Zeichnung Piranesis ist hier ganz unbrauch- 

in sehr starker photographischer Verkleinerung bar. 

veröffentlicht ist in den von J. Baudry's Li- 5 ) Im allgemeinen richtig entsprechen die Grund- 

brairie polytechniquc herausgegebenen Fragments risse von Piranesi und Daumet der wirklichen 

d'arehitecturc antiqtte et de la Renaissance; Beschaffenheit der Einzelheiten des inneren Aus- 

42 photographies d'aprcs les dessins originaux des bans, wie sie durch die neueren Ausgrabungen 

klargelegt sind, keineswegs. 



Winnefeld, Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. 203 

In allen Verhältnissen sehr viel bescheidener aber in den Grundzügen der 
Anlage nicht wesentlich von der Villa des Hadrian verschieden waren auch die 
beiden Landsitze des jüngeren Plinius, die Tusci im oberen Tiberthal bei Tifernum 
Tiberinum und das Laurentinum an der latinischen Meeresküste bei Laurentum, 
welche er in Briefen an Domitius Apollinaris (V, 6) und Gallus (II, 17) eingehend 
beschreibt 7 , und was man aus mehr gelegentlichen Andeutungen über seine Villen 
am Corner See erfährt s , gibt zum mindesten keine Veranlassung zu der Annahme, 
dafs diese wesentlich anders angelegt gewesen seien. 

Die Gegend, in welcher die Tusci lagen, schildert Plinius mit folgenden 
Worten 9 : »Stelle dir ein ungeheures Amphitheater vor, wie es allein die Natur zu 
bilden vermag: eine weit ausgedehnte Ebene wird von Bergen umgürtet, die Berge 
sind mit altem Hochwald bekrönt und haben einen reichen Wildstand. An den 
Abhängen zieht sich Schlagwald hinunter, dazwischen fette Erdhügel (denn Felsen 
sucht man hier überall vergebens), die dem ebensten Gefilde an Fruchtbarkeit nicht 
nachstehen und eine gesegnete Ernte, wenn auch etwas später zur Reife bringen. 
Unterhalb erstrecken sich Weinberge rings herum und gewähren weit und breit 
einen einheitlichen Anblick. Wo sie aufhören, folgen Obstpflanzungen und bilden 
gleichsam ihren Saum gegen die Ebene. Diese enthält Wiesen und Kornfelder . . . 
Die Wiesen prangen im Blumenflor, Klee und Gras sind zart und weich und gleich- 
sam ewig jung; denn alles wird von beständigen Bächen genährt. Aber trotz der 
Wasserfülle ist kein Sumpf da, weil der geneigte Boden das empfangene Wasser, 
das er nicht aufnehmen kann, an den Tiber abgibt. Dieser schiffbare Flufs strömt 
mitten durchs Gefilde.« Diese Beschreibung ist abgesehen davon, dafs sie ein an- 
schauliches Bild vom Charakter der Umgebung gewährt, welche sich Plinius für 
seinen Sommersitz wählte, von der gröfsten unmittelbaren Wichtigkeit für die Re- 
construetion desselben; denn die Angaben über die Aussicht, welche man aus den 
Fenstern und Thüren der einzelnen Teile der Villa genofs, sind zusammen mit 
solchen über das Verhältnis derselben zum Sonnenstand in verschiedenen Tages- 

°) Ep. IV, 1, 4. il giovane. Roma 1796. Hirt, Geschichte der 

') Von früheren Reconstructionen des Grundrisses Baukunst der Alten III (1827) S. 295 ff. Taf. 29. 

dieser Villen, die teilweise auch von Aufrissen Canina, Architettura antka, sez. III parte II 

und Durchschnitten begleitet sind, sind mir p. 252SS. tav. 240 (nur Laurentinum), wiederholt 

folgende bekannt geworden: Scamozzi, L'idea und um eine perspectivische Ansicht vermehrt 

dell' architettura universale. Venezia 161 5, I, in Edifizj di Roma antica V p. 208, VI tav. 190. 

267SS. (nur Laurentinum), wieder abgedruckt 191. Schinkel im Architektonischen Album, 

bei Felibien des Avaux und im Anhang der red. vom Architektenverein zu Berlin. Heft VII 

italienischen Ausgabe vonMazois, Le palais de Potsdam 1841. W. Stier, Architektonische Ent- 

Scaurus, Mailand 1825. Felibien des Avaux, würfe herausg. von H. Stier. Berlin 1867. 

Les plans et les descriptions ... des . . . maisons 8 ) Ep. IX, 7 j nur auf den dortigen Grundbesitz, 

de campagne de Pline le consul. Londres 1707. nicht auf die Baulichkeiten und Anlagen bezie- 

R. Ca st eil, The villas of the ancient illustrated hen sich III, 19. IV, 30. VI, 24. VII, II. Vgl. 

London 1728 (in dem mir allein zugänglichen auch die Aufzählung der Teile der Villa' des 

Exemplar der Kgl. Bibliothek in Berlin fehlen Caninius Rufus am Corner See I, 3. 

die Tafeln). P. Marquez, Delle ville di Plinio '■>) Cbersetzung nach Nissen, Ital. Landeskunde I 

S. 463 f. 

16* 



204 



Winncfeld, Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. 




HIFPODRO WVS 



1. Porticus. 

2. Triclinium. 

3. Atrium. 

4. Areola. 



5. Cotidiana cenatio. 

6. Dornvitorium cubiculum^ " 

7. Cubiculum mit Spring-! » 
brunnen / " 

8. Cubiculum. 

9. Piscina. 

10. Hypocauston. 

11. Apodyterium, darüber 
Sphaeristerium. 

12. Frigidaria cella. 

13. Piscina. 

14. Cella media. 

15. Caldaria cella. 

16. Scalae. 

17. Cryptoporticus. 

18. Cubicula. 

19. Aestiva Cryptoporticus. 

20. Triclinium. 

21. Scalae. 

22. Cubiculum. 

23. Porticus. 

24. Stibadium. 

25. Cubiculum. 

26. Zothecula. 




P R A TVÄ 
Tusci des Plinius. 



Winnefeld, Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. 20 l 5 

Zeiten die einzigen Hilfsmittel zur Bestimmung ihrer gegenseitigen Lage und somit 
der Gesamtdisposition der Villa, soweit sich diese bei der Lückenhaftigkeit der 
Beschreibung überhaupt noch erkennen läfst. 

Denn sehr unvollständig ist die Beschreibung trotz aller Ausführlichkeit: es 
fehlt jede Erwähnung der Gemächer der Frau des Hausherrn, von Sklaven- und 
Wirtschaftsgebäuden ist mit keinem Worte die Rede; was sonst noch alles über- 
gangen sein mag, entzieht sich jeder Berechnung. Es kam Plinius eben nur darauf 
an die Räume zu schildern, die seinem persönlichen Gebrauche dienten, und deren 
Vorzüge hervorzuheben 10 . Es ist höchst bezeichnend und für das Verständnis der 
Anlage sehr wichtig, dafs zu diesen Vorzügen das Vorhandensein besonderer den 
Verhältnissen jeder einzelnen Jahres- und Tageszeit angepafster Gemächer, schöne 
Aussicht aus Fenstern und Türen, auch wohl Spielereien der Innenausstattung ge- 
hören, nicht aber eine vollendete architektonische Ausgestaltung sei es des Äufseren, 
sei es gröfserer zusammenhängender Teile des Innern. Davon fehlt bei aller be- 
haglichen Breite in der Aufzählung der Herrlichkeiten der Villa auch die leiseste 
Andeutung; etwas derartiges darf also auch nicht vorausgesetzt und nicht zur 
Grundlage des Reconstructionsversuchs gemacht werden, umso weniger als der 
Vergleich mit der Villa des Hadrian deutlich genug zeigt, wie unbegründet eine 
solche Voraussetzung wäre. 

Die Villa lag der Hauptsache nach an der Südseite eines Hügels, von dessen 
Fufs sie in sanfter Steigung sich am Abhang emporzog, also wesentlich in der in 
der allgemeinen Ortsbeschreibung den Obstpflanzungen zugewiesenen Zone, reichte 
aber auch noch bis in die Weinberge hinein. Die Fagade bildete eine grofse 
Säulenhalle, welche von der Mittagsstunde an der vollen Sonne ausgesetzt, also 
nach Südwest geöffnet war. Vor derselben war ein in zwei Terrassen abgestufter 
Ziergarten, über den hinweg der Blick auf die Wiesen und Äcker in der Thalebenc 
fiel (§ 14 — 18) 11 . Am einen Ende der Halle sprang ein sehr grofses Zimmer vor mit 
Fenstern nach zwei Seiten, während an die dritte die diesem Zimmer und dem wei- 
terhin folgenden Bade gemeinsame Heizeinrichtung stiefs (§ 25). Von den Fenstern 
gingen die einen auf den vor der Halle gelegenen Ziergarten, die andern auf die 
Wiese, nach der Thalseite; diese waren also nach Südwest gerichtet, die andern 
aber müssen nach Südost gesehen haben, da das Zimmer als der Sonne in hervor- 
ragendem Mafse ausgesetzt sich besonders zum Gebrauch im Winter eignete (§ 23. 
24). Daraus ergibt sich, dafs dieses Zimmer am Nordwestende der Halle belegen 
war. An deren entgegengesetztem Ende entsprach ein in gleicher Weise vor- 
springendes Triclinium, das nach zwei entgegengesetzten Seiten Fenster, nach der 
dritten eine Flügeltüre hatte. Durch diese blickte man über das Ende des Zier- 
gartens hinweg auf die Wiesen und Äcker des Thalgrundes, also nach Südwest, 

'") Die hier versuchte Skizze will — ebenso wie deuten ist, weil er zu willkürlich wäre, verzichtet; 

die folgende des Laurentinum — nur die gegen- sie erhebt also nicht den Anspruch ein getreues 

seitige Lage der von Plinius etwas genauer be- Bild der Villa zu geben. 

zeichneten Räume und Gebäude erläutern; auf u ) Die eingeklammerten Zahlen beziehen sich auf 

den Versuch das nur Vorauszusetzende anzu- die Paragrapheneinteilung der Briefe. 



2o6 Winnefeld, Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. 

durch die Fenster der einen Langseite auf den Ziergarten und den vorspringenden 
Teil der Villa, eben jenes Zimmer am andern Ende der Halle und was sich daran 
schlofs, also nach Nordwest, durch die gegenüberliegenden auf die Bäume einer 
andern Gartenanlage, welche demnach nur östlich der Hauptbauten der Villa gele- 
gen haben kann und nach ihrer Form den Namen Hippodrom führte (§ 19). 

Dieser zweite Garten von einer im Verhältnis zur Breite recht bedeutenden 
Länge mufs gleich der Halle an der Fagade ungefähr wagrecht am Abhang sich 
erstreckt haben; denn einer am Berge sich hinaufziehenden Anlage hätte der Name 
Hippodrom nicht wohl beigelegt werden können. Bestätigt wird diese Schluß- 
folgerung durch die Angabe, dafs ein am Kopfende des Hippodrom gelegenes ein- 
zelnes Ruhezimmer Fenster nach der Berg- und nach der Thalseite gehabt habe, 
aüfserdem Flügeltüren und eine Veranda (§ 38); da letztere nur in der verlängerten 
Axe des Hippodrom angenommen werden können, mufs sich dieser am Abhang 
entlang hingezogen haben. Andererseits aber ist ausgeschlossen, dafs er ungefähr 
in der Verlängerung der Fagade und in gleicher Richtung wie diese gelegen habe. 
Man hatte nämlich aus einem Zimmer am oberen Ende eines gedeckten Ganges, 
der von der Gegend des Westendes der Fagade die Anhöhe emporstieg, also 
wesentlich südnördliche Richtung gehabt haben mufs, die Aussicht auf den Hippo- 
drom, und auch eine bauliche Verbindung bestand zwischen diesem und den Ge- 
mächern am oberen Ende jenes Corridors (§ 28). Das ist nicht möglich, wenn Hip- 
podrom und Corridor rechtwinkelig auseinanderlaufen, sondern nur bei annähernd 
gleicher Richtung. Diese Richtung — zur Fagade ungefähr rechtwinkelig — ist 
aber gleichzeitig mit horizontaler Lage des Hippodroms nur dann möglich, wenn 
die Villa nicht auf einer in gerader Linie verlaufenden Berglehne, sondern auf einem 
Vorsprunge des Abhangs gelegen war, und zwar am Ausgange eines Seitenthals. 
Diese nähere Bestimmung ergibt sich aus dem, was Plinius über die Lage eines 
anderen Tricliniums mitteilt: dieses lag an der Nordseite des Baus, welcher den 
Hippodrom und den mehrfach genannten Corridor verband, und war der gesunden 
Bergluft aus den Thälern des Apennin ausgesetzt (§ 29), also thalaufwärts gerichtet; 
das Tiberthal kann aber hier nicht unter dem Thale verstanden sein, durch das 
der Bergwind herabkommt, denn die allgemeine Ortsbeschreibung in Verbindung 
mit den Angaben über die Gesamtlage der Villa beweist, dafs die Villa in einer 
Gegend lag, in welcher der Tiber ungefähr westöstlich fliefst. Ein Blick auf die 
Karte der Gegend von Cittä di Castello, das die Stelle des alten Tifernum einnimmt, 
bestätigt in erwünschtester Weise das Bild, das sich aus den einzelnen Angaben 
des Plinius erschliefsen liefs: der Tiber fliefst von Nordwest nach Südost, dem 
Kamm der Apenninen parallel, so dafs er die Hochgebirgsluft gar nicht herbei- 
führen kann, der nach Südwest gelegene Abhang des Hauptgebirgszugs wird von 
einer Menge kurzer, von Nordost nach Südwest ziehender Seitenthäler durchschnitten, 
welche unmittelbar und in ziemlich gerader Richtung vom Kamm des Gebirges 
herabkommen. Im Hauptthale, unmittelbar nordwestlich vom Ausgang eines solchen 
Nebenthaies, mufs die Villa des Plinius gelegen haben; in das Seitenthal hinein 



Winnefeld, Tusci und Laurentinum des jüngeren I'linius. 207 

erstreckte sich der Hippodrom mit den anstofsenden Bauten. Dies Ergebnis wird 
unbedeutend erscheinen im Verhältnis zur Umständlichkeit des Weges, auf dem es 
gewonnen werden mufste; aber es ist die unerläfsliche Vorbedingung, um zu einer 
cinigermafsen lebendigen Vorstellung von der Anlage der Villa zu gelangen, und 
darauf kommt es eben uns heute an, während Apollinaris, dem der Gesamtcharakter 
solcher Villen wohl bekannt war, nur über einige besondere Vorzüge der Tusci 
unterrichtet werden sollte. 

Am nach Südwest gerichteten Nordrande des Tiberthaies also und am nach 
Südost abfallenden Westrande des Nebenthaies breitete die Villa sich aus: gewifs 
mit Recht konnte Plinius von ihr sagen magna sui parte meridiem spectat (§ 15), 
wenn er dabei auch zunächst wohl nur die dem Tiber zugewendete Front im Auge 
hatte. Hier war der Platz vor der Fagade von ausgedehnten Gartenanlagen ein- 
genommen: unmittelbar vor der Halle der Xystus mit Figuren aus zugestutztem 
Buchs, etwas tiefer, durch abschüssige Beete mit Teppichgärtnerei von ihm getrennt, 
Promenadewege zwischen Akanthusbeeten und Reihen von Buchsbäumen und son- 
stigen kleinen in künstlichen Formen gezogenen Zierbäumen, das Ganze von einer 
wiederum mit Buchswänden verkleideten Mauer umschlossen (§ 16. 17). Südöstlich 
reichten diese Anlagen bis vor die Südwestwand des Tricliniums (§ 19), d. h. bis zum 
Ende der Villenfront, nordwestlich anscheinend nur bis zur Südostwand des dem 
Triclinium entsprechenden Zimmers, wo sich dann ein Teich anschlofs mit laufen- 
dem Wasser, dessen Rauschen zur Annehmlichkeit jenes Zimmers nicht wenig bei- 
trug (§ 23. 24). Die Villa erstreckte sich in derselben Richtung noch weiter, denn 
hier reihte sich das Bad an, aber vor diesem Teile lag kein Ziergarten mehr, er- 
klärlicher Weise, da die Baderäume ja nicht auf Aussicht berechnet waren. 

Aus dem Xystus trat man in die geräumige 13 Säulenhalle (§ 15), welche sich 
fast vor der ganzen Breite der Villa erstreckte. Zur Rechten hatte man hier das schon 
mehrfach erwähnte Haupttriclinium mit Fenstern nach zwei und Flügeltüren nach der 
dritten Seite (§ 19), geradeaus hinter der Rückwand der Halle verschiedene nur äufser- 
lich an einander gereihte Bauten: zunächst dem Triclinium ein Atrium mit den zu- 
gehörigen Räumlichkeiten (§ 15), also ungefähr ein regelrechtes Haus 13 , weiterhin, 
etwa hinter der Mitte, einen kleinen Platanenhof (§ 20), endlich an diesen anstofsend 
und bis zum Nordwestende der Halle reichend eine auf höherem Niveau liegende 
diaeta, also wieder ein selbständiges Bauwerk 14 , von dem wir aber nichts weiter 

'-) Da die Lesart von M prominulam gänzlich un- ") in hac 15 kann sich nur auf die porticus be- 
vereinbar ist mit der aus der ganzen Beschrei- ziehen; zu dem Gebrauche von in vgl. 29 in 
bung mit Sicherheit hervorgehenden Thatsache, media [seil. cryptoportiai\ triclinium etc. 
dafs diese Halle beiderseits von weit vorsprin- ") Die Bedeutung von diaeta bei I'linius ist schwan- 
genden Zimmern flankiert war (das Triclinium kend: in diesem Briefe bezeichnet es an 
am einen Ende exewrit 19, das Cubiculum drei Stellen einen aus mehreren Zimmern be- 
am andern Ende triclinio oecurrit 23), folge stehenden Complex: V, 6, 20. 21; 28. 29; 31; 
ich der von Keil auf Grund der sonstigen Über- also wird man auch für die vierte Stelle (27) 
lieferung mit Berücksichtigung von M vorge- dieselbe Bedeutung anzunehmen haben. Im 
schlagenen Lesung pro modo villae longam. gleichen Sinne gebraucht I'linius das Wort auch 



208 Winnefeld, Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. 

erfahren als eben, dafs man aus demselben auf den Platanenhof sah und dafs es 
von einer Treppe in der Nähe des Bades her zugänglich war (§ 27). Den Abschlufs 
nach dieser Seite bildete dann das Zimmer über dem Teich, welches dem Tricli- 
nium gegenüber lag (§ 23). 

In diesem Teile der Villa mufs der Platanenhof ein Lieblingsaufenthalt des 
Plinius gewesen sein: hier lag die cotidiana amicorumquc cenatio und die Be- 
schreibung dieses Hofes und der zugehörigen Gemächer ist einer der ausführlichsten 
Abschnitte des Briefes (§ 20 — 23). Vier Platanen beschatteten einen Marmorbrunnen, 
die eine Seite des Hofes stiefs unmittelbar an die Säulenhalle, an der zweiten be- 
fand sich die höher gelegene Diaeta (§ 27), die beiden übrigen wurden von den 
Räumen einer anderen Diaeta eingenommen 15 . Zu dieser gehörte das kleine Speise- 
zimmer für das Essen in engerem Kreise, welches der Fagadenhalle gegenüber lag, 
— man hatte von da den Ausblick über den Hof weg und durch die Halle 16 hin- 
durch auf die Thalebene — daran anstofsend ein Schlafzimmer und weiterhin in 
der Ecke des Hofs — weil nur von einer Platane beschattet — ein drittes Zimmer, 
das man sich in Anbetracht der Kleinheit des Hofes — areola nennt ihn Plinius 
■ — wohl an dessen vierter Seite zu denken hat; in diesem Zimmer befanden sich 
nicht ganz einfache Wasserkünste und dementsprechend war auch die Ausstattung 
gewählt: über einem Marmorsockel zeigten die Wände Gartenmalerei in der Art, 
wie sie aus Pompei und besonders aus der Villa bei Primaporta allgemein bekannt ist. 

Ein anderer Bestandteil der Villa, auf welchen Plinius gleichfalls sehr grofsen 
Wert legte, ist das Bad. In diesem Briefe wie in dem andern, welcher das Lau- 
rentinum schildert, zählt er einzeln die Räume desselben und seine Wannen und 
Bassins auf, und einen Brief an seine Schwiegermutter (I, 4) beginnt er mit dem 
Ausrufe qnantum copiarum in Ocriculano, in Narniensi, in Carsulano, in Perusino 
tno! in Narniensi vero etiam balineum. In den Tusci lag das Bad (§ 25 — 26) an das 
Nordwestende der Fagadc sich anreihend und ungefähr in deren Verlängerung; 
denn Tepidarium und Caldarium lagen der Sonne ausgesetzt, d. h. bei einem Bade, 
das nach der römischen Zeiteinteilung nur in den Nachmittagsstunden benutzt 
wurde (Vitruv V, 10), gegen Südwest. Es bestand aufser der Heizeinrichtung aus 
einem grofsen Auskleidezimmer, über welchem sich ein Raum zum Ballspiel befand 
(§ 27), das dem Gebrauch des Bades voranging (III, 1, 8. IX, 36, 3), dem kalten Bad 
mit grofsem Bassin, dem heifsen Bad mit drei Wannen, in deren zwei sogar die 
Sonne hereinscheinen konnte, und einer zwischen diesen beiden Räumen gelegenen, 
gleich dem Caldarium der Sonne ausgesetzten cella media, in der also das Tepi- 

II, 17, 20, während man II, 17, 12 und 15 lieber den werden II, 17, 15 (triclinium) cingitur 

an Einzelzimmer denken möchte. Die eine wie diaetis duabus a tergo. 

die andere Erklärung ist zulässig VII, 5, I. 16 ) aliam ist mit Keil zu streichen, da der fol- 

vs ) diaeta . . . cingit areolam sagt Plinius; doch gende Satz eadcmquc omnia quae fortkus aspkil 

bleiben eben nur zwei Seiten frei, auf welche beweist, dafs nur die eine Halle gemeint sein 

man diese Diaeta verteilen könnte. Noch we- kann, deren Aussicht vorher (löff.) schon be- 

niger kann ein vollständiges Umfassen verstan- schrieben ist; vgl. die ähnliche Beschreibung 

eines Durchblicks II, 17, 5- 



Winnefeld, Tusci und Laurentinuni des jüngeren Plinius. 2CKJ 

darium zu erkennen sein wird (vgl. Vitruv V, 10). Ein Schwitzbad fehlte offenbar, 
da Plinius seiner hier so wenig wie bei Beschreibung des Bades im Laurentinum 
Erwähnung thut; dagegen war ein besonderer Vorzug des Bades in den Tusci ein 
grofses Schwimmbassin unter freiem Himmel, dessen Wasserwärme durch Verbin- 
dung mit einem Brunnen reguliert werden konnte (§ 25). 

Was sonst noch an dieser Seite der Villa lag, wird in der Beschreibung 
recht kurz abgethan; es sind zwei Diaetae und eine Cryptoporticus, ein geschlos- 
sener Gang, alles auf höherem Niveau als die Fagade und die mit dieser in un- 
mittelbarer Verbindung stehenden Baulichkeiten, denn man stieg auf einer in der 
Nähe des Bades befindlichen Treppe hierzu empor (§ 27) wie zu der seitlich an den 
Platanenhof stofsenden Diaeta. Von den beiden hier ganz aufsen gelegenen Diaetae 
war die eine der Wiese also dem Thalgrunde, die andere den Weinbergen, also 
der Bergseite zugewendet. Der geschlossene Gang zog sich am Abhang empor 
und näherte sich dabei dem Nebenthaie; denn von dem einen der an seinem obe- 
ren Ende gelegenen Zimmer hatte man den Blick aufser auf die Weinberge auch 
auf den Hippodrom und das Gebirge (§ 28), worunter doch nur der im Hintergrund 
des Seitenthaies sichtbare Kamm der Apennincn verstanden sein kann. Dieser 
Corridor bildete also die Verbindung von dem im Tiberthale gelegenen Teile der 
Villa zu dem andern, welcher sich in das Seitenthal hineinerstreckte. 

Auch vor diesem Teile der Villa dehnte sich zunächst eine grofse Garten- 
anlage aus, weil langgestreckt und am einen Ende abgerundet Hippodrom ge- 
nannt (§ 32 — 40), im Charakter von jenem Garten im Tiberthal wesentlich verschieden; 
freilich fehlen auch hier Spielereien mit Buchs und ähnliches nicht (§ 35), aber die 
Hauptsache waren doch stattliche schattenspendende Bäume, so dafs Plinius sogar 
von liippodromi nemus comasque reden konnte (§ 19). Epheuumrankte Platanen 
gaben dem Ganzen das Gepräge, daneben Lorbeer und Cypressen (§ 32. 33). Dem 
entsprach reichliche Verwendung von Wasser zur Belebung des Gartens (§ 40), Ruhe- 
sitze aus Marmor standen an den rauschenden Bächlein (§ 40). Man gewinnt aus der 
Beschreibung den Eindruck, als ob Plinius hier einen ganz stattlichen Park besessen 
habe; für eine kleine Anlage wäre ja auch der Name recht unpassend gewählt 
gewesen. Am Kopfende, also an der thalaufwärts gerichteten abgerundeten Seite 
des Hippodroms lag ein reich mit Marmor ausgestattetes Zimmer, das auf drei 
Seiten mit Flügeltüren und Fenstern sich ins Grüne öffnete (§ 37. 38), während auf 
der vierten Seite eine Veranda sich anschlofs, ganz von Reben übersponnen, durch 
ein Ruhebett wohl so ziemlich ausgefüllt (§ 38. 39 vgl. II, 17, 21). Auch vor dem 
Zimmer, aber freistehend, befand sich eine Weinlaube, von vier kleinen Säulen aus 
Cipollino getragen. Sie beschattete einen Lagerplatz, dessen Einrichtung sich wohl 
mit den tollsten Erfindungen der Rococodecoration auf eine Stufe stellen läfst. 
Man ruhte auf einem aus weifsem Marmor aufgebauten Lager, dem wie durch das 
Gewicht des darauf Liegenden hervorgeprefst aus den Mündungen zahlreicher klei- 
ner Röhren Wasser entquoll, das in einem Marmorbecken aufgefangen wurde; ver- 
steckte Ventile bewirkten einen stets gleich hohen Stand des Wasserspiegels, der 



2IO Winnefeld, Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. 

als Tisch diente: schwere Schüsseln wurden auf den Rand gestellt, nach Gewicht 
und Umfang kleinere Speisen schwammen auf Schüsseln umher, welche die Gestalt 
von Vögeln und kleinen Schiffen hatten. Die behagliche Ausführlichkeit, mit der 
Plinius bei der Beschreibung dieses wunderlichen Dinges verweilt, zeigt welch grofse 
Freude er daran hatte und auch, welches Interesse und Verständnis für solche 
Spielereien er bei seinen Zeitgenossen voraussetzen durfte. 

Dem Hippodrom mit der Front zugewendet lag an der Bergseite eine fünfte 
Diaeta (§ 28). Was für Räume unmittelbar hinter ihrer Fagade lagen, sagt Plinius 
nicht, wohl aber spricht er von einem Corridor mit anstofsenden Gemächern an 
ihrer Nordseite (§ 29) 17 . Der Wortlaut der Beschreibung würde zunächst vermuten 
lassen, dieser Gang habe nur eben vor der Nordseite der Diaeta sich erstreckt, 
doch erweist sich das als irrig. An der Mitte des Corridors nämlich lag, der Berg- 
luft aus den Apenninenthälern ausgesetzt, also nach Norden gewendet, ein Speisesaal, 
durch dessen Türe man durch den Corridor hindurch auf die Weinberge sah; also 
mufs schon die Mitte desselben und somit nicht als die Hälfte nach Süden frei 
gelegen haben. Danach darf man als sicher annehmen, dafs dieser Corridor den 
Zweck erfüllte, welchen Plinius der ganzen Diaeta zuschreibt, dafs er nämlich die 
Verbindung herstellte zwischen dem Hippodrom und den Gemächern am Ende des 
von der Tiberseite her ansteigenden Ganges (§ 28). Nun mufs aber zwischen diesen 
Gemächern und dem Hippodrom ein bedeutender Niveauunterschied bestanden 
haben; andrerseits war der zur fünften Diaeta gehörige Corridor in edito posita 
also hochgelegen und unter demselben befand sich ein zweiter fast unterirdischer 
Gang (§ 30); man wird daraus wohl die Vermutung aufstellen dürfen, dafs der obere 
Corridor ungefähr in der Höhe jener Gemächer wagrecht verlief und in seinem 
unteren Teile eben von dem andern, der ja nur subterrancae similis war, getra- 
gen wurde. Damit stimmt überein, dafs neben dem Speisesaal, der am oberen 
Corridor lag, sich eine Nebentreppe befand, auf welcher die Speisen und Getränke 
heraufgebracht wurden (§ 30); das Triclinium war eben gleichfalls hochgelegen, Küche 
und Keller befanden sich ein Stockwerk tiefer, wohl am unteren Corridor 1 ". Von 
diesen Gängen zweigte bei dem Triclinium eine Säulenhalle ab, welche von Süd 
nach Nord verlief und nach Ost geöffnet war, so dafs sie Vormittags Sonne, 
Nachmittags Schatten hatte (§ 31). Sie führte zu den beiden letzten Diaetae der 
Villa, welche, die eine vier die andere drei Zimmer enthaltend, schon ziemlich weit 
hinten im Nebenthaie gelegen haben müssen (§ 31). 

Mit dieser Villa war ein bedeutender Grundbesitz verbunden. In einem 
Briefe an den Grofsvater seiner Gattin (IV, 1) erwähnt Plinius das Patronatsverhält- 
nis, in welchem er zu den Einwohnern von Tifernum stand und das voraussetzen 
läfst, dafs er mindestens einer der hervorragenderen Grofsgrundbesitzer der Gegend 

") Dafs diese Cryptoporticus an der Nordseite der ls ) Mit dieser fünften Diaeta läfst sich in vielen 
Diaeta lag, folgt aus ihrer Bezeichnung als Beziehungen der Bau an der Ostseite des Sta- 

aestiva. diums in der hadrianischen Villa (l'inacoteca) 

vergleichen. 



Winnefeld, Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. 211 

gewesen sei. Und so spricht Plinius denn auch gelegentlich von seinen dortigen 
praedia (IV, I. IX, 15 vgl. IV, 6). Aber eine besondere Freude scheint er an der 
Landwirtschaft nicht gehabt zu haben. In einem in den Tusci geschriebenen 
Briefe an Falco (IX, 15) erzählt er, dafs er zuweilen das Pferd besteige und insoweit 
den Gutsherrn spiele, dafs er durch einen Teil der Güter reite, aber nur um sich 
Bewegung zu machen. Nur in einem Briefe an Calvisius (VIII, 2) läfst er sich etwas 
näher auf eilte Frage ein, welche mit der Bewirtschaftung seiner Güter zusammen- 
hängt; aber das Interesse, das er dabei zu Tage legt, ist weniger das des Land- 
wirts als das des eiteln Advocaten, der seine fein ausgeklügelte Humanität bewun- 
dert sehen möchte: er hatte den Ertrag seiner Weinberge zu Preisen verkauft, die 
sich nachträglich gegenüber der allgemeinen Handelslage als zu hoch erwiesen, 
und erliefs nun den Käufern einen Procentsatz des Preises, wobei denen, die gröfsere 
Posten übernommen hatten, noch besondere Vorteile eingeräumt wurden. Es handelte 
sich um ein nicht unbedeutendes Weinerträgnis, da mehrere Käufer bei dem Ab- 
kommen mit Summen beteiligt waren, welche 10000 Sesterzien (2175 Mark) so weit 
überschritten, dafs sich noch ein besonderer Nachlafs für den Teil des Preises ver- 
lohnte, welcher über diesen Betrag hinausging 19 . Da die Tusci mitten in Wein- 
bergen lagen, ist nicht unwahrscheinlich, dafs dieses Gut gemeint ist, umso mehr 
als nach den Eingangsworten des Briefs Plinius zur Ordnung dieses Nachlasses eine 
besondere Reise auf das Gut gemacht zu haben scheint, was er wenn es sich um 
das Erträgnis der Güter am Corner See gehandelt hätte, doch schwerlich gethan 
haben würde. Dagegen mufs der Cerestempel, über dessen Wiederherstellung ein 
Brief an Mustius (IX, 39) handelt, auf irgend einem andern Gute des Plinius gestan- 
den haben, da die Angabe sohim tanpli hinc flumine et abruptissiuiis ripis hinc via 
cingitnr sich kaum mit dem vereinigen läfst, was über den landschaftlichen Cha- 
rakter der Gegend der Tusci gesagt ist, wo man Felsen nicht leicht finden würde 
(V, 6, 8). 

Ganz anderer Art als die Tusci war das Lauren tinum, siebzehn Meilen 
(25 km) von Rom entfernt an der Meeresküste gelegen, so dafs es noch Nachmittags 
nach Erledigung der Geschäfte in der Stadt zu Wagen oder zu Pferde erreichbar 
war (II, 17, 2), nur durch eine dazwischen liegende andere Villa von dem Flecken 
Laurentum getrennt und in bequemer Verbindung mit Ostia, so dafs alles Nötige 
leicht beigeschafft werden konnte (II, 17, 26). Gröfserer Grundbesitz war nicht da- 
mit verbunden; nur Haus, Garten und ein Stück Sandfläche nannte Plinius hier sein 
eigen (IV, 6, 2). Es war ein suburbanum im engeren Sinn des Wortes. Dem ent- 
sprach auch in der Anlage ein engerer Anschlufs an die Form des Stadthauses, 
nicht nur weil der Raum ein sehr viel beschränkterer war als in den Tusci, sondern 
auch weil die Ansprüche, welche die landschaftliche Umgebung an die Gliederung 
und Ausgestaltung der Villa stellte, sehr viel kleiner waren. Handelte es sich dort 
um zwei zusammentreffende Thäler, deren Vorteile ausgenützt werden sollten, so 

,n ) Über Rentabilität der Weinberge vgl. Marquardt, Privatleben der Römer II- S. 445. 



212 



Winncfcld, Tusci und Laurcntinum des jüngeren Plinius. 



XYSTVS j HORTVS 

26 I 



N 




Utas 



HORTVS 
RVSTICVS 




I. 


Atrium. 


2. 


Area. 


3- 


Cavaedium. 


4- 


Triclinium. 


5- 


Cubiculum amplum. . 


<.. 


Cubiculuni minus. 


7- 


Cubiculum in hapsida 




curvatum. 


8. 


Transitus. 


o. 


Dormitorium membruin. 


id. 


Cubiculum politissimum. 


1 1. 


Cubiculum grande. 


12. 


Cubiculum cum procoetono 


«3- 


Cella frigidaria. 


i.(. 


Unctorium. 


•5- 


Hypocauston. 


n>. 


Propnigeon. 


17- 


Cellae. 


iS. 


Piscina. 


19. 


Sphaeristerium. 


20. 


Turris. 


21. 


Diaetae duo. 


22. 


Turris. 


23- 


Apotheca. 


2.|. 


rriclinium. 


2<J. 


Diaetae duo. 


26. 


Cryptoporticus. 


27- 


Heliocaminus. 


*8. 


Cubiculum. 


29. 


Zotheca. 


.So. 


Cubiculum noctis. 


,;i. 


Hypocauston. 


3*. 


Procoeton et cubiculuni. 



Laurcntinum des Plinius. 



Winnefeld, Tusci und Laurentinum dos jüngeren Flinius. 21^ 

war hier neben der Lage zur Sonne das Verhältnis zum Meere das Einzige, worauf 
bei der Anlage der einzelnen Räume zu achten war; diese Rücksicht beherrschte 
das Ganze. 

Den Kern der Villa bildete eine Folge von Räumen, welche sehr an die 
Einrichtung des Stadthauses erinnert: mit gemeinsamer Längsaxe lagen hinter ein- 
ander ein Atrium, ein kleiner halbrunder Platz, ein cavaedium und ein Triclinium, 
von dessen Türe aus man durch die vorgenannten Räume hindurch den Ausblick 
auf das ferne Gebirge genofs. Das Atrium war einfach ohne dürftig zu sein (§ 4); 
bei seiner Beschreibung oder derjenigen der anstofsenden Zimmer verweilt Plinius 
ebensowenig wie bei den entsprechenden Räumen der Tusci. Gröfser ist sein In- 
teresse an dem darauf folgenden Hof; er war halbrund, die gerade Seite vom 
Atrium abgewendet 20 und machte bei aller Kleinheit einen festlichen Eindruck; 
ringsum lief eine Halle, welche durch ein weit vorragendes Dach geschützt, aufser- 
dem mit Fensterscheiben verschliefsbar war, so dafs sie auch beim schlimmsten 
Wetter Zuflucht bot (§ 4). Daran schlofs sich das cavaedium (§ 5) worunter hier 
wohl ein Peristyl zu verstehen sein wird: das Attribut hilare, welches ihm Plinius 
erteilt, schliefst den Begriff des Geräumigen ein, die Art, wie bei dem sich anrei- 
henden Speisesaal die dem Cavaedium zugewendete Flügeltüre mit den Fenstern 
zusammen genannt wird, macht wahrscheinlich, dafs auch diese Türe sich nach 
einem freien Platze öffnete; so wird es, da Vitruv VI, 4 einen Unterschied zwischen 
Cavum aediwn und Atrium nicht kennt und auch VI, 8, 1 beide Worte als gleich- 
bedeutend behandelt, gestattet sein, das was er VI, 8, 3 über die Atrien der Villen 
sagt, auf den Raum zu beziehen, den Plinius Cavaedium nennt: atria Jiabentia 
circum portiens pavimentatas speetantes ad palaestras et ambidationes. Ob etwa zu 
Plinius' Zeit der Sprachgebrauch eine Unterscheidung zwischen Atrium und Cavae- 
dium in dieser Richtung eingeführt oder ob auch Plinius beide Worte als gleich- 
bedeutend gebrauchte und nur aus stilistischen Gründen einen Wechsel des Aus- 
drucks vorzog, mufs unentschieden bleiben. Den Schlufs dieser Folge von Räumen 
bildete der stattliche Speisesaal (§ 5), seiner Lage und Axrichtung nach noch zu 
dieser Gruppe gehörig, andrerseits aber mit gleichem Recht einer andern Gruppe 
zuzuzählen, einer Reihe von Gemächern, welche mit zahlreichen aus- und einsprin- 
genden Ecken am Meeresstrande sich erstreckte und in erster Linie mit Rücksicht 
darauf angelegt war, den Anblick und das Rauschen des Meeres geniefsen zu lassen, 
während Atrium, halbrunder Hof und Cavaedium landeinwärts lagen, ohne jede 
Beziehung zur See. Der Speisesaal sprang weit über die Flucht der beiderseits 
sich anreihenden Gemächer vor, so dafs er nicht nur an der Stirnseite sondern auch 
an den Langseiten Fenster haben konnte, welche den Flügeltüren an Gröfse nichts 
nachgaben. Durch sie sah man nach allen drei Seiten auf das Meer; das ist nur 
möglich, wenn die Längsaxe des Saals zur allgemeinen Richtung der Uferlinie 
ziemlich genau senkrecht stand; seine Längsaxe ist aber zugleich diejenige des 

20 ) Dies schliefse ich daraus, dafs das folgende Hofes lag, was doch nur bedeuten kann : an der 

Cavaedium contra medias (sc. fortkus) dieses Seite des Durchmessers des Halbkreises. 



214 Winnefeld, Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. 



ganzen bisher beschriebenen Teils der Villa, der demnach von Nordost nach Süd- 
west orientiert gewesen sein mufs. 

Fast der ganze Teil der Villa südlich dieses Mittelbaus diente den Frei- 
gelassenen und Sklaven, konnte jedoch teilweise auch zur Aufnahme von Gästen 
benützt werden (§9); nur die nach dem Meere zu gelegenen Zimmer dieser Seite 
waren für den Gebrauch des Herrn vorbehalten. Es waren dies ein grofses Zimmer, 
unmittelbar an das Triclinium anstofsend aber weiter rückwärts gelegen, dann ein 
kleineres Zimmer, nach rückwärts freiliegend, da es nach Ost ein Fenster hatte, 
nach der Seeseite vorspringend, da es mit dem Triclinium zusammen einen gegen 
jeden rauhen Wind geschützten Winkel umschlofs, zu welchem blofs die Seeluft Zu- 
tritt hatte (§ 7), doch immerhin weiter vom Meere zurückliegend als das Triclinium, 
denn während dieses bei Südweststurm noch vom Wasser bespült wurde (§ 5), sah 
man aus dem nach West gekehrten Fenster jenes Zimmers die See aus gröfserer 
Entfcrnung und völlig gegen sie geschützt (§ 6). Daran reihte sich als südlicher 
Abschlufs der Seefront ein drittes Zimmer mit einer Apsis und Fenstern nach Ost, 
Süd und West (§ 8), welche z. T. wohl als in der Apsis befindlich zu denken sind; 
denn das nach Osten gewendete kann nicht wohl anders angebracht gewesen sein, 
da an der Ostseite ein Durchgangsraum mit Fufsbodenheizung sich befand, der zu 
einem Schlafgemach führte (§ 9), das wie alle Schlafräume vom Meere abgewendet 
und thunlichst gegen dessen Lärm geschützt angelegt war. In jenem Eckzimmer 
mufs Plinius sich mit Vorliebe aufgehalten haben; denn hier waren in einem Wand- 
schrank die am meisten benützten Bücher untergebracht (§ 8) und von seinen Büchern 
trennte sich Plinius im Laurentinum fast nie — wenn wir wenigstens seinen wohl 
etwas einseitigen Berichten über seine dortige Lebensweise Glauben schenken 21 . 

Ungefähr dieselbe Ausdehnung wie die Südhälfte der Seefront mag auch 
die Nordhälfte gehabt haben, doch ist jede strengere Symmetrie ausgeschlossen. 
Zunächst lag nördlich des Triclinium ein reich ausgestattetes Zimmer (§ 10); da bei 
diesem ebensowenig wie bei dem zunächst südlich an das Triclinium anstofsenden 
von Fenstern nach dem Meere und Aussicht auf dasselbe die Rede ist, so liegt die 
Annahme nahe, dafs diese beiden dem Triclinium zunächst liegenden Zimmer gleich 
diesem ihren Zugang vom Cavaedium her gehabt und von derselben Seite auch 
ihr Licht empfangen hätten. Wunderbar bliebe freilich, dafs Plinius sich des sonst 
so eifrig aufgesuchten Vorteils des Ausblicks auf das Meer hier ohne ersichtlichen 
Grund begeben hätte. An dieses Zimmer schlofs sich nördlich ein zweites sehr 
grofses, das man auch als Speisesaal mäfsigen Umfangs bezeichnen konnte; es wird 
etwa dem südlichen Eckzimmer zusammen mit dem nördlich davon liegenden 
kleinen Zimmer an Ausdehnung entsprochen haben; gleich diesen beiden war es 
auf Sonne und den Anblick des Meeres berechnet und bildete den nördlichen Ab- 
schlufs des am weitesten nach dem Meere vorspringenden Teils der Villa. Es 
folgen nämlich in der Beschreibung zwei Zimmer mit je einem Vorraum, von deren 

2 ') Ep. I, 9, 4; 22, 11; VII, 4, 3; IX, 40. 



Winnefekl, Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. 21? 

erstem Plinius hervorhebt, dafs es gegen jeden Wind geschützt gewesen sei, was 
wohl auch auf das zweite bezogen werden darf, da sie Wand an Wand neben- 
einander lagen (§ 10); Aussicht, die man von dort gehabt hätte, wird nicht erwähnt. 
So ist es zum mindesten wahrscheinlich, dafs diese beiden Gemächer an der nörd- 
lichen Langseite des Cavaedium lagen , das erste östlich an den Ecksaal sich an- 
reihend. Weiterhin lag das Bad, vermutlich auch noch an die Nordscite des Ca- 
vaedium stofsend und nordwärts bedeutend über die beiden eben besprochenen 
Zimmer hinausgreifend; denn aus dem Warmwasserbassin hatte der Schwimmer die 
Aussicht aufs Meer und der benachbarte Ballspiclsaal war der vollen Abendsonne 
ausgesetzt (§ 12), lag also ebenfalls nach Westen frei. Die Einrichtung des Bades 
war im Wesentlichen dieselbe wie in den Tusci: geräumiges Kaltwasserbad, Salb- 
zimmer, Warmluftzimmer, Heizeinrichtung, zwei geschmackvoll aber nicht prunkhaft 
eingerichtete Einzelzellcn und ein Warmwasserschwimmbad, auf das Plinius sich 
etwas Besonderes zu Gute thut (§ 11), dazu der Raum zum Ballspiel, der bei keinem 
derartigen Bade fehlen durfte. Nahe bei diesem erhob sich von zwei Zimmern 
flankiert ein Turm, der zwei weitere Zimmer und darüber einen Speisesaal enthielt, 
von dem aus der Blick weit hinaus über das Meer und nord westwärts über das mit 
Villen besäte Ufer schweifte (§ 12); dieser Turm mufs also auch nach Norden frei 
gelegen haben: er bildete den Abschlufs des zweiten, gegen den ersten bedeutend 
rückwärts liegenden Teils der Seefront. 

Von diesem Turme springt die Beschreibung des Plinius sofort über zu 
einem zweiten (§ 13) über dessen Lage und Verhältnis zu den bisher behandelten 
Teilen der Villa keinerlei Angabe gemacht wird. Ein unmittelbares Nebcneinander- 
licgen ist ausgeschlossen, da vom ersten Turm nur die Ostscite dem zweiten zu- 
gewendet sein könnte, dieser aber nach West Fenster hat. Wenn nun auch von 
vorn herein wahrscheinlich ist, dafs Plinius auch in der folgenden Schilderung von 
der bisher innegehaltenen Richtung von Süd nach Nord nicht wesentlich werde 
abgewichen sein, dafs also der zweite Turm, der von dem nun zu besprechenden 
Teil der Villa zuerst genannt wird, auch räumlich dem zuletzt erwähnten zunächst 
gelegen habe, so ist doch für's Erste der noch übrige Teil der Villa als selbstän- 
diges Ganze zu betrachten und dann erst sein Verhältnis zu den anderen zu prüfen. 
Den eigentlichen Kern dieses Teils der Anlage bildete ein geschlossener Corridor 
von grofsen Verhältnissen, wie sie fast einem öffentlichen Gebäude angemessen 
wären (§ 16), der ungefähr von Süd nach Nord sich erstreckt haben mufs; denn um 
Mittag stand die Sonne gerade über ihm ohne eine der Langseiten zu treffen (§ 19). 
Westlich vom Corridor, dem Meere zu, lag der Ziergarten (§ 17), auf welchen sich 
eine gröfsere Anzahl von Fenstern öffnete, eine geringere Zahl war ostwärts gewen- 
det nach dem Baumgarten (§ 16), der von einem aus Buchsbaum und Rosmarin ge- 
bildeten Gange umschlossen, Maulbeer- und Feigenbäume enthielt, die an jener 
Stelle besonders gut gediehen (§ 14. 15). An das eine Ende des Corridors schlofs 
sich ein Pavillon, dessen stille Abgelegenheit Plinius ganz besonders liebte, und 
zwar bildete dieser Bau das Nordende der ganzen Villa; denn auf dem Ruhebett 



2i6 Winnefeld, Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. 

in der Veranda gelagert hatte Plinius zu Füfsen das Meer 22 , zu Häupten die Wälder 
der Landseite und im Rücken die Villen, welche sich am Strande nach Nordwest 
hin an einander reihten (§ 21 vgl. 27 und oben S. 215). Am andern Ende der Cryp- 
toporticus lag ein Speisesaal, auf den Baumgarten gerichtet, vom Meere völlig 
getrennt, so dafs kaum aus der Ferne dessen Rauschen hörbar war (§ 13), an der 
Rückseite des Speisesaals zwei Zimmer, von deren Fenstern man auf einen Kiichen- 
garten und auf den Eingang der Villa sah (§ 15). Mit dem Speisesaal stand durch 
Magazinräume, die der allgemeinen Reihenfolge der Beschreibung nach wohl west- 
lich desselben gelegen haben, jener zweite Turm in Verbindung, dessen Erwähnung 
die Einleitung zur Beschreibung des Nordteils der Villa bildet; er enthielt im Obcr- 
geschofs einen Hauptraum mit Fenstern nach Ost und West (§ 13). 

Es ergibt sich danach für den nördlichen Teil der Villa folgendes Bild: 
nördlich von den Räumen, welche sich um das Atrium und den halbrunden Hof 
gruppierten, lag der Küchengarten; jenseits desselben ein im Wesentlichen von 
West nach Ost sich erstreckender Magazinbau, an dessen Westende ein Turm sich 
erhob, während das Ostende von einem Triclinium mit Nebenräumen eingenommen 
war. Von der Mitte dieses Baus ungefähr lief ein Corridor nach Norden, zwei 
weitere Gärten, den nach dem Meere gelegenen Ziergarten und den auf der Land- 
seite befindlichen Baumgarten trennend; endlich lag am Nordende des Corridors 
und der beiden Gärten ein kleines Casino, von Plinius selbst angelegt, wie er aus- 
drücklich versichert (§ 20) — man wird daraus schliefsen dürfen, dafs er den Haupt- 
teil der Villa in schon vollendetem Zustande erworben hatte. 

Dies Casino bestand aus nur vier Haupträumen: einem heliocaminus , 
einem besonders zum Genufs der Sonne eingerichteten Räume, welcher sich an die 
Westseite des Corridors angelehnt haben mufs und Fenster nach Süden auf den 
Ziergarten und nach Westen nach dem Meere hatte (§ 20), dann folgte quer vor dem 
Nordende des Corridors sich erstreckend und mit einer Flügcltürc sich nach dem- 
selben öffnend ein Zimmer mit Fenster nach Westen und mit der schon oben be- 
sprochenen Veranda, welche von der Nordwand vorsprang und, wenn die Scheiben 
und Vorhänge zurückgezogen waren, noch als Teil dieses Zimmers mitgezählt wer- 
den konnte (§ 21). An die Ostwand des Zimmers schlofs sich ein Schlafgemach, 
dessen Südseite nach dem Baumgarten zu noch ein . Gang vorgelegt war um so 
durch die doppelte Mauer jeden Lärm fernzuhalten, der etwa noch von den andern 
' Teilen der Villa hierher dringen könnte (§ 22). Ein ganz kleiner Heizraum gestattete 
jederzeit die Wärme des Schlafgemachs zu regeln (§ 23). Den Abschlufs bildete ein 
Zimmer mit Vorraum, das Fenster nach Ost und Süd hatte (§ 23), so dafs der kleine 
Bau, in welchem Plinius in vollendeter Zurückgezogenheit hausen konnte (§ 24), im 
Kleinen dieselben Vorzüge genofs wie die ganze Villa im Grofsen: die Möglichkeit 

- t ) a pedibus bezeichnet hier nur die Richtung, Vergleich mit den Ausdrücken a tergo und 

nicht etwa, dafs das Meer bis unmittelbar zu a capite, die von Dingen gebraucht sind, die 

Füfsen des Gelagerten sich erstreckt habe; der in beträchtlicher Entfernung von dem Pavillon 

lagen, macht dies unzweifelhaft. 



Winnefeld, Tusci und Laurentinum des jüngeren Plinius. 217 

die Sonne vom ersten bis zum letzten Augenblick des Tages zu geniefsen und eine 
ausgiebige Aussicht auf das Meer sowohl wie auf die Gärten und die Küsten- 
land seh aft. 

Auffällig ist das Fehlen jeder Erwähnung von Kunstwerken auch bei der 
Beschreibung von Räumlichkeiten, die wie dieses Casino mit der liebevollsten Aus- 
führlichkeit geschildert werden, während Trümmerstätten römischer Villen doch zu 
den ergiebigsten Fundstellen antiker Bildwerke zu gehören pflegen. Plinius hat für 
solche sehr wenig Sinn gehabt und in Folge dessen, wenn er überhaupt Derartiges 
zum Schmuck seiner Villen anbrachte, keine grofsen Summen darauf verwendet 
und auf die dadurch erzielte Wirkung kein Gewicht gelegt. In einem Briefe an 
Annius Severus (III, 6) gesteht er seine Unkenntnis auf diesem Gebiete mit einer 
Rückhaltlosigkeit ein, die bei dem so eiteln Manne überraschen mufs (§ i), und ver- 
sichert, dafs er selbst keinerlei Bildwerk aus Erz besitze und die Erzstatue eines 
nackten Greises 23 , die er eben aus einer Erbschaftssumme gekauft habe, lieber zum 
Schmuck eines Tempels als seines eigenen Hauses verwenden wolle (§ 4). Und einen 
anderen Brief, in welchem er demselben Gallus, an welchen die Beschreibung des 
Laurentinum gerichtet ist, den vadimonischen See schildert (VIII, 20), schliefst Plinius 
mit den Worten nam te quoque ut me nihil aeque ac naturae opera delectant. 
Dem entspricht, dafs ihm als Hauptschmuck, der einer Villa zuteil werden kann, 
Wasserkünste aller Art erscheinen. In wie ausgedehntem Mafse er von solchen in 
den Tusci Gebrauch machte, ist oben in deren Beschreibung gelegentlich erwähnt; 
dafs er im Laurentinum aus Mangel an laufendem Wasser darauf verzichten mufstc, 
empfindet er als einen recht wesentlichen Mangel dieses sonst so vollkommenen 
Landsitzes (II, 17, 25). Übrigens folgte er, wie es scheint, auch hierin nur dem Zeit- 
geschmack: in der Villa des Hadrian ist kaum ein Prunkraum, in welchem die 
Reste von Wasseranlagen fehlen, und zahlreich sind sie durch Gärten und Höfe 
verstreut. 

Die Schlufsfrage, wie Plinius seine so beschaffenen Villen benützte und die 
Tage seines Landaufenthaltes einteilte, beantwortet er selbst in zwei Briefen an 
Fuscus (IX, 36. 40) so klar und bündig, dafs ein einfacher Hinweis auf diese Briefe 
hier genügt; nur mag bemerkt sein, dafs man aus den gelegentlichen Andeutungen 
in andern auf den Landsitzen selbst geschriebenen Briefen 24 wohl zu dem Schlüsse 
kommen kann, dafs im Allgemeinen Spazierritte, Jagd, Schifffahrt und Fischfang 
doch eine etwas gröfsere und das Studium eine etwas kleinere Rolle in seinem 
Landleben gespielt haben mag, als er seinen Freund und die bewundernde Nach- 
welt in jenen beiden Briefen glauben machen möchte. 

Berlin. H. Winnefeld. 

23 ) Man erinnert sich unwillkürlich an Werke wie hierher Ep. II, 8; V, 18; VI, 24; IX, 20, vor 

den Fischer der Galleria dei Candelabri (Mus. allem auch III, I die Beschreibung der Lebens- 

Pio-Clem. III, 32 Clarac 879, 2244). weise des Spurinna, welche Plinius III, I, 12 als 

-'') Aufser den Anm. 21 angeführten Stellen gehören seinen eigenen Wünschen im höchsten Mafse 

entsprechend bezeichnet. 

Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. 17 



RÖMISCHE SKIZZENBÜCHER 

NORDISCHER KÜNSTLER DES XVI. JAHRHUNDERTS 

II. 

EIN STICH VON HIERONYMUS KOCK 

(DIE SAMMLUNGEN DELLA VALLE) 

Ein öfter genannter' aber bisher nicht genauer besprochener Stich mit der 
Beischrift Cock exe: 1553 und der Unterschrift Haec visimtur Romae, in horto Card. 
a Valle, eins beneficio, ex antiqititatis reliquiis ibidem couservata (S. 226) scheint sich 
den ähnlichen Blättern Heemskercks passend anzureihen; ja da Kock vielfach nach 
fremden Vorlagen, nicht selten grade nach Heemskcrck, gestochen hat oder für 
seinen Verlag hat stechen lassen (z.B. durch Coornhacrt) ', so ist die Möglichkeit 
nicht ausgeschlossen, dafs auch hier wie bei Coornhaerts Stich der Casa Sassi 
(Hcemsk. III, 3) eine Zeichnung Heemskercks zu Grunde liegt. Die Zeitgrenzen, 
die durch das Jahr 1527 (s. u. S. 223) und das obige Datum 1553 bezeichnet wer- 
den, umschliefsen Heemskercks römischen Aufenthalt (1532 — 36). Die Inschrift 
scheint den Cardinal noch als lebend vorauszusetzen, was auf die Zeit vor 1534 
führen würde, kennt jedenfalls noch nicht den späteren Namen des Palastes, Ca- 
pranica. Der Zustand des Antikenschmuckes verräth sich deutlich als noch unfertig, 
während die Ordnung zu Aldrovandis Zeit (1550) schon weiter gediehen war. Die 
saubere deutliche Wiedergabe jeder Einzelheit entspricht ganz der Art Heemskercks 3 . 
Doch kann Kock die Vorlage auch selbst gefertigt haben, obschon sein römischer 
Aufenthalt mehr gegen die Mitte des Jahrhunderts zu fallen scheint. Die Wieder- 
gabe des Stiches und die sich daran anschliefsende Musterung der Valleschen An- 
tiken wird es rechtfertigen, einleitungsweise einen Blick auf die valleschen Pa- 
läste und die Entstehung der valleschen Antikensammlungen zu werfen. 
Für diese liegt in den uns noch erhaltenen, wenn auch sehr zerstreuten Quellen 
ein so ausnahmsweise reiches Material vor, dafs es gelingt sich ein cinigermafsen 
vollständiges Bild von dieser vielleicht reichsten Privatsammlung Roms im ersten 
Drittel des Cinquecento zu machen; damit ist zugleich ein Stück Vorgeschichte der 
medieeischen Antiken gegeben. 

') Z.B. von v.Duhn, Miscell. Capitol., 1879, S. 11 dem Portugiesen Francisco d'Olanda im 

Anm. 2. Annali 1881 S. 316. Geffroy, MIU Escurial (Cod. Aje y—b Bl. 53) ist mir nicht 

d'arch. 1890 S. 169 Anm. I. näher bekannt. Der Zeit nach (Francisco kehrte 

*') Vasari IV, 436. VII, 582. Andresen-Wesscly, um 1549 aus Rom nach Portugal zurück) könnte 

Handbuch I, 2881". (aus den Jahren 1554 — 60). sie Kocks Vorlage sein, Kocks Wohnsitz Ant- 

3 ) Eine von v. Duhn {Ann. a. O. Matz - Duhn zu werpen macht jedoch eine niederländische Vor- 

n. 3512) erwähnte Zeichnung des Gartens von läge wahrscheinlicher. 



Michaelis , Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 



219 



Aus dem Stammbaum der Familie della Valle 4 . 
Lellus (Lelius) 



Paulus 
1410 Leibarzt Alexanders V 
1423 Leibarzt Martins V 
1 42 1 CanceUiere di Roma perp. 

t '440 
w Sabella de Sabellis, f zw. 1431 und 1447 



Ceccha Nicolaus 

u 1391 Laur. Seni Canonicus, f 1456 



Jacobus 
Arzt, f um 1469 

zwei Söhne ohne männliche 
Nachkommen 



Petrus 

Jurist, Udit. di Rota 
451 Canon, v. S. Pietro 
Bischof von Ascoli 
t H63 



146 



Lellus 

Canon, v. S. Eustachio 
Advoc. consistorialis 

t 1476 
u Brigida de Cinciis Rusticis 



Marcus PllILIPPUS 

geb. 1430, um 147 1 Prof. d. Med. 

476 Leibarzt Sixtus IV, 1492 Alexanders VI 

t H94 
o Hieronyma de Marganis f 1502 



Jacobus 



LELIUS um 1489 Nicolaus 
{CIL. VI, 2298) Gelehrter 
: f jung 1473 

Petrus 
f vor 1524 
u Sigism. de Matthcis 



filii Stephanus 
1519 

I 

Laurentius 

Testament 151 7 

u Julia de Caffarellis? 



Bernardinus < 

(1489: CIL. 5' 

VI, 2306) g 

Testament 1505 g\ 

Franciscus Lelius(i5l7) 3 
t «535? 



Brutus 

filius et 

hercs 

1542. 1550 



Antonina 
Lucretia 

und 
Terentia 



filii 

VALEKIUS Alexander *• rSUS -' 
(Valerianus) 

i55o 
u 1560 Clelia Pontana. 
Valerius und Alexander sor- 
gen 1586 für die Grabsteine 
ihrer Ahnen. 



Victoria 

"1571 

Antonius 

Caietanus 



■J-. 

"J. 
ü 


Andreas Bartholomaeus 
1463—1534 1468— 1526 


c c 

MM j5 
P * 


p 

fl Co- 

ö * 


n 

n 


1496 Bischof 1518 


Maestro di 


«OS 
»3o 


t WfT 


n 


l5l7Cardinal 


strada 


p nc 




1521 


Abbreviator 


3 ■ g 
2-o.g 

5- ~ 


"""** *§ £ 


'— 


Octavianus 


Faustina 


5 |*J 







(Sebastianus?) 


u Camillo 


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p 


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c 


(1523. 30. 33. 37) 


Capranica 


c ? 




>*s 


t 1547? 


Testament 


S p 




<-n 


Baptista de 


•55°- 54 


— • Ifl 




Ö 


Sanctoris 






QüINTIUS DE 





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Rusticis 
Bischof 1523 


6» 


10 m n g-^- 






1-1566 



x; 2 

K) p 



U\ -j- w X 

*o o S » 



Barthol. Anoelus 

|. c Capranica CapraniC A 

5 §, Bischof 1549, f 72 f vor 1584 

Paulus Faustina 

Dominicus 
Octavianus 

Capranica 

verkaufen die Sammlung 

1584. 



Die Familie della Valle, die schon in der ersten Hälfte des vierzehnten 
Jahrhunderts zu den vornehmen Familien Roms zählte '', war mit den Colonna ver- 
bunden und gehörte zur kaiserlichen Partei. Sie war früher an der Salita di Mar- 
forio ansässig gewesen, bis der päpstliche Leibarzt Paolo della Valle um 1417 



') Für den Stammbaum und die Familiengeschichte 
vgl. Marini, Archiatri pontifici I, 120 ff. 236 fr. 
und besonders Domen. Jacovaccis handschrift- 
liches Repertorium difamiglie (romane) im Vatican, 
Ottobon. 554, Bd. VII, V—Z, das Eug. Petersen 
die Güte gehabt hat für mich auszuziehen. Auch 
die Lemmata des CIL. enthalten viele brauch- 
bare Angaben , desgleichen die Grabinschriften 
bei Forcella, Iscriz. delle chiese Bd. I. Da- 
nach liefs sich der Stammbaum dieses Zweiges 
der Familie im Wesentlichen feststellen ; un- 
sichere Abstammungen sind durch punktierte 
Linien angedeutet. Freilich können bei der 
häufigen Wiederkehr der gleichen Namen auch 



sonst noch manche Zweifel entstehen. Die 
blofsen Zahlen bedeuten Jahre, in denen die 
Personen urkundlich vorkommen. — Außerdem 
vgl. Reumont und Gregorovius (s. die Register) 
und für den Cardinal Andrea Ciaconius, Vitae 
pontificum III, 350 f. Ughelli, Italia Sacra I, 220. 
958 f. IX, 386. 
5 ) Reumont, Gesch. d. St. Rom II, 812. Im 14. 
Jahrh. finden wir einen Lello d. Valle, vermählt 
mit Lorenza di Andrea Roscio (f 1336, Forcella 
1, 448), einen Alessandro im Gefolge Cola di 
Rienzis (Jacovacci z. Schi.), einen Pietro (For- 
cella I, 460), einen Ceccho und dessen Sohn 
Andrea (f vor 1406). 

17* 



220 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

von dem Cardinal -Vicar Isolani einige der Curie gehörige Häuser im Rione di S. 
Eustachi«) zugewiesen erhielt, eine Schenkung, die Papst Martin 1418 bestätigte. 
Fortan führte jene Gegend den Namen contrada della Valle, der noch heute in 
Platz Strafse Palast Kirche und Theater nachwirkt. Paolo, dem Kaiser Sigismund 
die Würde eines comes palatinns verlieh, begründete auch bereits den gelehrten 
und litterarischen Ruhm der Familie, deren Mitglieder in ungewöhnlich grofser Zahl 
den Posten von scrittori apostolici bekleideten. Ferner weist der Umstand, dafs 
Paolo 1440 in einem antiken Sarkophag beigesetzt ward '', auf ein damals in Rom 
noch ungewöhnliches Interesse für die Überbleibsel antiker Kunst hin. So finden 
wir denn auch zwei merkwürdige Inschriftsteine, die sog. fasti l'allciiscs und das 
menolügium ntstiatm schon früh im Besitz der Familie; jenes bei dem 1463 als 
Bischof verstorbenen Pietro, dem ältesten Sohne Paolos, und um 1489 bei Lelio 
della Valle, dieses um die letztere Zeit bei Bernardino. Dieser, ein Sohn von 
Paolos zweitem Sohne Lelio, war der Bruder des früh verstorbenen Niccolö, 
eines vielversprechenden Gelehrten, der die Gedichte Hesiods und Homers in 
lateinischen Versen übersetzte. 

Paolos dritter Sohn Filippo war gleich dem Vater ein bedeutender Arzt. 
Von seinen fünf Kindern kommen in Betracht Bartolommeo als der Stammhalter, 
dessen Tochter Faustina einen Capranica heiratete; Gismonda, deren Sohn 
aus zweiter Ehe Quinzio de' Rustici war; vor allen aber der älteste Sohn An- 
drea (geb. 29. Nov. 1463). Als er 21 Jahre alt war, gefährdete eine der blutigen 
Fehden zwischen seinem Hause und den Santacroce, die unter allgemeiner Theil- 
nahme der Parteien Colonna und Orsini zu einem förmlichen Bürgerkrieg ausartete, 
den Besitzstand der Familie. Die Häuser, zuerst von Lelio und Jacopo, dann auch 
von Filippo wurden niedergerissen. Sixtus IV begünstigte selbst diese Rachethaten, 
während Bernardino della Valle bei dem Neffen des Papstes, dem Cardinal Giuliano 
della Rovere, Schutz fand (Frühjahr 1484)'. Allein der bald darauf erfolgte Tod 
des Papstes und die Wiedererstarkung der Colonna liefsen jenes Unheil bald wieder 
verwinden. Filippo ward nicht lange darauf Leibarzt des Borgia, und sein Sohn 
Andrea schritt in seiner geistlichen Laufbahn rasch vorwärts. 1496 ward er mit 
33 Jahren Bischof von Cotrone (Kroton), 1508 von Mileto in Calabrien; unter 
Julius II bekleidete er das Amt eines päpstlichen Geheimschreibers. 15 17 verlieh 
Leo X ihm den Purpur, und nach dem Tode des Mediceers (1521) war sogar stark 
von Valles Wahl zum Papst die Rede 8 . Seine Stellung zu den Colonna liefs ihn 

c ) Casimiro, Memorie della Chiesa in Araceli S. 199 : cesco und Pietro della Valle, sowie ein paar 

un pilo di marmo ornato di figure di gladiatori. Verwandte Namens Paolo, scheinen anderen 

Die Paulskapelle in S. Maria in Araceli gehörte Zweigen der Familie angehört zu haben. Viel- 

der Familie della Valle; dort sammelten 1586 leicht hängt mit jener Zerstörung der Häuser 

Valerio und Alessandro die Grabsteine ihrer eine päpstliche Zahlung aus dem Jahre 1484 

Ahnen (Forcella I, 752). per spianare un terrapieno avanti le case dei Valle 

T ) Infessura ed. Tommasini S. 118. 122 f. 129. 162, zusammen (Bartolotti, Artist! su/ialpinia J\omaH. 11). 
vgl. S. 87. Der Notar von Nantiposto bei Mu- B ) Venez. Gesandtschaftsbericht bei Alberi - Gar, 

ratori, Seriptt.lll, 2, 1083 ff. Die bei jenen Unru- Relazioni III, 68: il cardinal Valle fu prossimo 

hen besonders stark betheiligten Brüder Fran- al papato. 



Michaelis, Römische Skizzenbticher nordischer Künstler. 221 

1526 beim Überfall Roms durch die Colonnesen als geeigneten (wenn auch unwirk- 
samen) Vermittler erscheinen, und 1527 verharrte er im Vertrauen auf seine Ange- 
hörigkeit zur kaiserlichen Partei während der Plünderung der Stadt muthig in sei- 
nem Palast. Beinahe vierhundert Flüchtigen gewährte er dort Obdach und kaufte 
sie von dem neapolitanischen Obersten Fabrizio Maramaldo mit einem Lösegeld 
von 28000 Ducaten los, woneben 7000 auf den Cardinal selbst entfielen. Das 
schützte den Palast freilich nicht vor der eine Woche später erfolgenden Plünderung 
durch die deutschen Lanzknechte, deren Beute auf mehr als 200000 Ducaten ge- 
schätzt ward; an den für sie unnützen antiken Marmorstatuen vergriffen sie sich 
jedoch hier so wenig wie im Belvedere oder anderswo 9 . Eher mag die schöne 
Münzsammlung ihre Habgier gereizt haben. Wenn der Kaiser bald nachher dem 
Cardinal allerlei besondere Einkünfte zuwies 10 , so darf man darin vielleicht eine 
Entschädigung für die erlittene Unbill erkennen. Mehrfach sehen wir Valle unter 
Clemens VII, der ihn schon 1523 zum Protector des Franciscanerordens gemacht 
hatte, trotz seiner Parteistellung einflufsreiche Ämter bekleiden und Vertrauensposten 
einnehmen; noch 1533 ward er am gleichen Tage zum Bischof von Albano und 
von Palestrina ernannt. Er starb am 3. September 1534 in seinem einundsieb- 
zigsten Jahre 11 . 

Seinen Hauptruhm genofs Andrea della Valle als einsichtiger und thätiger 
Beschützer der antiquarischen Interessen. Der alte Andreas Fulvius, der Schüler 
von Pomponius Latus, preist ihn 1527, unmittelbar vor dem Sacco, als den Einzigen 
in Rom, der sich der Denkmäler des Alterthums eifrig annehme, und hebt seine 
marmornen Statuen wie seine reiche Münzsammlung hervor 1 '; der Frankfurter Johann 
Fichard stellt 1536 die Antiken des Palastes und des Gartens della Valle an Zahl, 
•Trefflichkeit und guter Erhaltung allen anderen Sammlungen in Rom und draufsen 
(z. B. im Palast Noia zu Neapel) voran ". Flaminio Vacca weifs nach Erzählungen 
seines Vaters von Ausgrabungen zu berichten, die der Cardinal in den Thermen 
Agrippas veranstaltet habe '*. Jedoch rührten nicht alle valleschen Antikensamm- 
lungen erst von Andrea her. Sie waren über vier Häuser zerstreut, die wohl alle 
erst nach dem Unglück von 1484 neu entstanden waren 15 . Zwei derselben finden 
wir im Besitz der beiden ältesten Söhne Paolos und ihrer Familien. Die Ange- 

,J ) S. Buonaparte bei Milanesi, Sacco di Roma 15 ) Vgl. Arch. Zeit. 1880 S. 83f. (unvollständig und 

S. 346 ff. und besonders den Brief des Cardi- ungenau). Auf Nollis Plan von Rom (1748) 

nals von Corao ebenda S. 475 ff. Vgl. Gregoro- liegen an der Sirada della Valle (779) die beiden 

vius VIII 3 , 533 f. 538. Paläste I und II (782 Palazzi del Bufalö) und 

,n ) Alberi-Gar III, 289. dahinter an der Piazza 'della Valle (783) der 

") Forcella I, 626. Palazzo CapranicaM\ (794). Das Haus IV kann 

12 ) Antiqttitates S. 99: unicus est nunc qui maiorum ich nicht bestimmt nachweisen. Bufalinis Plan 

veter a monimenta diligentcr curat. Ihm am nach- von 1 55 1 gibt den Zustand des Quartiers vor 

sten stand in jener Frühzeit wohl der Cardinal Errichtung der Kirche S. Andrea della Valle, 

Cesi und für Inschriften Angelo Colocci, wenig bezeichnet aber nicht die einzelnen Paläste; die 

später die Farneses, Card. Carpi u. a. Inschrift C. Archial Vale ist nicht deutlich : sollte 

,3 ) Frankfurter Archiv III, 68 f. 82. etwa Contrada archiatrorunt Vallensiiim gemeint 

u ) Vacca, Notizie n. 53. sein? 



222 Michaelis, Römische Skizzenbilcher nordischer Künstler. 

hörigen von Pietro bewohnten das Haus (I) an der Ecke der Via della Valle und 
der Piazza della Valle, dessen Hof wir aus Heemskercks Zeichnung (II, 20 s. S. 158) 
kennen. Neben den schon genannten Fasten bildeten den populärsten Schmuck 
des Hauses die beiden grofsen Panstatuen, deren Erwerbung noch in das fünfzehnte 
Jahrhundert zurückgeht, da sie schon um 1500 vom Prospettivo erwähnt werden 10 . 
Im Übrigen beschränkten sich die Antiken dieses Hauses auf einige Reliefs, viele 
Masken und ungefähr 400 Köpfe 17 . Ebenfalls in der Via della Valle, aber nicht 
unmittelbar benachbart, lag das Haus (IV) von Paolos zweitem Sohne Lello, das 
aufser dem Menologium noch einige Reliefs, viele Inschriften und über der Etngangs- 
thür einen schönen Zeuskopf besafs; ob auch Statuen, ist zweifelhaft'". 

Paolos dritter Sohn Filippo wird wohl dicht neben dem Hause I gewohnt 
haben, doch war der dortige, durch seine Antiken berühmte Palazzo Valle (II) 
erst eine Schöpfung seines Sohnes, des Cardinais Andrea". Vermuthlich ent- 
stand er unter Julius II, da der Prospettivo (1500) ihn nicht nennt, Albertini dagegen 
(1509) ihn unter den neuen Palästen aufführt 2 ". Schon die Eingangshalle war mit 
Büsten und Fragmenten angefüllt, das Prunkstück aber war ein im Renaissance- 
geschmack für die Aufnahme von Statuen hergerichteter Hof. Hie verns est omnis 
Romano* vetustatis thesaurus bemerkt Fichard"; natu tota super ior aedium pars intus 
in cireuitum ornatissima est exquisitis veterum marmoreis statuis. Der Hof bildete 
ein Rechteck. Auf den Langseiten standen oben je vier männliche Statuen; auf 
der einen Schmalseite die (medieeische) Venus und der (Florentiner) Ganymedes, 
darüber oberhalb eines Fensters eine Wölfin von Porphyr; auf der anderen zwei 
männliche Statuen, darüber ein Knabe auf einem Delphin. Friese mit Greifen, mit 
Knaben und Thieren liefen an den Schmalseiten hin 22 . Von diesen seinen Schätzen 
machte der damalige Bischof della Valle einen prunkhaften Gebrauch zur Aus- 

"') Prospett. Milan. St. 15: Et ecci in casa d' uno CIL. VI, 2170. 2171 (diese beiden später im 

della Valle Do fautii che s' an cento la schiena Pal. III). 11 541. 11960. 15900. 24043, aus deren 

La pel a" un capreon con molte calle. Tradition sich auch der Franciscus und der 

,r ) Aldrovandi S. 2i6f. Heemskerck II, 20. Vgl. Ursus des Stammbaums ergeben; dafs Brutus 

unten S. 237. Den damaligen Besitzer dieses Sohn eines Lelius war, bezeugt Jacovacci zum 

Hauses, Valerio della V., macht Boissard I, 42 Jahre 1542. 

zum Eigenthümer des Palastes II und erhebt l<J ) Aldrovandi S. 212: casa di Mons. il Vescovo di 

ihn zum Cardinall — Der Stammbaum dieses liuslici, edificata gilt dal Cardinale de la Valle, suo 

Theiles der Familie ist am wenigsten gesichert. zio; vgl. S. 216: casa di M. Valerio de la Valle 

1S ) Aldrovandi S. 221 : casa di M. Bruto della Valle, presso la detta casa di Mons. di Kustici. Nach 

su la strada della Valle. Fabricius Autirjuit. Erbauung von Palast III auch domus vetus car- 

monum. ins. S. 114: domus Vallarum prope cir- dinalis de la V. genannt (CIL. VI, 955). Die 

cum Flaminium. Vgl. unten S. 237. Boissard Besitzfolgc Philippus, Bartholomäus, Andreas, 

1,43 macht diesen Bruto zum Vallacus episcopus Capranica ergeben CIL. VI, 999. 22219. 

und ist der einzige Zeuge für die Statuen. Dem- -°) Albertini S. 62 v . 88 v : domus de Valle novae 

selben Hause würde man die Inschriftsteine sunt, variis picturis et statuis adomatae. 

apud Episcopum Vallaeum bei Boissard III, 134 21 ) fichard S. 68. Den Palast III erwähnt er gleich 

bis 146. 149. IV, 54 zuweisen, wenn nicht die darauf. 

genaueren Angaben im CIL. VI bewiesen, dafs '-'-) Aldrovandi S. 212 ff. Vasari I, 109. Arch. Zeit. 

sie zu grofsem Theil den Palästen II und III 1880 S. 13 f. Letarouilly, Edifices de Korne I, 17. 

angehörten. In das Haus IV gehören davon blofs Vgl. unten S. 235. 



Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 



223 



schmückung eines Triumphbogens, den er vor seinem Palaste für den feierlichen 
Aufzug des neuen Papstes Leo X vom Vatican nach dem Lateran (11. April 1513) 
errichten liefs. Die beiden Pane aus dem Nebenhause (I) zierten die Vorderseite 
der Pfeiler gegen die Engelsbrücke hin; den übrigen Schmuck lieferte der neue 
Palast: im Inneren des mit Teppichen verhängten Durchganges standen unter an- 
deren Statuen die Venus und ihr gegenüber der Ganymedes. Der sonst einfache 
Bogen erregte wegen seines ungewöhnlichen Antikenschmuckes Aufsehen 113 . 

Die Baulust und die Sammellust des Prälaten — erstere hatte sich auch 
durch Errichtung eines bischöflichen Palastes in Mileto bewährt — führten ihn zu 
einer weiteren noch gröfseren Unternehmung. Er begann in einiger Entfernung 
hinter seinem Palast, an der heutigen Piazza della Valle, einen neuen Palast (III), 
den er mit dem älteren in Verbindung setzen wollte 24 . Den Bau entwarf und leitete 
Lorenzo Lotti (Lorenzetto), Raffaels Schüler und Gehilfe und Giulio Romanos 
Schwager; wenn auf Vasari Verlafs ist, fällt die Ausführung zwischen 1520 und 
1527 25 . Hier befand sich wohl das nach einem Entwurf Giulios von Raffaello dal 
Colle ausgeführte Fresco einer Madonna mit schlafendem Kinde zwischen den Hei- 
ligen Andreas und Nikolaus, ein damals berühmtes Bild 2 ". Das Erdgeschofs 
schmückten acht Statuen, unergänzt 27 ; besonders berühmt aber war der »hängende 
Garten« (hortus pensilis) im oberen Stockwerk. Offene hohe Säulenhallen nahmen 
die Schmalseiten ein. Die Langseiten umfafsten in einer doppelten Reihe unten 
gröfserer, oben kleinerer Nischen erlesene Statuen, dazwischen Prachtreliefs (z. B. 
von der Ära Pacis), und aufserdem Friesreihen, aus einzelnen Sarkophagplatten 
und Bruchstücken zusammengesetzt. Das Ganze war ein Muster ähnlicher Anlagen 
des Cinquecento. Vasaris Bericht (s. u. S. 225) zeigt, wie Lorenzettos Bestreben die 
Antiken zu voller decorativer Wirkung auszunutzen hier zuerst jene unglückliche 
Ergänzungssucht gezeitigt hat, die bald das Belvedere und ganz Rom ergriff und 
die wissenschaftliche Verwerthung der Antiken so arg geschädigt hat. Vasaris 
Beschreibung wird ergänzt durch Fichards Mittheilung der acht Inschriften des Sta- 
tuengartens (s. u. S. 227); auch erwähnt dieser das etwas tiefer belegene Badezimmer, 
das der alte Cardinal nach Art des vaticanischen, für Cardinal Bibbiena ausgemalten 
und des päpstlichen Badezimmers in der Engelsburg 2S mit badenden Mädchen und 
ähnlichen Malereien hatte schmücken lassen 2 '. Der ganze stattliche Bau blieb aber 
unvollendet, vermuthlich infolge der Ereignisse von 1527 und der nächsten unruhigen 
Jahre, in denen, wie wir sahen (S. 221), der Kaiser dem greisen Kirchenfürsten 
mit neuen Pfründen zu Hilfe kommen mufste. Diesen Zustand gibt Kocks Stich 
wieder. 

'■■') S. den gleichzeitigen Bericht von l'enni bei - 5 ) Vasari IV, 579 f. 

Cancellieri, Storia dei possessi S. 78 f. Vgl. Kunst- - 6 ) Vasari V, 534 (etwa unter Clemens VII). Die 

chronik, N. F., I, 297 ff. (Michaelis). Stelle kann auch auf den älteren l'alast II gehen. 

'-') Palatium novnm oder posterius CIL. VI, 448. -'') Aldrovandi S. 217. Boissard I, 4of. Fichard 

1730. 1887. CIGr. 5885. Boissard I, 40, der III, 68. 

S. 42 vom Palast II sagt: quod cum nova fabrica 2S ) Fichard III, 5 1 - 

coniuneturus erat. Letarouilly I, 23. ••) Fichard III, 69. 



22A Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 



Als Andrea 1534 starb, kamen seine beiden Paläste nicht an seinen Brudersohn 
Ottaviano, der ebenso wie seine Kinder für die Geschichte der Antiken ohne Belang 
ist, sondern den älteren Palast (II) erbte Andreas Schwestersohn Quinzio de' 
Rustici, der schon seit 1523 sein Nachfolger im Bisthum von Mileto geworden 
war und dies noch bis 1566 innehatte, den unfertigen neueren (III) die Tochter 
seines Bruders, Faustina, die mit Camillo Capranica vermählt war 30 . Im Volks- 
mund bewahrten beide Paläste, namentlich der ältere, den Namen der valleschen, da- 
neben kam aber für den neuen bald der noch heute übliche Name »Palazzo Capranica« 
auf. Diesen sah Aldrovandi zu Anfang des Jahres 1550 noch immer unvollendet, 
aber im Bau begriffen 31 ; vielleicht hängt es mit seiner Vollendung zusammen, dafs 
die Antiken durch Testament vom 17. März 1550 und Codicill vom 17. December 
1554 den Söhnen Bartolommeo und Angelo Capranica als Fideicommifs ver- 
macht wurden, unverkäuflich, untheilbar, ohne letztwilliges Verfügungsrecht. Auch 
der Bischof Rustici scheint seinen Palast diesen seinen Neffen hinterlassen zu haben 
(1566). Wenigstens finden wir, dafs nach Angelos Tode dessen drei Söhne Paolo, 
Domenico und Ottaviano Capranica, um ihre Schwester Faustina ausstatten 
zu können, am 15. Juli 1584 die päpstliche Erlaubnis zum Verkauf erhielten und 
nunmehr die Antiken beider Paläste verkauften. Der Käufer war der bedeutendste 
Kunstliebhaber jener Zeit, der noch junge Cardinal Ferdinando de' Medici, der 
für die geringe Summe von 4000 Ducaten (der Schätzungspreis belief sich auf 
15 564 Ducaten) die ganze vereinigte Sammlung erwarb. Nur wenige Stücke, dar- 
unter elf Sarkophage, verblieben den Capranica. Die meisten Antiken wanderten 
sofort in die Villa Medici auf dem Pincio, die im Jahre zuvor durch die Niobiden- 
gruppe bereichert worden war und auch bereits den Schleifer besafs; einige Stücke 
wurden zunächst anderswo untergebracht, ein paar einstweilen noch im Palazzo Valle 
belassen 32 . So war es mit der Herlichkeit der valleschen Antikensammlung vorbei. 
Die aedes Vallenses führten noch ein bescheidenes Nachleben in den meistens schon 
früher gestochenen Tafeln Cavalieris und Lorenzo della Vaccarias (1584 — 94), aber 
schon Franzinis Icones von 1589 kennen keine valleschen Statuen mehr, sondern diese 
erscheinen hier bereits unter denen der Villa Medici. Der Palazzo Valle (II) gieng 
später in den Besitz der Familie del Bufalo über; an die Stelle des hängenden 
Gartens im Palast Capranica, dessen paar zurückgebliebene Sarkophage hierhin und 
dorthin zerstreut wurden, trat das den Capranica gehörige teatro della Valle, das 
zu Anfang unseres Jahrhunderts von Valadier vollständig umgebaut worden ist. 

Im Jahre 1550 waren die beiden älteren Häuser I und IV im Besitze von 
Valerio und Bruto della Valle. Von letzterem wird noch ein Nachfolger (Sohn?) 

■>") Schon eine Cousine Andreas, Savclla della Valle, im capitolinischen Archiv (C r ) abgedruckt Do- 

war mit einem Mitgliede dieser hochangesehenen, cum. ined. IV, 377 fr., nach dem im Ganzen ge- 

den Valle benachbarten römischen Familie ver- Daueren Exemplar des Florentiner Archivs (C/) 

heiratet. mit Angabe der Schätzungspreise, bei Gotti, 

31 ) Aldrovandi S. 217: che hora si fabrica. Gull, dt Fircuze S. 361 ff. Im Übrigen vgl. 

M ) Das Verkaufsinventar ist nach einem Exemplar Docum. S. IV f. 



Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 225 

Orso genannt (Anm. 18). Zwei Jahre nachdem die Gebrüder Capranica die valle- 
schen Antiken veräufsert hatten, waren Valerio und ein Alessandro della Valle 33 
bemüht die Grabsteine ihres Geschlechtes in der Kirche von Araceli vor dem 
Untergange zu retten (Anm. 6). Die Familie war dem Aussterben nahe. Eine 
grause That führt uns im Jahre 1600 einen der letzten männlichen Abkommen vor: 
Girolamo della Valle, angeblich ein Neffe des Cardinais (?), ermordete einen Paluzzo 
Mattei und wurde aus Rache von dessen Bruder Pier Girolamo Mattei ermordet 34 . 
Die letzte uns bekannte weibliche Angehörige der Familie, Silvia della Valle, war 
dagegen mit einem Manne verheiratet, der die künstlerischen Neigungen ihrer Fa- 
milie fortsetzte, mit Angelo Paluzzo Albertoni 33 . In dem alten Hausei blieben die 
beiden valleschen Panstatuen noch fast anderthalb Jahrhunderte als höchst populäre 
Sehenswürdigkeit Roms stehen und erinnerten an den alten Ruhm des Hauses, bis 
sie Papst Clemens XII um 1734 zugleich mit dem berühmten Zeuskopf erwarb und 
zum Schmuck des Hofes im capitolinischen Museum verwandte. Einige andere 
Überbleibsel waren schon früher an verschiedene Besitzer gelangt. Endlich hielten 
sich im Hofe des Palazzo Valle-Bufalo (II) die von den Künstlern hochbewunderten 
Friese mit Greifen und stieropfernden Victorien bis in den Anfang unseres Jahr- 
hunderts 315 , wo sie vom Cardinal Fesch gekauft wurden; von ihm erwarb das eine 
Stück das Museum des Louvre 37 , das andere die Münchener Glyptothek 38 . — 

I. DER PALAST VALLE -CAPRANICA (III). 

In die Glanzzeit und an den glänzendsten Ort der valleschen Kunstsammlungen versetzt uns der 
Stich Kocks. Zur Erklärung der Ansicht dienen besonders zwei Stellen, Vasaris und Fichards. 

Vasari IV, 579 über Lorenzetto: d ' architettura fece il disegno di motte case . . . nella Valle la 
facciata di dentro; e cosi il disegno delle stalle ed il giardino di sopra, per Andrea cardinale della Valle; 
dove accomodb nel partimento di quell' opera colonne , base e capitegli antichi; e sparti attorno, per basa- 
mento di tutta quell' opera, pili antichi pieni di storie; e piu alto fece sotto certe nicchione un altro f regio 
di rottami di cose antiche, e di sopra nelle dctte nicchie pose alcune statue ptir antiche e di manne, 
le quati sebbene non erano intere per essere quäle senza testa, quäle senza braccia, ed alcuna senza gambe, ed 
insomma ciascuna con qualche cosa meno, t 'accomodb nondimeno benissimo, avendo /alto rifare a buoni scultori 
tulto quello che mancava, la quäle cosa fu cagione che altri signori hanno poi fatto il medesimo, e ristaurato 
molte cose antiche; come il cardinale Cesis, Ferrara, Farnese, e, per dirlo in una parola, tutta Koma . . 580 1 
. . . Ma tornando al giardino detto, fu posto sopra le nicchie la fregiatura che vi si vede di storie antiche 
di mezzo rilievo bellissime e rarissime; la quäle invenzione di Lorenzo gli giovb inßnitamente u. s. w. 

**) Dieser erscheint in Franzinis Palatia procerum war. Über Albertoni s. zu Heemsk. I, 47, a. 

Komanae urbis, 1589, Bl. d2 in der Unterschrift 3,i ) Zoega, Bassir. II S. 41. 

Pal. d. Alexandri de la Valle. Derselbe Holz- :i7 ) Clarac II, 193, 54. Die Herkunft vom Card. 

schnitt findet sich in der Roma ant. e mod. von Fesch bezeugt Clarac II, 1 S. 284 und Descr. 

1663, S. 785 mit der gedruckten Überschrift Pa- du Musee royal, 1830, n. 754. Urlichs, Glypto- 

lazzo di Pietro della Valle. Das ist der letzte thek S. 58 leitet es aus Pal. Valle ab, verweist 

mir bekannte Sprosse der Familie. aber zugleich auf Ferrari, Fregj trov. nel 1812, 

M ) Jacovacci zum Jahre 1600. Auch hier bestan- Flor. 1833, Taf. 1, 3, wonach es vom Traians- 

den alte verwandtschaftliche Beziehungen: Ber- forum stammen soll. Die Höhe (0,75 M.) stimmt 

nardinos Schwester Giulia war mit Battista Mattei, mit der des Münchener Stückes (0,78 M.) ziem- 

Andreas Schwester Gismonda in erster Ehe mit lieh Uberein. 

Domenico Mattei verheiratet. »•) Glypt. o. 206, vgl. Urliehs a. O. Der weitaus 

**) Jacovacci zum Jahre 161 1, wo Silvia schon todt gröfste Theil ist ergänzt. 



226 



Michaelis, Römische Skizzcnbilcher nordischer Künstler. 






n 




Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 227 

Fichard Frankf. Archiv III, 68: E regione post Main domum [dem Palast II] horttis est attinens 
ad domum. In eatn ingressus tantum statuarum vides, ut credas in cum locum u/tum quicquid usquam Romae 
fuerit invcntum esse congestum. In/erius in curia plurima iacent neglecta, superius in porticu utrinquc in 
loculis suis positae sunt lectiorcs statuae marmoreae, lectissimae autem in horto pensili proxime adiuncto, 
qui clcgantissimc exstructus ita insuper istis monumentis ornatus est, ut nihil sit istic scu/p/i marmoris fere 
quod non ex antiquitate repositum adaptatumque sit. Locus est quadratus oblongus, | 69 j in latitudine utrin- 
quc porticus, latera longitudinis habent statuas in loculis suis. Superius interpositae quasi tabulae haec verba 
habcnt. Sinistrum latus. AD COLLABENTIVM 8TATVARVM JNSTAVRATIONEM I'EN'SILIVMO.VE HOHTOSVM 
OltNAMENTVM. //. tab. AD AMICOUVM IVCVNDIDATEM CIVIVM ADVENARVMQVE DELECTATIONEM. ///. 

tab. Non ad volvptatem sed ad censvs fortvnarvmqve favorem. IUI. tab. Ad delicivm vitab 

ELEGANTIARVM GRATIARVMQVE SECESSVM. Dextrutll latus. V. tab. SlBI ET GENIO POSTEBISQ,VE 
HILARITATI. VI. tab. ANTIQVARVM RERVM VIVARIO PICTORVM rOETAUVMOVE SVBSIDIO. VII. tab. 
HONESTI Olli OBLECTAMENTO DOMESTICAEQVE COMMOD1TATI. VIII. tob. MAIORVM MEMORIAE NEl'O- 
TVMQVE IMITATIONI. Singula commemorare, quarum Mae videlicet statuae qualesque fucrint, nimium forel, 
et meminisse ex loco potes. 

Aufser diesen allgemeinen Angaben und dem Stiche Kocks besitzen wir noch die eingehende 
Beschreibung Aldrovandis vom J. 1550 (S. 217fr.) und das genaue Inventar von 1584 (s. o. Anm. 32). 
Eine weitere Quelle, Boissards hierher gehöriger Abschnitt (I, 41 ff.), erweist sich wie gewohnlich als 
sehr trübe. Die anscheinend zusammenhängende Darstellung ist ein buntes Mosaik aus folgenden Bestand- 
teilen: 1) Boissards eigene Beschreibung der Statuen von der Facade des Palastes; 2) die Marsyas- 
statue nach Aldrovandi mit thörichter gelehrter Zuthat; 3) eine übel eingeschaltete Beschreibung des 
Palastes Valle I nach Aldrovandi, ohne dafs B. gewahr wurde, dafs es sich um einen ganz anderen Palast 
handelt; 4) B.s Aufzählung der Statuen im Garten, linke Seite; 5) Aldrovandis Beschreibung der Statuen 
an der Palastfacade (= 1); 6) desselben Angabe der Antiken im Garten in abgekürzter Form (z. Th. sich 
deckend mit 4, 7 und 9); 7) B.s eigene Aufzählung der Statuen im Garten, rechte Seite; 8) B.s Nennung 
einiger wichtiger Reliefs; 9) B.s Beschreibung dreier Statuen in der hinteren Halle (schon in 6 enthalten). 
Nur wenige Einzelheiten dieses Gemengsels sind von Werth; wenn Boissard in einigen Benennungen, die 
Aldrovandi nicht kennt, mit dem späteren Inventar übereinstimmt, so geben beide wohl die üblichen 
Namen wieder. 

Von den drei zuverlässigen Quellen unserer Kenntnis bietet Kocks Stich (K) unbestreitbar 
den ältesten Zustand dar. Sind auch die beiden Seitenwände in der Hauptsache fertig, so sind doch 
noch mehrere Plätze leer, es fehlt der bauliche Abschlufs der beiden gedeckten Hallen, und im mittleren 
Kaum stehen noch mancherlei Statuen, ihrer Verwendung harrend, herum. Auch zu Aldrovandis (A) 
Zeit ist der Bau noch im Gange (Anm. 31) und die unteren Nischen der linken Seite scheinen noch 
nicht alle ausgefüllt, aber manche Umstellungen haben stattgefunden und die Aufräumung des freien 
Platzes scheint Fortschritte gemacht zu haben. Auch weifs Boissard (/?), dessen römischer Aufenthalt 
nicht viel später fällt (1555 — 61), von den Citronen- und Granatbäumen und den Cedem zu berichten, 
die dort gepflanzt waren (wohl in den auf dem Stiche angegebenen Löchern). Das Inventar Capra- 
nica von 1584 endlich (6'; Cf das Florentiner Exemplar bei Gotti, O das römische in den Doc. med.) 
läfst weitere Änderungen in der Aufstellung erkennen; einige Stücke fehlen ganz; andere waren vielleicht 
in die unteren Nebenräume des Palastes geschafft, wo schon Boissard viele geriefelte oder relief- 
geschmückte Sarkophage ungeordnet vorfand. Es soll nun versucht werden mit diesen Hilfsmitteln ein 
Verzeichnis der Antiken des Palastes aufzustellen, mit Berücksichtigung der zeitliehen Veränderungen, 
ferner mit Angabe des Verbleibs, so weit sich dieser feststellen läfst, und mit Anführung von einer oder 
ein paar Abbildungen. Unter letzteren haben namentlich die Publicationen und die Handzeichnungen 
des 16. Jhs. Beachtung gefunden; von jenen Lafreri (nach dem Münchner Exemplar), Cavalieri, Vacca- 
rius, Boissard, von diesen Heemskerck, der Coburgensis und der Pighianus (nach Matz und Jahn), das 
Skizzenbuch von Pierre Jacques von 1570—77 (nach Geffroy), der sog. Berolinensis (nach Mittheilungen 
Conzes), ein Cambridger Skizzenbuch von 1583 (s. Arch. Jahrb. 1892, Heft I), endlich die etwas späteren 
Sammlungen dal Pozzos in Windsor und London (nach eigenen Auszügen). Oft ist die Identification 
der Statuen erst durch diese Hilfsmittel möglich geworden. Die im Inventar C aufgeführten Stücke sind 
in medieeischem Besitz, also zunächst in Villa Medici oder in Florenz zu suchen. 

Die in Cf angegebenen Schätzungspreise habe ich nicht mit aufgeführt. Für die Kenntnis 



228 Michaelis, Römische Skizzcnbücher nordischer Künstler. 

damaliger Preise mag es genügen zu wissen, dafs die sechs kolossalen Frauenstatuen der Loggia dei 
Lanzi zusammen auf 2000 Ducaten geschätzt sind, ebenso hoch die vier Barbaren, davon drei von kost- 
Larem Porphyr. Geringere Statuen gelten unter 100, bessere von etwa 150 bis 350 Ducaten; der Marsyas 
ist auf 400, die medieeische Venus auf 250, der Ganymed und der Daphnis auf 200 Ducaten geschätzt. 
Lebensgrofsc Büsten gelten 20—50, kolossale 100, Sarkophage etwa 50, Sarkophagvorderseiten 10, die 
Prachtreliefs von der Ära Pacis 2 — 300 Ducaten. Der wirklich gezahlte Preis beträgt freilich im Durch- 
schnitt nur etwa ein Viertel. 

An der Fagade des Palastes. 

1 Untere Reihe: Panzerstatue, 13 P(almcn), ohne Kopf und Arme, Beine neu (AC). — 
Uffizi 59! Giard. Boboli 88? 

2 König [Barbar], bekleidet, von Porphyr, 13 P.; ohne Kopf Hände Füfse (AC). 

3 Togatus, 10 P., ohne Kopf und Arme {AC). — Vgl. Uffizi 40. 51. Boboli 73. 75. 

4 Panzerstatue, 15 oder II P., ohne Kopf und Arme, Beine neu (AC). — S. zu n. I. 

5 Diese vier Statuen, von denen einige (1, 3, 4?) nach Boissard unter den Namen des Hortensius, 
Piso Frugi, Cethegus giengen, standen auf hohen Basen, drei mit lateinischen Inschriften (vermuthlich 
Boiss. III, 136. 138. 146 = CIL. VI, 1721. 1730. 1731), einer mit einer griechischen Inschrift (Boiss. III, 
i 39 = CIGr. 5885). 

6 Obere Reihe: Weibliche Gewandstatue, 12 P., ohne Arme (AC). — Boboli 72? 

7 »Commodus«, nackt, Gewand um den 1. Arm, 12 P., ohne Arme (AC). 

8 Männliche Statue, nackt, ohne Arme, Beine neu (AC). 

9 Weibliche Gewandstatue, »Königin«, ohne Arme (AC). — Boboli 72? 

Im Palast. 

10 Herakles, 10 P., Arme und Beine neu (C). — Vgl. Pitti 33. 35. 

An der Treppe. 

11 Demeter, bekleidet, 10 P., Arme neu (C). — Boboli 72? 

12 Kopf des Zeus, 5 P. , Brust neu (C). — Uffizi 272 (Overbeck Kunstmyth. Tf. 2, 5. 6)? 
Villa Medici, Matz-Duhn 22? 

13 Kopf des Augustus, mit Brust, 5 P. (C). 

14 Kopf Cäsars, mit Brust, 5 P. (C). 

15 Kopf eines Philosophen, mit Brust, 5 P. (C). — Vgl. Uffizi 303. 334. 421. 
IG Weibliche Gewandstatue, ohne Kopf und Arme (C). 

Oben im Statuengarten. 
In und an der bedeckten Halle (loggia, l. copertd) auf der Eingangsseite. 

17 R. neben dem Eingang: Marsyas, hängend, 10 P., ohne Füfse (K ABC); nach Boissard von 
Zeuxis, ex Concordiae templo effossus (vgl. Plin. 35,66)! Cambr. 13 (la uallt). Cavall. I. II, 85 (in aedibus 
Valensibus). Vaccarius (in aedibus Fallansibus. 1578). Franzini, Icones Bl. g 8 (in virid. Car. Medic). 
Pcrrier 18 (in Hortis Med.). Clarac III, 541, 1 137. — Uffizi 251. 

18 Darunter: Sarkophagvorderseite; Clupeus und jederseits drei Knaben (Ä"). 

19. 20 An der Hauptwand : Zwei kolossale Gewandstatuen (»Sabine«), 12 P., ohne Arme (ABC); 
zusammengehörig mit n. 40 — 42 in der gegenüberliegenden Halle. Es sind die Statuen der Loggia de' 
Lanzi. Eine davon hat Enea Vico 1541 (in edb. Car. de Volle, n. 42 Bartsch, auch bei Lafreri), drei 
später Cavalieri (in aedibus Capranicae) gestochen. Da Dütschkes Angaben (III S. 254ff.) nicht ganz 
genau und übersichtlich sind, so mag folgender Überblick willkommen sein: 

n. 558. Cavall. I. II, 82. Auf K hinten 1. Ein wenig kleiner, verschleiert. 
n - 559 = n - 562. Cavall. I. II, 81. Das r. Bein wenig gebogen, Apoptygma über dem Falten- 
bausch, einfachere Falten unter dem 1. Arm. 
n. 561 = 563, nur dafs letztere den Mantel über den Kopf gezogen hat. Vico (zusammen 
mit der »Thusnelda« n. 77). Cavall. I. II, 83. Das r. Bein stärker zurückgestellt, 
kein Apoptygma, reichere Zickzackfalten unter dem 1. Arm. 
Ob auf K hinten r. n. 55g, 561 oder 562 gemeint sei, läfst sich nicht entscheiden; die Figur ebenda in 
der Seitennische 1. scheint einen Helm zu tragen, mufs aber nach A auch eine »Sabina« sein. 



Die Sammlung della Valle n. 1—45. 220 

'21 Torso einer ahnlichen Figur (»Sabi/ia), 10 P. Vgl. etwa Heemsk. I, 35, c. 

22 Dem Eingang gegenüber: Poseidon mit einer Tritonin neben sich, 11 P., ohne Arme, Füfse 

neu (A'AC). Cavall. III. IV, 27 (in aedibus Vall.). Franzini, Icones B1./8 (in Iwrtis Car. ATedk.). — 
Verschollen, s. Arch. Zeit. 1885, 284 f. (Michaelis). Unter der Statue: 

"23 Basis der Lares Augusti (K AC). Boissard IV, 68 (in domo Card. Vallaei in diambulacris 

siiperioris domus sub slattia Neptuni). Pigh. n. 84 (in horto Card, de la Valle). Dal Pozzo-Franks. Call. 
di Firenze IV, 142fr. CIL. VI, 448. — Uffizi 218. 

24 Rechts vom Poseidon: Torso eines bärtigen Mannes (Gigant? Seewesen?). »Gran testa 
di Giove«. (K AB). Nicht in C, also damals entweder ergänzt, oder nicht mehr vorhanden. Darunter: 

25 Dreiseitige Basis (A'). Kenntlich eine männliche Gestalt. Schwerlich identisch mit der 
Erotenbasis Pigh. n. 100 (Card, de la Valle in horto). Uffizi 162. Galt, di Fir. IV, 2o.f. Weder bei 
A noch in C. 

2G. 27 Aufsen an den Pfeilern der Halle: Zwei Barbaren, bekleidet, von Porphyr, 11 P., ohne 
Hände, Köpfe von weifsem Marmor (K ABC). Wegen der Technik hochgepriesen von Vasari I, 109. 
Einer vielleicht bei Perrier 16 (in Iwrtis Mediceis); vgl. zu n. 46 f. — Boboli 69. 70. Darunter: 

28. 29 Zwei Basen, einerseits ein Mann mit einem Pferde, andrerseits Nike und Tropäon (A). Lanzi 
in der Collcz. d' opuscoli scientif. e lett., XI (Flor. 1810), zu S. 65. — Boboli 67. 68. — Zur Zeit von 
A' diente statt dieser Basen, oder als Verkleidung derselben: 

30 Basis des Ti. Julius Aug. 1. Mnester, mit Widderköpfen, Guirlande, Adler, Hähnen (A"), in 
zwei Theile zersägt. Boissard III, 143 (in falalio Episcopi Vallaei, saxum in duas partes divisum). CIL. 
VI, 20139. — Boboli 71. 

31 Unter dem Barbaren zur L.: Relief, Herakles mit dem Löwen ringend, beide ohne 
Beine (ABC). Pigh.- 56 (Card, de la Valle horto, danach Beger Herc. ethn. Taf. 6). Boissard II Taf. M 
(beide unergänzt). Cambr. 41 (la valle). Vaccarius (in aedibtis Vallensibus). De Rubeis (in viridario 
magni Ducis Etruriac). — Villa Medici, Matz-Duhn 3560. 

32 Unter dem Barbaren zur R.: Dionysos sitzend, nat. Gr., ohne Arme, neben sich einen 
Hund (Panther?) ohne Kopf (AB, zur Zeit von C in der Halle gegenüber). Doch wohl nicht identisch 
mit dem Sarapis Cavall. III. IV, 28 (Pluto cum Cerbero, in aedibus Vallarum)^. Cambr. 45 giebt einen 
männlichen Torso, sitzend, r. Arm erhoben, 1. auf den Sitz gestützt, im pallase la ualle. 

In der Halle zählt C allein noch weiter auf: 

33 Stück Fries in Relief, Putto und Blätterwerk, 5 P. Weder die beiden Fragmente einer Pi- 
lasterverkleidung bei Lafreri (in aedibus Andreae qtiondam Card, a Valle. 1561) noch diejenigen in Villa 
Medici, Matz-Duhn 3509, können gemeint sein, da sie keinen Knaben enthalten. 

34 Sarkophag mit »Kentauren und Satyrn«, 9 P. lang; einige Glieder fehlen. Wohl iden- 
tisch mit dem schönen Sarkophag mit vier kämpfenden Gruppen, vier Kentauren und acht Lapithen, Pigh. 
202. Cambr. 85 (a la ualle). Jedenfalls unrichtig von Dütschke mit Uffizi 99 identificiert, da dieser 
Sarkophag schon 1704 in Florenz war. 

35 Panzer, 5 P. — Uffizi 225. 

3fi Relief mit drei bekleideten Frauen, zwei ohne Köpfe, 6 P. Vgl. n. 61. 

37 Relief: Stieropfer, fünf Figuren, 5X5 P- Von einem öffentlichen Denkmal. Windsor II, 
17. — Villa Medici, Matz-Duhn 3527. 

38 Herakles torso, mit Beinen, halbem Arm und Fell, 8 P. 

In und an der bedeckten Halle gegenüber dem Eingang: 
39—41 Drei kolossale Gewandstatuen (»Sahine«), s. zu n. 19. 20 (A' ABC). Nach Boissard 
galten zwei davon für Sabina Hadriani und Cornelia Crassi. 

42 Unter der einen: Relief. Leda? Eine der Jahreszeiten, gelagert? (K) 

43 Büste von dunklem Stein (parag-one) (Cf, fehlt in Cr). 

44 Sarkophag, vollständig: Raub der Leukippiden (»presa delle Sabine«), 10 P. (C). Franchi, 
Zeichnung in Turin. Winckelmann, Man. ined. 61. — Uffizi 74. 

45 Zeus, 10 P., ohne Arme, mit einem Adler zu seinen Füfsen (C; zur Zeit von AB an der Stelle 
von n. 53). 



230 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

46. 47 Aufsen an den Pfeilern: Zwei Barbaren, einer von Porphyr mit Kopf von weifsem Marmor, 
der andere von Marmor (A" ABC). Vielleicht der letztere bei Perrier 16 (ohne Angabe des Materials, 
demjenigen in A' rechts sehr ahnlich) == Clarac V, 854 C, 2161 II; vgl. zu n. 26f. — Der marmorne: 
Pitti 7; über den Verbleib des porphyrnen weifs ich nichts anzugeben. 

48 Unter dem Barbaren zur R. : Schreitender Mann mit Schurz, Keule über der 1. Schulter, 
schwerlich Herakles (nur in A'). Ob etwa Boissards Hercules (an der r. Seitenfacade) ? 

In dem offenen mittleren Theil des Gartens (loggia scoperta). 
Rechte Seite. 
Die Anordnung des Sculpturenschmuckes wird im Ganzen richtig von Vasari (oben S. 225) 
angegeben und vollends durch einen Blick auf K klargestellt. Danach lassen sich die Verzeichnisse von 
A und C einordnen. Während aber K nur vier grofse Nischen neben einander zu kennen scheint, ergeben 
AC die Fünfzahl; wahrend K nur eine derselben mit Sicherheit ausgefüllt zeigt (n. 52), dagegen eine 
Anzahl von Statuen im Mittelraum der Aufstellung harren, sind bei A vier Nischen — alle mit Ausnahme 
der mittelsten — besetzt, in C alle fünf, aber z. Th. in abweichender Weise. Die Beschreibung beginnt 
von rechts. 

49 Unterste Reihe (sotto gli horticelli): II Vorderseiten von Sarkophagen (K AC); s. unten 
n. 112 ff. 

50 Am r. Ende des Beetes: Bärtiger Mann, schlafend, am Boden liegend; Silen? (K). 

51 Runde Basis mit bekleideten Figuren (Ä'). 

52 Im Untergeschofs : Apollon (A: Dionysos C), oberwärts nackt, die R. aufs Haupt gelegt, die 
L. auf der Kithar, 12 P,, Kopf Arme Kithar neu (IC AC; B: Apollo Praxitelis opus). Vaccarius {in viri- 
dario Cardinalis de Medicis). — Poggio Imperiale 90 (Overbeck Kunstmyth. IV, 189, 4). 

53 Athena, 10 P., ohne Arme (C). Vielleicht die Athena n. 104 im Hintergrunde an der Säule 
r. in A", oder die Statue n. 100 neben der Säule vorne 1., beide in der Gewandung der Minerva Giu- 
stiniani des Braccio Nuovo (Clarac III, 465, 875) verwandt. Ein Stich Enea Vicos von 1541, n. 44 
Bartsch (auch bei Lafreri), zeigt eine Athena in edib. Car. Falle mit 1. Standbein , r. Bein gebogen, 
Mantel über 1. Schulter Rücken Unterkörper, r. Brust mit Ägis sichtbar, 1. Arm im rechten Winkel 
(Hand fehlt), r. Arm im Stich unsichtbar; korinthischer Helm mit Widderkopf vorn am Schirm. — Vgl. 
etwa Pitti 28. — Bei AB steht der Zeus n. 45 an Stelle der Athena. 

54 Darunter: (Sarkophag-r) Relief mit verschiedenen Sculpturen, darunter ein Kentaur (AB). 

55 »Gladiator«, nat. Gr., ohne Arme, Beine neu (C). Boissards Hercules} Bei A ist der Platz 
noch leer. — Vgl. Pitti 25. 

5fi Darunter: Sarkophagvorderseite mit dem »ratio delle Sabine (A). Nicht identisch mit 

dem vollständigen Sarkophag n. 44. 

57 »Prudentia«, bekleidet, 10 P., ohne Arme (C). Vielleicht eine der beiden Figuren in A"; 
s. zu n. 53 und vgl. auf demselben Stich E. Vicos eine Statue der Demeter (vom Typus Clarac III, 
438 C, 776 A) in edib. Car. Volle; vgl. zu n. 128. — An Stelle dieser Statue stand früher: 

58 Poseidon, nackt, stehend, mit zerbrochenen Armen (AB). Vielleicht die Statue, die 
in K hinter der Säule r. von hinten sichtbar wird, mit Stamm neben dem 1. Bein. Wenn es sich hier 
wirklich um einen Poseidon handelt, so gehört die Statue wohl zum Scherscheller Typus (Overb. Kunst- 
myth. Taf. 12,34. III, Taf. 3,5. Clarac IV, 744, 1796 A). 

59 Darunter: Sarkophagvorderseite mit der k alydonisch en Jagd (AB). Cob. 219. 
Pigh. 215 (danach Beger, Meleagr. S. 21). Jacques bei Geffroy S. 174. Cambr. 60 (la uallc). Windsor 
IV, 63. — Villa Medici, Matz-Duhn 3239. 

60 Satyr (uFauno« AB, »Dio Pane« C), nackt, mit einem Fell umgürtet, 10 P., ohne Arme, ein 
Bein neu (ABC). — Poggio Imperiale 91? 

61 Über den grofsen Nischen: Relief, ähnlich wie n. 65, mit drei tanzenden Mädchen (C, 
ungenau A"), wohl Boissards tNaiadum chori« ; vgl. n. 36. Cob. 33. Pigh. 49 (Card. Vall. Gratiae Horatii 
saltantes). Winckelmann, Man. ined. 147 (Villa Medici). Aus drei Stücken zusammengesetzt, s. Häuser, 
Neuatt. Reliefs S. 47 ff. — Uffizi 531. 

62—64 Drei Köpfe, nat. Gr. (AC). 



Die Sammlung della Valle n. 46 — 81. 231 

05 Relief mit fünf Knaben, 2X5 P- (C; in K statt dessen ein Löwenkopf). Von einem 
griechischen Sarkophag. Heemsk. I, 4 (die drei Figuren rechts). — Villa Medici, Matz-Duhn 2209. 

06 Im Obergeschofs: Weibliche Gewandstatue, II P., ohne Arme (K ABC). 

07 Relief: Artemis mit Hirschkuh und Apollon, ioX7 P- (C). Pigh. 38 zweimal (in 
harte Card, de la Valle). Windsor VIII, 41. Perrier, Icones et segm. 50 (in hortis Mediceis), danach S. 
fiartoli Admir. '49 = 2 33- — Villa Medici, Matz-Duhn 3521. 

68 Panzerstatue (»Traian«), 11 P., ohne Arme, Beine neu (K ABC). — Pitti 8? 

G9 Relief: »altro pezzo di storia con una Pallade et dua teste (?)« (C). Vielleicht das von Jacques 

gezeichnete Relief Me'l. d'arch. 1890 Taf. 3 (Valle, vgl. Geffroy S. 178 ff.) mit der falsch ergänzten Athena 
zwischen zwei Heroen, von denen der zur R. ganz modern ist ; das echte Stück mit der falschen Athena 
ist aus Villa Borghese in den Louvre gelangt (Clarac II, 202, 34). Wie" das Relief nach V. Borghese 
gekommen sei, bleibt freilich unerklärt (s. unten hinter n. 189). 

70 Hermes, nackt, Gewand um den 1. Arm gewickelt, 11 P., ohne Arme, Beine neu (ABC). — 
Pitti i6?f 

71 Relief: Drei Frauen, »cioe una Dovitia [CI: di Scithia O] con uno agnilo«, IOX7 P- (C, un- 
kenntlich K). Cob. 27 (vollständig, die »Dovitia« mit Füllhorn, und ein Eros darüber). Perrier Icones 
et segin. 49 und danach S. Bartoli Admir. 1 40 = 2 I3 (unvollständig, nur zwei Figuren, und ungenau). 
Zwei Fragmente, willkürlich zusammengeflickt (Duhn III S. 38). — Villa Medici, Matz-Duhn 3520. 

72 Panzerstatue (»Traian«), 11 P., ohne Arme, Beine neu (K ABC). — Boboli 88 ? 

73 Relief: Opferscene mit 13 Figuren, je 6 (so Cf, O: 7) P. hoch (C, K unkenntlich). 
Von der Ära Pacis. Cob. 28. Dal Pozzo-Franks. Mon. ined. d. Inst. XI, 34, 5, vgl. v. Duhn Ann. iSSi 
S. 3l6ff. Untere Hälfte ergänzt. — Villa Medici, Matz-Duhn 3505. 

74 Weibliche Gewandstatue, 11 P., ohne Arme (K ABC). 

Aldrovandi sagt von den grofsen Reliefs n. 67. 69. 71. 73 und den entsprechenden der 1. Seite 
n. 90. 92. 94. 96 nur: tavole antiche marmoree con varie scolturc; Boissard: in areae superioris cireuilu summt 
artißcio sculptac tabulae, in qitibus triumphi AI. Aurelii Antonini sunt expressi, quales in area Capitolina 
conspiciuntiir, et aliae, in quibus notati sunt varii sacrificiorum ritus et victimarum ceretnoniae. Als Statuen 
dieser Seite nennt er: Hermaphroditus nudus, Iuppiter, Bacchus, Hercules, Apollo Praxitelis opus, Mars, 
Calba Imp., Antoninus Pius, Constantinus Magnus, et consulares aliquot staluac, ex quibus una creditur esse 
Salustii, altera Nemmii [1. Memmi'i\. 

7j Ganz oben: Fünf grofse Masken (vier davon in K); s. unten zu n. 98. Dazwischen die 

Inschriften V— VIII (s. o. S. 227). 

Linke Seite. 
Die Anordnung ist die gleiche wie auf der gegenüberliegenden Seite. In K sind nur die bei- 
den äufsersten Nischen des Untergeschosses besetzt, A übergeht diese ganz, C zählt aufser der »Sabina« 
n. 77 nur drei Statuen auf, daher es scheint dafs damals eine Nische unbesetzt war. 

76 Unterste Reihe (sotto gli horticelli): 11 Vorderseiten von Sarkophagen (K AC); s. unten 
n. 112 ff. 

77 Im Untergeschofs: Barbarin, sog. Thusnelda (C: altra Sabina ncl nicchio); ein Arm fehlt 
(Cf; falsch beide Arme C r ) (C). Stich Enea Vicos von 1541, n. 42 Bartsch, auch bei Lafreri (in edb. 
Car. de Valle). Cavall. I. II, 80 (in aedibus Capranicae). Franzini, Icones Bl. g 13 (sta. porfiritea in hört. 
Car. Medic). Mon. ined. d. Inst. III, 28. — Loggia dei Lanzi 560. 

78 »Bacchantin«, nackt, 10 I\, ohne Arme, Beine neu (C). Die Nacktheit läfst die Deutung 
unwahrscheinlich erscheinen und verbietet andrerseits die Identificierung mit der »Ariadne« Uffizi 84, 
die aus valleschem Besitz stammt, s. den Stich Enea Vicos von 1541, n. 43 Bartsch (in aedib. Car. de Valle, 
in einer Nische, im Gegensinne). Cavall. I. II, 86 •= Vaccarius (Bacchae Signum marmoreum in 
aedibus Vallensibus). Sollte nicht der Zusatz igniuda im Inventar aus Versehen zu dieser statt zur 
folgenden Statue gerathen sein! Allerdings werden die Beine der »Ariadne« als antik angegeben. Vgl. 
zu n. 103. 

79 Aphrodite, 10 I'., ohne Arme, Beine neu (C). 

80 Herakles, 10 P., ohne ein Bein und Arme (C). — Pitti 33! 35? 

81 Athena, mit 1. Standbein, die R. auf einen am Boden stehenden Schild gestützt (nur in K). 



232 



Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 



Die Reliefs unter den mittleren drei Nischen auf dieser Seite sind nicht bekannt, da die 
Beschreibung in A fehlt; eine Andeutung erscheint in K. 

82 Oberhalb der grofsen Nischen: Relief: Zwei Niken und eine Kuh {Europa col toro et uri 
altra ßgura), 2X4 P. (C). Pigh. 46 (in horto Card, de la Valle). Jacques Bl. 42 v (a la Volle) in den 
Mel. d' arch. 1890 Taf. I (vgl. Geffroy S. l7off.). Wicar, Gal. de Flor. II Lief. 44 (im Gegensinne). 
Agincourt, //ist de l'art IV, 1, 23. — Uffizi 521. (In K ist statt dessen eine ganz andere Darstellung, 
mit einem knienden Manne in zahlreicher Umgebung, gezeichnet). 

83 Kopf, nat. Gr., mit bekleideter Brust (K C). 

84 Weiblicher Kopf, Über nat. Gr., mit Bruststück (6"). 

85 Kopf des Titus, nat. Gr., mit bekleideter Brust (C/). Dieser Kopf fehlt in C' und auch 
Aldrovandi spricht nur von tre belle teste antiche an dieser Stelle. 

8G Kopf des L. Septimius, mit bekleideter Brust (K C). 

87 Relief: Opferdarstellung mit Nike und drei Frauen, 2 X 4 P- (C> ' n A" statt dessen 
ein Löwenkopf, vgl. n. 65). 

88 Im Obergeschofs: Weibliche Gewandstatue, I2(?) P., ohne Arme (ABC, in A" ungenau, 
bärtig^. Vermuthlich Boissards Sabina uxor //adriani, abg. III, 147 (apud Cardinalem Vallaeuiii) mit der 
modernen Unterschrift Sabina Aug. (C/L, VI, 5, 3160*), oder desselben /ucilla Pompciani , abg. III, 150 
mit der modernen Unterschrift Lucilla Aug. (C/L. VI, 5, 3161*). 

00 Relief: Ein Tempel und 6 Figuren, iq X IO P- (A* C). Von einem öffentlichen Denk- 

mal. Cob. 38. Mon. med. d. /nst. V, 40 (unvollständig). — Villa Medici, Matz-Duhn 3511. 

91 Panzerstatue (Otho AB, Octavian C) mit einem knienden gefangenen Barbaren neben dem 
1. Fufs, 10 P., ein Arm fehlt (K ABC). Jacques (Geffroy S. 174). Cavall. III. IV, 92 (/»;/. in hortis 
Magni Dueis Etruriac). 

92 Relief: Stieropfer mit 8 Figuren, 6 X 6 P. (C). Von der Ära Pacis. Dal Pozzo-Frnnks 
(mit n. 73 und 94 verbunden). Mon. ined. d. /nst. XI, 36, 2 (nur das echte Stück), vgl. v. Duhn, Ann. 
1881 S. 3l6f. — Villa Medici, Matz-Duhn 3507. 

93 Herakles, nackt, mit dem Löwenfell im Arme, IO P., ohne Hände (ABC). Vielleicht die 
Statue bei Franzini, /concs BI./9 = Koma tnod., 1687, S. 56 (in virid. Car. Med.). 

94 Relief: Stieropfer mit 2 Figuren und einem Tempel, 6X6P. (C). Von der Ära 
Pacis. Windsor IV, 78. VI, 22. Dal Pozzo-Franks (s. zu n. 92). Perrier, /cones et segm. 45, danach 
S. Bartoli, Admir.' 44 = - 11. Mon. ined. d. /nst. XI, 36, 1. — Villa Medici, Matz-Duhn 3506. 

95 Panzerstatue (Hadrian AB, Marc Aurel C), 10 P., ohne Arme, Beine neu (ABC). 

9fi Relief: 5 Figuren und ein Tempel, 8 X 9 f. (C). Von einem öffentlichen Denkmal. 

Ann. 1852 Taf. S (unvollständig). — Villa Medici, Matz-Duhn 3512. 

97 Athena, bekleidet und bewaffnet, 10 P., ohne Arme (ABC, K undeutlich). Vgl. zu n. 53. 
Ober die grofsen Reliefs s. die Bemerkung hinter n. 74. Als Statuen dieser Seite nennt Boissard 

diejenigen Palladis (n. 97), Cybeles (n. 129), Phaethontis, Victoriae, Neptuni (n. 22?), Apollinis ex Battlio vcl 
Lydio lapide, //erculis Nemeacum suffocantis leonem (n. 31? 93?), Sabinae uxoris //adriani (n. 88 t), duaniiu 
Napaearum, unius Naiadis, Florae, et unius A/usae quae fistulam manu tenet. 

98 Ganz oben: FUnf(?) grofse Masken (vier davon in K sichtbar), vgl. n. 75. Aldrovandi 
erwähnt hinter n. 24 quattro gran masclure antiche di marmo, ebenso Boissard, der aufserdem am Schlufs 
der eingeschobenen Schilderung des Palastes Valle I bemerkt: ad laevam larvae ingentes lapideae conspi- 
riuntur, quales sunt in illo peristylio hortuli palatii Pontificum (Belvedere, s. Arch. Jahrb. 1890 S. 11 f.) 
Wahrscheinlich geht dies nicht auf die motte sorte di masclure in jenem älteren Palast (Aldrovandi S.217), 
sondern wegen der Anfangs- und der Schlufsworte auf unseren Statuengarten. Alte Stiche, aus einem 
Kupferwerk ausgeschnitten und dem Münchner Exemplar des Lafreri eingeheftet, geben unter anderen 
vier bärtige Masken in domo Vallensi: 

io. Bärtiger Satyr. 

11. Bärtiger Pan mit zwei Hörnchen über der Stirn. 

12. Bärtiger Satyr. 

19. Bärtiger Kopf, Ohren nicht sichtbar. 
Eine weibliche tragische Maske befindet sich in Villa Medici, Matz-Duhn 1653a. — Zwischen 
den Masken die Inschriften I — IV (oben S. 227). 



Die Sammlung della Valle, n. 82 — 118. 233 

In der Mitte des Statuengartens 
zeigt Ä' eine Anzahl noch nicht eingeordneter Statuen und ein paar sonstige Antiken. Auch noch 
Aldrovandi bemerkt: per tutto si veggono molti altri varii fragmcnti antichi, und Boissard: in area hortuli 
(ubi malt Medicae, Punicae et Cedri aliaeque arbores peregrinae consertae sunt) tabulae sunt marmoreae, in 
quibus Corybantum cum tympanis et tintinabulis incessus (n. II 6), Naiadum chori et Meleagri venatio (n. 59) 
incisa est, quae si bene notavi proxime accedunt ad numerum sexaginta. Hierunter werden wohl die 
22 Sarkophagplatten an den Seitenbeeten (n. 49 und 76) mitgerechnet sein. In C wird nichts mehr aus 
diesem Raum aufgeführt, der damals also ganz geleert gewesen zu sein scheint. 
Kenntlich sind in K etwa folgende Stücke (von links nach rechts) : 
99 Barbarenstatue, klein. Sie sieht viel barbarenmäfsiger aus als die beiden Statuen 4611.47. 

100 Athena, mit Helm, s. zu n. 53. 

101 Jüngling, klein, anscheinend mit 1. Standbein, gegen seine Linke niederblickend. Erinnert 
an den Idolino und seine Genossen. 

102 Jüngling, grofs, mit Stamm neben dem r. Standbein, etwa in der Art des belvederischen 
Hermes (»Antinoos«) ; schwerlich identisch mit n. 70. 

103 Frau (an der Säule hinten 1.), in der gewundenen Bewegung der sog. Ariadne (zu n. 78) 
ähnlich, aber ohne den (antiken) Baumstamm, der auch in Vicos Stich jener Statue fehlt. 

104 Athena (ebenda r.) mit Ägis und Helm, vom gleichen Typus wie n. 100; s. zu n. 53. 

105 Jüngling, um die Lenden eine Art Rock gegürtet, der seitwärts am (gebogenen) r. Bein 
geöffnet ist. Seltsam. 

106 Daneben: männlicher Oberkörper. 

107 Unter n. 105: Reliefplatte mit Andeutung zweier Figuren. 

108 Dahinter: Block (Sarkophagecke?) mit Reliefandeutungen an der Vorder- und der Nebenseite. 
109.10 Zwei weibliche Gewandstatuen. Vgl. zu n. 57. 

111 Viereckiger Grabcippus, anscheinend der des C. Fundanius Firminus Boissard IV, 54, 1. 
CIL. VI, 18721. — Florenz, Pal. Rinuccini, Dütschke II, 309. 

Von den zahlreichen Sarkophagen (vgl. 18. 34. 44. 49. 54? 56. 59. 76. io8i 132. 133.) be- 
hielten die Capranica elf nach Auswahl des Cardinais Medici zurück {Doc. ined. IV, 381). Von den 
in mediceischen Besitz übergegangenen läfst sich nur einer mit Sicherheit nachweisen: 

112 Musensarkophag. Cob. 164. Pigh. 174 {Card, de la Valle). — Villa Medici, Matz- 
Duhn 3273. 

Andre mögen ebendort oder in den Uffizien stecken, ohne dafs ihre Herkunft bekannt wäre. Auch von 
den in Palazzo Capranica zurückgebliebenen sind nur zwei sicher bezeugt: 

113 Marsyassarkophag. Cob. 155. Windsor X (XVIII), 98 {dal Sigr Ottavio Capranica). VIII, 
179. Gerhard, Ant. Bildw. 85, 2 (unvollständig). Vgl. Robert, Pasiphaesarkophag S. 13. — Pal. Bar- 
be rini, Matz-Duhn 3158. 

114 Todtenklage um ein verstorbenes Mädchen. S. Bartoli, Admir. 2 72 {in aedibus Capranicen., 
lim de Valle). Sehr ähnlich, wenn nicht identisch, Louvre459 (Clarac II, 153, 333, aus Villa Borghesc). 

Minder sicher lassen sich hierher einige verschollene oder in verschiedenen Besitz übergegangene 
Sarkophage rechnen, weil sie auch aus einem der anderen valleschen Häuser (s. hinter n. 189) stammen 
können. Nach der Zeit ihres Bekanntwerdens geordnet sind es folgende: 

115 Meleagrossarkophag. Cob. 99. Pigh. 218. Perrier 22 {in aedib. DD. de Valle). S. Bar- 
toli Admir. 1 77 = 2 69 (ebenso). Zoega 46. — Villa Albani 690. 

HG Hephästos Waffenschmiede und Waffenübergabe an Achilleus. Cob. 153. Pigh. 160. 
Jacques Bl. 47 (Valle, s. Geffroy S. 174). Windsor X (XVIII), 63. VIII, 75. Dal Pozzo-Franks. Ro- 
bert, Sark.-Rel. II, 21, 43. — Capitolinisches Museum, St. del Fauno 30. (Ob aus Pal. Valle I, wie 
die Panstatuenr) 

117 Bakchischer Sarkophag mit Löwenköpfen, Herakles, Ariadne. Cob. 142. Cambr. 23. 
Windsor X (XVIII), 20. VII, 22. Dal Pozzo-Franks n. 248 {di quei della Valle). Vgl. etwa Boissard: 
Corybantum cum tympanis et tintinabulis incessus. — Blenheim 3. 

118 Apollon in bakchischer Umgebung (Marsyast). Von 1. nach r.: Mann mit Fell, Flöte 
blasend (Marsyas }) ; Apollon im langen Gewände mit Kithara ; bekleidete Tänzerin ; tanzender Satyr 

Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. l8 



234 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

bekleidetes Weib; Satyr; bekleidetes Weib. Berolin. 8 (sozio scolpite di basso rilievo in torzto uzt pilo di 
mann» zielle case dello Italic, vgl. zur folgenden Nummer). 

119 Jagdsarkophag. Zwei Hunde um einen gestürzten Eber; zwei Reiter und ein Hund jagen 
einen Tiger; ein vom Pferd abgestiegener Greis wirft Steine gegen einen Tiger, der ein Pferd zerreifst. 
Windsor X (XVIII, um 1615 entstanden, s. Robert Pasiphaesark. S. ioff.), 55 (alla Valle). Die letztere 
Unterschrift weist ebenso wie die von n. 118 nicht unbedingt auf Valles als Besitzer, sondern kann sich 
auch auf irgend ein anderes Haus der Contrada della Valle beziehen, s. n. 197 ff. und besonders die 
Beischriften von n. 200. 

Über einige andere Sarkophage s. zum Schlufs. Nur fälschlich gilt für ein Sarkophagfragment 

120 Relief: Pferd, drei Krieger und Amazone, gewöhnlich auf den Amazonenkampf bezogen, 
nach der Untersuchung A. H. de Villefosses bei Geffroy S. 177 f. vielmehr ein Pasticcio aus mehreren nicht 
zusammengehörigen Fragmenten. Jacques bei Geffroy S. 176 ff. (apreso la Valle). Dann in Villa Borghese; 
vgl. hinter n. 189. Clarac II, 117, 230. Robert, Sark.-Rel. II, 23, 48. — Louvre n. 509. 

An die Halle am Ende des Statuengartens schlössen sich die Zimmer des oberen Stockes an 
(s. Boissard I; 42). 

Im Saal. 

121 Relief mit einer Frau (»Sabina«) und einem Manne mit Speer, nat. Gr., 8 X 4 F. (C). — 
Villa Medici, Matz-Duhn 4082. 

In anderen Zimmern. 

122 Zwei Köpfe, unterlebensgrofs, mit Bruststück (C). 

123 Weibliche Gewandstatue, nat. Gr., ohne Arme (C). 

124 Ähnliche Statue (Cf, fehlt in Cr). 

125 Aphrodite, nackt, nat. Gr., in der Mitte gebrochen, ohne Arme, Beine neu (C). 
12G Portrai tmedaillon, von orientalischem Alabaster; schwerlich antik (C). 

Höfe. 
Boissard : Multae videntur pilae lapideae striatae et sculptae pukhcrrimo artificio, quilms zneo tem- 
pore nonduzn erat locus adsigziatus. Das Inventar der beiden Höfe in C gewährt den Eindruck von 
Rumpelkammern; es wird genügen die Hauptsachen kurz zusammenzustellen. 

127 Kleiner Zeus, ohne Arme, Kopf neu. 

128 Frau (Demeter) mit Ähren in der Hand, nat. Gr. Etwa die bei Lafreri gestochene, s. zu 
n. 57. — Vgl. Poggio Imperiale 92. 95. 

129 Kybele, sitzend, kleiner Torso. Vgl. Boissard hinter n. 97. 

130 Weibliche Gewandstatue, nat. Gr., ohne Arme. 

131 17 Torsi, darunter ein Gladiator, 8 bekleidet, 5 nackt. 

132 Herme; vielleicht der Hermenschaft ohne Kopf mit der Inschrift E&pstir(?T){ Mvr)3oif./ti'j 'ASrj- 
vaToj Boissard VI, 45 (apiid Cardizialem Vallaeuni). F. Ursinus Imagines S. 23. CIGr. 6051. 

133 Desgleichen mit der Inschrift 'HsfcSo; A(ou 'Asxpoeio; Boissard ebenso. Ursinus S. 27. 
CIGr. 6058. 

134 3 (Cf: 5 Cr) grofse Masken, 4 P. Vgl. zu n. 98. 

135 3 Sarkophage, 8 — 10 P., zwei vollständige mit Reliefs, einer geriefelt. 

136 2 kleine Sarkophage, einer 10 P., con putli (Cf: col petto Cr) di rnezzo rilievo. 

137 Fragmente von Statuen und Sarkophagen, bozii a rascttare (Cf : et Cr) altre cose. 

138 Stück Relief mit einem Kopf, nat. Gr. 

139 Verschiedenes: Piedestale, Architekturfragmente, Marmorstücke. 

1 Maske, 2 Sarkophage, ein Piedestal verblieben den Capranica (Doc. izted. IV, 381). 
Hier mögen noch ein paar mit Reliefs und Inschriften geschmückte Monumente aus Pa- 
lazzo Capranica genannt werden, deren Äufseres wir durch Boissard kennen: 

140 Basis der scribae arznamentarii für Antoninus Pius. Boissard III, 135. CIL. VI, 999. — 
Capitolin. Museum. 

141 Basis des Fortunatus Aug. 1. Boissard III, 146. CIL. VI, 1887. — Uffizi. 



Die Sammlung della Valle, n. 119 — 158. 235 

142 Inschriftstein mit den Relief büsten des L. Antistius Sarculo und der Antistia Plutia, nebst 
Inschrift derselben Personen. Boissard III, 137. CIL. VI, 2i7of. Aus Palast IV (Bruto della V.) an 
die Capranica gelangt. — Der Reliefstein im Brit. Museum. 

143 Cinerar des P. Aelius Callinicus. Boissard III, 136. CIL. VI, 10655. 

144 Rundes Cinerar des Q. Minucius Felix. Boissard III, 145. CIL. VI, 22547. — Später in 
Villa Giustiniani vor Porta del Popolo (V. Borghese). 

IL DER PALAST VALLE-RUSTICI-BUFALO-(II). 

Das Verzeichnis beruht auf der Beschreibung Aldrovandis S. 212 ff. (A) und dem Inventar vom 
Jahre 1 584 (C r vollständiger als Cf). Boissard I, 42 f. (B) gibt auch hier zunächst seine eigenen Be- 
nennungen der zwölf Hauptstatuen, dann wiederholt er drei derselben, als ob es andere wären, unter 
theilweise anderen Bezeichnungen, und daran fügt er, wiederum ohne Angabe dafs es sich um dieselben 
Statuen handelt, Aldrovandis Beschreibung des ganzen Palastes ! 

Über dem Hauptthor. " 

145 Zeuskopf, grofs und schön, mit halbnacktem Bruststück (AB Cr). Entweder der Kopf in 
den Uffizi 272 (Overbeck, Kunstmyth. Taf. 2, 5. 6) oder der i>Giove Volle«, Capitolin. Museum, 
Gallerie n. 47 (Mus. Capitol. II, Titelbl., vgl. Overbeck, Kunstmyth. II, 77 n. 4. S. hinter n. 174). 

In der Eingangshalle zu ebener Erde. 

146 Zwei Köpfe (AB), nat. Gr., mit Bruststücken (<>)*). 

147 Kolossalkopf (AB) des Traian (C). 

Viele antike Fragmente (A), darunter vermuthlich, aufser verschiedenen Stücken von kost- 
baren Marmorarten (C) : 

148 Stück eines Pferde torso (C). 

149 Relief eines Schafes (C r , Stück davon in Giallo antico Cf). 
.150 Zwei kleine weibliche Torsi, ohne Köpfe und Arme (C). 

151 Zwei weibliche Torsi, nat. Gr., ebenso (C). 

Hof. 

152 Rechte Wand: »Gladiator«, nat. Gr., Arme und ein Bein fehlen (ABC). — Pal. Pitti 22? 
25? (Oeleingiefser, Chiari Statue di Fir. II, 7, 1. 2). 

153 »Dionysos«, nackt, die eine Hand mit einer Weintraube auf dem Kopf, mit der anderen den 
fruchtgefullten Schurz emporhebend; daneben ein schöner Hund (A: Tiger C); Kopf und Arme neu (C). 
Vielmehr ein Satyr mit Panther:» Chiari II, 4, 3. — Pal. Pitti 32. 

154 Herakles, auf einen Stamm (Block? Keule? tronco) gestutzt, mit einem Löwenhaupt (Fell?) 
an der Seite (A), nat. Gr., ohne Arme (6). — Pal. Pitti 33? 35 (Chiari II, 3, 2. 4)? 

155 »Dionysos«, nackt, mit Früchten im Schurz, den er am Halse trägt (A), ähnlich wie n. 153, 
mit dem Tiger, ein Arm neu (C). Wiederum ein Satyr: Chiari II, 4, 2. — Pal. Pitti 31. 

15G Linke Wand: Orpheus mit der Leier in der Hand (AB); Apollo, nat. Gr., ein Arm fehlt 
(CB). — Pal. Pitti 4? 

157 Dionysos, nackt, stehend, mit einem Hund zur Seite (A); klein, 6 P., vollständig, mit 
seinem Tiger (C). Vaccarius (Bacchus e marmore in area aedium Vallensium, ganz nackt, r. Standbein, 
r. Arm gegen den Panther gesenkt, in der halb erhobenen L. eine Schale). 

158 Schäfer (Pan?) auf einem Felsen sitzend, wie im Begriff zu blasen (A); junger Faun, 
blasend, vollständig, nur der Kopf neu (C); Alis pastor Idaeus sedens et Inflam fistulam (B). Daphnis 
aus der bekannten Gruppe. Heemsk. I, 26 v , d. De Rubeis (in viridario Magni Ducis Etruriae). Clarac 
IV, 726 B, 1736 F. Eine Schwierigkeit macht der Stich bei Vaccarius (in viridario Cardinalis de Medicis) 

*) Im Abdruck von Cr ist schlecht abgetheilt. Es inginocchiata [n. 170J. In sala: tre teste ... [n. 

mufs S. 381 Z. 14fr. heifsen: II mostro . . . putto 172 — 174]- So ist die Übereinstimmung mit 

fn. 168]. Sotto la loggia del detto cortile, su le A hergestellt. Ebenso gehören, wie Cf zeigt, 

duc forte: due teste . . . [n. 146]. In capo alla S. 378 Z. 26 die Worte L'altra facciata als Über- 

scala grande: quattro teste [n. 171]/ una flgura Schrift zum Folgenden. 

18* 



236 Michaelis, Römische Skizzenbücher nordischer Künstler. 

mit der Stecherbezeichnung Clurubinus al-Bertus fe. 1377, d. h. also sieben Jahre vor dem Verkauf der 
Statue an Mcdici; vermuthlich wird die Hauptunterschrift mit der Ortsbezeichnung später hinzugefügt 
worden sein. — Uffizi 232. 

159 »Dionysos«, traubenbekränzt, mit Früchten in der Hand, mit einem Hund neben sich (.4); 
ähnlich demjenigen n. 153 und n. 155 (C). Ebenfalls ein Satyr: MafTei, Raccolta 37 (negV Orti Medice!). 
Clarac IV, 701, 1658 (im Gegensinne). — Uffizi 124*). 

1G0 Rechte Schmalseite (frontispicio): Aphrodite, »nackt wie sie aus dem Schaum des Meeres 
entsprofs, neben sich ein Delphin mit Schaum im Munde« (A), nat. Gr., vollständig (C) ; hatte alii volunt 
esse Tethyn vel Galatheam (B). Die »medieeische Venus« s. Arch. Zeit. 1880 S. 13 ff. (Michaelis). — 
Uffizi 548. 

161 Ganymedes mit dem Adler, in der andern Hand einen Blitz, nat. Gr., vollständig, nur der 
Kopf neu (CB); »der Adler der G. raubt« (A). Vaccarius (in viridario Cardinalis de Medieis). Clarac III, 
408, 705. — Uffizi 115. 

162 Oberhalb dieser beiden Statuen, über einem Fenster (Vasari I, 109. Doc. ined. IV, S. V): 
Wölfin mit den Zwillingen, von Porphyr (ACr), von Aldrovandi und Vasari gepriesen. Cambr. 87. 
Cavall. I. II, 84 (in aedibus familiae a Valle). 

163 An den Gesimsen dieser Schmalseite: »viele schöne antike' Sculpturen mit vielen Greifen« 
(AB). Schwerlich die oben S. 225 Anm. 37 erwähnten Reliefs. 

164 Linke Schmalseite: Scipio Africanus (AB). 

165 Statue, non si sa chi sia (AB), 

Anstatt dieser beiden Statuen führt C, in theilweiser Übereinstimmung mit Boissards eigener Aufzählung, 
auf: 

K;6 Apollon, nat. Gr., vollständig, nur der Kopf neu (C); vgl. n. 156. 

167 Hermes mit Kerykeion, ganz antik, nat. Gr., eine Hand fehlt (C); Mercurius (B). — Pal. 
Pitti 98 (Clarac IV, 666 C", 1512A)? 

168 Darüber: Delphin, auf dem ein Knabe reitet (A); tnostro marino (Cr B). Vielleicht die 
Gruppe in Villa Borghese, stanza egiziaca (Beschr. d. St. Rom III, 3, 253 n. 1. Nibby, Mon. scelti di 
V. Borgh. S. 118)? Diese hat möglicherweise auf den unter Raffaels Beirath von Lorenzetto gearbeiteten 
Jonas der Chigikapelle in S. Maria del Popolo gewirkt (Springer, Raff, und Michelang. II, 115); bei 
Lorenzettos Stellung zum Cardinal della Valle scheint das der vorgeschlagenen Identificierung günstig 
zu sein. 

169 An den Gesimsen dieser Schmalseite: »Sculpturen mit Thieren und Knaben, die zu spielen 
scheinen« (AB). 

Oberes Stockwerk. 

170 Jüngling »in ein Knie gesunken, emporblickend, eine geballte Faust auf dem r. Schenkel, die 
andre Hand auf einen Block gestemmt, auf dem das Gewand liegt; gilt für einen Sohn Laokoons« 
(ABC). Offenbar ein Niobide, vermuthlich das eine Exemplar des in Florenz zweimal vorhandenen. 
Clarac IV, 585, 1265. — Uffizi 268. 

171 7 oder 8 Köpfe, nat. Gr., mit Bruststücken, z. Th. über den Thüren aufgestellt (ABC, vgl. 
Doc. ined. IV S. V); darunter im Einzelnen genannt: 

172 Büste des Antoninus Pius (AB). — Uffizi L02 f 

173 Büste eines Consuls (A), Bruti volunt esse (B). 

174 Büste der (jüngeren) Faustina, Gemahlin Marc Aureis (AB). — Uffizi 167? 

Die Nummern 145 — 147. 162. 168. 171 — 174 waren in den Verkauf mit einbegriffen, scheinen 
aber nicht sofort mit ausgeliefert zu sein (Doc. ined. IV S. V). Nur der Niobide (n. 170) ist mit ziem- 
licher Sicherheit in medieeischem Besitz nachweislich, die Wölfin von Porphyr (n. 162) dagegen ist ver- 
schollen und der Knabe auf dem Delphin (n. 168) vielleicht im Laufe der Zeit (schwerlich vor unserem 
Jahrhundert da er sonst wohl nach Paris gekommen sein würde) in borghesischen Besitz gelangt. Somit 
kann auch der capitolinische Zeuskopf, *il celebre busto detto il Giove della Valle, perche stava gia sopra 

*) Auf die n. 153. 155. 157. 159 beziehen sich Bacchus en des attitudes diverses aus den valle- 

vielleicht Jacques Zeichnungen von plusieurs sehen Sammlungen (Geffroy S. 174). 



Die Sammlung della Valle, n. 159 — 189. 2"$7 

la porta del Palazzo di qucsta nobile estinta famiglia romana vkino la Chiesa di S. Andrea detta pure della 
Valle, ove presentemente se ne vede uno di stucco« (Katalog des Museo Capitolino, 1750, S. 45) unsere 
no. 145 sein; vgl. jedoch unten n. 186. 

III. DAS HAUS VALLE MIT DEN PANSTATUEN (I). 

Aklrovandi S. 2l6f. (ausgeschrieben und in die Beschreibung des Palastes Valle -Capranica 
eingeschoben von Boissard I, 41 Z. 6 — 18). Zeichnung des Hofes bei Heemskerck II, 20. Kurze Er- 
wähnung bei Fichard S. 70. 

175 Im Hof: Die beiden Pane, bocksfüfsig, gehörnt, mit gefüllten Körben auf den Köpfen (./). 
Die vielleicht älteste Zeichnung in einem Sammelbande in Florenz (Laur. Ashburnham. n. 1174), der 
u. A. Vieles von Cyriacus, Bart. Fontis Brief über die römische Leiche vom J. 1485 u. s. \v. enthält. Da- 
zu die Erwähnung seitens eines (toscanischen?) Reisenden im Skizzenbuch Raphaels zu Holkham: in 
chasa Messer Lello della Valle diu Fauni 8 braccia l'uno, interi e saldi, fantacciatissimi, Hanno im 
ciestone di frutta per uno in chapo (Passavant-Lacroix, Raphdel, II, 521). Zeichnungen von Peruzzi 
(Siena) Bl. II. Heemsk. II, 20. l'igh. 6 {Card, de la Valle). Cambr. 57 (in a gentel mans plas right against 
la ualc). Windsor IX, 33. Cavall. I. II, 87 (in aedibus familiae a Volle). Vaccarius (in aedibus Vallen- 
sibus). Clarac IV, 725, 1738. Vgl. Fichard a. O., zu Heemsk. II, 20 und oben S. 222 Anm. 16. — Seit 
1734 im Hof des capitolin. Museums n. 5. 23. 

176 Flufsgottmas ke, Rundreliefs, Amazonenfries, 3 Sarkophage, s. zu Heemsk. II, 20. 

177 Relief: stierop fernde Nike, von einem Friese. Heemsk. I, 44? Cambr. 87, <5 (right against 
la ual, s. zu n. 175). Vgl. oben S. 225 Anm. 36. 38. — München Glypt. 206. 

178 Relief: Greif und Vase, von einem Friese. Cambr. 87, d, auf demselben Blatt wie n. 177, 
also wohl im selben Hause, doch s. n. 163. Vgl. oben S. 225 Anm. 37. — Louvre n. 754. 

In einem Zimmer: 8 Köpfe mit Gewand- oder Panzerbüsten (A); darunter: 

179 Julius Cäsar. 

180 »Milon von Kroton«. 

181 2 weibliche Portraitköpfc, ein Idealkopf. 

182 Geta. 

183 2 Knabenköpfe. 

184 Sonst im Hause: ungefähr 400 (über 40 B) kleine Köpfe von verschiedenen Steinarten, 
darunter viele Herakles-, Silen-, Pan-Köpfe und mancherlei Masken (A). 

18.") Die fasti Vallenses CIL. I S. 320 = VI, 2298. Später im Pal. Capranica, dann zerstreut; die 
obere Hälfte in Castelvetri bei Modena wieder aufgefunden, jetzt in Neapel, die untere verschollen. 

IV. DAS HAUS BRUTO DELLA VALLES (IV). 

Aldrovandi S. 221. Boissard I, 43 (Vallaeus Episcopus). Fabricius Antiq. monum. S. 114. 
18G Aufsen über der Thür: Schöner Kopf, angeblich des Zeus (A). Vgl. zu n. 145 und 
hinter n. 174. 

187 Im Hofe: Einige antike Fragmente, »eon una bella tavola marmorea variamente scolpita« 
(A), vermuthlich dem menologium rusticum mit seiner Sonnenuhr und den Zeichen des Thierkreises 
(ß), das schon Albertini S. 63V apud doimim Voll' erwähnt. Cob. 124. Jacques (GefiVoy S. 169). 
Lafrcri. Boissard III, 140fr. CIL. I S. 358 = VI, 2306. Verschollen. 

Unter den übrigen Inschrift steinen des Hauses (s. o. S. 222 Anm. 18) verdient nur hervor- 
gehoben zu werden: 

188 Cippus des Amemptus divae Aug. I., reich mit Fackeln, Kränzen u. s. w. verziert, unten an 
der Vorderseite zwei Kentauren mit Lyra und Flöten, auf deren Rücken Eroten sitzen. Escurialensis 
Bl. 25 (in Pisa [lies: casa] la valle). Pigh. 127 (Bruti de la Valle). Boissard III, 144. Clarac II, 185. 
186. CIL. VI, 11541. — Louvre 325 (Fröhner 373). 

189 Cippus: Mann auf einem Bette, mit drei Nebenfiguren. Pigh. 146 (Bruti de la Valle). 

Das Auftauchen des schönen Cippus n. 188 im Louvre legt die Vermuthung nahe, dafs das zu 
n. 69 angeführte Pasticcio und das gleiche n. 120, so sehr sie auch an Lorenzettos Antikenfabrication 
gemahnen, aus unserem Hause stammen könnten; vgl. jedoch n. 114. Ferner werden die Sarkophage 



2^8 Michaelis, Römische Skizzenbücher. Die Sammlung della Valle, n. 190 — 200. 

n. 115 und 117, deren Abbildungen noch im 17. Jh. dominos de Valle oder quei della Valle erwähnen, 
vielleicht auch n. 119, eher aus unserem oder dem vorigen Hause stammen; ebenso aus dem gleichen 
Grunde: 

190 Brunnenrelief: weinendes Mädchen, der von einer Wärterin die Füfse gewaschen 
werden. Windsor X (XVIII), 66. II, 66. V, 21. Perrier, Icones et segm. 31, danach S. Bartoli, Admir. 
1 73 = 2 59 (in aedib. DD. de Valle). Mon. Matth. III, 43,2. Zoega Bassir. 12. — Pal. Albani, Matz- 
Duhn 3579. 

Boissards signa et statuae multa vestutate et artificio laudandae beruhen wohl auf Verwechselung 
unseres Hauses mit Pal. II oder III. 

Keinem der vier Häuser vermag ich die folgenden Stücke mit Sicherheit zuzuweisen: 

191 Statue eines Mannes, mit 1. Standbein, in kurzem gegürteten Chiton und Chlamys, r. Arm 
gesenkt, im gebogenen 1. eine Schwertscheide (? antik?); Kopf fehlt. Die ganze Statue ist recht unge- 
wöhnlich. Berolin. Bl. 6 V (nello ualle). 

192 Bewegter Torso, ähnlich wie Bull, comun. 1880, Taf. 9f. Cambr. 42(pallase la ualle). 

193 Männlicher Torso, sitzend. Cambr. 45 (pallase la ualle). 

194 Muse, r. Standbein, 1. zurückgesetzt, langbekleidet, Mantel um Leib und 1. Arm; in diesem 
der Rest anscheinend vom Hörn einer Kithara. Kopf und r. Arm fehlen. Zur Stellung und Gewandung 
vergleicht Conze Clarac IV, 554, 1180. V, 912, 2322. Berolin. Bl. 46», zugleich mit: 

195 Muse, sitzend, vom Mantel umhüllt, Rest der Kithara auf dem 1. Schenkel; Oberkörper fehlt. 
Vgl. etwa Clarac III, 517, 1057. Berolin. Bl. 46» (von beiden Seiten). Unterschrift zu beiden Statuen: 
Queste sono nel cortile della ualle e questa (n. 195) e fatta in duoe uedute gl. (so, con /'?) instrumenti che resse. 

196 Relieffragment: L. Rest eines nach 1. in einem Sessel sitzenden Mannes; dahinter nach 1. 
stehende Frau im attischen Chiton mit Apogtygma und Mantel; ganz r. Jägerin (nach 1. gewandt) in 
kurzem gegürteten Chiton und Chlamys, hohen reichgeschmückten Stiefeln, mit Köcherband, die R. gegen 
die Schulter (den Köcher?) erhebend. Berolin. Bl. 72 (nello ua[lle]). 

Von diesen Stücken können n. 191 und 196 vielleicht nur in die Contrada della Valle, nicht 
zu einer der valleschen Sammlungen gehören (s. zu n. 119). Sicher gilt Letzteres von folgenden 
Stücken: 

197 Sitzendes Mädchen (»Venere alla Spina«), Uffizi 153. Skizzenbuch Raffaels in Holkham 
Bl. 34: In Roma. Anticho. Questa femina isla inchiusa in queste chamere dirimpetto me(sse)r Lello 
della Valle. S. Passavant-Lacroix, Raphael II, 521 n. kk. Conze Arch. Anz. 1867 S. 101* Anm. 2. 
Matz Arch. Zeit. 1873 S. 35. Also gegenüber dem Hause I (s. zu n. 175). 

198 Bakchischer Sarkophag, Villa Pamfili, Matz-Duhn 2343. Dal Pozzo-Franks: in casa 
della Sig(nor)a Faustina Alberini alla Valle. Bufalinis Plan verzeichnet das Haus der Albarinii in der 
Via della Valle; ein anderer Palazzo Alberini, von Giulio Romano erbaut, lag in der Nähe der Engels- 
brücke. 

199 Jagdsarkophag, Villa Pamfili, Matz-Duhn 2897. Cob. 229. Windsor X (XVIII), 50: 
alla Valle d' acqua uiua, 

200 Amazonensarkophag, Capitol, Pal. dei Conservatori. Cob. 207. Franchi (Turin) 101. 
Windsor X (XVIII), 77 (alla Valle da Magr Lita). 82 (ähnlich). 118 (alla Valle). Robert Sark.-Rel. 
II, 46, III. 

Ad. Michaelis. 

(Schlufs folgt.) 



SXOwvv^^ ,"^— ^ 




EIN DENKMAL DES SIEGES BEI MARATHON 

Es soll nicht länger gezögert werden, ein Denkmal wenigstens vorläufig 
bekannt zu machen, welches unter den neuen Funden der athenischen Akropolis 
vielleicht das gröfste geschichtliche Interesse bietet. 

In der Masse polychromer Marmortrümmer aus der Zeit vor dem Perser- 
brande, welche Anfangs 1886 westlich vom Erechtheion gehoben wurde 1 , fielen 
durch besonders reiche und wohlerhaltene Bemalung die zahlreichen Bruchstücke 
einer etwas weniger als lebensgrofsen Statue in knapp anliegendem gemusterten 
Gewand auf, über deren Bedeutung in Athen allerhand Vermutungen auftauchten. 
Im Sommer des folgenden Jahres gelang es Gillieron und mir, die meisten Frag- 
mente, bis zum linken Fufse herab, um ein Pferdevorderteil zusammenzupassen, dem 
sich ein bereits veröffentlichter Pferdehals und -köpf anschlofs 2 . Was wir damals 
zusammenfügten, gibt der Zinkdruck auf S. 241 nach Gillieron's Zeichnung wieder. 
Vermehrt um weitere Bruchstücke, die damals noch lose blieben — wie der rechte 
Fufs, den Petersen der schönen Nike zugewiesen hatte 3 — oder im weiteren Ver- 
laufe der Ausgrabungen hinzukamen, erscheint der Torso auf der autotypischen 
Wiedergabe seiner rechten Seite (S. 240) 4 . Ergänzungen meiner Aufzeichnungen ver- 

] ) Kavvadias 'Ecprjfx. cipy. 1886 S. 73 ff. Ant. Denkm. 

d. Inst. I 2, 1887 S. 8 zu Taf. 19. 
3 ) Museen v. Athen II Taf. 12, 'EcpTj|j.. dp/. 1887 

Taf. 2 (Sophulis). Über die Zusammensetzung 

habe ich Wochenschr. f. kl. Phil. 1887 S. 966 kurz 



■*) Er trägt im Akropolismuseum die Nr. 606. 



berichtet, vgl. »Theoxenou« (Doublet), Gaz. arch. 
1888 S. 38 f. — Dafs die Reste einem Reiter 
gehören, hatte, wie ich nachträglich erfuhr, schon 
Wolters gesehen. 
••*) Ath. Mitth. XI 1886 Taf. 11 C 2 . S. 382 f. 



240 



Studniczka, Ein Denkmal des Sieges bei Marathon. 



danke ich Botho Graf. Nach ihm sind etwa fünfundzwanzig Fragmente zusammen- 
gefügt zu der Höhe von 108 und der Breite von 70 cm. 

Der Stein ist 
ziemlich grobkörniger 
Inselmarmor 5 . Wie die 
meisten archaischen 
Sculpturen war auch 
unser Reiter nicht aus 
einem Stücke gearbei- 
tet. Angefügt war der 
linke Unterschenkel 
ganz , vom rechten 
etwas mehr als die 
Hälfte. Die Ansatz- 
flächen sieht man noch 
an zwei losen Bruch- 
stückchen 6 , welche 
beiderseits der Fuge 
am rechten Bein, in 
Wade und Schienbein 
statt der jetzigen_Gips- 
füllung einzufügen 

sind. Eines von die- 
sen Fragmenten und 
der Bruch am linken 
Knie zeigen nochReste 
der zur Befestigung 
dienenden Stiftlöcher, 
welche gewifs, wie üb- 
lich, Marmorpfropfen 
verschlossen 7 . An der 
linken Hüfte waren die 
von Gillieron gezeich- 
neten drei gröfseren 
runden Zapfenlöcher 
zu erkennen, von denen 
jetzt nur das unterste von der Ergänzung mit Gips verschont geblieben ist (30 mm 
tief, 14 mm breit). Das oberste, im Bruche des Rumpfes, wird nach seiner Höhen- 
lage der Anstückung des linken Arms gedient haben, soweit er frei ausgearbeitet 

5 ) Lepsius, Marmorstudien S. 73, 49. 7 ) Vgl. bes. Lechat, Bull. corr. hell. XIV 1890 

6 ) In der Vitrine Zimmer IV Südecke der Ostwand. S. 350 ff. Ant. Denkm. d. Inst. I 2, 1887 S. 9 

zu Taf. 19. 




Studniczka, Ein Denkmal des Sieges bei Marathon. 



24I 



war; seine Hand freilich mufs wohl durch die abgebrochene viereckige Stütze am 



X 




Anfang des linken Oberschenkels unmittelbar mit dem Torso zusammengehangen 
haben. Die beiden anderen Löcher, in den zwei Winkeln am unteren Bruche der 



2A2 Studniczka, Ein Denkmal des Sieges bei Marathon. 

linken Hüfte schräg nebeneinander sitzend, können füglich nur von der Befestigung 
eines gröfseren Attributs herrühren. Auch ohne den Vergleich der gleichartigen 
Anstückung bei den aiginetischen Bogenschützen 8 wäre nicht zu bezweifeln, dafs es 
der Köcher war, von dem sich das in der Zeichnung (4) beigefügte, beiderseits ge- 
brochene Stück, 23 cm lang und 75 mm dick, erhalten hat; sein Muster gleicht, 
ausgenommen die Farbenzusammenstellung, genau dem der Hosen. Mit der Be- 
festigung des Köchers könnte es zusammenhängen, wenn nach Graf der Rocksaum 
an dieser Hüfte in flacherem Relief absetzt als an der anderen 9 . Doch beobachtete 
er dieselbe Ungleichheit auch an den Füfsen: der linke zeigt eine kaum bemerk- 
bare Andeutung des Schuhsohlenrandes gegenüber deutlicher Modellierung des- 
selben am rechten, und die Sohlenfläche des letzteren ist von feinerem Umrifs: 
auch die Maafse der Unterschenkel unterscheiden sich merklich 10 . Einen tieferen 
Grund wage ich aber für diese leichte Vernachlässigung der linken Seite kaum zu 
suchen, zumal die Bemalung ganz gleichmäfsig durchgeführt war. 

Diese reiche Bemalung, welche fast alle der archaischen Marmorplastik zu 
Gebote stehenden Farben 11 vereinigt, deuten im Wesentlichen die von Gillieron 
seiner Zeichnung beigegebenen Detailskizzen des Rock- und Hosenmusters (2 und 3) 
so wie die nach Grafs Angaben vervollständigte des Köchers (4) an, mittelst ver- 
schiedener Schraffierung, deren Farbenwerte die daruntergesetzte Scala angibt 12 . 
Hinzuzufügen ist Folgendes. Der diagonale Mäander, welcher die Jacke am unteren 
Saum und umbiegend auch am Brustschlitz einfafste, ist dunkelgrün, d. h., wie man 
gegenwärtig annimmt, ursprünglich blau 11 mit rotem Rand an den Zwickeldreiecken. 
Rot sind ferner die Schuhe und die Stütze der linken Hand, wie auch sonst Mar- 
mormassen von blofs technischer Bedeutung 13 . Die rauh gearbeitete Leiste des 
Köchers ist grün. In der mittleren Rautenzone desselben glaubte Graf mit ziem- 
licher Bestimmtheit Spuren des Goldokers, mit dem die Haare einiger archaischer 
Bildwerke bemalt sind 14 , rechts davon, wo Gillieron das Violett der linken Zone 
wiederholt, von blauer Farbe zu erkennen. Das Muster ist hier und am Gewände 

8 ) J. M. Wagner, Bericht Über die aegin. Bildwerke nochmals zur Erwägung der Wochenschr. f. kl. 
S. 52; Brunn, Glyptothek 5 S. 69. Phil. 1887 S. 765 geäufserten Frage auffordern, 

9 ) Rechts i'/ä. links nicht ganz I mm. ob nicht dieser auch für Waffen, Armbänder und 
10 ) Vom Knie bis zum Knöchel r. 34 cm 1. 37, bis andere Metallgegenstände angewandte Überzug 

zur Sohle r. 41 1. 42, umgekehrt Fufslänge r. als Oxydationsproduct eines wesentlich aus Kupfer 

(wo die Ferse abgesplittert) cc. 23, 1. 20. Ich bestehenden falschen Blattgolds aufzufassen 

füge gleich bei, dafs nach Graf der Oberschen- ist. Über dessen Anfertigung sollen sich in 

kel 48 cm lang, der Rumpf am Gürtel 28 br., frühmittelalterlichen Kunstbüchern Anweisungen 

21 tief ist. finden. 

") S. darüber bes. Wolters, Ant. Denkm. d. Inst. '-) Eine farbige Wiedergabe der auch hier rasch 

I5 1890 S. 48 zu Taf. 53 und Lechat, Bull. verbleichenden Bemalung hoffe ich mit Gillieron' s 

corr. kell. XIV 1890 S. Söoff., gegen den unser bewährter Hilfe später zu geben. 

Marmor, unter anderen, die Existenz der grünen 13 ) So die Stützen der Pferdestatuetten der Akro- 

Farbe erweist; ihre dunkle Nuance freilich scheint polis Wochenschr. f. kl. Phil. 1887 S. 966 (Ath. 

hier wie so oft aus dunkelblau entstanden, wie Mitth. XII 1887 S. 144, Gaz. arch. 1888 S. 38). 

zuerst Gillieron 'Ecprjf*. dpy. 1883 S. 95, 3 ange- ") Rom. Mitth. III 1888 S. 290,48. Lechat, Bull. 

nommen hat. Doch möchte ich die Kundigen corr. lull. XIV 1890 S. 562 f. 



Studniczka, Ein Denkmal des Sieges bei Marathon. 243 

mit schwarzen Strichen vorgezeichnet. Die Pferdemähne ist an der Oberfläche 
dunkelgrün (blau), in den dreieckig vertieften Rillen rot. Die Bemalung des Pferde- 
auges hat sich nur rechts erhalten. Der schmale innere Streif der Lider ist rot, 
der Augapfel zur Erhöhung der Schattenwirkung schwarz umrissen, ebenso die rote 
Iris, während die Pupille jetzt weifs ist 15 . Sonst blieb das Pferd weifs und verhalf 
selbst hier der Marmorfarbe zu überwiegender Geltung 1 ". 

Die Bemalung wurde durch Bronzezusätze ergänzt, welche ursprünglich 
gewifs in heller Goldfarbe erglänzten. Den Verschlufs der Halbstiefel bezeichnen 
je drei Knöpfchen, deren formlose Oxydflecken nicht für weitere Bemalung zu halten 
sind. Auf einen aus Bronze eingelegten Gürtel wurde mit Recht daraus geschlossen, 
dafs sich in der rechts erhaltenen Furche die Muster des Rockes fortsetzen 17 . Reste 
des Kopfriemens haften in dem runden Loche, welches hinter den Ohren den Ansatz 
der Mähne quer durchbohrt; er war, wie es scheint, aus Drahtfäden zusammengesetzt 
(geflochten?), deren einer früher, wie es die Zeichnung festhält, weit aus dem Loche 
hervorstand. Aus einem runden Bohrloch auf dem Scheitel ragte senkrecht der 
jetzt abgebrochene und etwas verbogene Bronzestiel von quadratischem Durchschnitt 
empor. Es scheint mir klar, dafs er keinen der Wirklichkeit entsprechenden Pferde- 
schmuck 18 oder Haarschopf, dessen Befestigung oder Zusammenhang mit der 
übrigen Mähne deutlich gemacht wäre, sondern nur einen [«jvirjxoi oder eine andere 
Vorrichtung zur »Vogelabwehr« getragen haben kann 19 . — Während die beiden 
besprochenen Metallzusätze unserem Pferde mit den zwei kleineren Marmorpferden 
der Burg 13 gemein sind, besafs es einen besonderen ehernen Stirnschopf. Seine 
bürstenähnliche Construction veranschaulicht die unserer Zeichnung beigefügte Skizze 
der Stirnfläche der Mähne von Graf (1), dem ich auch Vervollständigungen der Be- 
schreibung verdanke 18 . Die obere Hälfte dieser Stirnfläche ist abgesplittert, wohl 
von den Schlägen, mit denen die Bronzeansätze der unteren entfernt wurden. In 
den drei Reihen von Bohrlöchern safsen eilf Büschel zu fünf Blechstreifen von 7 mm 
Breite und 1 mm Dicke, welche sich gewifs zu einem vornüberfallenden Schöpfe ver- 
einigten, wie ihn am ähnlichsten ein unediertes Relief der Akropolis 20 und streng 
rotfigurige Gefäfse zeigen 21 , nur dafs in den meisten Fällen die Mähne auch noch 
weiter hinten, durch den Kopfriemen, gespalten ist. 

,5 ) Auch die Beschreibung des Auges gebe ich zu- *) Friederichs- Wolters Nr. 98, Photogr. beim In- 

meist nach Graf. stitut: Arch. Anz. 1891 S. 78, 167. Die mir 

1C ) Wie Lechat Bull. corr. hell XIV 1890 S. 563 l geäufserte Vermutung, der Pferdekopf gehöre zu 

bemerkt. demselben Denkmal wie die Wagenbesteigende, 

") Den Schlufs hat Winnefeld, Ath. Mitth. XIV werde ich zu erwägen haben, wenn ich den 

1889 S. 47 ausgesprochen, den Grund mir Graf Nachweis versuche, dafs dieses und die zugehö- 

mitgeteilt. rigen Bruchstücke zur Basis des kleisthenischen 

18 ) Vgl. [Doublet] Gaz. arch. 1888 S. 83f., der von Viergespanns gehörten. 

diesen Dingen bisher am genauesten gehandelt -') Vgl. z. B. schon Euphronios, Geryoncusschale, 

hat. dann aber besonders den etwas spateren Pferde- 

i9 ) Vgl. Petersen, Ath. Mitth. XIV 1889 S. 233ff., typus der Dokimasicschale Berlin Nr. 2296 oder 

Lechat, Bull. corr. hell. XIV 1890 S. 337ff. Man. Gr. de l'assoc. etc. lieft 14 — 16 Taf. 5. 6. 



244 Studniczka, Ein Denkmal des Sieges bei Marathon. 

Nach Betrachtung des Erhaltenen suchen wir uns das einstige Ganze zu 
vergegenwärtigen und zu erklären. Das gedrungene kurzmähnige Reitpferd, dessen 
Typus ganz mit den schönen Rossen aus der Blüte der strengen Vasenmalerei mit 
roten Figuren übereinstimmt und nichts mehr von der Geziertheit bewahrt, mit der 
die gleiche Rage etwa von Exekias und auf ihm nahe stehenden Grabstelen be- 
handelt wird 22 , geht, den linken Vorderhuf voransetzend, streng versammelt im 
Schritt. Unter seinem Leibe hat auch hier die übliche runde oder prismatische 
Stütze'-' 3 gewifs nicht gefehlt. Darauf sitzt, weit nach vorne geschoben und mit 
spitz herabhangenden Füfsen, eine schlanke Reitergestalt. Über die Beschäftigung 
ihrer Arme läfst sich vorerst nichts Bestimmtes sagen. Die Stütze links am Schoofse 
würde sehr wohl zu der Annahme passen, dafs auch hier, wie gewöhnlich, die 
linke Faust den Zügel führte. Der anderen Hand wäre dann, entsprechend dem 
Köcher an der Hüfte, der Bogen zu geben, welcher aber, seiner Handhabung ge- 
mäfs, besser in die Linke pafst. Das bunte Gewand — die vorn offene und mit 
metallenem Gurt, der ein Seitengewehr getragen haben kann, zusammengehaltene 
Jacke, schuppenförmig bemalte und mit dem quergestellten Mäander, einem alt- 
orientalischen Motiv 23 , umsäumt, die eng anliegende, rautenförmig gemusterte Hose 
und die schmiegsamen Knöpfeistiefletten aus feinem roten Leder — ist die ausführ- 
lichste Darstellung des barbarischen Costums, welches die Vasenmaler derselben 
Zeit an Amazonen und Troern, an persischen, äthiopischen, wohl auch skythischen 
Schützen mit besonderer Vorliebe darstellen, indem sie das vornehmlich charakte- 
ristische Rautenmuster in ihrer Technik leichter zugängliche Zickzacklinien oder 
-binden auflösen 2 *. 

In diesem Kreise ist die Bedeutung der Statue zu suchen. Mein erster Ge- 
danke war der an eine Amazone 25 , wie sie in einer Gruppe des Kydoniaten Aristokles 
gegen Herakles anritt 26 und wie sie sich, nach einem bekannten Bildtypus des fünften 
Jahrhunderts dem Theseus gegenübergestellt 27 , sehr wohl als Weihgeschenk der Akro- 
polis aus der Zeit kurz vor Mikon denken liefse. Aber abgesehen davon, dafs die 
völlig ruhige Haltung des Reiterbildes in keine Kampfdarstellung pafst, wurde diese 
Annahme alsbald beseitigt durch die zuerst von Wolters ausgesprochene Wahr- 
nehmung, dafs der Künstler durch starke Erhebung der Schamgegend, welche auch 
die Abbildungen hervortreten lassen, das männliche Geschlecht des Reiters deutlich 
ausgedrückt hat, wie es auch an der Statue eines reich bekleideten Mannes auf der 

22 ) Wiener Vorlegebl. 1888 Taf. 6, 3a; Conze, nicht mit Brunn, Certosa S. 54 als Kennzeichen 
Grabreliefs I Taf. 9, 8; vgl. Löschcke, Ath. späten Ursprungs anzusehen ist; vgl. Wochenschr. 
Mitth. 1879 IV S. 290. f. kl. Phil. 1887 S. 966. 

23 ) Böhlau, Jahrbuch III 1888 S. 348. ■') Wochenschr. f. kl. Phil. 1887 S. 966; ebenso 
'-*) Das bemerkt Winnefeld, Ath. Mitth. XIV 1889 Lechat Bull. corr. hell. XIV 1890 S. 325; 563,4. 

S. 47, gelegentlich der Alabastra mit Negerdar- !6 j Paus. 5, 25, II; über die Zeit des Werkes Zu- 
stellungen, über deren Alter Bethe ebenda XV letzt, aber nicht abschliefsend , Sauer, Anf. d. 
1890 S. 243ff. zu vergleichen. — Unsere Marmor- stat. Gruppe. S. 55. 

Statue beweist gleichfalls, dafs das Auftreten des 27 ) Einige Beispiele bei Benndorf , Heroon von 

Barbarencostums auf streng rotfigurigen Vasen Trysa S. 155 ff. 



Studniczka, Ein Denkmal des Sieges bei Marathon. 24 ? 

Akropolis zu bemerken ist 28 . Auch die troischen Bogenschützen, welche in dieser 
Zeit das gleiche Gewand tragen — der aiginetische Paris 29 ist, vielleicht bis auf das 
Schuppenmuster des Rockes 30 , der nächste plastische Verwandte unseres Reiters — 
sind ausgeschlossen, denn sie kämpfen nicht zu Pferde. Wir haben also einen 
barbarischen Hippotoxoten der Wirklichkeit vor uns. Aber ist es ein Skythe oder 
ein Perser? Die Trachten dieser stammverwandten Völker hat nämlich die attische 
Kunst, vielleicht von der Kopfbedeckung abgesehen, nicht unterschieden :u . Nun 
hielten zwar bekanntlich an Dipylongräbem des vierten Jahrhunderts knieende 
Marmorskythen Wache 32 und man wird sich der Überzeugung nicht verschliefsen 
können, dafs lange vor der kimonischen Zeit in Athen skythische Truppen dienten 33 . 
Aber ist ein Anlafs denkbar, aus dem Athener der Perserzeit solch prächtiges 
Standbild eines dieser bewaffneten Sklaven der Burggöttin darbringen konnten? 
Nein, es ist ein Perser, genau der Beschreibung Herodots entsprechend, deren mifs- 
verstandenen und angezweifelten Wortlaut die Bemalung der Statue authentisch 
erklärt: iwpl 3s xö atöfjwe xiö&va; ^sipiScuxou; tcoixiXou?, XsniSo; <ji8r / ps'rj? o<|uv tyfloo- 
eiösos, Jtspl 8s -zu axsXsa dva&pßac 34 ; ein Perser, wie ihn etliche zehn Jahre später 
Duris auf der Schale Faina gemalt hat 35 , ähnlich bis zu den geknöpfelten rispaixott 30 
herab — die er nur noch genauer, bis zu den auf persischen Darstellungen wieder- 
kehrenden Schlitzen 37 , nachgebildet hat — , jedoch bereichert um einen Griechen- 
panzer, den auch einige von den erwähnten Negerdarstellungen 24 dem Barbaren- 
costum beifügen. Und diese Statue, welche die Barbaren im Jahre 480 mit beson- 
derem Ingrimm, wie es scheint, so zertrümmerten, dafs die erhaltene Hälfte aus etwa 
dreifsig Stücken zusammengefügt werden mufste, was kann- sie anderes gewesen sein, 
als eine Weihegabe für den ein Jahrzehnt vorher errungenen glorreichen Sieg, in 

26 ) Erwähnt von Miller, Amer.yourn. of arch. 1886 Mitth. II 1887 S. 187; sie erscheinen auch noch 

S. 63, Heibig, Hom. Epos 2 S. 180. auf den Darstellungen aus der Krim, Antij. du 

29 ) Ein troischer Gegner der Aiakiden bleibt diese Bosph. Gm Taf. 33 (Schreiber, Bilderatlas Taf. 
Figur, auch nachdem Furtwängler, Lex. d. Myth. 38, 11). 

I S. 2153, durch die zwingende Ablehnung des 32 ) Sybel, Kat. Nr. 262. 263, Hermes XX 1885 
Namens Herakles für den Bogenschützen des Ost- S. 54 ff. Die Zeitbestimmung hat mir A. Brück- 
giebels der bisherigen Einzeldeutung der Aigne- ncr gegeben, 
ten den Boden entzogen hat. 33 ) So zuletzt Wernicke, Hermes XXVI 1891 S. 64 ff. 

30 ) Hittorf, Rev. arch. XI 1854 S. 357, angeführt Wenn ihm O. Hirschfeld, Rom. Sicherheitspolizei, 
von Brunn, Glyptothek 5 S. 73*; vgl. Friede- Sitz.-Ber. d. Berl. Akad. 1891 XXXIX S. 847, 2, 
richs -Wolters S. 35. widerspricht, so übersieht er doch wohl die 

31 ) Die Tracht der skythischen Polizei ist in dieser Anm. 29 erwähnten Heraklesdarstellungen. 

Zeit nur durch den Herakles des Brygos (Wie- 3< ) Herodot 7, 61, wo noch Stein den Schuppen- 

ncr Vorlegebl. VIII Taf. 6) und der Giganten- panzer wörtlich, nicht bildlich nehmen will, 

schale Berlin Nr. 2293 bekannt. Dagegen ist was ihn zur Annahme einer Lücke führt. 

der Hippotoxot der Dokimasieschale Berlin Nr. M ) Jahrbuch III 1888 Taf. 4 S. 139fr., wo Löwy 

2296 nach seiner Gesichtsbildung und Kopf- die sonstigen Perserdarstellungen verglichen hat. 

bedeckung gewifs kein Speusinier, wie Körte und 3C ) Lechat, Bull. corr. hell. XIV 1890 S. 325 ist 

Furtwängler annehmen , er steht vielmehr der an dieser Benennung der Schuhe unseres Reiters 

heimischen Reiterei der Aufsenbilder als Vertre- dicht vorbei gekommen. 

ter des Nationalfeindes gegenüber. Über die 37 ) Z. B. Perrot-Chipiez Hist. de l'art S. 545; 810; 

spitzen Mützen der Skythen vgl. Dümmler, Rom. Taf. 12 vor S. 819 u. s. w. 



2a6 Studniczka, Ein Denkmal des Sieges bei Marathon. 

dem die Athener 7:pröToi dvfo^ovto isft^Tot ts MrjBixfjV opsov-s? xal tou? ä'vopa? taotijv 
TjaftojjAsvou; 3 "? Man wende nicht ein, dafs bei Marathon die Reiterei nicht ins Treffen 
kam; Hippotoxoten waren doch die typischen Vertreter der furchtbaren Barbaren- 
macht 39 und ganz gefehlt haben Berittene gewifs auch bei Marathon nicht, wenig- 
stens den Feldherren wird man den Fufskampf nicht zumuten. Einen solchen würden 
wir hier auch sonst am ehesten vermuten, wie vor der Perserhalle zu Sparta Mar- 
donios stand 40 , und dem widerstreitet Köcher und Bogen nicht, die ja selbst der 
Grofsherr auf seinen Münzen führt. Daneben wird er auch an seinem Bronzegurt 
den dxivatxij; geführt haben, das sY/stpiotov ratpä zhv Se£i6v [iiijpov raipcfKDpsuixsvov ix 
-Tj? Ciuvr,? 41 . 

Eine ungeahnt schöne Bestätigung dieser meiner alten Folgerungen hat ein 
neuer Fund gebracht, der Teller des Ashmolean-Museum in Oxford, welcher als 
Titelbild, nur leider ungenügend wiedergegeben, Klein's Vasen mit Lieblingsinschriften 
ziert 42 . Hier sehen wir, was die neue, nach Photographien, die wir den Herren Evans 
und P. Gardner verdanken, hergestellte Abbildung über diesem Aufsatz nachzuprüfen 
gestattet, nicht etwa einen ähnlichen, sondern in allem Wesentlichen unseren Perser- 
reiter dargestellt, soweit man von einem Vasenmaler dieser Zeit genaue Wiedergabe 
eines plastischen Vorbilds erwarten kann. Auch hier geht das Pferd im ruhigen 
Schritt einher, nur dafs es mit dem rechten Vorderhuf ausschreitet und den Kopf 
etwas höher hebt; es hat den abgesonderten Stirnschopf, nur setzt es, nach Art der 
älteren rotfigurigen Vasen (S. 243) weiter hinten ab. Der Reiter schiebt die Füfse 
ebenso weit und spitz vor, nur sitzt er weiter zurück und ist etwas kleiner geraten. 
Die Linke führt, wie wir^schon vermuteten, den Bogen, die Rechte den Zügel. Der 
Oberkörper ist stilgemäfs aus der reinen Profilstellung des Rundwerks herausgedreht. 
In der Tracht entsprechen die rhombischen Flämmchen der Jacke leidlich den 
Schuppen, die Zickzacklinien am Beinkleid sehr gut dem Rautenmuster der Statue. 
Dafs die Hose hier, wie auch in anderen Vasenmalereien, nicht prall anliegt, ist 
wohl die Berichtigung eines Fehlers der überhaupt, im Hinblick auf die authentischen 
persischen Darstellungen, nicht allzu hoch anzuschlagenden Costumtreue des Mar- 
morwerks, eines Fehlers, welcher überdiefs bewufst und berechtigt erscheint, wenn 
man sich die breiten Röhren des Vasenbildes in fast lebensgrofse Plastik übersetzt. 
Entscheidend für die Abhängigkeit des Tellers von dem Standbild scheint mir end- 
lich der Köcher: getragen nach Art des breiten barbarischen, auch den persischen 
Bildwerken geläufigen Gorytos hat er dennoch hier wie dort die schmal cylindrische 
Form des griechischen Köchers. So dürfen wir das Vasenbild getrost zur Ergän- 

38 ) Herodot 6, 112. raolean geplant. Klein hat nicht versäumt, auf 

39 ) Das hebt auch Klein, Lieblingsinschriften S; 14 unseren Torso hinzuweisen und meine Deutung 
hervor. desselben als bekannt vorausgesetzt. Dem Ver- 

40 ) Pausan. 3, II, 3. suche Klein's, den Miltiadesteller gegen die Er- 

41 ) Herodot 7, 61, vgl. Perrot - Chipiez V S. 79&(- gebnisse der auf die Funde des Perserschutts ge- 
843 u. s. w. gründeten reformierten Vasenchronologie auszu- 

4i ) S. 47 f. und 14 fr".; eine bessere Abbildung des nützen, gedenke ich in der D. Litt.-Ztg. zu ent- 

Ganzen wird für P. Gardner's Katalog des Ash- gegnen [1891 S. 1576]. 



Studniczka, Ein Denkmal des Sieges bei Marathon. 247 

zung des Torsos verwenden, zunächst was die Beschäftigung der Hände anlangt. 
Die Kopfbedeckung, der weiche Tiaras, den Herodot als icTXo« ära-^; erklärt, wäre 
auch sonst mit Sicherheit aus den gleichzeitigen Vasenbildcrn zu entnehmen 43 . Über- 
raschend aber ist zunächst das bartlose jugendliche Gesicht des mutmaafslichen Per- 
serfeldherrn, jedoch nur, bevor man sich erinnert, dafs der eine von den Führern 
bei Marathon, Artaphernes, ein jugendlicher Neffe des Dareios war 44 . Seinen Namen 
wird, nach Art der anderen historischen Denkmäler jener Zeit, das Bathron ge- 
nannt haben. 

Und mit dem marathonischen Siege wird unser Denkmal urkundlich ver- 
knüpft durch die Umschrift seiner Nachbildung: MlUTIAAjJS KAK3S, welche den be- 
rühmten Mann natürlich nicht als schönen jungen Cavalier, sondern als, sieggekrönten 
Feldherrn feiert 45 . Beide Bildwerke mit ihrer fast bewundernden Darstellung des 
prächtigen Feindes sind beredte Zeugen der siegesfrohen Stimmung gleich nach 
der leichterkämpften Befreiung, von der Plutarch im Themistokles 3 sagt: ot p.sv -(«p 
äXkm Trspa? tpov-o tou 7roX£[i.ou ttjv Iv MapocfKüvt xüiv ßotpßs'ptov YjTxotv elvai, 0s[u<jtoxX7Js 6s 
ap^v [xsiCovtov aytoviuv, während die jüngeren Perserbilder des Duris, der im Fliehen 
schiefsende Reiter 35 sowohl als auch besonders der kläglich niedergeworfene Stan- 
dartenträger " eine spöttische, ja höhnische Auffassung verraten, eine natürliche Folge 
der schwereren Kämpfe gegen Xerxes. 

Kunstgeschichtlich wertvoll ist somit unsere Perserstatue als eines der am 
genauesten datierten griechischen Bildwerke. Um so tiefer ist ihre trümmerhafte 
Erhaltung zu beklagen, welche zu stilistischer Vergleichung wenig Gelegenheit läfst. 
Auch das, was noch am ehesten in gröfserem Zusammenhange zu betrachten wäre, 
die Pferdebildung, möchte ich nicht weiter erörtern, bevor ich die oben mehrfach 
herangezogenen Statuetten der Akropolis 13 und andere unedierte Bildwerke zur 
Vergleichung daneben stellen kann. Die nahe Verwandtschaft des Werkes mit der 
gleichzeitigen attischen Vasenmalerei dürfte zur Genüge betont worden sein. Sie 
wird Vielen ausreichend erscheinen, um auf attische Herkunft des Künstlers zu 
schliefsen, welche schon die politischen Verhältnisse der Zeit nahe zu legen scheinen. 
Doch möchte ich die Möglichkeit nicht unerwogen lassen, ihn unter den Aigineten 
zu suchen, deren Kunst ja mit den gleichzeitigen attischen Vasen auch Berührungen 
genug hat 47 . Dafs trotz der Totfeindschaft der beiden Staaten die Hauptmeister 
der Insel, Kalon und Onatas, vor dem Perserbrand in Athen arbeiteten, haben In- 
schriftfunde der Akropolis gelehrt. Die Aigineten waren in dieser Zeit die ge- 
suchtesten Meister der Pferdebildnerei und auch die Standspuren der Onatas-Basis 
sind am leichtesten auf ein kleines Bronzereiterchen mit der Schrittstellung unseres 



43 ) Löwy, Jahrbuch III 1888 S. 141 f., vgl. Anm. 29. Jahrbuch II 1887 S. 164. In der Abbildung 

44 ) Herodot 6, 94 mit den Erklärern. S. 239 ist die Inschrift weggelassen. 

I5 ) Ähnlich habe ich das Lob des Panaitios auf 4C ) Wiener Vorlegebl. VII Taf. 3 richtig gedeutet 
Vasen aus der Rolle erklärt, die ein Mann die- von Löwy a. O. 

ses Namens in der Schlacht bei Salamis spielte, 4r ) Vgl. Friederichs -Wolters S. 44; 49. 



2aS Studniczka, ein Denkmal des Sieges bei Marathon. 

Perserpferdes zu deuten 48 . Dafs der Paris des aiginetischen Westgiebels, auf dessen 
Gestaltung sicherlich, wie O. Müller annahm, die persischen Schützen einwirkten, in 
der Plastik der nächste Verwandte unseres Reiters ist, wurde schon bemerkt. Das 
liegt nicht allein in den Äußerlichkeiten der Tracht, welche im Einzelnen vielfach 
abweichen, sondern noch mehr in der lebendigen Art, wie das Kleid den Körper 
zeichnet; man vergleiche nur die linken Oberschenkel beider Statuen. Das Wich- 
tigste aber scheint mir die, soweit sich messen läfst, vollendete Übereinstimmung 
der Gröfsenverhältnisse des Persers 1 ' mit den aiginetischen Westgiebelfiguren 49 . 

Hier ist noch die Frage zu erörtern, ob unser Reiter allein stand, wie ihn 
der Teller wiedergibt, oder aber einer Gruppe angehörte. Das erstere mag denkbar 
sein, zumal wenn die Statue ein privates Weihgeschenk, etwa des Miltiades selbst 
war; aber wahrscheinlich ist es nicht, dafs man ein Bild des Feindes in heiterer 
Pracht und Ruhe der Göttin dargebracht habe, ohne durch den Zusammenhang 
anzudeuten, dafs er den von ihr beschützten Landeskindern unterlegen ist. An die 
unmittelbare Zugehörigkeit zu einer Handlungsgruppe läfst, wie gesagt, die völlige 
Bcziehungslosigkeit der Gestalt nicht denken, wohl aber könnte sie einem der auch 
noch in der nächstfolgenden Zeit üblichen »Statuenvereine« angehört oder einen 
untätigen Statisten einer Handlungsgruppe abgegeben haben. Ein Beispiel der 
crsteren Art ist noch der Perserzehnten der Athener in Delphi, die Gruppe des 
Phcidias, welche Miltiades mit Athena und Apollon sowie mit den Phyleneponymen 
und anderen attischen Heroen auf einem Bathron vereinigte 50 . Für die zweite Mög- 
lichkeit dürfte das delphische Weihgeschenk der Tarentiner von Onatas und einem 
Genossen zu vergleichen sein: Krieger zu Fufs und zu Pferd angeordnet um die 
alte Kampfgruppe, die auch den Mittelpunkt der aiginetischen Tempelgiebel bildet 48 ; 
wenigstens dünkt es mich wahrscheinlich, dafs die Reiter in diesem Werke nicht 
kämpfend sondern ruhig stehend, wie das vorhin erwähnte Reiterfigürchen desselben 
Meisters 51 , dargestellt waren. 

Weitere Überreste dieser vielleicht recht umfangreichen Gruppe weifs ich 
leider nicht nachzuweisen, sie wird uns für immer verloren sein, wie so manches, 
was wir von den Tiefen des Perserschuttes erwarten mochten. Nur ein Meisterwerk 
des reifsten Archaismus möchte ich hier noch erwähnen, weil es sich diesem Zu- 
sammenhange gegenständlich und kunstgeschichtlich aufs schönste einfügen würde. 
Ich meine die herrliche Nike, von der* bisher nur eine bescheidene Skizze auf der 
Tafel zu Petersens ausgezeichneter Untersuchung veröffentlicht ist 52 . Für die Gleich- 
artigkeit dieser Statue mit dem Perserreiter in Gröfse, Arbeit und Bemalung ist es 
ein classisches Zeugnifs, dafs ihr, wie erwähnt, der Herausgeber den linken Fufs 

48 ) C. I. A. IV 2 S. 89, 373". 'EfJjfi. &PX- 1887 Gruppen seien wesentlich älter als sie Brunn 
S. 145,2. Jahrbuch II 1887 S. 143, 22, III S.271 angesetzt hat. 

(Borrmann). ä0 ) Paus. 10, 10, 1, vgl. Sauer, Anf. d. stat. Gruppe 

49 ) Ich gebe hiermit die Ath. Mitth. XI 1886 S. 197 S. 18 ff. 

und Jahrbuch II 1887 S. 142 von Anderen über- M ) Paus. 10, 13, 10. Sauer a. O. S. 34f. zweifelt 
nommene Voraussetzung auf, die aiginetischen wohl mit Unrecht an der Kampfgruppe. 

M) Ath. Mitth. XI 1886 Taf. 11 C S. 380 fr. 



Studniczka, Ein Denkmal des Sieges bei Marathon. 249 

des letzteren zuwies. Stilistisch steht sie auf einer Stufe mit den eilenden Ge- 
stalten der ausgebildeten Malerei mit roten Figuren und ist nur wenig' älter als 
die Artemis von Pompeii, welche ich als Nachbildung des Tempelbildes von 
Menaichmos und Soidas aus dem ersten Drittel des fünften Jahrhunderts erwiesen 
zu haben glaube 53 . So weist Alles auf die Perserzeit, in der man eine Nike 
nicht leicht auf etwas Anderes, als den grofsen Sieg zu beziehen geneigt sein 
wird. Und anderseits wird man in dem Weihgeschenk, aus dem uns der Reitertorso 
übrig blieb, einen Ausdruck der göttlichen Hilfe voraussetzen, welche gleich 
Aischylos und Pheidias noch die Perservase fromm und dankbar voranstellt. Das 
Alles reicht, ich gestehe es, nicht aus, um meine Vermutung über den Rang einer 
vielleicht ansprechenden Möglichkeit zu erheben. Möchte das weiteren Forschungen 
gelingen. In diesem Falle wäre dann der Gedanke an aiginetischen Ursprung des 
ganzen Denkmals neu zu erwägen und ich verhehle mir nicht, dafs er sich für die 
Nike auf den ersten Blick gar nicht empfiehlt, vielleicht aber nur defshalb, weil 
unsere Vorstellung von aiginetischen Frauengestalten allzu einseitig von der »hiera- 
tischen« Athena des Westgiebels und den traditionell »chiotischen« Koren der Akro- 
terien beeinflufst ist, der gegenüber die Überreste der Promachos aus dem Ost- 
giebel und die mit ihr nahe verwandte Bronzestatuette der Akropolis 54 eine weit 
freiere Bewegung auch auf diesem Gebiete bezeugen. 

Gerasdorf bei Wiener-Neustadt. August 1891. 

Franz Studniczka. 



S3 ) Rom. Mitth. III 1888 S. 279; zugestimmt hat 54 ) 'Ecprjjx. dp/. 1887 Taf. 7 S. 142 ff. Vgl. auch was 
Furtwängler, Olympia IV S. 21. Lange, Comp. d. Aegin. S. 93, 74 zu einem un- 

edierten Bruchstück aus Aegina bemerkt. 



Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. IQ 



Vi ^jJ^r^Y , » °^ 



ZWEI SCHALENBILDER DES EPIKTET. 

(Hierzu Tafel 5.) 

Da möglicherweise die Zeit noch fern ist, wo eine vollständige Sammlung 
der Werke dieses vielgenannten und doch bisher durch Abbildungen unter allen 
Vasenmalern am wenigsten bekannten Meisters vorliegt, dürfte es angemessen sein, 
wenigstens einige Zeichnungen von Gefäfsen des Meisters, welche ich für meine 
demnächst erscheinenden »Griechischen Mcisterschalen« anfertigen liefs, die dort 
aber nicht zur Abbildung gelangen können, der allgemeinen Kenntnifs nicht länger 
vorzuenthalten '. 

Das eine dieser Gefäfse (Taf. 5, 2) ist die bei Klein, Meistersign. S. 105 nr. 13 
aufgeführte Schale des Museo Torlonia in Trastevere-Rom, einst bei Aug. Castellani 
{Bull. 1868, S. 75), das andere (Taf. 5, 1) ist die von mir in den Rom. Mitth. II S. 167 
beschriebene Schale aus römischem Kunsthandel, welche sich jetzt im archäol. Mu- 
seum zu Baltimore befindet. 

Hinsichtlich ihrer Form sind die beiden Schalen wesentlich von einander 
verschieden. Die Schale Torlonia zeigt bei 0,192 Durchmesser und 0,085 Höhe 
einen kurzen, gedrungenen Bau und dickwulstige Fufsplatte, die Schale in Baltimore, 
bei einem Durchmesser von 0,328 und einer Höhe von 0,135, e i ne weite, verhält- 
nifsmäfsig dünnwandige Wölbung und breiten, hohlen Glockenfufs. Beide Formen 
sind speciell dem Kreise Epiktets eigen. Die Zeit des Euphronios und seiner Ge- 
nossen gestaltet das Becken der Schale flacher, den Fufs schlanker, die Fufsplatte 
dünner, das Verhältnifs der Theile zum Ganzen harmonischer. 

Beide Schalen haben nur ein von schmalem, thongrundigem Streifen um- 
rahmtes einfiguriges Innenbild. Bei Schalen kleinen Umfangs, wie die Schale bei 
Torlonia — die Abbildung gibt das Bild kaum um 1 / 3 verkleinert wieder — , bleibt 
das auch in der Blüthezeit die Regel. Eine ganze Reihe derartiger Gefäfse läfst 
sich dem Phintias zuweisen 2 , auch spätere, mit Panaitios xaXo? bezeichnete Gefäfse 
des Euphronios, wie die Schale der Sammlung van Branteghem (abg. Klein, Lieb- 



') Die Erlaubnifs, die in Paris befindlichen Werke 
des Epiktet zeichnen zu lassen, wurde mir im 
Frühjahr 1890 daselbst freundlichst gewährt. 
Das Gleiche gilt von den Tellern Epiktets im 
Brit. Museum. Da ich jedoch in meinem Werke 
eine Trennung der Epiktetischen Gefäfse von 
den Schalen der Blüthezeit des strengen rotfi- 
gurigen Stiles vornehmen mufste, verschob ich 



vorläufig die Aufnahme der Gefäfse, hoffe jedoch 
dieselbe bald in vollem Umfange wieder aufneh- 
men lassen zu können. — Für die Beschaffung 
der Zeichnung der Epiktet-Schale im Museo Tor- 
lonia bin ich Heibig und Hauser zu gröfstem 
Danke verpflichtet, die Zeichnung der Schale in 
Baltimore wurde auf Veranlassung des Rom. In- 
stituts im Jahre 1887 von Eichler angefertigt. 



2 ) Näheres in meinen Griech. Meisterschalen. 



Hartwig, Zwei Schalenbilder des Epiktet. 25 I 

lingsinschr. S. 57) und die Schale in Baltimore (abg. Klein, Euphr. S. 278) gehören 
dieser Gruppe an. Es liegt das ganz richtige Gefühl zu Grunde dafs man diese 
kleinen Gefäfse weder mit Figuren, noch mit Decoration allzu schwer belasten dürfe 3 . 

Anders verhält es sich bei Schalen von so grofsem Umfange wie die zweite 
unserer Epiktetschalen, deren Bild etwa um 1 / 10 verkleinert werden mufste. Die breite, 
schwarze Fläche in der inneren Wandung, welche das kleine Bild im Schalengrunde 
umrahmt und die ganze schwarz gefirnifste Aufsenseite geben der Schale etwas 
Düsteres und Leeres. Die Zaghaftigkeit, die grofsen Flächen entsprechend zu füllen, 
verräth sich hier deutlich. Die Hilfsmittel, die man sonst zur Füllung der Schalen- 
wände in dieser Zeit herbeizog, die grofsen Augen und Pälmetten, waren dem Meister 
entleidet oder begannen überhaupt zu verschwinden. Diese Schalen bilden daher 
auch, so viel ich sehe, eine zeitlich ganz beschränkte Übergangsgruppe. Ich erinnere 
mich nicht, in irgend einer Sammlung Gefäfse dieser Art gesehen zu haben, welche 
ein in anderem als in Epiktetischem Stile gezeichnetes Innenbild trügen 4 . 

Die Darstellung der Schale Torlonia ist leider durch den Verlust des Kopfes 
der Figur stark beeinträchtigt. Was an der Zeichnung echt und alt ist, giebt die 
Publikation sorgfältig wieder. Ein nackter Ephebe balancirt auf dem erhobenen 
linken Knie einen mächtigen Krater: eines der bekanntesten Motive dieses Kreises, 
welches dem Bestreben, das Schalenrund zu füllen, dadurch, dafs die Divergenz der 
Extremitäten durch die Situation bedingt wird, in so glücklicher Weise entgegen 
kommt und das demnach »nicht von ungefähr« die Meister dieser Epoche zu immer 
neuen Wiederholungen anlockte. Auf den uns erhaltenen, bezeichneten Werken des 
Epiktet kommt das Motiv im Schaleninnern noch mehrfach wieder (Klein, nr. II. 
nr. 18), häufig bei seinen engeren Genossen (Chachrylion, Berlin 2267, Epilykos, 
Louvre, Klein, nr. 3, inoiijasv- Schale, Klein, nr. 3, Berlin 2265 u. s. w.), aber auch 
Euphronios pflegt das Motiv noch eine Zeit lang weiter, so auf der mit Atheno- 
dotos x<xX6? bezeichneten Schale in Krakau (Klein , Lieblingsinschr. S. 49. 5) und in 
besonders interessanter Weise im Innern der mit KPATES KAVOS signirten Schale 
des Musee royal zu Brüssel H 15 (Klein, S. 49) 5 . In der Isolirtheit des Schalen- 
rundes zum Typus ausgebildet, werden derartige Figuren weiter als Theile gröfserer 
Compositionen auf den Aufsenflächen der Schale verwendet. Figuren, welche Ge- 
fäfse balanciren, gehören bald zum stehenden Personale der y.<ö;xoi oder der Sym- 
posiendarstellungen. (Epiktet, London 828, Klein, nr. 9. Leagros-Epidromos-Schale 
des Chachrylion, Klein S. 132 nr. 10, Leagros- Schale des Euphronios in der Samm- 

3 ) Wo eine Bemalung der Aufsenseiten dieser klei- Berlin 2266 Pamphaios, 2267 Chachrylion, Muri- 
nen Schalen mit Figuren auftritt, wie z. B. chen 139. 1092. 1165. 1174. 1302. 1321', Cor- 
München 272 oder Berlin 2270, beides Gefäfse neto, Mus. municipale 1601 Schale mit dem 
aus Euphronios' Werkstatt, hat man sofort den Schlagworte £rcob]9ev, abgeb. Rom. Mitth. 1890, 
Eindruck des »Zuviel«. Die Meister haben sich S. 340. Boulogne s. M. (Coli. Panckoucke) nr. 14 
in solchen Dingen mit grofsem Tact selbst cor- u. s. w. Mit Vorliebe sind Silene im Innern dieser 
rigirt. Schalen, wie die genannten, sind Aus- Schalen dargestellt. 

nahmen. 6 ) Beide Gefäfse werden in den Griech. Meister- 

4 ) Beispiele fast in jeder gröfseren Sammlung: schalen veröffentlicht. 

19* 



252 



Hartwig, Zwei Schalenbilder des Epiktet. 



lung van Branteghem, abg. Klein, Lieblingsinschr. S. 40, 13. u. s. w.) 6 . Mit der 
Vorliebe, mit welcher die Epiktetische Zeit das Motiv pflegte, hat die Blüthezeit 
des strengen rotfigurigen Stiles es nicht mehr verwendet.. Allmählich überlebte 
es sich. 

Die Zeichnung der Figur der Schale Torlonia zeigt die saubere, subtile 
Weise des Vortrags, in welcher Epiktet von keinem seiner Zeitgenossen, Chelis 
nicht ausgenommen, übertroffen wird. Aber hierin liegen auch die Grenzen seines 
Könnens. Die Veröffentlichung der Serie von Tellern des Epiktet (Klein nr. 14—23) 
wird diese bis zur Erstarrung der Formen getriebene Correctheit seiner Zeichnung 
am deutlichsten offenbaren. Man beachte, wie, bei sauberster Ausführung, die 
Hände unserer Figur unlebendig geblieben sind, das Gleiche gilt von der Hand des 
Silens auf der zweiten hier veröffentlichten Schale des Meisters. Dazu vergleiche 
man Hände, wie sie Euphronios schon auf seinen frühen Werken (Geryoncusschalc, 
Antäoskrater) zu zeichnen verstand. Von dem Lebensstrome, welchen dieser Meister 
in die Vasenmalerei am Anfange des 5. Jahrhunderts hineinleitete, mit einem neuen 
Blick für die perspectivische Ansicht der Dinge im Räume und für das Lebendige 
in der Erscheinung begabt, ist Epiktet im Wesentlichen unberührt geblieben, wie- 
wohl er höchstwahrscheinlich noch thätig war, als Euphronios sein Werk begann. 
Nur ein Symptom dieser neuen Zeit deutet sich auf unserem Gefäfse und sonst 
noch hier und da in den Werken Epiktcts schüchtern an: die Einzeichnung der 
Muskulatur des Körpers mit verdünnter Firnifsfarbe. Zum Princip erhoben und ent- 
schieden durchgebildet wurde dieses Verfahren, wodurch die körperliche Erscheinung 
so bedeutend an Relief und Modellirung gewinnt, erst durch Euphronios und seine 
Genossen 7 . 

Die Darstellung der zweiten Schale des Epiktet, welche unsere Tafel (1) 
wiedergiebt, ist in meinem Bericht in den Rom. Mitth. II S. 167 falsch aufgefafst 
worden. 

Der Silen hebt nicht stehend die Spitzamphora empor, sondern liegt viel- 
mehr auf einer durch eine gebrochene Linie in starker Abbreviatur angedeuteten 
Kline. Das Kissen ruht ihm im Rücken. Er erhebt mit beiden Armen das mäch- 
tige Gefäfs und stützt es mit dem Knie, um hineinzuschauen nach seinem Inhalte, 
beziehentlich, um daraus zu trinken. Die Darstellung erhält erst so ihre Abrundung 



c ) Ein weiteres Beispiel dieser Entwicklung bietet 
die Figur im Innern der Epiktetschale des Louvre 
Klein, Meistersign. 6: ein Ephebe, welcher in 
eine Oinochoe pifst. Diese Figur wiederholt 
sich sehr häufig auf der Aufsenseite von Schalen 
in figurenreicher Composition, besonders nahe 
verwandt ist die Figur der iTioirptv- Schale in 
Kopenhagen, Klein nr. 6 (Zeichnung in meinem 
Besitze) und auf der Schale des Gregoriano, 



Mus. Gregor. II, 80, I, neun weitere Beispiele 
geben die Figur, ebenfalls im Zusammenhange 
mit anderen Figuren, mehr oder weniger ab- 
weichend. 
7 ) Wo in den Abbildungen die Innenzeichnung an 
Figuren dieser Epoche fehlt, ist entweder die 
schlechte Erhaltung der Oberfläche des Gefäfses 
oder mangelhafte Beobachtung des Zeichners 
schuld. Die Linien sind oft nur durch Spiege- 



lung gegen das Licht zu finden. 



Hartwig, Zwei Schalenbilder des Epiktet. 



253 




und gewinnt an komischer Wirkung. Ihre Pointe liegt natürlich darin dafs der 
Silen nicht aus Becher oder Kelche, sondern gleich aus dem »Fasse« trinkt 8 . 

Einmal auf dieses Motiv aufmerksam 
geworden, fand ich eine Reihe von Parallelen, 
meist auf Vasen aus der nächsten Umgebung 
unseres Meisters und keine entschieden älter 
als unsere Darstellung, so dafs es wahrschein- 
lich ist, in Epiktet den Erfinder dieses Ein- 
falls zu erkennen. Sicher scheint mir dafs das 
Motiv für das Schalenrund , in welches es so 
knapp hineingepafst ist, erfunden wurde. Wie 
auch sonst nicht selten, ist die Umrahmung 
des Schaleninnenbildes hier in eigenthümlichcr 
Weise materiell gedacht. Man hat den Ein- 
druck dafs sich das Kissen im Rücken des 
Silens einerseits und die Füfse andererseits 
gegen das Rund anstemmen 9 . 

Die engste Parallele zu der Schale Epiktets bietet die beistehend in Zink- 
druck abgebildete Schale des British Museum E 82 (91 W. T.), ein kleines, minder 
sorgfältiges Werk des Epiktetischen Kreises. An Stelle des Silens ist ein Jüngling 
beim Symposion getreten. Mit den geringen Varianten, welche eine, wie ich glaube, 
nur von Auge zu Auge fortgepflanzte Tradition der Motive innerhalb der griechi- 
schen Vasenmalerei mit sich bringt, zeigt die Schale alle wesentlichen Züge des 
Epiktetischen Bildes. Das Kissen ist weggeblieben. 

Ein zweites Beispiel dieses Motivs bietet die ebenfalls der Epiktetischen 
Epoche angehörige Schale der Berliner Vasensammlung nr. 2265 
ist nach einer Bause im Gerhard- 
schen Apparat Mappe XVI, 26 
hergestellt. 

Die Figur, ebenfalls ein 
Jüngling, ist hier auf eine der 
Aufsenseiten der Schale zwischen 
die grofsen, jener Zeit eigen- 
thümlichen Palmetten, die sich 
von den Henkeln aus weit über 
die Schalenwandung erstrecken, 
als Einzelfigur versetzt. Der 



Die Abbildung 




s ) Die Stellung der Bilder wird, rein aufserlich, 
schon dadurch gesichert, dafs die Achse der 
Henkel fast bei allen griech. Schalen die Haupt- 
achse der Darstellung in rechtem oder schiefem 



Winkel schneidet. Ganz vereinzelte Ausnahmen 
bestätigen nur die Regel. 
") s. die Sosiasschale, Denkm. I Taf. 10. — die 
Durisschalen W. Bl. VII 3. und Arch. Ztg. 1883 



Taf. 3. Die Schale bei Schöne, Musco Bocchi II Taf. 1 u. s. w. 



2S.A. Hartwig, Zwei Schalenbilder des Epiktet. 

Jüngling führt einen grofsen Krater (Amphora a colonette) an die Lippen, das Kissen 
im Rücken tritt hier wieder auf. 

Der Zusammenhang mit dem Motiv aus dem Schaleninnern ist ganz deut- 
lich, aber die Figur erscheint, ihrer Umrahmung beraubt, weniger prägnant und 
haltlos 10 . 

Innerhalb einer mehrngurigen Composition findet sich unser Motiv auf der 
Aufsenseite einer von Heibig (Bull. 1881 S. 268) beschriebenen Schale aus Orvicto: 
una donna ignuda siede per terra, col dorso appoggiato ad un otre e beve da un 
antfora puntata, che regge con ambedue le mani. Zwei Jünglinge, zu beiden Seiten 
der zechenden Frau, geben durch lebhafte Gesten ihr Vergnügen an dem Thun 
derselben zu erkennen. Der Reflex der komischen Wirkung, welche das Motiv an 
sich hervorzubringen beabsichtigt, ist also hier durch Nebenfiguren zum Ausdruck 
gebracht worden: das Motiv hat die Darstellung einer Situation hervorgerufen. 

Auch diese Schale scheint epiktetischer Zeit anzugehören. Es spricht da-. 
für: das einfigurige Innenbild eines Leierspielers, welcher zu gleicher Zeit ein Ge- 
fäfs balancirt, die Dreizahl der Figuren auf den Aufsenseiten und in Verbindung 
hiermit auch das derb obseöne Motiv der anderen der beiden Aufsenseiten. 

Als Verwandte zweiten Grades des epiktetischen Silens haben einige Dar- 
stellungen von Silenen zu gelten, welche stehend eine grofse Spitzamphora aufheben, 
um hinein zu schauen oder sich ihres Inhalts zu bemächtigen. Es sind dies zwei 
Schalen Epiktetischen Charakters in München 1302 und in Würzburg 343 und ein 
Rhyton bei Stackeiberg, Gräber der Hellenen Taf. 25 = Zeitschrift für bildende 
Kunst III S. 164, welches der Mitte des 5. Jahrhunderts angehören dürfte, aber 
möglicherweise auf Typen des beginnenden 5. Jahrhunderts zurückgreift 11 . 

Auch über den Kreis der Vasenmalerei hinaus läfst sich das Motiv verfolgen. 
Auf einem Elektronstater von Kyzikos in der Sammlung zu Athen (Num. Chron. 
Ser. III vol. VII pl. II. 21. Greenwell, Electr. Coinage of Cyzicus) findet sich ein 
nach 1. knieender Silen, welcher eine Spitzamphora in Augenhöhe emporhebt, wie 
es scheint, um hinein zu blicken. Die Verwandtschaft mit dem Motiv der Epiktet- 
schale ist deutlich erkennbar. Bei der grofsen Menge attischer Typen, die sich auf 
den Elektronstatern von Kyzikos finden, ist es möglich dafs auch hier eine Remi- 
niscenz an ein attisches Vorbild vorliegt. Vielleicht haben geradezu, wie Hauser 
vermuthet, die Innenbilder von Schalen, die aus Attika importirt wurden, den 
Stempelschneidern von Kyzikos für ihre ähnliche Aufgabe, ein Rund entsprechend 
zu füllen, Anregungen und Vorbilder gegeben. Das Stater von Kyzikos gehört dem 

,0 ) Eines der interessantesten Beispiele für die ") Ein aus einem Schlauch trinkender Silen: Mus. 

Übertragung von Schaleninnenbildern auf Ge- etr. 559 im Innern einer r. f. Schale. Vgl. auch 

fäfsen anderer Form bietet die Amphora des die beiden aus einem Schlauche und einer Spitz- 

Pamphaios im Louvre Klein, Meistersign. 27 amphora um die Wette trinkenden Silene bei 

(Zeichnung im Rom. Inst.-Apparate). Man ver- Müller - Wieseler II Taf. XL 478 nach Miliin, 

mifst bei den Bildern dieses Gefäfses, ähnlich peint. de vases II 65. Doch ist der Abbildung 

wie bei dem obigen Beispiele, geradezu die Um- gegenüber Vorsicht geboten, 
rahmung des Schalenrundes. 



Hartwig, Zwei Schalenbilder des Epiktet. 2KK 

fünften Jahrhundert an, vielleicht, seinen etwas schweren Formen nach, eher der 
ersten als der zweiten Hälfte desselben. 

Etwas anders behandeln Münzen von Terone in Makedonien unser Motiv 
(Catalogue of the Greek coins in the Brit. Mus. S. 108. 9. Imhoof- Blumer, Mon- 
naies Grecques pl. C. 23 12 ). Ein Silen, in halbknieender Stellung, blickt in eine 
absichtlich sehr grofs gebildete Oinochoe hinein: le silene semble etre aecouru pour 
boirc du contenu ou pour s'assurer, s'll y a encore du vin et quelle en est la qualite 
(Imhoof- Blumer a. a. O.). 

Die Verwandtschaft dieser kleinen Gruppe von Darstellungen beweist, dafs 
selbst ein an sich unbedeutendes Motiv in der auf Tradition beruhenden hellenischen 
Kunst nicht in einmaliger Darstellung erschöpft war, sondern dafs es zur Nachah- 
mung, zur Weiterbildung anregte, wenn man es nur einigermaafsen glücklich erfafst 
hatte. Stilistisch ist der Silen der Schale in Baltimore eine der am meisten ent- 
wickelten Leistungen des Epiktet. Im Gegensatze zu der Zierlichkeit und Magerkeit 
seiner sonstigen Figuren (besonders auffällig im Innenbilde der Schale London 823: 
Jüngling und tanzende Krotalistria), zeichnet diese Figur eine gewisse relative Gröfse 
und Fülle aus. Das als ein Merkmal Epiktetischer Kunstweise geltende Mifsver- 
hältnifs zwischen den übermäfsig breiten Oberschenkeln und den dünnen Waden 
erscheint mehr ausgeglichen. Selbst die Factur des Striches ist derber und breiter, 
als sie auf Werken des Meisters sonst zu sein pflegt. Eine Angabe der Muskulatur, 
wie wir sie in bescheidener Weise an der Figur der Schale bei Torlonia auftreten 
sahen, fehlt hier gänzlich, doch bemerke ich ausdrücklich dafs die Oberfläche des 
Gefäfses nicht mehr ganz unverletzt ist 13 . Vorzeichnung mit einem stumpfen Griffel 
ist an mehreren Stellen mit Sicherheit festzustellen. Die Masse der Haare ist 
durch die Ritzlinie von dem schwarzen Grunde losgelöst, eine technische Eigen- 
thümlichkeit, die zwar auf den frühesten rotfigurigen Gcfäfsen überwiegend ist, die 
aber trotzdem nicht als ein ausschliefsliches Kennzeichen dieser Epoche zu gelten 
hat. Neben der Ritzlinie kommt auch im Epiktetischen Kreise die Umgrenzung 
des Haarconturs durch einen ausgesparten, thongrundigen Streifen in zahlreichen 
Fällen vor und andrerseits tritt der geritzte Haarcontur bisweilen an Gcfäfsen des 
völlig entwickelten strengen Stiles auf. Die persönliche Gepflogenheit der einzelnen 
Meister kommt hierbei mit in Frage 14 . 

Das übermächtig entwickelte, bis tief in den Rücken herabreichende Kopf- 
haar des Silens, mit den wie künstlich gedrehten Lockenenden, legt den Gedanken 
nahe, dafs hier die Perrücke der als Silene verkleideten Lustigmacher bei den 
alten, attischen Dionysosfestspielen das Modell für die Frisur des Silens geliefert 
habe. Die Haartracht der Silene in der griechischen Vasenmalerei hat auch ihre 
eigene Geschichte. Die mächtigen Schöpfe haben nur ihre beschränkte Dauer in 

I2 ) Zu beachten ist, wie der Silen, ähnlich wie auf I3 ) Die meisten der von mir untersuchten Teller 
den Vasenbildern, mit dem Fufse sich gegen des Epiktet haben keine Innenzeichnung bei 

das materiell gedachte Münzrund anstemmt. wohlerhaltener Epidermis. 

14 ) Näheres in den Griech. Meisterschalen. 



256 Hartwig, Zwei Schalenbilder des Epiktet. 

dem Kreise Epiktets und in den frühen Werken der folgenden Epoche. Die Glatze 
der Silene auf den reifen Werken des Euphronios und seiner Genossen erscheint 
wie eine Reaction gegen das »Zuviel« der Perrücke. Dann werden die Haare aber 
auch im Nacken gekürzt, in einzelne Locken aufgelöst oder in allen den modischen 
Varianten aufgebunden und geflochten, wie sie die Athener des beginnenden 5. Jahr- 
hunderts selbst zu tragen pflegten. Man vergleiche hierfür Vasenbilder wie den 
Silenpsykter des Duris in London (W. Bl. VI 4); weitere interessante Beispiele 
dieser Art zeigt ein Thiasos des Brygos im Cabinet des medailles zu Paris und das 
von Furtwängler in der Arch. Zeitung 1881 S. 342 beschriebene Schalenfragment 
bei Lord Northampton in Castle Ashby, welche beide in den »Griechischen Meister- 
schalen« veröffentlicht werden. 

Auch die Wiedergabe des Pferdeschweifes an dem Silen der Schale des 
Epiktet zeigt ihre Eigentümlichkeiten. Nur der Ansatz des Schwanzes ist thon- 
grundig ausgespart. Der Wedel ist mit roter Farbe sehr flüssig aufgemalt. Die 
Londoner Schale des Meisters E 65 (Klein, Meistersign. nr. 12), ein knieender Silen 
welcher einen Schlauch gefafst hält, zeigt genau dieselbe, auf einen ganz kurzen 
Zeitraum beschränkte Eigentümlichkeit. Es ist eine neue Nuance der von Klein 
(Euphr. S. 281) beobachteten Entwicklung der Zeichnung des Pferdeschweifes der 
Silene in der Uebergangsperiode von der schwarzfigurigen in die rotfigurige Tech- 
nik I5 . Man mufs die Lösung Epiktets im Grunde lebendiger und glücklicher nennen, 
als die compacten, nur an den Rändern ausgefranzten Schweife der Silene, wie sie 
von Euphronios an die Regel in der rotfigurigen Vasenmalerei werden. 

Nicht recht zu helfen wufste sich der Meister bei der Darstellung des von 
der Kline herabhängenden Schweifes des Silens. Hätte er eine nur einigermaafsen 
richtige Wiedergabe desselben versuchen wollen, so war eine perspectivische 
Darstellung des schräg nach vorwärts gewendeten Schweifes nicht zu umgehen, 
aber für derartige Beobachtungen fehlten dem Meister sowohl der Sinn als die 
Kräfte. Aufserdem war der Schweif, so wie ihn Epiktet hier darstellte, zur Füllung 
der Leere unter der Kline vortrefflich geeignet. Bei ähnlichen gelagerten Figuren 
im Innern von Schalen, wie z B. auf der Chachrylion-Schale bei Schöne, Mus. Boc- 
chi II 4 = Klein, Euphr. S. 113, oder auf der mit Chairias xak6f bezeichneten Schale 
(des Phintias) Mus. Bocchi VII, 2 = Klein, Euphr. S. 308, erfüllt ein herabhängender 
Zipfel des Gewandes denselben Zweck wie der Schwanz des Silens auf der Schale 
des Epiktet. 

Der Silen der Schale des Epiktet in Baltimore drängt zu einem Vergleiche 
mit ähnlichen Gestalten des Euphronios hin, wie deren bei Klein, Euphr. S. 278 — 80 

lh ) S. z.B. den Silen als Schildbild auf dem farbigen D. 2] und auf der Schale des Chachrylion in 

Pinax von der Akropolis von Athen Ephim. arch. London [\V. Bl. 1). 7] sind die Pferdeschwänze 

1887, Taf. 6. Auf der rotfigurigen Amphora bei der Gespanne, ähnlich wie bei Epiktets Silenen 

Noel des Vergers, V Etrurie pl. IX, welche Klein (auch auf dem Teller im Cabinet des Medailles in 

mit vollem Rechte dem Andokides zuweist, auf Paris, Klein 17, Milliet-Giraudon Tafel 56) rot 

der Schale des Oltos in Berlin 2264 [W. Bl. aufgemalt. 



Hartwig, Zwei Schalenbiltler des Epiktet. 257 

zusammengestellt sind. Leider ist nur die Schale bei Bourguignon in Neapel mit 
dem Namen des Leagros und des Athenodotos bisher genügend publizirt (Arch. 
Ztg. 1885 Taf. 10) 16 . Aber gerade der Vergleich dieser beiden Vasenbilder ist im 
höchsten Maafse geeignet, den Abstand zweier Kunstweisen, wie er zwischen 
Epiktet und Euphronios besteht, in hellstem Lichte zu zeigen. Die innere Belebung 
des Kopfes, die fast übermächtig aus der Figur des Euphronios sich herausdrängt, 
und das fast in jeder Linie ausgedrückte Gefühl für eine plastische, perspectivische 
Ansicht der im Räume sich bewegenden körperlichen Erscheinung: das sind, im 
Gegensatze zu der sauber umrissenen, aber leblosen Silhouette der Epiktetischen 
Darstellung, Fortschritte, die für die innere Entwicklung der darstellenden Kunst 
einen tieferen Abschnitt bilden, als der rein äufserliche Wechsel der schwarzfiguri- 
gen und der rotfigurigen Technik, als deren Erfinder Epiktet, allem Anscheine nach 
zu gelten hat und in deren erster, formeller Ausbildung das Hauptverdienst dieses 
Meisters beruhen wird. 

Stuttgart. P. Hartwig. 



,6 ) Von der Schale aus Chiusi {Mus. Chius. I 48) verschollen. Dagegen enthält das genannte Werk 

geben die Griechischen Meisterschalen eine neue eine Reihe neuer Euphronischer Silendarstel- 

Abbildung. Die Schale bei Klein S. 280 bleibt lungen. 



yU*Xw<ÄW fi ^'v»^ 



EIN OPFERBETRUG DES HERMES 

Die Vorlage des hiernebenstehenden Zinkdrucks ist mit freundlicher Geneh- 
migung des Verfassers einem Buch entlehnt, dessen nahe bevorstehendes Erscheinen 
besonders der Vasenforschung willkommen sein wird, dem vom Custos Dr. Karl Masner 

abgefafsten Kataloge der an- 
tiken Vasen und Terracotten 
im k. k. österreichischen Mu- 
seum für Kunst und Industrie 1 . 
Neben dem gewissenhaften 
Fleifs und dem besonnenen 
Urteile, mit dem die Gegen- 
stände beschrieben und, im 
Anschlufs an die neuesten 
Untersuchungen , besonders 
natürlich an Furtwängler's 
Vasenkatalog, classificiert wer- 
den, tritt als ein noch unge- 
wöhnliches Verdienst dieses 
Verzeichnisses der Reichtum 
an Abbildungen hervor, an 
Textbildern sowohl als auch 
an Lichtdrucktafeln, welche 
die Gefäfsbilder mit beson- 
derem Geschick von den störenden Reflexen frei halten. Die so bekannt gemachte 
Vasensammlung ist trotz ihres bescheidenen Umfangs ungewöhnlich vielseitig und 
reich an hervorragenden Stücken. Einige davon, wie die herrlichen Duris-Schalen 
oder die Kotyle mit Hektor's Lösung, sind längst genügend bekannt, die Mehrzahl 
aber sind Inedita oder wenigstens in ihrer wichtigen Gesammterscheinung hier zum 
ersten Male bekannt gemacht. Um nur Einiges hervorzuheben: Tafel II gibt die 
prächtige Busirisvase und die andere, unpublicierte cäretaner Hydria des Museums 
mit der merkwürdigen Rückführung des Hephaistos, Tafel III ein Beispiel der kleinen 
chalkidischen Amphoren mit reichem Palmetten -Lotos- Gewinde (219) und ein be- 
zeichnendes Stück der von Dümmler in den Römischen Mitteilungen II eingeführten 
Classe (218), Tafel V einen Dinos mit tanzenden Silenen, welcher der im Jahrbuch V 
S. I42f. vorläufig besprochenen, gleichfalls ionischen Gattung angehört (215). Von 




] ) Während des Drucks erschienen; s. Bibliographie. 



Studniczka, Ein Opferbetrug des Hermes. 2?Q 




den Textbildern sei nur die dem Nikosthenes nächststehende Amphora mit Dike 
und Adikia erwähnt (S. 39, n. 319). 

Die hier, mit einigen Correcturen in Verkleinerung auf 4 / 5 wiederholte Zeich- 
nung stellt den einzigen Schmuck von Nr. 321 dar, einer in Caere gefundenen 
Kylix des Epiktetischen Kreises 2 , deren Form hier- 
neben wiedergegeben ist. Die Schale ist noch ziem- 
lich tief, der Fufs niedrig. Aus dem Firnifsüberzug 
ausgespart sind: die Innenseiten der Henkel und die 
Vierecke zwischen ihren Ansätzen, die Furchen, welche den kleinen Wulst unten 
am Stiel begränzen, der Wulst und der den Boden berührende breite Rand der 
Fufsplatte, deren trichterförmige Höhlung wieder gefirnifst ist und ein eingeritztes 
* zeigt. Das von einem grundfarbigen Reif umschlossene Innenbild hat den halben 
Durchmesser der Schale. Alledem entsprechend ist der Stil der Zeichnung der 
strenge aber völlig entwickelte der Vasenmaler kleisthenischer Zeit. Die Haar- 
grenze ist schon ausgespart, das Auge aber noch nicht in's Profil gestellt. Die 
Form des Hutes gemahnt noch an schwarze Figuren. Was die Abbildung mit 
grauem Ton wiedergibt ist mit verdünntem Firnifs gemalt, nur die Blutflecken des 
Altars mit roter Farbe. Von Interesse ist die stumpf eingeritzte, noch unsicher 
tastende Vorzeichnung. Sie zeigt, dafs der Maler vor dem ausgeführten Bild ein 
anderes in diametral entgegengesetzter Richtung skizziert hatte: links von der 
Hauptfigur erkennt man noch ein ausschreitendes schlankes Bein und in dem 
schwarzen Tiere den Contur des zugehörigen Oberkörpers. 

Der dargestellte Gegenstand ist nicht so einfach, wie ihn die einzige bisherige 
Beschreibung auffafste 3 : Hermes der ein grofses schwarzes Schwein zum Opferaltar 
heranführt. Zwar die Benennung der männlichen Figur ist in dieser Zeit durch die 
Flügelschuhe gesichert 4 , und das rechts im Felde hängende Badogerät, Aryballos, 
Schwamm und Stlengis, mag, wenn es nicht ganz bedeutungsloses Füllstück ist, an 
den Gott der Palästra erinnern, dessen ungewöhnliche Verhüllung mit dem Mantel, 
an den langen Chiton älterer Hermesbilder erinnernd, sich aus der priesterlichen 
Function erklären wird. Wie die Herolde Homers erscheint Hermes auch sonst bei 
Opfern beschäftigt 5 . Libierend zeigt ihn die ungefähr gleichzeitige Schale des 
Hcrmaios 6 sowie eine nahe verwandte im Museo Bocchi 7 , in einer wenig jüngeren 
Terracottafigur aus Thespiae trägt er auf den Schultern einen Ziegenbock zum 
Altar 8 , und auf einem lucanischen Glockenkrater führt er gar ein Schwein, doch 
wohl als Opfertier, dem Herakles zu 9 . In unserem Fall aber ist das Tier kein 



'-) Vgl. Furtwängler's Vasenkatalog S. 537 ff. (Scha- 6 ) Elite ceram. III Taf. 73, vgl Klein, Meistersign.- 
lenform Ia). S. 115. 

3 ) Brunn, Bull. d. Inst. 1865 S. 219. 7 ) Schöne Nr. 156, Taf. 11,4. 

4 ) Scherer in Roscher's Lex. d. Myth. I S. 2400; ") Coli. Eug. Piot 1890 Nr. 349 (Fröhner). 

für die ältere Zeit vgl. Jahrb. V 1890 S. 144. ■') Berlin Nr. 3187 Fw., Gerhard, Ant. Bildw. Taf. 



5 ) Scherer a. O. S. 2403^ 86, I. S. 326. 



2ÖO Studniczka, Ein Opferbetrug des Hermes. 

gewöhnliches Schwein und gerade darin liegt das besondere heitere Interesse des 
Bildchens. 

Wer sich der unfehlbaren Naturwahrheit erinnert, mit der die antike Kunst, 
von den ältesten Tierstreifen und Eberjagden an bis zu den römischen Suovctau- 
rilien, also natürlich auch in der meisterhaften Tierbildnerei des entwickelten Ar- 
chaismus, wie in den Werken der Euphronios oder Duris l0 , die bezeichnenden Eigen- 
tümlichkeiten des Borstenviehs, zumal die schlanken Hufe und das Ringelschwänzchen 
wiederzugeben weifs, der wird bei etwas schärferem Zusehen erkennen, dafs dieses 
»Schwein« deutlich Klauen und Schwanz eines Hundes hat. Man vergleiche nur das 
bei Gerhard abgebildete Schalenbild mit der Inschrift 'Eirtöpopoc xaX<k, wo ein Hund 
in ähnlicher Bewegung auf die Kreislinie gestellt ist". Dieses Formengemisch für 
ein Erzeugnifs der Pfuscherei zu halten verbietet die Güte der Zeichnung und die 
augenfällige Bemalung. Kein Zweifel, es ist ein als Schwein vermummter Hund, 
dessen Maske durch die dunkle Färbung des Rumpfes mit dem fransenartigen Saum 
und durch die schematische Zeichnung des mit verdünntem Firnifs gemalten Kopfes 
so deutlich als möglich von den Hundebeinen abgegränzt ist. Das Bedenken, es 
könnte in der Larve der Kopf eines so grofsen Hundes nicht Raum finden, wider- 
legt ein Blick auf den gewöhnlichen Hundetypus der rotfigurigen und auch schon 
der früheren Vasenmalerei mit dem kleinen Kopf und der spitzen Schnauze. 

Es ist also ein lustiger Betrug, den der Erzschelm unter den Göttern, unver- 
kennbar pfiffig dreinschauend, mit Hilfe des gelehrigsten Haustiers, das ihm auch 
sonst nahe steht, bei einem Opfer verübt. Welcher Gottheit es gilt verrät uns der 
Maler nicht. Aus dem erwähnten spät unteritalischen Vasenbilde Herakles dafür 
einzusetzen wird wohl Niemandem einfallen. Vielmehr lag es für den alten Athener 
am nächsten, bei einem Schweineopfer an den eleusinischen Cultus zu denken, 
zumal da Hermes der Ahnherr des Mysterienherolds war, welcher wahrscheinlich, 
nach Art der homerischen Kerykes, auch als (xa'fsipo? fungierte l3 . Im Allgemeinen 
reiht sich der Gegenstand den Legenden von den Betrügereien an, welche Hermes 
an Göttern verübt. Auch der alte Mythos vom Opferbetrug des Prometheus enthält 
den Keim zu einer solchen Schnurre, welchen das Satyrspiel des Aischylos nicht 
ungenutzt gelassen haben wird. Die Bühne ist ja überhaupt der wahre Tummelplatz 
dieser Parodie und man wird kaum zweifeln, dafs sie das unmittelbare Vorbild 
unserer Schale darbot, sei es im Satyrdrama, dessen Einflufs auf die Vasenmalerei 
bekannte Meisterwerke verkünden, sei es in der ältesten Komödie. Aus der Blüte- 
zeit des ersteren sind hier vielleicht die Kerykes des Aischylos zu erwähnen, wenn 

10 ) Vgl. bei Euphronios das Schildzeichen des Ge- 'Etprjp. dp/. 1886 Taf. 9, Brunn, Denkm. gr. 

ryoneus und den erymanthischen Eber, Wiener röm. Sculptur Lief. IV Nr. 17. 

Vorlege«. V Taf. 3 und 7, Klein, Euphr. J ") Gerhard A. V. IV Taf. 376, 5, Panofka, Eigen- 

S. 54. 89, bei Duris die krommyonische Sau, namen mit %a)Az Taf. 1,7. Zur kunstgeschicht- 

Gerhard A. V. III Taf. 234. Vorlegebl. VI Taf. 3 liehen Stellung der Epidromosvasen vgl. Klein, 

In der Marmorplastik das Weihrelief an Athena Lieblingsinschr. S. 45. 

12 ) Töpffer, Att. Genealog. S. 81 ff. 91. 



Studniczka, Ein Opferbetrug des Hermes. 2ÖI 

ihr Titel, was mir wohl möglich scheint, das Priestergeschlecht bezeichnet 13 . Dafs 
die entwickelte Komödie auch den eleusinischen Cultus in ihre Kreise zog ist be- 
kannt, z. B. aus Aristophanes' Fröschen und den Mysten des Phrynichos 14 . Und 
schon aus Epicharm, auf den Dümmler neulich gleichzeitige attische Vasenbilder 
zurückzuführen versucht hat 15 , ist eine Situation überliefert, aus der sich eine der 
unserigen ähnliche leicht entwickeln könnte. Im 'OSusasu; ocuxou.mX')? sprach allem 
Anscheine nach ein Troer, etwa Antenor, folgende Verse 16 : 

os'Xcpaxa xs xSv -(sra>vu>v 
toi? 'EXsuaivwi? cpuXa'aatov 8<xiu.ovujk dtTroJXscfa 
oü/ £x<ov, xal xauxa orj jis auu.ßoXaxeuEiv e«a 
xoT; 'Ayjxwiaiv TrpooiS6u.siv x' (utxvus [jts xöv olXcpaxa. 
Ein auf rätselhafte Weise verschwundenes Mysterienschwein zu ersetzen könnte ein 
Schlaukopf der Bühne sehr wohl auf eine solche Maskerade verfallen. 

Und dafs Tiermasken dem antiken Theater nicht fremd waren, dafür bietet 
Aristophanes ein dem unserigen recht nahe kommendes Beispiel. In den Acharnern 
bringt der Megarer seine kleinen Mädchen mit Hufen, Rüssel und aa'xxo? verkleidet, 
als Mysterienferkel auf den Markt des Dikaiopolis 17 . Wenn er das gleich Anfangs 
als Msyapixa xt? \ur/avd einführt, so wird es, nach dem sonstigen Sprachgebrauche 
der Komödie 18 , schon ein alter Scherz gewesen sein. In einen ähnlichen Zusammen- 
hang könnte auch ein Vers aus den Anjpot des Pherekrates gehören: w? obyl xouxt 
pü-f/o? dxsyvöi? Ia&' 66?. — Endlich ist auch das Auftreten von Hunden auf der 
Bühne nicht unerhört. Wenigstens scheint es mir kaum zweifelhaft, dafs die beiden 
politischen Köter Kuwv Kuoai/Yjvocistk und Aajhß A{$u>vsu;, deren Rechtsstreit dem 
Philokieon die Langeweile seiner unfreiwilligen Gerichtsferien vertreiben hilft, dres- 
sierte Hunde waren; wären es, wie die Wespen und Vögel, maskierte Menschen, 
dann hätten sie sicher mehr zu sagen als au, au 19 . 

Ich hoffe, dafs es den Kennern der Litteratur und der Denkmäler des 
Bühnenwesens gelingen werde, mehr zur Deutung des lehrreichen und heiteren 
Bildchens beizubringen. Defshalb wollte ich wirksamer darauf aufmerksam machen, 
als es durch meine kurze Notiz, welche Masner seiner Beschreibung beigefügt hat, 
geschehen dürfte. 

Nachschrift: Die Druckcorrectur bietet mir Gelegenheit, auf eine mir 
durch O. Hense's Freundlichkeit nachträglich bekannt gewordene Stelle hinzuweisen, 
die, wenn heil überliefert, unzweifelhaft auf einen, dem auf der Schale dargestellten 

]3 ) Nauck 2 S. 36. und Dümmler a. O. Letzterer hat mich auf die 

u ) Kock I S. 380. Stelle aufmerksam gemacht. 

,5 ) Bonner Studien S. 88 ff. Ob sich die Chronolo- ir ) Vers 738fr. Bgk. 

gie des Dichters mit der der Vasen vereinigen 18 ) Z. B. Wespen 57fr., Eupolis Kock I S. 323, 

läfst, wird noch zu untersuchen sein. 244, vgl. v. Wilamowitz, Hermes IX S. 326 fr. 

I6 ) Athen. 9, 374e, Lorenz, Epich. S. 247. Über Christ, Gr. Lit. in I. von Müllers Handbuch 

das Stück vgl. Gomperz, Mitth. I'apyr. Rainer V VII S. 213. 

(Ein gr. Komödienbruchstück in dor. Mundart) 19 ) Aristoph. Wespen 835fr. Bgk. 



2(52 Studniczka, Ein Opferbetrug des Hermes. 



sehr ähnlichen Vorgang zurückgehen dürfte. Sie steht, wo ich sie nicht suchte, bei 
Zenobios und anderen Parömiographcn 20 : 'Av-i xaxou xuvo? uv dTratTSi;* itd x&v xocXä 
dvci t<üv xaxüiv otKatTouvituv; statt des letzteren Wortes hat Diogenian dvt«ito8i8<5vT<i>v, 
was einen anderen, der Situation im Vasenbilde besser entsprechenden Wortlaut 
des Spruchs vorauszusetzen scheinen könnte. Aber der ganze Wert desselben für 
unseren Gegenstand wird in Frage gestellt durch die kritischen Bedenken gegen 
seinen Wortlaut, über die mich O. Crusius gütig belehrt hat. »Der Spruch ist nicht 
bei Zenobios überliefert, sondern stammt vermutlich aus der anonymen Sammlung, 
die bei Miller an letzter Stelle steht, aber leider stark verstümmelt ist 21 . Die im 
Parisinus des sogenannten Zenobios, der ganz heterogene Sammlungen umfafst, und 
in dem nur eine schlechte »Zenobios« -Handschrift repräsentierenden Pseudo-Dio- 
genian (= Gregorius Cyprius) erhaltene Form des Spruches ist in älteren besseren 
Quellen nicht nachweisbar. Ich habe aus verschiedenen Gründen otv für uv einge- 
setzt und fand das von Nauck vorweggenommen 22 . Zu Grunde liegt der Spruch: 
~'j xor/.ov xovo? otc ofor£n<Jev und jene andere Form ist wohl nur Corruptel durch 
Itacismus«. Ob an diesem Urteile das Vasenbild etwas ändern kann, mufs ich den 
Sachverständigen anheimgeben. 

Gerasdorf bei Wiener-Neustadt, 14. August 1891. 

Franz Studniczka. 



'■">) Zenob. I, 100. Diogen. 1, 89 und die in der 21 ) Melanies de litt. Cr. 186S S. 376ff. 

Göttinger Ausgabe sowie von Nauck (Anm. 22) 22 ) Melanges Gricorom. V S. 246 (aus Bull. d. Acad. 
angeführten Stellen. de St. Petersb. XXX. 1886 S. 127 fr.). 



"*^- ß^-^J^r*^X 



ZU DEN VASEN AUS KAMEIROS 

Die jüngst in den Athenischen Mittheilungen XVI S. 107 — 118 von Selivanov 
bekannt gemachten rhodischen Inschriften fordern dazu auf, die Akten für die Ge- 
schichte des rhodischen Alphabets einer erneuten Prüfung zu unterwerfen, obwohl 
sie lediglich bestätigen, was schon aus den bisher bekannten Daten zu erschliefsen 
war. Eine genauere Datierung dieser neuen Inschriften ist nicht möglich, doch 
lassen weder die Buchstabenformen noch die zu denselben Gräbern gehörigen 
Terracotten (S. 109) es räthlich erscheinen, sie unter das sechste Jahrhundert herab- 
zurücken, bei der frühen Culturentwicklung der Insel brauchen sie nicht einmal den 
letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts anzugehören. Die Schrift der Steine stimmt 
im wesentlichen überein mit den bisher bekannten Graffiti von Gefäfsen aus der 
Nekropole von Kameiros Journal of Hell. stud. VI S. 371 ff. I. G. A. 473 1 , nur dafs 
diese bereits etwas jüngere Buchstabenformen zeigen (H statt B), und stimmt in den 
wesentlichen Punkten auch mit dem Alphabet von Gela und Akragas überein; alle 
diese Denkmäler gehören zur westlichen Alphabetgruppe. Es ist mir danach durch- 
aus wahrscheinlich, dafs dies Alphabet in Rhodos von der Reception der Schrift 
überhaupt bis zur Annahme des ionischen Alphabets, welche im V. Jahrhundert 
erfolgt sein wird 2 , geherrscht hat. Die Gründe, aus welchen Kirchhoff, Alphabet 4 
S. 47 fr., eine verwickeitere Geschichte des rhodischen Alphabets construiert, scheinen 
mir nicht durchschlagend. Er folgert aus den Söldnerinschriften von Abu Simbel, 
auf welchen auch Ialysier erscheinen, dafs gegen Ol. 40 auf Rhodos bereits das 
ionische Alphabet in Gebrauch gewesen sei. Wenn dies richtig wäre, so würde 
schwer verständlich sein, warum die Rhodier später noch einmal ein unzweckmäfsi- 
geres Alphabet sich angeeignet hätten. Aber es steht ja gar nicht fest, dafs jene 
Söldner die Schrift aus ihrer Heimat mitbrachten, dafs sie nicht erst beim Militär 
schreiben lernten, oder sich der bei dem internationalen Corps officiell anerkannten 
Schrift bedienten. Für die Schreibweise auf Rhodos selbst folgt meines Erachtens i 

aus jenen Inschriften so wenig etwas, wie aus den delischen und attischen Inschrif- 
ten des Archermos für die Schreibweise von Chios. Diese erste Reception des 
ionischen Alphabets auf Rhodos würde also zu streichen sein. 

Vor dieser ersten ionischen Phase des rhodischen Alphabets soll auf der 
Insel das argivische Alphabet in Gebrauch gewesen sein. Das einzige Argument, 

') Sicher ist dies allerdings nur von der Inschrift Es ist aber kein Grund vorhanden, das Alphabet 

II auf S. 110 durch das Wort AE€VA> — das der wenig älteren Inschrift III S. 113 anders 

übrigens nicht mit dem Herausgeber als Eigen- zu beurtheilen und diese gar mit dem Heraus- 

namc sondern als Bezeichnung der Grabnische geber vor das Ende des VII. Jahrhunderts zu 

zu fassen ist — wodurch dann auch erhellt, setzen, 

dafs in nPAX€IOAO & nicht yn gemeint ist. 2 ) Vgl. Inschr. I a. a. O. S. 107. 



264 Duemmler, Zu den Vasen aus Kameiros. 

welches sich hierfür geltend machen läfst, sind die Beischriften des bekannten 
Tellers aus Kameiros, auf welchem der Zweikampf des Hektar und Menelaos über 
der Leiche des Euphorbos dargestellt ist 3 . Das argivische Alphabet ist von dem 
unsrer rhodischen Steininschriften nicht nur in der Verwendung der nicht phöniki- 
schen Zeichen +V verschieden, sondern auch in so charakteristischen Buchstaben- 
formen wie l-M einerseits /• i andrerseits. Dafs die um Ol. 25 gegründete Colonie 
Gela das Alphabet unserer Steininschriften zeigt, vermag ich nicht so gering an- 
zuschlagen, wie Kirchhoff S. 49 zu thun scheint, da im übrigen Griechenland die- 
jenigen Colonien, welche nach der analphabeten Zeit gegründet sind, sichere Rück- 
schlüsse auf das Alphabet der Mutterstadt zu erlauben pflegen. Dafs in späterer 
Zeit das rhodische Alphabet dem der Colonien Gela und Akragas wesentlich gleich 
war, mufs Kirchhoff wegen der Graffiti aus Kameiros selbst zugeben. Er führt den 
»Umschwung« im Schriftgebrauch auf den Einflufs der dorischen Hexapolis zurück, 
während er als Grund der » Modifikationen « des Alphabets von Gela den Einflufs 
der Nachbarn in der neuen Heimat, etwa der westlichen Chalkidier, anzunehmen 
scheint 4 . Dieser Umschwung mufste aber nach den von Kirchhoff angeführten 
Graffiti spätestens im V. nach den neuen Steininschriften bereits im VI. Jahrhundert 
stattgefunden haben, die Rhodier mufsten demnach im Laufe von knapp hundert 
Jahren in drei ganz verschiedenen Alphabeten geschrieben und jedesmal so gründ- 
lich umgelernt haben, dafs sich in keiner Buchstabenform ein Rückfall bemerklich 
macht. Dafs uns von der ältesten Stufe, dem argivischen Alphabet, gerade noch 
ein Denkmal mit drei Namen erhalten ist, wäre ein merkwürdig glücklicher Zufall; 
denn den Euphorbosteller lange vor Ol. 40 zu setzen wird man sich aus archäolo- 
gischen Gründen nicht entschliefsen können 5 . Sein Verfertiger müfste ziemlich der 
letzte Rhodier gewesen sein, der argivisch, und Telephos der Ialysier der erste, 
der ionisch schrieb. Setzt man, was archäologisch wahrscheinlicher ist, den Euphor- 
bosteller nach den Söldnerinschriften, so erhält man eine noch compliciertere Ge- 
schichte des rhodischen Alphabets als die von Kirchhoff construierte. Zwischen 
die ionische und die hexapolitische Schrift, die ganz zufällig mit der von Gela 
übereinstimmt, würde in der ersten Hälfte des VI. Jahrhunderts ein kurzes Inter- 
regnum der argivischen Schrift fallen, ein Rückschritt, der aus keiner Culturverbin- 
dung leicht zu erklären wäre. 

3 ) Abgebildet Verb, der Philologenvers, in Hanno- auf den Einflufs der sicilischen Colonieen zurück, 

ver. Leipzig 1865 (besprochen daselbst von Demnach hätten sich zuerst die Geloer von den 

Conze S. 37 ff.). Salzmann, Necropole de Camirus, westlichen Chalkidiern zu einem unpraktischeren 

T. 53 danach in Baumeisters Denkmälern S. 730 Alphabet verleiten lassen, und dies dann in 

und im Rhein. Mus. N. F. 43 S. 481. Littera- ihrer Mutterinsel auch noch durchgesetzt und 

tur bei Schneider, Der troische Sagenkreis zwar so gründlich, dafs es auch auf den Münzen 

(Leipz. 1886), S. II ff. Aufserdem Böhlau, Arch. Eingang fand! 

Jahrb. II S. 62 Anm. 21. Kekule, Rhein. M. 5 ) Selivanov freilich a. a. O. S. 118 setzt das argi- 

N. F. 43 S. 481 ff. vische Alphabet auf Rhodos und damit doch 

*) Selivanov a. a. O. S. 112 führt das westgriechi- auch den Euphorbosteller? in das VIII. und 

sehe Alphabet auf Rhodos im VI. Jahrhundert spätestens den Anfang des VII. Jahrhunderts. 



Duemmler, Zu den Vasen aus Kameiros. 2(5K 

Ich glaube, wir kommen aus diesen Schwierigkeiten nicht anders heraus, als 
wenn wir nicht nur die Söldnerinschriften von Abu Simbel als unmafsgeblich für 
Rhodos sondern auch den Euphorbostefler als argivischen Import preisgeben. Dann 
herrscht die zu postulierende Continuität zwischen dem Alphabet von Gela und 
allen archaischen Inschriften, die sicher auf Rhodos selbst geschrieben sind. Dann 
ist auf Kirchhoffs Übersichtskarte Rhodos roth zu färben, und es liegt auf der 
Hand wie dadurch auch die Beschaffenheit des lykischen Alphabets an Verständ- 
lichkeit gewinnt. Bei der Rolle, welche die rhodischen (vordorischen) Hellenen 
bereits im Epos spielen, mufs man erwarten, dafs die Bewohner der gegenüber- 
liegenden Küste von ihnen schreiben und manches andere lernten, und nicht um- 
gekehrt. 

Die archäologischen Consequenzen dieser epigraphischen Forderungen sind 
ziemlich weittragend und können hier nur angedeutet werden. Dafs der Euphorbos- 
teller archäologisch nur ein Glied einer ganzen Gruppe von Kunstwerken ist, ist 
bekannt. Zunächst sind von ihm alle diejenigen »rhodischen« Teller nicht zu 
trennen, die dasselbe Raumeintheilungsprincip zeigen, nämlich das durch Flechtband 
oder Mäander abgetrennte kleinere Kreissegment, das mit dem fächerförmigen Stab- 
ornament oder mit pflanzlichen oder animalischen Motiven gefüllt ist. Dafs z. B. 
die Teller bei Longperier Musee Napoleon III pl. III. XII 6 aus derselben oder einer 
benachbarten Fabrik stammen, wird Niemand bestreiten; aber auch dem Teller im 
Journal of Hell, studies 1885 Taf. 29 (wonach Studniczka, Kyrene, S. 153 Fig. 30) 
wird Niemand wegen des nicht abgetrennten Kreissegments die gleiche Herkunft 
absprechen. Die sehr ausgeprägte Formensprache der Füllornamente nöthigt ferner, 
einer grofsen Anzahl von Amphoren und Oinochoen, welche mit horizontalen Streifen 
decoriert sind, den gleichen Ursprung zuzuschreiben, so weit Thon und Technik mit 
jener enggeschlossenen Tellergruppe zusammenhängt. Es ist kein Zweifel, dafs jede 
Controverse über die Herkunft des Euphorbostellers gerade die lebensvollsten und 
charakteristischsten Typen der gesammten rhodischen Keramik in Mitleidenschaft 
zieht. Ein grofser Theil der in der Nekropole von Kameiros gefundenen Vasen, 
und darunter gerade die besten und ältesten, mufs eben dort gearbeitet sein, wo 
der Euphorbosteller entstanden ist. Aber so sicher als in der Vasenkunde die In- 
schriften für die Localisierung der Vasenclassen den sichersten Anhalt geben, so 
sicher als nur der Weg, den Kirchhoff durch seine Behandlung der chalkidischen 
Vaseninschriften zuerst gewiesen hat, ohne verhängnifsvolle Irrgänge zum Ziele 
führt, wird man nun diese Gruppe in Rhodos für importiert halten müssen aus Ar- 
gos selbst oder einer Colonie mit argivischem Alphabet, da in der Geschichte des 
rhodischen Alphabets für eine argivische Phase kein Raum ist. Natürlich spricht 
eine an Sicherheit gränzende Wahrscheinlichkeit für Argos selbst als Fabrications- 
centrum, da die Ausbreitung argivischer Bevölkerung über das Meer ausschliefslich 
vor der Verbreitung der Schrift erfolgt zu sein scheint. Es gibt eben keine argivi- 



'') Die Correctur der Druckfehler bei L. ist zu beachten. 
Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. 20 



266 



Duemmler, Zu den Vasen aus Kameiros. 



sehen Colonien, welche sich zu Argos verhielten wie Gela zu Rhodos oder Byzanz 
zu Megara. 

Kunstgeschichtliche Gründe, welche dazu zwängen, die Entstehung des 
Stiles auf Rhodos zu suchen, und sie Argos kategorisch abzusprechen, gibt es, so 
viel ich sehe, nicht. Wer die Existenz solcher Gründe behaupten wollte, müfste 
sich mit der epigraphischen Schwierigkeit so abfinden, dafs er annähme, der Eu- 
phorbosteller sei in Rhodos von einem kürzlich eingewanderten Argiver verfertigt 
worden. Dann würde man aber vor der abnormen Erscheinung stehn, dafs dieser 
Argiver sich zwar den fremden Stil schnell und vollkommen angeignet hätte, nicht 
aber das fremde Alphabet; während alle Analogien lehren, dafs Künstler in der 
Fremde leicht die Schreibweise ändern, nicht aber den einmal erlernten Stil. Den 
Ausweg, dafs auf Rhodos gleichzeitig verschiedene Alphabete geherrscht haben 
könnten, wird wol Niemand betreten wollen, zudem stammt der Euphorbosteller aus 
derselben Gegend, wie die neuen Inschriften. Aber gute Gründe die Entstehung 
dieses Stiles Argos abzusprechen gibt es auch so wenig, dafs vielmehr einige 
kunsthistorische Thatsachen sich unter diesem Gesichtspunkt besser erklären als 
vorher. 

Was zunächst die grofse Verbreitung des Stiles im östlichen Mittel- 
meerbecken im VII. und VI. Jahrhundert betrifft, so vermag diese auf keinen 
Fall dagegen zu sprechen, dafs der Ursprung des Stiles in Argos zu suchen sei. 
Sicherlich sind nicht sämmtliche Vasen rhodischen Stiles an einem Orte fabriciert 
worden, sondern der Stil hat an verschiedenen Punkten des östlichen Mittelmeer- 
beckens Wurzel geschlagen und locale Ableger hervorgetrieben. Ganz sicher ist 
localer Ursprung für die Decoration rhodischen Stiles bei den älteren klazomeni- 
schen Sarkophagen und, bei den rhodischen Vasen aus Naukratis 7 . Dafs man auch 
in Rhodos selbst in diesem Stile gearbeitet hat, und dafs für die weitere Verbrei- 
tung Rhodos eine Hauptstation war, ist recht wahrscheinlich, beweist aber nichts 
für den Ursprung des Stiles. Auch der »protokorinthische« Stil, der mit dem jün- 
geren rhodischen gleichzeitig ist, bietet dieselbe Erscheinung eines einheitlichen 
Ursprungs (schwerlich in Korinth) und einer weiten Verzweigung localer Nach- 
ahmungen, von welchen eine Art auf Rhodos selbst zu Hause ist. 

Auch der korinthische Import ist ja auf Rhodos selbst nachgeahmt worden 
(Arch. Jahrb. I S. 144 ff.) 8 . Es ist also kein Grund, der verbietet für argivischen 
Import denselben Vorgang anzunehmen. 



') Vgl. Böhlau, Arch. Jahrb. II S. 214. Auch die 
rhodische Vase aus Phanagoria in der Eremitage 
zu St. Petersburg abgeb. compte rendu 1870 
T. 4 und bei Rayet et Collignon, Histoire de la 
ciramique grecque p. 54 stellt eine locale Va- 
riante des Stiles dar, da der Panther den rho- 
dischen Vasen im engeren Sinne fremd ist. 

") Vortreffliche rhodische Nachahmungen korinthi- 



scher Vasen sind im britischen Museum, sie zeigen 
in Thon und Technik geringe Unterschiede, sind 
aber mit Sicherheit zu unterscheiden durch die 
für die gleichen Formen in Korinth ungewöhn- 
liche Grofse, durch consequente ionische Zeich- 
nung des Männer- (und Thier-) Auges, und 
durch unkorinthische Typen z. B. den Thier- 
kampf (Löwe und Stier), der allerdings eigent- 



lich nicht rhodisch ist. 



Duemmler, Zu den Vasen aus Kameiros. 2Ö7 

Für östlichen Ursprung der Vasenclasse könnten sodann einige »ionische« 
Eigentümlichkeiten angeführt werden, z. B. die apotropäischen Augen und die 
mandelförmige Zeichnung des Männerauges. Aber gerade letztere Eigentümlichkeit 
findet sich wieder auf den wenigen sicher argivischen figürlichen Darstellungen, die 
wir kennen, den olympischen Bronzen Olympia IV Tafel 39 No. 699a. 701a. 703. 
Auch das Flechtband haben diese Bronzen mit den »rhodischen« Vasen gemein. 
Zu dem Dreifufsraub auf der Bronze No. 704 a, deren argivischer Ursprung aller- 
dings nicht paläographisch festsieht, aber sehr wahrscheinlich ist, bemerkt Furt- 
wängler richtig, dafs sich bereits hier das gezierte Schreiten auf den Fufsspitzen 
finde, das meist als charakteristisch für archaistische Werke gelte. Dieselbe Eigen- 
tümlichkeit findet sich aber auch auf dem Euphorbosteller 9 . Dafs der Schild des 
Euphorbos nach Pausanias II 17, 3 im Heraion in Argos gezeigt wurde, will ich für 
meine Vermuthung nicht anführen, da dieses Zusammentreffen Zufall sein könnte 1 *- 
Wesentlicher dürfte schon sein, dafs der Greifentypus der rhodischen Vasen mit 
dem der olympischen Dreifufskratere übereinstimmt und letztere von Herodot IV 
152 als 'Ap-j'oXixoj xpö-o? ausdrücklich bezeugt sind 11 . 

Die stilistischen Zusammenhänge der »rhodischen« Vasen mit ver- 
schiedenen andern Kunstkreisen sind bekannt, und können für die Bestimmung des 
Ursprungs des Stils nur in zweiter Linie in Betracht kommen. 

Die zahlreichen mykenischen Reminiscenzen im rhodischen Std sind 
in Argos ebenso verständlich wie in Rhodos, ebenso der Einflufs, welchen die 
»rhodischen« Vasen ihrerseits auf die melischen Vasen 12 , die kyrenäischen 
Schalen und die Caeretaner Hydrien geübt haben. 

Mit den korinthischen Vasen haben die »rhodischen« die Bronzeform der 
Oinochoe gemein und abgesehen von dem Decorationsprincip manche einzelne 
Thiertypen, wie den Greif, weniger Füllmotive. Bedeutende Unterschiede sollen 
anerkannt werden, sprechen aber nicht gegen den argivischen Ursprung des rhodi- 
schen Stils. Räumlicher und cultureller Zusammenhang zwischen Argos und Ko- 

'■>) Allerdings auch auf attischen manirierten Vasen diese Zudichtungcn, welche aus dem Ehrgeiz 

des ausgehenden Archaismus z. B. Gerhard A.V. einzelner Stämme, ihre Helden anzubringen, 

III 201. Andre Beispiele bei Hauser, Die neu- beruhen, zum Theil sehr alt sein können, ist 

attischen Reliefs S. 165 ff., der diesen Stil wenig zuzugeben, aber der ursprünglichen Ökonomie 

glücklich für Kaiamis in Anspruch nimmt — jener wohldurchdachten Partie der Ilias ist Eu- 

ein weiter Weg bis zur Venus Genetrix. phorbos fremd. 

,0 ) Wenn man darauf Gewicht legen wollte, so ") Vgl. Böhlau, Arch. Jahrb. II S. 64 Anm. 26. 

dürfte Conzes Verwerthung unsres Tellers für Die Herodoteischen Argiver zu rhodischen zu 

die Trojanische Sage vor jener Kekules den machen, ist also unnöthig. Kurtwänglers »grie- 

Vorzug verdienen, welche deshalb unwahrschein- chischer« Greifentypus dürfte im Wesentlichen 

lieh ist, weil für den Tod des Patroklos Hektor der argolische sein. 

als Protagonist unentbehrlich und Euphorbos ") Vgl. Böhlau, Arch. Jahrb. II S. 214. Die da- 

sicherlich später in die Begebenheit verflochten selbst Girierten Schalen Journ. of Hell. stitJ. V 

ist. Das Exemplar der Ilias, in welchem Eu- T. 40- 43 sind auch nach meiner Überzeugung 

phorbos eine gröfsere Rolle gespielt hätte, von den »rhodischen« Vasen nicht zu trennen, 

könnte dann nur ein noch weiter interpoliertes attisch können sie nicht sein, zeigen aber atti- 

als die uns erhaltene Ilias gewesen sein. Dafs sehen Einflufs. 



268 Duemmler, Zu den Vasen aus Kameiros. 

rinth ist ja in jener Zeit nicht viel gröfser, als zwischen Argos und Athen oder 
Korinth und Athen. Korinth hat die Front nach Westen, während Argos die natür- 
liche Vermittlungsstelle ionischer Typen für den Peloponnes bildet. Zum Theil 
sind die Unterschiede auch zeitlich begründet. 

Ich glaube daher, dafs wenigstens die Vasen, welche mit dem Euphorbos- 
teller technisch eng zusammenhängen, für argivisch zu halten sind, so dafs die 
Stadt, welche Homer ihren gröfsten Ruhm verdankt, auch das erste homerische 
Kunstwerk geliefert hätte. 



Zu den vorstehenden Ausführungen* haben sich mir durch das Studium der 
rhodischen Funde im britischen Museum noch einige Bestätigungen ergeben, deren 
hauptsächlichste ich hier zugänglich machen möchte, wenn auch nur, um zu zeigen, 
wie wünschenswerth eine zusammenfassende Bearbeitung dieser interessanten Funde 
sein würde, von welchen die häufig schwer erreichbaren Publicationen von Salzmann 
und Longperier ein einseitiges und leider auch ungenaues Bild geben. Allerdings 
ist auch Ausdehnung und Bedeutung der geometrischen Cultur von Kameiros erst 
durch die neueren Ausgrabungen Biliottis klargelegt worden; weiter bekannt gewor- 
den ist von diesen Funden lediglich, was Furtwängler im Erwerbungsbericht des 
Antiquariums Jahrbuch I 1886 S. 133 f. gibt. 

Ich will von den rein geometrischen Vasen, von denen sich viele schöne 
Exemplare in London "befinden, hier nichts abbilden, da diese eingehendere Bear- 
beitung erfordern, nur das möchte ich betonen, dafs diese geometrische Cultur, 
welche unzweifelhaft in Kameiros selbst zu Hause ist, der Cultur der Dipylongräber 
näher steht, als irgend ein andrer Zweig der geometrischen Cultur, den böotischen 
nicht ausgenommen, und dafs sie allem Anschein nach von der mykenischen Cultur 
in Ialysos ebenso streng geschieden ist, wie in Attika die Dipylongräber von den 
mykenischen. Die geometrischen Vasen von Kameiros sind zwar von den Dipylon- 
vasen schon durch Thon und Firnifs und durch gewisse Verschiedenheiten der orna- 
mentalen Syntax bei grofser Gleichheit der Elemente mit Sicherheit zu unterscheiden, 
weisen auch in den Formen Besonderheiten auf, stellen aber mit den Dipylonvasen 
zusammen zum Beispiel den kyprischen und boeotischen Vasen gegenüber einen zu 
gleich complicierteren und reiner geometrischen Stil dar. Die Auflösung des geome- 
trischen Stiles von Kameiros, welche etwa den frühattischen Vasen entspricht, wird 
repräsentiert durch die bei Salzmann pl. 39 unvollständig publicierte Kentaurenvase, 
zu der sich noch eine Oinochoe im British Museum A 34 stellt, mit Schachbrett- 

*) Leider erfahre ich erst während des Druckes, Cauer vertreten wurde. Die Nichtbeachtung 

dafs Herr Professor Kirchhoff jetzt Ober die seiner Ausführungen und die Wiederholung der 

Geschichte des rhodischen Alphabets die vor- früheren Kirchhoffschen Ansichten durch Herrn 

getragene Ansicht theilt, welche auch bereits Selivanov wird die Mittheilung meiner Beden- 

1888 in der Berliner philologischen Wochen- ken entschuldigen, welche ich jetzt auch durch 

schrift vom 16. Juni No. 24 Sp. 752 ff. von P. archäologische Gründe stützen kann. F. D. 



Duemmler, Zu den Vasen aus Kameiros. 



269 



muster und bärtigen Sirenen bemalt, der die von Winter 
publicierte Vase aus Karien mit der Hyäne (Ath. Mitth. XII 
Tafel IV) recht nahe zu stehen scheint. Doch schlägt die 
Auflösung des geometrischen Stils in Folge der Mannich- 
faltigkeit des Imports noch verschiedene Nebenwege ein. 

Eine ebenso feststehende Beigabe wie in Athen und 
Theben ist in den geometrischen Gräbern von Kameiros 
die Fibel mit der viereckigen bronzenen Platte. Studniczka 
konnte Athen. Mittheil. XII S. 1 5 nur die von Perrot-Chipicz, 
Histoire de l'art III S. 831 Fig. 594 bekannt gemachten 
Exemplare anführen. Von diesem Typus mit der Ente auf 
der Höhe des Bügels und der theilweise sehr schmalen hohen 
Platte sind etwa fünfzehn Exemplare im britischen Museum. Das 
einzige Exemplar, das eine besondre, dem attischen und böoti- 
schen Typus näher stehende Form und Decoration aufweist, 
bilde ich hier in 2 / 3 Originalgröfse ab. Das Reh und der 
Mäander, mit welchen die Platte verziert ist, ist rein geometrisch. 




e 



Das Halbkreisbogenornamcnt an der Kante erinnert an Mykenisches. Der rhodische 
Ursprung dieser Fibula ist nicht sicher, der des gewöhnlichen, bisher nur von Ka- 
meiros bekannten Typus wenigstens wahrscheinlich. Eine weitere statistische Über- 
einstimmung der geometrischen Gräber von Kameiros mit dem Dipylon ist das Vor- 
kommen nackter weiblicher Idole mit gerade ausgestreckten Armen und Diadem. 
Einige Proben der Figuren von Kameiros gibt Perrot (III S. 849^), diesmal viel- 
leicht mit Recht unter den phönizischen Kunstwerken. Der Typus kehrt, wenn 
auch viel kunstvoller unter den Elfenbeinschnitzereien aus Nimrud wieder, nament- 
lich auch die Verkuppelung von zwei Figuren zu einem Idol, das zwei Fronten hat. 
In Nimrud scheinen diese Figuren tektonisch verwendet gewesen zu sein, in Kameiros 
nicht, sondern sie waren hier wol als Einzelfiguren apotropäisch dem Grabe beige- 
geben, wie die Inselidole, mjt denen sie aber 
unmittelbar nichts zu thun haben. Wahr- 
scheinlich sind sie von demselben Centrum 
aus nach Attika und Kameiros importiert, 
immerhin beweisen sie die Verwandtschaft 
der Anschauungen und Lebensbedingungen. 
Der rein geometrische Stil wird in 
Kameiros bis gegen Ende des siebenten Jahr- 
hunderts gedauert haben. Noch während er 
bestand, begann von Argos her der Import 
von Tellern im Stil des Euphorbostellers, 
und dieser Import wurde in Kameiros von 
Töpfern, welche bisher rein geometrisch ge- 
malt hatten, sofort nachgeahmt. Ein wenig 




270 



Duemmler, Zu den Vasen aus Kameiros. 



gelungener Versuch dieser Art wird S. 269 in i / l Originalgröfse wiedergegeben. Raum- 
eintheilung und Ausfüllung des unteren Segments mit dem Fächerornament ist die 
bei den rhodischen Tellern übliche, an der Wiedergabe der meisten Füllornamente 
im oberen Abschnitte ist der Maler verzweifelt; die Hühner, welche gemeinsam eine 
Schlange zu verzehren scheinen, sind noch rein geometrisch. Ebenso ist der Firnifs 
der einfache braune der geometrischen Vasen. Dafs die Vorlage mehrfarbig war, 
geht daraus hervor, dafs jeder vierte Stab des Fächerornaments nicht ausgefüllt ist; 

er war in der Vorlage weifs. Neben die- 
sem unvollkommensten Versuche bilde 
ich eines der fortgeschrittensten Exem- 
plare ab (1 : 4), das aber auch noch deut- 
lich local ist. Auf dem Teller mit dem 
Widder ist der Grund erst mit weifsgel- 
ber Farbe überzogen, neben dem dunkeln 
braun ist roth verwendet aber noch kein 
weifs. Die meisten Füllornamente hat der 
Copist schon ganz gut verstanden, den 
schwierigen Widderkopf hat er zuerst auf 
der Rückseite des Tellers probiert; in der 
Zeichnung der Beine des Thiers hat er 
energisch mit der geometrischen Tradition 
gebrochen, nicht so ganz in der Wieder- 
gabe der Wolle. Trotz aller Strebsam- 
keit des Künstlers wird man aber unsern Widderteller niemals mit dem von Salz- 
mann pl. 51 publicierten verwechseln; sie verhalten sich wie Original und Copie. 
Dafs man auch in Kameiros bald weit besser malen lernte, halte ich nicht für un- 
möglich, aber dafs der Ursprung des rhodischen Stiles nicht in Rhodos zu suchen 
sei, halte ich für erwiesen. Jedenfalls würde man den Ursprung nicht in Kameiros 
suchen dürfen, sondern nur an einem Orte wo bisher die Funde nicht widersprechen, 
etwa in Lindos. Für diesen Ort müfste man aber dann gegen 600 v. Chr. argivi- 
sches Alphabet wahrscheinlich machen, was unmöglich ist. 

Sind, wie ich nicht zweifle, die Anfänge des Stils argivisch, so erhebt sich 
die interessante Frage nach seiner Genesis, die ich hier nur aufwerfen will. Da es 
jetzt wahrscheinlich ist, dafs mykenische Keramik in Argolis bis gegen 800 v. Chr. ge- 
herrscht hat, würde sich der rhodische Stil direct aus dem mykenischen haben ent- 
wickeln können unter Mitwirkung verschiedenen fremdartigen Imports, ohne dafs in 
Argolis selbst ein geometrischer Stil zwischen dem mykenischen und rhodischen be- 
standen hätte. Dafs attische Dipylonvasen zahlreich in Argolis importiert wurden, ist 
aus Schliemanns Funden bekannt, ihr Einflufs in den Füllornamenten der rhodischen 
Vasen deutlich. Für die Thierstreifen würde man wol östliche Vorbilder annehmen 
müssen in der Art der Bronzeschalen von Nineveh oder der kretischen Schilde. 
Ein Thierkampf kommt nur einmal vor auf der schönen Vase aus Thera im briti- 




Winter, Polyphem. 271 



sehen Museum [Mon. d. I. IX Tafel V) mit dem plastischen Greifenkopf als Ausgufs, 
die doch wol an die Spitze der »rhodischen« Vasen zu stellen ist, und die in Thon 
und Technik noch vollständig mykenisch ist. Man könnte ja versucht sein, für diesen 
Thierkampf mykenische Gemmen als Vorbild anzunehmen. Seine geometrische 
Steifheit macht aber Mctallvorbilder in der Art der Dipylonfibeln wahrscheinlicher, 
auf welchen ja auch mykenische, geometrische und orientalische Elemente gemischt 
sind. Für das Ornament des untern Streifens — zwei von einander abgekehrte 
Ranken welche sich berühren, bevor die Volute beginnt, und so ein ausgefülltes 
Dreieck einschliefsen — wird man östliche Vorbilder annehmen müssen; es findet 
sich zum Beispiel auf einer Metallschale mit aramäischer Inschrift bei Perrot III S. 792. 
Gleich auf dieser Vase tritt uns neben mykenischer Technik und starken 
geometrischen Elementen der für die ganze Classe so charakteristische argivische 
Greifentypus entgegen. 

Basel Oktober 1891. Ferdinand Duemmler. 



VÜ Ovvfcx^ [V/Vß^y 



POLYPHEM 

(Hierzu Tafel 6.) 

In den auf das Polyphemabenteuer bezüglichen Darstellungen, die zuletzt 
Jane E. Harrison im Journal of Hellenic studies 1883 S. 248 fr. ausführlich besprochen 
hat, finden sich abhängig von der homerischen Poesie zwei Momente der Sage 
behandelt, die Blendung des Kyklopen und die Flucht des Odysseus und seiner 
Gefährten. Die Bilder stammen alle aus dem sechsten Jahrhundert und gehören 
nicht zu den hervorragenderen Leistungen dieser Zeit. Nach feststehendem Schema 
ist namentlich die Fluchtszene immer in derselben Weise abgehandelt und selbst 
die einzige rotfigurige Vase, die diesen Gegenstand darstellt, eine dem epiktetischen 
Kreis nahestehende Schale {Journal of Hell. stud. 1883 S. 252) zeichnet sich vor 
den übrigen nur durch etwas lebhaftere Darstellungsweise, nicht aber durch eine 
neue Auffassung aus, die frisches Leben in das abgebrauchte Motiv gebracht hätte. 
Das alte Thema hatte sich ausgelebt und so verschwindet es denn für die Blütezeit 
der rotfigurigen Malerei ganz aus dem Kreise der Darstellungen. 

In der Folge konnte den Malern aus der dramatischen Poesie neue Anre- 
gung erwachsen. Seitdem es sich herausgestellt hat, dafs die Tätigkeit der meisten 
uns bekannten Schalenmaler vor und um die Zeit der Perserkriege fällt, kann freilich 
in deren Werken, wenn man von den jüngsten absieht, aus chronologischen Gründen 
ein Einflufs des Dramas nicht mehr gesucht werden. Wol aber werden die späteren 



272 Winter, Polyphem. 



attischen Vasen und besonders die aus dem Ende des fünften Jahrhunderts schärfer 
auf ein Abhängigkeitsverhältnifs von der Bühnenpoesie zu prüfen sein. An dem 
Orpheus-, dem Peliaden- und dem Peirithoosrelief hat kürzlich Reisch (Griechische 
Weihgeschenke S. 130fr.) die enge Beziehung zum Drama dargetan. Wenn nun die 
gleichzeitige Vasenmalerei in der Wahl der Motive, in der Ausführung, in der Form 
des künstlerischen Ausdrucks häufig eine jenen Reliefs sehr nahe verwandte Rich- 
tung zeigt, so wird man sich auch manche dieser geringeren und ja allerdings zu 
ganz anderem Zweck gefertigten Werke als von dem Einflufs des Dramas berührt 
zu denken haben, wie es denn gewifs richtiger ist bei einem Bilde wie z. B. dem 
der Kodrosschale nach dem Titel der Tragödie zu fragen 1 , als sich mit der Er- 
klärung des 'heroisirten Genre' zu begnügen. 

Was nun den uns hier beschäftigenden Gegenstand, das Polyphemabenteucr, 
angeht, so hatte Euripides in seinem Kyklops die alte Sage neu behandelt. So- 
gleich wurde der Stoff von einem der bedeutendsten Maler der Zeit, von Timanthes, 
aufgegriffen. Denn nur aus Anregung durch das Satyrspiel kann, wie man Robert 
(Bild und Lied S. 35) beistimmen wird, dessen Gemälde von dem schlafenden Ky- 
klopen und den Satyrn, die mit dem Thyrsos die Gröfse seines Daumens messen, 
entstanden sein, da erst Euripides die Satyrn mit Polyphem zusammenbrachte 2 . 
Auch in die Vasenmalerei fand jetzt der Stoff in seiner neuen Fassung wieder 
Eingang. Das zeigt ein rotfiguriges Gefäfs im Besitze des Sir Francis Cook in 
Richmond, das zwischen der Menge hervorragender Kunstwerke namentlich der 
Renaissancezeit zusammen mit wenigen anderen Vasen nur einen bescheidenen 
Platz in dieser reichen Sammlung einnimmt und daher unbekannt geblieben ist 3 . 
Mit freundlichster Zuvorkommenheit gestattete mir der Besitzer Zeichnungen der Vase 
anzufertigen, nach denen die auf Tafel 6 gegebene Abbildung der Vorderseite und 
die Vignette am Schlufs dieser Zeilen hergestellt sind. Aus letzterer sind die flüchtig 
hingeworfene Darstellung der Rückseite, zwei Paare jugendlicher 'Mantelfiguren', 
sowie die Form des Gefäfses und die Ornamentation ersichtlich. Es ist ein kelch- 
förmiger Krater von 0,46 m Höhe und 0,44 m oberem Durchmesser. Der ganze 
Fufs, die Henkel und der Rand an der Mündung sind schwarz gefirnifst und die 
Ornamente — schräg liegende Palmetten oben, Mäander mit Kreuzfeld und Blätter- 
kyma unten und Strichreihen an den Henkelansätzen — schwarz auf roten Thon- 
grund aufgemalt. Die Vase ist in viele Stücke zerbrochen. Da aber alle zugehö- 
rigen Scherben erhalten sind, so ist die Darstellung selbst von wesentlichen Ergän- 
zungen frei geblieben. 

Der Vorgang, um den es sich auf dem Bilde der Vorderseite handelt, ist 
so anschaulich und lebendig geschildert, dafs eine Beschreibung des Einzelnen fast 
unnötig ist. In der Mitte unten liegt auf ein Fell hingestreckt der trunkene Poly- 

') Vgl. Jahn, Archäolog. Aufsätze S. 186. stelle. Nicht mit Recht, wie mir scheint, hat ihm 

'-) Klein (Archäol.-epigr. Mitteilungen XI S. 214) Reisch zugestimmt (Weihgeschenke S. 128 A. 4). 

meint , dafs das Bild dem jüngeren Timanthes 3 ) Einige Vasen der Sammlung sind von Michaelis 

gehöre und den Polyphem des Galateaidyüs dar- Archäol. Ztg. VII 1874 S. 61 beschrieben. 



Winter, Polyphem. 273 



phem in der für die Darstellung schlafender Figuren typischen Haltung 4 . Das 
gemeine Gesicht ist dem Beschauer voll zugekehrt und man sieht an den herab- 
hängenden Wimpern, dafs das grofse Auge auf der Stirn, das die beiden mensch- 
lichen Augen zudeckt 5 , geschlossen ist. Von dem übermäfsigen Weingenufs, auf 
den der grofse Trinknapf und der entleert von einem Strauch herabhängende 
Schlauch hindeuten, in tiefen Schlaf verfallen merkt der Kyklop nicht, was rings 
um ihn her vorgeht: unter der Leitung eines durch Pilos und Chlamys ausgezeich- 
neten Griechen, der trotz seiner Unbärtigkeit doch nur als Odysseus gedacht sein 
kann, sind drei Jünglinge eifrig bemüht, einen dicken Baum auszureifsen. 

'Otav 8' uttviuctctq Baxyi'oo vixwjasvo? 

dxpsjjttuv eXata? saxtv iv Sojjwiai tu, 

8v <pa<JYav<p njüS' l£<X7ro£uvac axpov, 

efs irup xa&Vjaw xaö', otav xsxaujxsvov 

iSco vtv, apa? Ospjiov sf? ixearjV ßaXwv 

KuxXoutto? o^tv ofijxat' IxtVjSu) irup f. 
So schildert Odysseus im Kyklops (v. 454 — 460) sein Vorhaben den Satyrn. 
Die Feuerbrände, mit denen der Pfahl gehärtet werden soll, reichen zwei Genossen 
von links her und einen gleichen hält Odysseus bereit. Rechts aber springen ein 
paar Satyrn herum, in aufgeregter Freude, doch ohne selbst Hand ans Werk zu 
legen: sie spielen dieselbe Rolle wie die feige Gesellschaft in der Dichtung des 
Euripides. 

Dafs die Darstellung von dieser inspirirt ist, kann am allerwenigsten des- 
wegen in Zweifel gezogen werden, weil sie sich nicht als Illustration einer bestimmten 
Szene des Satyrspiels giebt. Dort sind die Vorbereitungen zu dem Anschlag hinter 
die Bühne verlegt und während der Kyklops noch zecht, liegt schon der Pfahl am 
Feuer. Der Vasenmaler hingegen läfst die Griechen die Zurüstungen erst beginnen, 
nachdem Polyphem schon eingeschlafen ist. Hat er sich nicht genau nach dem 
Wortlaut des Dramas gerichtet, so ist sein Bild doch so ganz von dessen Geiste 
erfüllt, dafs man es sich nicht anders als unmittelbar unter dem frischen Eindruck 
der Dichtung entstanden denken möchte. Der Kyklops wird zu den späteren 
Werken des Euripides gerechnet und rund 415 angesetzt. Grade um dieselbe Zeit 
ist aber, soweit wir nach dem Stil urteilen können, die Vase entstanden. Im Cha- 
rakter der Zeichnung an die Bonner Ledavase erinnernd, die aus den dreifsiger 
Jahren des fünften Jahrhunderts stammt, giebt sie sich doch durch die Nachlässig- 
keit der Zeichnung als ein etwas jüngeres Werk zu erkennen. Ihre nächste Ana- 
logie findet sie vielleicht in solchen auch gegenständlich verwandten Darstellungen 
wie dem Bilde der Ausrüstung zum Satyrdrama (Neapel 3240 Monum. delV ist. III 

*) Die Stellung, am bekanntesten vom Barberini- 5 ) Mit dem Stirnauge allein ist Polyphem meines 

sehen Faun und der schlafenden Ariadne, ist in Wissens erst in jüngerer Zeit dargestellt, so 

späterer Zeit viel verwendet. Eine Menge von auf dem Wandgemälde aus Tarquinii Monumcnti 

Beispielen führen Pottier und Reinach, La ne- dell' istituto IX Taf. 15 Annali 1870 S. 41. 
cropole de Myrina S. 360 f. an. 

Jahrbuch des archäologischen Instituts VI. 2 1 



274 



Winter, Polyphem. 



Taf. 31) und dem, welches die Fesselung des Amykos schildert (Gerhard, Auserl. 
Vasenb. Taf. 153. 154), von denen jenes durch die Anspielung auf den Flötenspieler 
Pronomos, der um die neunziger Olympiaden berühmt war, einen bestimmten Anhalt 
für die Datirung bietet 6 , während dieses durch die ähnliche ebenfalls dem Satyr- 
drama ganz entsprechende Behandlung 7 eines verwandten Stoffes zu der Polyphem- 
vase in engerer Beziehung steht. 




Berlin. 



Franz Winter. 



6 ) Vgl. Jahn Einleitung zum Münchener Vasenka- 
talog S. CXCIX. Griechische Dichter auf Vasen- 
bildern S. 743. 



7 ) Vgl. Jahn, Berichte der sächs. Gesellschaft der 
Wissensch. I S. 297. 



Archäologischer Anzeiger 

Beiblatt 

zum Jahrbuch des Archäologischen Instituts 

i89i. i. 



DIE SAMMLUNG DER ABGÜSSE IM 
ALBERTINUM ZU DRESDEN. 

Am ig. Januar d. J. sind die aus dem Zwinger 
in die neuen Räume des Albertinums übergesiedelten 
Dresdener Abgufssammlungen im Beisein S. M. des 
Königs von Sachsen eröffnet und der allgemeinen 
Benutzung wieder übergeben worden. 

Die Redaction dieser Zeitschrift hat hievon 
Veranlassung genommen den Unterzeichneten zu 
einem Bericht über die Neuaufstellung aufzufordern. 
Und ich bin dieser Aufforderung um so lieber ge- 
folgt, als sie mir die willkommene Gelegenheit 
bietet, die bei der Neuordnung der Gypse gemach- 
ten Erfahrungen den Fachgenossen vorzulegen und 
die gewonnenen Einsichten vielleicht für die künf- 
tige Einrichtung von Abgufssammlungen nutzbar 
zu machen. Dieser praktischen Absicht gemäfs 
habe ich im Nachstehenden einige statistische Da- 
ten über die Zahl der Abgüsse und den zu ihrer 
Aufstellung im Ganzen und einzelnen gebrauchten 
Raum gegeben und hieran einige Bemerkungen über 
Gestaltung und Ausstattung der Sammlungsräume 
geknüpft. Endlich ist eine Übersicht über die im 
Wesentlichen nach kunstgeschichtlichen Gesichts- 
punkten erfolgte Verteilung der Abgüsse in die 
einzelnen Säle und die Art ihrer Erläuterung durch 
Abbildungen gegeben worden. Hie und da haben 
wir auch die für das Studium wichtigen älteren 
Abgüsse der Sammlung hervorgehoben. Eine voll- 
ständige Aufzählung dieser letzteren lag jedoch für 
diesmal nicht in unserer Absicht '. 

Die Anregung zu jener tiefeingreifenden Um- 
gestaltung der Museumsverhältnisse ist von Seiner 
Excellenz dem Herrn Kultusminister von Gerber 
in seiner Eigenschaft als Generaldirektor der Kö- 



l ) Man findet eine solche in Johann Gottlob 
Matthäy's Verzeichnifs der im königl. Sachs. Meng- 
sischen Museum enthaltenen antiken und modernen 
Bildwerke in Gyps: Dresden und Leipzig, Arnoldi- 
sche Buchhandlung. 1831. Die meisten dieser Ab- 
güsse waren bereits in den Jahren 1794—1803 von 
Archäologischer Anzeiger 1S91. 



niglichen Sammlungen ausgegangen. Sie ergab sich 
I aus der Notwendigkeit, einerseits für die öffentliche 
Bibliothek im Erdgeschofs des Japanischen Palais 
! Platz zu schaffen, das seit 1785 die Antiken beher- 
bergte; andererseits bedurften auch die Gemälde- 
gallerie, das zoologisch-anthropologische, das mine- 
ralogisch-paläontologische und prähistorische Mu- 
seum dringend räumliche Erweiterungen. Endlich 
mufste auch das Hauptstaatsarchiv mit seinen 
Schätzen neu untergebracht werden. Diese Absicht 
sollte nach dem ursprünglichen Plane der Regie- 
rung dadurch verwirklicht werden, dafs die natur- 
wissenschaftlichen Sammlungen aus dem Zwinger 
hinausverlegt und mit dem Archiv zusammen in 
dem zu diesem Zwecke umgebauten alten Zeughaus 
untergebracht würden. Statt dessen sollten die 
Antiken zu den Abgüssen in den Zwinger über- 
siedeln. Auf diese Weise hätte Pöpelmanns be- 
rühmter, von den reichgeschmückten Pavillons über- 
ragter Arkadenhof vier der wichtigsten Kunstsamm- 
lungen Dresdens in sich vereinigt: die Gemälde- 
gallerie, das Kupferstichkabinet, das Museum der 
Gypsabgüsse und die Antikensammlung. 

Gegen diese Verteilung jedoch erhoben sich, 
insbesondere aus der Mitte des Landtags heraus, 
allerlei Bedenken, und es wurde von hier aus der 
Regierung der Wunsch entgegengebracht, das ganze 
alte Zeughaus zu einem grofsen Skulpturenmuseum 
umzugestalten. Da nun aber auch die Unterbrin- 
gung des Archivs sich nicht länger verschieben 
liefs, so wurde nach weiteren Verhandlungen am 
6. März 1884 beschlossen, das umzubauende Zeug- 
haus zwischen Skulpturensammlung und Archiv zu 
teilen und dementsprechend umzubauen. Zu diesem 
Zwecke wurden bewilligt: an Baukosten (einschliefs- 
lich 66,762 M. an Mobiliaraufwand für das Archiv) 
1.315,500 M., für Ausmalung der Sammlungssäle 



den Künstlern des Beckerschen Augusteums ge- 
zeichnet und in Kupfer gestochen worden. Das 
Werk ist jedoch, wie es scheint, nicht zur Ausgabe 
gelangt. Zu einem Bande vereinigte Abzüge der 
Platten befinden sich im Besitz der K. öffentlichen 
Bibliothek und der Skulpturensammlung zu Dresden. 

I 



Treu, Die Sammlung der Abgüsse im Albertinum zu Dresden. 






50,000 M., zur Übersiedelung und Neueinrichtung 
der plastischen Sammlungen 148,300 M. , zum 
Beginn einer plastischen und malerischen Aus- 
schmückung des Gebäudes 27,000 M., zusammen 
1,540,800 M. Nicht einbegriffen sind in letzterer 
Summe die Kosten für das Deckengemälde des 
Treppenhauses, die Firstgruppen für die vier Flügel 
des Gebäudes, endlich die Nischenbüsten und der 
Reliefschmuck für die Hauptseite, über welchen ein 
endgültiger Beschlufs noch aussteht. 

Das alte Zeughaus, welches wie so viele ältere 
Militärgebäude Dresdens, durch die grofsen Kaser- 
nenbauten in der Neustadt für andere Zwecke frei- 
geworden war, liegt an der Brühlschen Terrasse 
hinter dem Belvedere. Es wurde hier 1559 — 1563 
unter Kurfürst August durch den Oberzeugmeister 
Caspar Voigt von Wierandt und den Ratsbau- 
meister Melchior Trost im reichen Renaissancestil 
errichtet, 1740 — 1747 jedoch fast vollständig zu 
einem nüchternen Nutzbau umgestaltet'-. 

Der neue Urnbau durch den Oberlandbaumeister 
Geheimen Oberbaurat Adolph Canzler begann 
im Herbst 1884 und wurde für die Räume der .Skulp- 
turensammlung im wesentlichen am 14. März 1889 
zu Ende geführt, hat also 4'/., Jahre in Anspruch 
genommen. Die Umgestaltung war eine sehr um- 
fassende. Galt es doch nicht nur dem dunkeln 
alten Gebäude durch den Einbruch zahlreicher 
grofser Fensteröffnungen in die gewaltigen und 
festen Wände genügend Licht zuzuführen, sondern 
auch ein Mauerviereck von 107 X 57 m m ' r einer 
neuen Sandsteinarchitektur zu umkleiden und das 
ganze alte Dach durch eine Eisenkonstruktion mit 
fortlaufenden seitlichen Oberlichtern von 5 m Höhe 
zu ersetzen. In den 1650 qm grofsen Hof mufste 
ferner ein Oberlichtsaal eingebaut und für die An- 
legung eines Treppenhauses die ganze Mitte des 
einen Hauptflügels herausgebrochen werden. 

Und auch nach diesen umfassenden Verände- 
rungen verrät sich noch die Entstehung aus einem 
älteren Bau, namentlich in der Schiefwinkligkeit 
des auf S. 8 wiedergegebenen Grundrisses. In der 
Wirklichkeit freilich machen sich diese schiefen 
Winkel am Äufsern überhaupt kaum, im Innern 
verhältnifsmäfsig wenig fühlbar, da die Überleitung 
in eine rechteckige Gestaltung der Räume zumeist 



2 ) Vergl. das Nähere in dem Aufsatz von 
Ermisch über den Neubau des K. Sachs. Haupt- 
staatsarchivs zu Dresden (Löhers Archivalische 
Zeitschrift XIII, 1888, S. 282 ff.), wo auch die alten 
Abbildungen des Zeughauses in seiner früheren 
Gestalt angeführt sind. 



durch kleinere, zum Teil zu Nutzzwecken verwandte 
Eckzimmer bewirkt wird. 

Über die Einrichtung des Archivs und der 
noch nicht endgültig geordneten Antikensammlungen 
zu berichten, die zusammen das Erdgeschofs und 
das I. Stockwerk füllen, liegt aufserhalb der Gren- 
zen unserer gegenwärtigen Aufgabe. Wir haben es 
für jetzt lediglich mit der Abgufssammlung zu thun. 
Diese ist einerseits im Lichthof und andererseits 
im II. Stockwerk untergebracht worden. Und zwar 
befinden sich im Lichthof die Abgüsse nach 
neueren Bildwerken einschliefslich der aus dem 
Palais des Grofsen Gartens hieher übergesiedelten 
Rietschelmodelle, im II. Stockwerk die Abgüsse 
nach Antiken, mittelalterlichen und Renaissance- 
werken. 

Eine zahlenmäfsige Übersicht der Abgüsse nach 
Gröfse, Art und historischer Gruppirung, sowie 
Zahlenangaben über den zur Aufstellung der Ab- 
güsse und Abbildungen verwandten Raum giebt 
die nachstehende Tabelle: 











c 


c 





• 





Kleine 
Bildwerke 

Bruchstück 


0» 

M 

c 

•5 
'Ja 


M _ 
ä c 

= .S 

3 

ü 


ja _ 

e £ 
es 


1) Ägyptisches und 










Assyrisches . . . I 35 


14I - 


262 


117 


219 


2) Griechisqh-römi- 
















1240 


30S 


1440 


52 s 


248 s 


3381 


3) Mittelalter und 














Deutsche Renais- 














sance des XV. u. 














XVI. Jahrh. . . . 


in 


286 


— 


— 


179 


285 


4) Italienische Re- | 












naissance .... 3 10 


118 - 


101 


289 


5IO 


5) Neuere Bildwerke 557 


187 


— 


23 


7'S 


1225 


6) Naturabgüsse und 












anatomische Mo- 














— 


— 


— 


21 


54 



Gesammtzahl 2331 913 1440; 911 3806^674 
Durch den Vergleich obiger Zahlen mit dem Be- 
stände der älteren Verzeichnisse gewinnen wir ein 
Bild von dem bedeutenden Zuwachs an Abgüssen, 
welchen die letzten Jahre gebracht. Die ursprüng- 
liche Mengssche Sammlung zählte 833 Nummern, 
wozu im Jahre 1828 noch 17 Abgüsse nacli Origi- 
nalen der K. Antikensammlung kamen; Hettners 
Verzeichnifs vom Jahre 1881 führt nach Ausschei- 
dung von ein paar hundert geringwertigen Abgüssen 
der Mengsschen Sammlung und nach Neugründung 



:i ) Unter dieser Bezeichnung sind Statuetten, 
Kleinbronzen, Terracotten, kleine Bildhauerskizzen, 
Elfenbeinschnitzereien, l'laquetten, Medaillen und 
kleinere Geräte zu verstehen. 



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der Abteilung für die Plastik des Mittelalters und 
der Renaissance deren 940 auf. Der gegenwärtige 
Bestand umfafst 2331 gröfsere und 913 kleinere, 
also im Ganzen 3244 Abgüsse, ausschliefslich der 
hier nicht mitgezählten 1440 Bruchstücke von den 
Äginetengiebeln, den Schatzhäusern und dem Zeus- 
tempel zu Olympia, sowie dem Parthenon. 

Diese ansehnliche Vermehrung um mehr als 
das dreifache des früheren Bestandes verdanken wir 
zunächst der Einverleibung des Rietschelmuseums 
und der in diesen Tagen durch Ernst Hähnel er- 
folgten Schenkung seiner sämmtlichen Modelle an 
die Skulpturensammlung, wodurch ihr im Ganzen 
etwa 600 neue Bildwerke zugebracht wurden. Zum 
gröfseren Teil aber entstammt dieser Zuwachs neuen 
Ankäufen. Letztere wurden gemacht 1) aus den 
regelmäfsigen jährlichen Mitteln der Sammlung (ins- 
gesammt 28,000 M. seit dem Abschlufs des Hettner- 
schen Verzeichnisses); 2) aus einer, gelegentlich der 
Übersiedelung gewährten einmaligen aufserordent- 
lichen Bewilligung von 50,000 M. für die Anschaffung 
zumeist gröfserer Abgüsse (darunter 10,000 M. für 
die Anfertigung und Aufstellung eines Abgusses 
der Goldenen Pforte zu Freiberg). 

Wie weiter aus obiger Tabelle ersichtlich ist, 
umfafst der zur Aufstellung dieser Abgüsse auf- 
gewandte Raum in der Grundfläche 3806 qm, an 
Wandflächen 5^74 1 m ' Will man hieraus ein prak- 
tisch brauchbares , ungefähres Durchschnittsmaafs 
berechnen, um den zur Aufstellung einer Abgufs- 
sammlung nötigen Raum wenigstens ganz im Un- 
gefähren veranschlagen zu können, so empfiehlt es 
sich die Abbildungen und dergleichen Nebenwerk 
zunächst unberücksichtigt zu lassen, von der Ge- 
sammtzahl der Abgüsse die kleineren Bildwerke und 
Bruchstücke abzuziehen , welche verhältnifsmäfsig 
wenig Raum beanspruchen, dafür aber die Teile 
einer Gruppe als Einzelgestalten besonders zu zäh- 
len. Dies ergiebt für unsere Sammlung an grofsen 
und mittelgrofsen Stücken die Zahl von rund 2300, 
mit welcher in rund 3800 qm Grundfläche und rund 
5700 qm Wandfläche zu dividiren sein würde. Wir 
erhielten mithin im Durchschnitt rund 1,65 qm 
Grundfläche und 2,50 qm Wandfläche auf den ein- 
zelnen Abgufs. 

Zur Aufstellung der Abgüsse nach antiken, 
mittelalterlichen und Renaissancebildwerken standen 
im II. Stock 12 gröfsere Säle und 22 kleinere 
Zimmer zur Verfügung. Nur in dem schmäleren, 
kaum mehr als 1 1 m in der Tiefe messenden Nord- 
flügel nehmen die Säle die ganze Breite des Ge- 
bäudes ein. In den drei übrigen 17m tiefen Flü- 
geln ist der Kaum so gegliedert, dafs zu beiden 



Seiten der gröfseren und höheren Mittelsäle zwei 
Reihen kleiner Zimmer sich hinziehen. Diese An- 
ordnung ist gewählt worden, einerseits um einen 
gröfseren Umfang der Wandfläche zu gewinnen und 
andererseits, um den Blick des Beschauers nicht 
durch eine allzugrofse Anhäufung von Abgüssen in 
grofsen Sälen zu verwirren und zu zerstreuen. Es 
wurde hiedurch zugleich vermieden, dafs die klei- 
neren Bildwerke von den grofsen erdrückt und um 
ihre Wirkung gebracht würden. Endlich ist es 
durch eine Verweisung der kleineren und der un- 
erheblicheren Stücke in die Seitenzimmer auch 
möglich geworden, in den gröfseren Sälen eine 
Auswahl des Bedeutendsten zu vereinigen , so dafs 
der durch sie hindurchschreitende Beschauer sofort 
einen Überblick über die Hauptsachen gewinnt. 

Maafsgebend für die Wahl einer derartigen 
Raumgliederung waren auch die Rücksichten auf 
eine möglichst ausgiebige und zweckgemäfse Be- 
leuchtung der Gegenstände. Diese hat sich bei 
einem Umbau begreiflicherweise nicht für alle 
Räume gleich vollkommen erreichen lassen ; aber 
für die Mittelsäle insbesondere ist sie so vorzüg- 
lich ausgefallen , dafs sie unseres Erachtens Nach- 
ahmung verdient. 

Für die grofsen Säle nämlich wurde, wie aus 
dem umstehenden Querschnitt erhellt, weder reines 
Oberlicht noch eine seitliche Doppelbeleuchtung 
gewählt, sondern einseitiges, zumeist ungefähr von 
Norden her, schräg einfallendes Oberlicht nach 
Art der sogenannten Atelierbeleuchtung. Diese 
Weise der Lichteinführung bietet die meisten .Vor- 
teile des Oberlichtes, ohne dessen Nachteile mit 
sich zu bringen. Wie bei diesem wird die Einheit- 
lichkeit der Lichtquelle gewahrt und eine Blendung 
des Beschauers durch einen zu niedrigen Lichtein- 
fall vermieden. Andererseits erscheinen auch die 
Augenhöhlen und geneigten Köpfe der Statuen 
nicht so stark beschattet, wie bei zu steil von oben 
einfallendem Lichte ; ja es wird überhaupt für den 
ganzen Körper eine natürlichere und weichere Be- 
leuchtung gewonnen. Endlich entgeht man bei 
der hier gewählten Konstruktion einer Verdunkelung 
der Räume durch den zu Zeiten auf den wagrechten 
Oberlichtfenstern liegenbleibenden Schnee und 
Schmutz. Der steile Neigungswinkel unserer äufse- 
ren Lichtöffnungen bewirkt vielmehr eine rasche 
und fortwährende Selbstreinigung der Gläser. 

Allerdings steht all diesen Vorteilen auch ein 
Nachteil gegenüber. Man erhält nämlich unter der 
seitlichen Lichtöffnung eine minder gut, bestenfalls 
nur durch ein steiles Streiflicht beleuchtete Wand. 
Aber dieser Übelstand hat sich in unserer Samm- 

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hing deswegen weniger fühlbar gemacht, weil diese 
ungünstigere Wand aufser für minderwertige Ab- 
güsse insbesondere für die erläuternden Abbildungen 
ausgenutzt werden konnte. Es wurde auf diese 
Weise möglich die Bildtafeln von den Abgüssen 
zu trennen, so dafs sie weder die Ruhe der Auf- 
stellung noch die Wirkung der Kunstwerke beein- 
trächtigen, und dennoch dem Beschauer zu ver- 
gleichender Betrachtung stets bequem zur Hand 
sind. 

Ganz vorzüglich beleuchtet sind in unserer 
Sammlung besonders die Querwände der grofsen 
Säle. Um diese in möglichst ununterbrochener 
Ausdehnung für die Aufstellung ausnutzen zu kön- 
nen, wurden die Thüren soweit als möglich auf die 
Seite, in die Nähe der dunkleren Wände verlegt, 
so dafs der Verkehr der Besucher sich vorzugs- 
weise an diesen entlang zieht. Hier stehen auch in 
der Regel die in reichlicher Anzahl (über ioo) 
durch die ganze Sammlung verteilten Stühle, damit 
der Beschauer bei Betrachtung der Abgüsse das 
Licht im Rücken habe. Übrigens sind lediglich 
leichte handliche Stühle aus gebogenem Ilolz mit 
Sitzen und Lehnen aus Holzfournier gewählt wor- 
den. Monumentalere Sitze haben nur im Treppen- 
haus und den beiden grofsen Hauptsälen der An- 
tikensanimlung Aufstellung gefunden. 



Für die Nebenzimmer kam teils Oberlicht, 
teils seitliche Fensterbeleuchtung zur Verwendung. 
Die letztere erwies sich als weniger günstig. Es 
sind daher die unteren Scheiben meist zugestrichen 
worden, um einen gesammelteren höheren Licht- 
einfall zu erzielen und die störenden Blendungen 
zu mindern. Es konnte zu jenem Mittel um so 
eher Zuflucht genommen werden, als sich die Plätze 
unter den Fenstern wegen Ubermäfsiger Höhe der 
Brüstungen doch nicht zur Aufstellung von Pulten 
ausnutzen liefsen. Es war dies eine Folge des 
Umbaues. Bei dem Neubau eines Museums würde 
die ungefähre Pulthöhe der Fensterbrüstungen einen 
der festen Ausgangspunkte für die Maafsbestim- 
nmngen bilden müssen. 

Auch sonst sind die Abmessungen der Räume 
durch die Rücksicht auf die gegebenen Maafse des 
älteren Baues nicht ganz günstig beeinflufst worden. 
So hat die Breite der Seitenzimmer nur mit rund 
4 m bemessen werden können. Sie hätten sonst, 
je nach ihrer Länge mindestens 5— 6 m breit wer- 
den müssen. Ebenso ist die Simshöhe der Haupt- 
säle mit 4,75 m für Kolossalstatuen wol etwas zu 
niedrig ausgefallen. Eine Wandhöhe von etwa 
5'/2 m hätte auch diesen eine bequeme Aufstellung 
gesichert. 

Dagegen sind die Breiten- und Längenverhält- 



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nisse der Mittelsäle mit rund 9 m zu 1 5 - 20 m 
sehr günstig gewählt. Vor allem aber gilt dies 
von ihrer bedeutenden Scheitelhöhe: 8 m. Denn 
diese gestattete einerseits eine beträchtliche Höhe 
der Lichtöffnungen (3,50 m : aufsen sogar 5 m), und 
ermöglichte es andererseits, auch die Zierformen 
der Decke hoch über die gewöhnliche Augenauf- 
schlagshöhe des Beschauers und die Köpfe der 
Statuen hinaus zu verlegen. Auf diese Weise 
konnte den Sälen durch einen reicheren Decken- 
schmuck eine gewisse künstlerische Wirkung ge- 
sichert werden, ohne doch den Beschauer durch 
einen solchen von der Betrachtung der aufgestell- 
ten Kunstwerke abzulenken. Auf eine reichere 
Ausschmückung der Decken aber haben hier ver- 
schiedene Ursachen gefuhrt. Vor allem das Vor- 
handensein einer grofsen Anzahl von plastischen 
Schmuckstücken, Büsten und Vasen des XVI. und 
XVII. Jahrb. aus weifsem und buntem Marmor und 
anderen kostbaren Steinarten. Da die ersteren zu- 
meist Kopieen nach Antiken waren und in der 
Einzelausführung meist zu geringwertig erschienen, 
um eine Aufstellung zwischen den Sammlungs- 
gegenständen zuzulassen, so mufste versucht werden, 
sie wenigstens in ihrem hohen dekorativen Wert 
zur Geltung zu bringen. Jene Verwendung aber 
war lediglich in den Sälen der Abgufssammlung 
möglich, bei deren räumlicher Ausgestaltung der 
Umbau eine gröfsere Freiheit gestattete, als bei 
den im I. Stock gelegenen, zumeist niedrigeren 
Antikensälen. Insbesondere boten die in den 
Querwänden der Abgufssammlung zum Zweck einer 
gleichmäfsigen Cirkulation der warmen Luft ange- 
brachten Maueröffnungen und die daneben befind- 
lichen Bogenzwickel eine willkommene Gelegenheit 
zur Anbringung jener dekorativen Vasen und Büsten 
dar (m. vergl. den Durchschnitt). Endlich war bei 
der Ausschmückung der gröfseren Abgufssäle der 
Gedanke wirksam, den vielen geringwertigeren An- 
tiken gegenüber, welche unser Museum besitzt, die 
Abgufssammlung als eine Auslese des vorzüglichsten, 
was die plastische Kunst aller Zeiten geschaffen, 
auch äufserlich durch reicheren künstlerischen 
Schmuck auszuzeichnen und den Beschauer dadurch 
zum Kunstgenufs zu stimmen. Die Rücksicht auf 
die Geringwertigkeit des Materials, aus dem die 
Abgüsse bestehen, mochte demgegenüber weniger 
in Betracht kommen. 

Im Gegensatz zu der reichen Schmückung der 
Decken sind Wandflächen und Sockel ganz einfach 
behandelt. Und zwar ist die Farbenfolge so ge- 
ordnet, dafs über schwarzen Sockel sattgefärbte 
Wände und steinfarbige Simse sich erheben, die 



ihrerseits zu den lichten Decken überleiten. Auf 
diese Weise findet von unten nach oben hin ein 
allmäliger Übergang vom Dunklen zum Hellen statt. 
Der Färbung der Sockel folgen naturgemäfs auch 
die Thüren, deren schwarze Umrahmungen in der 
Abgufssammlung zumeist mit bronzefarbigen Stuck- 
leisten geschmückt sind. 

Als Wandfarbe ist für die Mittelsäle, in denen 
die gröfseren Abgüsse eine kräftigere Hervorhebung 
ihrer Umrisse vertragen, sogen, pompejanisches 
Braunrot gewählt worden ; für die kleineren Bild- 
werke der Seitenzimmer ein ins grau spielendes 
Olivgrün. In den weniger gut beleuchteten Eck- 
sälen, wie dem ägyptischen, assyrischen Kabinet und 
den Mausoleumsaal, mufsten Wände zur Ausglei- 
chung des Helligkeitsgrades gelb gestrichen werden. 
Für einzelne besonders ausgezeichnete Fälle wie 
z. B. bei der Aphrodite von Melos und den lysip- 
pischen Statuen wurde ein lichtes in den Umrah- 
mungen mit Gold gehöhtes Silbergrau angewandt, 
das besonders fein zu den Halbtönen der beschat- 
teten Gypsflächen stimmt. 

Weitergeführt wird die farbige Ausstattung der 
Säle ferner durch Stoff hintergründe , welche zur 
Hervorhebung besonders schöner und wichtiger 
Statuen verwandt wurden. Gewählt wurde hiezu 
meist ein graugrüner, mottensicherer Leinenplüsch 
mit silbrigen Reflexen (sogen. Mikado). Aus die- 
sem wurden auch die Thürvorhänge hergestellt, 
welche dazu dienen, das aus den Nebenzimmern 
einfallende Sonnenlicht für die Mittelsäle abzu- 
fangen. 

Wie die Färbung der Sockel auf diejenige der 
Postamente eingewirkt hat, so wurde umgekehrt 
ihre Höhe durch die Durchschnittsgröfsc unserer 
j Statuenpostamente bestimmt. Da letztere zwischen 
0,85 und I m hoch sind, so wurde die Sockelhöhe 
auf 0,85 festgestellt. Die Büstenständer, welche in 
der Höhe teils 1,20, teils 1,38m messen, konnten 
natürlich ohne Schaden über die Oberkante des 
Sockels hinausreichen. Zum Anstriche der Posta- 
mente wurde nach vielfachen Versuchen statt der 
sonst üblichen gelbgrauen und graugrünen Farbe 
eine serpentinartige Bemalung gewählt. Ich halte 
diese Wahl für eine besonders glückliche. Denn 
es gelingt auf diese Weise den Abgufs für die Be- 
trachtung von seinem Postament zu isoliren, wäh- 
rend bei hellen Untersätzen das Auge unwillkürlich 
Statuen und Postament in eins fafst und eng auf 
einander bezieht. Um dies zu vermeiden sind bei 
uns auch Büstenfüfse und Gypsklötze, welche ur- 
sprünglich nicht zugehörige Köpfe und Bruchstücke 
tragen, dunkelgraugrün gestrichen worden, um auch 



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hier für den Blick sofort die antiken Teile von 
den modernen Untersätzen zu scheiden. 

Ebenso wurden sämmtliche Konsolen bronzirt, 
damit sie sich einerseits von den darauf angebrach- 
ten Gegenständen besser trennen und andererseits 
mit den braunroten und graugrünen Wänden ähn- 
lich weich zusammengehen, wie die serpentinfarbe- 
nen Postamente mit den schwarzen Sockeln. 

Den Postamenten und Konsolen entsprechend ist 
auch zur Farbe der Inschriftschilder Gold auf schwar- 
zem Grunde gewählt worden. Und zwar wurden 
diese Schilder nicht wie gewöhnlich auf Papier ge- 
druckt, sondern in grofsen und sorgfältig gewählten 
römischen Inschriftbuchstaben in Goldbronze auf 
schwarzlackirtes Blech, oder, was sich noch besser 
macht, auf mattschwarzes Holz geschrieben. 

Auf die Inschriften ist auch in ihrer Fassung 
besondere Sorgfalt verwandt worden. Sie sollten 
für den Durchschnitt der Besucher das lästige und 
zeitraubende Suchen und Blättern in den Katalogen 
möglichst entbehrlich machen und durften daher 
nicht zu knapp gehalten werden. Hoffentlich ist 
es uns unter Beihilfe von Heinz Bulle und Paul 
Herrmann gelungen, hier das Wesentliche zu geben, 
ohne zu weitläufig zu werden. In zahlreichen Fäl- 
len ermöglichte sich eine knappere Fassung dadurch, 
dafs Hinweise auf die in grofser Anzahl innerhalb 
der Sammlung verteilten Ergänzungszeichnungen 
oder Photographieen verwandter Werke hinzugefügt 
werden konnten. 

Ein eigentümlicher Vorzug unserer Abgufs- 
sammlung liegt in ihrer Beweglichkeit. Schon seit 
Hettners Zeiten stehen sämmtliche Statuenposta- 
mente, natürlich mit Ausnahme der schweren Fufs- 
gestelle für die gröfsten Kolossalstatuen auf Rollen. 
Dies gestattet, da Schwellen überall vermieden sind, 
nicht nur jederzeit eine rasche Umordnung der 
Abgüsse für Aufstellungs- und Vorlesungszwecke, 
sondern auch einen bequemen Verkehr mit der 
Formerei, der Ergänzungswerkstatt und den Auf- 
zügen. Von den letzteren steht der in der West- 
ecke belegene mit einem photcgraphischen Atelier 
in Verbindung. Der gröfsere Aufzug in der 
Nordecke des Hofes dagegen dient hauptsäch- 
lich zur Aufwindung neuer Abgüsse, die in den 
Hof hineingefahren und bei gutem Wetter hier, bei 
schlechtem in den nahe gelegenen Packräumen 
ausgepackt werden können. Der Aufzug, welcher 
Lasten von 40 Centner heben kann, befördert die 
ausgepackten Abgüsse zugleich direkt in die For- 
merei, wo sie zusammengesetzt und ausgebessert 
werden , und sich dann geradeswegs in die Samm- 
lungsräume hineinrollcn lassen. 



Die Fufsböden sind zu möglichster Vermeidung 
von Staub aus Terrazzoplatten gefertigt, die meist 
zu schachbrettförmigen hell und dunkelgrauen Mu- 
stern zusammengestellt sind. Wie die Erfahrung 
gezeigt hat, wäre eine lichte Gleichfarbigkeit des 
Bodenbelags um der ruhigeren Wirkung willen 
vielleicht vorzuziehen gewesen. 

Leider gestatteten gewisse räumliche Verhält- 
nisse des älteren Baues auch nicht, die Dampf- 
röhren der Heizung mit in den Fufsböden zu ver- 
legen. Sie mufsten vielmehr entweder an den 
Sockeln entlang geführt, oder an den Wänden zu 
ofenähnlichen Heizkörpern gesammelt werden. Es 
bringt dies nicht nur einen Platzverlust an den 
Wandflächen mit sich, sondern gefährdet auch die 
über den Heizröhren aufgehängten Gypse durch 
den mit der erhitzten Luft unmittelbar an ihnen 
emporsteigenden Staub. 

Die Reinigung der Gypse erfolgte, wo die Ab- 
güsse nicht etwa schon in früherer Zeit überstrichen 
oder »stearinisirt« worden waren, in der bekannten 
einfachen Weise durch Stärkekleister, und zwar mit 
durchgängig sehr gutem Erfolg. Ihre weitere Be- 
handlung wurde nach dem am Berliner Museum 
eingeführten von Dechend'schen Verfahren durch- 
geführt. Letzteres hat sich im Ganzen gut bewährt. 
Nur in ganz vereinzelten Fällen , wo die Lösungen 
nicht im richtigen Verhältnifs oder nicht rasch 
genug nach einander aufgetragen worden waren, 
bildeten sich kleine Flecken. Auch entstanden hie 
und da, besonders bei cachirten Abgüssen, gelbe 
Stellen auf der Gypsoberfläche, die jedoch mit der 
Zeit meist von selbst abblichen und verschwanden. 
Ein Hindernifs für die Einführung des Verfahrens 
wird für kleinere Museen trotz der im Ganzen 
günstigen Erfolge vielleicht seine Kostspieligkeit 
bilden. Die Maschine allein kostet gegen 1500M. 
Für die Lösungen, welche aus Berlin bezogen 
werden mufsten, verausgabte unser Museum c. 2500M.; 
an Fracht gegen 300 M. Die Arbeitslöhne betru- 
gen c. 1000 M. Freilich ist dabei nicht aufser 
Acht zu lassen , dafs die Luftpumpe mit ihren 
Schläuchen sich dauernd auch für die Abstäubung 
der Gypsabgüsse verwenden läfst und für diesen 
Zweck ganz vorzüglich geeignet ist. 

Ich schliefse diese technischen Erörterungen 
mit dem für die Ausfuhrung in unserer Sammlung 
jetzt leider zu verspäteten Vorschlag, die Wände, 
an denen Abgüsse aufgehängt werden sollen, ebenso 
wie dies jetzt zumeist in den Gemäldegallerieen 
geschieht, mit starken Holzbohlen zu verkleiden, 
statt sie mit Stuck zu bewerfen. Es ist dies zwar 
in der ersten Anlage teurer, ermöglicht aber eine 



Treu, Die Sammlung der Abgüsse im Albertinum zu Dresden. 



bequemere Befestigung der Gypse, vermeidet die 
starke Beschädigung der Wände , welcher diese 
durch das wiederholte Eindübeln und Eingypsen j 
von eisernen Haken fort und fort ausgesetzt sind, i 
und erspart damit kostspielige Ausbesserungs 
arbeiten. 



Der Haupteingang zu den plastischen Samm- 
lungen des Albertinums liegt an der Nordseite des 
Gebäudes zum Belvedere hin. Betritt man von hier, 
von der Brühischen Terrasse her das Treppenhaus, 
so befindet man sich im Niveau des I. Stockwerks, 
der Antikensammlung gegenüber. Zwischen den 
von hier aus zum Lichthof abwärts und zur Ab- 
gufssammlung aufwärts führenden Treppen sind die 
Garderoben angelegt. Hier befindet sich auch die 
Centralstelle für das Telephonnetz aller drei Stock- 
werke. Die Stufen sind übrigens durchgängig mit 
Linoleum belegt worden. Auf allen Treppenab- 
sätzen stehen schwere eichene Ruhebänke mit hohen 
Rücklehnen und Seitenwangen in Greifenform , von 
reichen ebenfalls eichenen Büstenpostamenten über- 
ragt. 

Der hauptsächlichste künstlerische Schmuck 
dieses Treppenhauses, das Hermann Prell über- 
tragene Deckengemälde mit dem Sieg der olympi- 
schen Götter über die Giganten fehlt noch; ebenso 
zwei grofse Bronzereliefs mit den Bildnissen König 
Johanns und des regierenden Königs, welche Diez 
modelliren soll; endlich zwei Majolikamedaillons 
mit den Köpfen von Mengs und Winckelmann. Da 
nun für das Deckenbild bedeutende Abmessungen 
(I3'/j zu 6 m) und eine kräftige Farbenstimmung 
in Aussicht genommen sind, welche ihm eine be- 
herrschende Wirkung für das ganze Treppenhaus 
sichern sollen, so wird es nach seiner Anbringung 
voraussichtlich auch auf die bereits vorhandene 
ornamentale Ausschmückung der stattlichen Halle 
zurückwirken. Ihre Ausstattung kann daher für 
jetzt nur als eine vorläufige gelten. Immerhin ist 
versucht worden, das Treppenhaus auch gegen- 
wärtig schon einigermafsen würdig zu schmücken. 
Auch hiezu dienten, aufser den Büsten Hettners 
und Böttichers von Hähnel und Rietschel, vorzugs- 
weise unsere Vorräte aus dem XVI. Jahrh. mit 
ihren antikisirenden Statuen, Hermen und Büsten | 
aus buntem Marmor, nebst einigen Bronzen und 
Vasen. Daraus ergab sich wie von selbst die Ver- i 
Wendung des Treppenhauses zu einer Sammelstätte 
für dekorative Plastik aus farbigen Stoffen. Und I 
es war ein naheliegender Gedanke, die Lücken, die J 
hier noch blieben, vorläufig durch farbige Wieder- 
herstellungsversuche an Abgüssen nach der Antike 



auszufüllen. Hiezu hat Ludwig Otto in dankens- 
wertester Weise seine geübte Hand geliehen. Ge- 
wählt wurden die Meduse aus Köln, unsere herku- 
lanische Matrone und der lateranische Sophokles. 
Die Medusenmaske leuchtet nun mit ihrem elfen- 
beinfarbenen Fleisch, den starren dunkelen Augen 
und dem goldenen , von schillernden Schlangen 
durchfiochtenen Haar sehr wirkungsvoll dem Ein- 
tretenden aus dem Halbdunkel einer Bogenwölbung 
entgegen. Sophokles und Herkulanerin dagegen 
stehen an den oberen Wänden der Treppenhalle 
in vollem Lichte einander gegenüber , beide in 
dunkelroten, goldgesäumten Gewändern. Die Fleisch- 
teile weifs zu lassen oder nur leicht zu tönen, er- 
schien auch hier wieder, wenn einmal der Versuch 
mit voller und satter Färbung der Gewänder, Haare 
und Augen gemacht werden sollte, wenigstens für 
unsere künstlerischen Gewohnheiten unthunlich. Es 
mutete daher gewagt werden dem Sophokles z. B. 
einen tiefbraunen Fleischton zu geben. Dafs auch 
diese Versuche sehr der Nachsicht der Künstler 
und der Fachgenossen bedürfen, dessen sind sowol 
Otto wie ich sich bewufst geblieben. Aber es 
schien uns dennoch nicht recht, eine so günstige 
Gelegenheit zur Anstellung und Vorführung poly- 
chromer Versuche vorüber gehen zu lassen, ohne 
sie zu nützen. Die nach uns kommen, mögen es 
richtiger und besser machen ! — 

Betritt der Beschauer den obersten Treppen- 
absatz, so sieht er sich den hohen Bogenöffnungen 
der Vorhalle gegenüber, zwischen denen die Pallas 
von Velletri auf ihn herabblickt. Rings an den 
Wänden polykletische Jünglingsgestalten und Ama- 
zonen. 

So sehr es nämlich auch geboten war, die 
Abgüsse in geschichtlicher Folge zu ordnen, so 
schien es doch wünschenswert, den Beschauer nicht 
gleich beim Beginn seines Rundgangs den Ur- 
anfängen der Kunst gegenüber zu stellen, sondern 
ihn vielmehr mit Werken aus der Blütezeit grie- 
chischer Plastik zu empfangen. 

Diese Erwägungen sowie Rücksichten räum- 
licher Natur haben zu der Anordnung geführt, 
welche der Plan veranschaulicht. Die geschicht- 
liche Reihenfolge hebt in der Westecke des Ge- 
bäudes, wie billig mit Ägypten und Assyrien, an. 
Wer daher mit den Anfängen der Kunst beginnen 
will, wendet sich von der Vorhalle aus rechts und 
schreitet durch den Olympia- und Aeginetensaal 
zum Saale des Löwenthors und zu den Zimmern 
für altorientalische Kunst. Wer dagegen lediglich 
künstlerische Anregung sucht, geht von der Vor- 
halle aus gleich links in den Parthenonsaal und 



Treu, Die Sammlung dei Abgüsse im Albertinum zu Dresden. 



ALBERTINUM 

n. STOCK 

ABGUSS-SAMMLUNG 




setzt seinen Weg durch die Säle, welche nach der 
Eirene des Kephisodot, nach Praxiteles, Lysipp und 
dem Mausoleum genannt sind , zum Pergamonsaal 
und den Renaissancesälen fort. Inschriften über den 
Thüren sämmtlicher Räume und innerhalb der Thür- 
verkleidungen angebrachte kleine Grundrisse der Ab- 
gufssammlung, in denen der betreffende Saal mit 
lebhafter Farbe hervorgehoben ist, erleichtern dem 
Besucher überall die Orientirung. 

Wir lassen nunmehr eine kurze Übersicht des 
Hauptinhalts der einzelnen Sammlungsräume folgen 
und beginnen dabei aus den oben angeführten 
Gründen mit dem westlichen Eckgemach des zwei- 
ten Stockwerks. 



I. Naturabgüsse und anatomische Mo- 
delle. Eine derartige Sammlung wird, so viel uns 
bekannt, in diesem Zusammenhange hier zum ersten 
Male unternommen, so unentbehrlich sie auch für 
künstlerische und wissenschaftliche Lehrzwecke ist. 
Sie ist übrigens auch bei uns noch nicht über die 
ersten Anfänge hinaus gediehen, so dafs das Zim- 
mer der allgemeinen Benutzung noch nicht hat 
übergeben werden können. 

II. Aegyptischer Saal (Grundfläche 47, 
Wandfläche 86 qm). 27 von Ebers meist aus 
dem Museum von Gizeh (früher Bulak) gewählte Ab- 
güsse, deren Formen sich im Besitz der Skulpturen- 
sammlung befinden. Seit Hettners Verzeichnifs 
nicht vermehrt. Neu gegen 80 Abbildungen von 
Tempeln, einzelnen Baugliedern, Grabanlagen, 
Wandmalereien, Statuen ; aufser nach Wernerschen 
Aquarellen meist aus Prisse d'Avennes' Histoire de 
l'art egyptien und Perrot-Chipiez's Histoire de l'art 
dans l'antiquite entlehnt. 

III. Assyrischer Saal (Grundfl. 50, Wandfl. 
80 qm). 22 Abgüsse, seit Hettner nicht vermehrt. 
Neu gegen 60 Abbildungen meist aus Place und 
Thomas, Ninive et l'Assyrie, und Perrot-Chipiez, zur 
Veranschaulichung babylonischer , assyrischer und 
phönikischer Landschaften, Bau- und Bildwerke. 

IV. Vorderasiatisches Zimmer (Grundfl. 
20, Wandfl. 50 qm). Gänzlich neue Zusammen- 
stellung von 125 Abbildungen zur Veranschau- 
lichung der persischen, phönikischen, nordsyrischen 
(»hittitischen«) und kleinasiatischen Kunst aus 
Dieulafoys L'art antique de la Perse; Perrot, 
Guillaume und Delbet, Exploration de la Galatie; 
Perrot und Chipiez. Schliemanns trojanische Aus- 
grabungen in vergrößerten Abbildungen aus seinen 
Büchern. Die kretischen Weiheschilde aus der 
Höhle des idäischen Zeus in den Tafeln Halbherrs 
und Orsis; Karten von Vorderasien. 

V. Saal des Löwentors. (Grundfl. 94, 
Wandfl. 124 qm). 39 gröfsere Abgüsse und gegen 
90 Abbildungen meist aus früharchaischer Zeit. 
Den Anschlufs an den Orient vermittelt jetzt einer- 
seits ein Abgufs der Löwenjagd von Saktsche-gözü 
(Humann und Puchstein, Reisen in Kleinasien und 
Nordsyrien Tafel XLVI) und andrerseits eine halbe 
Saalwand voller Abbildungen aus Schliemanns 
Mykene und Tiryns. Die Typenreihe der stehen- 
den weiblichen Gestalten ist durch die olympische 
»Eumenide«, die Nikandre, das samische Standbild, 
photographische und farbige Abbildungen der Akro- 
polisstatuen vermehrt; die »Apollo«reihe durch den 
Apollon Strangford, den Akropolisepheben und 
zahlreiche Kleinbronzen , die aus räumlichen Rück- 



Treu, Die Sammlung der Abgüsse im Albertinum zu Dresden. 



sichten im nächsten Saale haben aufgestellt werden 
müssen. Aufserdem sind der Chares , die Sphinx 
von Spata, die delische Nike und die Archermos- 
inschrift hinzugekommen. Ferner mit dem olym- 
pischen Herakopf und dem Megarergiebel die voll- 
ständige Sammlung der Kalkstein- und Terracotta- 
funde von den Schatzhäusern zu Olympia, soweit 
sie geformt sind (über 60 Bruchstücke) ; die älteren 
ephesischen Säulenreliefs und die spartanischen 
Grabsteine. Die Reliefs von Assos wurden durch 
Clarkes, die Metopen von Selinunt durch Benndorfs 
Tafeln erläutert. 

VI. Aeginetensaal (Grundfl. 126, Wandfl. 
152 qm). 80 gröfsere Abgüsse: Ilarpyienmonument, 
das thasische Nymphenheiligtum, archaische Weihe- 
und Grabreliefs (darunter ein Abgufs des Aristion 
mit Wiedergabe der Farbreste) ; Aegineten, Tyrannen- 
mördergruppe; einige archaische Köpfe (darunter 
der »Eperastos«) ; über 50 Kleinbronzen, darunter 
viele olympische. Archaistische Bildwerke. — Von 
den Aegineten ist der Westgiebel hoch im Giebel- 
rahmen aufgestellt; sämmtliche 75 Bruchstücke 
haben durch Brunns Vermittelung in neuen Ausgüssen 
angeschafft werden können. Am Harmodios ist der 
Neapler Kopf durch den des Pherekydes ersetzt, 
am Aristogeiton der rechte Arm umrestaurirt wor- 
den, und beiden sind griechische Schwerter und 
Scheiden in die Hände gegeben. 1 1 Abbildungen 
erläutern die verschiedenen Rekonstruktionen der 
Aeginetengiebel, den Aufrifs und die farbige Aus- 
stattung des Tempels (nach Fenger), die Ergänzung 
der Tyrannenmördergruppe u. dergl. m. 

VII — VIII. Zu einer Sammlung für Ge- 
schichte der antiken Malerei bestimmt, gegen- 
wärtig aber noch zur Ausstellung der neuen Er- 
werbungen für die Antikensammlung benutzt. Auch 
einige architektonische Thonmo delle aus den 
I'Iottendorfer Werken bei Altenburg sollen künftighin 
hier Platz finden. Sie geben Teile folgender Gebäude 
wieder: je drei Ecksäulen vom Poseidontempel zu 
Paestum, vom Parthenon, dem Tempel der Athena 
Nike und der Nordhalle des Erechtheions; einen 
Teil vom Lysikratesdenkmal, drei Ecksäulen tos- 
kanischer Ordnung nach Vitruv, die dorische Säule 
in Albano, eine Ecke des Tempels der Fortuna 
Virilis, einen Teil des Marcellustheaters, die drei 
korinthischen Säulen vom Castortempel und einen 
Teil des Titusbogens. 

IX. Olympiasaal (Grundfl. 417, Wandfl. 
413 qm). Die bereits von Hettner angeschafften 
Abgüsse der Giebelgruppen und Metopen sind Dank 
dem Entgegenkommen der Berliner Museumsverwal- 
tung durch die Erwerbung sämmtlichcr überhaupt 



geformter Bruchstücke (gegen 1000 Fragmente) 
vermehrt worden, so dafs Dresden jetzt neben Berlin 
die vollständigste Olympiasammlung besitzt. Die 
Zusammenfügungsarbeiten haben hier jedoch be- 
trächtlich weiter geführt werden können als in den 
provisorischen Lokalitäten des Campo Santo zu 
Berlin , da unserer Aufstellung alles zu Gute ge- 
kommen ist, was Grüttner und ich während des 
Winters 1886 — 1887 in Olympia an Bruchstücken 
neu angefügt oder zugeteilt haben, und was hier in 
Dresden noch in Fortführung jener Arbeiten von 
mir, Herrn Inspektor Kühnert, den Bildhauern 
Hartmann, Possenti, Reinhold u. A. als zu den 
einzelnen Giebel- und Metopenfiguren zugehörig 
erkannt wurde. Bedeutend ist hier die Arbeit an 
den olympischen Giebeln auch durch die Möglichkeit 
gefördert worden, die Abgüsse in mäfsiger Höhe 
innerhalb der Giebelrahmen selbst aufzustellen und 
sie soweit zu ergänzen, als der Zusammenhang der 
Bruchstücke sicher an die Hand gab und es zur 
Beurtheilung der Raumwirkung jeder Gestalt nötig 
war. Letztere Arbeit wurde nacheinander von den 
Bildhauern Panzner, Hartmann und Huber durch- 
geführt. Für den Beschauer sind die ergänzten 
Teile durch den Anstrich in hell thongrauer Farbe 
kenntlich gemacht. Ferner ist dafür gesorgt, dafs 
die Abgüsse innerhalb der Giebelrahmen verschieb- 
bar blieben, so dafs auch jetzt noch jede Umstel- 
lung ohne zu grofse Schwierigkeiten versucht und 
vorgenommen werden kann. Die nichtangefügten 
Bruchstücke wurden in Schubkästen unterhalb der 
Giebel untergebracht, so dafs sie in übersichtlicher 
Ordnung jeder Zeit bequem zur Hand sind. 

Ähnlich ist mit den Metopen verfahren wor- 
den, welche gegenwärtig auch nur hier in derjenigen 
Vollständigkeit der Zusammenfügung vorhanden 
sind, in welcher sie für das amtliche Olympiawerk 
zur Veröffentlichung kommen werden. 

Auch für eine Wiederherstellung der Tempel- 
architektur ist nach Möglichkeit durch Abgüsse der 
Kapitellprofile, der Löwenköpfe von der Traufrinne, 
dem Aufbau der Giebelrahmen in Originalgröfse 
und deren Bemalung, endlich auch durch ein von 
Grüttner hergestelltes Modell der Tempelfassade in 
'/ 10 der wirklichen Gröfse gesorgt. Giebel und 
Gebälk des letzteren sind bemalt, die Metopen mit 
den vergoldeten Mummiusschilden, das Giebelfeld 
mit einem von Diez herrührenden farbigen Wieder- 
herstellungversuch der Ostgruppe geschmückt wor- 
den. Daneben ermöglichen mehrere Exemplare der 
Grüttnerschen Giebelmodelle die Vergleichung der 
verschiedenen Anordnungsvorschläge für die Ost- 
und Westgruppe. Natürlich ist auch das Aus- 



IO 



Treu, Die Sammlung der Abgüsse im Albcrtinum zu Dresden. 



grabungsfeld durch Karten, Pläne, landschaftliche 
Ansichten und die Wiederherstellungsversuche der 
Altis von Thiersch und Bohn veranschaulicht. 
Künftighin soll dies jedoch noch mit reicheren 
Mitteln geschehen. Prof. Friedrich Preller d. J. 
hat nämlich den Auftrag, zwei Bogenfelder des 
Saales mit grofsen Landschaften in Wachsfarben 
auszumalen, von denen das eine entweder die Ebene 
von Troja oder den Burgberg von Mykene, das 
andere aber die Altis von Olympia in idealer 
Wiederherstellung zeigen soll. Aufserdem wird 
dieser Saal mit vier metergrofsen Rundreliefs aus 
glasirtem Thon in Robbiaweise geschmückt werden, 
welche dem Bildhauer Hans Hartmann übertragen 
worden sind. Sie sollen in Weifs und Gold auf 
blauem Grund das Profilbild Homers, den geflügel- 
ten Blitz im Kotinoskranz als Münzwappen von 
Elis, endlich den Kopf und die ganze Gestalt des 
olympischen Zeus nach den bekannten Münzbildern 
zeigen. 

An olympischen Abgüssen sind in diesem Saale 
noch einige Profile von Heraionkapitellen , das er- 
gänzte grofse Firstakroter des Heratempels, Sieger- 
und Weihinschriften und die Nike des Paionios 
aufgestellt worden. Neben letzterer steht das 
Grüttnersche Modell auf der neuen, nach den letzten 
Messungen berichtigten Basis. 

Schliesslich haben hier noch eine Anzahl von 
Bildwerken Platz gefunden, die den Zeustempelskulp- 
turen nach Zeit oder Stil nahestehen. So der im 
athenischen Theater gefundene Apollon, seine 
Wiederholung im Brittischen Museum, nebst den 
verwandten Apollonköpfen strengen Stils, die Peters- 
burger archaische Erosstatue, die sogen, esquilinische 
Aphrodite, die sogen. Penelope mit der Berliner 
Wiederholung des Kopfes, die Vesta Giustiniani, 
die Mädchenstele aus Venedig, das Grabrelief aus 
Pella in Konstantinopel u. dergl. m. Den Über- 
gang zu den polykletischen Typen der Vorhalle 
bildet die von Kekule als Zeus gedeutete Statue der 
Münchener Glyptothek. 

X. Vorhalle (Grundtl. 85, Wandfi. Il4qm). 
Die Pallas von Velletri und 27 Statuen, Büsten 
und Reliefs, meist nach polykletischen Vorbildern. 
Besondere Erwähnung verdienen die alten Meng- 
sischen Abgüsse einer dem polykletischen Kreise 
nahestehenden kunstgeschichtlich wichtigen Hermes- 
statue in Florenz und des Idolino, mit dem die 
verwandten Statuen des Brittischen Museums und 
der Dresdner Antikensammlung zu bequemer Ver- 
gleichung zusammengestellt sind. Auch der im Archä- 
ologischen Anzeiger 1889 S. 57 besprochene schöne 
polykletische Areskopf aus dem Louvre befindet 



sich hier. In den zum Treppenhaus hin gelegenen 
Bogenöflnungen Mengsische Abgüsse des kolossalen 
borghesischen Marmorkraters im Louvre und der 
medicäischen Vase mit dem auf Iphigeniens Opfe- 
rung gedeuteten Relief. 

XI. Parthenonsaal (Grundfl. 435, Wandil. 
414 qm). Die Neuordnung der Parthenonskulpturen 
in günstigster Beleuchtung ist hier dazu benutzt 
worden, Giebel, Metopen und Fries, die bisher nur 
lückenhaft vertreten waren, durch alle nur irgend 
erreichbaren Abgüsse zu vervollständigen. In Be- 
zug auf die Giebelstatuen hat dies nicht ganz ge- 
lingen wollen; die Friese aber sind, soweit erhalten, 
vollständig vorhanden und haben so aufgestellt 
werden können, dafs der Fries jeder Tempelseite 
in ununterbrochenem Zusammenhang übersehen 
werden kann. Ein Überblick der ganzen Fries- 
komposition ist durch Zerschneiden und Zusammen- 
kleben der Michaelis'schen Tafeln zu einem fort- 
laufenden Streifen gegeben. Natürlich fehlen zur 
Erläuterung der Giebel auch die Carreyschen Zeich- 
nungen, die Petersburger Poseidonvase, das Madrider 
Puteal, Ansichten und Grundrisse der Akropolis 
und ihrer Gebäude nicht (gegen 50 Abbildungen). 
Ein aufser in Athen und im Brittischen Museum 
wol nirgends in diesem Umfang vorhandenes Stu- 
dienmaterial bilden die Abgüsse von Bruchstücken 
der Giebel, des Frieses und der Metopen, welche 
noch aus dem Martinellischen Nachlafs in Athen 
erworben werden konnten. 

Von sonstigen Abgüssen enthält der Saal die 
beim Varvakion gefundene Athena mit den übrigen 
Ergänzungsmitteln für die Parthenos, die Dresdner, 
Casseler und die Giustinianische Athena, sowie eine 
wertvolle Zusammenstellung seitdem nicht wieder 
abgegossener und daher wenig bekannter Athena- 
büsten strengen Stils aus der Mengsischen Samm- 
lung. Ferner stehen hier die Petersburger sogen. 
Dadophore, jedoch ohne den nicht zugehörigen 
Kopf und die fackeltragenden Arme , der Dresdner 
Asklepios aus der Schule des Phidias (Arch. Anz. 
1890 S. 107) die jetzt wol mit Recht Alkamenes 
zugeschriebene Aphrodite, die Hera Barberini nebst 
dem ephesisehen Torso aus Wien und anderen 
Heraköpfen strengen Stils, das Kopfbruchstück der 
Nemesis des Agorakritos u. dergl. m. Endlich, als 
Übergang zum nächsten Saale, eine der Erechtheion- 
Koren. 

Auch dieser Raum soll entsprechend dem 
Olytnpiasaal mit zwei Landschaften Prellers ge- 
schmückt werden: einer Ansicht der athenischen 
Akropolis in ihrer ursprünglichen Gestalt und einer 
ebensolchen des Burgbergs von Pergamon. In 



Treu, Die Sammlung der Abgüsse im Albertinum zu Dresden. 



II 



Majolikamedaillons werden hier ferner der Kopf der 
Parthenos (nach der Aspasiosgemme), der des Peri- 
kles, das Münzbild von Athen und der Profilkopf 
Alexander des Grofsen vorgeführt werden. 

XII. Zimmer des Myron (Grundfl. 26, 
Wandfl. 73 qm). 23 Abgüsse und 7 Abbildungen, zum 
Teil zur Erläuterung myronischer Werke und des 
Dornziehers, zumeist jedoch Athletentypen des 5. 
Jahrhunderts. Unter den Jünglingsköpfen einige 
seltene alte Abgüsse, z. B. des Diadumenos von 
myronischem Charakter im British Museum (Third 
gr.-rom. Saloon) und der Jünglingskopf mit der 
SiegerbindÄaus Petworth. 

XIII. Saal der Eirene des Kephisodot 
(Grundfl. 92, Wandfl. 130 qm). Rings um die Frie- 
densgöttin, welche mit dem Plutos aus dem Piraeus 
die Mitte des Raumes einnimmt, Tempelfriese und I 
Weihereliefs aus der zweiten Hälfte des 5. Jahr- j 
hunderts, nebst der Nikebalustrade. Alles stark 1 
vermehrt. An selteneren Abgüssen die vollständige 
Metopenreihe vom Theseion (aus Martinellis Nach- | 
lafs) und die schönen Metopenreste aus Phigalia. j 
Gegen 30 Abbildungen aus Stackeibergs Phigalia- 
tempel; Rofs, Schaubert und Hansen, Tempel der 
Athena-Nike ; und Kekules Nikebalustrade. 

XIV. Zimmer der griechischen Grab- 
reliefs (Grundfl. 35, Wandfl. 69 qm). Gegen 30 
Abgüsse von Grablekythen, Sirenen, Stelen und 
deren Bekrönung; darunter ein alter Abgufs des 
Albanischen Reiterreliefs. An Abbildungen einige 
Tafeln aus Stackeibergs Gräber der Hellenen zur 
Erläuterung der Bestattungsweise. Photographien 
der Gräberstrafse am Dipylon, die trauernden Frauen 
aus Furtwänglers Sammlung Saburoff, Grabstelen 
u. dergl. m. 

XV. Praxitelessaal (Grundfl. 119, Wandfl. 
1 54 qm). Gegen 50 Abgüsse praxitelischer und von 
seiner Kunst abhängiger späterer Typen. Der 
olympische Hermes zweimal, unergänzt und in der 
Schaperschen Ergänzung auf einem Postament, das 
der Originalbasis im Heraion in Form und Gröfse 
genau nachgebildet ist. Unter den Ergänzungs- 
mitteln zum Hermes ein interessanter farbiger 
Wiederherstellungsversuch Ludwig Ottos. Unter den 
Gypsen mehrere seltene Mengsische Abgüsse- aus den 
Uffizien, vor allem der schöne lehnende Apollon 
mit der Gans, Overbeck, Atlas der Kunstmythologie 
Taf. 23; der Ganymed (Dütschke III, 115). Ferner 
der Torso der Knidierin aus der Ecole des Beaux- 
Arts , mehrere Wiederholungen des Kopfes dieser 
Statue, der Neapler »Narkissos« und das Brustbild 
des »Sardanapal« im Vatikan. 

XVI. Zimmer des Lysipp (Grundfl. 35, 



Wandfl. 79 qm). 30 Abgüsse. Neben dem Schaber, 
der als Aussichtspunkt für die vom Parthenonsaal 
herkommenden aufgestellt ist, der ludovisische Ares, 
der »Jason« im Louvre, der betende Knabe und 
mehrere Athletenköpfe des 4. Jahrhunderts. Dar- 
unter wiederum einige seltene alte Abgüsse, z. B. 
der Kopf des Jünglings mit dem seitwärts ge- 
strichenen Stirnhaar, welcher in den Uffizien auf 
ein Salbgefäfs herabblickend ergänzt ist (Gori, Mus. 
Flor. III, 75). Der bronzene Siegerkopf und die 
Pulydamasbasis aus Olympia; das Lysikratesdenkmal, 
und, als Vorbereitung auf die skopasischen Typen 
des nächsten Saales der Berliner Meleager und der 
Mtinchener Poseidonfries. 

XVII. Mausoleumsaal (Grundfl. 80, Wandfl. 
119 qm). 50 Abgüsse. Aufser dem Mausolos und 
der Artemisia die vollständige Sammlung der ge- 
formten Mausoleumsfriese und der ephesische Ama- 
zonensarkophag. In der Mitte des Saales die ephe- 
sische Säulentrommel mit Kapitell. Ringsum die 
tegeatischen Skopasfragmente, der weibliche Kopf 
von der Südseite der Akropolis und mehrere der 
von Graef dem skopasischen Kreise zugewiesenen 
Typen. Der Ganymed des Leochares und die 
Tyche von Antiochia zwischen den Brockhaus'schen 
Kolossalköpfen. Rekonstruktionen und Photogra- 
phien vom Mausoleum. 

XVIII. Niobezimmer (Grundfl. 59, Wandfl. 
92 qm). 22 Abgüsse, darunter ein schöner und 
scharfer der florentinischen Statuen , neu aus der 
Vannischcn Auktion erworben. Unter den ver- 
wandten Denkmälern hebe ich nur den Castellani- 
schen Niobediskos aus London hervor. Die aus- 
gehängten Abbildungen versuchen, aufser einer Er- 
gänzung der florentiner Gruppe, eine Geschichte 
des Niobemythos in der antiken Kunst zu geben. 

XIX. Zimmer der griechischen Bild- 
nisse (Grundfl. 52, Wandfl. 78 qm). Gegen 50 
griechische Bildnisse in geschichtlicher Folge ge- 
ordnet, darunter mehrere wertvolle Abgüsse aus der 
Mengsischen Sammlung, u. A. die sogenannte Zeno- 
statue aus dem Kapitol, die Inschriftbüste des Eu- 
ripides aus Neapel * und die des Poseidonios 
(Visconti, Iconogr. Gr. 24,1; Baumeister, Dkm. II 
S. 1396), die kleine sitzende Piatonstatuette (Mon. 



4 ) Ich benutze diese Gelegenheit zum Hinweis 
darauf, dafs die Braunschweiger Bronzebüste des 
Euripides , welche Gustav Krüger in der Archäol. 
Zeitung vom Jahre 1870 Taf. 26 veröffentlicht hat, 
lediglich ein Renaissanceabgufs des Neapler Mar- 
morkopfes zu sein scheint. [Das ist bereits in dem Füh- 
rer durch das Herzogliche Museum in Braunschweig 
für alle vier Bronzebüsten ausgesprochen worden. 
Vgl. Bibliographie des Jahrbuchs III 1888 S. 156]. 



12 



Treu, Die Sammlung der Abgüsse im Albertinum zu Dresden. 



dell' Inst. III, 7; Baumeister II S. 1334), deren Kopf 
übrigens, wie meines Wissens zuerst Arndt gesehen 
hat, nieht zugehört. Es wird ein Dionysosköpfchen 
sein, welches hier, der aus der Renaissancezeit 
stammenden Tradition gemäfs, dem Piatonkörper 
aufgesetzt wurde. — Gegen 20 Photographien nach 
plastischen Bildnissen und Münzbildern. 

XX. Lykisches Zimmer (Grundfl. 61, 
Wanilfl. 100 qm) 28 Abgüsse, 40 Abbildungen. 
Kleinasiatische Grabmaltypen zum Vergleich mit 
dem Mausoleum. Auswahl von Abgüssen vom 
Nereidenmonument und Gjölbaschi, erläutert durch 
die Tafeln von Michaelis (Mon. dell' Inst. X, 11 ff.) 
und Benndorf- Niemanns Gjölbaschi-Trysa. Der ; 
bemalte Amazonensarkophag aus Corneto in den \ 
farbigen Tafeln des Journ. of Hellen. Stud. 1883, I 
36 — 38 zur Veranschaulichung der Bemalungsweise. 

XXI. Zimmer der kleineren Bildwerke 
(Grundfl. 18, Wandfi. 45 qm). 113 Abgüsse, 18 Ab- 
bildungen. Plastische und malerische Nachbildun- 
gen von Tanagräischen Terracotten; Kleinbronzen 
u. dergl. m. Bemalungsversuche an Büsten, kleine- 
ren Statuen und Masken, zum gröfsten Teil be- 
sprochen in dem Vortrag: Sollen wir unsere Sta- 
tuen bemalen ? 

XXII. Zimmer der Aphrodite von Me- 
los und des Laokoon (Grundfl. 33, Wandfl. 
79 qm). 1 1 Abgüsse. Aufser den beiden Haupt- 
statuen alte Mengsische Abgüsse vom Kopfe der 
schönen kapitolinischen Kolossalstatue aus Palazzo 
Cesi (sogen. Demeter) und eine kleine Kopie der 
ganzen Gestalt (Bottari III, 8; Righetti I, 5). Das 
pergamenische Nikehaupt und der entsprechende 
cyprische Kopf mit den eingesetzten Augen aus 
dem Berliner Museum. Tafeln mit Ergänzungsver- 
suchen zur Aphrodite von Melos. Stich des Marco 
Dente aus Thodes Buch über die Antiken in den 
Stichen Marcantons etc. zur Veranschaulichung des 
Zustandcs der Laokoongruppe vor der Ergänzung. 

XXIII. Gallierzimmer (Grundfl. 80, Wandfl. 
154 qm). 50 Abgüsse, teils nach den grofsen und 
kleinen attalischen Galliergruppen, teils nach Satyr- 
typen der Diadochenperiode und der Marsyas- 
gruppe. Zur letzteren gehören u. A. zwei Meng- 
sische Abgüsse nach den Marsyasstatuen in den Uffizj 
(Baumeister, Dkm. II S. 888) und der Villa Albani 
(Overbeck, Atl. z. Kunstmythol. Taf. 26, 25). 

XXIV. Pergamonsaal (Grundfl. 185, Wandfl. 
205 qm). 44 fast durchgängig neu angeschaffte 
Abgüsse. Die ganze eine, 21m messende Lang- 
wand und die angrenzenden Teile der Quer- 
wände werden von Platten des grofsen Altarfrieses 
eingenommen, die hier, von Sims und Sockel ein- 



gerahmt, in angemessener Höhe aufgestellt sind. 
In der Mitte des Saales zwischen dem Stockholmer 
Endymion und der Madrider Ariadne der Mengsische 
Abgufs des Menelaos mit dem Leichnam des Pa- 
troklos, welcher aus Abformungen der beiden flo- 
rentiner Kopieen zusammengesetzt ist. Aufserdem 
die vatikanischen Wiederholungen des Menelaos- 
kopfes und der Beine des Patroklos. An der einen 
Schmalwand (s. den Durchschnitt) die schreitende 
Athena aus dem Kapitol und die Nike von Samo- 
thrake; auf der anderen der »Inopus« und der 
Apollon vom Belvedere, welcher so aufgestellt ist, 
dafs er den Durchblick von der ganzA südlichen 
Saalreihe her beherrscht. An der nördlichen Lang- 
wand die Reliefs aus Priene und die Giebelstatuen 
aus Samothrake nebst einem seltenen (Mengsi- 
schen) Abgufs der Nike aus der Galleria dei 
Candelabri , welche die Medusenmaske auf den 
Scheitel zurückschiebt. 73 Abbildungen zur Ver- 
anschaulichnng der Bau- und Bildwerke in Perga- 
mon und auf Samothrake, zur Ergänzung des Apollon 
vom Belvedere etc. Tafeln aus Schreibers Relief- 
bildern. 

XXV. Zimmer der Hera Ludovisi 
Grundfl. 80, Wandfl. 188 qm). 70 Abgüsse nach 
Göttertypen, Musenstatuen und Reliefbildern der 
Diadochenperiode , darunter zahlreiche Mengsische 
Abgüsse nach seither nicht wiedergeformten Stücken: 
die kolossale Sarapisbüste aus dem Vatikan (Over- 
beck, Atlas der Kunstmythol. Taf. 3, 8), vier Masken 
von kolossalen Elufsgötterköpfen aus dem Vatikan und 
dem Kapitol, der zu seinem Beutel aufblickende 
Merkur aus den Uffizien, die »Flora« aus der Villa 
Hadrians im Kapitol (Righetti I, 4), mehrere bald 
als Ceres , bald als Musen und Vestalen ergänzte 
Gewandstatuen aus den Uffizien und zahlreiche 
»Reliefbilder<< , die im Anschlufs an die grimani- 
schen Brunnenreliefs hier aufgehängt worden sind. 

Besonders unter diesen Reliefbildern befinden 
sich mehrere wichtige und seltene Stücke. Von 
neueren Abgüssen heben wir zum Schlufs noch 
hervor den Panzertorso der Odyssee, Athen. Mitth. 
1889 Taf. 5. 

XXVI. Saal des Farnesischen Stiers 
(Grundfl. 188, Wandfl. 208 qm). 67 Abgüsse. Um 
den neu angeschafften Abgufs des Farnesischen 
Stieres, den Farnesischen Herakles und die kolossale 
Melpomene aus dem Louvre Idealbildungen und 
Bildnisse aus römischer Zeit. Darunter wieder eine 
ganze Anzahl seltener alter Abgüsse : ein Kolossal- 
kopf der Roma unbekannter Herkunft (Hettner 4 
S. 140, n. 385), der ebenfalls kolossale Kopf der 
sogen. Juno von Zärskoje Sselo, die Thusnelda 



Treu, Die Sammlung der AbgUsse im Albertinum zu Dresden. 



13 



und ein gefangener Dakerfürst (vom Eingang des 
Giardino Boboli) nebst einigen Barbarenköpfen, 
die Bronzestatue des adorirenden Etruskers aus 
Florenz, der Camillus vom Capitol, eine sitzende 
weibliche Statue im Schema der kapitolinischen 
Agrippina mit modernem Kopf u. A. m. 

XXVII. Zimmer der Aphrodite von Me- 
dici (Grundfl. 82, Wandfl. 191 qm). 85 Abgüsse, 
meist aus dem aphrodisischen und bacchischen 
Kreise der attischen Renaissance und des römischen 
Eklekticismus. An alten Abgüssen der Dionysos- 
torso mit dem auffallend weibischen Formen in 
der Sala della Biga des Vatikan (Indicazione anti- 
quaria, Mus. Pio-Clem. S. 146 n. 110), der von Ben- 
venuto Cellini als Ganymed ergänzte Torso aus den 
Uffizj (Gori, Mus. Flor. III, 5), der Narkissos mit 
den über den Scheitel gelegten Armen aus dem 
Louvre, zwei schlafende Eroten aus Florenz und 
Wien (Hettner S. 135, n. 350 it. 352), der als Paris 
ergänzte Attis (Hettner S. 139, n. 377), die Leda 
aus den Uffizj (ebenda Taf. 3), zahlreiche Aphrodite- 
torsen und neuattische Reliefs der von Hauser 
gesammelten Gattung. 

XXVIII. Zimmer der römischen Bild- 
nisse (Grundfl. 92, Wandfl. 191 qm). Gegen 75 
römische Porträtbüsten, darunter eine grofse Anzahl 
seltener Mengsischer Abgüsse , zumeist aus dem 
Kapitol. Reliefproben von der Trajanssäule, Ab- 
gUsse von Altären, Marmorvasen, Kandelabern; 
Nachbildung des Hildesheimer Silberfundes und der 
Lauersforter Phalerae; Kriegergrabsteine aus Mainz, 
nebst der vom Mainzer Ccntralmuseum herausge- 
gebenen Sammlung römischer Waffen, Geräte und 
Sehmuckstücke (etwa 70 Stück). Korknachbildung 
eines pompejanischen Hauses. Gegen 80 Photogra- 
phieen römischer Bauwerke aus Rom und Pompeji; 
farbige Nachbildungen pompejanischer Wanddeko- 
rationen nach Mau und anderen ; reiche Auswahl 
von Tafeln aus Frühner-Arosa's Werk über die 
Trajanssäule. — Den Übergang zur christlichen 
Zeit bildet ein Abgufs des Trierer Noahsarkophags 
(Hettner S. 145 n. 1) und Photographieen altchrist- 
licher Statuen und Sarkophage. — 

In den sich hier anreihenden Sälen, welche der 
Plastik der christlichen Zeit gewidmet sind, 
hat ein äufserer Umstand eine Abweichung von der 
strengen Zeitfolge nötig gemacht: der Abgufs der 
Freiberger Goldenen Pforte in Saal XXXII konnte 
wegen seiner gewaltigen Schwere nur an einer 
stärkeren Brandmauer aufgestellt werden. Es hat 
daher die Entwickelung der italienischen Plastik 
dem deutschen Mittelalter vorangestellt werden 
müssen. Daher folgt nunmehr in 



Zimmer XXIX die Kunst der Pisani und des 
Ghiberti. An antiken Werken stehen hier noch 
die spätrömischen Kolossalbüsten aus Capua (Hett- 
ner S. 154 n. 45-47). 

XXX. Zimmer des Donatello und seiner 
Zeitgenossen. 

XXXI. Michel Angelo-Saal. Innerhalb 
einer durch neue Ankäufe sehr vervollständigten, 
reichen Sammlung von Abgüssen nach den Werken 
Michel Angelos steht hier auch das Grabmal des 
Kardinals von Portugal aus S. Miniato von Rossel- 
lino und jener Mengsische Abgufs des Raphael zu- 
geschriebenen todten Knaben auf dem Delphin, der 
im Jahre 1872 zu der Entdeckung des Originals in 
der Petersburger Eremitage führte (vergl. Guedeo- 
now, Über eine dem Raphael zugeschriebene Mar- 
morgruppe etc., Petersburg 1872). 

XXXII. Saal der Goldenen Pforte zu 
Freiberg mit einem vollständigen, eigens für die 
Neuaufstellung im Albertinum gefertigten Abgüsse 
dieses gewaltigsten romanischen Portals. Die er- 
haltenen Farbreste sind gelegentlich der Abformung 
genau verzeichnet worden und es soll auf Grund 
derselben eine farbige Wiederherstellung des Thors 
im Kleinen versucht werden. — Der goldenen Pforte 
gegenüber diegrofsc Kreuzigungsgruppe aus Wechsel- 
burg, eine Reihe der Statuen vom Dom zu Bam- 
berg, Thürreliefs und Grabplatten aus Hildesheim, 
die sogen. Reiterstatuette Karls des Grofsen aus 
dem Musee Carnavalet aus Paris u. dergl. m. 

XXXIII. Peter Vischer-Zimmer. Samm- 
lung von Abgüssen der fränkischen und schwäbi- 
schen Bildhauerschulen des XV. und XVI. Jahr- 
hunderts. 

XXXIV. Zimmer des Giovanni da Bo- 
logna. Enthält aufser den Abgüssen nach Werken 
dieses Meisters die neugeformten Bronzestatuen 
eines sächsischen Kurfürstenpaares, welche Gio- 
vannis Schüler, Carlo de' Cesare unter anderen für 
die landesfurstliche Begräbnifskapelle zu Freiberg 
arbeitete; zahlreiche PorträtbUsten und Reliefs des 
XVI. und XVII. Jahrh. aus der Mengsischen Samm- 

■ ' un Ki galvanoplastische und Gypsnachbildungen von 
j italienischen und deutschen Kenaissancemedaillen 
und Plaquetten. 

Es folgen nunmehr die Abgüsse neuerer 
Bildwerke, welche teils auf den zum Lichthof 
herabführenden Treppen, teils in dessen Vorhalle, 
endlich im Lichthof selbst aufgestellt sind. 

Die wenigen bei Hettner S. 167 n. 144 — 180 
aufgezählten AbgUsse Thorwaldsens , Danneckers, 
Rauchs, Schwanthalers, Hähneis, Schillings und 
Anderer sind, wie wir bereits oben hervorgehoben, 



14 



Erwerbungsberichte der Deutschen Universitätssammlungen. 



sehr beträchtlich vermehrt worden, einerseits durch 
den Hinzutritt der vollständigen Sammlungen Riet- 
schelscher und Hähnelscher Modelle , andererseits 
durch zahlreiche neue Ankäufe. Bei den letzteren 
wurde naturgemäfs zunächst die Dresdener Bild- 
hauerschule berücksichtigt ( Henzes Kurfürstin 
Anna; Robert Diez' Gänsedieb, seine Gruppe vom 
Braunschweiger Kriegerdenkmal , die kolossalen 
neuen Brunnengruppen für Dresden - Neustadt; Beh- 
rens' Sphinx; Karl Schlüters weibliche Bildnisse 
u. dergl. m v \ Sodann wurde aber auch weiter in 
die Vergangenheit zurückgegriffen (Andreas Schlü- 
ters Kriegermasken und der Kopf des Grofsen Kur- 
fürsten, Schadows Parzen und seine Reliefs vom 
Zietendenkmal; Houdons Voltaire und Gluck). Be- 
sonderes Gewicht wurde endlich darauf gelegt, 
neuere deutsche und auswärtige Bildhauer 
in ihren Werken den hiesigen Künstlern vorzuführen. 
Dies ist vorläufig durch mehrere Arbeiten von 
Reinhold Begas in Berlin, Victor Tilgner in Wien, 
Edgar Böhm und Thornycroft in London, Paul 
Dubois und O. Roty in Paris geschehen. 

Aber von diesen letztgenannten Bestrebungen, 
in deren Verfolgung ich die Hauptaufgabe unserer 
Sammlung sehe, hier ausführlicher zu reden, würde 
von dem Zwecke zu weit abführen, dem eine Ver- 
öffentlichung in dieser Zeitschrift zu dienen hat. 

Dresden. Georg Treu. 



ERWERBUNGSBERICHTE 
DER DEUTSCHEN UNIVERSITÄTS- 
SAMMLUNGEN. 
BONN. 

Den wichtigsten Zuwachs seit I. April 1889 
erhielt die Sammlung der Originale im »Akad. Kunst- 
museum« durch den Ankauf von gegen 50 Thon- 
gefäfsen, die in Südrufsland in der Nekropole von 
Olbia gefunden worden sind. Über sie berichte 
ich unten im Zusammenhang , da der wissen- 
schaftliche Wert der einzelnen Stücke in erster 
Linie auf ihrem gemeinschaftlichen Fundort beruht. 
Aufserdem wurden gelegentlich e.inige Vasen und 
Bronzen griechischen Fundorts erworben. Ge- 
schenkt erhielt das Museum 50 antike Glaspasten 
nach geschnittenen Steinen und eine kleine Samm- 
lung von Marmorfragmenten, Vasen und Terra- 
cotten, in der namentlich die älteren griechischen 
Vasensorten charakteristisch vertreten sind. Da ein 
illustrirter Katalog der Bonner Sammlung vorbereitet 



wird, hebe ich nur diejenigen Nummern heraus, die 
eine vorläufige Notirung zu verdienen scheinen. 

A. Marmorsculpturen. 
Fragment einer Brunnen-Figur in Gestalt eines 
Silens, der einen durchbohrten Schlauch auf der 
1. Schulter trägt, den r. Arm erhoben hatte. Arme 
und Beine fehlen. Gesammthöhe 0,23: Torsolänge 
0,13. Fundort Rom. Besprochen Bull, dell' Ist: 
1878 S. 72 (Loeschcke) und ausführlich bei Jordan, 
Marsyas auf dem Forum in Rom, wo Taf. III C 
eine Abbildung. Die sehr zerstörte und künstlerisch 
nicht hervorragende Statuette giebt getreuer als alle 
bisher bekannten Silensbilder den Typus des be- 
rühmten Marsyas auf dem römischen Forum wieder. 
Die sich an dieses Bildwerk knüpfenden Fragen 
scheinen mir auch durch Jordan noch nicht voll- 
ständig erledigt. Auf den Balustradenreliefs der 
Rostra (Mon. dell' Ist. IX 47. 48) bildet die Marsyas- 
statue eine engverbundene Gruppe mit einem Fei- 
genbaum vor dem ein »Altar« steht. Wenn Jordan 
und sogar Richter (Topographie S. 800) in dem 
Feigenbaum die ficus Ruminalis sehen wollen, so 
ist dies unmöglich. Diese stand auf dem Comitium, 
der Marsyas auf dem Forum und Jordans An- 
nahme : der Künstler habe den Feigenbaum auf eine 
Basis gestellt, um dadurch anzudeuten, »dafs der 
Baum von seinem natürlichen Standort weggenom- 
men und als ein sinnbildliches, fast heraldisches 
Ornament behandelt« sei, setzt eine Symbolik voraus, 
die, ich möchte glauben in keiner Kunst der Welt, 
jedenfalls nicht in der classischen üblich und ver- 
ständlich ist. Der Baum ist natürlich hinter der 
s. g. Basis stehend zu denken. Dafs er scheinbar 
auf ihr steht, ist eine notwendige Folge der Relief- 
technik. Wer sich hier auf den »Augenschein« be- 
ruft, wie Jordan es S. 22 tut, mufs auch annehmen, 
dafs z. B. auf dem in Abgüssen verbreiteten Relief 
München 85 a ein halber Knabe auf, nicht ein ganzer 
hinter dem Altar steht oder auf dem Kitharoeden- 
relief Berlin 921 die Platane auf der Mauer wächst. 
Was bedeutet aber die »Basis« ? Ihrer Form nach 
kann sie ein Altar sein, und ein Altar, der Feigen- 
baum und die Silenstatue würden dann das Bild 
eines ländlichen Heiligtums bieten, etwa des Liber 
Pater, das sich im Herzen der Weltstadt erhalten 
hätte. Aber es ist wenig wahrscheinlich, dafs man 
in diesem reichen Reliefstiel die Andeutung der 
Opfergaben auf dem Altar unterlassen haben sollte, 
ohne die das Heiligtum doch wie verlassen erscheint, 
auch sind Baum und Altar so ausführlich behandelt, 
dafs man ihnen gern eine selbstständige Bedeutung 
in der Composition zuschreiben möchte. 



Bonn. 



15 



Daher scheint es mir der Erwägung wert ob 
man nicht vielmehr in der »altarähnlichen Basis« 
das puteal Libonis erkennen mufs. Sicher stand es 
nahe beim Marsyas, da das Tribunal bald nach 
diesem, bald nach dem Puteal bezeichnet wird (vergl. 
zuletzt Richter a. a. O. S. 801). Ein Puteal und ein 
Altar sind in Seitenansicht nicht zu unterscheiden 
und dafs ersteres hohl war, konnte im Relief nur 
schwer dargestellt werden. (Vergl. Marquardt-Wifsowa 
K. Staatsverwaltung III S. 263 und das Bild des Puteal 
Libonis auf Münzen bei Becker, Handbuch d. r. 
Akerthümer I Taf. V, 5.) Auch der Feigesbaum 
gehört vielleicht ursprünglicher mit dem Puteal als 
mit dem Marsyas zusammen. Tatsache ist jeden- 
falls, dafs beim puteal Navianum auf dem Comitium 
die ficus Ruminalis stand und beim lacus Curtius, 
der nach Varro ja auch ein Puteal war, gleichfalls 
ein Feigenbaum (Plin. N. H. XV 78). Den Schlüssel 
zu der dreimaligen Verbindung des Feigenbaums 
mit dem Blitzgrab würde ich, im Anschlufs an die 
von A. Kuhn entwickelten Vorstellungen über die 
Herabkunft des Feuers und des Göttertranks, in der 
Verwendung verschiedener Ficus -Arten zur Feuer- 
erzeugung suchen und zwar um so lieber als 
nach römischer Sage bekanntlich die Zwillinge 
an der ficus Ruminalis aufgefunden wurden. Als 
ältestes Denkmal der Gruppe hätte unter diesen 
Voraussetzungen das Puteal zu gelten, bei ihm 
hätte man den Feigenbaum gepflanzt und dieser 
endlich den Platz der Silensstatue bestimmt, so wie 
beim Tempel des Saturn einst ein Bild des Silvanus 
unter einem Feigenbaum stand (Plin. a. a. O. ). 
Nimmt man an, dafs der Prätor L. Scribonius Libo 
205 v. Ch. (Liv. XXIX 11) das Puteal errichtet 
hat, so fällt nicht notwendig die Entstehung des 
Marsyas, da er ein Beutestück gewesen sein kann, 
wol aber seine Aufstellung in Rom erst nach die- 
sem Jahr. Für Jordans Vermutung, dafs der Silen einst 
als Brunnenstatue gedient habe und auf dem Markt- 
platz einer Griechenstadt gestanden, wüfste ich Nichts 
anzuführen : die Statue kann ebenso gut aus einem 
dionysischen Heiligtum oder aus einem Privathaus 
stammen und was Augustus veranlafst haben mag, 
sie zum »indiciuni libertatis« für eine Reihe von 
Colonialstädten zu machen, ist noch immer nicht 
aufgeklärt. 

B. Vasen, 
a) Aegyptische Vasen. 
Scherben ägyptischer Weintöpfe mit Inschriften 
aus der Zeit Ramses III, gefunden in den Ziegel- 
bauten hinter dem Raniesseum zu Theben. (Vergl. 
Ägypt. Zeitschrift 1883 Heft I Wiedemann.) Ge- 
schenkt von Dr. A. Wiedemann. 




fj) Griechische Vasen. 
I. Mykenische Gattung. 

i) Einhenkliger Becher 1 aus Megara. H. 0.13. 
Firnifsmalerei dritten Stils. Das Hauptornament 
scheint abgeleitet von Nautilus -Darstellungen wie 
Furtwängler und L. 
Myk. Vasen S. 80; 
die Fangarme sind 
abgefallen, der Kör- 
per allein übrig ge- 
blieben. Auf der in 
der Abbildung nicht 
sichtbaren Seite war 
der Becher schon im 
Altertum sorgfältig 

mit Klammern restaurirt, genau in der Weise wie 
es auch später in Griechenland üblich war. Vergl. 
Gerhard A. V. CXLV. 

2) Gewöhnliche Bügelkanne aus Cypern oder 
Rhodos. Als ich bei der Reinigung der Vase, die 
ich gemeinschaftlich mit Dr. A. Koerte vornahm, 
das durch Erde und harten Sinter fest verschlossene 
Eingufsröhrchen öffnete, entströmte der Vase ein 
so intensiver, noch lange Zeit bemerkbarer Wohl- 
geruch, dafs jede Täuschung unsererseits ausge- 
schlossen ist. Die »Myk. Vasen« S. XIII ausge- 
sprochene Vermutung, dafs die kleinen Bügelkannen 
zur Aufnahme wohlriechender Essenzen bestimmt 
waren, kann hiernach als erwiesen gelten. 

II. Alt-Boeotische Gattung. 
1) Vierhenklige Schale. Dm. 0,20. Auf den 
weifsen Ueberzug des ziegelroten Thons sind die 
Ornamente mit drei verschiedenen Farben aufgemalt. 
Am häufigsten ist der gewöhnliche, hier rotge- 
brannte Firnifs verwendet, die Füllung der Strahlen 




und die dunkleren umlaufenden Streifen sind braun- 
violett, der Strich unter der Zäckchenreihe gell). 
Aufgesetztes Gelb erinnere ich mich auch an einer 
altertümlichen in Mykenae gefundenen Scherbe ge- 
sehen zu haben; an archaischen Terracotten ist es 
nicht selten. 



') Die Zeichnungen sind von den Herrn E. Eich- 
ler und M. Lübke hergestellt. 



i6 



Erwerbungsberichte der Deutschen Universitätssammlungen. 



2) Schale mit eingebogenem Rand aus Theben. 
Dm. 0,24. Thon und Firnifs dem der Dipylon- 
vasen nahe stehend. Auf der Rückseite statt des 
Zickzacks nur Punkte. Unter den Henkeln je ein 




Hakenkreuz. Inwendig gefirnifst bis auf einen thon- 
grundigen Streif dicht unter der Lippe. Diese 
schöne Schale beweist durch ihre Form das Fort- 
leben geometrischer Decorationsweise in Böotien 
bis wenigstens 50CKV. Ch. 

III. Randstück einer rotthonigen Reliefvase aus 
Etrurien. 
Höhe des Bildstreifens 0,04. Greif, geflügelter 
Löwe, der hier zum ersten Mal auf dieser an äl- 




testen Typen so reichen Gattung erscheint, Eber, 
laufender geflügelter Mann. - Der Stil ist griechisch, 
nicht etruskisch. 

IV. Oelfläschchen aus s. g. ägypt. Porzellan 
in Form eines Acheloos- Kopfs. Gef. in Aegina, 
abgeb. Ath. Mitthl. IV Taf. XIX 2. Das Kinn be- 



stofsen , doch steht durch Bemalung der Wangen 
und besser erhaltene Repliken im Brit. Museum die 
Bärtigkeit für dieses, wie für das nahe verwandte 
Exemplar in Karlsruhe (Arch. Jahrb. V Anz. S. .2) 
fest. Dafs die Vasen dieser Gattung in Naukratis 
fabricirt sind, hat Collignon bei Rayet u. Collignon, 
Hist. de la ceramique S. 368 erwiesen. 

V. S. g. protokorinthische Gattung. 

1) Da grofse Gefäfse dieser Gattung sehr selten 
sind, so mag hier ein Deckel aus Aegina erwähnt 
werden von 0,12 Durchmesser. In Form und De- 
coration entspricht er etwa dem Deckel der BUchse 
in Schliemann's Besitz, Arch. Zeit. 1883 S. 162, 
wird aber wegen seiner Gröfse wol zu einem Deinos 
gehört haben wie Mus. Greg. II, XL. 

2) Schlauchförmiges Alabastron H 0,09 aus 
Aegina. Der obere breitere Thierfries zeigt einen 
Vogel zwischen zwei Sphinxen, 

hinten weidender Hirsch ; der un- 
tere drei Hunde, die einen Hasen 
verfolgen. Derber charakteristi- 
scher Stil. Innenzeichnung und 
häufig auch Aufsencontur gravirt. 
Wo der Firnifs nicht abgesprungen 
oder übermalt ist, erscheint er so 
schwarz und glänzend , dafs die 
Vase eine unmittelbare Vorstufe zu »schwarzfiguri- 
ger« Malerei vertritt. Die Vase ist lehrreich, weil 
sie besonders deutlich zeigt, dafs die mit conven- 
tionellem Namen als xprotokorinfhisch« bezeichnete 
Malweise nicht in die korinthische ausläuft. 
VI. Korinthische Gattung. 
i) Schale aus Korinth, Form Furtw. 120. Dm. 
0,17. Im Innern geschlossene Rosette, aufsen 4 





Bonn. 



17 




Lanzenreiter und auf der anderen Seite beistehend 
abgebildete Kampfscene. Eine individuelle , das 
Schema durchbrechende Gestalt und in Folge dessen 
auch stilistisch naiver gezeichnet, ist der vom Pferd 
springende Jüngling; wahrscheinlich einer jener 
Knappen, die so oft auf korinthischen Vasen hinter 
ihren Herren halten. Er scheint seinem Herrn einen 
neuen Schild bringen zu wollen, den er, um be- 
quemer absteigen zu können, am rechten statt am 
linken Arm trägt. 

2) Runde Dose aus Korinth. H 0,08. Dm. 
0,13. Die Dose selbst ist viel flacher als der hohe 
übergreifende Deckel, der wie bei unseren Butter- 
dosen den Inhalt schü- 
tzen aber nicht berüh- 
ren sollte. Blasser Thon 
mit fein geglättetem, 
warm gelbem Überzug; 
der Firnifs gelbbraun, 
der plastisch profilirte 
obere Rand und einige 
Streifen rot. NachTech- 
nik und Decoration ge- 
hört diese Dose zu einer 
merkwürdigen im V. 
Jahrhundert in Korinth 
fabricirten Gattung, de- 
ren Hauptvertreter Ber- 
lin 1664 und nament- 
lich eine im Brit. 
Museum befindliche 
Amphora sind. Letztere zeigt neben freien Pal- 
«netten, Epheuranken, Mäander von Kreuzen unter- 
brochen, also vollkommen »rotfiguriger« d. h. io- 
nischer Ornamentik, einen Thierstreif, der in eigen- 
artiger stilistischer Verwilderung — man kann als 
Analogon an den Stil der Capuaner Bronzeurnen 
erinnern — so altertümliche Typen enthält wie 
langbeinige Wasservögel, die vor einem Strauch 
stehen, einander bedrohende Löwen und Eber u. s.w. 

VII. Kyrenaeische Gattung. 
Obgleich diese in Corneto gefundene Scherbe 
charakteristischer Ornamente entbehrt, kann man 
sie nach Technik und Stil doch ziemlich sicher der 
kyrenäischen Gattung zuteilen. Sie ist auf der 
Innenseite gefirnifst, gehörte also zu einem Gefäfs 
Archäologischer Anzeiger 1891. 





mit weiter Mündung (Krater oder Deinos). Die 
von den Männern geschwungenen Waffen scheinen 
kleine Keulen zu sein, wie die Aethiopenknaben des 
s. g. Amasis sie fuhren (Wiener Vorlegebl. 1889 
Taf. III 3). An Schwerter zu denken verbietet das 
Fehlen von Wehrgehänge und Scheide. Jagdscene? 

VIII. Attische Vasen. 

Von attischen Vasen nenne ich nur die Duris- 
schale mit der »Mobilmachung«, Klein, Meister- 
signaturen S. 158, 17. 

Die Schale ist schlecht erhalten, aber doch 
viel besser als die nach einer alten Zeichnung her- 
gestellte Abbildung in den Wiener Vorlegebl. VII 
Taf. 5 erkennen läfst. Auf beiden Seiten die In- 
schrift ö rati; xaXö;. 

IX. Späte boeotische Gattung. 
Krater H. 0,27. A. Eros als Jüngling gebildet 
reitet auf einem Panther. Eros weifs, Zügel pur- 
purrot. B. Tanzende, fast ganz vom Gewand ent- 
blöfste Mänade. Die Vase wird im Jahrbuch ver- 
öffentlicht werden. 

X. Vasen aus Olbia. 

Unter den Vasen aus Olbia befindet sich kein 
einziges Stück von selbstständigem Kunstwert, aber 
sie bieten einen lehrreichen Überblick über die 
verschiedenen Gattungen, die vom sechsten Jahr- 
hundert v. Ch. bis in die hellenistische und römische 
Zeit in Olbia verwendet worden sind. 

a) Aus grauem geglätteten 
Thon (Bucchero-Technik). 

i) Grofse Feldflafche mit 
zwei Henkeln, auf den Seiten- 
flächen der Flasche einge- 
drückte concentrische Kreise 
H. 0,25. Die Form ähnlich 
den Mykenischen Vasen Furtw. 
u. L. Taf. XLIV 72 und etrus- 
kischen Buccherogefäfsen Ber- 
lin 3968 Furtw. 

2 




i8 



Erwerbungsberichte der Deutschen Universitätssammlungen. 



2) Einhenkliger Krug H. 0,20. Ähnlich Ber- 
lin 1350 Furtw. Buccherogefäfse aus Olbia besitzt 
auch das Berliner Museum 1348—50. Kundnotizen 
fehlen, doch kann man an dem archaischen Cha- 
rakter der Vasen nicht zweifeln. Da in der älteren 
Zeit auch höchst minderwertiges Thongeschirr nach 
Stidrufsland importirt wurde und eine irgend be- 
merkenswerte eigene Production nicht bestanden zu 
haben scheint, so wird man auch diese Bucchero- 
vasen für griechischen Import ansehen müssen. Am 
nächsten liegt es dann Lesbos für den Fabrikort 
zu halten, da hier sicher im sechsten Jahrhundert 
eine exportirende Buccherofabrik existirte. 

Diese wichtige, aber noch wenig bekannte Tat- 
sache ist durch die englischen Ausgrabungen in 
Naukratis festgestellt worden. Vergl. E. Gardner, 
Naukratis II S. 65. Dort haben sich im Temenos 
der Aphrodite zahlreiche Fragmente von Bucchero- 
gefäfsen gefunden, meist s. g. Deinoi mit durch- 
brochenem Untersatz. Die eingravirten Weihin- 
schriften rühren wie die ausdrückliche Angabe über 
die Heimat der Weihenden beweist (MuTtXTjvatoe, 
MotMsts) und der Dialect (xä9i)r,XE) von Lesbiern 
her und zwar, so viel sich feststellen läfst, nur von 
solchen. Da nun Newton bereits vor Jahrzehnten 
ein Buccherofragment aus Lesbos in's britische Mu- 
seum gebracht hat, so ist die natürlichste Annahme, 
dafs die in Naukratis sefshaften Lesbier deshalb 
Buccherogefäfse geweiht haben, weil der Ritus diese 
heimischen Vasen von ihnen forderte. Da Lesbier 
und Milesier in Naukratis zusammenwohnten, also 
gute Beziehungen zwischen beiden Staaten bestan- 
den, würde es sich leicht erklären, wenn lesbische 
Waare auch in das milesische Olbia verschifft wor- 
den wäre. 

Gelegentlich mag bemerkt werden, dafs der im 
Temenos der Dioskuren gefundene Gefäfsrand mit 
der gravirten Inschrift NEAt>XO£MEKA[!jST V . s to] 
\t Ato3x<ipoi3i (Gardner 840) von den lesbischen 
Gefäfsen um so weniger getrennt werden kann, als 
nicht nur die Technik dieselbe ist, sondern auch 
die Weiheformel x«[89r]xej wiederkehrt. Gardners 
Annahme bei einer lesbischen Inschrift müsse es 
heifsen TOI£l ist unrichtig. Der Artikel hat immer 
die kurze Dativform. Ich halte es also für sicher, 
dafs wir hier eine lesbische Inschrift in epichorischem 
Alphabet vor uns haben. Damit ist aber für die 
Geschichte des griechischen Alphabets die grund- 
legende Tatsache gewonnen, dafs Lesbos zu Kirch- 
hoffs östlicher Gruppe gehört. 

b) S. g. rhodische Localvase. 

Amphora (H. 0,25) wie sie häufig auf Rhodos 
gefunden werden und als dortiges Localproduct 




gelten (Furtwaengler, Jahrb. d. 

, Inst. I S. 146). Nachdem ganz 

i gleiche Vasen in Defenneh 

j constatirt sind(Flinders l'etrie, 

j Tanis II Taf. 32,5) und die 

; beistehend abgebildete in Ol- 
bia , wird der rhodische Ur- 
sprung der Gruppe fraglich. 
Thon und Firnifs sind ähnlich 
den im Bezirk des milesischen 

! Apollo in Naukratis gefunde- 

1 nen Schalen, so dafs möglicher Weise Milet diese 
Vasengattung fabricirt und in seine Colonien ex- 
portirt hat. Unter dem Fufs der Amphora mit 
roter Farbe grofs aufgemalt £. 

c) Attischer Import. 
Aus Attika sind z. B. eingeführt zwei schlauch- 
förmige Amphoren des malerischen Stils (Eros 
Frauen verfolgend) , das beistehend abgebildete 
Kinderväschen (Knabe im Män- 
telchen will eine Ente aus 
seinem Töpfchen trinken las- 
sen), kleine geringwertige Ary- 
balloi mit Palmetten oder mit 
Netzornament verziert, eine 
schlauchförmige schwarzgefir- 
nifste geriefelte Amphore mit 

ursprünglich vergoldetem 
Kranz um den Hals, schwarz- 
gefirnifste Näpfe und Schalen 

zum Teil mit eingeprefsten Palmetten, die nicht, 
wie Brunn (Ausgrabungen der Certosa S. 43) 
glaubt, die Entstehung der Vasen im dritten Jahr- 
hundert verbürgen, sondern, wie die Ausgrabungen 
in Kameiros ergeben haben, schon in der ersten 
Hälfte des fünften Jahrhunderts vorkommen. In 
die Wandung einer dieser Schalen sind die Buch- 
staben A'A eingeritzt. Die sehr schräge Lage des 
N spricht auch hier für Entstehung im fünften 
Jahrhundert. 

d) Gefäfse Iocaler Production oder noch nicht ge- 
nauer bekannter Fabriken aus hellenistischer und 
römischer Zeit. 
1) Deckel eines Thymia- 
terions mit eingeschnittenen 

Luftlöchern. Der rötliche 
Thon hat einen Überzug von 
weifsem Pfeifenthon, auf den 
mit mattem Rot einige Stri- 
che und Zacken aufgemalt 
sind. 





Bonn. 



19 




2) Grofse Amphora, H. 0,32. Der Boden mit 
6 Bleiklammern im Altertum plump restaurirt. Die 
Vase ist auswendig und inwendig mit wenig glän- 
zendem schwarzem 
Firnifs Überzogen , 
die Striche unter dem 
Henkel vor der Be- 
malung in den noch 
weichen Thon ein- 
gedrückt. Die Linie 
am Hals zunächst der 
Mündung und der 
Zickzack sind gra- 
virt. Die hängenden 
Bogen auf der Schul- 
ter hat der Maler auf 
der Vorderseite thon- 
grundig ausgespart, dann mit derselben Lehmfarbe 
bemalt, mit der er die Bommeln des Halsbandes aus- 
führte. Die beiden Tänien am Hals und die 
Schleifen auf der Schulter sind weifs aufgemalt. 
Die Rückseite einfacher aber entsprechend verziert, 
doch sind die Gehänge auf der Schulter auf Fir- 
nifsgrund gemalt. 

3) Zu derselben 
Gattung gehören 
kleine zweihenkliche 
Becher mit weifs auf- 
gemaltem Schmuck. 
In das beistehend ab- 
gebildete Exemplar 
(H.0,10) ist |<| gra- 
virt. 

4) Gefäfs in 
Form eines liegenden 
Widders. H. 0,18. 
Das ganze Thier, ein- 
schliefslich der Ba- 
sis , mit spätem 
schwarzem Firnifs 
überzogen. Auf dem 
Kopf eine Eingufs- 
öffnung. 
5) Tiefe, fast halbkuglige Schale. Dm. 0,15, 
teils mit schwarzem, teils mit gelbrotem Firnifs 
überzogen. Auf dem Grund derselben in hohem Relief 
das Brustbild eines Satyrweibchens (tpripsa, lange 
gefranzte Binde, Epheukranz), die in der gesenk- 
ten rechten Hand die Syrinx mit 7 gleich langen 
Röhren hält, mit der linken eine brennende Fackel 
schultert. L. Schulter und Brust sind vom Chiton 
bedeckt. Imitation einer hellenistischen Metallarbeit 
des dritten Jahrhunderts. Die Schale wird von 



p/*ür« 







Milchhoefer im XC. Heft der »Jahrbücher d. Alter- 
thumsfreunde im Rheinland « veröffentlicht werden. 
Wie Alltagsgeschirr zu I'runkgerät verhalten 
sich zu dieser Schale eine Reihe von Näpfen, Scha- 
len und Tellern, die bei flüchtiger Betrachtung den 
Eindruck von terra sigillata machen. Die gelbrote 
Farbe ist aber nicht die des Thons, sondern rührt 
von einem dünnen Firnifsüberzug her. Die Töpfer- 
arbeit ist ausgezeichnet, manche Stücke dünn und 
leicht wie Papier. Die scharf gebrochenen Profile, 
das Motiv des umgebogenen Randes, plastische 
Köpfchen auf den Henkeln beweisen die Abhängig- 
keit von Metallvorbildern. Als Proben können 
dienen: 

6) Henkelloser Napf 
(Dm. 0,11) mit schein- 
bar heruntergekremptem 
Blechrand und 

7) Napf mit Reliefköpfchen auf den Henkeln 
(Dm. 0,10). Die Querstriche und Zickzacklinien 
gravirt, die Blätter des 

Zweigs mit Weifs und Gelb 
auf den roten Firnifsgrund 
gemalt. Es ist dies das 
einzige hier befindliche 
Exemplar mit Malerei. 
Wie Gleichheit des Thons 
und Firnisses beweisen 
stammen aus derselben 
Werkstatt einige Lampen 
der gewöhnlichen römi- 
schen Form, von denen 

8) beistehend abge- 
bildet wird, da das Relief 
ein statuarisches Motiv 

wiederzugeben scheint. 
Vor dem Brennen unten 
eingedrückt E- Eine an- 
dere zu dieser Gattung 
gehörige Lampe trägt auf 
der Unterseite den Stempel 

€Pmo 
reNOY 

9) Nahe steht dieser 
Gruppe ohne doch direct 
zuzugehörendas hier abge- 
bildete einhenklige Töpf- 
chen (H.0,18). Aus dem 
weichen Thon sind ein- 
zelne Blätter oder Schup- 
pen herausgearbeitet, das 
ganze Gefäfs mit bräun- 
lichem Firnifs überzogen. 

2* 





20 



Privatsammlungen. 



C. Terracotten. 
Primitiver Reiter mit Firnifstreifen und stehen- 
des Idol aus Tanagra. Archaische Protome einer 
Frau, wie Heuzey, Fig. de terre cuite du Louvre 
pl. 19, i aus Theben. Erwähnt 'E9. äp/aio/.. 1890 
S. 139 (Kern). Reifarchaisches Sitzbildchen der 
Aphrodite mit Apfel und Taube in den Händen 
aus Aigina. Weibliche Gewandfigur aus Olbin. 

D. Bronzen. 
Aus Tanagra zwei als Gegenstücke gearbeitete 
Fibula des von Studniczka, Mitthl. d. ath. Inst. XII 
,S. 14 und Furtwaengler, Olympia IV S. 53 bespro- 
chenen Typus. Die Gravirungen auf den Fufsblechen 
zeigen Fische und Vögel in geometrischem Stil, fast 
identisch mit dem Exemplar aus Olympia a. a. O. 
Tat XXII 365. Als Geschenk erhielt das Museum 
eine Fibula aus Velestino (Pherae). 

G. Loeschcke. 



ANTIKEN IM PRIVATBESITZ 
ZU DRESDEN. 

Dem freundlichen Entgegenkommen hiesiger 
Kunstfreunde wird es verdankt, dafs im Nachstehen- 
den eine Reihe kleiner Altertümer veröffentlicht 
werden kann, die sich in ihrem Besitz befinden. 
Sie haben sich damit Anspruch auch auf den Dank 
der Fachgenossen erworben, deren Aufmerksamkeit 
dergleichen nicht allgemein zugängliche Kunst- 
werke sonst leicht entgehen '. 

Seitdem der Antikenbesitz des verstorbenen 
Staatsministers von Friesen durch Erbschaft an die 
K. Antikensammlung gelangt ist (s. den Arch. Anz. 
18S9 S. 96), befindet sich hier am Ort nur noch 
eine einzige umfangreichere Privatsammlung von 
griechisch-römischen Altertümern. Es ist diejenige 
des Herrn 

Geh. Medizinalrats Dr. C. L. A. Fiedler, 
des Leibarztes S.M. des Königs Albert (Stallstrafse 1). 
Aus dieser reichhaltigen , fast auf alle Gebiete 
der antiken Kleinkunst mit Einschlufs der Münzen 
sich erstreckenden Sammlung heben wir vorläufig 
nur die folgenden Stücke hervor: 



Marmorkopf mit phrygischer Mütze aus dem 
Telephosfri es des grofsen Siegesaltars zu Perga- 
mon (Abb. 1 in 7,, d.w. Gr.). Haar, Stirn, Bart zeigen 
die dort für männ- 
liche Köpfe übliche 

zeilsähnliche Bil- 
dung. An der phry- 
gischen Mütze ist die 
Spitze abgebrochen ; 
sie ist jedoch durch 
den Zipfel an der 
linken Seite des Hal- 
ses gesichert. — In 

Smyrna erworben. 
Die Form im Besitz 
der Königl. Museen 

zu Berlin ; vergl. 
Arch. Ztg. 1884 S. 64. « 

Kurz erwähnt von Farneil, Journal of Hell. stud. XI, 
1890 S 192. Stark bestofsen. Grauweifser Mar- 
mor von mittelgrofsem Korn. H. 0,212: Br. 0,15; 
Relieferhebung 0,082 m. 

Bronzestatuette eines Doryp ho ros (Abb. 
2 a. b.c. in »/1 d. w. G.). Dafs der Jüngling mit 
der linken Hand in der That einen Speer aufstützte, 
geht sowol aus der Richtung und Weite des 2 mm 




') Die Zeichnungen zu dem nachstehenden Be- 
richt rühren von den Herren Ludwig Otto, Louis 
Schulz und Max Kühnert her. Bei der Beschrei- 
bung der Altertümer habe ich mich der wesentlichen 
Hilfe der Herren stud. Heinz Bulle und Dr. Paul 
Herrmann zu erfreuen gehabt. Letzterem wird 
insbesondere der Nachweis verwandter Denkmäler 
im Berliner Museum verdankt. 




starken Bohrloches in der linken Hand, wie beson- 
ders auch aus der energischen Innenwendung des 
Handgelenks hervor, welche auf ein kräftiges An- 
fassen und Aufstützen hinweist. Alles dies würde 



Dresden, Sammlung Fiedler. 



21 



bei apollinischen Attributen, wie Lorbeerstab oder 
Bogen , an welche man sonst allenfalls denken 
könnte, weniger gut passen. Gegen einen Bogen 
spricht überdies das Fehlen des Köchers. Die 
Rechte hängt lässig herab und hielt nach den ge- 
streckten Fingern zu urteilen kein Attribut (vergl. 
die Rückseite). Das in der Mitte gescheitelte, glatt 
am Schädel anliegende Haar ist rings um eine un- 
sichtbare Schnur aufgerollt, ähnlich wie bei dem 
Epheben von der athenischen Akropolis (T/i/ju-eoi; 
dpj(<UoAo}flX7J 1888, Taf. 3), dem sitzenden Manne 
aus dem olympischen Ostgiebel (Ausgr. z. Ol. II, 
Taf. 9a), der Neapler Elektra und, wenn man von 
den Schulterlocken absieht, dem pompejanischen 
und mantuaner Apollon'-'. Der Sippe der letzteren 
und besonders dem sogenannten Omphalos-Apollon 
steht unser Figürchen auch in der Standweise am 
nächsten. Der Eindruck der letzteren wird hier 
freilich durch eine Verbiegung der Füfsc und Un- 
terschenkel beeinträchtigt. Wir besäfsen in unserer 
Rronze also die freilich ziemlich rohe und späte 
Nachbildung eines vorpolykletischen Doryphoros. 
Erworben wurde das Figürchen von dem Besitzer 
in Mentone; es wird also wol italischen Ursprungs 
sein. H. 0,095 m ' Abgüsse sind von der Formerei 
der Dresdner Skulpturensammlung für den Preis 
von 2 M. zu beziehen. 

Von griechischen Terracotten befinden 
sich in der Sammlung folgende bemerkenswerte 
Stücke : 

Rohes Votivpferd- 
chen aus gelbem Thon 
mit Streifen in gelbrot ge- 
brannter F'irnifsfarbe und 
einem Ansatz auf dem Rü- 
cken (Abb. 3 in '/« d. W. 
Gr.) 3 . Schweif abgebro- 
-, chen. Aus Orchomenos. 

H. 0,08, L. o,n m. 
Brett formiges Thonidol mit kalathosähn- 
lichem Kopfputz, an dem vorne die übliche schnecken- 
förmige Verzierung plastisch angefügt ist (Abb. 4 
in '/ 6 d. w. Gr.). Gelbbrauner Thon, mit braun- 
schwarzem Firnifs und violettroter Deckfarbe bemalt. 



\ 





Abgebrochen die schwarze Locke 
1 auf der rechten Seite. Um den 
Hals ein Band, an dem ein granat- 
apfelähnlicher Schmuck hängt. Aus 
Tanagra. Vergl. die Bemerkung 
zu dem ähnlichen Exemplar der 
Dresdner Antikensammlung, Arch. 
Anz. 1889 S. 156. H. 0,241; Br. 
0,105 m. 

Thronendes Weib, Terra- 
cotta strengen Stils. Sie trägt einen 
ärmellosen dorischen Chiton mit 
Überschlag und hält die Arme in 
symmetrischer Anordnung streng 
an Seiten und Schenkeln ge- 
schlossen : die Hände ruhen auf den Knieen. Ganz 
ähnlich die rhodischen Thonfigürchen bei Heuzey, 
Terres cuites du Louvre, Taf. 14, 2 und Berlin, 
Terracotteninventar des Antiquariums no. 7981 
(Sammlung Biliotti). Ein viertes etwas gröfseres Exem- 
plar in der Dresdner Antikensammlung (n. 355b). 
Die Fiedler'sche Terracotte soll angeblich aus Ta- 
nagra stammen. Von Farben ist nur das Rot der 
Lippen erhalten. H. 0,146 m. 

Stehende langbekleidete Göttin strengen 
Stils, mit herabhängenden Armen und kalathosähn- 
lichem Kopfputz; sehr ähnlich der im Arch. Anz. 1889 
S. 158 abgebildeten Dresdener Terracotte aus Ta- 
nagra und gewifs von derselben Herkunft. Sie 
unterscheidet sich von jener nur durch ihre gerin- 
gere Gröfse und das Fehlen jener eigentümlichen, 
nach hinten gerichteten Spitze des Kopfaufsatzes. 
Reichliche Reste des bläulich - grauen Malgrundes. 
Die hohe, rechteckige, ursprünglich rot bemalte 
Basis hinten offen: in der Rückseite ein rechtecki- 
ges Brennloch. H. 0,235 m - 

Aphrodite (?) von einem Bockgespann gezo- 
gen (Abb. 5 in '/ 4 d. w. Gr.) 4 . Die Räder des 
Wagens sind offenbar nur der bequemeren Ausfüh- 
rung zu liebe weggelassen und der Wagenstuhl 
einfach den Böcken auf den Rücken geschoben. 
Die Göttin ist mit einem langen ärmellosen Chiton 



-) Vergl. über diese Haartracht jetzt auch 
Furtwängler im 50. Winckclmannsprogramm der ; 
Arch. Ges. zu Berlin S. 129. 

:i ) Vielleicht war der Ansatz ursprünglich zu ! 
einer Hängevorrichtung bestimmt, wie Dr. Herr- 
mann unter Berufung auf einen cyprischen Mufflon 
aus Terracotta im Berliner Museum vermutet, an 
dem sich an dieser Stelle ein Ring aus Thon er- 
halten hat. 



4 ) Aphrodite scheint sonst nur auf Böcken 
reitend vorzukommen. Von verwandten Darstel- 
lungen der Göttin weifs ich nur die »indischen« 
Terracottareliefs anzuführen, welche die Göttin mit 
Eros auf einem Greifengespann fahrend zeigen : 
das von Welcker früher für die hyperboräische Ar- 
temis erklarte Relief aus Aegina, Monumenti dell' 
Instituto I Taf. 18, 2 = Welcker, Alte Dkm. II, 
Taf. 3, 6 = Müller-Wteseler, Denkm. I, 14, 53i und 
eine verwandte Terracotte lokrischen Fundorts bei 
Rayet, Bull, de corr. hell. 1879, Taf. 13, an welche 
mich Dr. Herrmann erinnert. 



22 



Privatsammlungen. 




bekleidet und trägt auf dem 
Haupte einen Petasos, der 
vielleicht alsReisehut zu fassen 
ist. Die Hände hielten ur- 
sprünglich wol die Zügel. Farb- 
reste: Rotbraun am Petasos, 
Haaren , Augen , Gürtel , der 
Vorderseite des Wagens, den 
Ohren und den Hälsen der 
Böcke (Andeutung der Brust- 
riemen?); das Gesicht der 
Göttin fleischfarben, an den 
Lippen ein leuchtendes Rot. 
Da? Gewand scheint weifs ge- 
wesen zu sein ; die Böcke waren anscheinend gelb. — 
Aus Athen. H. 0,15 m. 

Stehender Knabe mit Hasen und Chlaniys 
im Typus der lokrischen Terracotte bei Martha, 
Catalogue des terres cuites, Taf. 7; ursprunglich 
wie dieser auf der (jetzt beschädigten) Linken den 
Hasen vor die Brust haltend ; vermutlich auch von 
derselben Herkunft. Über dem braunrot gemalten 
Haar und dem ebenfalls braunroten dicken Kranz 
ein gelbes dreieckiges Diadem. Am Fleisch hell- 
rote Farbreste, bei leuchtend roten Lippen und 
dunkler Augenzeichnung. Die ähnlich wie bei dem 
angeführten Figürchen geordnete Chlamys scheint 
hellblau mit gelben Säumen gewesen zu sein. Die 
hohe viereckige Basis gelb mit braunroten Quer- 
streifen. Hinten ausgeschnitten. H. 0,254 m. 

Aphrodite, Terracotta aus Tanagra (Abb. 
6 in */ 9 d. w. Gr.). Die Göttin lehnt an einer kan- 
nelirten Säule mit attischer Basis und kalathosähn- 
lichem (ägyptisirendem) Kapi- 
tell. Der Mantel, den sie mit 
beiden Händen lüftet, so dafs 
ihr Oberkörper in völliger 
Nacktheit erscheint, ist von 
beiden Seiten her um die Beine 
geschlagen und wird zwischen 
den Schenkeln festgehalten. 
An Farbresten haben sich 
aufser der Untermalung und 
der Fleischfarbe von Gesicht 
und Körper noch erhalten: 
Braunrot im Haar, das über 
der Stirn in eine Flechte zu- 
sammengenommen erscheint 
und in langen Schulterlocken 
herabfällt; am Gewand Rosa 
mit goldenem oberen Saum. 
Der Schaft der Säule war 
braunrot; ebenso der untere 




Torus der Basis, der kleinere obere hellblau. Nur 
die Vorderseite ist aus einer Form geprefst, die 
Rückseite roh zugeschnitten und mit einem grofsen 
länglich-viereckigen Brennloch versehen; die Basis 
unten offen. H. 0,125 ni - 

Zwei Körper roher aus Thon gekneteter Glie- 
derpuppen, aus Kertsch, ähnlich wie bei Ste- 
phani, Compte rendu de la comm. archeol. de St. 
Petersbourg pour 1873, Taf. 2,7 und 1874, Taf. 1,8. 
Eine davon ithyphallisch. Auch eins der beweg- 
lich einzuhängenden Beine ist in der Sammlung 
vorhanden. H. 0,12 und 0,10; das Bein 0,08 m. 

Oberkörper einer Skythin(?) mit Schleier 
und torques um den Hals. Ebendaher. H. 0,08 m. 

Von italischen Terracotten heben wir 
folgende hervor: 

Altertümlicher weiblicher Kopf mit Ka- 
Iathos aus Syrakus, aber völlig im Stil der agri- 
gentinischen Terracotten bei Kekule, Terracotten 
von Sicilien, Taf. 2, I und S. 17 ff. Fig. 21 und 23 
— 25. Ausgezeichnet durch seine verhältnifsmäfsige 
Gröfse: Höhe (mit Hals) 0,12m. 

Vier Terracotten aus Paestum. Erworben 
1886. 

1. Hermes, mit Chlamys und grofsen Fufs- 
flügeln, den Petasos im Nacken, die Rechte auf das 
Kerykeion gestützt und die Linke auf das Haupt 
eines hinter ihm ste- 
henden Widders le- 
gend (Abb. 7 in ] /i 
d.w. Gr.). So viel 

mir bekannt, ein 
neuer Typus des V. 
Jahrh. ; vergleichen 
läfst sich lediglich 
eine böotische Ter- 
racotte im Berliner 
Antiquarium, auf die 
mich Dr. Herrmann 
aufmerksam machte. 
Sie ist bei Röscher, 
Lexikon der Mytho- 
logie, Sp.2431, nach 
einer leider ungenü- 
genden Zeichnung 
veröffentlicht (vergl. 7 

dazu Scherer a. a. 

O. Sp. 2394). Farbspuren haben sich nicht erhal- 
ten, wie denn überhaupt die Oberfläche durch 
starke Versinterung und Waschungen gelitten hat. 
Die Rückseite hohl, so dafs das Ganze wie ein 
Hochrelief erscheint. Gelbroter Thon. H. 0,234; 
Br. 0,144 m. 




Dresden, Sammlung Fiedler. 



23 



Die übrigen drei Figuren gehören gewöhnlichen 
paestanischen Typen etwa vom Anfang des IV. 
Jahrh. an. Es sind die folgenden: 

2. Stehende Demeter mit Kalathos auf dem 
Haupte, mit der Linken eine Cista auf der Schulter 
stützend, in der Rechten ein Ferkel vor die Brust 
haltend. Vergl. das ähnliche, aber im Stil etwas 
strengere Exemplar bei Panofka, Terracotten des 
Kgl. Museums zu Berlin, Taf. 57, 1. Genauer ent- 
sprechend und vielleicht aus derselben Form her- 
rührend nach Dr. Herrmann die Berliner Exemplare 
Inv. der Terrae. 542 und 3061. Vergl. auch 533 
und 168 ; '. Dunkelroter Thon. Zahlreiche Brand- 
spuren; Reste von Rot an Kalathos, Haar und Ge- 
wand. Rückseite hohl. H 0,265 m - 

3. Stehender Jüngling mit langen Schulter- 
locken, ein Ferkel mit beiden Händen vor der 
Brust tragend. Um den Unterkörper ist ein Mantel 
geschlagen. Wahrscheinlich aus derselben Form 
wie Gerhard , Ant. Bildw. Taf. 99, I und Berliner 
Antiquarium, Terracotten-Inv. 540 (ohne Kopf). 
Gelbroter Thon. Rückseite hohl. H. 0,246 m. 

4. Ähnliche Figur, jedoch nicht aus derselben 
Form. Gelbroter Thon. Rückseite hohl. H. 0,245 m - 

Votivpferd mit runden Scheiben (tf'iXvpa.) 
vor Brust und Stirn, ganz ähnlich dem Pferdchen, 
auf dem der Eros bei Panofka, Terracotten des 
Kgl. Museums zu Berlin, Taf. 6o, I reitet. Reste 
der weifsen Untermalung. H. 0,107 m. 

Wasserspeier in Form eines Hundevorder- 
teils , aus Pompeji. Ähnlich wie Rohden, Terr. 
von Pompeji, Taf. 6, 2 u. 7 und S. 5. An dem 
Fiedlerschen Exemplar trägt der Hund ein mit 
Buckeln besetztes Halsband mit Glocke. H.o,i35m. 

Vasen. Tiefe zweihenklige Schale nachläs- 
sigen schwarzfigurigen Stiles, ungefähr von der 
Form wie Genick - Furtwängler, Griech. Keramik, 
Taf. 27, 4 nur mit niedrigerem Fufs. Beiderseits 
zwischen Palmetten Herakles in fast liegender Stel- 
lung von links und oben her den ihm entgegen- 
kommenden nemeischen Löwen würgend. Darüber 
raumfüllende Zweige. Aus Apulien. H. 0,08; Dm. 
0,166 m. 

Rot figurige Lekythos strengen Stils aus 
Athen. (Form = Genick - Furtwängler, Griech. 
Keramik, Taf. 39, 3). An der Vorderseite nach 
rechts schreitende und zurückblickende Bacchantin 
in Chiton und Mantel, mit der Linken einen 
Thyrsos mit dickem Epheubüschel aufstützend, in 



5 ) Über die Bedeutung dieser Figuren urteilt 
Overbeck, Kunstmythologie III, S. 494 abweichend, 
indem er sie eher für Opfernde als für göttliche 
Wesen hält. 




der Rechten eine Kanne haltend. Das ziemlich 
nachlässig ausgeführte Bild ist unten und oben 
durch Mäanderleisten eingefafst; auf der Schulter 
des Gefäfses schwarze Palmettenranken. H. 0,354m. 

Ro t figurige Am- 
phora strengen Stils 
aus Athen (Abb. 8 in 
>/,i d. w. Gr.). Bac- 
chantin dem Hermes 
einschenkend, dereinen 
braunrot gemalten Kranz 
um das Haupt trägt. 
Auf der Rückseite ste- 
hender Manteljüngling 
nach links mit braun- 
roter Kopf binde, die 
Linke auf einen Krumm- 
stab gestützt , mit der 
Rechten eine ebenfalls 
braunrote Frucht dar- 
reichend. H. 0,32 m. 

Rotfigurige Lekythos streng schönen Stils 
aus Athen (Form = Genick - Furtwängler, Griech. 
Keramik, Taf. 39, 3). Auf der Vorderseite ein mit 
gekreuzten Beinen und eingestemmter Rechten in 
Vorderansicht dastehender Jüngling. Der mit rot 
gemalter Schnur geschmückte Kopf blickt zur 
rechten Schulter. An der linken Schulter, über die 
eine Chlamys geworfen ist, lehnt ein Lanzenschaft. 
Das Bild ist durch Fufs- und Kopfleiste eingefafst; 
auf der Schulter schwarze Palmettenranken. H. 
0,298 m. 

Scherbe einer apulisc hen Amphora mit der 
Darstellung des rasenden Lykurgos (Abb. 9 in 
'/) d. w. Gr.). Dafs mit dem aus dem Palastthore 
hervorstürmenden Manne in der That Lykurgos 
gemeint sei, geht aus den zuerst von Kühnert er- 
kannten schwachen aber sicheren Resten einer 
Doppelaxt in seiner Rechten hervor. Die Linke 
scheint einen knorrigen Rebstamm zu halten. Beide 
Attribute waren ursprünglich in gelber oder weifser 
Deckfarbe gemalt, die jetzt verschwunden ist. Die 
Komposition unserer Gruppe scheint ursprünglich, 
da das Thor doch die Mitte eingenommen haben 
mufs, aus vier Gestalten bestanden zu haben, und 
wir müssen daher auf der rechten Seite noch eine 
Figur (etwa den Sohn des Lykurgos oder Lyssar) 
ergänzen. Von den beiden fliehenden Frauen wird, 
da bacchische Attribute fehlen, diejenige zur Rech- 
ten des Beschauers, welche neben Lykurgos vor 
dem Palastthore stand, als seine Gattin zu fassen 
sein, das Weib zur Linken als eine Angehörige des 
Hauses. Im Ganzen liegt hier also eine neue, 



Privatsammlungen. 




offenbar auf die attische Tragödie zurückgehende 
Szene des Mythos vor, welche in der Denkmäler- 
reihe bei Michaelis, Annali dell' Inst. arch. 1872 
S. 248 ff. noch nicht vertreten ist. — Pastose Deck- 
farbe ist auch aufser bei den Attributen des Ly- 
kurgos auf unserer Vasenscherbe reichlich verwen- 
det. Erhalten hat sich jedoch nur das Braunrot 
an einer links oben vom Gesimse des Palastes 
herabhängenden Tänie, am Gürtel des Lykurgos 
und an den Mänteln der beiden Frauen. Mit Deck- 
farben waren ferner gemalt: Arme, Gesicht und 
Gürtel der Frauen, Mantel, Kranz und die vom 
Gürtel herabhängenden geknüpften Wollbinden des 
Lykurgos und die Architektur des Palastthores. 
Auf letzterer hat sich nur die Vorzeichnung der 
ionischen Ante und des Architravs in verdünnter 
Firnifsfarbe erhalten. — Aus Paestum. H. 0,18; 
Br. 0,20 m. 

Alabastron mit Fufs apulischen Stils mit 
weifsgemalten Einzelheiten. Die Form ähnlich wie 
bei Genick - Furtwängler, Griech. Keramik, Taf. 37, 
1, nur ohne die seitlichen Ansätze. Auf der Vor- 
derseite nach rechts schreitender weibischer Eros 
mit Spiegel, Traube und Brustschnüren. Rückseite : 
aufrechtstehende Palmette. H. 0,19 m. 

Aus den Gläsern der Sammlung Fiedler ist 
besonders eine zierliche, II cm. hohe Amphora 
aus braunem Glase hervorzuheben, die ursprüng- 



lich wol als Salbfläschchen 
diente. Der eine Henkel ist 
ergänzt (Abb. 10 in '/._, d. w. 
Gr.). Sie soll aus dem Besitz 
des Königs von Neapel stam- 
men und gelangte an Herrn 
Geheimrat Fiedler als Ge- 
schenk S. M. des Königs 
Albert, zusammen mit zwei 
Bronzekannen, einem Kande- 
laberfufs und einer Lampe aus 
demselben Material, welche 
anscheinend in Pompeji aus- 
gegraben sind. 

Indem ich mir vorbehalte, 
aus den in der vorliegenden , 
Aufzählung bei weitem nicht 

erschöpften Schätzen der Fiedler'schcn Sammlung 
gelegentlich Nachträge zu bringen, zähle ich im 
Folgenden die hiesigen Besitzer einzelner Antiken 
in alphabetischer Reihenfolge auf:. 

Hofrat Dr. A. B. Meyer, 
Direktor des K. zoologischen und ethnographischen 
Museums, Lindengasse 6 b. 
Stehendes Mädchen, Terracotte (Abb. 11 
in 4 / 9 d. w. Gr.). Von dem Orientreisenden Rie- 
beck aus Syrien mitgebracht, jedoch wol ein feiner 




Dresden, Sammlungen Meyer, Nofsky, Scluibart. 



25 



attischer Typus streng- 
schönen Stiles vom Ende 
des V. Jahrh. Den von 
der eingestemmten Lin- 
ken festgehaltenen Man- 
tel lüftet das Mädchen 
mit der Rechten, so dafs 
er einen ruhigen Hinter- 
grund für die entblöfste 
Schulter abgiebt, von 
welcher der feingefältel- 
te Chiton herabgeglitten 

ist. Im diademge- 
schmückten Ilaare Reste 
von Braunrot; im übri- 
gen hat sich nur der 
weifse Malgrund erhal- 
ten. Die für die Vorder- 
seite gebrauchte Form 
schneidet genau mit dem 
Umrifs der Vorderseite 
ab. In der roh mit der 
Hand gearbeiteten Ruck- 
seite ein langes recht- 
eckiges Brennloch. Un- 
ten offen. Hellgelber 
Thon. H. 0,17 m. 



Appellationsgerichtspräsident Nofsky, 
Albertplatz 2. 
Weiblicher Marmorkopf von zarten schlan- 
ken Formen, leicht zur Linken geneigt (Abb. 12 in 





'/j d. w. Gr.). An der rechten Seite die Reste des 
über den Kopf gezogenen , hier nur aus dem Gro- 
ben gehauenen Gewandes. An dem glatt abge- 
spitzten Scheitel und am unteren Halsansatz zur 
Einstückung in ein Relief vorgerichtet. Hinten 
Bruch. — Vielleicht von einem Grabrelief aus der 
Zeit um 300 vor Chr. Auf diese Epoche weisen 
die schlichte Haarbehandlung, die weichen Über- 
gänge an den Augenlidern, welche an den praxi- 
telischen Aphroditekopf und das Dionysosköpfchen 
desselben Meisters aus Olympia gemahnen; endlich 
auch die vollen Formen des Halses und die zart 
geglättete .Oberfläche der Haut. Besonderes Inter- 
esse verleiht unserem Kopf der Fundort, welcher 
ihn dem Kreise der alexandrinischen Kunst zuweist. 
Er wurde in den vierziger Jahren unseres Jahrh. in 
Gizeh ausgegraben gelegentlich der Anlage eines 
Gartenpavillons für den früheren preufsischen Ge- 
sandten von Wagner, und von diesem der gegen- 
wärtigen Besitzerin, FrauPräsidentNofsky, geschenkt. 
H. 0,216; Br. 0,134; Relieferhcbung 0,88 m. An- 
scheinend parischer Marmor. (Abgüsse sind durch 
die Formerei der Dresdener Skulpturensammlung 
für 2,50 M. zu beziehen). 

Dr. Martin Schubart. 

Die wenigen aber gewählten Antiken Dr. Schu- 
barts sind neuerdings mit dessen ausgezeichneter 
Gemäldesammlung nach München übergesiedelt. 
Über die letztere siehe W. von Seidlitz im Kunst- 
wart III (1889) S. 41 und A. Bredius in der Zeit- 
schrift f. bild. Kunst N. F. I, S. 129 u. 189. 

Unter den Antiken sind folgende die bemer- 
kenswertesten : 

Epheubekränz ter Homerkopf (Abb. 133b 
in % d. w. Gr.). Die allen besseren Wiederho- 
lungen des Typus eigene Aufwärtsrichtung des 
Hauptes ist auch 
hier durch den Hals- 
bruch gesichert. Für 
die Epheubckrän- 
zung vergl. man be- 
sonders den von 
Brizio auf Philetas 
und von Dilthey auf 
Kallimachos gedeu- 
teten Marmorkopf 
des Palatinischen 
Museums: Annali 
dell' Inst. 1873 L 
undComparetti und 
de Petra, Villa Er- 
colanese dei Pisoni, 




13a 



26 



Privatsammlungen. 




Taf. 4, 1,2«. Der 

Einwand, welchen 
Comparetti a. a. O. 
S. 36 gegen diese 

Deutung erhebt, 
dafs nämlich die 
Epheubekränzung 
nur dem dramati- 
schen Dichter zu- 
komme, wird durch 
die Schubart'sche 
Homerbüste für den 
Kreis der epischen 
Sänger widerlegt. 
Für die Lyriker und 
Bukoliker thun es 
die Verse des Horaz (Cum. I, I, 29) und Vergil 
(Eclog. 7, 25). — Arbeit römischer Zeit aus an- 
scheinend italischem Marmor. Aus Dresseis Samm- 
lung, der den Kopf in Rom erworben hat. Er ist 
gegenwärtig auf. einen modernen Marmorblock auf- 
gesetzt worden; im Übrigen keine Ergänzungen. 
Einige Epheublätter abgebrochen. Unterlebensgrofs. 
H. 0,207; B r -- °y l J(>'< T. 0,177 m. (Abgüsse in der 
Formerei der Dresdener Skulpturensammlung zu 
M. 7,50). 

Lächelnder Knabenkopf (Eros?) mit be- 
sonders künstlich aufgebauter Lockenfrisur (Abb. 
14a!) in '/ 6 d. w. Gr.). Die Behandlung der sorg- 
fältig geglätteten Fleischteile zart und lebendig, 
die Übergänge an den Augenlidern weich. Die 




14 a 



14 b 



Oberfläche an den flüchtig angelegten Haaren rauh; 
die Rückseite vernachlässigt. Gute Arbeit römischer 
Zeit. Aus Dresseis Sammlung, der den Kopf in 
Rom erworben hat. — Lebensgrofs: H. 0,229; 



6 ) Der Kopf des Moschion bei Visconti, Ico- 
nogr. grecque I, Taf. 7 ist, wie mir Herr Dr. Paul 
Arndt berichtet, nicht zugehörig. 



Br. 0,215 m - (Abgüsse in der Formerei der Dres- 
dener Skulpturensammlung für 7,50 M. käuflich). 

Marmorner Kandelaberschaft, von Wein- 
ranken und Vögeln in Relief umgeben, ähnlich dem 
Mittelstück des Kandelabers bei Bouillon, Mus. des 
ant. III, Taf. 257 (Candel. pl. 3 no. 4). Ausge- 
zeichnet durch lebendiges Naturgefühl und frische 
Arbeit. Aus der Sammlung Dressel, der das Stück 
in Rom erworben hat. H. 0,72; Dm. 0,175 m. 
(Abgüsse in der Formerei der Dresdener Skulpturen- 
sammlung zu 15 M.). 

Demeter(r). Terracotte strengschönen Stiles 
etwa vom Ende des V. oder Anfang des IV. Jahrh. 
(Abb. 15 in '/., d - w. Gr.). Auf dem Haupt scheint 
über der Stephane ein 
cylindrischer Kopfputz 
abgebrochen. Vermut- 
lich also ist Demeter 

gemeint. Demgemäfs 
wäre in dem erhobenen 
rechten Arm ein Scepter 
oder wol eher eine lange 

Fackel zu ergänzen. 
Auch die rechtwinklig 
vorgestreckte Linke wird 

ein Attribut gehalten 
haben. Die Oberfläche 
stark versintert, so dafs 
sich von Farben nur 
noch das Rot der Haare 

erkennen läfst. Die 
Ruckseite schematisch 

abgerundet und mit 
einem runden Brennloch versehen. Unten offen. 
H.o,228m. Herkunft vermutlich Kleinasien, wie 
bei dem folgenden Stück. 

Knäblein (Eros?) auf eine übergrofse, also 
etwa den Musen entlehnte, Kithar gestützt und den 
Beschauer schalkhaft anblickend (Abb. 16 in ' '._. d. 
w. Gr.). Die Flügel an der 
aus einer besonderen Form 
gearbeiteten Rückseite fehlen 
vielleicht nur zufällig. Der 
vorstehende Rand zwischen der 
Form der Vorder- und Rück- 
seite ist nur flüchtig beseitigt 
und läfst sich an dem ganzen 
Umrifs des Figürchens noch 
deutlich verfolgen. Die Basis 
ist hohl, dagegen scheint die 
Figur voll gearbeitet zu sein. 
Von Farbe und Malgrund 
keine Reste mehr. H. 0,076 m. 





Dresden, Sammlungen Schubart und Woermann. — Leipzig, Sammlung Herfurth. 



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Herkunft unbekannt. Jedoch befindet sich nach 
einer Mitteilung Dr. Herrmann's ein ganz entspre- 
chendes Exemplar im Berliner Antiquarium (Terr.- 
Inv. No. 7617a), weichesaus Kleinasien stammt. 

Prof. Dr. Karl Woermann, 
Direktor der K. Gemäldegalerie, Hübnerstrafse 5. 
Vortrefflich erhaltene Pyxis des Dipylonstiles 
mit zugehörigem Deckel (Abb. 17 a. b. in '/ t d. w. 




17 a 




Gr.). Braunschwarzer Firnifs auf rotgelbem Grund. 
Aus Athen. H. (mit Deckel) 0,125; Dm. 9,183 m. 

Zwei feine attische Grabl ekythen, die in 
bunten Farben auf weifsem Thongrund die Schmtik- 
kung der Grabstele durch zwei von verschiedenen 
Seiten herbeikommende Frauen darstellen. Aus 
Athen. H. 0,2 und 0,3 m. 

Zierliches attisches Kännchen mit kleeblatt- 
förmigem Ausgufs. Auf der Vorderseite in nach- 
lässig freiem rotfigurigem Stil ein nacktes Knäblein, 
welches von links her auf ein am Boden stehendes 
Kännchen losschreitet und beide Hände nach die- 
sem ausstreckt. Aus Athen. H. 0,07 m. 

Das vorstehende Verzeichnifs macht nicht An- 
spruch auf Vollständigkeit, auch abgesehen von 
der Fiedler' sehen Sammlung, welche, wie bereits 
hervorgehoben, nur zum kleinsten Teile beschrie- 



ben werden konnte. Schon während der Abfassung 
dieses Berichtes erhalte ich von weiteren Antiken 
in hiesigem Privatbesitz Kunde, deren Verzeichnung 
gelegentlich nachgeholt werden soll. 

Dresden. Georg Treu. 



SAMMLUNG HERFURTH 
IN LEIPZIG. 

Im Besitz des Herrn Paul Herfurth in Leipzig 
befinden sich folgende, aus der Necropole von 
Myrina stammende Thonfiguren : 

1) Auf einem Felsen sitzende F"rau 
(Muse!). H. 0,31. Sie ist bekleidet mit dem 
Himation, das zweimal um den Körper geschlungen 
ist, einmal eng um den Leib, so dafs die 1. Brust 
bedeckt ist, während die r. Brust und beide Schul- 
tern frei bleiben, das zweite mal locker über den 
Rücken, den r. Arm, in den Schoofs gelegt. An 
dem erhaltenen 1. Fufs eine Sandale. Auf dem r. 
Oberschenkel zwei dicht beieinander stehende Bohr- 




löcher zur Befestigung eines jetzt fehlenden, einst 
von der vorgestreckten L. gehaltenen Geräthes, 
etwa einer Leier. Auf dem Haupte eine Stirnkrone. 
Die Ausladung des F'elsens hinter dem Rücken der 
Figur scheint als in Form einer Platte regelmäfsig 
behauen gedacht zu sein. Felsen und Figur sind 
besonders angefertigt und nachträglich zusammen- 
gesetzt, wobei der Figur eine zu starke Neigung 



28 



Privat